Oktober 2016                      www.hermann-mensing.de      

    

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So 2.10.16 11:17

Ich wollte eine SD-Karte kaufen. Er war mild, fast ein Sommertag im Oktober. Ich kam vom Wochenmarkt. In den Arkaden fielen mir Werbetafeln für die Wunder der Tiefsee auf, Kraken, geheimnisvolle Wesen, Leuchtfische. Kurz dahinter stand der Nachbau einer Tauchkugel mit einem Durchmesser von etwa 3 Metern mit runden Bullaugen. Eine Treppe führte zur Einstiegsluke. Vorsicht, Eintritt auf eigene Gefahr, stand auf einem Schild. Ich stieg hinauf, ich beugte mich vor, beugte mich aber nicht tief genug, so dass ich mit der Stirn gegen den Lukenrand stieß. Blut floss nicht, aber es war peinlich, denn jetzt guckten alle, wieso dieser alte Mann in diese Tauchkugel stieg, in die noch niemand gestiegen war. Also blieb ich eine Weile sitzen, um mich dann davonzustehlen. Später sah ich Kinder in der Kugel.

Mo 10.10.16 23:45

Mein Bankautomat wollte kein Geld rausrücken. Das kommt, wenn man sich ein Auto mietet, in den fernsten Osten der Republik reist, in Hotels wohnt, die junge neue deutsche Küche probiert, in der Dresdener Neustadt um die Häuser zieht, einen Abend in der Semper Oper verbringt, das Residenzschloss besucht, kurz, wenn man von früh bis spät Geld ausgibt. Aber es hat sich gelohnt. Ich habe mich wiedervereinigt, obwohl ich auf dem Platz vor der Semperoper eine handvoll Pegida-Aktivisten sah, deren Sprecher durch sechs rings um das Dach eines Transporters angebrachte blecherne Lautsprecher Heimat, Kinder, Schutz vor..., Vaterland, Rettung und ähnliches Zeug bellte. Deutschland ist schön, und Arschlöcher gibt es überall.


Di 11.10.16 10:45

Wenn einem die Zeit unter den Fingern zerrinnt, wird man alt. Heute jedoch bin ich jung, bin aufgestanden, habe mich im Spiegel angeschaut und Guten Morgen gesagt. Heute haben wir Zeit, hat der Spiegel gesagt, Zeit für Schönes und Lästiges, heute lassen wir uns nicht treiben, los jetzt, sieh zu, dass dein Bart endlich wieder diese hässlichen Falten überwuchert. Wieso hast du ihn überhaupt abgeschnitten? Tja, gute Frage. Egal. Gleich gehst du los, dich bewerben, du willst doch jetzt häufiger verreisen, es hat dir doch gut gefallen, oder? Ja, sehr. Siehst du, und dazu brauchst du Geld, Extrageld, das musst du verdienen. Rentner wie du, noch dazu Freiberufler, können doch schon froh sein, wenn sie überhaupt überleben. Als: 450 Euro Job im Supermarkt. Einräumen. Ausräumen. Einziges Problem könnte sein, dass du älter als der Filialleiter und alle übrigen Angestellten bist, die könnten Berührungsängste haben.

Vorm Haus torkeln der Nazi und sein russischer Trinkerfreund vorbei, sie müssen sehen, dass der Pegel stimmt, sonst beginnen sie zu zittern. Lallen tun sie schon. Die Nachbarn grüßen. Ich sähe gut aus, sagt einer, und ich sage, ich sähe immer gut aus. Wie es denn gewesen wäre im Osten? Wunderbar, sage ich. Hach ja, Dresden, sagt die Nachbarin, die mich immer mit Gemüse versorgt, und erzählt, wie ihr ein Dresdner in der Semperoper gesteckt hätte, dass man während einer Oper keine Bonbons lutscht. Dummes Zeug, sage ich. Die Semperoper ist wirklich ein tolles Ding. Ich habe bis zur ersten Pause darüber nachgedacht, was die römischen Ziffern hoch über der Bühne bedeuten? Dass sie die Zeit anzeigen, war meine letzte Annahme, die sich schließlich bestätigte.

Samtweiches Orchester, hervorragende Akkustik, Manon, eine tragische Liebesgeschichte, Spitzenkräfte auf Zehenspitzen. Für jeden Euro Eintritt (50) ein Mensch auf der Bühne. Wenn ein Mann die Primaballerina Frau stemmt und sie sicher hat, streckt er immer den anderen Arm aus und macht eine elegante Handbewegung, damit man sieht, dass er es auch mit einem Arm schafft. Natürlich ist es atemberaubend, was diese tanzenden Menschen ihren Körper abverlangen, noch dazu in Kostümen des Barock und einer sehr naturalistischen- ich fand - kitschigen Kulisse, aber diese Art Illusionstheater passt zum Haus, jede Säule, jedes Fresko feiert die Illusion und die Größe der Dresdner Herrscher. Wenn jetzt jemand fragt, kann ich sagen, ich war in der Semperoper und weiß, wie man dort tanzt und wie ein Weltklasseorchester klingt.

11:30

Die Wirtin vom Café Richter in der kleinsten Stadt Deutschlands, der Stadt Wehlen an der Elbe, hatte uns geraten, auf der anderen Flußseite nach Rathen zu wandern, dann könnten wir die Basteifelsen sehen. Ein kleines Boot setzt uns über. Der Weg folgt dem Fluss. Es bleibt kaum Platz zwischen ihm und den von Buchen bewachsenen, steil aufsteigenden Hängen, das Ufer, der Weg, hier und da noch eine Datsche, eine Trasse für die Eisenbahn, mehr nicht. Zwei- dreimal sehnsuchtsvolles Tuten von flußauf und flußab fahrenden Schaufelraddampfern, schlanke Schiffe, die zur tschechischen Grenze fahren oder von dort kommen.

Von Dresden folgt man der Elbe flußauf. Innerhalb einer knappen Dreiviertelstunde durchquert man mediterran wirkende, rechtsseitig der Elbe liegenden Viertel Dresdens, pastellfarbene Villen, klassizistisch manche, hübsche Gärten, mal ein Schloß oder schloßartiges Herrenhaus, an steil aufsteigenden Hängen Wein, in den Flußauen Obst. Hinter Pirna geht es aufwärts, man überquert eine sanft rollende Hochebene, voralpin fühlt es sich an, darüber spannt sich ein weiter Himmel, das Motiv eines Ölgemäldes eines zeitgenössischen Dresdner Malers, das wir am Vortag in einer Galerie gesehen hatten. Schließlich geht es in Spitzkehren wieder hinab zum Fluß in die Stadt Wehlen. Ein Städtchen. Fast zu hübsch, um real zu sein, aber da ist es, und ein Mann mit Elbschiffermütze und goldenem Anker auf der Stirnseite rät uns, besser nicht hier zu parken sondern dort, hier sei für Anwohner, zudem sei morgen Kirmes. Wir folgen seinem Rat, obwohl es eng wurde, zu drehen. Die Warnmelder piepten wie wild, aber ich wusste nicht, wie man sie abstellt.

In Rathen überqueren wir die Elbe noch einmal und kehren ein, und da sitzen fünf Chinesen am Tisch. Wir nehmen an, dass es Chinesen sind, wir Langnasen können Schlitzaugen ja nicht unterscheiden, zwei Jungs zwischen 8 und 10, eine junge Frau, ein junger Mann um die 30, und ein älterer Mann in schäbiger Lederjacke. Sie sitzen da und starren auf die Speisekarte. Oh Gott, denken wir, die Armen, die können ja nicht einmal unsere Schriftzeichen lesen. Wir nicken freundlich, setzen uns an den Nebentisch und sind gespannt, wie es weitergeht. Man diskutiert. Es geht hin und her. Plötzlich sagt einer der beiden Jungen, die Frau raucht. - Echt? - Ja. Die stinkt. Ich hasse Raucher. Also sprechen sie nicht nur Deutsch, nein, sie sind auch bis auf die Knochen deutsch durchsozialisiert. Wir bestellen sächsischen Mohnkuchen. Irgendwie haben es die Sachsen mit Mohn.


Mi 12.10.16 12:58

Immer habe ich gebrauchte Autos gefahren. Ich könnte sie aufzählen, ich weiß, welches wo wann welche Kratzer bekommen hat, welches wo warum stehenblieb, aber das interessiert zunächst nicht, vielleicht komme ich später darauf zurück, vielleich aber auch nicht, denn ich steige jetzt ein zeitgenössisches Auto. Es ist ein Ford Focus Diesel. Ich vermute, ein in den Abgaswerten heruntergepegeltes Fakemobile. Es sieht aus wie alle zeitgenössischen Autos. Ich habe es für eine Woche gemietet. Kaputt machen darf ich es nicht, aber wenn es von selbst kaputt geht, was bei der verbauten Elektronik jederzeit passieren kann, muss ich nur die Hotline anrufen, die rettet mich dann.

Da die Reise in den Osten Stunden dauern wird, und ich beim Fahren gern Musik höre (das beruhigt und tröstet mich über den Wahn deutscher Hochleistungschauffeure hinweg) habe ich mir Fahrmusik auf mein Tablett geladen. Ich steige also ein, stecke den Zündschlüssel ins Schloss und drehe ihn um. Das Display leuchtet auf. Links die zur Verfügung stehenden Optionen. Darunter ein USB Stecker. Aha, denke ich, und verbinde das Tablett mit dem PKW. Nichts geschieht. Da ich neu bin im Geschäft der Synchronisation moderner Kommunikationsgeräte mit anderen modernen Kommunikationsgeräten, bin ich nur mild enttäuscht. Aber ich bin enttäuscht, denn ich hatte erwartet, dass Musik erklingt. . Da sie das nicht tut, programmiere ich unser Ziel, obwohl ich weiß, wie ich fahren werde. Das System bestätigt meine Route. Ich aktiviere das Entertainmentprogramm, stelle das Radio an und die Fahrt beginnt.

Nicht schalten zu müssen unterfordert meine Extremitäten, vor allem die Füße wissen nicht recht, was sie tun sollen und die rechte Hand will gern schalten. Erstaunt bin ich über die muntere Beschleunigung, erfreut über den Tempomat. Der kommt meinem Naturell entgegen. Nach etwa zwei Stunden pausiere ich. Meine Reisebegleiterin übernimmt und ich widme mich meinem Tablett. Diesmal versuche ich es über Bluetooth. Ich kenne es noch nicht in all seinen Funktionen, aber angeblich ist die moderne Touchscreen-Navigation intuitiv, auch digitale Dinosaurier können das, und so höre ich schließlich Musik. Meine Musik.

Das Naturell meiner Beifahrerin unterscheidet sich sehr von meinem. Sie liebt das Gasgeben, den Spurwechsel, das Herunterbremsen. Daran muss ich mich gewöhnen. Im Spreewald pausieren wir erneut. Der Himmel ist weit, ein Alleinstellungsmerkmal entvölkerter oder wenig bevölkerter Landschaften und ich liebe das. Es schrumpft den Menschen auf seine natürliche Größe und fordert Demut. Ich unterhalte mich mit einem Nordostpommern. Ein sehr freundlicher Mann, der rät, die in Ostdeutschland häufig vorkommende Spezies des Nazi nicht allzu ernst zu nehmen. Ich werde es versuchen, sage ich. Dann fahren wir weiter. Wald. Wir durchqueren richtigen Wald, kilometerweiten Wald, bis mir auffällt, das meine Reisbegleiterin immer konfuser fährt. Sie hört das nicht gern, willigt aber ein, dass ich für die letzten Kilometer das Steuer übernehme. Ob ich besser fahre, weiß ich nicht, aber ich fühle mich besser, wenn ich fahre. Und so erreichen wir unser Ziel. Bad Muskau im allertiefsten Osten. Hier hat sich Fürst Pückler (ja, das gleichnamige Eis hat er auch erfunden) ein Schloss gebaut und einen Park angelegt, der ihn ruinierte. Nachfahren, hörte ich, leben in München. Bestimmt nicht verarmt.


Do 13.10.1620:06

Die Mädchen kichern. Sie sind im richtigen Alter. Alles kann Kichern auslösen, banalste Dinge. Sie kichern also, ein Mädchen mit dunkelblondem Pferdeschwanz, eines mit lackschwarzem Haar, eine kleine Japanerin vielleicht. Die beiden reden über ein auf die Erde gefallenes Smartphone, beide haben eins, die kleine Japanerin zeigt ihrer Freundin etwas auf ihrem display, wieder kichern sie, sie sprechen schnell, zu schnell, um etwas aufzufangen, nur soviel: das Smartphone des dunkelblonden Mädchens steckt in einer rosafarbenen Schutzumrandung mit zwei Hasenohrent. Das japanische Mädchen beginnt zu telefonieren. Sie hat die Sprache gewechselt. Auch in der redet sie schnell, aber im gleichen Tonfalls, und ich kann mir vorstellen, dass ihre Eltern manchmal sagen, du hast einen deutschen Akzent. Als sie fertig ist, machen die beiden ein Spiel. Das japanische Mädchen macht es vor. Sie macht Fäuste und legt sie waagerecht gegeneinander. Dann klappt sie die Fäuste auf. Beiden Handflächen sind jetzt gegeneinander gepresst, die Finger zeigen nach oben. Die Finger der linken biegen die der rechten Hand zurück und umgekehrt, im nächsten Schritt umkreisen sie sich in der Waagerechten, legen sich aufeinander, vollführen Wellenbewegungen, eine Hand springt hoch und legt sich an die Wange des Mädchens. So ungefähr. Wie schön, dass solche Spiele in jeder Generation auftauchen. Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser ist auch so eines.

20:40

das große
mag den alltag nicht
es war immer größer
aber der alltag ist raffiniert
verschlagen sogar
er hat werkzeug
er hämmert er sägt
er hat tag und nacht zeit
und zerkleinert
das große
wird aber nicht kleiner dadurch
es ist nur ...
bald kann es niemand mehr fassen
und dann?


Fr 14.10.16 19:01

Jetzt hat er es schon wieder getan. Damals konnte ich ihn abweisen. Zwei Tage später aber hatte ich einen Brief in der Post. Ohne Absender. 100 Euro waren drin. Heute waren es 50, die er mir beim Abschied in die Hand drückte. Mein Versuch, ihn abzuweisen, schlug fehl. Er meint es gut mit mir. Er denkt, ich wäre ein mittelloser Dichter, dem er Gutes will, aber ich glaube, sein Motiv ist vielschichtiger, er will nicht nur Gutes, er wäre auch gern ein mittelloser, verrenteter Dichter, ist aber verrenteter Studienrat. Ich bedankte mich, hängte eine prallvolle Tüte mit Dülmener Rose Äpfeln links, und eine mit Walnüssen rechts an meinen Fahrradlenker und fuhr heim.


Mo 17.10.16 22:09

Vor etwa vier Wochen hat es mich 15 Euro gekostet, den Radweg östlich des Aa-Sees zu befahren. Ich wusste, dass es verboten ist, aber das wissen alle Münsteraner und fahren dort trotzdem.15 Euro also, von einem Motorradpolizisten. Seitdem habe ich den Weg auf der anderen Seite genommen, der von keiner höher liegenden Straße einsehbar ist und auch nicht so einfach mit dem Motorrad zu erreichen. Heute abend abend fuhr ich den gewohnten östlich gelegenen Weg, als mir etwas ungewöhnliches entgegegen kam. Zunächst dachte ich noch an einen mit kräftigen Scheinwerfern ausgerüstet Rollstuhl. Als ich sah, dass es ein Polizeimotorrad war, machte es keinen Sinn mehr, abzusteigen. Ich fand mich in mein Schicksal, ich hatte heute gut verdient. Der Polizist aber beachtete mich gar nicht und fuhr an mir vorüber. Einen halben Kilometer weiter in entgegengesetzter Richtung sah ich aufgeblendete Scheinwerfer am Ende des hinteren Sees. Polizei. Und dann fiel mir ein, dass ich diese knatternde Schlagen, das Hubschrauberrotoren verursachen, wenn sie auf der Stelle fliegen, gehört hatte, als ich über die Promenade fuhr. Also suchten sie etwas. Mich aber nicht.


Do 20.10.16 20:07

Was es mit der Polakken-Wirtschaft auf sich hat, wusste ich schon, als ich sechs oder sieben war, aber ich wusste natürlich nicht, dass die Polakken Schlesier waren, und selbst, wenn ich es gewusst hätte, Polakkenwirtschaft war etwas, was es bei Deutschen nicht gab.
Ob es sie je gegeben hat in all den Jahren zwischen damals und heute, weiß ich eigentlich auch nicht, es war einfach ein stehender Begriff und jeder wusste, was gemeint war.

Von der Turmvilla in Bad Muskau muss man nur über die Straße und die blaue Neißebrücke gehen, schon ist man im anderen Land, und nur zweihundert Meter weiter geht das los mit besagter Wirtschaft. Ein Areal von der Größe mehrerer Fußballplätze, vollgestellt mit Wellblechbaracken, in denen von früh bis spät wunderlichste Dinge verkauft werden. Abends dort herumzugehen ist ein wenig unheimlich, denn Wellblech wirkt nicht vertrauenerregend. Tagsüber stellt man fest, dass sehr viele dunkelhäutige Menschen dort Geschäfte betreiben, Bulgaren, sagte man mir, Clans, denen der Pole nicht traut.

Der Pole selbst traut sich auch nicht recht übern Weg, denn als ich einer Polin von den Wegweisern erzählte, die auf einer Deutsch-Polnischen Radroute in Polen unvermittelt aufhörten, so dass wir unseren Weg zurück eher schätzen mussten, zuckte sie die Schultern und sagte, so sei das eben in Polen.


So 23.10.16
12:19

Über die Zeit kann man Reden halten. Man kann dieses und jenes denken, letztlich aber bleibt sie ein Konstrukt, auf das wir uns geeinigt haben. Wir sagen: heute ist der und der Tag in dem und dem Jahr, es ist so und so spät. Heute früh stellte ich meine Uhren zurück. Ich hatte gestern so etwas gelesen. Gerade erfuhr ich, dass die Zeitumstellung erst am nächsten Wochenende stattfindet. Also stellte ich alle Uhren wieder vor. So kann es gehen, wenn man seine Zeit erfindet. Der Grund für die Sommer und Winterzeit war wohl, dass man hoffte, man könne Energie sparen, aber das hat sich nicht bewahrheitet. Die Bauern fanden diese Umstellung noch nie gut, ihr Vieh hat keine Uhren und alle übrigen Lebenwesen interessiert unsere Zeit ebensowenig, aber aus Gründen, die mir nicht einsehbar sind, haben wir uns noch nicht entschließen können, die Zeit ein für alle Male zu belassen wie sie ist.


Mo 24.10.16 15:40

Ich hatte viele schöne Tage hier, da, dort und jetzt. Jetzt bin ich hier. Es regnet. Meine schönen Tage wird der Regen mir nicht vermiesen. Wollte ich etwas sagen? Nein, wollte ich nicht. Falls ich etwas hätte sagen wollen, hätte ich Sie gebeten, ein für alle Male zu verschwinden, jetzt und sofort, denn ich kann Sie nicht ausstehen, Sie verderben mir die Laune. Hauen Sie also ab, aber lassen Sie bitte eine Zigarette da, der Dichter hätte gern eine, ich würde Sie ihm weitergeben. Er würde sie rauchen, säße da, schaute hinaus, die Luft schräg gestrichelt vom Regen, die Dächer glänzten, er würde denken, immerhin Glanz, Grund zur Freude, Glanz und ringsum täglich bunter werdender Herbst. Er würde die Zigarette von dem, den er nicht ausstehen kann, ganz langsam rauchen, und dann machte sich Zufriedenheit breit, denn Sie wären verschwunden, und wenn Sie halbwegs Verstand besäßen, kehrten Sie nie zurück. Lieber würden Sie sich die Hand abhacken. Ja, Sie haben schon richtig verstanden, Sie sind eine dumme Sau, wie man so sagt, ein Trottel, der nichts versteht und alles glaubt, mit denen will der Dichter nichts zu tun haben. Der verbringt seine Zeit lieber mit Menschen, die sich vom Verstand nichts vorschreiben lassen.

21:47

Wir waren linksseitig ein Stück die Elbe hochgewandert, hatten sie in Rathen auf einer Fähre überquert, die an einem langen Drahtseil hing und von der Strömung ans gegenüberliegende Ufer getrieben. Die Sonne schien und das Elbsandsteingebirge schien uns ferner als fernstes China. Noch einen Kaffee, ein Softeis auf die Hand, und dann rechtsseitig der Elbe zurück. Auf dem Weg kommt uns ein Mann mit Schäferhund entgegen. Ein sehr schönes Tier. Sie fragt, ob Schäferhunde eigentlich kupiert würden, Nein, sage ich, frage aber dennoch den Mann, der meine Annahme bestätigt. Währenddessen ist sein Hund hinunter zum Ufer gelaufen, setzt sich und schaut aufs Wasser. Ganz entspannt sitzt er da. Einmal dreht er sich um und schaut, wo sein Mensch bleibt.


Mi 28.10.16 23:32

Damals trug er einen dunkelbraunen Hut umkränzt von bunten Girlanden, einen abgeschabten Anzug, Plastikbananen und andere tropische Früchte um den Hals. Ein vom Alter her schwer einzuschätzender, sehr dunkelhäutiger Mann, mittelgroß, kräftig, ein Afrikaner, vielleicht doch eher ein Aborigine? Er schüttelte sehr unrhythmisch Maracas und rief fortwährend: Oh my darling, oh my darling, oh my darling Clementine. Ein Journalist wurde auf ihn aufmerksam, tags drauf stand er in der Zeitug. Seitdem, glaube ich, ist ihm "der Ruhm" zu Kopf gestiegen. Ich sehe ihn häufig. Der bunte Putz ist verschwunden, aber als Referenz liegt der Zeitungsausschnitt mit seinem Foto vor ihm. Textlich hat er auch noch nicht nachgebessert. Wo er wohl herkommt, denke ich dann? Wie und wo er wohl lebt?


Sa 29.10.16 10:12

Als ich vorgestern auf dem Stuhl eines arabischen Barbiers saß, der gerade sein Messer wetzte, kam ich auf eine barbarische Idee. Liebe Freunde der IS., dachte ich, nun, da es euch an allen Fronten endlich an den Kragen geht, könntet ihr eure Schläfer, die hier ja überall vor sich hin dämmern und nur darauf warten, in einem von Jungfrauen nur so wimmelnden Paradies zu erwachen, nicht doch noch dazu bringen, in 77 arabisch/türkisch geführten Friseurgeschäften mit besonderem Schwerpunkt auf Bartschneiderei, derer es in meiner Heimatstadt M., eine katholische Metropole, mittlerweile auch mehr als eine handvoll gibt, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Tageszeit deutschen Kunden die Kehle durchzuschneiden? Stellt euch vor, was für ein prachtvolles Blutbad. Damit könntet ihr ein letztes Mal darauf hinweisen, wie hinrverbrannt ihr seid, wenngleich natürlich die politischen Gründe für den von euch veranstalteten Aufruhr mehrheitlich auf westlichem Mist gewachsen sind, aber das ist eine andere Geschichte.


So 30.10.16 00:11

Das Zen-Zimmer ist ab morgen vermietet, ich ziehe in eines der ehemaligen Kinderzimmer. Ich schlafe gern dort. Ich kann vom Bett aus den Himmel sehen. Nächste Woche lege ich dort Laminat, da wird Blut fließen, wenn ich Hammer und Säge nehme, fließt Blut, die Narbe vom letzten Mal ist 5 Zentimeter groß. Also habe ich heute aus- und aufgeräumt. Ein Regal musste raus. Raus, weg in den Keller. Alles, was drin stand, stand da seit zehn, zwanzig, seit dreißig Jahren, und so roch es auch. Staub ist vergangene Zeit, viel Zeit, viel Staub.Ich wurde von Regalbrett zu Regalbrett mutiger. Schließlich warf ich drei Ordnern alter Gedichte weg. Ab in die Papiertonne. Erst fühlte sich das groß und gut an, im Augenblick eher klein an und zum Sterben traurig.

13:23

als die erde sich hob
brachen städte

21:46

Im Bus, kaum fünf Minuten vom Bahnhof entfernt, wo ich meinen tunesischen Gast abgeholt hatte, wurde er plötzlich bleich, sagte etwas, was ich nicht verstand, dann verstand ich: er hatte seinen Rucksack mit allen wichtigen Dokumenten, Diplomen, Zeugnissen, alle in Deutsch übersetzt, seinen Computer, einfach alles, was für ihn wichtig ist in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten, im Zug stehen lassen. Wir sind gleich zuhause, sagte ich, dann rufe ich bei der Bahn an, sollst sehen, die finden ihn. Kaum im Haus, sprach ich mit meinem Tablett. OK Google, sagte ich, Deutsche Bahn, Münster, Telefonnummer. Eine Sekunde später alle möglichen Links, aber keine Telefonnummer. OK Google. Schließlich eine Telefonnummer in Essen. Ein junger Mann, der genauso hieß, wie der Hauptsponsor von Schalke 04. Ich erklärte ihm die Lage. Mein Gast hatte keine Sitzplatzreservierung, saß aber, da ich ihn vom Zug abgeholt hatte, meiner Einschätzung nach im zweiten oder dritten Wagen. Ok, sagte der Mann von der Bahn, ich werde sehen. Das war gegen 19 Uhr. Mein Gast war am Boden. Er wollte nicht einmal essen. Er telefonierte ununterbrochen mit seiner Freundin. Seinem Freund. Sag deinen Eltern nichts, sagte ich. Nein, nein. Er wurde immer niedergeschlagener. Gegen neun der Rückruf der Bahn. Der Rucksack ist gefunden worden. Nichts fehlt. Morgen rufe ich in Hamburg an (bis dorthin fuhr der Zug), dann senden sie ihn zurück nach Münster. Mein Gast ist glücklich, und ich bin ein Held in Tunesien und allen angrenzenden Ländern. Hach, das Leben ist schön und aufregend.