November 2014                           www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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Sa 1.11.14 12:04

Frühstück auf dem Balkon. Ich habe nicht einmal Socken an. Gestern im Kreise von Freunden, die alle Bier tranken, eine Flasche Rioja und zum Abschied noch einen doppelstöckigen Whisky getrunken. Beim ersten Erwachen gegen sieben verkatert und auch jetzt noch erschöpft, aber schmerz- und schwindelfrei. Allerseel. Allerheilig. Das waren früher Tage, an denen man die Hand kaum vor Augen sah, so feucht und neblig war das, und jeder musste zum Friedhof, Kerzen aufstellen. Heute hingegen: Frühsommer.

21:46

Nachmittags in den Pilzen. Der Wald voll von uns nicht bekannten Arten, schade, nur zwei maronenartige Röhrlinge, die wir mit Zwiebeln brieten.


So 2.11.14 16:21

Frühstück gegen elf auf dem Balkon, Kaffee und Kuchen am Nachmittag auch. Weihnachten wird gegrillt.

Mo 3.11.14 12:40

Ich war auf dem Rad unterwegs. Es war schon dunkel. Als ich am Zoowald entlang Richtung Aa-See fuhr, sah ich im Schein meiner Lampe große Pilze am Wegrand, jedenfalls nahm ich an, dass es Pilze waren, weiß und aufrecht, aber da war ich schon weiter. Nach zwanzig Metern kehrte ich um, um sie mir genauer anzuschauen.

Merkwürdige Kreaturen, solche hatte ich noch nie gesehen, wenngleich ich mich erinnerte, dass wir uns vor ein paar Tagen in einem unserer Pilzbestimmungsbücher ähnliche angeschaut hatten. Ich erntete sie. Bei M. angekommen, sagte ich, du glaubst nicht, was ich in der Tasche habe, sowas hast du noch nie gesehen. Zeig her, sagte sie und war sofort begeistert. Wir forschten im Internet und fanden in kurzer Zeit, dass es sich zweifelsfrei um Herbstlorchel handelt, ein kulinarischer Genuss, hieß es, der weder Salz, Pfeffer, Zwiebeln noch Speck benötige, sondern für sich spräche. Und so sieht die (der klingt irgendwie falsch) Herbstlorchel aus, wunderbar, finde ich, ist sie doch weder Pflanze noch Tier, sondern irgendetwas dazwischen.





Di 4.11.14 18:21

Êrster Herbsttag. Ich habe Bücher. Ich habe ein Sofa und eine Decke. Ich muss nichts mehr. Angenehm, sehr angenehm.


Mi 5.11.1420:36

Neues aus dem Heim

Komisch, plötzlich kommt Freude auf. Eine Enkelin hat dem Opa gesteckt, wie sein Smartphone funktioniert. Seitdem ist der Opa beschäftigt. Er hat jetzt, sagt er, mit Hilfe der Enkelin, einen Facebook Account eröffnet, er weiß zwar nicht, was das soll, sagt er, aber die Enkelin (12 Jahre alt) hätte gesagt, wirst schon sehn, Opa, das macht dir bestimmt Spaß. Und jetzt hört man ihn manchmal laut lachen. Dann ist es ringsum sofort noch stiller, als es sowieso still ist hier, totenstill wäre quasi ein Euphemismus, also so still, und kann winkt Opa Vertraute herbei, die ihre Rollstühle bzw. Beine, gestützt durch alle möglichen Gehhilfen, in Bewegung setzen, um auf Opas Smartphone (ein verdammt großes Smartphone, woher hast du eigentlich, Egon) diese Filme zu gucken. Lustige Tierfilme meist, aber seit gestern ist es noch besser. Seit gestern weiß Opa Egon auch, wie Aloha Tube geht, oder Your Porn. Das kann noch was werden, im Heim, Opa Egon muss nur aufpassen, dass die russischen Pflegerinnen ihm nicht drauf kommen.


Do 6.11.14
15:54

Der Schriftsteller M. hat sich zurückgezogen. Es ist fast so, als gäbe es im Augenblick nur den ein wenig um seine Gesundheit besorgten, älteren Herrn, der das Rauchen eingestellt hat und den Kaffee koffeinfrei trinkt, so kommt dem ehemaligen Schriftsteller das vor, wenngleich er sich natürlich jederzeit davon überzeugen kann, dass es ihn einmal gegeben haben muss, unzweifelhaft, denn da stehen ja Bücher in seinem Regal, auf deren Umschlägen sein Name steht, und in den Tiefen seiner Festplatten schlummern Dateien, die irgendwann von ihm angelegt worden sein müssen, es gibt Hörspiele und Theaterstücke von ihm, also - was hat er?

Es scheint, dass Herr M. noch immer nicht ganz begriffen hat, dass er von allen Stationen, die der Mensch im Laufe seines Leben durchläuft, nun eine der letzten erreicht hat. Er weiß, dass noch viel Leben vor ihm liegt, er weiß aber auch, dass er Rentner ist. Fast allen Rentnern geht es ähnlich wie ihm: eine Weile, die kurz oder lang ist, sind sie noch Rentner, dann sind sie tot.

Das beschäftigt ihn. Es beschäftigt ihn so sehr, dass es ihn auch beunruhigt. Er beobachtet das. Eine Weile wird er die dadurch hervorgerrufene Erschütterung noch akzeptieren, wenn dann keine durchschlagene Besserung einsetzt, wird er wohl oder übel mit einem Arz sprechen müssen. Jetzt aber noch nicht. Jetzt geht er besser vor's Haus, dreht eine Runde, das ist gut für die Nerven.
Das Wetter ist frisch und golden, und heute Abend geht er zu einer Ausstellungseröffnung.

17:09

Während ich im Atelier stand und Fotos der 93er Biennale in Venedig scannte, Dias der Arbeiten in den verschiedenen Länderpavillionen, vornehmlich aber dem der BRD mit Nam Yun Paik, fiel mir auf, dass, während der Fokus der Aufnahmen entweder auf die Arbeiten oder den Künstler selbst gerichtet ist, die Künstler meist einen bescheidenen Eindruck machten, während die den Künstler umstehenden Menschen eitel darauf bedacht schienen, von diesem wahrgenommen zu werden. Das wird vor allem bei der Preisverleihung des Goldenen Löwen deutlich. Paik immer in schwarzer Hose mit weißem Hemd ohne Manschettenknöfpe, immer mit Hosenträgern, einer davon in sich gedreht, wohl eine Marotte, wie der Hasenfuß bei manchen, ringsum Damen, strahlend.


22:01

Der Mongole hatte Besuch. Vier große Männer kamen zur Tür herein und grüßten. Sie sprachen Englisch. Sie gingen herum. Der Mongole zeigte ihnen seine Arbeit. Wenig später verabschiedeten sie sich. Ich fragte den Mongolen, ob das die Jungs von der mongolischen Band gewesen wären, die demnächst hier spielen. Nein, sagte er, einer war mein Schwager, die sind hier, um Autos zu kaufen. Ach. So weit ist es jetzt. Zu Anfang waren es die Polen, dann die Ukrainer, die Russen, die Balten, jetzt also die Mongolen. Ja, sagte der Mongole, die Mongolen sind so ein bisschen wie die Russen, sie protzen gern. Mein Schwager und die anderen wollen hier Mercedes Vans kaufen, in der Türkei nach persönlichen Wünschen der Käufer umbauen lassen, um sie dann von dort in die Mongolei zu verschiffen. Und das ist ein Geschäft? Na, sie versuchen es, sagte der Mongole. Sie haben für die ersten Wagen schon Käufer. Und warum wenden sie sich nicht nach China oder nach Japan. Das ist doch näher. Ja, schon, sagte der Mongole, aber es müssen deutsche Wagen sein, die haben einen besseren Ruf.


Fr 7.11.14
19:04

Ich hatte im Vorfeld mit ihm über den Preis einer Stunde gesprochen, zwischen zwölf und vierzehn Euro. Das ist nicht viel, aber im Vergleich mit den Stundenlöhnen für andere Hilfstätigkeiten, die ich in meinem Alter noch ausüben könnte, auch nicht wenig. Ich hatte ihm die Wahl gelassen. Was kannst du zahlen, hatte ich gesagt, aber er hatte sich nicht geäußert. Also habe ich mich geäußert. Als ich die Rechnung schrieb, hatte ich gezögert. Ich habe überlegt, ob ich die goldene Mitte wählen sollte, oder den Stundenpreis lieber erst nach getaner Arbeit und nochmaligem Gespräch eintragen sollte, ließ es dann aber und entschloss mich für den Höchstpreis. Was sind schon vierzehn Euro gegen eine Schriftstellerstunde. Die liegt, wenn ich lese, bei dreihundert Euro. Dreihundert Euro sind viel Geld, aber der Kunde zahlt ja nicht für die Stunde, die ich aus meinen Romanen vorlese, er zahlt für das Leben, das ich geführt habe, um überhaupt Romane schreiben zu können, er ermöglicht Kultur, und in diesem Licht sind dreihundert Euro nicht viel. Ich habe in vierzehn Stunden über tausend Dias digitalisiert. Das hat Spaß gemacht, allerdings hat es die Schultern verspannt und die Beine ein wenig schwer gemacht. Das macht aber nichts, denn jetzt ist mein Konto straight, was nicht ganz einfach war, denn die Rente des laufenden Monats wird rückwirkend gezahlt, so dass man immer einem Soll hinterher rennt.

21:13

Was mit Gans essen steht im Raum. Gans, Rosenkohl, Maronen. Sonntagabend. Hört sich das gut an?


So 9.11.14
00:00

die nacht geht rund,
das große bett ist voll erinnerung,
ich lege mich ins alte bett,
das bett der letzten jahre,
und hoffe dort auf tiefen tiefen schlaf.


11:06

Kraniche. Eine V-Formation nach der anderen auf dem Weg. Man wird klein dann, spürt Demut, hört die Vögel rufen und würde gern mitfliegen.


Di 11.11.14 13:25

Ich war in New York. Dort kaufte ich mir Halbschuhe aus Lachsfilet. Ich konnte gut darin laufen. Normalerweise lande ich in New Yor immer an einem Strand, in der Hoffnung, von dort den Weg zu den "hohen Häusern" zu finden, aber diese Nacht war das nicht so. Diese Nacht fuhr ich in einer Straßenbahn herum. Es war frostig. Es schneite. Ein Junge stand mitten auf der Straße. Der Straßenbahnfahrer schrie, er möge von der Trasse gehen, er könne nicht bremsen. Der Junge blieb, der Straßenbahnfahrer fuhr drumherum. Ich rauchte eine Zigarette, wusste aber sofort, dass ich schon vor jetzt sieben Wochen aufgehört hatte zu rauchen, aber das wusste in New York ja niemand. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Hier leuchtet es rosa, gelb, braun und in Resten durchscheinend grün. Der Himmel hängt tief. Vor etwa einer Stunde noch Nachzügler der großen Kranich-Emigration vom Sonntag, ansonsten Ereignislosigkeit. Ich werde sie nicht weiter aufhalten. Soll sie ereignislos bleiben, Hauptsache, ich verliere nicht den Kopf.


Mi 12.11.14 15:31

Die beiden sind verschieden wie Tag und Nacht. Lange haben sie sich nicht einmal gegrüßt. Erst nachdem die Mutter des einen gestorben war, fing das an. Jetzt sprechen sie sogar miteinander. Sie treffen sich in der Stadt. Der eine sagt, er sei auf dem Weg zum Neurologen. Was ist los? fragt der andere. Manchmal falle ich um, sagt der eine. Ich werde nicht ohnmächtig, ich falle um. Ich kann das nicht kontrollieren. Der Neurologe hat ein MRT gemacht. Kein Befund. Er weiß es auch nicht. Das erinnert mich an meine Katze, sagt der andere. Die ist in den letzten Wochen drei- oder viermal umgefallen. Als hätte ein Schwindel sie erfasst. Ach, sagt der eine. Und selbst? Muss, sagt der andere. Bisschen nervöses Herz augenblicklich. Ist aber schon deutlich besser.


Do 13.11.14
12:34

Interessanter Artikel über die Wirkungen von Placebos. Bei Versuchen stellten Wissenschaftler fest, dass die Heilungserfolge der in einer Versuchsreihe mit Medikamenten behandelten Patienten denen der mit Placebos behandelten fast gleichkamen.
Dazu fällt mir ein, dass manchmal schon der Besuch eines Arztes, ja, sogar der Vorsatz, einen Arzt zu besuchen, zur Sofortheilung führen kann. Das stellt natürlich Fragen. Mein virtueller Yoga Lehrer versichert mir, dass Selbstaffirmationen Wunder wirken können. Das Volk sagt, Glaube könne Berge versetzen. Ich halte mich fortan also an die folgenden Schritte zu einem besseren Leben: Anspannung - Entspannung, Affirmation, Autosuggestion, Visualisierung, Stille.

Die Herbstsonne wirft fahles Licht auf den Rasen, der unwirklich leuchtet. Gestern habe ich mit allen Mitteln versucht, meinen plötzlichen Herztod herbeizuführen, denn, so die Überlegung, sollte mein unruhiges Herz der letzten Zeit doch keine psychischen Ursachen, sondern organische haben, hätte es nun Gelegenheit gehabt, zu kollabieren. Tat es aber nicht, im Gegenteil, zwei Stunden hardcore Salsa konnten ihm nichts anhaben. Es ist also unzweifelhaft das Alleinleben, an das ich mich gewöhnen muss, das Warten auf eine Entscheidung der Verleger, das Warten auf Godot und natürlich die Zweifel, ob je wieder ein neuer Roman begonnen wird, oder ob es sich ausgeschrieben hat, das mein Herz unruhig werden lässt.

Morgen besucht mich ein junger chilenischer Soziologie-Doktorand, der, wenn wir überein kommen, für die nächsten zwei Monate bei mir wohnen wird. Das tut meinem Budget gut, und was meinem Budget gut tut, tut auch meinem Herzen gut, ich spüre es jetzt schon, Spontanheilung ist angesagt, so wie damals, als ich Pop-Life beendet hatte und unter Herzrhythmusstörungen litt, die mit dem Besuch eines Kardiologen vollständig verschwanden. Mein Herz ist ein feiner Sensor. Aller Kummer, alles Unheil hinterlässt Spuren an- und in ihm, so dass ich mein letztes Lebensdrittel der allgemeinen und rundum betriebenen Entschleunigung widmen werde.


Fr 14.11.14
10:56

Gestern habe ich eine Lesung im Café Arte verabredet. Am 15. Januar 2015 lese ich dort "Wo das Gold liegt" und Ausschnitte aus "Mitten im Geschwätz". Ich lese auf Eintritt, also müssen viele Menschen kommen.




Bei einem Spaziergang gestern abend sah ich diesen verloren gegangenen Tiger.





Sa 15.11.14
11:33

Wir hatten uns auf 17 Uhr verabredet, zwei Minuten vor der Zeit stand er vor der Tür. Er ist klein. Er hat einen festen Handschlag. Er sieht nicht spanisch aus, eher indigen, ich hielt ihn für zwanzig, aber er ist 27 und verheiratet ist er auch. Er macht nicht viele Worte, aber das Schweigen zwischen uns war nicht unangenehm. Das, was zu sagen war, haben wir gesagt. Ich habe ihn auf ein improvisiertes Essen eingeladen, ich überließ ihm die Wohnung zum Zeichen meines Vertrauens und ging einkaufen, als ich wiederkam war in meinem Zen-Zimmer, das demnächst seines wird, wir aßen zusammen, er erzählte mir von seinen Plänen, er mag Queen, Bob Dylan, AHA, Franz Ferdinand, Radiohead und die Rolling Stones. Auf Google Maps schauten wir uns seine Heimatstadt an der Pazifikküste Chiles an. Irgendwann gegen sieben setzte er sich auf sein Rad und fuhr zurück nach Münster. Ab 1. Dezember wird er für zwei Monate bei mir wohnen. Ich bin gespannt und ich freu mich drauf.

Treibe meine Entgiftung noch ein bisschen weiter und verzichte probeweise auf Kaffee. Mal sehn, wie das wirkt. Neblig trüb da draußen, mir wird nichts bleiben, als noch einmal vor die Tür zu gehen, aber damit lasse ich mir noch ein wenig Zeit. Ich roll mich aufs Sofa und lese. Haus ist geputzt.

13:35

Dass man die Welt nicht versteht, ist nicht neu. Aber man spürt, dass etwas vorgeht. Man spürt, dass man acht geben muss. Man kann die Dinge nicht einfach so weiter laufen lassen, man hat nicht einmal Worte, wenngleich man sein Leben auf Worte gegründet hat, von denen man glaubte, es wären die eigenen. Nicht einmal das weiß man. Man spürt nur, dass etwas vor sich geht. Etwas geht vor sich, und man ist mittendrin. Entweder, es wirft einen um, oder es bringt einen weiter. Man denkt, aber was denkt man. Man denkt, Schuhe und Hose anziehen, Jacke, Mantel, Einkaufstasche nehmen, etwas zu Essen besorgen. Das ist einfach. Das kann man gerade noch verstehen. Alles andere entzieht einem seine Bedeutung. Falls es, denkt man, bedeutend ist. Und kaum hat man etwas verstanden, kommt schon die Frage: was essen?

17:55

langsam gehen
langsam. nicht schnell.
langsam leben.
so langsam. dass man.
wenn man. schon schläft.
langsam. damit das.
damit das herz.
mit das herz zeit hat.
zu sterben.


So 16.11.14
12:50

Bekanntlich ist der Tag nicht vorm Abend zu loben, und ich bin erst seit einer halben Stunde auf den Beinen. Gegen halb neun war ich kurz auf den Beinen, sah, dass draußen nur für Hartnäckige etwas zu holen war und rollte mich wieder ein. Schlummerte, übte das zentrierende Ein- und Ausatmen, las, beste Literatur ist im Hause, letzte Woche Houellebecq "Karte und Gebiet", im Augenblick Max Blaeulich "Gatterbauerzwei oder Europa überleben". Den Nachmittag werde ich mit den Enkeln vertrödeln, später mit M. Forellen essen. Sollte ich also doch frühzeitig loben? Ich mag diese trostlosen Tage. Sie befördern den Müßiggang und die Langsamkeit. Apropros: Empfehle in diesem Zusammenhang Sten Nadolnys Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit".


Mo 17.11.14 10:27

Ich wüsste gern, was die Stunde geschlagen hat, tappe aber im Dunkeln.


14:46

wenn ich sehnsucht parkte,
lücken wären überall,
wenn ich flöge,
im himmel wär überschall,
wenn ich nicht verzagte,
könnte es möglich sein,
dass ich ankomme und heil werde,
oder wieder nur weil werde?

du hast keinen blassen schimmer,
du weißt nicht,
worauf du dich einlässt,
ich bin ein schläfer,
der irgendwann explodiert.
mach mich heil, geb mir leine,
halt mich nicht auf, lass nicht los,
such eine antwort und schenke sie mir,
ich werde sie nicht verstehen.


Di 18.11.14
15:39

Heute sind wir sehr gesund.

19:13

Haben zur Feier des Tages ein heißes Bad genommen. Das tun wir selten. Wir bevorzugen das Duschen, heute aber saßen wir in ordentlich heißem Wasser und murmelten still und fest zu uns selbst Autosuggestionsformeln unseres Online Yogameister: Ich entspanne meinen linken Fuß - usw. usw. bis: Ich entspanne mein rechtes Ohr. Dann: stillen See visualisieren, blauer Himmel etc. pp. Das mag sich für manchen blöd anhören, funktioniert aber erstaunlich gut, wenngleich nicht in der Wanne. Wir hielten es dort nicht lange aus, denn unser Badezimmer ist wie gemacht für klaustrophobische Anwandlungen. Nicht, dass wir darunter leiden, nein, wir hatten nur keinen Spaß in diesem wandschrankgroßen Raum ohne Fenster. Wenn Sie nun fragen, wer wir ist, kann ich nur sagen, nun: ich und der andere, der immer dabei ist und bis vor kurzem noch unter dieser hundsgemeinen Seuche litt. Alles war still. Kein Radio. Keine Musik. Niemand anwesend außer uns, das empfanden wir als äußerst wohltuend und unserer Gesundung zuträglich. Manch einer/eine mag das nicht verstehen, hält uns gar für brüsk oder lieblos, wir aber hatten seit gestern das immer deutlicher werdende Gefühl, dass es auf Dauer zwecklos sei, dem Alleinsein durch Zweisamkeit auszuweichen, es quasi wegzumenscheln. Stattdessen bis zum Wochenende Hard-Core Alleinsein, nur durch drei Lesungen morgen und Freitag, unterbrochen. Stilles Rumsitzen. Lesen. Lesen. Möglicherweise stundenlanges Spazierengehen. Ruhiges Zubereiten von Speisen. Zwischendurch Getränke. Unter Umständen Samstag Stoppok in Ahaus. Das wär's dann aber auch.


Mi 19.11.14
15:50

Hin und wieder fällt meine Katze vom Stuhl, vom Radio auf der Fensterbank, auf dem sie gern sitzt, oder von der Sofalehne. Sie kippt seitwärts weg, meist nach links, und fällt auf den Boden. Dort kauert für einen Augenblick eher verwirrt, dann ist sie wieder die alte. Zum ersten Mal hatte ich das vor vier Wochen bemerkt. Ich kontaktierte einen Tierarzt, der sagte, ich solle sie beobachten. Seit dem ersten
Mal ist sie vier oder fünf Mal umgekippt, deshalb ging ich gestern mit ihr zum Arzt. Er hörte ihr Herz ab und meinte, da sei ein Geräusch. Die Zustände, in die meine Katze also gerät, erklärte er, seien Synkopen, vorausgesetzt, es handle sich um einen Herzfehler, was er jedoch noch nicht sagen könne, erst nähme er Blut ab. Synkopen, fragte ich. Die kenne ich als Schlagzeuger. Das bedeutet? Kurze Ohnmachten, sagte er, aber wie gesagt, erst Blut abnehmen. Meine Katze hatte grundsätzliche Einwände gegen die Blutabnahme, sie war kaum festzuhalten, so dass nichts blieb, als sie in eine enge Tasche zu stecken, in der vorn zwei Löcher für die Beine waren, so war sie bewegungsunfähig, aber Klagelaute konnte sie singen. Der Arzt rasierte am rechten Vorderbein ein Briefmarken großes Stück frei, stach eine Kanüle in die Vene und ließ Blut in kleine Röhrchen tropfen. Nun warte ich auf den Befund.

Fix und fertig. Drei Lesungen heute, ca. 180 Minuten gesprochen, das geht auf die Stimmbänder. Und natürlich wieder schlecht geschlafen, wie immer vor Lesungen. Dieses Lampenfieber geht einfach nicht weg. Schön aber war's. Ich lese ja gern. Mehr vielleicht morgen. Jetzt wird ein Stündchen geruht.

19:57

Der Befund ist da. Morbus Basedow, eine Schilddrüsenerkrankung, die den Herzmuskel angreift, was zu den genannten Synkopen führt. Behandelbar ist das mit zwei Tabletten täglich, aber ich werde mir und ihr das nicht antun. Eines Tages also, demnächst oder erst in einem Jahr, wird sie den Herztod sterben. Sie ist dreizehn oder vierzehn Jahre alt, ein ordentliches Katzenalter, ich lasse sie also sterben.


Do 20.11.14
15:11

Der erste Satz ist die Eitelkeit. Kaum steht er, breitet sich erregte Erwartung aus. Manchmal beschleunigt sie das Herz, manchmal nicht. Dann fragt man sich, wie es weiter geht. Erzählt man von der Lesung gestern? Kann man sie auf einen Satz zusammenschnurren? Ja. Man kann. Ein junges Mädchen fragt nach der zweiten Lesung, wie es sein könne, dass ich die in "Abends am Meer" auftretenden jungen Menschen so gut verstünde? Das wird damit zu tun haben, dass ich nie erwachsen geworden bin, antworte ich. Wieso aber diese meine Fähigkeit nie dazu geführt hat, den Absatz meiner Bücher zu beschleunigen, um mir ein kleines finanzielles Polster um die Hüften zu legen, bleibt weiter ein Rätsel.


Fr 21.11.14 12:32

Kundenwunsch ist mir Befehl, aber ich wusste, dass Flanken, Fouls und fiese Tricks eine dritte Grundschulklasse überfordern würde, die Geschichte ist zu komplex. Aber da war die Lehrerin, da war das Buch, das sie gekauft hatte, also bitte. Voll die Meise hätte funktioniert, Der zehnte Mond, die Räuber, die Sackgasse sowieso, aber wie gesagt, Kundenwunsch... Einige Kinder saßen auf dem Fußboden, andere auf Stühlen, wieder andere lagen auf Tischen. Das mag bequem sein, für einen Vorlesenden sind das keine guten Bedingungen. Ich bin also ganz und gar nicht mit mir zufrieden. Es war die letzte Lesung des Jahres und ich hätte es gern krachen lassen, ich weiß, wie das geht, aber nicht mit diesem Buch in einer dritten Klasse. Bisschen schade. Aber jetzt hinaus. Die Sonne scheint. Ich habe gut verdient. Das' ja auch was wert.


Sa 22.11.14 10:27

Wollen wir den Tag mal nicht vor dem Abend loben, aber das System scheint sich zu stabilieren. Das ist schön, denn unstabil erinnert es einen den ganzen Tag über daran, dass es unstabil ist, man denkt dann nichts anderes und dreht sich in einer sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wie gesagt, das scheint vorüber. Jetzt sprechen wir nicht mehr davon. Heute abend tanzen wir uns den Arsch ab. Und dann, irgendwann, werden auch wieder vernünftige Sätze gelingen. Hoffen wir.

So 23.11.14
15:12

Drei Stunden war ich unterwegs, mehrere Anhöhen, die mein Herz bis zum Halse schlagen ließen, Abfahrten gleich darauf, Wald, Wiesen, Stadtrand, Kanal, Mülldeponie,
alles am Weg. Fast schon zuhause habe ich dieses Foto gemacht.




17:42

würde gern zu stoppok nach ahaus fahren,
aber das geld liegt nicht auf der straße,
also hier geblieben, nicht fort gelaufen,
nicht im fetten bass gebadet,
nicht überland durch die nacht,
stattdessen am tisch in der küche,
im epizentrum meines niedergangs.
älter werden.
achtung, für alle jungen,
macht euch auf was gefasst,
das ist kein zuckerschlecken,
ich sag's euch,
dabei geht es mir gut,
ich bin kein krüppel,
ich schiebe keinen rolator,
kein schlag hat mich getroffen,
nichts.
nur ein bisschen unruhe
hatte mein herz angesprungen,
und die hab ich genutzt,
um das rauchen aufzugeben.
seitdem geht es aufwärts,
aber aufwärts kann auch nur eines heißen,
nicht wahr, ich weiß es, ihr wisst es noch nicht,
obwohl ihr's ahnen müsstet, ihr jungen.
17:51
der tag ist verglüht,
ich schalte den kopf aus.

Mo 24.11.14 9:38

Die Auffahrt ist gepflastert, ums Haus vorwiegend Koniferen, dennoch, ein paar Blätter sind heran geweht, hübsches buntes Laub, kaum zwei Hände voll. Das jagt er mit dem Laubpuster vor sich her, aber auf halber Strecke hält er ein. Er ist ein großer Mann, eisgrau mit eisgrauem Bart. Es scheint, er hat Zweifel. Er reckt sich. Er stellt den Puster ab, und schaut auf die paar Blätter.

13:47

Schön draußen. Geradezu herrlich.


23:02

legt mich,
legt mich allein,
legt mich allein und lasst
legt mich allein und lasst mich dort liegen.


Di 25.11.14 10:01

Hohe blauer Himmel. Der erste, schüchterne Frost heute nacht. Rauhreif auf Dächern.


13:28

Das Café hat Sonnenplätze, was es nicht hat, ist guter Kaffee. Aber um am 25. November eine Weile in der Sonne zu sitzen, ein wenig Dorfleben zu beobachten, das, zugegeben, von den immer gleichen Akteuren bespielt wird, wenngleich vorhin ein afrikanisches Paar auftauchte, das drinnen frühstückte, reicht es. Da sitze ich also. Weihnachten nur noch vier Wochen entfernt. Noch kein Geschenk. Noch nicht einmal eine Idee. Aber das Puzzle meines Lebens scheint sich langsam zu vervollständigen. Noch ist nichts zu loben oder übers Knie zu brechen, zu bereuen ist sowieso nichts,
aber es hat den Anschein, dass die letzten Wochen nicht umsonst waren. Es klart auf. Zuversicht keimt.


Mi 26.11.14 11:18

Generaluntersuchung. Blutabnahme. Stuhlprobe. Urinprobe. Blutdruck normal. Hinaus an die frische Luft jetzt, oder eher schlummern?


Do 27.11.14 10:46

Herr M. hat alle schriftstellerischen Arbeiten eingestellt. Stattdessen holt er seine Enkel
von der Kita. Die Enkel finden das toll. Beim dritten Abholen lassen sie jedoch verlauten, nun solle Papa sie wieder abholen und der Opa nie mehr. Das sind klare, deutliche Worte. Herr M. hat sie sich zu Herzen genommen. Schriftstellerische Arbeiten bleiben nun erst recht eingestellt zugunsten zunehmender, auch am hellen Tag stattfindender Ruhephasen in der Horizontalen, am liebsten unter einer Decke auf dem Sofa, noch lieber aber im Bett. Dort sinniert Herr M. still über seine sich im Keller zu Bergen stapelnden unveröffentlichten Arbeiten. Soll man sie im Falle seines Ablebens mit in seinen Sarg packen, oder doch lieber einem Literaturarchiv anbieten. Soll man also die Eitelkeit mit dem Tod enden lassen oder sie darüber hinaus fortführen. Mit derart schwerwiegenden Überlegungen nickt Herr M. ein. Als er erwacht, kann er sich an nichts mehr erinnern. Wie lautete noch die Frage? Hat es überhaupt je eine gegeben? Wer ist Herr M?


11:31

Fröhliche Melodien, die, da staunte ich doch, auch heute noch klingen, irgendwie besser als damals. Ich war Perkussionist der Band.



14:14

In eingeweihten Kreisen nennt man es Schnupperstunde. Der Lehrer, ein Guatemalteke, der ein stakkatohaftes, befehlsorientiertes Deutsch spricht, hat die Teilnehmer zusammen gerufen. Vamos vamos vamos hat er geschrien, und nun stehen sie aufgereiht, vorn die Herren, gegenüber die Damen, wie damals, im Tanzkurs. Der Lehrer gibt ein paar vor Erlernen dieses Tanzes notwendige Informationen und fordert er die Teilnehmer auf, Popopacupacu zu rufen, Popo die Männer, Pacupacu die Frauen, denn dieses Popopacupacu sei die rhythmische Grundlage des zu erlernendes südamerikanisch-karibischen Tanzes. Alle sind leicht amüsiert und ein bisschen betreten, aber so ein Schnupperkurs ist umsonst, da kann man schon mal Unsinn rufen. Gleich darauf folgt die Demonstration des ersten zu erlernendes Schrittes, genannt Basico. Auf der Stelle trennt sich die Spreu vom Weizen. Den einen fällt es beim Popopacupacu ganz leicht, andere, vor allem diese eine, ist total überfordert. Sie ist ein Bild des Jammers, jedemand sollte sie diskret beiseite nehmen und ihr raten, etwas anderes zu versuchen, sie kann hier nur scheitern, sie weiß es längst selbst, ihre Blicke verraten es, aber sie will es trotzdem. Hüftsteif und ohne inneres Wissen über die Eins. Sie trägt eine beige Bluse, die an der Vorderseite gerafft und berüscht ist. Diese Bluse rutscht immer wieder über den Hosenbund hoch, und offenbar rutscht der BH analog dazu nach unten, anders kann ich nicht deuten, dass sie da steht, unter die Bluse greift, am BH ruckt und zuckt, und dann die Bluse wieder nach unten zieht. Weiter im Popopacupacu. The beat goes on and I'm so wrong. Später sehe ich sie wieder. Sie ist hübsch. Sie hat nur überhaupt keinen Stil.

15:34

Das Telefon schellt. Eine ferne Stimme fragt: Mr. Mensing. Ja, sage ich. Die ferne Stimme, eine Frau, die Englisch wie eine Asiatin spricht, scheint in einem Callcenter zu sitzen, jedenfalls sind im Hintergrund viele andere Stimmen, die Frau also sagt: sie arbeite für Microsoft und müsse mich warnen, mein Computer sei gehackt worden. Um Schlimmeres zu verhindern, solle ich Folgendes tun. Ich unterbreche. Ich sage, ich glaube Ihnen nicht. Ich kann Ihnen das Gegenteil beweisen sagt sie: Ich kenne ihre ID, und die können nur Sie und Microsoft kennen, prüfen Sie das. Nein, nein, sage ich, ich traue Ihnen nicht. Auf Wiedersehen. Dann muss ich Ihren Computer blocken, sagt sie. Das war vor einer Stunde. Mein Computer ist nicht geblockt. Also ein Fake. Jemand wollte mich an der Nase führen.


Fr 28.11.14 13:05




das nasenbein war im dezember
bei ski in pölten weggebrochen,
worauf das hören und das riechen,
das sehen, fühlen und das kriechen
urplötzlich nicht mehr möglich war,
auch vieles sonst war in gefahr,
zum beispiel der geräuschlose verkehr,
der ging auf einmal gar nicht mehr,
nicht mal fellatio ließ sich machen,
schon gar nicht postkoitales lachen,
das leben war plötzlich sehr dull,
es war auch nicht mehr prall und full,
es war nicht die geringste wonne,
drum kloppt das bein sich in die tonne.


Sa 29.11.14 11:14

Du?
Ja.
Was tust du heute?
Dasselbe wie gestern.
Lesen?
Ja, auch lesen.
Und sonst?
Mal gucken.
Hast du gestern nur geguckt?
Ja. So ungefähr.
Und heute denn?
Heute koche ich Apfelmus.
Sonst nichts?
Nö. Ach so, doch, ich muss das Zimmer herrichten.
Und dann?
Mache ich Weihnachtsbäckerei. Heidesand.
Hmmm.
Kann ich mithelfen?
Gern.


So 30.11.14 17:58





während draußen grau geschmeidig
tief der himmel für mich träumt,
war ich wochen unvermeidlich
unleidlich - unaufgeräumt.

aber seit der letzten nacht,
unter himmelweitem fenster,
unter daunen, aber nackt,
weichen die gespenster.

draußen jetzt schon stille nacht,
drinnen auf den beinen,
habe ich mich angelacht,
will jetzt wieder scheinen.