Mai 2018                      www.hermann-mensing.de      

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Di 1.05.18 23:16

Dickes B. - Tag Eins

Herr M. war der Eitelkeit und des Ruhmes wegen in Berlin, aber das hat er niemandem verraten, er hatte allen gesagt, er könne ein hochwertiges Studiomikrofon gewinnen, wenn er hinführe, und seine Anwesenheit, hätte ein Vertreter des Berliner Hörspielfestivals gesagt, wäre insofern wichtig, als sie den Publikumsentscheid beeinflussen könne. Geld habe man allerdings keines, weder für die Fahrt, noch für das Hotel, noch für sonst irgendetwas, das Festival sei independent.

Hm, hatte Herr M. gesagt, hm, okay, hatte nachgedacht, war auf ein Angebot der Firm Hertz gestoßen, die einen Ford Focus für drei Tage zu 57 Euro anbot und hatte sich entschieden. Ohne darüber nachzudenken, dass Freitag, den 27.04.18, alle Welt auf germanischen Autobahnen unterwegs wäre, weil der Montag ein Brückentag würde. Siebeneinhalb Stunden allein in einem Auto. Ohne Brote, von weiblicher Hand gereicht, ohne Trost, Stop and Go und Stop and Go. Die Frikadellen alle schon vor der Abfahrt aufgegessen, keine Süßigkeiten dabei, weil Herr M. kaum noch Süßigkeiteiten isst, Nonstop bis zur Raststätte Helmstedt für einen flotten Cappuccino, den es zum Glück mittlerweile in der Republik flächendeckend gibt, selbst in der DDR.

Ankunft gegen 18 Uhr in der tantrischen WG eines Schreiners in Tempelhof. Hübsche Reihenhäuser in einer Siedlung voller Grün. Herr M. konnte es kaum glauben. Es sah aus wie Bullerbü. Das Flugfeld kaum einen Steinwurf entfernt, und darauf das unternehmungslustige Berliner Völkchen, das ausnahmslos zugereist ist und gern Englisch spricht. (tbc)


Mi 2.05.18 10:07 sonnig

Mein tantrischer Vermieter, ein sogenannter "Rüdiger", war wohl nicht homosexuell, wie Herr M. vermutet hatte, jedenfalls sprach er von einer ehemaligen Freundin. Die Hausregeln waren einfach: keine Rauchwaren, keine Schuhe im Haus, er bot Herrn M. Pantoffeln an, Sauberkeit, Ruhe und Ordnung, und vor allem, das oberste Schloss immer zuerst aufschließen, dann erst das untere, sonst verhake sich das obere, was dazu führe, dass man ihn, wie geschehen, mitten in der Nacht wecke, weil man die Tür nicht aufbekomme. Gut, sagte Herr M., hatte er doch im letzten Jahr das englische Schloss eines Trailers auf einem Campingplatz in Lathen nach kurzer Anlernzeit problemlos öffnen und schließen können, gut, das kriege ich hin. Was nun das tantrische dieser WG angeht, in der noch eine Frau (unsichtbar) und ein Grieche (ach wie schön, endlich mal ein Mann als Gast), kann Herr M. nichts weiter vermelden, es sei denn, man hält die Anwesenheit von Buddhastatuen auf kleinen Kommoden und Bilder asiatischer Gottheiten für einen Ausdruck höherer Seinszustände. Sein Zimmer, das er wegen des Ausblicks und des Zugangs auf einen großen Balkon zum Garten gebucht hatte, war klein und mit dem Nötigsten ausgestattet. Er würde dort überleben. Also packte er aus, und machte sich auf den Weg. Freitagabend. Er wollte in der Oranienstraße Tango tanzen. Mit der U-6 und der U-2 wäre er in einer Viertelstunde dort gewesen, aber er hatte ja sieben Stunden in einem von der Außenwelt abgeschlossenen, faradayschen Käfig gesessen und wollte gehen. Quer über das Tempelhofer Feld, vorbei an einer Übergangssiedlung für Flüchtlinge zum Columbiadamm, wo ihm martialische kostümierte Polizisten auffielen, woraus er schloss, dass in der naheliegenden Columbiahalle möglicherweile ein Konzert stattfände. Jedenfalls waren viele junge Menschen auf dem Wege dorthin. Herr M. ist nicht online, wenn er unterwegs ist, aber sein Tablett kann sich Stadtpläne merken, und aus Gründen, die ihm nicht so recht klar sind, kann man seinen jeweiligen Standort dennoch verorten, was einerseits beängstigend, andererseits praktisch ist. Bergmannkiez, hatte Herr M. gelesen, als er unterm Schutz der Polizisten die Karte studierte. Da Berlin aus tausendundeinem Kiez besteht, war der Bergmannkiez der nächstliegende und kam gerade richtig. Rechts ab, der Friesenstraße folgen, schon ist man da.

Herr M. ist zwar ein Landei, aber was ein Kiez ist, weiß er. Vor drei Jahren war er das letzte Mal in der Stadt, aber da trug er die höheren Weihen des literarischen Colloquiums am Wannsee und wollte nicht hinab in die Niederungen. Jetzt aber wollte er essen, die Frage war, was und wo, nur nicht gleich im erstbesten Restaurant. Lieber setzt er sich erst einmal vor einen Kiosk. Dort sitzen: ein junger Türke und ein junger Deutscher. Herr M. trinkt ein Bier, kommt ins Gespräch mit dem langhaarigen Deutschen: Landflüchtling Anfang 20, Mutter aus Rumänien, Vater aus Münster. Der junge Mann arbeitet gegenüber in der Lese-Lounge, ein Café, sagt er, ab sieben geöffnet für Frühstück. Ein schwerer Benz hält. Türken. Der junge Türke wird abgeholt. Wieso fahren Türken oft diese Stutzer-Benz, Audi und BMW? Herr M. vermutet vieles, aber Genaueres weiß er natürlich nicht.

Marheinekes Markthalle, ein paar Schritte weiter, ist super chick, super hip, wie überhaupt alles hier hip zu sein scheint. Das wilde, ungeordnete der Markthallen in den 90ern ist Vergangenheit. Herr M. entscheidet sich für einen Burger vom Havellandschwein, das händisch mit Äpfeln gefüttert und dann unter Absspielen seiner Lieblingsmusik getötet wird. In der Nähe der Passionskirche trinkt er einen Grappa, staunt, wie grün es hier ist, überquert die Gneisenaustraße und bald darauf den Landwehrkanal. Rosa Luxemburg fällt ihm ein. Die hat man tot hineingeworfen. Wolfgang Herrndorf hat sich am Ufer erschossen. An der Ecke Gitzschiner- und Prinzenstraße kommen ihm hunderte Fahrräder entgegen. Critical Mass. Herr M. ruft seinen ältesten Sohn an, der ein Critical Mass Aktivist ist, aber der geht nicht ran. Dann ist Herr M. schon an den Prinzessinnengärten an der Oranienstraße und muss nur noch den Tango Club finden. Das ist nicht schwer. Mittlerweile ist es dunkel geworden.

Google Maps verortet den TTMS-Club an der Ecke hinter den Prinzessinnengärten. Aber Maps und Wirklichkeit sind zwei paar Schuhe. Herr M. muss noch ein paar hundert Meter Richtung Kottbusser Tor gehen, eh er ihn in einem Hinterhaus findet. Er ist aufgeregt. Ob Großstädter besser Tango tanzen? Nein, sagt er sich dann, sie kochen mit Wasser, wie alle. Auch im dicken B. haben Frauen zwei Brüste und Beine, und bestimmt gibt es welche, die nicht wissen, wo die Eins ist. Die Bühne ist für ein Orchester gerichtet. Drei Bandoneonisten, drei Geiger, ein Kontrabassist, ein Pianist. Herr M. betanzt eine jüdische Russin, vier dreißig-vierzigjährige Zugezogene und eine sehr grosse blonde Berlinerin. Alle waren der nötigen Schritte mächtig, und sie ganz besonders, so dass Herr M. aus dem Häuschen geriet. Die Kapelle spielt, das Tanzen war fliegen.

Berlin brummt und kracht in allen Nähten, als Herr M. sich spät auf den Heimweg macht. Zwischen Schlesischem und Halleschen Tor ist ein Schienenersatzverkehr eingerichtet, Herr M. fühlt sich gut, er steht auf Berlin. Der preußische Geist ist nicht mehr so spürbar wie früher, wobei angemerkt werden muss, dass die Preussen wahrscheinlich in unter Naturschutz stehenden, kleinen Kiezen wohnen, die sie mit Waffengewalt vor den Investoren zu verteidigen suchen, was allerdings zwecklos ist, die Investoren haben mächtigere Waffen.


Do 3.05.18 10:07 sonnig, noch frisch

Dickes B. - Tag Zwei

Als Herr M. nachts in Bullerbü vor der Tür seines AirB&B Hauses steht, tut er, wie ihm Rüdiger, sein in tantrischer Gemeinschaft lebender und nach eigenen Angaben gern stundenlange, tiefsinnige Gespräche führender Vermieter geraten hat, er öffnet erst das obere, dann das untere Schloss, aber die Tür geht nicht auf. Also verschließt er beide wieder und stellt beim erneuten Aufschließen fest, dass man den Schlüssel im oberen Schloss zweimal drehen muss. Die Tür öffnet sich, er geht hinein, er macht Licht, er zieht seine Schuhe aus und die Pantoffeln ein, steigt die steile Stiege nach oben, öffnet seine Zimmertür, knipst das Flurlicht aus und das Zimmerlicht an und ist im temporären Zuhause. Bei REWE-To-Go auf der Prinzenstraße hat er sich noch ein Hühnchensandwich gekauft, das isst er jetzt. Dann öffnet er die Balkontür, zieht sich aus und legt sich hin. Seit sieben Uhr früh ist er unterwegs, mittlerweile ist es halb drei, er ist zwanzig Stunden auf den Beinen und bis unter die Haarspitzen voller Adrenalin. Der Schlaf findet ihn also nicht auf der Stelle und verlässt ihn schon bald wieder. Es ist kaum acht. Sein Hörspiel, aus ca. 200 Einsendungen ausgewählt und mit 8 anderen für den Berliner Hörspielpreis nominiert, wird am Abend im Theaterdiscounter öffentlich aufgeführt. AirB&B heißt Luft, Bett und Frühstück. Die Luft ist frisch und umsonst, das Bett ist bezahlt, Frühstück aber gibt es nicht, dafür muss Herr M. sich bewegen. Er wollte sich sowieso ein wenig umschauen in dieser Siedlung. Am Rosengarten kommt ihm eine junge Frau mit einer prallvollen Brötchentüte entgegen. Herr M. folgt der Richtung, aus der sie gekommen ist und findet an der Ecke Rumeyplan und Boelckestraße einen türkischen Bäcker, der Schrippen verkauft und Kaffee anbietet. Die Sonne scheint. Herr M. fühlt sich heimisch. Eine Viertelstunde darauf sitzt Herr M. auf dem Tempelhofer Feld und lässt sich besonnen. Erste Jogger sind unterwegs, es ist Samstag, der Tag der Entscheidung.


Fr 4.05.18 12:17 sonnig

Neben dem Tempelhofer U- und Ringbahnhof ist Aldi. Auf dem großen Parkplatz davor stehen drei Männer um ein Auto. Sei sind eher klein, zwei recht muskulös, dunkle Jeans, T-Shirts, der dritte trommelbäuchig, in einer kurzen, floral bedruckten Baumwollhose und ebensolchem T-Shirt, eine Goldkette um den Hals und Ringe. Neben dem Eingang ein Stadtbettler. Nirgendwo geht man einsamer unter als in der großen Stadt. Aldi ist wie McDonalds, sofort spürt man Heimat, weil man weiß, wie alles ist und wo die Dinge stehen. Herr M. kauft ein, bringt seine Sachen nach Bullerbü, rüstet sich und steigt an der Paradestraße in die U-Bahn. Einen Plan hat er nicht. Er will sich zerstreuen. Am Mehringdamm steigt er aus, und da fällt ihm Herr Dämlow ein, Wirt des Yorkschlösschens gleich um die Ecke. Herr Dämlow und er sind Facebookfreunde, haben sich aber in der wirklichen Welt noch nie getroffen. Leider hat das Yorkschlösschen noch geschlossen. Herrn M. isst eine äußerst scharfe Currywurst, fährt zum Halleschen Tor, steigt um in den Bus, der ihn eine Weile dem Landwehrkanal folgend zum Görlitzer Bahnhof bringt. Von dort schlägt er sich durch bis zur Spree. Das ist ein langer Weg, aber er kommt ihm kurz vor, denn es gibt viel zu sehen. Ton Stein Scherben am Mariannenplatz. Die Restrevolution hat noch hier da Banner im Wind. Die Markthalle 9 (Herr M. hatte gehofft, dort Trödel zu finden, vielleicht sogar eine Tangohose) ist wie alle Markthallen fest in der Hand der neuen Gastronomie. Wachtelfürze, linksdrehender Grappa und arschgeknetetes Brot für Veganer. Drüben ist das Bethanienhaus. Rio. Das Baumhaus an der Mauer. Und da die Spree. Von der Schillingbrücke führt eine Treppe zum Ufer. Unten hantiert ein Mann mit Tüten. Er holt sie unterm Gebüsch hervor, breitet sie aus und packt etwas um. Herr M. glaubt einen Revolver zu sehen und geht schnell weiter. Der Weg endet in Büschen, der Spreeacker. Plötzlich Teepees. Eine Teepee-Siedling. Hippies? Ein weißer und ein schwarzer junger Mann sitzen in Korbstühlen auf der Bühne eines kleinen Pavillons und fragen ihn nach langem Zigarettenpapier. Ich kiffe nicht mehr, sagt Herr M. Irgendetwas geht hier vor. Teepees, altes Gemäuser, Architektur nach ökologischen Richtlinien. Fast 1500 Menschen haben sich zu einer Genossenschaft zusammengetan, um dieses Gelände zu kaufen und nach ihren Vorstellungen zu bebauen. Auf der anderen Seite der Spee ist Ostberlin. Dort wird sich später entscheiden, ob Herr M. einen Preis bekommt, oder nicht. Seine Aufregung darüber hält sich in Grenzen. Er fährt jetzt erst noch einmal nach Bullerbü, um sich ein wenig auszuruhen, den Rest wissen eh nur die Götter.


So 6.05.18 12:57 sonnig

Der letzte Teil meiner Berlinerzählung muss noch geschrieben werden. Dazu ist Wetter viel zu schön, und das Leben zu kompliziert. Aber es gibt ein Foto vom Festival.








Mo 7.05.18 15:57 sonnig

Dieser Frühling ist wundervoll. Aber darum geht es nicht. Es geht immer noch um Berlin. Um Berlin, und wie Herr M. diese drei Tage überstand, wo er doch ein Landei ist und Berlin eine große Stadt, und wo er doch den Preis, der ihn hätten retten und auf den Olymp der Eitelhansel heben können, nicht gewann, wobei gesagt werden muss, dass der Beitrag, der ihn gewonnen hat, lustig war, aber lustig ist, findet Herr M., in einer Zeit wie dieser nicht genug. Hätte der Zweitplatzierte gewonnen, Herr M. hätte gesagt, gut gewählt, Leute, ihr habt Geschmack und Verstand, aber so, nein, und über den dritten Platz, den Herr M. auch nicht gewann, muss man gar nicht erst reden, der war nett, mehr nicht.

Aber Herr M. hat gut reden, er sieht ja, was er davon hat, nichts hat er, keinen Ruhm, keine Frau, komplizierte Verwicklungen in der Gegenwart, man möchte sich aufhängen, in die Spree hätte man springen können, oder beim U-Bahn-Surfen sich den Schädel einschlagen und dann auf der Stromschiene verbrutzeln.

Stattdessen hat er in Bullerbü sein Nachmittagsnickerchen beendet und ist dann mit der U-Bahn ruckzuck zur Klosterstraße gefahren, kaum einen Steinwurf vom Fernsehturm am Alexanderplatz, eine architektonische Katstrophe, bei der man sich nicht wundern darf, wenn sich dort nächstens junge Menschen gegenseitig totzuschlagen versuchen.

Und als es dann endlich losging im Theaterdiscounter, ein Off-Theater, untergebracht in einer Immobilie der EX-DDR, ein kafkaesker Wahn, der nicht einmal durch die netten, dort anwesenden Menschen gemildert werden konnte, als es dann endlich losging, blieb Herrn M. nichts, als sich alle 9 noch im Wettbewerb stehenden Hörspiele anzuhören. Das dauerte bis Mitternacht, und führte zu dem bereits verkündeten Endergebnis. Näheres gibt es auf der Webseite des BHF.

Die Nacht war mild, Herr M. hatte noch überlegt, Herrn Dämlow im Yorckschlösschen einen Besuch abzustatten, war aber dann doch zu erschöpft. So nah bei ewigem Ruhm und dann kriegt jemand anderes den Preis, das kann einen fertig machen, ich sagen Ihnen, also schnell nach Hause. Am nächsten Tag dann noch ein Besuch in Wilhelmshorst bei einem Freund, und von dort ohne Pause heim. Tango tanzen, dieser großartigen Illusion nichteingelöster Versprechen.


Di 8.05.18 21:03

Wir hatten Sommer heute. Ich war in der Stadtbücherei, Bücher zurückbringen und neue holen. Ich habe ein paar Fotos gemacht, sonst habe ich nichts getan. Jemand hat mich gefragt, ob ich im Juni in Luxemburg lesen könne. Ich habe ja gesagt. Mal sehn, ob er den Preis akzeptiert. Gestern habe ich Salsa getanzt. Als ich mich so drehte, fielen mir drei junge Frauen auf, die in Liegestühlen lagen und meine Tanzpartnerin und mich beobachteten. Es war offensichtlich, dass ihnen gefiel, was sie sahen. Nach dem Tanz ging ich zu ihnen und fragte, ob sie auch tanzten. Sie giggelten, und eine sagte, "ich soll dich von Mama grüßen". Ich schaute sie an, und erkannte die Tochter von B., mit der ich Tango tanze.


23:27

Ich übe Piazollas Libertango auf dem Klavier. Natürlich nur die Teile des Stückes, an die ich mich erinnern kann, denn ich kann keine Noten lesen und will auch nicht lernen. Ich will überhaupt nichts wissen und können. Ich will mich tausendmal wiederholen im Glauben, ich hätte das gerade erfunden, das ist mir lieber als repetieren oder Lehrern zu folgen. Ich will das nicht. Ich wollte das noch nie. Ich weiß sonst nichts, aber das weiß ich.


Mi 9.05.18 9:16 sonnig

Gestern sah ich die ersten Schwalben. Mal sehn, was ich heute sehe.


11:39

Die Geschichte beginnt vor etwa 20 Jahren. Ein kräftiger, groß gewachsener Mann kommt den Bürgersteig entlang. Er schwankt. Er rettet sich mit einer Umarmung an die japanische Kirsche vor meinem Küchenfenster, lamentiert lautstark, erbricht sich, sackt den Stamm herab und bleibt hängend halbschräg sitzen, aber nicht lang, dann kippt er seitwärts und bleibt liegen. Ich kenne ihn. Ich habe ihn schon häufig gesehen, aber so betrunken war er noch nie. Ich gehe also vor die Tür und sage ihm, dass ich ihm jetzt auf die Beine hülfe und nach Hause brächte. Er stammelt Verständnis, er gibt sich Mühe, ich habe ihn, er heult fast, wir taumeln los und noch einer knappen Viertelstunde habe ich ihn vor seiner Tür. Sein Frau öffnet. Seine Tochter steht im Hintergrund.

Ich glaube, er hieß Hubert, vielleicht aber auch Wilhelm. Sagen wir Hubert. Von diesem Tag an hat Hubert mich als seinen besten Freund betrachtet. Wann immer ich ihn traf, hat mir immer eine Geschichte erzählt, die auf dem Gelände einer Bundeswehrkaserne in Schleswig Holstein spielte. Ein "Kamerad" war auf grauenhafte Art verunglückt, und Hubert fühlte sich verantwortlich. Irgendetwas, das er hätte tun oder sagen können, was dieses tödliche Unglück vielleicht verhindert hätte, hatte er nicht getan. Zudem lamentierte er über seinen Nazivater. Offenbar stammte er aus reichem Haus.

Hubert malte auch. Seine Frau, ein Strich in der Landschaft, war auch aus bester Familie, das wusste ich von Hubert- Hubert versuchte, seine Tochter mit meinen Söhnen zusammenzubringen, aber daraus wurde nichts. Die Zeit verging. Hubert schien sich zu fangen. Hubert machte eine Therapie. Und noch eine. Dann brach er vollends zusammen und starb. Ich sah seine Tochter nicht mehr und seine Frau nur sporadisch. Ihr Kopf und Hals beugten sich mehr und mehr nach vorn, so dass sie beim Gehen eher auf den Boden schaute, als nach vorn. Sie hatte eine kleine, leise Stimme, als wolle sie vermeiden, dass jemand sie registriert.

Vor drei Wochen traf ich sie an der Bushaltestelle. Wie geht es eigentlich ihrer Frau?fragte sie. - Die ist schon seit neun Jahren tot, sagte ich. - Ach. - Ja. So ist das. - Mein Mann lebt auch schon seit 10 Jahren nicht mehr. - Und wie geht es ihrer Tochter? - Die ist acht Wochen nach meinem Mann gestorben. - Wie bitte? Woran? - Das weiß keiner.


Do 10.05.18 17:57 bewölkt, kühl, von 12:00 bis 16:00 teils ergiebiger Regen

Herr M. hat Einflugschneisen in das urbane Leben, die täglich wechseln, aber immer die gleichen sind. Eine führte gestern zur Eisdiele in der Königstraße. Steinmeier und sein Tross waren ihm gerade in blaulichtleuchtenden, schwarzen Limousinen entgegengekommen, nun war er von Menschen mit türkisblauen Schals, gelben Halstüchern (Suche Frieden) und um den Hals hängenden Teilnehmerpässen umgeben. Neben ihm auf der Bank Vater und Sohn mit schwerer Sehbehinderung. Beide halten Plastikbecher mit Bier. Darauf steht: Seht, da ist der Mensch! Man nennt das: Katholikentag.

20:20

Heute hatte ich Dienst auf der Kutsche. Ein Gespräch mit einer Freundin gestern hatte ich mich überzeugt, Trinkgeld einzufordern. Ich würde die Tatsache, dass meine Passagiere für unsere Dienste nichts zahlen müssten, da die Ordensgemeinschaft unsere Kutschen für drei Tage inklusive gebucht hatte, mit meinem Hut konterkarieren. Dumm nur, dass ich heute kurz vor Antritt meiner Arbeit erfuhr, dass wir nur als Shuttledienst unterwegs wären, immer von A. nach B. und zurück und wieder von vorn. Also keine Erläuterungen der Umgebung nebst Gebäuden, Umständen und ihnen anhaftenden Geschichten, sondern reiner Fahrdienst, neben uns jeweils ein Ordensbruder oder eine Ordensschwester, die sich um die Fahrgäste kümmern würden. Im Namen des Herrn wäre also alles umsonst, und da gäbe keiner auch nur einen Cent, wozu auch, er müsste ja nicht einmal sein Portemonnaie zücken. Angesichts dieser betrüblichen Entwicklung nahm ich meinen Hut gar nicht erst ab.

Als mitfahrende Ordensleute hatte ich eine herzensgute Schwester (ca. 50) von den Lieben Frauen, die in einem Hospiz tätig ist, eine Franziskanerin mit schiefem Mund, aber nicht aufs Maul gefallen (Ende 30), einen jungen, gut aussehenden Mann von den "Legionären Christi" (25), einem äußerst konservativen Orden, der für seine "Knabenseminare" berüchtigt und für seine dunklen Geldgeschäfte und Einflussnahme in Namen der Mission bekannt ist, an Bord. Er wirkte, als hätte man ihm über Jahre das Hirn ausgebrannt, redete in abgehackten Sätzen, aber immerhin erfuhr ich, dass er seine Schulzeit auf einem Knabenseminar in Frankreich verbracht hatte, und nun in Rom studiere. Nach ihm stieg ein verschüchterter Bruder von den Barmherzigen Brüdern von Maria Hilf zu (Mitte 40), der schwul war.


Fr 11.05.18 23:40 es war schön heute

Die Kutsche bewegte sich nicht. Das Zündschloss war ausgebaut, die Schlüssel hingen überm Schaltpinn, Hebel kann man dazu nicht sagen. Kleine Schlüssel, mit denen man sonst billige Koffer verschließt. Alles an dieser Kutsche ist selbst gemacht, funktioniert oder funktioniert nicht. Ich kippte den Schaltpinn vor und zurück und wieder und wieder, ich unterbrach die Stromzufuhr und aktivierte sie, ich rief die Chefin an, Oh Gott, bitte nicht, sagte sie, dann sah ich, dass die Handbremse zwar gelöst, aber nicht ganz gelöst war, löste sie, und die Kutsche rollte.

Ich fuhr in die Stadt. Ich hoffte auf eine nette, mich begleitende Ordensschwester, nicht wieder so eine verschüchterte mittelältliche Franziskanerin wie die letzte gestern. Was kam, war eine mittelältliche Franziskanerin vom Bodensee und dazu ein dauerlachender Karmeliter von der Mosel, der mit einem Pappschild am Stil, auf dem der Name unserer Firma stand, auf der Straße stehend Kunden anlocken sollte. Das war ihm peinlich. Später stieg eine handfeste Franziskanerin aus Münster zu.

Von halb elf bis fünfzehn Uhr fuhr ich ununterbrochen. Die Katholiken sind nette Leute, ich kann da nichts Böses sagen. Der Katholikentag scheint sie aufzukratzen, sie winken von der Kutsche, einmal haben sie mir zum Dank sogar ein Hallelujah als Kanon gesungen und nebenbei fünfzehn Euro Trinkgeld gegeben. Dabei hatte ich nicht einmal den Hut auf heute.

Immer, wenn jemand in Soutane vorbeikam, fragte ich, was das für welche wären und erhielt folgende Auskünfte: Karmeliter, Dominikaner, Birgitten, Zisterzienser, Schwestern von der göttlichen Vorsehung, und mehrere, äußerst attraktive Benedektinerinnen, die höchst erfreut waren, als ich ihnen sagte, sie wären sehr chick. Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat, stand auf dem T-Shirt eines in diesem Augenblick vorübergehenden jungen Mannes.

Morgen noch eine Schicht, dann reicht es auch. Wo man hinschaut, Katholiken. Dieses Shuttlefahren ist viel anstrengender, als das Kutschieren mit Gästen und Text.


Sa 12.05.18 13:59 wechselnd bewölkt, sonnig, über 20 Grad

Wie er diesen Glücksauflauf des Katholizismus fände, fragte ich und er antwortete, ihm sei nicht ganz wohl, schließlich habe er das nicht initiiert, seine Idee sei pervertiert und zu Machtzwecken missbraucht, wie solle er das wertschätzen, wenngleich ihm die Mensch natürlich am Herzen lägen. Er frage sich jedoch jeden Tag, wie er ihnen klarmachen könne, dass er, Gott, in ihnen sei, dass sie per Definition selbst Gott seien, aber nein, das begriffen sie als Gotteslästerung, da verehrten sie lieber Männer in atemberaubenden Kostümen, über die jede Dragqueen glücklich wäre, und schlügen den, der einen anderen Gott behaupte, prophylaktisch erst einmal tot.

Er überlege schon lange, ob es nicht wieder einmal an der Zeit sei, eine gewaltige Katastrophe in Gang zu bringen, das Potential dazu stecke in allen Weltreligionen und Ecken, da müsse er eigentlich gar nicht viel tun, er lese ja nun auch täglich die Zeitung und sähe, welche Hundsfötte überall am Werk seien, da fehle nicht viel und dann gehe es los. Vielleicht, sagte er, mache ich die Katastrophe auch so umfassend, dass keiner übrig bleibt, dann könnten sich die, die Gott nicht als Problem mit sich herumtrügen, endlich entspannen, unter einen Baum legen, wiederkäuen oder auf die Jagd gehen, je nach Vorliebe.

Während wir so miteinander sprachen, saß neben mir auf dem Kutschbuck Elias, ein etwa 8jähriger Junge, dem ich das Lenkrad anvertraut hatte, natürlich nicht, ohne eine schützende Hand an der einen Seite zu haben. Elias hatte rote Wangen vor Freude, und als ich ihm vorschlug, einen Trupp junger, mitten auf der Fahrbahn stehender Teenager, die auf ihre Hallelujah-Apps starrten, mittels unserer Balgenhupe kräftig zu erschrecken, stimmte er begeistert zu, und so hupte ich, dass auch Gott sich vor Lachen schüttelte und die nichtsahnenden Eltern hinter mir vor Freude gackerten.

 

So 13.05.18 12:02 leicht bewölkt, mild, heute gegen sechs Gewitter mit schwerem Regen

Entschuldigung, der Herr, ab hier müssen Sie ihr Rad schieben, bitte, sagte der deutsch-türkisch-oder arabische junge Mann in der orangefarbenen Warnweste an den Sperren zur Rothenburg. Ich stieg ab, und in Höhe der Löwenapotheke wieder auf. Andere radelten auch und die Polizisten am Straßenrand sagten nichts. Aber auf dem Prinzipalmarkt war es voll. Ringsum christlicher Rock n' Roll. Wie schrecklich, wenn man in einer Stadt lebt, in der es jeden Tag so zugeht, jeden Tag lärmende Fremde, Palma, Venedig, Rom, grauenhaft. Die sollen alle weg, dachte ich. Aber was macht der da? Schräg gegenüber vom historischen Rathaus an der Ecke zum Michaelisplatz steht eine kleine Rednertribüne in den corporate identity Farben dieser Tage. Darauf ein Mittvierziger in kariertem Hemd mit kleinem Bauch, dunkelbraunem, kurzem Haar, in der rechten Hand das neue Testament. Er ereifert sich. Er muss laut reden, denn er hat kein Mikrophon. Ich verstehe, dass er Jesus lange bat, in sein Leben zu treten, Jahre um Jahre habe er gekämpft, und dann, plötzlich....

Die übliche Geschichte. Es kommt über einen, anders scheint das wohl nicht zu gehen. Und wenn es dann aber über einen kommt, weiß man sofort alles besser. Er zitiert ständig, und langsam wird klar, dass er gegen die Kirche wettert, die alles verraten habe. Und gegen Franziskus, 6 Buchstabe des Alphabets, 666, teuflische Zahl, wenn ich richtig verstanden habe, und als dann auch noch ein Priester vorbeikommt, greift er ihn sofort verbal an, zeigt mit gestrecktem Arm auf ihn, sagt, seht, da geht er, aber er verweigert sich, er will sich nicht stellen.

Ich gehe weiter, aber dieser Trubel ist mir zuviel. Als ich zurückkehre, ist das Podium leer. Die einzigen, die sich herauftrauen, sind junge Männer, die sich von ihren Freundinnen fotografieren lassen. Sie posen, aber Eier haben sie nicht.


Mo 14.05.18 15:51 leicht bewölkt, 25 Grad

wir hätten eine seele
die nicht weiß wo sie hin soll
wir hätten ein bett
das ihr zu kurz ist
wir hätten ein herz
das sie nicht will
was will sie denn bloß
bestimmt doch nicht das
das will sie bestimmt nicht
und das dann schon gar nicht
ein herz und eine seele
mal wieder als wäre das neu
aber da muss sie jetzt durch
und wenn sie dann durch ist
sehen wir weiter

Di 15.05.18 22:42 es war ein schöner Tag

Bleib stehen! rief ein rennender Polizist. Ich hatte noch nie einen Polizisten so schnell rennen sehen, aber weshalb, wurde mir nicht sofort klar. Dann sah ich einen jungen Mann: dunkel gekleidet, Hoodie, Jeans, arabisch oder türkisch. Er stand zwischen zwei Autos. Er schaute sich um. Er suchte einen Fluchtweg. Der Polizist kam heran. Ein Polizeiwagen überholte ihn, hielt zwanzig Meter weiter. Ein Polizist sprang heraus. Der junge Mann war jetzt eingekreist. Bleib stehen, rief der eine, Hände hoch! der andere. Ganz ruhig, Junge, wieder der eine, der jetzt noch näher heran war.

Der junge Mann hatte etwas in der Hand, aber ich konnte nicht erkennen, was es war, zudem war die junge Frau, die nebenan in einem Laden für überteuertes Kinderspielzeug mit hohem kunstgewerblichen Anspruch arbeitet, vor die Tür gekommen, hatte sich neben mich gestellt, und sagte, dass sie Angst habe. Ich fragte, ob ich ihr die Hand halten solle. Sie lachte.

Der rennende Polizist (A) näherte sich vorsichtig. Ruhig, Junge, bleib ganz ruhig. Der andere (B) hielt seine Waffe auf den jungen Mann gerichtet und sagte immer noch Hände hoch. Plötzlich schug A. dem jungen Mann etwas aus der Hand und warf ihn zu Boden. Sofort war B. bei ihm. Dann kam ein weiteres Polizeifahrzeug, aus dem drei junge Beamte sprangen, eine Frau und zwei Männer. Der am Boden liegenden junge Mann schrie. Die Polizisten fixierten ihn.

Zimperlich gehen die aber nicht mit dem um, sagte die junge Frau. Das fand ich auch, andererseits wussten wir nicht, worum es ging, außerdem ist ein Polizist ein Mensch, der Angst hat wie jeder andere und Dinge tun muss wie die gerade geschilderten. Der junge Mann, am Boden liegend, schon an den Gliedmaßen fixiert, wehrte sich kräftig und laut. Als sie ihn ins Auto packten, sagte ein Polizist, das sei massiver Widerstand gegen die Staatsgewalt.


Mi 16.05.18 9:37 leichte, hohe Bewölkung, 15 Grad

Seit 69 Jahren befinde ich mich in einem Verblödungsprozess, den ich nur unterbrechen kann, wenn ich Gegenmaßnahmen ergreife. Augenblicklich fotografiere ich gern und häufig. Seit etwa anderthalb Wochen steht die Gerste schon wieder so hoch, dass sie, wenn Wind darüber streicht, wie ein Meer wirkt, und bei Abendlicht sanft wie sanfteste Seide. Gestern war das Licht zwar nicht so wie am Vorabend, als ich meine Kamera nicht dabei hatte, dennoch setzte ich mich gegen 21 Uhr aufs Rad, um sie zu fotografieren. Ich hatte mein Stativ, ich ging ins Feld, ich probierte verschiedenste Positionen, aber das, was ich eigentlich wollte, gelang nicht so recht. Ich werde das Licht weiter beobachten, und mich, wenn es so glimmt, wie vorgestern, wieder sofort auf den Weg machen.

16:48

So wie sich viele unserer Politiker von ein tollwütigen, homophoben und fremdenfeindlichen Idioten durch den Ring treiben lassen, statt ihnen und dem verängstigten Publikum (das angesichts der komplexen und schwierigen Lage wie immer jederzeit bereit ist, ihnen auf den Leim zu gehen) zu erklären, dass wir alle Afrikaner sind und es keine Rassen gibt, hinken auch die Sicherheitsbehörden immer einen Schritt hinter potentiellen Attentätern her, die sich sagen, gut, das mit dem Niedermetzeln mittels PKW funktioniert nicht mehr so richtig, wir machen zwar noch den einen oder anderen tot, aber das ist jetzt altmodisch, machen wir doch mal Messerattentate oder - noch besser - vergiften wir Brunnen - wieso ist da eigentlich noch keiner drauf gekommen, das ist doch eine alte, weltweit bewährte Methode?

Auf dem Katholikentag galt die Regel, Polizeipräsenz und Straßensperren. Und hier beginnt meine Geschichte, denn der dicke Mann meines Alters, der aus seinem Wagen steigt, den er am Ende der Überwasserstraße hinter meiner Kutsche geparkt hat, ist verzweifelt. Er muss zu einer Beerdigung, aber alle Wege, die ihm sein Navi geraten hat, sind gesperrt, und jetzt komme ich auch noch, und sage, er könne hier nicht parken, weil wir mit den Kutschen dort stünden. Ja, aber wie soll ich denn zum Zentralfriedhof kommen, können Sie mir das mal sagen? Ich erkläre es ihm. Es ist gar nicht so schwer, vorausgesetzt, man hört zu und merkt sich das gehörte. In fünf Minuten wäre er dort. Ohne eine einzige Sperre. Er ist hochrot. Er hat Schweißflecken unter den Achseln seines weißen Hemdes, der Knoten des schwarzes Schlipses ist gelockert, und er sagt "wenn ich da ankomme, ist der längst unter der Erde."

18:12

Vier Sachsen, zwei Männer, zwei Frauen, alle in meinem Alter. Eine der Frauen fragt, wieviel das denn koste? Ich erkläre es ihr. Ob man das denn auch billiger haben können, vier Leute, ein Hund? Nein, sage ich. Aber der Doppeldeckerbus koste nur 6 Euro. Dann fahren Sie doch mit dem, sage ich. Der ist nicht geschäftstüchtig, sagte die andere Frau. Das hat damit gar nichts zu tun, sage ich. Sie kriegen hier eine fundierte Stadtführung. Ich finde, acht Euro pro Person viel zu günstig. Ich weiß nicht, sagt die federführend verhandelnde Frau. Einer der Männer sagt: ist doch egal. Sie entscheiden, sage ich, und verkneife mir, dass ich eigentlich will, dass sie sofort verschwinden. Sie steigen dann aber doch ein. Ich fahre sie herum, ich erzähle ihnen die Geschichte, sie lachen, sie finden es interessant, ich bin noch nicht ganz zurück am Ausgangspunkt, als mir schon einer mit Geldscheinen unter der Nase wedelt. Sekunde, ihr Sachsen seid komische Leute, sage ich. Ich muss erst einmal anhalten, dann. Und dann gibt er mir vier Scheine. Wenn er halbwegs cool wäre, dieser Sachse, würde er sagen, okay, stimmt so, aber ich sehe schon seine wartende Hand. Also gebe ich ihm drei Euro, er bedankt sich, er sagt, wie großartig das gewesen wäre, ich mache auch noch Fotos von ihnen und denke, ihr verdammten Scheißossis, fickt euch doch und verschwindet.


22:02

Wenn der eine Retter nicht konnte, weil seine Finger noch steif waren, sprang der andere ein. Ich habe vier Retter, aber ich kenne Leute, die haben nur einen und kommen bestens damit aus. Mir würde das nicht reichen. Wenn der andere eingesprungen ist, und es funktioniert bestens, kommt es vor, dass die anderen Retter, die arbeitslos sind, schmollen. Ein einziges Nörgeln ist plötzlich im Raum, dass ich alle Retter zum Teufel wünsche, was auch für kurze Zeit funktioniert, aber dann merke ich schon, dass ich an meinen Rettern hänge. Meine Retter vermitteln mir glaubhaft, dass das Glück keine Illusion sei, aber sie wissen auch, dass sie mich nicht verarschen können. Ich kann nicht ohne sie, aber sie - sie können schon gar nicht ohne mich. Setzen, sagen ich manchmal zu allen vieren, was habt ihr euch dabei gedacht? Mehr muss ich nicht sagen, meine Retter verstehe jeden meiner Atemzüge und ich die ihren. Gar nichts, sagen sie, und das ist so erfrischend, dass ich ihnen nicht böse sein kann.


Wenn ein Retter nicht konnte, weil seine Finger noch steif waren oder ein Kopfschmerz ihn abhielt, sprang der andere ein. Ich habe vier Retter, aber ich kenne Leute, die haben nur einen und kommen bestens damit aus. Mir würde das nicht reichen. Wenn der andere eingesprungen ist, kommt es vor, dass die Retter, die arbeitslos sind, schmollen. Ein einziges Nörgeln ist plötzlich im Raum, dass ich alle zum Teufel wünsche, was auch für kurze Zeit funktioniert, aber dann merke ich schon, wie ich an ihnen hänge. Sie vermitteln mir glaubhaft, dass Glück keine Illusion sei, aber sie wissen auch, dass sie mich nicht verarschen können. Ich kann nicht ohne sie, sie können nicht ohne mich. Setzen, sagen ich manchmal zu ihnen, was habt ihr euch jetzt wieder dabei gedacht? Gar nichts, sagen sie, und das ist so erfrischend, dass ich ihnen nicht böse sein kann.


F 18.05.18 14:56 freundlich, 18 Grad

ein freitag
der mich amüsiert
der schockgefriert
der
wenn ich ihm die zukunft aus den rippen leier
die achseln zuckt
und mir die eier schnacken lässt
als kontrapunkt zu einem stillen fest
dennoch der beste tag von allen
mit illusion vergangenheit und fallen
mit frauen hinter mir und frauen überall
ich bin ein sonderfall
gehöre sofort auf den thron
mit wasserspülung engelston
gehöre in den hades nebenan
ich bin ein mann
und lebe dann und wann


So 20.05.18 23:39 schöner Tag, sonnig, nicht zu warm

Als er sich 75 auf einer Party zu Ehren von Chuck Berry, der in der Stadt ein Konzert gespielt hatte, auf einem Bauernhof an meine Freundin ranmachte, dreist wie ein Italiener, der er ja mütterlicherseits auch war, habe ich so getan, als ginge mich das nichts an. Wir waren ja frei, quasi. Wir hatten uns ja emanzipiert. Und meine Freundin fühlte sich geschmeichelt. Ich hatte sie also dagelassen und war abgehauen, statt K. aufs Maul zu geben, was mein innigster Wunsch war, aber als Weichei nicht ausführbar. Jetzt ist er gestorben. Kopfkrebs. Ruppzupp, kaum, dass er die Rente ein halbes Jahr überlebt hat. Das hat er nun davon.


Mo 21.05.18 9:44 sonnig

Es geht schnell. Die Gerste wogt schon wieder wie das Meer, der Mais steht handhoch, das Grün hat seinen zarten Ton verloren. Ich bin 69 und lebe. Es geht mir gut. Ich habe keinerlei Grund zur Klage. Karl Lagerfeld wohl. Weitab von jeder sozialen Realität klagt er in Seidenunterwäsche, die er täglich wechselt, er hasse Frau Merkel für ihre Entscheidung, Flüchtlinge ins Land zu lassen. Ob sich überlegt hat, was geschehen wäre, wenn man sie an der Grenze aufgehalten hätte, dieser strohdumme schwule Zwerg?


Di 22.05.18 16:10 über 20 Grad, aber ich glaube, da kommt was

ich erlerne leben
habe keine stunde frei
bin mit 70 eine wahrheit
eine lüge oder zwei
bin der schatten und sein hauch

und steig auf als weißer rauch


Fr 25.05.18 11:56 noch sonnig, warm, aber da kommt was


So 27.05.18 10:02 sonnig, alle Jalousien sind runter

Herr M., der trotz besseren Wissens mehr als einen Roman geschrieben und nach jedem gedacht hat, wie dumm kann man sein, M., der nach jedem Roman weiß, dass nun wieder die Zeit des "davor" begonnen hat, die noch schrecklicher ist, als die des "ich schreibe" und des "ich habe geschrieben", Herrn M. springt in solchen Zeiten und in Zeiten, in denen der Mai so frühsommerlich ausfällt, oft eine große Sehnsucht an.

Dann kann es sein, dass er sie auf dem Fahrrad sieht. Oder sie kommt ihm zu Fuß entgegen. Eine Geste reicht, vielleicht, wie das Haar wehr, oder die Schultern sich bewegen, so wie gestern, an der Paul Gerhard Stdraße. Dann weiß er nicht mehr, wohin mit der Sehnsucht. Seine Kinder, die ja "ihre Kinder" sind, halten sich wie alle Kinder vornehm zurück, kaum, dass sie ihn einmal besuchen, aber das ist nichts Neues, das hält er aus, das kennt er von sich und seinen Eltern gegenüber. Man ist eben dumm zu Anfang.

Also muss er die Sehnsucht ertragen und die unerfüllten Versprechen des Tango, der ein hundsgemeiner Tanz ist, wenn die Sehnsüchte steil gehen. Dann lieber doch vulgäres Zappeln beim Salsa, da denkt er nicht, niemand verheißt irgendetwas, da ist er damit beschäftigt, zur Musik möglichst alle Muskeln zu entspannen und cool auszusehen, und das in seinem Alter. Morgen abend am Beach und gleich das Herumfahren mit sommerlich gestimmten Gästen auf der Elektrokutsche.

Herr M. erwartet heute einen Gast aus Berlin, Josef, der Juror beim Berliner Hörspielfestival ist, und ein Radiofeature über ihn machen will. Wie lebt ein Freiberufler in Rente? Kann der glücklich sein? Ist er glücklich. Ist er verbittert? Er hat doch nichts. Ja. Nein. Natürlich. Ein Freiberufler ist wie alle mal dies und mal das. Eines darf er aber heute nicht vergessen, er muss einen Hut aufsetzen.


21:56

Eine Kutsche mit Menschen zu fahren, ist nicht einfach, das können Sie mir glauben, die Versicherungen nehmen uns wegen all der Gefahren, denen wir uns aussetzten, nicht auf und die Frauen quengeln, deshalb halten Sie sich beim Trinkgeld nicht zurück! -

Also, was das Trinkgeld angeht, ich habe Kinder von vier Frauen auf drei Erdteilen, was glauben Sie, was das kostet! -

Unterstehen Sie sich, mir Trinkgeld zu geben, sonst bin ich heute abend sturzbetrunken. -

So etwas habe ich mich heute erstmals getraut, und meinen Mindestlohn verdoppelt. Das mag Zufall sein, oder nicht, aber so war es und es fühlte sich gut an. Ich nehme es ins Repertoire.

Eine hat's mir in die Hand gedrückt, als müssten die andern das nicht unbedingt sehen. Einer hatte Geld unterm Flaschenboden, so dass ich erst dachte, er will mir vor Begeisterung seine halbleere Wasserflasche schenken, aber zwischen Daumen und Flaschenboden steckte ein Fünf-Euro-Schein, worauf er mich gestenreich hinwies.

Anschließend Tango und Schwimmen im Kanal, einmal zwischendurch, einmal bei leichtem Regen nachher, so dass man taucht und denkt, man kann nicht naß werden.