Mai 2020                     www.hermann-mensing.de      

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Sa 2.05.20 22:05 / Krise Tag 49 / wechselnd, freundlich, frisch

Wir nennen uns Kulturnation, aber Kunst und Kultur waren seit feudalen Zeiten Dienstleister der Aristokratie und der Kirchen. Zudem herrschte und herrscht unter Künstlern uneingestanden das gleiche Prinzip, dem auch Kapitalisten frönen, nämlich gewinnen zu wollen. Sieg bedeutet aber immer die Niederlage eines anderen. Das verhindert Solidarität. Seltsamerweise sind Kapitalisten häufig solidarischer untereinander. Dass Kunst und Kultur mit Geld immer nur halbherzig, dafür aber gern mit großen Worten bedacht werden, wundert mich daher nicht. Zudem, und das bitte ich nie zu vergessen, ist jeder Künster freiwillig dieses hohe Risiko eingegangen Natürlich ist es schade, dass jetzt alle in den Seilen hängen, aber es ist so. Not macht erfinderisch, finde ich. Außerdem bräuchte es mehr Solidarität, und vor allem mehr "Ungehorsam", aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich habe mich in diesem Staat jedenfalls lange nicht mehr so gut aufgehoben gefühlt.

So 3.05.20 18:10 / Krise Tag 50 / bewölkt, eher frisch

Die Welt nicht untergangen, das Land hat sich ein paar Wochen einig gezeigt, man hat überlebt, hat sich bis jetzt nicht infiziert, jetzt beginnt man zu fragen,
ob das alles wirklich nötig war, man hat Verluste, finanziell ist es für viele dramatisch, ja, aber man lebt, und könnte einsehen, dass es Größeres nicht gibt. Nichts ist wichtiger als das Leben und die Freude darüber, dass man für eine gewisse Zeit daran teilhaben kann. Stattdessen setzt Nörgeln ein.


18:35

Impfpflicht hat eine Reihe Krankheiten ausgerottet. Ich wurde gegen Kinderlähmung geimpft, kenne aber drei Menschen aus meinem erweiterten Umfeld, die nicht geimpft waren und daran erkrankt sind. Wenn mir jemand glaubhaft versichert, dass eine Impfung hilft, sehe ich es nicht als Beschneidung meiner Freiheit, sondern als Möglichkeit, u. U. etwas nicht zu bekommen, das - kriegte ich es - sehr unangenehm werden könnte. Tuberkulose, z.B. ist durch konsequente Impfung fast ausgerottet. Masern. Die Pest. Die Pocken. Es gibt eine Menge weiterer Beispiele.

Ich fürchte, die Menschen auf dieser Stuttgarter Demonstration und den Hygiendemos begreifen nicht, was in der Welt los ist. Sie begreifen nicht, dass Politik nicht per Definition böse ist, sondern ein - sagen wir - Orchester - dessen Dirigenten versuchen, aus einem Sauhaufen eine halbwegs überschaubar und organisierte Gesellschaft zu bauen und zu stabilisieren. Ich mag Greta Thunberg, ich mag Grünes, ich mag Linkes, Konservatives mag ich auch. Die Mischung macht's.

In Afrika krepieren die Leute an der verseuchten Wasserpumpe. Es gibt Heerscharen von Sklaven überall. Wir leiden unter einem Turbokapitalismus, der jetzt - ausgebremst durch Corona und ein vernünftiges Krisenmanagement - nach Milliardenhilfen schreit. Das ist zum Kotzen. Dagegen sollten sie trotz Abstandsregel demonstrieren. Aber Impflicht. Mimimi! Probleme von Wohlstandsgesellschaften. Bääää.


Do 7.095.20 22.56 /Krise Tag 55 / sonnig

Heute war mein erster Arbeitstag auf Burg Hülshoff. Wir dürfen zwar noch keine persönlichen Führungen anbieten, ich bin aber mit neuem Vertrag einmal in der Woche 5 Stunden dort, stehe, falls Fragen auftauchen, zu Verfügung. Ansonsten bin ich eher anwesender Geist, der darauf achtet, dass die Menschen sich nicht zu nahe kommen, was bei den Beschränkungen, nicht mehr als zwei einzulassen, und die nächsten erst, wenn die ersten einen Raum vorgerückt sind, nicht schwierig ist. Außerdem desinfiziere ich Audiowalkgeräte nach Gebrauch.

Es war sonnig heute, auf dem vorderen Schornstein der Burg baut ein Storch sein Nest, wenngleich noch nicht klar ist, ob sich gegen die Dohlen und Krähen durchsetzen kann. Es waren vier Gäste vor Ort, die Gastronomie behilft sich mit einem Stand für Snacks und Kaffee. Die Literatur hat Pause. Meine Lebensgefährtin ist eingezogen, die Renovierung der vier von sechs Räumen ist abgeschlossen, jetzt bringen wir zwei Haushalte zusammen. Das bedeutet, dass jeder sich von Liebgewonnenem trennt, was nicht immer einfach ist, aber erleichternd, wenn es getan ist. Das wird noch eine Weile so gehen. Das ist schön und anstrengend, und nimmt viel meiner Zeit. Aber die Literatur läuft mir nicht weg.


Fr 8.05.20 20:40 / Krise Tag 56 / sonnig

ortszeit ms,
blick ost/nordost,
das neue zimmer
wird mit text eingeweiht:

buchstabe für buchstabe abenteuer,
denn das r des letzten wortes
weiß nichts vom ende der welt,
die auf t endet, ein plosivlaut.

das wusste das r nicht,
als ich es aufschrieb,
wie das b nichts vom a weiß,
außer, dass es arschloch sagt,
wenn es unwirsch wird,
was ihm dann und wann spaß macht.

ortszeit ms
/ krise tag 56/
#corona
findet mich vor einem glas rotwein,
stabil,
angespornt,
misstrauisch,
wenn ein n auftaucht,
n wie national
a wie asozial
z wie zeitfern
i wie inkompetent.

ich bin überwältigt
vom geschehen der letzten wochen,
entsetzt über die verschörungstheorien,
einverstanden mit dem,
was getan wird und wurde,
und voller hoffnung,
dass wir daraus lernen,
weiß aber auch, was illusionen sind.


Sa 9.05.20 17:00 /Krise Tag 57 / sonnig

Wainer Vaccari, ein zeitgenössischer italienischer Maler, magische Realist für albtraumlastige und diffus bedrohliche Bilder. Eine seiner Zeichnungen hängt in meinem Arbeitszimmer links neben mir an der Wand neben dem Fenster zum Garten. Es zeigt eine Katze mit verschattetem, nicht zu deutenden Gesicht. Sie starrt auf einen Ball, der außer Reichweite ihrer Vorderpfoten liegt, aber jederzeit zu erreichen wäre. Alles scheint ruhig, aber sie lässt sich nicht täuschen.

Über meinem Schreibtisch hängt eine Dünenlandschaft, die ich gut kenne und liebe, gemalt von Tom Beijl. Er lebt auf Ameland. Immer, wenn wir zum Westend der Insel unterwegs waren, kamen wir an seinem Atelier vorbei. Er malt realistisch, er malt in Öl, und seine Motive findet er auf der Insel. Er ist keiner, der die Kunstwelt erregt, aber einer, der unverdrossen und mit gutem Blick arbeitet. Es ist mehr als fünfzehn Jahre her, als wir abends vor dem großen Fenster seines Ateliers standen und
dieses Bild sahen. Ich verdiente damals nicht schlecht, und so kauften wir es. Als wir heim fuhren, passte es nur mit Mühe in den Kofferraum. Ameland war unsere Familieninsel. Mit 16 war ich zum ersten Mal, später mit Chris und den Kindern fast drei Jahrzehnte jeden Herbst dort. Seit Chris gestorben ist, traue ich mich nicht mehr dorthin.

Überm Klavier rechts neben mir hängt eine Portraitserie der niederländischen, chinesisch stämmigen Fotografin Yee Ling Tang. Sie lebte vor zwanzig Jahren in einer WG mit meinem Freund C. in Enschede. Chris und ich waren gerade fünfundzwanzig Jahre zusammen, Yee Ling zeigte mir diese Portraitserie, ich kaufte und schenkte sie meiner Frau. Sechs chinesische Frauen in schwarzen Rollkragenpullovern vor rotem Hintergrund. Alle Chinesen sehen gleich aus, das Thema der Serie, beweist das Gegenteil.


Mo 11.05.20 13:40 /Krise Tag 59 / wechselnd bewölkt, windig

Liebe Gegner der Verschwörungstheorien!

Heute war ich seit langem wieder einmal in der Stadt. Um die Stadtbücherei betreten zu dürfen (Freiheitsbeschränkung) musste ich meinen Büchereiausweis scannen lassen (direkte Übermittlung aller Daten an Bill Gates), durfte nur auf markierten Wegen gehen (Gängelung), und selbst beim Verlassen wurde mein Ausweis noch einmal gecheckt, um, da bin ich ganz sicher, all meine Daten auslesen und verkaufen zu können.

Auch beim anschließenden Kaffeetrinken auf der Terrasse vor der Bücherei (der erste Restaurantkaffee seit 6 Wochen) musste ich meine Adresse hinterlassen. Auf dem Heimweg bei starkem Rückenwind schließlich auch der Beweis, dass die Erde flach ist, denn wäre sie rund, würde der Wind ja nach oben blasen und nicht über Land.

Zum Schluss noch etwas über Angela Merkels Herkunft, die uns das in Zusammenarbeit mit Bill Gates und den jüdischen Weltverschwörern ja alles eingebrockt hat: wusstet ihr, dass sie mit dem tiefgefrorenen Sperma A. Hitlers gezeugt ist? Natürlich - ihr verf... Ignoranten, ihr wusstet es nicht, ihr wollt es auch gar nicht wissen, aber wartet nur, wir decken das alles auf, und dann steht ihr da und guckt blöd.


Di 12.05.20 10:05 / Krise Tag 60 / wechselnd bewölkt, frisch

Neues aus der Verschwörerküche

Aus vertraulicher Quelle weiß ich, dass auch die Eisheiligen, die in diesem Jahr auf den Tag genau eintrafen, nur Teil einer Strategie der zukünftigen Weltregierung sind, uns glauben zu lassen, Jahrhunderte alte Bauernregeln hätten Gültigkeit. Dem ist aber nicht so. Alles wird manipuliert. Es gibt unterarktische Labors, in denen Mikrowellensender strahlen. Nicht einmal Dichter können in diesen Zeiten noch rechts von links unterscheiden, wobei Ernst Jandl in den Fokus rückt, der vor dreißig Jahren behauptete, lechts und rinks könne man nicht velwechsern. Jandl war seiner Zeit weit voraus. Hendrix behauptete zur gleichen Zeit, "there ain't no life nowhere", worauf geheime Mächte ihn nach einem Trinkgelage umbrachten. Lennon wurde knapp zehn Jahre später von diesen Mächten erschossen. Man muss also vorsichtig sein mit dem, was man sagt, denn natürlich wird auch das Denken manipuliert. Zuversicht, süße Lüge nannte der Dichter M. vor zwanzig Jahren einen Roman, der, kaum auf den Weg in die Verwertungskette gebracht, aus allen Lektoraten entfernt wurde und heute nur noch in Untergrundzirkeln gelesen wird. So kommt eins zum anderen, man weiß nicht mehr, wie der Hase läuft, falls es, selbst das ist nicht sicher, überhaupt Hasen gibt. Man möchte verzweifeln, doch selbst die großen Gefühle gleichen Luftblasen, die, sind sie zerplatzt, nie gewesen sind. Das, liebe Leser, ist der Stand der Dinge im Jahr 2020. Ob es je ein Zurück gibt, wer weiß.

13:05

falls ich dichter bin
was jederzeit angezweifelt werden darf
bin ich zweifler.

20:47

Jetzt, wo fast alles eingeräumt und erst einmal Pause ist, beginnt der Alltag, der auch nicht von schlechten Eltern ist. Also nur Mut.

Mi 13.05.20 10:02 / Krise Tag 61 / sonnig mit weißen Wolken aus Nordost

Heute werden wir in den Garten fahren. Wir stehen W., dem Stukkateur, der mir beim Verputzen der Küche geholfen hat, in der Schuld und haben ihm versprochen, eines seiner Beet vom Girsch zu befreien. Das werden wir nachher tun. Girsch gräbt sich tief in die Erde, seine Blätter lassen sich zu einem feinen Salat verarbeiten, Covid19 steht nach wie vor auf allen Gesichtern, in der öffentlichen Meinung treiben Verschwörer abstruse Blüten, und ich kann nur hoffen, dass sich deren Unvernunft auswächst wie die Unvernunft junger Menschen in einem gewissen Lebensalter, die sich, wie Goethe sagt, erst ab Ende 20 legt. Wäre ich ein König, schaltete ich FB ab. Da ich ein Dichter bin, schreibe ich.

21:56

W. half mir vor vier Wochen beim Verputzen der Küche, worauf wir ihm versprachen, einen Teilbereich seines Schrebergartens vom Girsch zu befreien. Heute fuhren meine Lebensgefährtin und ich zunächst zum Markt, sie schaute ein wenig bei den Pflanzen herum, wurde aber nicht fündig, wir aßen Reibeplätzchen, dann fuhren wir weiter in den Garten und rückten Ws. Girsch zuleibe. Gegen drei bestellte W. bestellte drei Pizzen für uns. Die bezahlen wir aber, sagte ich, worauf W. sagte, waat ma, ers ma gucken. Eine halbe Stunde späte kam R., den W. seit Jahrzehnten kennt und der einen Pizzadienst betreibt, mit drei Pizzen: Quattro Stagioni, Lachs mit Spinat und Scampi. Als es ans Zahlen ging, sagte R. sagte, lass ma stecken, tu ich doch gern. W. hatte Rs. Pizzabäckerei vor einer Weile, handwerklich versiert, wie er ist, mit einer Stahltür und einer Alarmanlage gesichert. So haben heute viele Hände viele Hände gewaschen.


Do 14.05.20 21:30 / Krise Tag 62 / sonnig mit weißen Wolken, frisch

ich will es nicht mehr hören,
eure dummheit macht mich krank,
mir wird unheimlich. fuck.


Sa 16.05.20 16:25 / Krise Tag 64 / Glockengeläut, wechselnd bewölkt, recht mild

du bist so lange schon mein ICH,
& sagst nie, wie du heißt,
sagt jemand, du, ich liebe dich,
bist du, vor angst, verreist.

hast ICH und DU
der vorsicht halber mitgenommen,
mir bleibt noch man,
& das hat gar nichts mitbekommen,
kommst du dann heim,
und jemand nennt sich ICH,
wirst du krebsrot
& hämmerst auf den tich
(rheinisch: tisch).

man weiß nicht,
wie das weitergehen soll,
man hätte gerne einen namen,
fänd das toll.
und fürchtet,
dass im diesseits
niemand ICH sein soll.

wie es im jenseits ist,
kann man nicht wissen,
fazit für heut:
die lage ist beschissen.

was widerum die lage
nur zum teil beschreibt,
weil's leben trotzdem schön ist,
und das bleibt.

wir senken also
unser haupt betroffen
der vorhang fällt

und alle fragen bleiben offen.


So 17.05.20 19:13 / Krise Tag 65 / wechselnd wolkig, recht mild

Es gibt einen Afrikaner hier, den ich seit Kindesbeinen zu kennen glaubte. Wenn ich ihn sah, sah ich ihn als Kind. Letztens fragte ich ihn, ob das stimmen könne. Er sagte nein, er sei erst seit 2015 in Deutschland. Heute traf ich ihn im Parkhaus an der Bremer Straße. Er saß in einem verglasen Büro, trug eine gelbe Warnweste und passte auf das Parkhaus auf. Ich fragte ihn nach Feuer. Alles gut mit dir? fragte er. Ja, alles gut, sagte ich, und erklärte ihm, dass ich ein Stadtteilauto gemietet habe, weil meine Freundin bei mir einziehe. Dann holte ich den Schlüsssel für den Ford Transit aus dem Tresor, ging in den Keller, öffnete den Wagen, stieg ein, startete, und wäre fast vor die Wand gefahren, weil der Rückwärtsgang nicht da war, wo ich ihn vermutet hatte. Beim Ausparken aus der Lücke der Tiefgarage hätte ich den linken Spiegel um ein Haar an einer Säule, an der viele Kratzspuren waren, abgefahren. Danach war es gut, der Wagen fuhr sich leicht. Wir haben die letzten Kartons aus ihrer Wohnung geholt, hierher gebracht, und ihre Pflanzen, die sie auf unserem Balkon gezogen hat, in ihren Schrebergarten gebracht. Dann sind wir nach Hause gefahren. Sie wohnt jetzt bei mir und soll immer bleiben. Corona hat mich vieles gelehrt. Unter anderem die Sorgfalt im Alltäglichen. Das gefällt mir. Danke Corona. Zweimal bin ich heute durch die Stadt gekreuzt. Menschen saßen vor Cafes und atmeten durch. Das Leben kehrt zaghaft zurück. Ich werde die Stille vermissen, ich werde weiter Obacht geben, aber es ist unumkehrbar, es kehrt zurück.


Mo 18.05.20 20:40 /Krise Tag 66 / wechselnd wolkig, mild

Corona ist zwar längst nicht verschwunden, aber überall regt sich der Widerstand von Menschen, die Einschränkungen ihres Alltags nicht länger hinnehmen wollen, oder finanziell nicht können. Das verstehe ich. Über das, was sonst noch auf diesen Demonstrationen geäußert wird, kann ich nicht einmal lächeln. Ich bleibe vorsichtig. Anfang Juni jedoch werde ich wieder mit dem Tango beginnen.

Aber eigentlich wollte ich eine Geschichte erzählen. Es geht um die Burg Hülshoff, und den Versuch der Störche, auf dem Schornstein oberhalb der Kapelle ein Nest zu bauen, ich sprach davon. Donnerstag hatte ich dort wieder Dienst. Am frühen Nachmittag, ich stand auf der Freitreppe, schwebte aus Nordost ein Storch heran. Er benötige kaum einen Flügelschlag, die fingerartigen Federn an den äußeren Enden seiner Flügel arbeiteten wie Höhenruder. Langgestreckt überquerte er den Park, die Gräfte, verschwand kurz hinter dem hohen Dach der Vorburg, stieg wieder in Sicht und landete auf dem First. Dort stand er eine Weile, schaute herum, reckte den langen Hals, legte den Kopf ein wenig zurück, und begann zu klappern, wobei er Kopf auf und nieder ging. Das ließ mich die Not für eine Weile vergessen.


Di 19.05.20 21:14 / Krise Tag 67 / wechselnd bewölkt, etwas schwül

vergeblich ist die liebesmüh,
nichts zu erreichen, alltag,
verwirrendes und einerlei
zu viel geräusch am zahltag,
geschrei, falsch zeugnis wider besseres wissen,
von präsidialen schreihälsen geschissen,
ich weiß nur, was ich mag
und nicht,
was anderes weiß ich nicht.


Do 21.05.20 9:46 / Krise Tag 69 / blauer Himmel

Am Vatertag wird nachgefragt, ob die Emanzipation der Männer Fortschritte gemacht habe. Man stellt fest, dass ein Großteil der Väter 2020 nach wie vor auf Elternzeit verzichtet. Ich habe unsere Kinder gewickelt, gefüttert, bespaßt und betreut, während ich - ein Wort, dass es damals noch gar nicht gab - im Home Office Bücher Romane, Hörspiele und Theaterstücke für Kinder schrieb, deren Erträge zur Ökonomie der durch meine Frau gesicherten Einkommensbasis für ein wenig Luxus sorgten, Urlaube, Anschaffungen, über die Stränge schlagen.

Ich möchte diese Zeit für kein Geld der Welt missen.
Ich kann kochen, waschen, bügeln, Knöpfe annähen, spülen, staubsaugen, putzen, ich weiß, wie man einkauft und Kinder tröstet.

Zu Himmelfahrt war ich mit anderen Jugendlichen mit dem Bollerwagen unterwegs, um an einem Waldrand, einem See in der Gilderhauser Heide oder am Ufer der Dinkel bei Böhmers Schleusen zu trinken, bis mir schlecht wurde. Zielführend für eine zukünftige Vaterschaft war das nicht. Dennoch bin ich Vater geworden, stolz auf zwei Söhne und vier Enkel, ich freue mich, dass sie Lebenspartner gefunden haben, und ich sie jetzt, wo die Einschränkungen der Corona Krise ein wenig gelockert werden, wieder häufiger sehen kann.

Um aber die Emanzipation der Männer voranzutreiben, müssen ökonomische Bedingungen verändert werden. Unterschiedliche Bezahlung der Geschlechter gehört auf den Müll der Irrtümer der Geschichte. Ich werde das nicht mehr erleben. Aber ich sehe Bewegung.


Fr 22.05.20 18:46 / Krise Tag 70 / bewölkt, schwül

Schon seit Tagen will ich über das Verschwinden von Gegenständen schreiben, war aber zu faul, und wenn ich nicht zu faul war, standen Dinge im Fokus, die genau mit diesem Verschwinden zu tun hatten. Aus Gesprächen weiß ich, dass dieses Phänomen vielen bekannt ist, und jedes Mal mit Erstaunen registriert wird.

Man möchte etwa einen Nagel in die Wand schlagen. Der genaue Einschlagspunkt wird fixiert. Deshalb hatte man den Hammer beiseite gelegt. Jetzt will man zuschlagen, aber der Hammer ist fort. Er liegt noch genau da, wo man glaubt, dass man ihn hingelegt hat, aber wenn man dort nachschaut, ist er nicht da. Man zweifelt ein wenig an sich, man sucht eine größere Fläche ab, diskutiert Möglichkeiten, ist sich aber im Grunde sicher, dass er da und dort liegen müsste. Man sucht weiter. Man weiß, das Einzige, was jetzt hilft, ist, den Tatort zu verlassen, den Fokus seiner Gedanken auf etwas anderes zu richten, und dann zurückzukehren.

Erstaunlich bei der Rückkehr ist oft, dass der Hammer dann genau da liegt, wo man dachte, dass man hingelegt hätte, manchmal aber auch ganz woanders.

Wie es dem Hammer gelingt, sich für eine Weile zu entmaterialisieren, oder den Aufenthaltsort zu verändern, bleibt im Dunkeln. Die Liste der Beispiele für derart physikalische Merkwürdigkeiten kann beliebig erweitert werden. Zeugen aus aller Welt bestätigen, dass es dieses Phänomen gibt, aber niemand kann es erklären. So bleibt die Welt aufregend und voller Wunder


Sa 23.05.20 20:02 / Krise Tag 71 / wechselnd bewölkt,

jetzt will die gier
ein neues pfund,
sie leidet, jammert,
sie sei nicht gesund,
und das sei erst die halbe covid krise,
der staat soll gerade stehen für die miese
verfassung der gequälten gier,
kapitalismus: wir


So 24.05.20 11:00 / Krise Tag 72 / bewölkt, recht mild

Statt die Beunruhigung nun ein wenig herunter zu fahren, hat die zunehmende Erkenntnisdichte über das Covid19 Virus beiu mir das Gegenteil bewirkt. Täglich lese ich Fallberichte, in denen - neben leichten Verläufen - von multiplem Organversagen, Blutverdickungen, Trombosen, und Embolien im Zusammenhang mit dieser Krankheit berichtet wird. Seit gestern gibt es - aufgrund der vorsichtigen Lockerungen - erste Meldungen von Neuinfektionen in einer Kirchen und einem Restaurant. Das drückt meine Stimmung erheblich, hatte ich doch geglaubt, nun gehe es lanbsam aufwärts. Wahrscheinlich tut es das auch, vielleicht fehlt mir nur die Vision für eine andere Normalität, aber ich fürchte, dass viele Menschen zunehmend zum Leichtsinn neigen, so dass ich mich entschlossen habe, das Tangotanzen, das ich ab Juni wieder aufnehmen wollte, auf die Zeit nach den Sommerferien zu verschieben. Bis dahin, so hoffe ich, haben sich Dinge geklärt, vielleicht gibt es sogar schon ein Medikament.

Mo 25.05.20 8:00 / Krise Tag 73 / bewölkt /

bleiern das blut
im kopf die wilden reiter
weltweit der ruf
man wolle wieder höher, weiter
man müsse dringend ...
sonst würd' alles kollabieren,
fanfaren, reden, lügen, investieren,
die einmalige chance, das ruder einzuschlagen,
wird übertönt durch lautes klagen
der ewigen gewinner, und die schreien laut,
seht, wie ihr uns das glück versaut,
so wird der traum zu farce,
statt ihn zu nutzen,
will alle welt nur gold und silber putzen.


Di 26.05.20 10:45 / Krise Tag 74 / sonnig

Gestern bin ich ins Westmünsterland gefahren. Noch eh ich losfuhr, war das Gefühl, ich setzte mich erhöhter Gefahr aus, das ich aus den Anfängen des Rollerfahrens kannte, aber mit zunehmender Fahrpraxis gewichen war, plötzlich zurück. Ich brauchte eine Weile, eh es sich wieder in Vergnügen verwandelte. Nicht nur, weil der Roller sich so angenehm fährt und es schön ist, Teil der Landschaft zu sein, sondern weil ich größere Straßen meide und stattdessen in jeden Landwirtschaftsweg abbiege, der mir in die gewünschte Richtung zu führen scheint. Auf solchen Wegen navigiere ich nach Himmelsrichtung, was aber auf den Hinfahrt nicht recht funktionierte.

Bei Heek bog ich eine Bauernschaft ab, die in einem Dreieck zwischen Heek, Ahaus und Graes, meinem Zielort, liegt, verfranste ich mich aber bei der Vielzahl der hierhin und dorthin führenden Wege in einer von von Kiefern, Buchen, Eichwäldern und Wiesen geprägten Landschaft und landete schließlich in Ahle, einer Gemeinde, von der ich zu meinem Erstaunen noch nie gehört hatte, geriet auf die Ahauser Landstraße, folgte ihr u
nd landete wieder bei Heek.

Ich bog erneut in die Bauernschaft ab, und hielt mich diesmal eher rechts. An einem Bauernhof, wo zwei Männer mit einem Trecker beschäftigt waren, fragte ich nach dem Weg. Vater und Sohn, dachte ich. Der Sohn, mittelgroß, forstgrüne Baumwolljacke, Arbeitshose, stellte seinen Trecker ab, um sich anzuhören, was ich wollte. Da musst du terug förn, an der nächsten Kreuzung links, bis ein Sportplatz kommt, und dann immer geradeus. Nach zehn Minuten landete ich wieder in Ahle, war ratlos und auch ein bisschen beschämt, weil ich trotz meines sonst sicheren Orientierungssinnes nicht mehr wusste, wo ich mich war. Ich fragte noch einmal, wurde wieder zurückverwiesen nach Ahle, hielt mich diesmal an Richtungshinweise für Radfahrer, die mich schließlich nach Gras führten. Der Rückweg, eine Diagonale durch völlig unbekanntes Gebiet, funktionierte punktgenau.


Mi 27.05.20 20:10 / Krise Tag 75 / sonnig, viel zu trocken, seit Wochen schon

Überall wird gefragt, ob man dem Staat noch vertrauen kann. Ich verstehe das, aber trotz aller Einwände, die man erheben kann, könnte und vielleicht sollte, erinne ich daran, dass die ganze Welt sich dem Lockdown gebeugt hat. Manche mehr, die haben bessere Sterberaten, andere weniger, denen sterben sie wie die Fliegen.

Nicht umsonst handelt es sich bei Letzteren um Länder mit populistischen Herrschern, die an Wahn, großer Dummheit und völliger Empathielosigkeit leiden

Die Welt hat aber den Lockdown nicht beschlossen, um eine ökonomische Krise herbeizuführen, aus der einige wenige aufsteigen wie Phönix aus der Asche, sondern sie hat diese Krise, die schwer ist, als Folge ihrer Einsicht in die Notwendigkeit der Bekämpfung eines Virus auf sich nehmen müssen.

Es wird viel dummes Zeug geredet. Nicht, dass das neu wäre, achtzig Prozent aller Nachrichten verweisen auf menschliche, tragische, oft zutiefst alberne Animositäten zwischen So- und Andersdenken, der Einen- und der anderen Religion, diesem und jenem Verständnis von Demokratie, Ökonomie, und nationalstaatlichen Eitelkeiten.

Aber so ist die Welt. In meiner Welt, und in den Ländern, von denen ich umringt bin, herrscht die Demokratie. Natürlich kann man auch die mit Fragen löchern, aber es ist Demokratie. Demokratien sind komplizierte Gebilde. Menschen denken in ihrer Sehnsucht gern einfach. Ich bin Monarchist, ich sehne mich nach dem "guten König" als moralische Autorität, habe aber gelernt, mich mit einem Bundespräsidenten zu bescheiden, der - zumindest der gegenwärtige - kein dummes Zeug redet. So wenig wie die Kanzlerin, die ich nicht gewählt habe und deren Partei ich auch nie wählen werde.

Das sind die von mir akzeptierten Tatsachen. Dass die Welt ein Trümmerhaufen ist, dass es Zustände gibt im Alltag von Menschen in anderen Ländern, die ein Eingeborener in diesen Breiten kaum eine Woche überleben würde, ist wieder etwas anderes. Aber die Agenden sind breit gefächert und die Mühlen mahlen langsam. Wer das nicht versteht und schnelle Antworten will, tappt in die Falle der Populisten. Und die sind sich in der Tat weltweit einig. Sie sehnen sich nach einer Internationalen der Verblödung. Der Einwand, das sie längst Wirklichkeit ist, täuscht nicht, deshalb wehre ich mich bis zum letzten Tag.

In diesem Sinne, venceremos.


Do 28.05.20 21:25 / Krise Tag 76 / sonnig

gestatten sie,
dass ich nun schweige,
ich hab soviel gesagt,
und es hat nichts genutzt,
gestatten sie,
dass ich mich noch ein letztes mal verbeuge,
ich hab mein silber lang genug geputzt,
verschweigen will ich nicht,
dass alles eitel war,
ich gebe zu, ich bin ein tor,
ich habe laut und leise mich verbogen,
und führe nur zu gern durch's große tor,
ich seh es manchmal, wie den regenbogen,
da, wo das gold liegt, ist es wunderbar,
liebt mich und stehlt mir nicht die zeit,
mein weg ist weit, und ist, wie jeder, wahr.


Sa 30.05.20 13:05 / Krise Tag 78 / sonnig

Auf der Gräfte der Burg Hülshoff gibt es Canadagänse, Nilgänse, Rostgänse und Fischreiher. Am Donnerstag sah ich, wie sich eine Canadagans auf der Gräfte schwimmend putzte. Sie schob sich mit zwei schnellen Bewegungen ihrer Füße nach vorn, tauchte mit dem Kopf in die so entstandene Bugwelle, schnellte mit dem Kopf zurück und schaufelte so immer wieder Wasser auf ihren Rücken. Dann legte sie den Kopf zurück und reinigte ihre Gefieder. Sie tat das mehrfach, sie schenkte auch einzelnen Federn Beachtung, so dass die ganze Prozedur ein paar Minuten dauerte. Danach reckte sie sich mit Flügelschlagen aus dem Wasser, spreizte alle Federn ab, und legte die Flügel dann wieder sorgfältig in Position.