Oktober 2013                          www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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Di. 1.10.13 11:53

Wiederholungstäter sind nicht resozialisierbar. Sie finden Erfüllung in der Wiederholung, alles andere erscheint ihnen langweilig. Ich wiederhole mich seit Oktober 2000. Pünktlich habe ich seitdem zu jedem Monatsbeginn eine neue Datei erstellt, ohne die geringste Ahnung, was am Ende darin stehen würde. So habe ich Schätze zusammengetragen. Jeden neuen Monat denke ich, jetzt ist es genug, aber so weit scheint es immer noch nicht zu sein.


Mi 2.10.13 10:28

So ein Dichter weiß eigentlich nichts. Er stochert in Geschichten, treibt seine Protagonisten in diese und jene Situation und gerät ins Staunen, was sie dort sagen und tun. Ich sitze, schaue aus dem frisch geputzten Fenster hinaus auf den Hof, wo zunehmend Blätter taumelnd zu Boden gehen, es ist frisch, gerade acht Grad, immer noch kräftiger Ostwind, der Himmel ist blank geputzt, gestern Nacht leuchten die Sterne handnah, alles ist gut, ich bin nicht zu retten, aber immerhin bis hierher gekommen. Vierundsechzig Seiten meines neuen Romans liegen vor mir, gleich werde ich einen Kaffee kochen und lesen, was ich geschrieben habe, dann geht es weiter. Ich ziehe mich an meinen spärlich verbliebenen Haaren aus dem Sumpf, ich weiß schon den ersten Satz, mehr weiß ich nie, alles andere ist verhandelbar, und genau so will ich es. Bin ich also glücklich? Möglich. Ich weiß, was ich nicht will, das immerhin weiß ich, und ich weiß, dass ich heute abend tanzen gehe.

Fr 4.10.13 12:04

Es war trocken in den letzten Wochen, insofern war mit Pilzen eigentlich nicht zu rechnen, aber dann fanden wir da, wo vor Jahren der Sturm alles flachgelegt hatte, eine mit Birken, Altholz, Moos und Brombeeren schwer zugängliche Stelle. An einer gefällten Eiche hatten wir Stockschwämmchen gefunden, die wuchsen dicht bei dicht, die hatten wir schon geerntet. In diesem feuchten Bruch dann fanden wir Hallimasche, die konnte M. sicher zuordnen. Später, zuhause, fanden wir, dass die Stockschwämmchen zwar nussig rochen, aber wir fanden auch, dass Stockschwämmchen nur für sichere Pilzsammler wären, und da ließen wir die Finger davon. Pilzsammeln hat was, man fühlt sich gut, wenn man so durchs Unterholz kriecht, und wenn der Blick erst einmal geschärft ist, findet man auch.

 

Sa 5.10.13 11:07

Sah gestern einen Mann Ende Dreißig, knapp zwei Meter groß, wie ein Fahrradkurier gekleidet, auf einem Bike mit einer eher für Kinder geeigneten Rahmengröße, der Sattel siebzig, achtzig Zentimeter hoch aufragend, die Lenkstange tief, so dass er seinen gewaltigen Rücken herunter beugen musste. Er trug eine verspiegelte, schnittige Sonnenbrille, einen Dreitagebart und ein um den Kopf geknotetes Tuch. So kam er vorm Supermarkt an, stieg ab, schnallte sich die rote Fahrradkuriertasche vom Rücken und verschwand hinein. Mehrfach trafen wir aufeinander, einmal bei der Milch, dann bei den Wurstwaren, schließlich an der Kasse. Drei Rollen de Beukelaar Schokokekse legte er aufs Band, vier Becher Latte Maccchiato, Wasser. Darf ich Sie etwas fragen? fragte ich. Nein, sagte er, und so erfuhr ich nicht, ob ihn nicht doch das Kreuz schmerzt bei so einem Rad.

11:46

Vierzeiler zum Kaffee

hilde, hilde, oh so milde
ist der herbst und deine wilde
wüste büste lebt
dass die erde bebt

16:27

Tortengedicht über österreichische Verhältnisse

sacher hielt sich seine torten
tief in wien in einem loch,
gut versteckt, nur hübsche sorten,
minderjährig meistens noch.


17:42

fix und fertig, heilig, schon mit strahlenkranz,
machte meister m. sich auf,
heilte einen affenschwanz,
en passant im dauerlauf.

doch die schwärmer,
die nur autogramme wollten,
und ihm übern jaguar rollten,
macht er ärmer.

hält bescheiden, sagt auch was,
ringsum werden menschen blass,
sagt noch etwas, hebt ein glas,
eine gut gefüllte maß.

23:19

tortengraf

dem grafen hebt's den lingam
in höhen wo er jung nie hinkam.

 

So 6.10.13 10:27

Das Auto steht vor der Tür. Es ist ein bescheidenes Auto. Die Autotüren stehen offen. Man trägt Kartons aus dem Haus und bringt sie ins Auto. In diesen Kartons stecken Dinge, die man für ein neues Leben benötigt. Es ist nämlich so, die Tochter zieht aus. Sie zieht in die große Stadt. Mutter und Vater haben belegte Stimmen. Sie wollen den Schmerz nicht zeigen, das tut man nicht. Lieber scherzt man. Aber alle Beteiligten wissen, dass ab heute nichts mehr so ist, wie es einmal war. Aus Fünfen werden Vier, aus Vier irgendwann Drei, dann bleiben Zwei, dann wird es wirklich gefährlich, denn wenn noch einer geht, ist das Leben so gut wie vorbei. Man nennt so etwas Alltag.

10:36

götterboten, scharlatane,
erigierte in soutane

gut genährte connosseure,
hier ist meine botschaft: höre (t).


fickt euch, nagelt eure knie.
geht mir aus dem weg und nie,
nie mehr will ich, dass ihr sprecht,
weil ihr dann versprechen brecht.

18:58

auf der wiese war luise
hin und wieder sehr kokett,
sagte herren, ja, sie ließe
sie z.B. auch ins bett.

22:12

endlich sackt der sonntag weg,
morgen werd' ich auch nichts tun,
uebermorgen? keinen zweck,
diese woche werd' ich ruhn


Mo 7.10.13 10:36

Ausgerüstet mit elektrischen Schwertern, behelmt und unter Einsatz von GPS-Geräten arbeiten seit einer Stunde die gefürchteten Landschaftsgärtner ums Haus. Sie haben Direktiven aus Brüssel. Kein Busch, Strauch oder Halm darf wachsen, wie er wachsen will, das haben die Parlamentarier der EU in nächtelanger, mühevoller Kleinarbeit bestimmt. Drohnenüberwacht werden die Ergebnisse der gärtnerischen Arbeit in die Zentrale gefunkt und mit den Vorgaben abgeglichen. Bei Abweichungen werden die Gärtner unter Strom gesetzt. Das, finde ich, ist gerecht. Wo kämen wir hin, wenn Büsche tun könnten, was sie wollten. Wir sind schließlich EU. Wir schützen Menschen, Tiere und Flora. Gut, hin und wieder geht mal etwas daneben, aber das hatten wir eingeplant. So ein paar Afrikaner, das haben die sich doch selbst zuzuschreiben. Könnten ja auch auf seetüchtigere Boote steigen. Nein, nein, es ist alles in Ordnung hier.

11:15

morgen montag,
hach, was bist du mild und sonnig,
troll' mich dann mal bis zum freitag,
bleibe sanft und wonnig.


Di 8.10.13 10:57

Gern um diese Zeit meldet sich Herr M., um sich seiner selbst zu vergewissern. Nach ersten zögernden Buchstaben, die sich zu Worten formieren und Sätzen, weiß er wieder, warum er auf der Welt ist. Das ist gut zu wissen, denkt er und macht sich an sein Tagwerk. Er spricht die Worte seines Romans auf sein Pocketrak, dann kann er mit ihnen herumlaufen und sich zuhören, und während er zuhört, kann er sich Gedanken machen, damit daraus wieder Buchstaben werden und Worte und Sätze. Es muss ja weitergehen, denkt er
.


Mi 9.10.13 11:12

Herr M. ist ein bisschen glücklich. Ein kleiner New Yorker Verlag hat ihm geschrieben, dass er ein Buch vorbereitet, in dem Geschichten deutscher Gegenwartsautoren vertreten sein werden, die das Internet als Veröffentlichungsplattform nutzen. Eine dieser Geschichten wird von Herrn M. sein. Aber man wird sie nicht einfach übersetzen. Man wird sie transponieren. Dazu gibt es seitenlange theoretische Abhandlungen. Offenbar ist das Kunst. Mir soll es recht sein. Die Geschichten werden in Buchform und als E-Book erscheinen, und vom Gewinn (erwarten Sie nix) blieben 25% bei mir. Das wäre fair. Und ich könnte sagen, ich bin ein deutscher Gegenwartsautor, der bei einem kleinen, ambitionierten Verlag in New York veröffentlicht. Hach, ist das schön. If I could make there, I'd make it anywhere.

Do.10.10.13 21:05

Heute vor siebzig Jahren wurde Münster zerbombt. Deshalb gab es im St. Paulus Dom ein Konzert. Es spielte das Orchester der städtischen Bühnen. Dazu gemischte Chöre aus britischen Partnerstädten, ein Knabenchor, ein Kammerorchester und die Orgel. Knabenchor und Orgel befanden sich rechts neben der Altarsinsel, Orchester und Chor vorm Westportal, das Kammerorchester im nördlichen Seitenschiff.

Aufgeführt wurde das War Requiem von Benjamin Britten. Ich verstehe wenig von solcher Musik und kann daher nur wiedergeben, was ich gehört und nicht gehört habe. Gehört habe ich auf- und abschwellenden Gesang, Crescendi von großer Wucht, vier oder fünf über das Konzert verteilt, aber nicht zum Schluss, was mir gefiel, Sologesang, englische Hörner, Fanfaren, kräftige Schläge auf Kesselpauken und Gongs, viel Perkussives. Bis auf ein Motiv habe ich nichts Wiederkehrendes identifizieren können, stattdessen Lautmalerei, Wechsel der Stimmungen, Spielorte und Instrumentierung, sehr dynamisch.

Da der Dom hallt und der Chor groß war, verstand ich nichts, bis auf diese Fragmente: Rattenkelch, schneller schneller und Telefon Amen, aber da habe ich mich sicher verhört. Und dann auch noch die vielen Menschen. So viele kommen nicht mal Heiligabend.


Sa 12.10.13 13:13

Herr M. hat die vergangene Woche damit verbracht, die ersten 80 Seiten seines Romans zu redigieren. Hat den Text auf sein Diktiergerät gesprochen, hat ihn sich angehört, den Stift immer zur Hand, hat hier gestrichen und da hinzugefügt, hat alles eingepflegt und neu ausgedruckt. Jetzt liegen die Seiten da und warten. Er weiß, wie es weitergeht, aber vor Montag macht er sich nicht an die Arbeit. Bis Montag
wird er sich vergnügen. Das Leben ist ein Geschenk, und wer sich da nicht vergnügt, ist selbst Schuld.

13:27

Ich tanze. Ich bin der Älteste hier, und wundere mich jedes Mal, wie gut das noch geht. Meine Tanzpartnerinnen sind in der Regel wesentlich jünger. Eine hielt ich für Mitte Zwanzig, aber sie sei 35, sagte sie. Und du? Ich sagte es ihr und sie sagte, ich sei so alt wie ihr Vater, aber der sei nicht mehr so fit. Wir drehten Runden, und ich hatte gleich raus, dass zwischen ihren Schulterblätter ein kreisrundes Mal war, ein Leberfleck, mutmaßte ich, und ich dachte, wär das schön, da mal nachzuschauen.

18:45

Suppe heiß gemacht. Hatte sie gestern versalzen, habe also noch ein wenig Wasser hinzugefügt und Sahne, danach schmeckte sie ganz passabel. Habe schon bessere Linsensuppe gekocht, das schon, aber immerhin, ich musste sie nicht mehr ins Klo schütten.


So 13.10.13 12:39

Was man mit so einem Sonntag anfängt, weiß ich auch nicht.
Hinausschauen und fallende Blätter zählen? Spazieren gehen? Lesen? Alles viel zu anstrengend. Gedichte schreiben? Nein. Nicht noch eines. Ich habe schon so viele. Erzählen, wie das gestern abend war, als ich im Pumpenhaus die Deutschlandpremiere des belgischen Künstlerkollektivs Abattoir Fermé sah? -

Ghost? Ein düsteres Stück, auf den ersten Blick.
Wunderbares Theater. Bilder, die fast ohne Worte auskamen. Licht und Schatten.





Das Kollektiv gehört zum extremen Rand der europäischen Theateravantgarde. Okay. Ich habe das gesehen. Ich habe gestaunt, wie ich immer staune, wenn das Licht in einem Theater verlöscht, wenn es dunkel wird und der Raum plötzlich zu einer Vision. Das mochte und mag ich sehr. Irgendwie passte das Stück zu Django Unchained, den ich mir am Nachmittag angeschaut hatte. Düsteres Amerika, das sich seiner Schuld nicht stellt.

Anyway.
For further information check this: Abattoirferme.

19:02

mit der möhrentorte fing das elend an,
wenig später folgte rahmspinatbaiser,
dann war'n pastikanakkentörtchen dran,
und zuletzt champagnermangoldtarte aus übersee.


Di 15.10.13 9:26

Gestern beim Einkaufen war ich zu warm angezogen, was ich heute anziehe, weiß ich noch nicht, ich war noch nicht draußen, ich hab gegen halb acht die Zeitung reingeholt und mir einen Kaffee gekocht, hab im Bett gelegen, Kaffee getrunken und ein bisschen Zeitung gelesen, aber ich bin nicht der Bettlieger, einmal wach, treibt es mich raus, also bin ich raus, habe Pullover in die Waschmaschine gesteckt und zugesehen, wie die Welt in Schwung kam, jetzt wird gefrühstückt, ich brauche was auf die Rippen, die Spannung steigt, übermorgen fahre ich nach Pulheim, um eine Literaturwerkstatt zu leiten. Die Götter wissen, wie das ausgeht.


Mi 16.10.13
10:42

Alles auf Anfang. Wieder klare Verhältnisse im Hause M. Daher heute kontemplatives Nichtstun, ein wenig herumstreifen übern Markt, vielleicht bei Oxfam nachschauen, ob es da nicht für kleines Geld den Anzug von Boss, Joop oder sonstwem gibt,
ansonsten sammeln für morgen. Ich weiß, was ich mit meinen Kunden anstellen könnte. Ob sie es auch mit mir anstellen wollen, werde ich sehen. Pulheim. Gymnasium. 7 Klassen, das gefährlichste Alter.

13:38

Alte Freundin getroffen. Wir haben viel zusammen getanzt, damals. Sah sie von hinten und wusste sofort, dass sie's ist. Tranken Kaffee und ließen die letzten drei Jahre Revue passieren. Ich hätte jetzt einen viel klareren Blick, sagte sie, die Trauer sei fort. Ist sie nicht.


Do 17.10.13 20:27

Da ich viel Heimat brauche, höre ich viel Musik. Singe manchmal mit, und wenn ich Neues höre, egal, was es ist, freue ich mich. Jetzt freue ich mich. Dieser Tag war anstrengend. Ich entspanne. Weil ich, wie Sie wissen, unter Lampenfieber leide, schlief ich schlecht letzte Nacht, hatte aber alles vorbereitet, um mich bei Wecken um sechs mit einem Satz anzukleiden. Ich hatte die Espressokanne am Vorabend befüllt, das Müsli war fertig, fünf nach sechs saß ich da, trank Kaffee, und war zehn Minuten später auf der A1, um einhundertfünfundfünzig Kilometer nach Pulheim zu fahren. Bleigraues Nichts mit Lichtreflexen, eh es um Remscheid langsam hellgrau wurde. Aber Glück gehabt, kein ernsthafter Stau, hin und wieder ein bisschen Ruckeln zwischen dreißig und fünfzig.

Kurz vor neun war ich vor Ort. Das Gymnasium ist ebenso hässlich wie der Kurt-Schumacher-Platz meiner Heimatstadt. Waschbeton, innen in fröhlichen Farben gestrichen. Riesiger Kontakthof, ich nehme an, auch für Veranstaltungen, über die Toppen mit von der Decke hängenden europäischen Flaggen dekoriert. Jede Wand ein Negativ der einstigen Verschalung.

Ich wurde von einem jungen Lehrer (Bart, Schiebermütze) freundlich zu einer jungen Kollegin gebracht, dich mich mit Namen begrüßte, in ein quietschgelbes Zimmer führte, in dem ein Tisch stand, darauf ein silbernes Tablett mit Brötchen unter dünner Folie, ein Teller mit Schokolade bezogener und mit sehr süßer Creme gefüllten Waffeln, Quader, aber auch knochartig, an denen aber nur Schokolade an den Enden. Man kauft sie in großen bunten Tüten, alte Tanten in den Fünfzigern hatten sie, aber es gibt sie noch immer, sie sind billig und ich mag die. Dazu kräftiger Kaffee und in der Ecke des Raumes hinter der Tür ein modernes Waschbecken. Mit Gittern vorm Fenster würde man glauben, man säße im Aufenhaltsraum einer Haftanstalt. Dort würde man mich gleich abholen, sagte die junge Kollegin und verschwand.

Und dann saß ich da eine Weile, trank Kaffee und überlegte, was ich als erstes sagen oder tun würde, um meine vierstündige Literaturwerkstatt mit Siebtklässlern zu beginnen. Nach und nach kamen Kollegen, sechs, mit mir also sieben, das Gymnasium hat Projektwoche. Eine Kollegin kannte ich, sie hat wie ich bei Ueberreuter veröffentlicht, die übrigen junge Männer und noch eine Frau Ende dreißig. Einer von ihnen schilderte sofort seine Theorie des Geschichteschreibens und wie er das gleich alles machen würde. Als ich in der ersten Pause auf die Ueberreuter Kollegin traf, stellte sich schnell heraus, dass auch sie außer Eckpunkten nichts weiß, wenn sie zu solchen Jobs fährt. Da fühlte ich mich nicht mehr so allein.

Ich hatte es mit 29 zwölfjährigen Jungen und Mädchen zu tun. Ich habe ihnen vorgelesen, habe Fragen gefordert, habe mit ihnen über Ego und Alter Ego gesprochen, habe sie einen Lebenslauf schreiben lassen, damit sie ihn anschließend wegwerfen konnten, um sich ihres Ichs zu entledigen und bereit wären für ein Alter Ego. Was könnte das sein? Schreibt als Körperteil, schlug ich vor. Schreibt auf, was eine Nase erlebt, oder ein Fuß. Das alles in zwanzig bis dreißigminütigen Blöcken, Pausen dazwischen und immer mal wieder ein Kapitel auf einem meiner Romane, und schließlich die ersten Sätze, die ich mir gestern aus Romanen meiner Bibliothek herausgesucht hatte.

Sätze wie:

Es fing an mit den Mauerseglern.

Das Städtchen selbst ist ziemlich trostlos.
Ein paar Tage vor meiner Abreise hatte ich einen Traum.
Ich sitze im Sommerhaus, es ist Herbst.
Jetzt ist schon wieder was passiert.

Schöne Sätze, ich hatte dreißig ausgeschnitten und jeder konnte einen aus dem Hut ziehen.
Leider sind wir nicht mehr dazu gekommen, daraus Geschichten zu entwickeln, denn plötzlich war die Zeit um.
Ich erhielt viel Applaus.

Ich würde das gern wieder tun.

Wenn nur diese blöde Fahrerei nicht wäre. Ich bin noch nie gern Auto gefahren. Mit zunehmendem Alter wird es mir immer lästiger. Wenn ich durch diesen dichten Verkehr fließe, kommt es mir wie ein Wunder vor, dass die Autos sich nicht ständig ineinander verkeilen. Alles findet bei derart hohen Geschwindigkeiten statt, dass mir der Atem stockt.

Wieder einmal gut gegangen, und ich weiß nicht einmal, wieso. Gott wird aufgepasst haben. Ich selbst passe natürlich auch auf, er kann ja nicht alles machen. Ich fließe und habe ein hohes Bedürfnis nach Abstand. Das ist mein oberstes Gesetz, aber auch das muss nicht helfen. Es gibt Unglücke und ich habe wieder keines gehabt. Danke.


Als alles vorbei war, bin zum Hambacher Tagebau gefahren. Ich wollte immer schon mal ein menschengemachtes Erdloch sehen, dessen Sohle 220 Meter unter NN liegt und dessen Ausmaße ich zwar in Hektar erfahren habe, aber unter Hektaren kann ich mir nichts rechtes vorstellen. Rechnen Sie einfach selbst. Ein Hektar hat eine Seitenlänge von 100 Metern. Der Tagebau Hambach hatte 2007 knapp viertausend Hektar, und ist für 8500 genehmigt. Unglaublich dieses Loch. Fahr'n Sie mal hin.

So sieht es vom Satelliten aus. Es erinnert mich an etwas, ich sag aber nicht, woran




Fr 18.10.13 11:49

Eigentlich war dieser Tag für die alten Männer - The Real Fullmooners - reserviert. Nun aber zeigt sich, was alte Männer ausmacht. Sie werden vergesslich. Unser Gitarrist hat heute Termine, dabei war unser Treffen seit zwei Monaten festgezurrt. Was also tun? Regenieren, spazieren gehen vielleicht, ich weiß noch nicht recht, meine Romanmaschine jedenfalls bleibt vorerst still, der widme ich mich in den nächsten Tagen, nicht heute.


Sa 19.10.13 20:30

Das sagt sich so leicht, morgen bleibt die Roman
maschine still, denn gestern abend begann sie mich zu verspotten. Was heißt hier still, rief sie, glaubst du, du könntest das bestimmen? Denk doch mal nach, die Muse ist futsch und du weißt, wie wichtig die ist. Ich wette, ohne sie kannst du es nicht. Der Funke springt nicht mehr, weiß der Himmel, wie das passiert ist, vergeigt, verspielt, dumm und verstockt aufgegeben, alles ist möglich. Ja, dachte ich, das wäre möglich und schlief beunruhigt ein. Erste Zeichen heute morgen deuteten auch auf nichts Gutes. Aber dann bin ich sitzen geblieben, bin am Schreibtisch gehangen wie festgebunden, obwohl allerschönstes Wetter war, um jetzt verkünden zu können, dass die Maschine doch läuft.


So 20.10.13 12:15

Wenn das so weiter geht, brauche ich einen neuen Kleiderschrank. Ich habe mir nämlich schon wieder ein Jackett gekauft. Es hing da, wo die Jacketts, die ich kaufe, immer hängen, bei Oxfam. Und es kostete, was sie immer kosten. Dieses Mal hat man er mir statt für 12,50 wegen eines heraushängenden, knapp einen halben Zentimeter langen Fadens im unteren Rücken für 10 Euro gegeben. Es steht mir gut. Ich hatte es gestern abend an. Es sieht aus, als könnte ich es mir eigentlich gar nicht leisten.

12:44

Lernte gestern Kizomba kennen. Tja, da fragen Sie sich natürlich, was kann das sein - eine Meditationsform, eine Frau aus Afrika, ein futuristischer Rattansessel? Ich werde es nicht verraten.


Mo 21.10.13 14:29

Gestern war mir plötzlich nach weiter Welt, aber da weite Welt Geld kostet, musste ich mich begnügen und ging zur Autobahnraststätte Münster Süd. Die wurde Anfang der Siebziger gebaut, und so sieht sie auch aus. Blätternder Lack, fahle Fenster, auf der Terrasse Begonien in erbärmlichem Zustand in kackbraunen Plastikblumenkästen. Immerhin hat sich die Kaffeekultur der Autobahnraststätten in den letzten Jahren zum Besseren gewendet. Gab es früher dort abgestandenen Filterkaffee in Pötten, gibt es jetzt italienischen Espresso und Latte. Mit so einer Latte also setzte ich mich auf die Terrasse und schaute der Welt zu, die in hoher Geschwindigkeit meinen Horizont von Süd nach Nord und umgekehrt kreuzte. Ob ich da zu Fuß wohl heil rüber käme, dachte ich.

18:55

abendgedicht

hab gegessen,
spülen tu ich nicht,
werd' nun dessen
ungeachtet schlicht
auf mein sofa kriechen
decke unters kinn und dann
in den abend siechen,
gucken, was der kann.


Di 22.10.13 11:16

morgengedicht

lasse heute alles fahren,
und mich einen guten mann sein,
gebe mir und meinen jahren
einen sonnentag mit fahrschein.

einen, der hinaus, hinaus ruft,
hin und rückfahrt eingeschlossen,
unterwegs an frischer luft,
wird aufs leben angestoßen.

auf die frauen, auf die dummen
auf die klugen, auf die jungen,
auf die allgemeine pleite,
leckt's mich alle, liebe leute.


17:12

Es gibt sie noch, die guten Dinge. Sie wurden beizeiten ausgesät, gehegt und gepflegt, sie wurden groß, größer und schon von weitem roch man den harzigen Oberton. Nun wurde geerntet und Erntedankfest gefeiert. Mild und erheiternd fiel das aus, ganz anders als die bayerischen Trinkgelage in Großarenen.


Mi 23.10.13
12:18

Gestern unterwegs....


Do 24.10.13 10:36

ein blick genügt,
heut kann ich's schaffen,
ich habe kraft, ich werd' die affen
mit einer goldenen banane locken,
mit ihnen haus und hof verzocken,
und heute abend habe ich gesiegt.


10:49

Überall liegt Gold auf der Straße
.



Fr 25.10.13 21:10

Nicht eine Idee heute.


Sa 26.10.13
11:38

Ende Oktober kann ich dank des Klimawandels auf dem Balkon frühstücken, das gefällt mir. Wie jeder Homo Sapiens bin ich Egoist bis auf die Knochen. Ich kann das nur abfedern, indem ich mein Bewusstsein mit besserem Wissen fülle, ich habe es gefüllt, ich besitze alle notwendigen Informationen, ich erweitere sie Tag für Tag, aber unterm Strich nutzt das gar nichts. Also lebe ich mein stilles Alter mit allen Vorteilen und grauenhaften Aussichten und versuche, nicht daran zu denken. Gestern abend etwa habe ich nicht daran gedacht. Da habe ich getanzt und wenn ich tanze, bin ich lebendig. Da sitze ich und schaue, wer so tanzt, wie es mir gefällt, warte und fordere die Tänzerin irgendwann auf. All die anderen, die nur tanzen, um gut auszusehen, lasse ich links liegen. File under: ego shooter.


So 27.10.13 12:20

Schöner Abend mit älteren Herren, die akustische Musik machten. Dazu ein ebenso altes Publikum, das so tat, als wäre überhaupt nichts geschehen. Die Bedienung greift im Vorübergehen den vor der Tür stehenden Kiffern ein paar Züge ab, der kleine, armselige Reporter gleicht immer mehr dem glubschäugigen Wolf Biermann und versichert mir, meine Tortengedichte gefielen ihm, bierselige Punks fordern Zugaben,
der Abend ist mild. Ich bin allein unterwegs, ich bin ein schlechter Small-Talker, also ist es besser, zu gehen. Ich kreuze die Stadt, ich sehe Licht hinter ihrem Fenster und halte nicht an, zuhause sehe ich einen schlechten Boxkampf und gehe ins Bett. Jetzt weht der Herbst vom Südwesten heran, die Blätter können sich nicht mehr halten, ohne mein Wissen wurde die Zeit umgestellt, das Leben ist unverschämt heiter und nicht zu verstehen.


16:42

Die Stunde ist defintiv weg. Meine Katze versteht das nicht. Sie denkt, es wäre kurz vor sechs. Kühe und Schweine brüllen wie am Spieß. Aber morgen können alle eine Stunde länger schlafen.


Mo 28.10.13 10:08

überall stehn große pfosten,
vollpfosten, die stille rosten,
die im westen oder osten
dieses oder jenes kosten.


13:42

Die Stunde ist immer noch weg, aber ich spür sie. Sie hockt irgendwo und lacht sich kaputt.


Di 29.10.13
9:51

Noch ist kein Wort gesagt, dennoch bin ich mitten im Geschwätz. Es summt, irritiert, es stimuliert und macht Angst,
aber mir bleibt keine Wahl, ich schreibe das auf, ich staple Worte im Keller, die schönsten rahme ich ein, die hässlichen rufe ich laut, denn ich will ein Bild von der Welt, und die ist hässlich und schön, irritierend und angsteinflößend, sie ist das Einzige, was wir haben, und ich kann sie nicht retten. So ist das, und keine Ausrede gilt. Andiamo also, der Sturm hat sich gelegt, an die Arbeit Herr Mensing, heute abend wissen wir wieder ein wenig mehr.

13:04

gebt mir ein F
freudenfest
gebt mir ein U
untergang
gibt mir C
chinakohl
gebt mir ein K
katholik

what's that spell? what's that spell?


18:27

Gestern hat er für mich gekocht, heute kocht er für mich, Max hält mir den Rücken frei, denn ich habe gerade einen Lauf und will nichts als Schreiben. Wenn's anhält, sagt er, will er morgen auch für mich kochen.

22:05

Statt einer Zentralmuse beschäftige ich jetzt Teilzeitmusen, die ich über die sozialen Medien, beim Tanzen oder in Puffs rekrutiere. Das ist ganz praktisch.


Mi 30.10.13 11:23

Das Ergebnis meiner Arbeit der letzten zwei Tage macht einen guten Eindruck. Ich glaube, ich habe mich nicht verschätzt. Heute werde ich faul sein.

22:47

vielleicht
könnte ich - kurz vor elf,
in puschen und fast auf dem weg
in mein bett
doch noch sagen,
dass mir die welt nicht gefällt.
dass mir zum schreien ist.
dass ich mich schäme.
dass ich - ach, ich lege mich hin.


Do 31.10.13
9:34

Meine Katze ist im Winterspeck-Modus. Da sie mich als Ernährer ansieht und Mäusen nicht nachstellt, verfolgt sie mich auf Schritt und Tritt. Kein Brötchen bleibt unbemaunzt, nichts darf
ich liegenlassen, Berliner werden aus der Tüte gezerrt und angefressen, Müllsäcke, die ich für im Flur abgestellt habe, um sie gleich aus dem Haus bringen, werden aufgerissen. Sie will nur fressen. Dabei bekommt sie regelmäßig ihre Ration. Aber das reicht ihr nicht. Manchmal denke ich, ich scheiße sie mit einem Eimer voller Katzenfutter zu, bis sie nicht mehr kann.

11:29

groß, geliebt und abgewählt,
aber nichts bereut,
schnell die nächste frau beschält,
und mich still gefreut.

hach, wie war ich jung und schön,
so verwegen, ohne zweifel,
ohne ende und im stehen
unverschämt, ein teufel.

machte, dachte, feucht im schweiße,
dass so etwas ewig hält,
heut' bin ich davon befreit,
geht auch ohne, schöne scheiße.

19:58

Der Monat geht, Zeit für letzte Worte. Ich war sehr erfolgreich in den letzten Wochen. Ich habe mich von Seite 70 110 vorgearbeitet. Meine Arbeitszyklen gleichen einander: blindes Herumtapsen, Notizen machen, denken, morgen fange ich an. Aber morgen geht noch nicht. Weiter tapsen. Schließlich anfangen und in zwei, drei Tagen zehn, zwanzig Seiten raushauen. Dann tiefes Grauen bei Wiederlesen. Herumtapsen. Notizen machen. Ändern, kürzen, wegstreichen und am Ende ausdrucken. Und dann wieder von vorn. Aber morgen wieder von vorn.









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