Oktober 2015                        www.hermann-mensing.de      

    

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zum letzten eintrag


Do 1.10.15 10:12

Wieder das bleiche Blau, das gestern den Himmel überzog und mich aufs Rad und über Land trieb. 120 bis 140 Kilometer, grob geschätzt, denn eins kam zum anderen, hier ein Schlenker, da eine Volte, sagen wir, 130, mindestens. Die Beine wurden nicht müde, der Kopf sagte ja, denn er ist mein neugierigster Freund und hatte schon letzte Woche vorgeschlagen, die stillgelegte Bahntrasse zwischen Darfeld und Burgsteinfurt zu befahren, das, hatte er geraunt, müsse ein Vergnügen sein, schließlich zögen Bahntrassen ungehindert über Land, falls Berge (Hügel) im Weg stünden, würden sie einfach durchschnitten und nicht überfahren, man könne also davon ausgehen, dass so eine Trasse mehr oder weniger eben sei.

Also los, 11:11, kaum spürbarer Wind, schon bin ich im Wald hinter Hohenholte, in dem Schopftintlinge stehen, nachgewachsen, seit ich letzte Woche geerntet hatte, diesmal lasse ich sie stehen. In Aulendorf steht noch Hafer. Hafer, um diese Jahreszeit, und noch grün? Komisch, aber kein Zweifel, Hafer.

Gemarkungsnamen enden hier gern auf "ing" - Temming oder Esking (Men-sing), aber auch "ingen" - Walingen, Höpingen, außerdem Schonebeck, Kümper, Beerlage, und und und. Und in eines dieser "Ingen" jage ich jetzt. 7% Gefälle zu Anna in't Loch, eine Gastwirtschaft in Höpingen, die im Volksmund schon immer so hieß. Mit meiner Gazelle (auf der jetzt eine Muslima ihre neue Freiheit genießt, ohne von hinterwäldlerischen Bartträgern, die unter Kastrationsängsten leiden, von Jungfrauen träumen, und den Namen Gottes mißbrauchen, drangsaliert zu werden) wäre ich nicht ohne zu bremsen hinabgerauscht, mit dem neuen Rad aber genieße ich es.

Gleich hinter Hennewich beginnt die Bahntrasse. Kenntlich gemacht durch aufrechte, weiß-rot markierte Stäbe, etwa zweifünfzig hoch. Wahrscheinlich Kunst. Dennoch frage ich. Da sitzt ein Paar in der Sonne, etwas älter als ich. Ja, ja, sagt sie, nach Burgsteinfurt. Da will ich hin, und von dort über Land wieder zurück nach Hause. Ab jetzt bin ich auf dem Damm. Hin und wieder ein Bahnwärterhäuschen, das renoviert wird. Hier und da Hinweise auf Gaststätten links und rechts der Trasse. Ein tiefgrüner Hohlweg, knapp hundert Meter, auf der Hälft von einer geschwungenen Sandsteinbrücke überspannt. Auf einem Tisch an einem Rastplatz bei Horstmar stehen Tortenattrapen.

Komm, trink Kaffee, iss Kuchen, da hinten.

Aber ich will noch nicht. Bis Burgsteinfurt ist es ja nicht mehr weit. Was mir besonder gefällt? Die Perspektive. Normalerweise ist man auf einer Haupstraße, wenn man in eine Stadt kommt. Vielleicht auf einem Fahrradweg. Links und rechts aber sind Häuser, Menschen, andere, die sich im Verkehr bewegen. Auf dieser Trasse aber ist das ganz anders. Ich erkenne Burgsteinfurt nicht. Ich war schon oft hier, aber ich erkenne es nicht. Ich bin kaum zwei Stunden auf dem Rad, und langsam setze ich das Puzzle zusammen. Dann stelle ich fest, dass die Trasse bis Rheine führt und ändere ich meinen Plan. Ich werde ihr folgen, und von Rheine über den Emsradwanderweg zurück nach Münster fahren.

Erst aber steuere ich die Eisdiele an, in der ich seit vierzig Jahren Eis esse, wenn ich in Burgsteinfurt bin. Nuss ist besonders gut, Nuss, Schokolade, Sahne. Einen Espresso. Ein Jaguar fährt vorbei und ich denke: der Fürst? Hinter Bahnhof verliere ich die Orientierung, gerate in ein Industriegebiet, frage nach, kehre um und bin wieder auf der Spur. Die vier roten weißen Stäbe, ich hatte sie doch gesehen.

Der jüdische Friedhof am Stadtrand. Er liegt nur wenig abseits der alten B54, ich hatte ihn mir immer anschauen wollen, habe es jedoch nie getan und tue es auch jetzt nicht, obwohl ich daran vorbei radle. Nur noch die Hauptstraße überqueren. Schade, dass keine Schranken für mich runtergehen. Rechts ein Haus voller Flüchtlinge, dann verliert sich der Ort zwischen Grün. Jetzt heißen die Bauerschaften Hollich, Clemenshafen, Schilder weisen auf Wettringen und Neuenkirchen, keine Autos, ein gut asphaltierter Bahndamm, viel Himmel, vorbei an St. Arnold mit einem fast verwunschenen, ausrangierten Bahnhofsgebäude und zwei Gleisen, die an einem Container enden, auf dessen Stirnwand jemand "Mit Persil und guter Laune wäscht (die) Oma ihre Pflaume" gesprüht hat. St. Arnold ist ein Missionshaus, der dazu gehörige Ort wurde von Flüchtlingen nach dem zweiten Weltkrieg gegründet. Zwischen Roter Erde und Schulkamp finde ich Herbstlorchel, ein äußerst ungewöhnlich aussehender, sehr gut schmeckender Pilz, schalte um auf den "Pilzblick", aber es bleibt bei ein paar Exemplaren.

"Sieh zu" ruft mir ein kräftiger Mann zu, der auf einer Bank am Waldhügel sitzt und sich eine Zigarette dreht. Oh, jetzt eine rauchen, aber ich tu's ja nicht mehr. Ich kann über Land sehen, rechts hinter mir ist Rheine, die Straße und den Hügel vorn links kenne ich von früher. Die Trasse verläuft jetzt parallel zu einer doppelgleisigen Bahnstrecke, vorbei an einer Brache, einer großen Halle, dann knickt er Weg ab, ich unterquere die Bahn und kehre auf dem Staelskottenweg ins wirkliche Leben zurück, Menschen, Ampeln, Autos, Industie. Da vorn ist Rheine, ich fahre aber nicht ins Zentrum, sondern überquere die Ems. Aus den Dachfenstern einer alten Schule schauen Dunkelhaarige, so wie damals, an der Grenze in Glanerbrug, 1955 etwa, als Holland von Indonesiern geflutet wurde. Ich bin auf der Elter Landstraße und nicht mehr sicher, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin, dem Emsradweg, aber dann kommt eine dieser nütztlichen Stelen mit der Nummer 67. Ich bin also richtig und bald mitten in den Emsauen. Da sind Altarme, frische gemähte Wiesen, Graureiher, und dann, auf der Trampenhegge in Elte steht eine in einen Altar umgemünzte Telefonzelle aus Zeiten, als die Telekom noch Post hieß und Telefonzellen gelb waren.





Es wird Zeit für ein Stück Kuchen mit Sahne, aber die Gastwirtschaft an der Bockholter Fähre hat geschlossen. Die Fähre treibt im Wasser, ein Schwan lässt sich von einem Einheimischen den Kopf kraulen, ringsum im Wald stehen Ferienhäuser, die, als ich das letzte Mal dort war, noch nicht da waren, inmitten von Kiefern und Heide. Langsam spüre ich die Kilometer in den Beinen, aber der Kopf ist nach wie vor willig, und als ich das Waldhotel Schipp Hummert in Sinningen erreiche, ist alles gut. Kaffee und Apfelkuchen mit Sahne, dann über die Ems und ab dort links der Ems bis Hembergen, rechts der Ems bis Greven und von dort wieder links der Ems durch die Rieselfelder nach Münster.

Es ist 18:45. Mein Arsch tut nicht weh. Meine Beine tun nicht weh. Nur meine rechte Schulter schmerzt ein wenig, ich werde also nicht darum herumkommen, mir einen anderen Lenker für mein Rad zu besorgen. Ich habe jetzt einige Variationen ausprobiert, keine ist richtig.

Jetzt aber fahre ich kurz nach Hohenholte, um die Schopftintlinge, die ich gestern sah, zu ernten.


20:04

Wenn jemand sagt, er habe die Nase voll, heißt das gar nichts. Wenn jemand etwas dagegen unternimmt, heißt das schon ein wenig mehr. Aber natürlich steht dabei immer die Frage im Raum, was zum Teufel zu unternehmen wäre. Völlige Verweigerung allem, jedem und jeder gegenüber? Und dann? Herzlich einsam sein - sterben? Nicht schön. Ich bin dem Leben zugewandt, ich bin ein guter Mensch, heul schluchz usw., ich schieße niemanden tot, ich verrate keine Geheimnisse, ich mache keine Geschäfte, ich bin käuflich, aber mich kauft niemand, ich bin Revolutionär der Nichteinmischung, des Wegsehens und Nichthörens. I
ch bin gar nichts. Nur manchmal lebt es in mir, man merkt ja immer sofort, wenn es zu leben beginnt, aber kaum ist es soweit, ziehe ich mich schnell zurück. Ich will kein Glück. Glück ist kurz, Glück lügt, Glück macht haltlose Versprechen. Das will ich nicht. Ich will Zufriedenheit. Zufriedenheit ist nur die halbe Miete, hält aber länger.


Fr 2.10.15 11:15

Nicht ist unerträglicher als Zufriedenheit. Wer sie auf die Spitze treibt, kriegt einen Bauch, fährt E-Bike und SUV's, was auf dasselbe hinausläuft, schickt seine Kinder in Kitas und baut ein Haus in einem Neubaugebiet am Stadtrand. Dort ist das Leben besonders unerträglich. Nicht der Häuser wegen und wegen des Stadtrandes, sondern weil dort alle wohnen, die E-Bikes und SUV's fahren und auf dem Weg zur Zufriedenheit alles beiseite räumen, was stören könnte. Die Zufriedenen sind die Pest. Der einzig akzeptable Zustand ist die Einsicht, dass allen der Tod blüht, die Erlösung. Wenn der Mensch sich damit versöhnt, gerät er hin und wieder in einen Zustand, den er Glück nennt (siehe oben), aber das will er dann auch nicht. Glück, denkt er, ist Geld auf der Bank, viel Geld, oder? Er weiß es nicht. Und wenn er etwas weiß, vergisst er es gleich darauf wieder. Aber dürfen darf er das auch nicht, er hat ja Schulden.

13:10

Kaum Mücken dieses Jahr. Letztes Jahr schlug ich sie mit der zusammengerollten Zeitung von den Wänden meines Schlafzimmers. Wer weiß, wo sie dieses Jahr sind.


22:59

Mein Auto war nicht mehr TÜV fähig, und mit Mühe und Not hatte ich bei Mahmud Abdullah noch 450 Euro dafür bekommen. Gegenüber im Fahrradladen, den ich nur interessehalber betrat, stand dieses Rad. Es gefiel mir auf Anhieb und kostete 400 Euro. Ein Herrenrad. Herrenräder sind, wenn man älter wird, keine vernünftige Idee. Der Auf- und Abstieg ist schwierig. Mit einem Fuß (meinem linken) auf der Pedale, leicht anschieben das ganze, und während das Rad sanft ein, zwei Meter rollt, mit dem rechten Bein weit nach hinten ausschwingen, so hoch es eben geht, rum und rüber damit auf die andere Seite, und dann, wenn es auf der anderen Seite ist, den Fuß auf die Pedale stellen und aufsitzen. So weit die Technik. Ich kaufte es dennoch.

Heute mittag fiel mir eine elegantere und weniger anstrengende Lösung ein. Man muß sich das vorstellen, ich fahre seit Juni jeden Tag Herrenrad, nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit ein Gazelle Damenrad gefahren habe, und dann, plötzlich, so etwas. Wie beim normalen Aufsteigen steht man mit dem linken Fuß auf der Pedale, statt aber nun das rechte Bein lang zu machen und wie beschrieben auf die andere Seite zu schwingen, zieht man es einfach an, bis das Knie etwa in Brustkorbhöhe ist, bringt den Fuß dabei leicht über die Stange, setzt sich, streckt das rechte Bein und die Sache ist geritzt. Beim Absteigen macht man es umgekehrt. Es funktioniert hervorragend und ich kann es allen Herren empfehlen.


Sa 3.10.15 10:43

Heute die kleine Tour. Von hier nach Darfeld, dort auf die Trasse, diesmal in Richtung Lutum, von Lutum über Billerbeck und Havixbeck wieder zurück. Etwa 55 Kilometer, maximal drei Stunden. Auf geht's.

17:39

Manchmal finde ich alles Scheiße. Selbst die hübschesten Frauen ekeln mich an. Je schöner sie sind, desto größer der Ekel. Bei der Vorstellung, ich müsste neben einer erwachen, werde ich unruhig und suche nach meiner Axt. Dann hasse ich mich von Herzen und flöße mir große Menge Kaffee ein. Kaffee besänftigt mich, Kaffee sagt, schau, so schön sind die gar nicht, überhaupt, was kümmerts dich, du bist alt, du stirbst bald, zwanzig Jahre noch, wenn es hoch kommt, also vergiss das Thema. Niemand hat Frauen auch nur annähernd begriffen und wird sie je begreifen können. Ihr Maß an Irrationalität übersteigt das Maß deiner eigenen um ein Vielfaches, also.
Dann sitze ich wieder da und liebe alle Frauen. Und je mehr ich sie liebe, nehme ich Abstand von der einen, denn darauf läuft es ja meist hinaus, es muss ja immer eine sein, zwei, drei, vier oder alle, das ist nicht erlaubt, und kein Mann würde das überleben. Manchmal, wenn ich so liebe und hasse, könnte ich die Welt sprengen.


So 4.10.15
12:29

Mein Anwesen.
Bin aber selten anwesend wegen Abwesenheit.
Eigentlich schade.



18:22

Für Angsthasen ist nichts zu befürchten. Hier sind Fenster, Türen, hier ist ein Telefon, das niemand beontworten muss, hier ist ein Keller, in den man hinuntergehen kann, tatsächlich ist irgendwo auch ein Klavier, und für Angsthasen findet sich jederzeit eine Taste, die sprechen will. Der Himmel trägt ihm zuliebe Silber und Blau, trotzdem legt er die Löffel an. Das macht ihn auf hundert Meter um einiges schneller als die Konkurrenten, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass er Schiss hat. Morgen könnte er den Wettlauf mit dem Fluß nach Ostwestfalen ausdehnen oder einfach da sitzen und Worte aus dem Sumpf ziehen. Wortketten. Geschichten. Den Gedenkplatz herrichten, wo ihre Mutter hin soll. Oder weiterhin stillstehn.


Mo 5.10.15 9:46

Neuer Tag. Man darf gespannt sein.

17:58

Manchmal spielt das Leben falsch. Es macht zum Beispiel, das etwas, das da sein sollte, nicht da ist. Und wenn es besonders gut aufgelegt ist, verknüpft es die Abwesenheit dieses dringend benötigten Gegenstandes mit der wie ein Blitz zuckenden Erkenntnis, dass man ihn vor vier Monaten am Rhein liegen gelassen hat. Man hatte da Musik gemacht. Das Leben lacht.

Folge der Abwesenheit dieses Gegenstandes ist, dass man eingeschränkter Hardware arbeiten muss, das geht, fordert aber eine andere Denkweise. Und dann wieder ein Blitz, und man ist sicher, dass man den Gegenstand vor Monaten gar nicht mit an den Rhein genommen hatte. Man hatte ihn, des leichteren Transportes wegen, einfach mit anderer, ebenfalls nicht benötigter Hardware, im eigenen Keller gelassen, und dort würde man ihn morgen, nachdem man sich mit drei Männern berauscht und die Nacht über Musik gemacht hatte, finden. Siehste. Arschloch, früher aufstehen.

Am nächsten Tag dann schwerste Enttäuschung: der Gegenstand ist nicht da.Man schleppt Hardware hinunter, man überlegt schon, wie man an den Rhein kommt, oder ob der Diplomat den Gegenstand vielleicht mit der Post schicken kann, so groß ist er ja nicht, man legt Hardware zu Hardware, und da liegt er, lag da, die ganze Zeit.


Di 6.10.15
10:07

Nach den sonnigen, viel zu trockenen Tagen singen wieder Reifen über regennassen Asphalt und Dachpfannen glänzen, es ist mild. Gestern habe ich Schopftintlinge auf dem Rasen hinterm Franz Hitze Haus - eine katholische Bildungseinrichtung - geerntet. Bin rein, bin zur Rezeption und habe gesagt, Guten Tag, ich habe eine Bitte, könnte ich vielleicht ....

Der Rezeptionsmann musste die Rezeptionsfrau fragen, man krauste die Stirn und beschloss, den Chef anzurufen. Grüße von mir, sagte ich und nannte meinen Namen. Ich kenne ihn, ich habe auf seinem und dem Geburtstag seiner Frau mit "Albert Early Bird" gespielt, aber er war nicht da und so ließ man mich ohne höheren Segen auf die Wiese. Die Ernte reichte für eine große Pfanne voller Schopftintlinge. In dieser Saison ist das schon die vierte oder fünfte.

Zur Nacht ging ich auf einen Doppelwachholder und ein Pils in die "gute Quelle", dort aber wurde gerade Feierabend gemacht. Montag, Ruhetag, überhaupt nur wegen der bayerischen Wochen und des Haxenessens geöffnet, also ging ich zu Brintrup. Da saß einer der drei Friesen, die über mir wohnen. Fleißige Männer, die, obwohl schon fast zehn Jahre Nachbarn, so gut wie unsichtbar sind. Sie fahren frühmorgens zur Arbeit, kehren spät zurück, und verschwinden meist schon donnerstags in ihre friesischen Dörfer. Aber wo ein Friese ist, kommt bald der nächste, denn es ist kein Zufall, dass sie hier leben. Sie arbeiten für eine Firma, die, früher im oldenburgischen, verkauft wurde oder fusionierte, jedenfalls ist sie jetzt hier und wartet die Computer der Volks- und Raiffeisenbanken. Fünfzig allein in Roxel, sagte H. Er hat noch 18 Monate, bis er in den Vorruhestand geht, 40 Jahre reichen, sagt er, er mag nicht mehr. Der andere hat noch drei Jahre, nur U., sagen beide lachend, der muss noch ein paar Jahre. Ich bin schon Rentner, sage ich. Sie fragen, wie sich das anfühlt, und ich erkläre es ihnen. Das hätten sie auch befürchtet, sagen zwei. Der Dritte sagt, so sähe er das nicht. Is aber so, sage ich. Letzte Ausfahrt. Kann man aber mit leben.

Legte mich mit einem Schwipps ins Bett.


Mi 7.10.15 10:09

Manche Kita-Kinder schienen überfordert von der plötzlichen Übermacht der sie besuchenden Großeltern. Großelternnachmittag. Da muss man im Kreis sitzen. Im Kreis sitzen, ein Kerzenlicht geht rum, wenn man an der Reihe ist, muss vor aller Augen und Ohren etwas sagen, dann wird zaghaft ein Lied gesungen und danach geht es weiter reihum, bis das Lied allen zu den Ohren heraus hängt. Mein jüngster Enkel hatte überhaupt keine Lust, daran teilzunehmen. Er weinte. Ich musste ihn auf den Schoß nehmen und trösten. Das funktionierte, aber gut war es erst, als Papa auftauchte. Ich war ganz froh, mit ihm abseits sitzen zu können.


Do 8.10.15 12:22

Die Borkenbeek (Name von der Redaktion geändert) hat sich die Brüste verkleinern lassen. Das wurde auch Zeit, sagt eine. Die hatte ja ordentlich was rumzuschleppen. Zahlt das die Kasse? Das weiß keine der Frauen. Möglich wär's, sagt eine. Obwohl, jung ist die Borkenbeek nicht mehr. Was hat das denn mit dem Alter zu tun? Weiß ich nicht, aber hingucken tut bei der keiner mehr. Ihr seid blöd, sagt eine, die auch nicht schlecht ausgestattet ist. Sowas ist nicht lustig. Vor allem im Sommer, sagt eine andere kichernd. Wind rauscht in den Blättern. Dies ist einer der letzten Abende, an dem sie unterm Dach der Veranda sitzen können. Ringsum der Park und die Gärten. Die Nacht hängt herum und es ist noch Bier im Hahn. Man lacht viel. Eh man heimfährt, sagt man, dass man sich öfter einmal zusammen setzen sollte. Das wäre schön. Ich mach dann auch wieder Suppe, sagt die, die Suppe gemacht hatte und von allen gelobt worden war. Kartoffelsalat ginge auch, sagt eine andere. Was machen die eigentlich mit dem Fett, das die rausschneiden? fragt eine, als sie zum Rad geht. Phhhhh, sagt eine andere. Wegschmeißen, oder? Wegschmeißen, nee . damit hab ich die Suppe gemacht, sagt die, die die Suppe gemacht hat.


Fr. 9.10.15 11:06

Der Albersloher Weg ist zwischen 20 und 23 Uhr Aufmarschfläche für Westfalen in Lederhosen und Dirndln. Das geht schon seit fast vierzehn Tagen so. In München ist das Oktoberfest längst vorbei, hier marschieren sie rudelweise zum großen Zelt, dass sich in der Nähe des Kanals auf einer Brache unter den drinnen bummsenden Beats und dem Geschrei eines DJs nach außen wölbte
. Als ich vom New Names Konzert im Jovel Club
gleich um die Ecke nach Hause fuhr, beobachtete ich jemanden, der Max hieß. 20, 25 Jahre alt, höchstens, blau-weiß kariertes Hemd, Lederhose mit Hosenträgern, die fortwährend von der Schulter rutschten, breitbeiniger Gang, denn anders hätte er wohl gar nicht mehr gehen können, er neigte zu abrupten Richtungsänderungen und starken Schwankungen um die Vertikale. Aber er wankte flott und mit stierem Blick. Hinter ihm eine Dirndlträgerin, seine Freundin, die versuchte, Max in eine andere Gangart zu bringen, aber Max war ihr gram. Deutlich, wie der Alkohol ihm die Liebe vergrault hatte, er wollte nichts von dieser jungen Frau wissen, die es immer wieder versuchte und immer wieder abgeschüttelt wurde. Kurz vorher noch ein weiteres Drama. Ein junges Mädchen, Dirndlträgerin ebenfalls (die Dirndlindustrie in China blüht), aufgelöst in heiße Tränen und laut jammerd, während ein junger Mann (ihr Freund?) und eine etwas ältere Frau (ihre Mutter) sie tröstend umsorgen. Dazu Polizei, Schlangen von Taxis, Alkohol. So feiert der Westfale von Ausländern unbehelligt, denn da traut sich keiner rein, soviel falsches Volksgut versteht er nicht, und wenn er nur halbwegs bei Verstand ist, macht einen weiten Bogen.


Sa 10.10.15 10:39

Je älter ich werde, desto schneller vergeht die Zeit. Manchmal komme ich kaum noch nach, Zeitung zu lesen, dabei habe ich Zeit. Zeitungen liegen im Schlafzimmer, auf dem Sofa, auf dem Küchentisch, auf dem Balkontisch und auf dem Klo sowieso. Und dann Berge von Büchern, die zum Teil meine, zum Teil ihre sind. Das Beste wäre, auszumisten, aber das geht so nicht. Die Hälfte gehört ihr, war Teil ihres Lebens und Denkens, die schmeiß ich nicht weg. Und dann habe ich auch noch ein Klavier, dem ich nach fast dreißigjährigem Herumdudeln neuerdings Lieder abringe. Wild World von Cat Stevens und Answer me von Joni Mitchell. Ich hatte die Melodie im Ohr und habe so lange getüftelt, bis ich die unterstützenden Akkorde gefunden hatte. Mein Vater spielte auch so. Wenn er nicht weiterkam, improvisierte er. Und jetzt bin ich, ein paar Jahrzehnte später, genau da. Seine Macken sind endgültig meine und ich kann nichts mehr dagegen tun.

Schöner Samstagmorgen.

Vom Kindertragen auf dem Großelternnachmittag (grauenhafte Veranstaltung) hat mich "Rücken" eingeholt. Enkeltragen ist Gift für meinen Rücken. Gestern konnte ich mir kaum den Arsch wischen, heute fällt das Bewegen schon etwas leichter, aber der Schmerz ist nicht weg, und wo Schmerz ist, versuche ich Bewegung zu vermeiden.

Prächtiges Wochenende.

Es sind Ferien. Eigentlich führe ich um diese Zeit in Holwerd über den Deich, um aufs Watt und auf die in der Ferne liegende Insel Ameland zu schauen. Ein warmes, gutes Gefühl durchflösse mich. Alles bliebe hinterm Deich, und auf der Insel hätte ich es für eine Weile sogar vergessen. Neben mir meine Frau, hinten im Wagen die Kinder, aber das ist Vergangenheit, die Kinder sind groß, die Frau ist tot, ich habe nicht einmal mehr ein Auto und die Insel ist mit so schönen Erinnerungen vermint, dass ich mit niemandem, der nicht zur Familie gehört, dorthin fahren kann.

Stattdessen Samstagsterror der Vorstadt.

Wenn jemand vorbeigeht, der nicht Eingeboren ist, kenne ich ihn. Zumeist jedenfalls. Das Flüchlingschaos findet anderswo statt. Ich habe mich vor Wochen bei zwei Hilfsgruppen gemeldet, aber keine hat mich nachgefragt. Möglich also, dass es bei einer guten Tat bleibt, ich habe ja mein Fahrrad verschenkt, damit die Muslima ihrem verstockten, von keinerlei Einsicht in die Wirklichkeit getrübten Muselman einmal zeigt, wo der Hammer hängt. Meine Freundin profitiert von den Flüchtlingen. Sie unterrichtet demnächst Deutsch für Ausländer. Ich könnte das auch, will aber nicht, weil ich Arbeit habe. Mehr als genug. Aber es gibt viele andere, die schon jetzt von der Krise profitieren, denn die Geflüchteten müssen ja essen, wohnen, sie müssen hierhin und dorthin, man muss ihre Namen aufschreiben, ihre Geschichten, das ist eine ungeheure Aufgabe, und da werden natürlich Menschen benötigt. Arbeitskräfte, überall wird für die Flüchtlinge gearbeitet.

Ich verstehe gut, dass manche sich sorgen, aber sie könnten sich informieren. Stattdessen flüchten sie sich ins Jammern und lassen sich aufpeitschen von widerwärtiger und gewalttätiger Rhetorik. Sie spielen das Vaterland geht unter Spiel. Das, Freunde, ist nicht meines, aber ich liebe die Landschaft, in der ich groß geworden bin. Dies ist ein Land, das nach zwei Weltkriegen Hilfe und Solidarität erfahren hat, dies ist ein ein reiches, falls nicht das reichste Land in Europa, und man sagt uns nach, dass wir organisieren können. Wir haben es geschafft, die politischen und sozialen Verwerfungen nach der Wende ohne blutige Zusammenstöße einigermaßen zu regeln, was, wenn man sich in der Welt umschaut, eher selten vorkommt. Darauf bin ich ein bisschen stolz, und so richtig stolz wäre ich, wenn wir - während überall aufeinander geschossen und eingeschlagen wird - der Welt das Gegemodell präsentieren könnten. Es ginge. Es wäre nicht einfach, aber es ginge. Imagine. Da ist er wieder, der alte Hippie. Wir leben in Frieden. Wir haben genug. Jetzt wäre Zeit und Gelegenheit, zu begreifen, dass es Sinn macht, für etwas Größeres einzustehen, für Hilfe an Menschen, die Unglaubliches getan haben, ihre Heimat verlassen. Wer hilft, fühlt sich selbst auch sofort besser. Probieren Sie das mal aus. Es funktioniert. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, sagte Tante Änne. Und hatte Recht. Also, wir können teilen, es ist genug da. Davon abgesehen wird uns nichts anderes übrig bleiben, denn wenn Menschen fliehen wollen, fliehen sie, und niemand kann sie aufhalten.


Mo 12.10.15 12:24

Für die Unerschrockenen hier ein kleiner Vorgriff auf die Zukunft. Der Ihnen sicher bekannte Herrn M., geistig frisch, neugierig und körperlich meist in bester Verfassung, ist seit gestern ein Greis. Der damit verbundene Schmerz hat sich rechtsseitig eingenistet, da, wo die Nieren sind, und sticht bei bestimmten Bewegungen des rechten Beines (strecken, aufstehen, Gewicht verlagern), aber auch bei herzlichem Lachen heiß zu. Manchmal so heiß, dass Herr M. sich beim Versuch, aufzustehen, aber noch vornübergebeugt stehend, festhalten muss, weil er weder in die Ausgangsposition zurückkehren, noch sich aufrichten kann. Umfallen wäre das einfachste, sieht aber nicht schön aus, und der Schmerz bleibt ja auch nur einen Moment. Natürlich heißt das nicht, dass Herrn M.s Zukunft so aussehen muss, sie kann aber. Man wird also noch mutiger werden müssen, denkt Herr M. Bemuttern von irgendeiner Seite wird er nicht akzeptieren. So lange er kriechen kann, kriecht er. D
as hat mit Ehre zu tun und hängt ihm irgendwie nach. Seien Sie nun aber nicht mißmutig, was ihre Zukunft angeht. Denken Sie einfach daran, dass viele von Ihnen schon tot sind, eh es so weit kommt.


Di 13.10.15 11:27

das pferd trat zu
die hexe schoss
und traf den ischias
trotz aller ruh, die ich genoss
wurde ich leichenblass
der spatz vorm fenster lachte schrill
ich sah die felle schwimmen
ich hielt mich warm, und blieb ganz still
um bloß nichts zu beginnen
nur sitzen, liegen, keinen schritt zuviel
die hexe will das nicht
das pferd galoppiert stolz durchs ziel
mir bleibt das fahle licht
des nahen herbstes, seine
bunte pracht
der schmerz wird weggelacht.

 

Do 15.10.15 22:27

Weiß der Teufel, wo sie hinwollen, aber sie wollen irgendwohin, zwei, sie sind aufgeregt. Die eine weiß noch nicht, wie man sich schminkt, hat es aber trotzdem getan, und wenn sie Sätze in der Mitte abbrechen, keine Ahnung, versuche ich mich daran zu erinnern, wie wir geredet haben, weiß es aber nicht mehr, und will's auch lieber nicht wissen. Wen könnten sie anrufen, falls der, den sie dort, wo sie hingehen, erwarten, nicht da ist, und welche anderen Möglichkeiten es gäbe, reinzukommen, weil - rein wollen sie, keine Ahnung. Party also, irgendwo Party, aber sie tragen kein Dirndl, das Oktoberfest ist vorbei, trotzdem: große Party, soviel weiß ich jetzt. Die Dunkelhaarige, die sich nicht schminken kann, trägt schwarze, kaputte Leggins, die andere, keine Ahnung, ist blond und schmallippig. Der Bus hält, zwei weitere junge Frauen kommen rein. Freundinnen, die wollen auch dahin, wo die beiden hin wollen, haben aber schon Karten und glauben, dass man auch so reinkommt. Was so reinkommen heißt, weiß ich noch nicht. Niemanden dabei haben, der Vollährig ist? Das könnte sein. Ich glaube, alle suchen jemanden, der achtzehn ist und sie mit reinnimmt. Die Neuankömmlinge gehen auf eine andere Schule. Wer on ist und wer off, darum geht es jetzt. Die Schmallippige sagt, sie melde sich nie off. Jedenfalls sage sie nicht, dass sie off geht. Sie gehe einfach. Alle sind gerade von einer irgendeiner Fahrt zurück. Hamburg, von Hamburg ist die Rede, aber auch von Sylt. Und ob die P., ob die eigentlich an eurer Schule ist, will die mit den kaputten Leggins wissen, weil die, die kommentiert jedes Foto. Jedes. Die jungen Frauen schreien vor Lachen. Die P., sagt die Gefragte, mit der redet niemand.


Fr 16.10.15 9:15



geld tropft mir an allen enden
von den wänden, selbst im klo
scheiß ich, halt ich gold in händen,
fühl mich danach matt und froh,
doch was mache ich damit,
reibe ich's mir in den schritt?

nein. jetzt weiß ich, was ich tu
mit der kohle scheiß ich alle zu,
bis sie sich vor dankbarkeit bepissen
und mir sonntags flaggen hissen.

ja, das ist ein guter plan,
fange sofort damit an,
schmeiße 100000 vom balkon,
das habt ihr jetzt davon.


Mo 19.10.15
17:57

Man möchte an diesem Montagnachmittag glauben, der Frühling sei unterwegs, aber man täuscht sich, wie man sich immer und in allem täuscht. Trotzdem genießt man bei geöffneter Balkontür.


20:42

Empfehle Bewegung im Freien, wenn all das Grün, für das niemand Namen hat, sich in Grau hüllt und schwarz wird und schwärzer, wenn Bäume, Baumreihen, kleine Wälder, Hecken, Wiesen und Felder sich in Scherenschnitte verwandeln, mit Nebel bauchhoch und der Stille der Nacht, obwohl die Stadt ja nicht weit ist.


Di 20.10.15
11:10

Vor zwei Tagen habe ich beschlossen, dass ich wieder mit der Arbeit beginne. Es gibt einen Plan, der die Fantasie zuweilen derart befeuert, dass alles sich schon fast wie geschrieben anfühlt, aber noch existiert nichts außer ein paar Notizen. Ich erkläre also den Verrentungsschock für überwunden und freue mich auf die Arbeit. Wie wirkungsmächtig aber so ein Entschluss ist (oder sein kann), zeigt sich, wenn man ins Bett geht und die Gedanken plötzlich zu kreisen beginnen, was es nicht leichter macht, in den Schlaf zu kommen. Heute früh war der Roman ganz plastisch und bis ins letzte ausformuliert in meinen Träumen. Er hatte mit einem Haus zu tun, ich konnte das Haus greifen, ich wusste, was es mit ihm auf sich hatte, kaum aber hatte ich die Augen geöffnet, war nur "Haus" geblieben, ergab aber sonst keinerlei Sinn mehr.

23:24

Gerade noch war ich befreundet, hatte mich aufs Rad gesetzt, war ein gehöriges Stück gefahren, war noch immer befreundet, hatte aber schon seit langem gedacht, dass eigentlich immer ich derjenige gewesen war, der den anderen besucht hatte, selten sei es umgekehrt gewesen, war aber noch befreundet, während der idonesische Bonsai Meister von einer speziellen Lauge erzählte, die seine Fische durch Ausscheidungen herstellten, mit der er seine Pflanzen gieße. Auch zu diesem Zeitpunkt war ich noch befreundet, aber schon angepisst, denn der Freund hatte neuerdings eine Freundin, und seit das so war, ließ er sie und sie ihn kaum einen Augenblick aus den Augen, ständig wurden Hände gehalten und Küsse getauscht und es wurde gelächelt, dass ich kaum hinschauen mochte, so albern sah es aus und im Grunde auch unglaubwürdig, denn der eine war ja dreißig Jahre älter, zudem nannte man sich bei Kosenamen, die, macht man das Licht an, wie Staub zerfallen, aber so ist Liebe eben, hatte ich noch gedacht, aber als es dann auf den Abend zuging, und das Hätscheln noch immer im Zentrum unseres eigentlich als Männertag geplanten Zusammenseins stand, entschloss ich mich kurzfristig und fuhr heim. Seitdem bin ich nicht mehr befreundet.


Mi 21.10.15 21:50

Radtour zur Burg Vischering, um Bilder des holländischen Fotografen Ruud van Empel zu sehen.



Do 22.10.15 11:29

Das Streckenprofil zur Burg Vischering führt von ca. 77 Metern über NN in Roxel hinab auf 53 in Lüdinghausen. Zwischen Senden und Lüdinghausen fühlte es sich allerdings umgekehrt an, aber erst auf dem Rückweg wurde es mir wirklich klar, denn von einer Moräne in die nächste Senke erreichte ich 28,48 KmH. Glückwunsch. Höchstgeschwindigkeit. Man kann die Beine für kurze Zeit ausruhen, Fahrtwind pfeift um die Ohren und man denkt nicht. Denkt man doch, denkt man vielleicht, Gott, ist das schön, aber wahrscheinlich denkt man nicht, weil es viel zu schön ist, zu denken. Denken kann man später noch. Sagen wir: 30 KmH., okay? Klingt besser. Der Kilometerzähler weiß all diese Dinge, er hält mich ständig auf dem Laufenden, verrät meine Durchschnittsgeschwindigkeit (16,4) ebenso wie meine Fahrzeit (4:13:36) etc. pp.

Der Gitarrist der Fullmooners, mit denen ich zuweilen Musik mache, hatte mir von Ruud van Empel erzählt. Er wisse ja nichts über Kunst, hatte er gesagt, aber er habe da in Lüdinghausen eine Ausstellung gesehen, die habe ihm so gut gefallen. Ich recherchierte im Netz und beschloss, hinzufahren. Da ich kein Auto mehr habe, nahm ich das Rad. Es war trocken, recht mild, manchmal schien eine bleiche Sonne.

Fischtreppen im Lauf der Stever, die, glaube ich, in den Haltener Stausee führt, vielleicht auch in die Lippe oder beides. Hinter einer der Treppen hatte sich ein armdicker Ast quer gelegt. Davor weißgrau zitternder Schaum und zwei ausgebleichte, sich drehende Fußbälle.

Vor Senden wird die Stever gestaut, das Wasser ist voller Algen. Zwei Blesshühner führen einen Balztanz auf. Das glaube ich zumindest, denn was anders hätte es zu bedeuten, wenn das linke Blesshuhn das rechte frontal anspringt, anschwimmt, irgendwie hochschiebt, so dass es fast nach hinten kippt? Es schreit dabei. Ficken (oder die Vorbereitung darauf) sieht albern aus, ganz gleich, wer's macht. Der Weg bleibt bei der Stever, die Stadt ist links, wenn ich geradeaus fahre, komme ich zum Kanal, aber es gibt Umwege, sagt ein Schild, der Kanal wird verbreitert, man könne da nicht entlang fahren, aber ich fahre trotzdem. Eine Sperre lässt sich durch einen schmalen, U-Törn-förmigen Weg durch den Wald umfahren, als wäre er dazu gemacht.

Am Altarm des Dortmund-Ems Kanals, vor und hinter einer alten, verwitterten Bogenbrücke stehen Schilder: Explosiongefahr. Baden verboten. Lebensgefahr auf 100 Meter. Wieso? Und wieso beseitigt man die Gefahr nicht? Und warum ist sie auf 100 Meter begrenzt?

Es geht jetzt aufwärts. Irgendwann dann ums Eck und ein Schild: noch 6,5 Kilometer. Nicht sechsundzwanzig, wie ich auf einem anderen Schild gelesen hatte. Manchmal pfuschen sie beim Aufstellen von Hinweisschildern. Ich atme auf. Sechskommafünf sind okay. Vorm Eingang zum nächsten Hof hängt ein kalkweißer Jesus.

Die Burg Kakesbeck, seit dem 11. Jahrhundert ein Ort, an dem Landadelige Bauern unterdrückten und auspressten, die von Vischering natürlich immer dabei, denen noch heute viel Land und Immobilien gehören, ist seltsam verwunschen. Sie ist nicht sehr groß, ein Ensemble mit ein paar spitzen Dächern, einem Turm, das Wasser der Stever drumrum, wie ein Dorf, dessen Brücken man hochziehen kann. Einer Legende nach sollen in den Kellergewölben nachts drei kopflose Kälber spuken. Kakesbeck ist auch eine Bauernschaft, wo der Gitarrist der Fullmoooners lange Jahre gelebt hat, aber seltsam, so oft ich auch dort war, damals, die Burg Kakesbeck habe ich erst viel später entdeckt.

Der Gitarrist (wir waren Anfang vierzig) hatte einen Hund, den wir Triebwagen nannten. Ein kräftiges Tier, schwarz, eine Retriever-Figur, aber mit Kurzhaar und viel zu kurzen Beinen. Er hatte auch einen Namen, aber den weiß ich nicht mehr. Eines Nachts, wir hatten Musik gemacht und schliefen auf Luftmatratzen im Wohnzimmer, wurde mir eng um die Brust, ganz eng. Ich erwachte, weil ich fürchtete, ich müsse ersticken. Der Triebwagen lag auf mir. Ich schubbte ihn runter.

Der Wald hört nicht auf, und ich brauche dringend etwas zu trinken. Langsam müssten Kirchtürme auftauchen. Kirchtürme waren lange Zeit die ersten Boten einer Stadt. Heute kommt ihnen häufig die Faltkartonarchitektur neuerschlossener Industrieareale zuvor. Aber ich sehe keine Kirchtürme und das andere auch nicht. Links müssten sie auftauchen. Jetzt, sofort, verdammt, und da sind sie. Einer jedenfalls. Und dann stehen da Schilder, da parken die Touristen, ich kreuze den Platz diagonal, fahre an den Remisen vorbei die Auffahrt hoch zur Burg Vischering, stelle mein Rad weg und schließe es ab, überquere die Brücke zum inneren Teil der Burg und halte mich links. Da ist ein Café, da bedient eine fröhliche Russin, die Irina heißt, schwarzer Rock, schwarzer Pullover, weiße Schürze, so etwas sieht man heute nicht mehr so häufig, Wasser, Cappuccino, heller Nougatring, Selbstbedienung und sofort bezahlen. Ist gut, Irina.

Die Kartenverkäuferin sagt, auf jedem Foto von Ruud van Empel wären zwei Tiere, das nur nebenbei. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir jemand beim Kauf einer Eintrittkarte für eine Fotoaussstellung so etwas sagt, aber jetzt guckte ich natürlich, ob ich tatsächlich zwei Tiere sah. Manchmal ja, aber nicht immer. Aber das wird wohl die Kunst nicht sein, ganz bestimmt nicht, die Kunst bei den Fotos von Ruud van Empel ist eine ganz andere, sie ist nicht wirklich, anders kann ich sie nicht beschreiben. Er inszeniert pralle, farbige tropischen Szenarien und die hineingestellten Personen. Er schneidet aus hunderten seiner Fotos Details aus und komponiert sie neu. Unheimlich sind sie auch. Mehr davon hier. Ich gehe langsam herum, ich fotografiere die Fotos ab, ich spiegle mich selbst in den Rahmen und das Licht des Raum spiegelt sich auch, als handle es sich um anfliegende Ufos, und so habe ich auch Kunst gemacht.

Und dann fuhr ich heim. Dabei gelangen mir Abkürzungen, auf die ich stolz bin. Ich kannte die Wege nicht, es gab auch keine Hinweissschilder, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mich weiter brächten. Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie gut es sich anfühlt, wenn sich dann herausstellt, dass die Richtung nicht trog, die man instinktiv eingeschlagen hatte, und dass der Wald, den man gerade durchquerte, und der einem immer vertrauter vorkommt, sich an der nächsten Webgablung als derselbe Wald entpuppt, den ich auf der Hinfahrt zwei Kilometer weiter nordöstlich gestreift hatte. So mache ich mangels Geld für langwierige Flugreisen oder Hotelaufenthalte Urlaub. Aber ich möchte auch gern bald mal wieder ans Meer.






Fr 23.10.15 18:04

Rotlicht bei Herrn M. Angenehme Tiefenwärme auf dem Wege der Besserung, oder hat er einen Puff aufgemacht?


Mo 26.10.15 11:20

Die Welt wird bunt, die Zeit ist umgestellt, das haben die Kraniche sofort bemerkt und sich auf den Weg gemacht. Gerade eben, die ersten, hoch in der Luft, ein sehnsüchtiges Rufen. Am Wochenende wurden der Schrebergarten meiner Freundin, dessen assoziiertes Mitglied für schwere Arbeiten ich bin, von allem befreit, was nicht Ernte war. Dabei gelangt man jedes Jahr zur gleichen Erkenntnis: Ernte und Abfall stehen in reziprokem Verhältnis zueinander. Dennoch scheint niemand der Gartenfreunde Einwände zu haben. Alle sind still und verbissen unterwegs, den von den Abfallbetrieben Münsters in den Hauptgang der Gartenanlage geschobenen Container noch vor Ausbruch der grauen, farblosen Jahreszeit bis an den Rand zu füllen. Nur dass die ersten vier Gärten wegen des Containers nur mühsam betreten werden können, führt zu Unmut. Da wird telefoniert und schließlich kommt ein LKW und stellt den Container woanders hin.


Di 27.10.15
22:55

Die Schrift ist klein und macht nicht viel her. Sie traut sich nicht recht. Ich kenne die Person, die dahintersteckt, die hat immer sehr nach außen gekaspert.
So täuscht man sich ständig.


Mi 28.10.15 19:19

es hätte schön werden können,
und es wird wieder schön,
darauf verwette ich meinen arsch.
aber ohne uns.
wir sind dann weg. alle tot.
das ist das schöne am optimismus.
es gibt immer aussichten.
schöne aussichten.


Fr 30.10.15 19:05

-Und was glauben Sie?
-Ich weiß nicht. Ich komme direkt aus der Warteschleife.
-Hat Ihnen denn niemand gesagt....?
-Nein. Was?
- Dass es, na ja – Entschuldigen Sie, Herr ???
- Ja.
- Da muss etwas schief gelaufen sein.
- Deshalb hatte ich angerufen.
- Sehen Sie, ich ahnte so etwas. Und – was wollen Sie jetzt tun?
- Ich werde Hilfe organisieren.
- Niemand wird Ihnen helfen, das wissen Sie doch.
- Ja, natürlich, aber Sie werden verstehen, dass Sie damit nicht durchkommen können.
- Vielleicht, wenn wir ....
-Zu spät, fürchte ich .


Sa 31.10.15
16:27

natürlich gibt es muslime, die arschlöcher sind.
unter menschen findet sich immer ein gewisser prozentsatz von arschlöchern, dieben, kinderfickern, kurz: von allem, was man denken kann. und stellen sie sich vor, liebe nazifreunde (hh übrigens), das trifft auch auf DEUTSCHE zu.



18:02

wenn sie einsteigen und glauben, sie hätten gewonnen, können sie gleich wieder aussteigen, aber dort, wo sie einstiegen, hat sich seit ihrer abfahrt alles verändert, sodass sie jetzt, wo sie ausgestiegen sind, keine orientierung mehr haben. ein anderes öffentliches oder sonstwie verkehrendes verkehrsmittel verkehrt nicht mehr, überhaupt scheint jeder verkehr entweder verebbt, verboten oder auf der stelle eingegangen zu sein.

wie dem auch sei, wenn sie dennoch einsteigen, glauben sie, was sie wollen, sie haben verloren. der gewinner ist nicht der fahrer, dessen können sie sicher sein, der gewinner ist irgendwo, er weiß selbst nicht wo, da jedenfalls ist er jetzt und reibt sich die hände, während alle, die außer ihnen eingestiegen waren und geglaubt hatten, irgendwann irgendwo anzukommen, jetzt ohne orientierung herumgehen, als wären sie untot, und tatsächlich, man kriegt sie nie mehr kaputt, sie kehren wieder und wieder zurück, manche von ihnen sehen grauenhaft aus.