November 2003                                    www.hermann-mensing.de                         

mensing literatur

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Sa 1.11.03 13:58

Der Tag entspricht aller Erwartungen.
So und nicht anders muss ein Totengedenktag sein.
Das Frühstücksgeschirr steht noch auf dem Tisch, Mutter und Sohn sitzen vor laufendem Fernseher, essen Toast und trinken verschiedenes, der Vater sitzt vor seinem Computer und staunt, wie seine Mohrengeschichte mit Riesenschritten voran geht, und wie das, was er am meisten gefürchtet hatte, nämlich die Banalität der gewählten Erzählsperspektive, der uralte Trick der Zeitreise, Seite für Seite raffiniertere Züge annimmt, so dass der Leser, wenn es ihm so geht, wie es mir im Augenblick geht, bald nicht mehr wissen wird, wo die Zeitreise aufhört und die Gegenwart beginnt und umgekehrt.
Genau so hatte ich es mir vorgestellt.

Es könnte sich also, wenn ich den Mut nicht verliere und mich nicht in der Geschichte verirre, eine über drei Jahrhunderte sich spannende Liebesgeschichte entwickeln, eine Geschichte über Unterdrückung, Ausbeutung und Hass, eine Geschichte über das Fremdsein und das Nie-Ankommen-Können, ein Roman, der das, was ich bisher für Kinder- und Jugendliche geschrieben habe, um Wichtiges ergänzt.

Also darf man hoffen? -
Ja, man darf hoffen.
Man darf diesem trüben Monat mit verhaltenem Optimismus entgegen schauen.
Während das Laub bunt von den Bäumen fällt, sind wir unterwegs, um es einzusammeln und ihre Schönheit zu beschreiben, die alles Grauen mit einschließt und doch nur ein Viertel des Kreises ist, den wir Jahr und Jahr staunend aufs Neue durchmessen.
Also, worauf warten wir....

 

So 2.11.03   18:28

Liebe Rückkehrer,
wie ich höre, hat euch Gomera gar nicht gefallen. Der Flug sei beschwerlich gewesen und habe euer vom Tinnitus belastetes Ohr noch mehr in Mitleidenschaft gezogen. Auch ihr Frankreichfahrer hattet nichts als Beschwerden. Das Wetter habe nicht mitgespielt, und entsetzlich sei, dass in jedem zweiten Dorf neuerdings Deutsche und Niederländer siedelten, ganz schrecklich der Zuzug. Seit ihr euch vor acht Jahren für damals lächerliche 100.000 DM eingekauft habt (250m2 plus Remise), berappten die Neuen heute mehr als das Doppelte, aber in Euro.
Aber nicht nur ihr Reisenden seid unzufrieden, nein, auch ihr Niedrigenergiehausbesitzer seid es, ihr Zweit- und Drittwagenbesitzer, ihr Sylt-Urlauber und Frau-plus Geliebte Inhaber, denn ihr fürchtet, der Euro werde bald alles gleich machen.
Mit Recht, alles wird täglich schlimmer.
Wie wäre es also, wenn ihr mich mit eurem Geschwätz einfach in Frieden ließet und gleich da bliebt, wo (wie auf Gomera unter Umständen) der Pfeffer wächst, oder in der Languedoc, um dort (weitab von mir) in Frieden euren Lebensabend zu versaufen und so zu tun, als wärt ihr Gott in Frankreich.
Ich könnte dann in eines eurer verlassenen Niedrigenergiehäuser ziehen, mir machte das nichts, denn ohne Euch würde ich es dort sicher gut aushalten.

 

Mo 3.11.03 12:00

Die Preisverleihung

Der Bürgermeister holperte kurz und schmerzlos durch eine sinnlose Rede. Das MDL, ein junger Mann, holte schon weiter aus. Sprach vom Auftrag der Politik und vom Bürgerwillen, ohne jedoch zu verraten, wessen Bürgerwille er im niedersächsischen Landtag vertritt und was er dort Tag für Tag treibt.

Dann trugen die Kinder vor, warum welches Buch einen Preis erhalten solle.
Der Drache Kokosnuss als Erstlesebuch, weil er lustig erzählt sei, weil die Bilder so schön wären und überhaupt.
Anschließend erhielt der Autor einen überlebensgroßen Scheck, bedankte sich und las vor.

Schnell wurde klar, dass er genau das tat, was ein Autor vermeiden sollte.

Ich glaube nämlich, dass immer, wenn im Text ein plötzlich.... auftaucht, jemand sich mit einer faulen Ausrede aus der Affaire ziehen will.

Plötzlich geschieht dies und das, plötzlich kommt da ein Schiff (warum), plötzlich ist da ein Sumpf (wieso), plötzlich kann jemand zaubern und ebenso plötzlich weiß ein Uhu, von dem nie vorher die Rede war, den Gegenzauber.

Mein Buch war das demnach nicht, und ich fürchte, der Autor (ein sehr netter Mann um die 30) wird in Zukunft noch viele Bücher über den Drachen Kokosnuss schreiben müssen.

Wenn es um Preise geht, bin ich äußerst misstrauisch.
Kommt dann auch noch eine Kinderjury ins Spiel, sagt jeder natürlich zunächst: Hach wie süß!!!
Ich nicht.
Ich glaube überhaupt nicht an die Kinderjury.
Ich glaube, dass sie nur Tarnung ist für den Einfluss der Lehrerinnen, die hinter den Kindern stehen.

Ganz deutlich schien mir das beim zweiten prämierten Buch.
Es hieß Das Land der verlorenen Erinnerung, und ist ein Fantasy Roman aus amerikanischer Feder.
Nie und nimmer würden Grundschulkinder das lesen.
Man würde ihnen daraus vorlesen, ja, und sie würden es möglicherweise lieben, denn Kinder lieben Schmöker, aber allein würden sie sich kaum durch diese mit allen Zutaten von Alice im Wunderland bis Harry P. vollgestopften Seiten ackern.
Ab zwölf mag das angehen. Zwischen 6-10 nicht. Nie im Leben.
Aber bitte. Preis ist Preis, den die Lektorin des Verlages in Vertretung für die Autorin entgegen nahm, die, da aus USA, nicht anwesend sein konnte.

Dann las eine Lehrerin vor.
Sie tat das im Bewusstsein, das Buch zu kennen, was die schlimmste Voraussetzung für einen Vorleser ist, denn der sollte so lesen, als entdecke er jeden Satz neu.
Um das leisten zu können, muss er langsam lesen, sehr langsam.
Die Lehrerin jedoch raste durchs Manuskript, so dass ich schon nach zwei Seiten nicht mehr folgen konnte.
Unruhiges Hin- und Herrutschen ringsum.
Flüstern.
Wann hört die endlich auf?!!!

Das Überzeugendste dieser Preisverleihung waren die drei Auftritte der Realschulband.
Drei Keyboards, drei Sängerinnen, ein Sänger, Gitarre, Bass, Schlagzeug.
Frisch von der Leber weg.
Und das alles im Rittersaal an einem Sonntagmorgen in einer kleinen Stadt am Südhang des Teutoburger Waldes, direkt an der Grenze zur Nordrhein Westfalen.

Im Anschluss erklommen Frau M. und ich ernüchtert den Hermannsweg und wanderten ein, zwei Stunden herum.

 

Di 4.11.03  14:57

Das Café war ein feines Café, einzig die Kunst an den Wänden war schrecklich.
Wir setzten uns an einen Tisch in der Nähe der Theke.
Gleich nebenan saß ein Paar Mitte Dreißig.
Er trug einen orangefarbenen Pullover, ein ebensolches Holzperlenkettchen am rechten Armgelenk, hatte einen leicht ergrauten Bart und dichtes, schwarzgraues Haar.
Die Frau neben ihm war vielleicht zwei, drei Jahre jünger.
Sie war dunkel gekleidet, T-Shirt, anthrazifarbene Wollhose, schulterlanges Haar.
Zwischen mir und ihr - wir saßen mit einigem Abstand auf der gleichen Bank - lag ein Buch.
Der Titel lautete: Die unsichtbare Wunde.
Haaa! dachte ich. Wieder eine, die glaubt, sie sei in ihrer Kindheit sexuell belästigt worden.
So etwas ist in gewissen Kreisen heutzutage modern.
So wie es früher modern war, bei Rückführungen in ein früheres Leben darauf zu stoßen, dass man einmal Tempeltänzerin in Ägypten war, oder, wie es augenblicklich modern ist, mit seinen Engeln zu kommunizieren, ja, wie manche sogar behaupten, SMS von ihnen zu erhalten.

Die Belästigte saß leicht zu ihm gebeugt.
Er redete eindringlich, aber sanft. Das bedeutet.... hörte ich häufig, oder In Wirklichkeit bedeutet das....
Mit der linken Hand hielt er ihre rechte, mit der rechten Hand machte er sich zwischen ihren Oberschenkeln zu schaffen.

Wir bestellten etwas zu trinken, wir bestellten eine Kürbissuppe, wir tranken und aßen, konnten aber nicht umhin, weiter das ein oder andere von dem zu hören, was man neben uns sagte.

Ein Name, der häufig fiel, war Osho. Er bete Osho nicht an, hörte ich, aber Osho sei weise, habe ihm sehr geholfen und helfe ihm immer noch. Wenn er meditiere, müsse er nur an Osho denken.
Mir fiel ein, dass sich der indische Seelenfänger Bagwan im Verlauf seiner späteren Karriere Osho genannt hatte.
Aha! dachte ich.
Sätze flatterten.

Diesen erinnere ich:
Also erst ist da der Gedanke. Dass du was essen willst. So ein Gedanke. Der macht dann ein Gefühl. Etwas emotionales. Dir läuft dann das Wasser im Munde zusammen. Und dann kommt die Tat. Dann bestellst du etwas. Das ist immer so.
Sie bestellten dann tatsächlich.
Und als ihre Spaghetti kamen, sagten beide wie im Chor: Köstlich. Köstlich. Oh, köstlich!!!

 

Mi 5.11.03  16:20

Meine gegenwärtige Flughöhe ist kaum abzuschätzen. Seit ich vor fünf Tagen meinen historischen Roman begann, habe ich 50 Seiten geschrieben. Nie vorher ist etwas so schnell vorwärts gekommen, nie vorher schien es, als wäre alles längst da und ich müsste es nur noch notieren. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Heute Abend trommle ich die Blechtrommel Session. Gestern Abend war ich auf der Hot Jazz Club Session. Hatten meinen müden Arsch schon aufs Sofa gebettet, hatte schon die Schuhe ausgezogen und innerlich Frieden gemacht, als es mich gegen zehn doch noch hochriss.
Zum Glück, denn die Session war äusserst lebendig.
Spielte nicht nur ausreichend lang Schlagzeug, sondert bediente anschließend auch noch Latin Percussion Congas, deren Technik ich zwar nicht beherrsche, denen ich aber dank guter Ohren und flinker Hände Patterns entlocken kann, die gut klingen.

Aloha, Freunde des gehobenen Schwachsinns, this one's for the road:
Frauen verblühen schnell. Zum Glück kommt es bei ihnen ja darauf nicht an.

 

Do 6.11.03 9:05

Grauenhafte Session gestern. Liebloses Rumgenudel.
Der Bassist war weder in Time noch in Tune, der Pianist wäre auf jedem Schützenfest besser aufgehoben gewesen, vom Schlagzeuger will ich gar nicht erst sprechen, nur der Saxophonist war gut, aber ein aufgeblasener Gockel, was seine technischen Fertigkeiten vergessen ließ.
Alles in allem nahm ich gegen 22.30 Reißaus.

Jetzt aber: ran an den Affenprinz, so der Arbeitstitel.

 

Fr 7.11.03  16:09

Es geht voran.

 

Sa 8.11.03 9:04

Hier und da ernüchternde Sätze. Aber das ist etwas für die Feinarbeit nachher. Das Motto im Augenblick lautet: Zehn Seiten pro Tag, einen Monat lang und dann kürzen.

14:25

Der Wind gestern roch nach Schnee, als wir das Theater verließen. Wir hatten "Gott" von Woody Allen gesehen. Ein Stück um die ewige Frage, ob er existiert oder nicht. Witzig und unterhaltsam, zusammengeklaut aus allem, was das Theater seit der griechischen Tragödie bis heute an Stilmitteln erfunden hat, ein wilde Mixtur.
Hatten Hals über Kopf entschieden, waren in die Stadt gefahren, hatten Karten gekauft, Parkett vierte Reihe, Plätze genau in der Mitte.

Und wie es so ist, wenn man etwas später kommt, sitzen schon viele Menschen in eben der Reihe vier, man entschuldigt sich, wenn man ihnen vorbei muss, es ist einem ein wenig peinlich, aber man kann sich ja nicht von oben herab lassen, einfliegen sozusagen.
Die meisten wissen das auch und reagieren entspannt.
Bis auf die Dame mit den kralligen blutroten Fingernägeln und ihrem eher farblosen, grauhaarigen Mann.
Der brummte so etwas wie "können Sie nicht früher kommen", und "immer muss man aufstehen", noch eh wir eine obligatorische Entschuldigung hätten murmeln können.

So angepisst erwiderte ich höflich, dass es alten Menschen nur gut täte, wenn sie ab und an ein wenig Bewegung hätten.
Worauf besagte blutrote Dame samt Gatte, beide nicht nicht älter als Chris und ich, betreten schwiegen.

Brütete noch eine Weile über böse Sätze, die ich ihnen nachher nachrufen könnte, stellte mir auch vor, wie ich ihm eins aufs Maul gab und er stöhnend vornüber kippte, aber dann begann das Stück, und nachher stellte ich fest, dass die blutrote Dame auf einem Bein hinkte.
Oh Gottogott! dachte ich.
Aber in Wirklichkeit habe ich für keine fünf Pfennig Mitleid mit unfreundlichen Menschen, ob sie nun hinken oder nicht.

 

So 9.11.03 19:00

Sprang heute früh auf mein Rad und fuhr zum Schloss Hülshoff. Radelte froh, während die Sonne schien, hörte die Krähen, sah den Raps und die Wintergerste, sah gestapelte Rüben und versuchte mir vorzustellen, wie der Weg vor dreihundert Jahren ausgesehen haben könnte.
Klappte nicht.

Auf der Brücke zur Burg schloss ich mich einer Reisegruppe an, die sich gerade formierte. Schlich mich zuerst unauffällig heran, als es dann aber zur Besichtigung ins Schloss ging, fragte ich den Leiter der Gruppe, ob ich mitgehen könne. Sagte ihm, dass ich zu Recherchezwecken hier sei, bot ihm die Geschichte des Mohren in Kurzfassung an, aber er schien zufrieden mit dem, was die Annette-Spezialistin bisher erzählt hatte.
Die allerdings redete gern und viel.

Der Annette von Droste-Hülshoff Tourismus wächst und gedeiht Hand in Hand mit dem Radfahrtourismus des Münsterlandes. Schon am frühen Sonntagmorgen kommen Gruppen von weit her, um Hülshoff zu besichtigen und anschließend auf Fietsen über Land zu lärmen.
Rutschte auf Filzpantoffeln einmal durch den großen Salon, das Kaminzimmer und die Bibliothek der Hülshoffs, erfuhr einiges, was ich nicht wissen muss, hatte aber einen angenehmen Morgen.

Gestern Abend habe ich mich während eines Spaziergangs entschlossen, den Zeitreise-Sequenzen meines Romans (Arbeitstitel: Menschenfresser - Affenprinz) Monats- und Jahreszahlen voranzustellen.
Das wird deutlicher machen, wie sie im Rahmen der Geschichte gewertet sind.
Mein Roman beginnt im Oktober 2003, in dem die Geschichte ankert, erzählt von der Versklavung Johann Junkerdinks in Westafrika, von seinem Transport nach Mailand Ende des 17. Jahrhunderts, seinen Verkauf an Heinrich Johann I. von Droste Hülshoff, seine Ankunf auf Schloss Hülshoff 1698, sein Leben als Kammermohr, Organist und von seiner Ehe mit der Tochter des Küster von St. Pantaleon.
Wenn ich 's hinbringe, wie ich es mir vorstelle, wird es gut.

 

Mo 10.11.03 11:59

O Gott: ich bin süchtig. Der Arzt hat es mir gerade bestätigt. Süchtig nach Lob. Süchtig nach Bestätigung. Aufgrund schwerwiegender Mängel in der frühkindlichen- und kindlichen Sozialisation tue ich alles, um diese Sucht zu befriedigen.

 

Di 11.11.03 8:47

Aufgrund des vielerorts ausbrechenden Frohsinns gegen 11:11 Uhr rate ich, das Rheinland ab heute bis in den Februar weiträumig zu umfahren.
Sollten Sie dennoch nicht umhin können, die Hochburgen der guten Laune zu besuchen, betrinken Sie sich.
Das macht die Dinge zwar nicht erträglicher, aber zur Not könnten Sie sich mit anderen am Straßenrand erbrechen und in Häuserecken urinieren, was gut ist für das Gemeinschaftsgefühl.
Achten Sie aber darauf, dass Ihr Blutalkoholspiegel nicht unter 2 Promille sinkt, denn sonst ist die läuternde Wirkung des Gedächtnisverlustes nicht garantiert und Sie würden sich am nächsten Tag schämen.
Im Übrigen wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.

 

Mi 12.11.03   10:31

Wie wir soeben (söben) erfahren, ist der Kinder- und Jugenbuchautor (Gruselbegabung) H. Mensing Opfer einer heimtückischen Krankheit. Er glaubt, pro Tag mindestens zehn Seiten Prosa schreiben zu müssen.
Noch vor kurzem verkündete er, eine Seite pro Tag sei genug.
Besorgt fragen wir uns daher, wo das hinführen soll?
Lieber Herr M., möchten wir ihm zurufen, aber dann fällt uns leider nichts Zurufungswürdiges ein, dann was könnte man einer Gruselbegabung wie ihm schon sagen, was er nicht längst wüsste???
Freunde, das Leben ist lebenswert...?
Oder: Wir machen durch bis morgen früh und singen Bumsfallera?
Vielleicht wäre eine dezentes: Wir singen Humba humba humba täterääää angebracht.

Lieber Herr M., rufen wir ihm also nun zu, singen Sie doch einfach mal wieder humba humba täteräääää, lassen Sie den Tag verstreichen und genießen Sie den sich gerade auflösenden Hochnebel.
Aber da hat M. schon seine Systeme geladen, hat die letzten Seiten des Vortages gelesen und ist längst schon wieder auf und davon. Der historische Roman fordert all seine Kraft. Heute heißt es: Seite 101 bis Seite 110.
Armer M. Und das alles nur wegen einer verpfuschten Kindheit? - Na, so schlimm war es doch auch nicht, oder?

 

Do 13.11.03 9:34

Habe die ganze Nacht humba täterääää gesungen und siehe, heute geht es mir blendend. Kann es also nur empfehlen. Danke. Danke. Danke.

20:02

Erfuhr von einem Gymnasiallehrer, dass von höchster Stelle gewünscht sei, in Zukunft 70 Prozent aller Gymnasiasten den erstrebten Abschluss zu ermöglichen. Man solle daher das Niveau ein wenig drosseln.
Fragten uns, ob es das ist, was Deutschland rettet.
Konnten die Frage klar und deutlich beantworten: Ja. Deutschland braucht Idioten.
Vor allem nach Pisa.

Guten Abend , ihr nichtsnutzigen Spanner!
M. lässt mitteilen, dass er seinen Roman soeben (söben) auf Seite 118 vorangetrieben hat.

Und alle: Wir singen Humba humba humba täterääääää....

 

Sa 15.11.03 11:58

Chitchat...sonst nichts. Ekelerregend. Ein Glück, dass ich kein Politiker bin.

 

So 16.11.03 11:10

Kein Eintrag.

16:54

Nun könnte man sagen, der Besuch einer Edvard Munch Ausstellung passt zu diesem Tag: trüb, regnerisch, ohne Aussicht. Und vor allem: völlig humorlos. Er hat wohl ein tristes Leben geführt, dieser Herr Munch, dessen berühmtestes Bild ich vor zwanzig Jahren in Oslo sah, damals geblendet vom Ruhm dieser Arbeit.
Heute aber war mir schon nach wenigen Graphiken klar, dass die absolute Abwesenheit jeder Brechung ins Nicht-Bedeutungsschwere und sein grundlegendes Problem mit Frauen, das Munch offenbar schwer zu schaffen gemacht hat, nicht meines ist und ich daher getrost meiner Lieblingsbeschäftigung in Ausstellungen nachgehen konnte, nämlich Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich Kunst nähern.
In der Regel tun sie dies nämlich auch völlig humorlos.
Bis auf einen zehnjährigen Jungen, der das auf dem Faltblatt zur Ausstellung abgebildete Mädchen mit goldblondem Haar mit einer Vorstufe des Origninals verglich und feststellte, dass auf diesem Bild das Haar noch nicht goldblond war.
Das gefiel mir.
Während also ringsum die Menschen rather wortlos flanierten, schaute ich mir ihre Garderobe an, fand meist etwas auszusetzen, und wenn nicht, hackte ich so lange auf ihnen herum, bis nichts mehr übrig war.
Vielleicht bliebe als Fazit, dass man gerade in Museen häufig die Spezies "individueller Mensch" trifft, der aber bei allem Bemühen, sich abzusetzen von Norm und Regel doch nie weiter kommt, als eine Karrikatur seiner Selbst darzustellen.
Ich schließe mich in dieses Trauerspiel gerne ein.
Der anschließende Besuch im Museumscafé wurde ein wenig durch die Tatsache getrübt, dass es ein Nichtrauchercafé war. Sie wollte wechseln, ich aber war vom langen Spaziergang zu müde, um zum nächsten Café zu gehen, als musste sie nichtrauchend ausharren, während ich nicht zu empfehlenden Darboven-Kaffee trank und ebenso lieb- wie humorlosen (falls das bei gedecktem Apfelkuchen möglich ist) Apfelk. aß.
Ließen uns mit dem nächsten Bus heim bringen, werden gleich in Frieden Erdäpfel und Spitzkohl essen, dann werde ich mich aufmachen, um Procol Harum zu sehen und zu hören.
Normalerweise gehe ich nicht zu Konzerten von Bands meiner Jugend, dieses soll eine Ausnahme sein. Ich mochte Gary Brooker immer besonders gern und freue mich also.

 

Mo 17.11.03 9:20

Brookers Stimme hat ein Timbre, das ich auch in hundert Jahren noch mag. Die melodramatischen Stücke der Band, diese verquarsten Texte, die nicht einmal Briten verstehen, die wuchtiggen Gitarrenriffs von einem Haudegen gespielt, der trotz fortgeschrittener Jahre noch ein schwarzes Muscle T-Shirt trug, auf dem stand: Success is never having to wear a suit.
Alles klang so, wie ich es in Erinnerung hatte.
Schön an diesem Konzert war, dass die Helden meiner Jugend mir ohne die überhöhte Pop-Star-Aura gegenüberstanden und so zu Menschen wurden.
Das hätte aus der Perspektive des pubertierenden Hermann nie funktioniert.
Hat es sich also doch gelohnt? War es kein herausgeworfenes Geld? - Nein, das war es nicht. Es hat sich gelohnt, allein schon wegen der Bestätigung dessen, was ich schon vorher dachte. Reproduzierende Künstler haben etwas Bedrückendes, denn Zeit ist nicht reproduzierbar, selbst, wenn die ausführenden Musiker sich noch so große Mühe geben.
Trotzdem: Danke, Herr Brooker.
PS: Vom Rest der Band war übrigens niemand mehr dabei.

 

Di 18.11.03 13:22

Wenn man mit immateriellen Gütern handelt, muss man sich doppelt anstrengen. Es gibt keinen Stoff, den man seinen Kunden zur Prüfung reichen könnte, kein Material, das für sich spräche, es gibt nur eine Geschichte.
Da aber das Unwissen meiner Kunden im Hinblick auf meine Ware größer ist, als die allgemein zu erwartende Unwissenheit eines Kunden, er also in der Regel nicht die geringste Ahnung davon hat, was gute Literatur von schlechter unterscheidet, muss ich meine Anstrengungen noch einmal duplizieren, um zum gewünschten Ergebnis = zufriedene Kunden - zu gelangen.
Ich versuchte das heute gleich zweimal.
Einmal (um 9:00) in der Stadtbücherei Hamm, anschließend (um 11:00) in der Stadtteilbücherei Hamm Rhynern.
In beiden Fällen konnte ich meine Kunden sehr zufrieden nach Hause schicken.
So etwas freut den Autor.

Die zweite Lesung war wegen der etwas aufgeschlosseneren Kinder (möglich, dass es an auch der Tageszeit lag) die für mich leichtere, wenngleich ich nach der ersten Bücher verkauft habe, nach der zweiten nicht.
So kann ich eigentlich nie etwas vorhersagen.
Was man mir nachsagen könnte, wäre, dass ich über ein gewisses schauspielerisches Talent verfüge, was ich auch schamlos für meine Texte nutze.

Wo immer es geht (und je häufiger ich lese, desto mehr Anhaltungspunkte für szenisches Lesen fallen mir auf), verlasse ich den Text, binde Schüler in kleine Szenen ein und kehre dann wieder zum Text zurück.
Also war es ein schöner Morgen.

Ein schöner Morgen trotz mausgrauer Horizonte und eines zerfetzen Rehs auf der Autobahn A-2.
Ein schöner Morgen trotz wässrigen Kaffees, aber Kaffeekochen ist eine Sache, ein freundlicher Empfang eine andere. Da ich nicht zum ersten Mal in Hamm las, wusste ich, dass die Qualität des Kaffees sich nicht gegen mich richtete.

Presse glänzte durch Abwesenheit.
Warum auch, Kinderliteratur ist etwas für Kinder, und Kinder lesen kaum Zeitung.
Aber (hört zu, ihr Zeitungsschreiber) - ihr werdet noch erleben, dass ihr euch darum reißt, eine meiner Lesungen beschreiben zu dürfen. Spätestens dann werdet ihr merken, dass Kinderliteratur nicht Eventkultur à la Potter ist, bei der ihr jeden spitzen Hut mit entzückten Rufen beklatscht, sondern ein Morgen in einer Stadtbüchrei irgendwo.
Zum Beispiel in Hamm.

PS.: Auf die Frage eines Kindes, woher ich käme, antwortete ich: Aus Gronau, eine Stadt an der holländischen Grenze, noch hässlicher als Hamm. Das hätte ich nicht sagen sollen.

 

Mi 19.11.03 9:48

Nachdem wir erlebten, wie sich die eine vermeintliche Supermacht, Hort des Friedens, der Völkerverständigung und Brüderlichkeit, innerhalb weniger Jahre in eine von korrupten Emporkömmlingen regierte Bananenrepublik verwandelt hat, erleben wir nun, wie sich die andere vor unseren Augen verabschiedet und der Lächerlichkeit preisgibt.
Das wäre nicht weiter schlimm, hätten wir es mit vernunftbegabten Wesen zu tun.
Da wir das aber nicht sind, ist Schlimmstes zu erwarten.
Ich wünsche dennoch einen friedvollen Tag.
Möglich, dass wir in Zukunft wieder häufiger Sätze hören wie:
Ihr seid unbekannte Helden, aber ihr seid gefallen für das Vaterland....
Euer Opfer ist Vorbild und Mahnung für uns alle....

14:30

Heute in der FR: die Beilage für Kinder- und Jugendliteratur. Und nun darf man raten, welche Verlage mit Sicherheit auftauchen? Der Carlsen Verlag, Beltz & Gelberg, Hanser, Nagel & Kimche (gleich Hanser), Oetinger, Dressler, Peter Hammer. Beim nächsten Mal wird das ähnlich aussehen. Immer dabei, immer genannt, wenn es um Preise geht: Beltz & Gelberg. Auch immer dabei: Carlsen. Tja, man könnte glauben, es wäre besser, man wechselte zu einem der oben genannten Verlage. Mafiöse Strukturen? - Nein, wir wollen nicht gleich übertreiben. Es handelt sich um ganz normale Vetternwirtschaft. Punkt.

 

Do 20.11.03 14:38

Bin ich weisungsgebunden? - Nein. Bin ich nicht.
Kann man daraus schließen, ich wäre frei? - Ja. Könnte man.
Fühle ich mich also frei?
Nein. Ich glaube nicht, dass es Freiheit gibt.
Natürlich wird jemand, der im Gefängnis sitzt oder saß, mir empört wiedersprechen.
Und natürlich hat bin ich im Unrecht, wenn man die Dinge aus dieser Perspektive betrachtet.
Ich glaube aber trotzdem, dass Freiheit eher ein durch Jahrtausende philosophischer Diskurse geschundener Begriff ist, der den Kern menschlicher Existenz nicht berührt. Die griechischen Philosophen gehörten zur herrschenden Klasse, ihre Vorstellung von Demokratie ruhte auf Sklavenschultern, sie konnten sich also "frei" fühlen, während die Sklaven für sie schufteten.
Determinismus wäre die andere Seite der Medaille.

Auch daran glaube ich nicht.
Ich glaube, dass wir Tiere sind.
Ich glaube, wir sollten uns nicht so viele Gedanken machen. Ich glaube, dass wir uns überschätzen.
Das glaube ich.
Danach glaube ich gar nichts mehr. Weder an den Himmel noch an die Hölle.

 

Fr 21.11.03 9:41

Als Karl vor ca. 10 Jahren zu uns kam, hatte er zweimal gemordet. Niemand wollte ihn mehr und so nahmen wir ihn auf. Wenn man sich ihm näherte, drohte er, kam man ihm zu nah, versuchte er, einen zu verletzen. Also ließen wir das. Schauten ihm nur zu wenn er zu Rundflügen startete, schreiend im Gummibaum landete und dort akrobatische Gleichgewichtsnummern vorführte.

Mit der Zeit gewöhnte er sich an uns. Nicht, dass wir ihn hätten anfassen können, nein, aber er machte es sich zur Gewohnheit, während des Essens entweder auf meine Schulter oder auf den Kopf meiner Frau zu fliegen. Saß er bei mir, nahm ich etwas zu Essen, dann sprang er auf meine Hand und pickte es vorsichtig auf. Saß er auf dem Kopf meiner Frau, ließ er sich wie ein Bergsteiger an ihrem Pony herab und schaute mit vor Aufregung eng zusammengezogenen Augen auf ihren Teller hinab.

Er hatte flöten gelernt und sprach gutturale Prosa, die jedoch niemand verstehen konnte. Bei Trompeten- und Saxofonsoli improvisierte er Erstaunliches. Aber nach wie vor ließ er sich nicht anfassen.

In den letzten Jahres ließen seine Flugkünste nach. Wir schoben das auf sein zunehmendes Alter. Manchmal stürzte er kurz vor Erreichen seines Zieles ab und stand dann irgendwo zwischen Sofa und Tisch. Wenn man ihn aufnahm, schrie er empört.
Überhaupt war die Intention seiner Schreie sehr gut zu verstehen.
Eins, zwei Jahre lang flog er so gut wie gar nicht.

Seit gut einem halben Jahr aber hat er den Flugverkehr wieder aufgenommen. Wenn auch nicht mehr so enthusiastisch wie früher. Da er aber mindestens zehn, wahrscheinlich aber 12 oder 13 Jahre alt ist, wundert uns das nicht.

Gestern kam ich ins Wohnzimmer und sah, dass sein Käfig leer war. Ich rief ihn. Er antwortete erbost, er säße unter Tisch. Aha! Ich hob ihn auf und setzte ihn auf seinen Käfig. Er streckte sein Hinterteil in die Höhe und den Kopf weit nach vorn und plusterte sich. Mir kam das merkwürdig vor, ich dachte, nun stirbt er, ging zu ihm, sprach mit ihm und versuchte ihn anzufassen.
Und zum ersten Mal in all diesen Jahren hackte er nicht nach mir.
Also kraulte ich ihm die Brust, bis er sich wieder aufrecht setzte und schrie, nun sei es genug.
Am späten Nachmittag ließ er sich wieder kraulen. Und heute früh auch.
Unser Sohn glaubt, Karl werde bald sterben. Wir werden sehen.

22:22

Die Terminalphase hat begonnen. Karls Atem geht kurz und schnell. Sein Körper kämpft. Sein Körper soll aufgeben. Sein Körper soll endlich Platz machen. Seine Seele weiß längst, wo ihr Platz ist. Stattdessen pumpen seine Lungen Salve um Salve, um sich am Ende doch eingestehen zu müssen, dass es umsonst war. Aber er kämpft.

 

Sa 22.11.03 11:43

Der Todeskampf der Kreatur gleicht der des Menschen. Er dauert länger oder kürzer, je nachdem, wenn er dann aber vorüber ist, ist alle Unrast fort.
Karl starb gegen 23:00 Uhr.

Als ich heute früh zum Briefkasten ging, war da ein Brief des Altenheims. Darin war der Ehering meiner Mutter. Wenn Sie diese Aufzeichnungen regelmäßig verfolgen, wissen Sie, dass sie im April dieses Jahres gestorben ist.
Habe also heute die Nase voll.
Könnte aber (und werde vielleicht) auch eine Geschichte der mir nahestehenden Toten seit den sechziger Jahren erstellen, Menschen, die in meinem Umkreis waren.
Daraus ließe sich leicht folgern, dass die Kreise sich enger ziehen.
Aber nicht heute.

Habe Karl gerade im Garten begraben. Er liegt dort in Gesellschaft unserer Haustiere der letzten zwanzig Jahre: zwei Katzen, ein Kaninchen, ein Meerschweinchen.

Den Rest dieses Tages werde ich vertrödeln. Mich ausruhen nach einer nicht sehr lustigen Lesung in der an Tristesse kaum zu überbietenden Stadt O. Ich las dort gestern Abend im Rahmen eines Jahresvorspiels von Schülern und Schülerinnen der Musikschule.

Im Vorfeld hatte ich mit der Organisatorin besprochen, ich könne in zwei, drei Sets lesen. Da ich nicht wusste, wie alt die Anwesenden sein würden, hatte ich nur einen groben Plan: Ausschnitte aus Romanen, eine Kurzgeschichte, die Abfolge würde ich dem Alter der Anwesenden anpassen.
Fakt war dann, dass hauptsächlich Eltern der Vortragenden gekommen waren, und die auch nur, um ihre Kinder zu glänzen zu sehen, alles andere war ihn egal (um nicht "lästig" zu sagen).

Ich begann mit der Nikolausfalle. Und da der Held dieser Geschichte Tuxe heißt, las ich den Beginn von Flanken Fouls und fiese Tricks gleich danach, denn auch hier ist Tuxe der Held.
Den zweiten Set begann ich mit einem Vorschlag: Gruseln oder Krimi???
Da kein aussagekräftiges Votum der Zuhörer zustande kam, entschloss ich mich, den "Heiligen Bimbam" zu skizzieren, um dann das Kapitel 24 zu lesen.
Ich sagte jedoch, dass es - den Umständen dieses Krimialromans folgend - auch noch die Kapitel 24a, 24b und 24c gäbe, aus denen ich gern läse, vorausgesetzt, man zeige mir nach Beendigung des Kapitel 24 deutlich, dass eine Fortsetzung gewünscht sei.
Als ich nun an besagtes Ende kam, sah ich meine Zuhörer auffordernd an. Sie schauten fragend zurück. Ich sagte, sicher erinnern Sie sich an unsere kleine Absprache betreffs der restlichen Kapitel, ich warte....Die Zuhörer lachten, schauten hierhin und dorthin, aber als Aufforderung, weiter zu lesen, wollte ich das nicht werten. Also bedankte ich mich. Nun wurde applaudiert, aber zu spät.

Musste anschließend über eine Stunde im Bahnhof verbringen. Beobachtete Angestellte des amerikanischen Frittenbräters MCDonalds beim Bekleben einer Eingangstür mit verschieden großen silbernen Sternen. Er stand auf der Leiter, sie hielt die Bögen mit den Klebe-Sternen. Nach jedem Stern wurden Diskussionen geführt. Beide lachten viel.

Sah einen Glatzennazi mit Flügeln. Sicher kennen sie Asterix. Er hat doch diese kleinen Flügel an seinem Helm. So sahen die meines Glatzennazis auch aus. Nur aus gegeltem Haar, sehr viel kleiner und an zentraler Position über der Fontanelle. Vielleicht wollte er zum Führer. Würde ihm das wünschen, dann müsste ich ihn nicht sehen, denn Dummheit gepaart mit Gewaltbereitschaft verursacht mir Übelkeit.

 

Mo 24.11.03 16:46

Hermann Mensing Dorffeldstraße 19 48181 Münster
www. hermann-mensing.de - fon: 02534 - 7880 e-mail: gnisnem@compuserve.de

An den ... Verlag

Guten Tag,

keine e-mail heute, der Inhalt wiegt schwerer und will beachtet werden.
Um Folgendes geht es: ich habe in diesem Jahr gut 40 Mal gelesen. Häufig waren Buchhändler auf diesen Lesungen, mit vielen habe ich - ebenso wie mit den jeweiligen Veranstaltern - anschließend gesprochen.

Tenor bei fast allen Lesungen war, dass man meine Bücher (ich habe mich quer durchs Repertoire gelesen) gut bis sehr gut fand.
Die Veranstalter zeigten sich jedoch oft verwundert darüber, dass meine Romane nicht in den Buchhandlungen vorrätig waren.
Die Buchhändler sagten mir dazu, dass sie von fast allen Verlagen Leseexemplare bekämen, das erleichtere es ihnen, Auswahl zu treffen und Käufern u. U. beratend zur Seite zu stehen. Ich glaube, dass die Sackgasse 13 auch mit einem Leseexemplar beworben wurde, danach aber keiner meiner Romane mehr (falls ich mich richtig erinnere).

Du weißt aus unseren Gesprächen, dass ich sehr gern lese.
Und ich weiß aus meinen Lesungen - wie heute von 80 Gesamtschülern des 10. Jahrgangs, die "Große Liebe Nr.1" als Klassenlektüre gelesen hatten und denen ich aus "Abends am Meer" vorlas - dass ich meine Zuhörer in der Regel auf meine Seite bringe.

Wenn aber in der örtlichen Buchhandlung kein Roman von mir vorrätig ist, ist die Mühe fast umsonst. Zwar verteile ich auf Lesungen Autogrammkarten, in der Hoffnung, dass jemand hintendrauf schaut und nachfragt, um zu bestellen, aber ich weiß eben auch, wie Schüler sind.

Was ich mit meinem Brief erreichen will, ist, dass wir zu einer Übereinkunft über in Zukunft auszuliefernde Leseexemplare zu meinen Romanen kommen. Ich will sie nicht nur zu einem Roman, sondern ich will, dass so etwas die Regel wird.

Natürlich höre ich dich jetzt von Kosten sprechen. Aber Romane von Autoren zu veröffentlichen und nur darauf zu hoffen, dass sie sich irgendwann durchsetzen, kostet letztendlich sicher mehr. Ich weiß aber, dass man Autoren durchsetzen muss, um mit ihnen Geld zu verdienen. Das liegt in eurem wie in meinem Interesse.

Du weißt aus Gesprächen mit mir, dass ich mich bei ... gut aufgehoben fühle. Noch besser fühlte ich mich, wenn wir versuchten, dem Autor H. Mensing noch ein wenig mehr Rückendeckung zu geben. Dann würde es ihm noch mehr Spaß machen, den nächsten Roman zu schreiben, und vielleicht gelänge es uns dann in absehbarer Zeit, die Phallanx der ewig wiederkehrenden fünf Verlage, deren Romane in Literaturbeilagen für Kinder- und Jugendliteratur besprochen und mit Preisen bedacht werden, zu durchbrechen.
Das wäre doch ein Ziel oder?
Manchmal riecht das geradezu nach mafiösen Strukturen, jedenfalls nach Vetternwirtschaft, wenn es immer wieder Beltz trifft, Carlsen, Hanser, Ravensburger oder Oetinger.
Ich finde, es sollte auch mal uns treffen.

So, das war's, was ich zum ausgehenden Jahr 2003 zu sagen hatte, ausgelöst durch ein Gespräch heute mittag nach der Lesung, das aber (wie geschildert) nur eines von vielen ähnlichen war.

Ich wünsche dir was und erwarte hoffnungsvoll deine Antwort.

Hermann

PS. Und nicht vergessen: ich benötige Autogrammkarten. Upgedatete Autogrammkarten, will sagen, mit den nächsten Veröffentlichung hinten
drauf.

 

Di 25.11.03 16:21

Nach schweren Verdauungsstörungen, verbunden mit alarmierenden Warnungen von Dr. Scandisk, ist mein Rechner nun wieder gesund. Musste mir vor lauter Ärger ein paar Schuhe kaufen, waren aber sowieso fällig, insofern ist diese Geldanlage gerechtfertigt.

 

Mi 26.11.03 13:05

Wieder mitten im Roman. Muss aufpassen, dass es mich nicht aus der Kurve trägt. Aber Kürzen geht immer noch. Heute heißt es also endlich wieder: raushauen die Scheiße. Morgen wird in Dorsten gelesen, dann ist wieder Zeit fürs Schreiben bis zum 9. Dezember, da wird in Düsseldorf gelesen, am 15. Dezember in Rheda Wiedenbrück, dann ist erst einmal Feierabend.
Erste Lesungen für's nächste Jahr sind gebucht.
Eine Lesetour Ende April zwischen Freiburg und Ravensburg. Eine Weihnachtslesung in Herne. Und ein Gruselspektakel im Juni.
Also vorwärts Leute. Bucht M. Und kauft meine Bücher.

 

Mi 27.11.03 5:37

Ich sitze im Tigersessel und schaue nach draußen. Meine Mutter sitzt auf dem Sofa. Geräuschlos verdunkelt sich plötzlich der Himmel. Eine Tragfläche taucht auf. Riesig. Dann das Heckteil eines Flugzeugs. Es hat die gleiche Musterung wie der Bezug unseres Tigersessels. Meine Mutter sagt: O Gott, hoffentlich sind die Kinder nicht draußen. Dann erwache ich. Ich höre ein Flugzeug im Landeanflug.

17:02

Herr M. las heute in Dorsten, einer kleinen Stadt am Nordrand des Ruhrgebiets. Man war sehr zufrieden mit ihm. Vertreter des Kulturamtes und der Stadtbücherei stellten ihm Lesungen für 2004 in Aussicht. Man sagte, man verfüge über entsprechende Mittel. Man wolle sich bei ihm melden.

Herr M. las aus "Flanken, Fouls und fiese Tricks".
Er hatte sich gestern Abend entschlossen, den Roman so zu kürzen, dass er die Schlüsselszenen lesen, den Rest frei erzählen konnte.
Ob das Früchte getragen hat, war schwer zu beurteilen.
Schüler der 7. Klasse befinden sich mitten im Verpuppungsprozess. Man muss vorsichtig sein mit ihnen. Einmal zu oft Mama gesagt, und sie glauben, man halte sie noch für Kinder, wo manche Gesichter doch schon Streußelkuchen ähneln.
Man darf auch nicht erwarten, dass sie Gefühle zeigen.

Das anschließende Gespräche war jedoch sehr lebendig, woraus M. zu schließen wagt, dass er nicht nur die Weichen für weitere Lesungen gestellt hat, sondern sich auch in der Erinnerung des ein oder anderen Schülers festsetzen konnte.

Vor Begeisterung stieß Herr M. beim Präsentieren seiner übrigen Romane ein gefülltes Wasserglas zu Boden. Anschließend verteilte er Autogrammkarten. Dann saß er noch lange mit den Offiziellen und ließ sich Versprechungen machen (s.o.).

Das Flugzeug ist noch nicht abgestürzt.
Sobald es so weit ist, wird sich Herr M. - falls er überlebt, sofort melden.

 

Sa 29.11.03 10:14

Nun ja, es ist nicht abgestürzt. Aber wer weiß, was nicht ist, kann noch werden.

 

So 30.11.03 11:22

Alle waren schwer betroffen, gestern Nacht auf der Aids-Gala in Kapstadt. Allerweltsweisheiten tropften ihnen vom Kinn, und Sänger, von denen ich noch nie gehört hatte, reimten die Hoffnung auf heile Welt.

Am Schlimmsten war Cat Stevens, der - seit er vor dreißig Jahren plötzlich vom Pop-Himmel verschwand - alle Mühe darauf verwendet hat, ein muslimischer Eiferer zu werden.
Er nennt sich seitdem Yussuf Islam und sieht aus wie ein Mufti im Bazar von Kandahar.
Yussuf hatte den Text von "Wild World" ein wenig modifiziert, darüber aber offenbar den Refrain vergessen. Möglicherweise war er hinter all den heiligen Suren, die er stattdessen seit dreißig Jahren dort speichert, verschollen.

Sie merken: ich hasse religiöse Eiferer.
Christen, Juden, Muslime, Hindus.
Mir wird schlecht, wenn ich sie auch nur von weitem sehe.

Yussuf sang tapfer gegen den Soweto Gospel Choir an.
Peter Gabriel, der ihn begleitete und in einem grau-braunen Fantasiegewand aussah wie eine Mischung aus Robin Hood und Daila Lama, hatte alle Mühe, die musikalische Fassung zu bewahren.

Einziger Lichtblick dieser Veranstaltung an einem Frühlingsabend in Kapstadt war der Auftakt mit Beonce Knowles, die - statt korrekte Reden zu halten - rhythmusgenau und überaus inspiriert sang, während sowohl sie als auch ihre miniberockten Tänzerinnen Vaginaltänze höchster Eindringlichkeit vorführten.
Nelson Mandela, der wieder eines seiner farbenfrohen Hemden trug, saß auf einem Sessel in der Vip-Lounge und rieb sich die Hände.

 

 

 

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