Oktober 2021                     www.hermann-mensing.de      

mensing literatur 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

zum letzten eintrag



Sa 2.10.21 19:25

schön
bis in die kniekehlen
kommt der herbst
geht über laub
in sein prächtiges haus
wind wirbel sehnsucht
wolken wärme und schweigen
regen stürzt in zierliche tassen
krähen glänzen
wellen aus licht
verebben im westen

Mo 4.10.21 18:17

Am Tag der Einheit hatte Dietz die letzte Zigarette geraucht. Das war vor 21 Jahren. Seitdem war viel passiert. (file under: Romananfänge)


Di 5.10.21 11:34

Zwei Tage später
hatte er wieder begonnen. Aber er rauchte heimlich, und da er keine Frau hatte, die er hin und wieder küssen musste, bemerkte es niemand.


Do 7.10.21 13:15 bewölkt

er hängt sich eine träne um
schiebt eine hoffnung unters bett
sein silberfarb'nes dideldumm
tanzte so gern duett

16:50

Wie Dietz das bloß geschafft hat, ohne dass es auch nur einer bemerkte. Erst nach seinem Tod kam das heraus, der ganze Betrug, die Zigarettenkippen in Schubladen und Schränken, im Keller, auf dem Dachboden. Einer hat es nachgerechnet, Hunderttausende Euro waren in Rauch aufgegangen, und das, obwohl er am Tag der Deutschen Einheit aufgehört hatte. Seltsam, sagten die Leute. Seltsam, sagte der Pastor, der sich, um den Toten zu ehren, während der Predigt am Sarg eine Selbstgedrehte ansteckte und halb weggeraucht in die Grube warf. Das alles in diesen 21 Jahren. Schon komisch.


Fr 8.10.21 12:15 sonnig

Vom Finger tropft Blut. Dickes Blut. Die ganze Hand ist rot. Als hätte etwas stattgefunden. Ich kann mich aber an nichts erinnern. Ich wische das Blut ab. Wo ist die Wunde? Das soll die Wunde sein? Kaum groß wie eine Linse unterhalb des Nagelbetts des Mittelfingers der rechten Hand. Ich wickle ein Tempo herum, aber die Blutung stoppt nicht. Es tropft auf die Erde. Zuhause versuche ich es mit einem Pflaster, das aber schnell durchblutet. Erst beim zweiten wird es besser.

18:20

ich find
in einem fort
kein wort vor ort
kein hinterlassenes
als passendes
für einen reim


Mo 11.10.21 16:00 wechselnd bewölkt

Anischampignons, Panther Pilze (hochgiftig), Boviste, Austernseitlinge, keine Steinpilze, stattdessen Schopftintlinge.


16:36

falls doch ein wort verlangt
ins licht zu treten
dreh ich die sicherung raus
und zieh den vorhang zu
das wäre ja noch schöner du
sag ich verlasse haus
und wort und den zusammenhang
flüchte in worte anderer
bin wanderer
weiß seitenlang
nicht ob ich jemals
wiederkehre
in diese meine leere


Di 12.10.21 16:30 wechselnd bewölkt

kann ich dran
glauben
muss ich nicht
irre werden
wenn alles aber ist
muss ich nicht schießen
um frieden zu finden


Gestern Lyrik Weg. Habicht gesehen.


Do 14.10.21 14:15 bewölkt, feucht

ich will die flut
den auftritt
meine welle
ich hasse
den geduckten gang
ich will das licht den schrei
die schnelle
wut
vertreib mir zwang
ich schlag die gegenwart kaputt
und träume tagelange
träume dass du hier bist
gib mir nen kuss
komm trinken wir
dass niemand
jemals sterben muss


Sa 16.10.21 18:35 wechselnd bewölkt

die flut
der auftritt
meine welle
mein hass
mein wunsch
mein hut
die helle wut
ich träume tagelange träume
gib mir nen kuss
komm trinken
damit niemand
sterben muss


So 17.10.21 17:00 wechselnd bewölkt


Das Fest fängt an. Die Tanzfläche ist noch nicht voll. Ich fordere eine Bekannte auf. Sie zögert. Sie will nicht zu den Ersten gehören. Sie fürchtet die Zuschauer, das macht sie unsicher und ihre Achse unstabil. Ihre Beine verhaken. Die nächste Tänzerin war mir im Foyer aufgefallen. Sehr große Nase, hatte ich gedacht. Judith Hermann? Tanzte geschmeidig. War witzig, vorlaut und unkompliziert. Wir amüsierten uns. Später nochmal? Ja. Beim Tango tanzt man jeweils drei Tänze mit einer Partnerin, die Tanda, das ermöglicht einem den ritualisierten, für keinen Beteiligten peinlichen Abbruch der Tanzbeziehung, falls man an jemanden gerät, mit dem es überhaupt nicht funktioniert. Die dritte Tanda tanze ich mit einer Asiatin. Sie sieht sehr traurig aus, kommt sehr nah, tanzt präzise, ist butterweich zu führen und sagt keinen Pieps, nicht mal ihren Namen. Die Französin der vierten Tanda taucht in Schritte und Figuren, als wolle sie sie von unten aushebeln. Seltsam gut. Ganchos gefallen ihr. Wir bedanken uns. Zur nächsten Tanda fordere ich meine Lieblingstänzerin auf. Seit sie sich mit den üblichen Ausreden um die Impfung drückt, bin nicht mehr so überwältigt von ihrer Leichtigkeit. Die nächste tanzt noch nicht lang und hakt manchmal. Die Italienerin hat k
leine, blitzende Augen, einen schmalen Mund, tanzt ein wenig zackig, lacht aber viel. Zur nächsten Tanda handle ich mir einen Korb ein. Körbe sind immer blöd, aber wenn's einem eiskalt um die die Ohren gehauen wird, wie bei dieser Französin fühlt es sich an wie Erschießen. Also tanze ich noch eine Tanda mit Judith. Ich weiß jetzt, dass sie aus B. kommt. Wir hätten schon mal getanzt, meint sie. In Wuppertal? Nein. Da war ich noch nie. Die ehrgeizige Dramakönigin, mit der ich eine Weile trainiert habe, kriege ich nicht zu fassen, mit der Architektin geht es nicht sonderlich gut, und die große Hamburgerin behauptet, sie sei Anfängerin. Ja, ja, sage ich, wir werden ja sehn. Tango ist brutal. Man weiß schnell, mit wem man es zu tun hat. Die, die immer da sind, die Einheimischen, habe ich nicht aufgefordert, das mögen sie mir verzeihen oder auch nicht, aber ich wollte wissen, wie die von Außerhalb tanzen.


Mo 18.10.21 7:02

Ob der Träumende Ich ist, weiß er nicht. Immerhin weiß er, dass er träumt, und er weiß, dass er diesen Traum in groben Umrissen schon einmal geträumt hat. Es ist kein bedrohlicher Traum. Er muss nur jemanden vom Flughafen abholen. Es ist ein großer Flughafen in einer vielbevölkerten Region, es könnte Los Angeles sein, wenngleich das Frühlingsgrün an den Linden links und rechts der Straße auf andere Weltgegenden verweist. Der Träumende weiß nicht, wie er zum Flughafen kommt und wer dort abgeholt werden soll. Er fragt eine Frau, die mit ihrer Nachbarin im Vorgarten ihres kleinen, beigen Holzhauses plauscht, nach dem Weg. Die Frau weiß es auch nicht. Sie spricht Holländisch, was den Träumenden erstaunt. Dann ist da dieser große Zirkus. Wie eine Zirkusstadt kommt er dem Träumenden vor, Gaukler, Menschen auf Stelzen, Ausrufer, wohin er schaut. Es ist dunkel. Nacht oder später Abend. Ob er das Flugzeug sehe, sagt ein Clown, da oben, da müsse er hin. Der Träumende sieht ein großes schweres Flugzeug. Er folgt ihm die Straße hinunter. Männer mit seltsamen Hüten kommen ihm entgegen. Das ist Amerika, denkt der Träumende, dieses Amerika, in dem jeder frei ist.