Oktober 2018                      www.hermann-mensing.de      

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Montag 1.10.18 19:35 dramatischer Abendhimmel

Vorgestern kroch ich unters Winterbett, gestern unters Sommerbett, ich musste mich nur umdrehen, im Doppelbett ist Platz. Oberbetten, Kissen, Bücher, Brillen, Tablets, alles kann bleiben, damit ich mich am Morgen nicht unnötig bewegen muss. Läge da allerdings eine Frau, machte ich mir sofort Gedanken.

Trotz Wintermantel war es frisch auf der Kutsche. Ich hätte einen Pullover drunterziehen sollen. Ich bin ununterbrochen gefahren, bis auf die Tour mit Gretchen Dutschke waren alle Fahrten vorab gebucht. Kurz getaktet, so dass für Experimente keine Zeit blieb. Dreißig Euro Trinkgeld am Ende. Nun bin ich zuhause. Mir ist kalt. Die Heizung mache ich nicht an. Ich zieh was Dickeres an.

22:13

Als ich frage, wie heißt du, sagt er Cullum ..., nennt seine Straße und seine Stadt. Und du? Hermann, Dorffeldstraße 19, Münster, antworte ich. Cullum ist schottisch, sagt seine Mutter. Wir sind Schotten. Mama heißt Fiona, sagt Cullum. Gibt es hier Pferde? Auf unserer Tour - nein. In Warendorf gäbe es welche. Da waren wir gestern, sagt Fiona. Cullum ist siebzehn, trägt sein Herz inklusive aller Informationen über sich und die Familie auf der Zunge, er sagt gleich zu Anfang, dass er zu mir auf den Kutschbock will, und als ich sage, er dürfe mitsteuern, will er auf meinen Schoß. Das geht nicht, Cullum, sage ich, dann wird es zu eng und gefährlich. Wohin fahren wir jetzt? fragt er. Ich sage, da vorn rechts. Rechts ist da, wo der Daumen links ist. Weißt du das, Cullum? Ja, sagt er. Gut, sage ich. Winker setzen. Papa sagt, ich kann noch keinen Führerschein machen. Besser ist das, Cullum, sager ich. Fiona, die hinten sitzt, lacht. Du fährst gut, sagt Cullum. Findest du? Ja. Papa fährt auch gut. Wer hat Vorfahrt, frage ich an der nächsten Ampel. Du, sagt Cullum. Nein, sage ich. Gegenverkehr. Du kriegst den Führerschein nicht. Ist besser so. Besser, sagt Fiona, ja. Ich will weiter mitfahren, sagt Cullum, als Fiona und die anderen beiden Gäste, ein Ehepaar Ende Siebzig, schon ausgestiegen sind. Cullum hat einen aufgeworfenen Mund, so einen Steve Tyler Mund, schokobraune Augen, etwas vorstehend, kastanienbraunes Haar, kragenlang, und ein waches Gesicht, ein feminin wirkender Junge. Zwei Stadtrunden später kommt ein Mann auf die Kutsche zu. Es ist der Mann von vorhin. Er reckt mir die Hand entgegen, zwischen den Fingern stecken fünf Euro, die gibt er mir und sagt, das habe ich vorhin vergessen.


Di. 2.10.18 13:05 Regen

Am ersten Regentag seit April weiß ich vor Glück nicht, was ich als Nächstes nicht tun soll. Ich habe den Couchtisch mit Möbelpolitur und das Sofa mit Lederreinigungsmilch bearbeitet, ich habe gestaubsaugt. Solche Dinge drängen sich auf, wenn es regnet, aber das Herumfahren auf dem Rad, weil das Wetter so schön ist und jede Minute im Haus vergeudet wäre, das fällt weg. Auf der Sofalehne liegen sechs Bücher, auf dem Tisch zwei Romane von Christoph Hein aus der Stadtbücherei. Die muss ich als erste lesen. Sonst muss ich nichts. Das beunruhigt mich manchmal. Ich gucke in den Regen, oder wahlweise sonstwohin. Ich denke an die Fahrt mit Gretchen Dutschke, eine freundliche Frau mit Ostküstendialekt. Sie trug eine rote Wetterjacke und schlabbrige Leinenhosen, vielleicht sogar selbst gestrickte. Uneitel jedenfalls, anders als ich, der sich jeden Tag inszeniert, aber bestimmt ist auch Gretchens Auftritt inszeniert. Wieso man sie mit 77 Jahren immer noch Gretchen nennt, kommt mir komisch vor. Vielleicht ist das über die Jahre ein Künstlername geworden. Gestatten, Gretchen. Und obwohl Rudi seit fast fünfzig Jahren tot ist, macht sie eine Lesereise, um als Rudis Frau Auskunft zu geben. Das ist hart, aber ich schätze, sie verdient sich ein bisschen hinzu, denn viel hat sie nicht, das habe ich gelesen, sie lebe bescheiden, hieß es da, und da gönne ich ihr jeden Cent von Herzen.



Mi 3.10.18 17:38 sonnig- und windiger Tag etwa 14 Grad

Wo anfangen? wird oft mit dem sofortigen Zuklappen des Rechners beantwortet. Heute nicht. Heute niese ich erst meine goldene Serie zuende, sieben bis dreizehn, von meiner Mutter geerbt, kräftige, durchziehende Nieser, einfach wunderbar, keiner bleibt auf halbem Wege hängen, was furchtbar frustrierend ist, nicht einer, dann mache ich mir einen Capuccino, spiele fünf Minuten Klavier und klappe den Rechner zu. Alles ist gut, nur die nach ätherischen Ölen duftenden Tempotaschentücher sind eklig. Ich habe sie aus Versehen gekauft. Man kann vieles aus Versehen tun, manchmal furchtbare Dinge, aber bei Tempotaschentüchern ist das nicht so schlimm.


Do 4.10.18 11:26 bewölkt, recht mild

Ich saß vorm Landesmuseum. Ein Paar am Nebentisch stand auf und ging. Von einem schattigen Tisch gegenüber kam ein anderes Paar. Ob da frei wäre, fragte die Frau mich. Ja, sagte ich. Sonnenplätze kosten aber extra und Extra gehr an mich. Ach, Sie wollen Geschäfte machen. - Was sonst? - Von hier sieht man auch besser, sagte die Frau. Ihr Mann nickte und holte die Weingläser von schattigen Tisch. Zwei PKW fuhren in hohem Tempo Richtung Prinzipalmarkt. Auf beiden waren Lautsprecher, aus denen schwer Verständliches schepperte, es ging, soviel war immerhin zu verstehen, um "Stimmung." - Zwei Polizeimotorräder mit Blaulicht tauchten auf. Das ist ja wie reality-tv, sagte der Mann. - Ja, sagte ich. Aber dann hätte ich gern auch einen Massensturz. Der Mann am Nebentisch lachte und sage, aber hier oben soll es bitte nicht krachen. Nein, nein, sagte ich. Das passiert alles nur hintern den Barrieren. Ein Hubschrauber hing über der Stadt. Wind trug eine hysterisch blecherne Stimme aus der Zielzone am Schlossplatz heran. Der wahrscheinlich Führende raste vorbei. An dessen Hinterrad ein Motorrad, auf dessen Sozius ein Kameramann stand. Alles wie bei der Tour de France, der Münsterland Giro. Noch mehr Autos mit Lautsprechern. Das Hauptfeld. Hinterm Hauptfeld Autos mit Ersatzrädern. Mehr Ersatzräder als Fahrer.


Fr 5.10.18 15:39 strahlendes Wetter, mild

Hallo, Hermann. Ich bin dein Assistant. Ich bin den ganzen Tag für dich da. Hier sind ein paar Dinge, die du sagen kannst, um loszulegen. Wie wird das Wetter heute? Stell den Wecker. Warum ist der Himmel blau? Wie komme ich zur nächsten Bäckerei? Lass uns ein Spiel spielen. - Okay Google. Wie also komme ich zur nächsten Bäckerei? - Der schnellste Weg bis Bäckerei Schrunz ist über Dorffeldstraße. Die Fahrt mit dem Auto dauert etwa eine Minute. - Okay Google. Sing mir was vor. - Endlich ist es soweit. Ich komm ganz groß raus. Und wenn ich mich verbeug, gibt's tosenden Applaus. - Okay Google. Was soll ich als nächstes tun? - Du könntest schwimmen gehen. - Okay Google. Ich will nicht schwimmen gehen. Was soll ich sonst tun? - Ich kann das für dich suchen. (Einträge: Ich kann nicht schwimmen. Was soll ich tun. ((Gute Frage.de)) - Okay Google. Soll ich kiffen? - Das habe ich nicht verstanden. - Okay Google. Soll ich ein Gedicht schreiben? - "An eine Frau" von Hugo von Hoffmannsthal wird vom Assistant gelesen. Nach einer Weile schiebt Google nach: Es ist nie zu spät, etwas Neues zu lernen. Ich mache das jeden Tag. - Okay Google. Warum sind Frauen so kompliziert? - Das habe ich nicht verstanden. Ich kann das für dich suchen. Einträge im Netz werden gezeigt. Usw. usf.


So 7.10.18 22:36

Kaffee, Lachs mit asiatischem Rettich, und ein Ei. Danach mit dem Rad durch sich färbenden Buchenwald entlang eines dämmernden, sehr wenig Wasser führenden Flusses zum Jagdhaus eines Fürstbischofes, zu einer Naturwaldzelle, zu einem Drostenhof und zu einer Eisdiele mit Männern in Strumpfhosen und Wurstpellen aus Raumfahrttextilien, nach Mittag zurück über Lütkenbeck, ein Landgut, dessen Haupthaus kaum zwei Jahre nach seiner Fertigstellung 1720 abbrannte. Die Luft stach, der Himmel war klar. Man schwitzt, man friert, man muss aufpassen.

Mo 8.10.18 22:19


Ich wollte Sanddorn von Brombeerranken befreien. Sie wachsen aus Nachbars Garten herüber. Ich durchschnitt sie und zog sie aus dem Busch, zwei, drei, manchmal vier Meter lang. Trotz Handschuhen drückten sich Dornen ins Fleisch. Ach, der arme Herr Jesus. Anschließend gab es Kaffee und Kuchen. Wieder zu Hause las ich Christoph Hein, spielte Klavier und notierte Sätze, die mich, würde ich verfolgen, bis ans Ende gar, bis sie sich zu einem Roman verdichtet hätten, verrückt machen würden. Außerdem würde ich berühmt und hätte für nichts mehr Zeit. Das will ich
nicht. Ehrgeiz hatte ich nie, und ohne den geht es nicht. Ich habe lieber den Tag für mich, ich schlafe wie ein Murmeltier, ich pfeife Lieder, wenn ich spazieren gehe, ich habe beste Verdauung, esse gut und bin bereit, jederzeit zu sterben, habe mir aber vorgenommen, hundert zu werden.


Di 9.10.18 10:30 leicht bewölkt, sonnig, um die 10 Grad

23:32

Das, was ich für eine Umgehung hielt, die gebaut und nach Fertigstellung genutzt werden soll, wenn der Dortmund Ems Kanal bei Gelmer verbreitert und der Kanalübergang abgerissen wird, ist der neue Kanal, das habe ich heute begriffen. Das Wetter war so wundervoll, dass ich nicht drin bleiben mochte. In den letzten Jahren bin ich mehrfach dort gewesen, um zu sehen, wie die Arbeiten voran gehen. Der neue Kanal ist schon mit Spundwänden markiert, die Brückenwanne für den Übergang über die Ems liegt fertig am Südufer. Am anderen Ufer warten die Fundamente. Ich schätze, sie werden die Brückenwanne auf die andere Seite schieben, wie, das würde ich gern sehen. Ich hatte meine Panasonic dabei (die ich noch längst nicht beherrsche), aber Baustellen kann ich nicht fotografieren. Er habe einfach zu großen Respekt vor den Ingenieuren, die alles ausrechnen und auf den Millimeter planen. Aber es gab genügend anderes zu fotografieren. Die Sonne schien, leichter Dunst, über Wiesen und zwischen Bäumen fast Nebel. Ich habe Kühe fotografiert, ein Umspannwerk, einen Esel, einen dicken Mann mit dickem Schäferhund, die Rieselfelder, Gänse im Flug, einen Öltank am Hafen in Gelmer und schließlich die Autobahnraststätte Münster Süd. Jedes Mal sieht man, wie schön die Welt ist.










Mi 10.10.18 11:04 sonnig, noch frisch


Gleich werde ich auf den Markt fahren, einen Hering essen und meine Schwester treffen. Ich werde Menschen sehen. Ich werde versuchen, mich und die anderen lieben zu lernen. Vielleicht. Ich übe das ja schon lange. Am Abend werde ich Salsa tanzen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht liege ich einfach rum und verblöde auf entspannte Art. Eines aber ist sicher: heute mache ich nichts mit Kunst. Erstens, weil ich nicht weiß, was Kunst ist. Zweitens, weil Kunst Herrschersprache nutzt und ausschließen will.


Do 11.10.18 22:28

Es war sonnig und warm. Ich war in Kontakt mit etwa dreißig Menschen. Zwölf von ihnen arbeiteten für den LWL, kamen aus Lippstadt und waren auf einem Betriebsausflug. Da sie in bester Stimmung an Bord kamen, Alkohol aus Dosen tranken und weiblich waren, brachte ich ihnen das royale Winken bei. Über solche Dinge freuen sich Menschen aus Lippstadt, wo die Menschen für ihre innere Ruhe, Ausgeglichenheit und ihren Humor bekannt sind.

Ich (nicht zu verwechseln mit "Herr M." "er" "ich" oder "man") fuhr aber auch Menschen aus Göttingen. Einer wollte unbedingt neben Herrn M. sitzen. Er war um die fünfzig. Herr M. versicherte ihm, das dürfe er gern, wenn er wolle, dürfe er sogar hupen. Der Mann wäre am liebsten selbst gefahren, es stand ihm auf die Stirn geschrieben und auch seine Augen sagten nichts anderes, aber das wollte er nicht zugeben, und so habe ich ihn nicht einmal hupen lassen. Dieser Mann saß mit seinem uneingestanden Wunsch neben Herrn M. und quittierte fast jeden seiner Sätze mit einem "ahaaaa, a h a, aaaaaa, ohkaaaaaiyyyy und diversen hm hmmms, ja, genau.

Zuviel Affirmation kann einen Menschen misstrauisch und böse werden lassen. Dazu kommt der Verkehr. Münster, Metropole entspannter Fahrkunst, Eldorado marodierender, jedes Gesetz mißachtender Radfahrer, eine Unachtsamkeit genügt. Ich bitte Sie. Nicht mit dem Fahrer sprechen. Wenn das für die Kutsche gälte, würde mein Kerngeschäft, die Fortführung meiner literarischen Arbeit mit anderen Mitteln nicht funktionieren. Sie ist dringend auf Kommunikation angewiesen, Kutschefahren ohne alles wäre langweilig und für Langeweile zahlt niemand gern.

Herr M. fuhr und fuhr und fuhr und fuhr, er redete sich den Mund fusselig, bis seine Stimme dünner wurde und er beschloss, Feierabend zu machen. Fünf jungen bis mittelalten Frauen mit Primark Tüten, die gern mit ihm gefahren wären, erklärte er, dass er nicht mehr könne, was sie sofort verstanden.



Fr 12.10.18 13:16 sonnig und mild


Sa 13.10.18 14:27 goldener Oktober


18:19

Alle sind gemeint. Alle müssen sich wehren gegen "das Kapital". Frage: Wie?

22:58

Vierte Version

Es war sonnig und warm. Herr M. hat mit etwa dreißig Menschen gesprochen. Zwölf arbeiteten für den LWL und waren auf einem Betriebsausflug. Da sie in bester Stimmung an Bord kamen, Alkohol aus Dosen tranken und weiblich waren, brachte Herr M. ihnen zunächst das royale Winken bei. Über solche Dinge freuen sich Menschen aus Lippstadt, wo die Menschen für ihre innere Ruhe, Ausgeglichenheit und ihren Humor bekannt sind.

Herr M. (nicht zu verwechseln mit "ich" "er" oder "man") fuhr aber auch Menschen aus anderen Gegenden. Einer wollte undbedingt neben ihm sitzen. Er war um die fünfzig und Herr M. versicherte ihm, er dürfe hupen, wenn er wolle. Der Mann wollte, er wollte hupen, und wenn er etwas wiedererkannte, laut rufen, da ist Börne mit dem Fahrrad langs, all das stand ihm auf die Stirn geschrieben, auch seine Augen sagten dasselbe, aber er wollte es nicht zugeben. Also hat Herr M. ihn nicht hupen lassen, und der Mann mit dem uneingestanden Wunsch saß neben Herrn M. und quittierte fast jeden seiner Sätze mit "ahaaaa", auf verschiedenste Art intoniert, "ohkaaaaaiyyyy", hm, ja, hmmm, äh genau.

Herr M. fuhr und fuhr und fuhr und fuhr, bis seine Stimme immer dünner wurde und er beschloss, Feierabend zu machen. Fünf jungen bis mittelalten Frauen mit Primark Tüten, die gern mit ihm gefahren wären, erklärte er, dass er nicht mehr könne, was sie sofort verstanden.


So. 14.10. 18 14:05 sonnig, warm

Ich bin ein Werwolf. Ich reiße am liebsten Kinder, die sind so zart. Letzte Woche aber blieb nur ein Mann an einer Parkecke kurz nach dreiundzwanzig Uhr. alle anderen waren, ich weiß nicht wieso, schreiend davongelaufen, eh ich erschien. Instinkt vielleicht, ich weiß nicht. Jedenfalls waren alle weg und nur stand da. Ich erscheine gern mit einem gewissen - na sagen - Knall. Lefzen hoch, huaaaah. Man hat halt ein bis zu einem gewissen Grade schwer geschädigtes Ego, daher muss man das tun, also, ich so, huaaaaaah, der alte so, der, das sah ich gleich, mir sein Gebiss entgegenspucken würde, wenn ich ihm den Hals riss, das tun mehr oder weniger alle Gebisssträger, der alte Mann also, bitte, Mutti. Bisschen viel, fand ich. Als Werwolf mag ich zwar nicht in das Passpartout eines Schäferhundes passen, aber so schlimm seh ich nun auch wieder nicht aus. Es ist ja auch immer nur bei Vollmond. Wenn's so ist, wie heute, an diesem unglaublich sonnigen Tag, an dessen Vorabend ein zunehmender Mond am südwestlichen Himmel hing, in solchen Mondphasen juckt es mich zwar, aber ich kann mich zurückhalten. Außerdem, aber das bleibt unter uns, kracht und reißt es, wenn ich Werwolf werde, und auch der Umkehrprozess ist nicht gut für meine Bänder und Gelenke. Zum Glück kann ich das mit Tanzen ein wenig ausgleichen. Gleich. Gegen mir vier. Ich werde Torte essen. Mit lauter Menschen, die sich für Gottwasweiß halten. Beim nächsten Vollmond dann.


2. Version

Ich reiße am liebsten Kinder, die sind so zart. Letzte Woche aber blieb nur ein Mann an der Parkecke neben der Schanze beim Bahnhof. Alle übrigen aren, ich weiß nicht wieso, schreiend davongelaufen, eh ich erschien. Instinkt vielleicht. Jedenfalls waren alle weg und nur er stand da. Ich erscheine gern mit einer gewissen - na sagen wir, Theatralik. Lefzen hoch, huaaaah. Man hat halt ein schwer geschädigtes Ego, daher muss man das wohl. Also ich so, huaaaaaah. Der Alte, ich sah gleich, dass er mir sein Gebiss entgegenspucken würde, wenn ich seinen Hals riss, das tun mehr oder weniger alle Gebisssträger, der Alte sagt bitte, Mutti. Bisschen viel, fand ich. Ich mag zwar nicht in das Passpartout eines Schäferhundes passen, aber so schlimm seh ich nun auch wieder nicht aus. Es ist ja auch immer nur bei Vollmond. Heute, an diesem unglaublich sonnigen Tag, an dessen Vorabend ein zunehmender Mond am südwestlichen Himmel hing, juckt es mich zwar, aber ich kann mich zurückhalten. Außerdem, aber das bleibt unter uns, kracht und reißt es, wenn ich Werwolf werde, und auch der Umkehrprozess tut meinen Bändern und Gelenken nicht gut. Zum Glück kann ich das mit Tanzen ein wenig ausgleichen. Gleich. Gegen mir vier. Ich werde Torte essen. Ich werde tanzen. Ich werde beobachtet und werde beobachten. Die sollen mal sehn, in vierzehn Tag ist Vollmond. Moment, oder? Muss ich googeln.

23:01

Der unvollendete Roman

Stasniak kam nach dem Tod seiner dritten Frau (in zehn Jahren) in die Psychiatrie, erzählte den Psychiatern vom Leben, aber die wichtigen Dinge ließ er aus. Er tat, als wäre das, was er sagte, das Wichtige. Die Ärzte durchschauten ihn, konnten aber trotzdem nichts erfahren, was nicht alle wussten. Die Polizei hatte nach jedem Tod die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Totschlags gegen Stasniak aufgenommen, verfolgt, verbissen verfolgt, aber jedes Mal ergebnislos abbrechen müssen. auf. Stasniak war sicher, dass sie ihm nie etwas beweisen könnten. Bis wieder eine Frau auftauchte.

 

Mo 15.10.18 21:48

Verehrte Damen und Herren, es tut mir Leid, Ihnen sagen zu müssen, dass wir die Realität nach all den Jahren und vielen gescheiterten Versuchen, sie zu leugnen, endgültig verlassen, um uns der Fiktion zuzuwenden, die eine noch viel größere Lüge ist. Aber, und das werden Sie feststellen, wenn Sie darüber nachdenken, wie gern Sie unterhalten werden, sie hat Charme. Charme und Unterhaltung ist die Domäne der Fiktion. Ab sofort werden keine Gedichte mehr geschrieben. Vom wem auch. Oder nur heimlich. Von mir ganz bestimmt nicht. Herr M. ist auch nicht greifbar. Er hat mit der Ukulele, den Fotos, der Westerngitarre, dem Klavier, dem Schlagzeug, dem Tango, dem Salsa (Frauen werden ausgeklammert, die machen Ärger) und sich genug zu tun. Man mag gar nicht daran denken, dass der Tag in der Realtiät nur 24 Stunden hat, aber in der Fiktion, Leute, da kann ich machen, was ich will. Ich kann Präsidenten wegsprengen. Ich sprenge gern Präsidenten weg. Am liebsten fiese Präsidenten. Ich weiß immer sofort, welche fies sind und welche im Grunde gut. Ich kann auch machen, dass die Deutsche Bahn pünktlich fährt. Ich kann jedes Zimmer mit nackten Frauen jeden Alters füllen oder auch Männer. Ganz wie die Fiktion will. Das ist das Schöne an der Fiktion. Unappetitlich allerdings, weil sie ein Ausweg ist.
Verehrte Damen und Herren,

2. Fassung

Verehrte Damen und Herren,

es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir die Realität nach all den Jahren und vielen gescheiterten Versuchen, sie zu leugnen, endgültig verlassen, um uns der Fiktion zuzuwenden, die eine noch größere Lüge ist. Aber, das werden Sie feststellen, wenn Sie darüber nachdenken, wie gern Sie unterhalten werden, sie hat Charme. Charme und Unterhaltung sind Domänen der Fiktion. Ab sofort werden keine Gedichte mehr geschrieben. Vom wem auch? Von mir ganz bestimmt nicht. Herr M. ist auch nicht greifbar. Er hat mit der Ukulele, Fotos, der Westerngitarre, dem Klavier, dem Schlagzeug, dem Tango, dem Salsa (Frauen werden ausgeklammert, die machen immer Ärger, immer) genug zu tun. Man mag gar nicht daran denken, dass der Tag nur 24 Stunden hat. In der Fiktion aber, sehr verehrtes Publikum, liebe Leute, hat er hundert und kann ich machen, was ich will. Ich kann Präsidenten wegsprengen. Ich sprenge gern Präsidenten weg. Am liebsten fiese Präsidenten. Ich weiß immer sofort, welche fies sind und welche im Grunde gut. Ich kann auch machen, dass die Deutsche Bahn pünktlich fährt. Ich kann jedes Zimmer mit nackten Frauen jeden Alters füllen oder auch Männer. Ganz wie die Fiktion es will. Das ist das Schöne an ihr. Unappetitlich allerdings, weil sie ein Ausweg ist.


Di 16.10.18 12:50 sonnig, mild

Ich war zwölf, als ich mit Pfadfindern in einer Jugendherberge in Sohlbach Ferien machte, zum ersten Mal allein, fort von zu Hause. Sohlbach ist ein Dorf bei Netphen, weitab, so kam es mir damals vor. Ein auslaufendes Tal, ein Bach, ein paar Häuser, die Jugendherberge, eine Straße hinein, keine hinaus, nur ein dem Hang folgender, ins Tal führender, nicht asphaltierter Weg. Den Sohlbach, der durch eine Wiese floss, haben wir gestaut. In Unkenntnis eines Elektrozaunes habe ich mir beim Wasserlassen eine Erinnerung für die Ewigkeit verpasst. Im Schlafsaal schliefen alle immer sofort ein, nur ich nicht. Wir sind oft gewandert dort, obwohl das Wandern in den Bergen mühsam ist, und auch bei Zwölfjährigen nicht unbedingt beliebt. Aber es war schön, fort von zuhause, das so weit weg war. Vierzehn Tage vielleicht, ohne Kontakt zu den Eltern. Morgen fahre ich wieder ins Sauerland und bin sehr gespannt, denn eigentlich ist der Oktober der Monat, in dem ich das Meer sehen will, eh das Jahr zuende ist.


MI 17.10.18 22:30

Kurz vor Neheim Hüsten halte ich, um das Navi zu aktivieren. Kaum bin ich verbunden, fordert es mich auf, die A445 zu verlassen. Das verändert das Bild. Vorher: Autobahn. Jetzt: ein Flus, die Ruhr, nehme ich an, eine kleine Stadt. Ich war schon einmal hier, ich habe hier gelesen, vier, fünf Jahre mag das her sein. Der Ort wird durchfahren, dann ist man im Tal, im Wald, immer sind kleine Flüsse in der Nähe der Straße, die Dörfer sind schwarz-weiß, Fachwerk, immer kommt man auf eine sich den Berg hochwindende Straße, mit dann und wann weitem Ausblick über das Land. Sauerland, 400 bis 500 Meter über NN. Buchen, die bunt werden, und je höher wir kommen, Fichten. Im Wittgensteiner Land, östlich von Bad Berleburg, wohnen wir in einem Dorf, das unter Denkmalschutz steht, zwei, drei Kilometer vor der hessischen Grenze. Es gehörte früher zu Hessen. Wir haben eine kleine Wohnung, keine zwanzig Meter entfernt ist ein Bach, der rauschen würde, wäre es nicht so trocken gewesen, hinterm Haus stehen Ziegenböcke, die mich skeptisch mustern. Wir hätten es kaum weltabgewandter treffen können. Gut getroffen.

Beim ersten Gang durchs Dorf sprechen wir zehn mit Menschen, wovon vier uns u.a. die Schieferverkleidungen ihrer Häuser erklären. Sie erklären, wie man den Schiefer in die Form bringt, der an den Fassaden ist. Wieviel das kostet auch. Und wieviel Arbeit das macht. Der Schiefer, ist rund, Raute, Trapez, ist geschwungen und als eine Art Bordüre (Fachaussdruck hab ich vergessen), die quer über die Fassade verläuft. Nein, gesägt wird der Schiefer nicht, er wird mit dem Hammer gehauen.

Es gibt zwei kleine Flüsse, die südlich fließen, wahrscheinlich zur Eder. Entsprechend viele Brücken gibt es. Vor einem Haus sitzt ein junger Mann mit ausrasierten Schläfen und langem, schwarzem, gefärbten Haar. Er stößt dicke Rauchwolken aus. Wir tun nix, sage ich. Wir sind Touristen. Er lacht. Später sehen wir ihn wieder. Diesmal hat er ein Mädchen bei sich. Dunkel gekleidet. Gruftie. Kiffer, sagt M. Wir landen in einer Gastwirtschaft. Garantiert keine Kiffer. Man erklärt uns, wie das so ist, in Elsoff. Dass man den dritten Tag nach Heiligabend maskiert durchs Dorf tobt und abends betrunken ist. Dass sie da von weither kommen, die Leute, dass sie Eier sammeln, unter anderem Eier und noch etwas, was ich vergessen habe, und dass das ein großes Fest wäre, aber woher der eigentlich stamme, dieser Brauch, das wüssten sie auch nicht, aber sie hätten ein Foto.

Ja, sagt die Wirtin, es hat hier mal einen Marrokaner gegeben, netter Mann. In Bad Berleburg, sagt ein junger Mann, Gast, würde er abends nicht durch die Stadt gehen, zu viele Ausländer. Soviel zunächst. Wie das weitergeht? Wir werden sehen. Ich war lange nicht mehr so weit ab von der Welt.


Do. 18.10.18 20:25

Kaum 700 Menschen leben in Elsoff, die Kirche, etwas überm Dorfniveau auf einem Hügel, ist 1000 Jahre alt, nebenan liegen die Pesttoten einer Epidemie im 16. Jahrhundert. Die Kneipen heißen Spiess-Peters (mit Pension) und Spiess Jörg. Die Spiess waren schon im 19. Jahrhundert Wirte. Wir haben das Dorf in südöstlicher Richtung verlassen, sind der Flanke des "Heiligen Berges", an dessen Fuß der jüdische Friedhof liegt, gefolgt, haben einen Berg erklommen, ein Tal durch- und eine Straße überquert und sind am Hang zurück nach Elsoff gelaufen. Unterwegs wuchsen Parasole, groß, eindeutig identifiziert, aber wir haben sie stehenlassen. Bad Berleburg und das Schloss der Sayn-Wittgenstein hat uns nicht beeindruckt. Wenn man begreift, wie und auf wessen Kosten Aristokraten sich im Nirgendwo zwischen Hessen-Nassau und Kur-Köln eingerichtet haben, kann man böse werden. Und sie sind ja immer noch reich. Kein Wunder, dass viele Menschen dieser Region der Leibeigenschaft im frühen 19. Jahrhundert nach Amerika, Pennsylvania, flohen. Wobei ich wieder bei Flüchtlingen bin. Gestern hatte ein junger Mann an Spiess Jörgs Theke gesagt, er würde der Ausländer wegen nachts nicht durch Berleburg gehen. Wir sahen heute dort drei junge Afrikaner und zwei farbenfroh gekleidete afrikanische Muslima. Mit der Furcht ist es komisch. Je kleiner der Ort, aus dem man stammt, desto größer wird die Furcht vor der Stadt und dem, was man glaubt, was dort vorgehe.

Fr. 19.10.18
21:47

Man hat Franzbranntwein mitgenommen, man hatte es geahnt, man war schon einmal gewandert, damals, den Hermannsweg: man war nach 20 Kilometern abends vom Kamm des Teuto ins Dorf hinuntergetaumelt, hatte ins nächstbeste Hotel eingecheckt, ein Grauen, allein wäre man dort sofort verstorben, hatte in Franzbranntwein gebadet und war eingeschlafen.

Heute liefen wir höchstens zehn. Zunächst aber war da eine bequeme Fahrt über die Dörfer. Der Tag war mein erster Herbsttag der Saison, es nieselte eine halbe Stunde, entsprechend wirkte das schwarz-weiße Fachwerk. Unser Ziel war Kühhude, am Ende einer schmalen Straße, die einem mäandernden Bach folgte. Weiter südlich würde man Kühhude eine Alm nennen, glaube ich. Dort stehen zwei Häuser, ein Parkplatz ist da, und diese große, sich über den Hügel rollende Wiese mit weitem Blick auf die Wälder an den gegenüberliegenden, nahen und fernen Hängen. Hier führt der Rothaarsteig vorbei, links, rechts, man könnte hundert Kilometer laufen. Über weite Strecken ist er eins mit dem Skulpturenweg. Es geht auf, ab, aber nie spektakulär, man geht und geht und freut sich über den Wald, Buche und Fichte, und wundert sich, dass noch nicht ein wildes Vieh aufgetaucht ist. Es gibt neun Skulpturen, drei von ihnen haben wir heute gesehen. Ich hatte keine Einwände. Aber die Waden reißen.


So 21.10.18 22:53

Auf dem Sofa schlummert der Sohn und seine Freundin. Charly Hübner und Udo lesen Udos Biographie. Sicher ist nicht alles auf seinem Mist gewachsen, aber der Ton gefällt mir, Udos Mut und seine Haltung gefällt, der Ton nicht immer und der Text auch nicht, aber viel besser, als ich das, was ich sonst aus Udos Mund gehört und aus der Peripherie beobachtet habe. Udo und ich sind Gronauer, ich kenne seine Familie.