November 2020                     www.hermann-mensing.de      

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Mo 2.11.20 11:15 / Krise Tag 233 / frühlingshaft

Pilzomelett zum Frühstück.
Laue Luft zum Lockdown.
Neues W-Lan.
Renovierungsplan steht.
Laminat und Teppichmuster geordert.
Europa ist dicht. Der Meeresspiegel steigt.
Wir springen und wissen nicht, ob der Fallschirm sich öffnet.

17:13

verfluchtes desaster
kleines gemüt
tanzbares pflaster
im kronen gestüt
seh mich hier bin ich
fass mich nicht an
weiche mir aus
sonst bist du dran
bist du herr deiner lage
oder schon idiot
stell dich der frage
die antwort tut not.

17:30

Sie hatten eine Begegnung mit
einer später Corona-positiv
getesteten Person. Ihr
Infektionsrisiko wird auf Grundlage
der Daten der Risiko-Ermittlung
dennoch als niedrig eingestuft.
Ein niedriges Risiko besteht
insbesondere dann, wenn sich
Ihre Begegnung auf einen kurzen
Zeitraum oder einen größeren
Abstand beschränkt hat. Sie
müssen sich keine Sorgen
machen und es besteht kein
besonderern Handlungsbedarf.
Es wird empfohlen, sich an die
allgemein geltenden Abstands-

und Hygieneregeln zu halten.

Di 3.11.20 19:10 / Krise Tag 233 / Spätherbst, Sonne, Wind

Jeden Tag etwas Schönes machen. Jeden Tag dem Virus in die Fresse lachen. Laufen, Fahren, Nichtstun, Arbeiten, Lesen, Essen, Trinken, Kiffen. Rundfahrt. 40 Kilometer. Fotografiert. Den Himmel geliebt und mich auch. Maronen gefunden. Braunkappe (534 Gramm schwer) und Steinpilz (154 Gramm) gefunden. Tanz getanzt. Stolz und glücklich. Morgen wieder etwas Schönes tun.


22:45

An der Straße durch die Rieselfelder Richtung Heidekrug stehen vor dem Gebäude des NABU zwei, drei Einfamlienhäuser mit Garten, Rasen und Zaun zur Straße. Als ich vorbeifuhr, bellte es. Wau, wauwauwau. Ich schaute mich um, sah aber keinen Hund. Dann wieder: Wau, wauwauwau, dasselbe Muster. Auf drei Zaunpfählen waren mit Bewegungsmeldern ausgestattete Lautsprecher installiert. Um den Hund noch furchterregender klingen zu lassen, hatten die Bewohner über jeden Lautsprecher halbschräg einen braunen Plastikblumentopf gestülpt. So etwas hatte ich noch gesehen. Es erheiterte mich.


Mi 4.11.20 18:15 /Krise Tag 234/ klar, kalt

gefährlicher reimzwang

zahlen fallen zahlen steigen
die orchester hören auf zu geigen
männer legen sich und gähnen
weil sie sich im jenseits wähnen
zahlen steigen zahlen fallen
aluhüte hör'n nicht auf zu lallen
denn das eine wissen sie
es gibt keine pandemie
das ist alles nur gelogen
an den haar'n herbeigezogen
zahlen überschlagen sich
mich betrifft das nicht
ich bin sowieso verloren
krieg im winter rote ohren
und im frühjahr heißes blut
das tut gut
zahlen steigen zahlen lügen
ich will lieber träume biegen
und mit einer warmen frau
mache ich es wie die sau
zahlen zahlen rki
f...t mich doch ins knie.


Fr 6.11.20 14:19 / Krise Tag 235 / klar

Gestern habe ich begonnen, die ersten von fast 40 Liedern, die ich mir in den letzten Jahren auf dem Klavier beigebracht habe, zu notieren, weil ich immer wieder entscheidende Akkorde vergesse und dann von vorn anfangen muss. Das Verfahren ist mühsam, macht aber Freude. Ich lade mir das Lied auf Spotify, höre es wieder und wieder, notiere mir die Melodie, dann teste ich passende Akkorde. Das geht von Man in the Green Shirt und Birdland von Weather Report kreuz und quer durch die Pop- und Jazzgeschichte. Manchmal flöte ich ein Lied, das von Gott weiß woher plötzlich hochkommt, gehe ans Klavier und notiere es. So kommt eines zum anderen. Ich habe das Klavier vor fast 30 Jahren gekauft, mich aber erst seit dem Tod meiner Frau intensiver darum gekümmert. Es rettet mich vor dem täglichen Irrwitz, vor allem jetzt, und ich lerne Noten.


Sa 7.11.20 22:10 / Krise Tag 236 / sonnig, mild

Beim Herumfahren über Land so viel Braunkappen und Hexenröhrlinge gefunden, dass wir die Nachbarn zum Essen eingeladen haben. Fanden auch einen Grauen Wüstling, essbar, aber nicht hundertprozentig zu identifizieren, denn zur Wüstlingsfamilie gehört auch der Knollenblätterpilz. Unser Wüstling glich einem, der zwar nicht umbringt, aber wohl halluzinogen sein kann und den Magen verdirbt, ein Prachtpilz. Ich habe ihn aufgeschnitten, er hatte wunderbares, festes milchweißes Fleisch, aber wir haben ihn weggeworfen.

22:34

Trump weg, als nächstes Covid 19 erledigen, weiterleben.


So 8.11.20 22:24 / Krise Tag 237 / sonnig, mild

Gegen elf habe bin ich mit dem Roller westwärts gefahren. Die Beerlage ist meine Lieblingsbauerschaft, eine Art leicht gewellter "Hochebene". Von dort durch Aulendorf, an Billerbeck vorbei nach Osterwick, über Eggerode auf den Schöppinger Berg, von dem man weit über Land schauen kann, über Landwirtschaftswege vorbei an Buchenwäldern an steilen Hängen nach Leer, Horstmar, Laer, und durch den Kümper an Hohenholte vorbei wieder nach Hause. Dort gab es feinsten Apfelkuchen mit Sahne. Die Welt ist ein Tollhaus, aber mir geht es gut.


Mo 9.11.20 22:00 / Krise Tag 238 / wechselnd wolkig, mild

Abreisetag vieler Kraniche, die, von den Riesenfeldern kommend, die Stadt in südwestlicher Richtung überflogen, während ich ein Stück Garten von vier Meter Länge und etwa 1,5 Meter Breite von Goldrute, Astern und Unkraut befreite und umgrub. Bis auf die Verwurzelungen von Goldrute und Astern eigentlich recht lockere Erde. Kaum hatte ich mit dem Umgraben begonnen, kam ein Rotkehlchen oft bis auf einen Meter heran und suchte nach Essbaren. Seit ich Vögel füttere und auf meinem Balkon auch häufig eines auftaucht, nenne ich Rotkehlchen Else. Falls das Wetter mitspielt, werde ich das Beet morgen mit einer Grabgabel bearbeiten, um so viel Wurzelwerk wie möglich aus dem Boden zu holen. Im nächsten Jahr will ich dort Kartoffeln pflanzen. Mein erstes Gartenprojekt, das sofort zu Streit führte, weil ich während der Rodung zwei Äste einer Forsytie abbrach, und das - im Gegensatz zur VG (verantwortlichen Gärtnerin) - nicht so wichtig fand. Ich neige, wenn man mir Vorwürfe macht, statt mich einfach auf etwas hinzuweisen, zu sehr direkter Reaktion. Mein vulgäres Sprachgen ist dann schneller als ich. Die VG liebt so etwas überhaupt nicht.


Mi 11.11.20 12:01 / Krise Tag 240 / neblig trüb

Guten Tag, ich hätte gern Impfstoff. -
Gern. Welche Farbe? -
So - so bläulich mit feinen Streifen, dachte ich. -
Und was wollen sie draus machen? -
Frühjahrsmasken. -
Verstehe. Kommen sie mit drei Metern aus?
Eher nicht. -
Und
das Material? -
Seide.

In diesem Sinne. Helau, Alaaf....


13:43

Hochmut
Habgier
Wollust
Zorn
Völlerei
Neid
Trägheit
aktueller denn je


Do 12.11.20 23:24 / Krise Tag 241 / trüb

Ich existiere. Immerhin.


Fr 13.11.20 14:05 /Krise Tag 242/ wechselnd bewölkt, mild

Am 13. März hat die Krise für mich begonnen. Heute, acht Monate später, hat sie sich zur zweiten Welle aufgetürmt und ihr Ende ist noch immer nicht in Sicht, wenngleich ich damals davon ausging, dass gegen Ende des Jahres ein Impfstoff verfügbar wäre. Der ist jetzt angekündigt. Jeder dieser 242 Tage war voll widersprüchlicher Mitteilungen, Zahlen, Statistiken, Alarm, immer nur Alarm, und als wäre das alles nicht genug, vergiften seit dem Sommer Querdenker das gesellschaftliche Klima.

Nicht, dass ich glaubte, man dürfe nicht quer denken, im Gegenteil, man muss quer denken. Ich mag aber deren Geschrei nicht, und die haarsträubenden Behauptungen, die sie in die Welt setzen, verursachen mir Brechreiz. Eine Weile habe ich geglaubt, das schlagendste Argument, um sie mundtot zu machen, sei, dass sich das Kapital niemals einem Lockdown gebeugt hätte, wenn er nicht nötig gewesen wäre. Aber nicht einmal das zieht bei Querdenkern, die nicht begreifen, dass es tatsächlich Eliten gibt, die nichts als ihre Interessen verfolgen, die Kriege anzetteln und vor nichts zurückschrecken. Das ist der Alltag Kapitalismus, das war von je her der Alltag der Herrschenden, eine beschämende Wahrheit, gegen die bisher kein Kraut gewachsen ist. Querdenker aber meinen etwas anderes. Ihre Eliten-Verschwörung ist ein Mix aus Science Fiction Motiven, esoterischen Spinnereien, düsterem Satanismus und Furcht. Dabei ist es im Grunde einfach: jeder Einzelne muss begreifen, dass wir einen grundlegenden Paradigmenwechsel der Politik benötigen, um die sozialen Gräben zu schließen und den Rassismus, die Ausbeutung der von uns hochmütig "Dritte Welt" genannten Länder endlich beenden müssen. Fragen Sie mich nicht, wie. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass es geschehen muss. Kann das nur die Linke? Nein, ich glaube nicht. Das können nur wir, die Linke, die Rechte, die Mitte, alle, auch die Querdenker. Aber wie gesagt: ich bin ratlos. Und im Augenblick mutlos und niedergeschlagen. Ich vermisse das Leben. Ich habe die Nase gestrichen voll.


So 15.11.20 00:37 / Krise Tag 244 / wechelnd bewölkt, mild

Gestern vormittag war ich mit dem Roller unterwegs. Ich musste aufpassen. In Kurven liegen oft Blätterteppiche, glatt wie Schmierseife. Mittags war ich mit dem Rad in der Stadt. Habe beim Portugiesen Wein gekauft und den jüngsten Sohn besucht. Die Stadt wirkte entspannt. Es waren viele Menschen unterwegs. Vor einem Supermarkt an der Wolkbecker reichte die Schlange vom Eingang bis zum Parkplatz um die Ecke, meist junge Menschen, denen spät eingefallen ist, dass Wochenende ist. Wenngleich Terrassen von Restaurants und Cafés geschlossen sind, verkauft man dennoch "to go" mit dem Hinweis, man müsse sich fünfzig Meter entfernen, eh man zu konsumieren beginnt. Das ist sehr Deutsch, andererseits: wie soll man auf eine Seuche reagieren, die man vorher nicht kannte? Die Menschen setzen sich auf die Bänke davor. Ob das der Pandemie zuträglich oder abträglich ist, weiß ich nicht, es ist jedenfalls menschlich, das freut mich.

Vorgestern war ein furchtbarer Tag.
Gestern war ein schöner Tag.
Soll ich das verstehen?

Mo 16.11.20 23:45
/Krise Tag 245 / wechselnd heute, frischer, Regen

Als damals alle sagten, ich müsse unbedingt nach Corona, hatte ich abgewinkt. Kannte ich nicht. Hatte ich noch nie gehört. Corona. Wo sollte das sein, und was sollte ich da? Gab es da gute Strände? Nein. Berge? Nein. Besser so. Ich steh nicht auf Berge. Stattdessen? Ruhe, Abgeschiedenheit, allerdings Lieferengpässe bei THC und Klopapier. Allerdings: Keiner niest dich an. Alle halten die Klappe. Die Arschgesichter besuchen dich nicht mehr. Okay, dachte ich, das hört sich nicht schlecht an.

Di 17.11.20 12:25 / Krise Tag 246 / trüb, regnerisch

Gespanntes Warten. Wenn die Mail kommt, die den Teppich ankündigt, wird ausgeräumt, abgedeckt, gestrichen, geschliffen, dann wird Blut fließen und ich werde aussehen, als hätte ich mein Lebtag nichts anderes getan, als anzustreichen. Ich werde in die Haut meines Vaters schlüpfen, der glücklich war, wenn er anstrich. Ein paar Tage werden Nägel eingeschlagen, Schrauben ein- und ausgedreht, ich habe Hämmer, ich habe einen Akkuschrauber, ich habe eine Gehrungslade, von deren Existenz ich bis vor nicht langer Zeit noch nie etwas gehört hatte, ich habe die Kraft der zwei Herzen und das Gemüt eines Kindes. Ich bin voller Zuversicht und tiefer Verzweiflung. Ich liebe, und habe keine Ahnung, wie Liebe geht. Ich bin Satz und Gegensatz.

Es steht also alles zum Besten mit Herrn M., den ich selten "Ich" nenne, höchstens, dass ich mal "mir" zu mir sage. Gib sie mir, sage ich, und weiß dann nicht, was er meint, aber es fällt mir sofort wieder ein, denn was könnte er mir im November 2020 schon geben, worüber ich freuen würde. Ein schußsichere Maske? Ja. Ich möchte gern eine schußsichere Maske, ich möchte Idiotenspray, ich möchte ein scharfes Schwert, weil ich das Leben liebe, ich liebe das Leben, weil es unmöglich ist und voller Überraschungen, ich warte. Seit 71 Jahren warte ich, und es vergeht kein Tag ohne Staunen. Der 246. Tag also, die Krise ist ernst, aber nichts ist verloren, alles kann jederzeit sein und nicht sein, alle, die einmal waren, sind bei mir.

So it goes, pflegte mein Kollege Vonnegut Jr. zu sagen.


Mi 18.11.20 20:45 / Krise Tag 247 / sonnig

Trotz Radtour niedergeschlagen.


Do 19.11.20 17:45 / Krise Tag 248 / grau

Per Dekret habe ich verfügt, dass alle alles sagen dürfen, vorausgesetzt, sie respektieren das Grundgesetz. Tun sie das nicht, werden sie in den hungernden Tiere im Zoo von Bangladesh vorgeworfen. Das haben sie dann davon. Ich habe aber noch jede Menge Dekrete in petto. Meist entscheide ich auf der Toilette, haue ein Tweet raus, und die Sache rollt. Für jeden Klick kassiere ich.


Fr 20.11.20 21:31
/ Krise Tag 249 / sonnig und kalt

Eigentlich wollte ich Frau E. zum Garten fahren, sie hatte ihr Rad wegen des schlechten Wetters gestern dort stehengelassen, aber ihr war zu kalt für den Roller und nahm den Bus. Ich hatte den Motorradanzug schon an und dachte, gut, dann drehe ich eine Runde. Nicht zu lang, aber lang genug, um die vereinzelt bunten Buchen, das Grün der Wintergerste, die Wiesen mit leichtem Reif am Südosthang der Baumberge und den Himmel einzuatmen und zu wissen, dass das zu mir gehört, dass das die Haut ist, in der ich atme, eine Pracht, aber mit äußerster Vorsicht zu genießen, denn Blätter sind tückisch.

Vom Longinustum, dem höchsten Punkt der Gegend, fuhr ich heim, um meine "Notizen zu Städten" zu vervollständigen, denn im nächsten Jahr findet auf dem Kulturgut Haus Nottbeck das Projekt "Die Welt in der Tasche. Expeditionen ins Ungewisse" statt, das ich mit einer Stele bespiele. Darauf stehen stehen Städte von A bis Z und ein QRCode, der den Leser zu diesen Notizen führt. Er kann jeden Ort anklicken und lesen, was an diesem und jenem, auf diesem oder anderen Erteilen zu dieser und jener Zeit der Fall war. Deshalb habe ich die Notizen heute um Denver, Wissant, Ostende, Hamburg, Athen, Arcen, Rameshwaran, Chicago, Liverpool, Ashdot und Gronau vervollständigt, und werde auch in den nächsten Tagen daran arbeiten.


Mo 23.11.20 14:45 / Krise Tag 252 / sonnig

Der Klugschiss

Wären wir vernünftig, wäre die Bekämpfung der Seuche halb so kompliziert. Aber wir suhlen uns in Selbstbemitleid, mimimi, darf dies nicht, darf das nicht, und die Politiker fürchten die nächste Wahl. Viele Menschen wissen nicht mehr, was wahr und unwahr ist. Es sind Gräben aufgerissen. Seid doch vernünftig, ruft es von überall her, denkt an eure Großeltern, die (wie meine Eltern) Weltwirtschaftskrisen und Weltkriege durchlitten, dagegen ist so eine Pandemie doch ein Fliegenschiss. Begreift, dass zwar vieles besser werden muss, aber dennoch keine Diktatur herrscht. Ich kann das Geschrei nicht mehr hören. Mir wird übel. Vor dreißig Jahren haben viele Wir sind das Volk gerufen. Schön, wenn wir es geworden wären und vor dem Gesetz alle gleich, aber das hat noch nicht funktioniert. Die bundesrepublikanische Gesellschaft benötigt dringend Klarheit in allen Belangen. Vernünftiges, wissenbasiertes Handeln muss Vorrang vor Machterhalt haben. Amen, ihr verdammten Irren.


Di 24.11.20 13:40
/ Krise Tag 253 / bewölkt

kraut und rüben
mit stöcken schlagen
verdichten
bis sich die hirne fragen
hab ich sie noch
oder hatt' ich sie nie
bin ich ein scharlatan
bin ich genie
morgens pipi
darf ich's im steh'n
setz ich mich hin
oder will ich verweh'n


16:55

das schweinebeißen ist schwer
die revolte tut weh
das verpennen hat folgen
das aufstehen ist nicht so schön
wie das insbettgehen
das schöne ist nur kurz schön
das liebste ist gern tödlich
dein husten ist raucherhusten
dein essen hat täglich vier sterne
du schwebst und das wolltest du


Mi 25.11.20 18:12 / Krise Tag 254 / sonnig

Vater war jeden Tag zu Hause. Vater fuhr die Kinder zur Schule, Vater holte sie ab, Vater spielte mit ihnen. Ich bin Vater. Mutter verdiente das Geld. Mutter kochte häufiger als Vater. Vater machte die Wäsche. Vater verdiente manchmal Geld. Vater fragt sich, wieso heute plötzlich alle ihre Kinder so früh wie möglich aus dem Haus haben wollen, um Geld zu verdienen, das sie benötigen, um Kinderbetreuung zu bezahlen. Vater denkt sich, das sind andere Zeiten.


Do 26.11.20 12:32 / Krise Tag 255 / trüb und feucht


Gegen 21:12 war das Internet weg. Um 21:14 meldeten sich Querdenker, die darin einen weiteren Beweis für die in diesem Land herrschende Diktatur sahen, während die Menschen, die ein Problem feststellen und nach einer Lösung suchen, sich daran machten, denkbare Fehlerquellen aufzuspüren. Es wurden Aufputztelefonbuchsen von der Wand geschraubt, es wurde an haarfeinen Drähten gerüttelt, es wurden Stecker gezogen und wieder eingesteckt, Router von der Stromquelle getrennt und verbunden, Resetknöpfe wurden gedrückt und es entstanden Diskussionen darüber, wie lange man sie gedrückt halten müsse, aber nichts half. Stattdessen: himmlische Ruhe. Partner, die beieinander saßen, ohne auf Smartphones, Laptops oder Tablets zu starren, ja, man konnte tatsächlich einfach so sitzen. Der eine strickte, der andere las, wieder jemand anderes tat gar nichts, das alles geht, wenn das Internet nicht funktioniert. Die Querdenker hatten Schaum vorm Mund. Man wollte ihnen die Wahrheit vorenthalten, und wenn man Menschen, die sich im Besitz der alleingültigen Wahrheit wähnen, von ihren Informationsquellen trennt, laufen sie Amok. Der Praktiker hat währenddessen nachgedacht, er zieht noch einmal alle Stecker, drückt auf WLan suchen und Telephonie, er presst den Resetbutton, die Lämpchen des Routers tanzen ein Lichtballett, und dann ist das Netz wieder da, es kann wieder gesurft- , es muss nicht mehr geredet werden, die Verblödung geht weiter.


16:00

halt mich fest
ich werd verrückt
fass mir ins gedächt
nis alle drücker sind bedrückt
gleich wird allen schlecht
holla waldfee
mach dich nackig
zeig dich her
sonst wird alles schwer


Fr 27.11.20 16:10 / Krise Tag 256 / kalt, teils sonnig

gedicht 20.10.1972 reisetagebuch

schöne fassade, diese
welt, mein gott, wenn
alles geht, was
bleibt dann dir? die
straßen auf und ab, dann
links, wer steht
dort ist ein platz, ich
ruhe aus und denke meine
welt

19:30

remix vom 1.11.20

verflucht viel desaster
für ein kleines gemüt
auf tanzbarem pflaster
im kronen gestüt
schau ich bin hier
aber fass mich nicht an
ich bin herr meiner lage
ich bin frau
oder mann
ich stell jede frage
suche antwort in not
und an einem der tage
bin ich am ende doch tot


Sa 28.11.20 11:40 / Krise Tag 257 / trüb

Zieh ich mich an,
oder bleibe ich unter der Decke?
Ein Dichter darf alles.
Ein Rentner auch.


So 29.11.20 18:35 / Krise Tag 258 / sonnig, Frost in der Nacht


Die Kraniche sind unterwegs. Fünf, sechs große Formationen, zu hören schon lang bevor man sie sieht. Eine Formation hoch überm Land zerfällt plötzlich, aus der Richtung Südwest kippen sie über die Flügel nach rechts, schweben auf engstem Raum umeinander, rufen, und es ist nicht abzusehen, dass sie sich neu formatieren, jetzt noch nicht, irgendetwas muss nicht nach ihren Vorstellungen abgelaufen sein, vielleicht war nicht genügend Thermik da und sie hatten entschlossen, zu suchen, um mit geringstem Energieverbrauch wieder aufzusteigen.

Es war sonnig heute. Ich habe den Wintermantel aus dem Schrank geholt. Gestern haben die Nachbarn und wir Fleisch vom Biobauern gekauft. Die Tiefkühltruhe ist voll von leckerstem Filet und Steaks und Braten und Hack und was es alles gibt. Das wird über den Winter reichen.


Mo 30.11.20 22:15 / Krise Tag 259 / frostig trüb, am Nachmittag Regen.

Das Wohnzimmer ist ausgeräumt, fast vierzig Jahre Vergangenheit werden morgen und übermorgen gestrichen. Morgen kommt auch der Teppich. Mittwoch folgen Feinjustierungen, dann wird der Teppich gelegt, Donnerstag könnte eingeräumt werden, dann sollte das Wohnzimmer bewohnbar sein.