Oktober 2026
mensing literaturBücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de
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Do 1.10.26 15:15 mild, feucht
Ich pumpe Liegestütze
Ping reißt es irgendwo
und unter meiner Mütze
ploppen die Augen frooo
Fr 2.10.26 goldener Herbst
Ihm war ganz und gar nicht nach Aufstehen. Im Traum war ihm die Frau begegnet, mit der er Kinder hat. Er hatte sie umarmen wollen, begrüßen auf der Insel, aber sie hatte abgewehrt. Also stand er doch auf. Zog sich die Sporthose an und das blaue T-Shirt und trat vor die Tür. Wunderbar frische Luft. Feuchtigkeit überall. Am Berg erneuter Widerwille gegen jede Art von Anstrengung, auch gegen jedes weitere Wort. In ihm tobt ein ständiger Kampf mit Allem. Die andere Frau schiebt das auf seine protestantische Herkunft. An der Bank nun, wo er normalerweise Übungen zelebriert, entschloss er sich nach vier schlampigen Kniebeugen alles andere auszulassen und seine Runde in Frieden und ohne jede weitere Ambition abzuschließen. Am Abend war er im Kino und hatte gesehen, wie ein Land (Israel) versucht, eine andere, auf gleichem Land heimische Ethnie auszulöschen. Der Film heißt NAZA. Die Erkenntnis eines an den täglichen Tötungen in Ghaza beteiligten Soldaten lautete: Das ist Genozid. Wenn die Nazis böse waren, was sind dann wir?
Sa 3.10.26 goldener Herbst
Nationale Feiertage feiern andere besser. Münster drückt sich ums Nationale und legt stattdessen den Münsterland Giro auf diesen Tag. Radrennfahrer, Amateure und Profis, jagen kreuz und quer durch das Münsterland, überall Straßensperrungen, im Zieleinlauf vor dem Schloss buntes Treiben: Essen, Trinken, Musik. Bum bumm bumm, mehr Nation traut sich niemand. Wir hatten zu tun. Nach Frühsport und Frühstück auf dem Balkon waren wir in der Stadt, ein Geschäft erledigen. Geheimer Tauschandel. Natur gegen Bares, dann schnell wieder heim, den Ertrag auf der Bank deponieren. Nächste Woche wird teuer, wir (du, er, sie und ich) haben ein Auto gemietet, damit die Frau ihre Lunge in der von einem Freund geleiteten Kur-Klinik in der Pfalz untersuchen lassen kann. Wir waren gestern im Kino, man hat 20 KM gemacht und heute noch einmal, macht vierzig in zwölf Stunden, schnell noch die Beine hochgelegt, gleich ist Nachbarschaftskaffee. Du denkst darüber nach, eine homöopathische Dosis zu zu rauchen, damit du den Dummschwätzer überstehst.
Mo 5.10.26 ruhig, 14:06
Links die Banane. Dahinter die Kaffeetasse. Rechts die Vase mit der gelben Dahlie. Zwei Kastanien, Papiere, das Formular für die Künstlersozialkasse, das leer getrunkene Weinglas, die alte Festplatte und das Notizbuch. Die nutzlosen Gedanken, die Vorwürfe, die Zerwürfnisse, die Hoffnungen, die platte Erkenntnis und die strapazierte Liebe sind unsichtbar. Das Alter ist näher als die Jugend. Keiner wird fliehen können. Jeder wird seinen Weg bis zu Ende gehen, es sei denn, er beendet ihn vorzeitig. Das tun wir nicht.
Mi 7.10.26 sonnig heute 18:32
Im Juli 2012 waren wir zum ersten Mal in Oberotterbach. Damals machten wir Urlaub. Martinas Freunde hatten uns ihre Ferienwohnung überlassen. Jetzt sind wir wieder hier. Die Wohnung sieht noch genauso aus wie damals, sogar das Keith Jarrett Köln Album liegt noch neben dem Plattenspieler. Im Dorf scheint sich auch nichts nichts verändert zu haben, Keith Jarretts Bruder wohnt nur ein paar Häuser weiter, nur den kleinen Laden, in dem man Grundnahrungsmittel bekam, Milch und Brot, gibt es nicht mehr. Man muss nach Bad Bergzabern. Ich kaufe in einem Bioladen ein, wo das Kilo Zucker 4,89 kostet. Die Frau liegt hier für zwei Tage im Krankenhaus, um ihre Lunge untersuchen zu lassen. Der Freund, dem die Wohnung gehört, ist dort Chefarzt. Die Reise gestern mit einem Mietwagen war ereignislos, aber anstrengend. Vierzehn Jahre haben Spuren hinterlassen. Da nichts im Haus war, habe ich heute in Frankreich gefrühstückt. Cafe Noir, ein Früchte-Eclair, später ein Croque Messieur und ein Bier. Man konnte das essen, mehr nicht. Gleich brate ich mir Reste von gestern, dann leg ich mich schlafen.
Do 8.10.26 bewölkt, regnerisch: Herbst fängt an 18:11Die aufsteigende Luft als Rülpser, später als Flatulation, kommt vom Saumagen, der Bratwurst, dem Leberknödel und dem Sauerkraut. Ich habe in der Waldgaststätte gegessen, beim Schützenhaus in Oberotterbach. Am Ende eines kleinen Tals. Ringsum Mischwald mit Esskastanien.. Deutschlandflaggen, Obelix und Lucky Luke an den Wänden der großen Holzveranda uns gegenüber. Es regnet. Wir sitzen an derben Holztischen unter Lichprofilplatten, die nicht ganz dicht sind. Wir ziehen an einen Nachbartisch. Ich war heute in Bad Bergzabern unterwegs. Ich weiß jetzt, wo es Döner gibt. Ich weiß, dass der Nougatring eins- bis einzwanzig teurer ist, als zu Hause. Das hören wir oft, sagte die Bäckerreifachverkäuferin. Im Pfarrhaus iste eine Kanonenkugel verbaut, die in einem Krieg zwischen einem Herzog und einem Kurfürst durch die Luft geflogen war, damals, im 15. Jahhundert. Ich weiß, wo das Schloss ist und der schönste Bestatterunternehmenshaus, das ich je gesehen habe. Nebenman ist ein Tätowierer. Es ist alles ein wenig durcheinander gegangen heute, anders jedenfalls, als abgesprochen, hat aber dann hat es doch geklappt. Auf den letzten Drücker zwar, und der Busfahrer hat auf das Fahrgeld für die Frau verzichtet. Es hat zu regnen aufgehört, Wir sind wieder zu Hause und heben einen.
So 11.10.26 22:39 Herbst
Fast sechs Stunden Autobahn. Die himmlischen Helfer waren zu Stelle. Wir bedanken uns von ganzem Herzen. Morgen u.U. mehr.
Mo 12.10.26 11:43 Herbst
Sonnig und frisch. Nachtfeucht. Heute wollen wir ernten. Die Tage im größten Drogenangebiet Südwestdeutschlands waren anstrengend.
18:00
sie werden eine weile nicht sprechen
nachdem sie eine weile nur hörten
dann und wann stichworte
das übrige aber geräusch zwischen frauen
die sich seit 30 jahren kennen
und sich drei nicht gesehen haben
sie werden eine weile benötigen
eh das nicht mehr nachschwingt
18:10
du wirst eine weile nicht sprechen
nachdem du eine weile nur hören musstes
dann und wann stichworte
das übrige aber geräusch zwischen frauen
die sich seit 30 jahren kennen
und sich drei nicht gesehen haben
du wirst eine weile benötigen
eh das nicht mehr nachschwingt
Mi 14.10.26 20:33 Herbst. Sonnig und frisch
man könnte dieses und jenes berichten
von der langen fahrt
und dem aufenthalt dort
man könnte das seltene tier zeigen
könnte die eingüter nennen
wo man trank
man hat französisch gesprochen
gleich hinterm westwall
hat sich gestritten und wieder vertragen
und war schließlich froh
heim zu fahren
denn das alles war anstrengend
23:01
man könnte sagen
es war eine lange fahrt
zu dem dem aufenthalt dort
man könnte das seltene tier zeigen
könnte die weingüter nennen
wo man trank
und französisch sprach
gleich hinterm westwall
man hat sich gestritten
und wieder vertragen
und war dann froh
heim zu fahren
Do 15.10.26 11:22 sonnig
Es muss wieder Prosa ins Haus. Sätze, denen der Mensch folgt, als folgten sie Donald Trumps Social Media Kanal, auf dem er den von einem Tiger in einem englischen Zoo totgebissenen jungen Mann verhöhnt, in dem er sich als KI generierter Retter aufspielt. Solche Sätze müssen das sein, Sätze, die auch dem letzten den Schlafdreck aus den Augen wischen, ihm in den A.... treten und sagen, los, Mann, lass dir das nicht länger gefallen, treib alle Trumps dieser Welt geteert und gefedert durch die Straßen.
21:41
Den SUV bei Freunden mit Quitten beladen. 10 Kilo sind fertig für die Weiterverarbeitung, aber es sind noch doppelt so viele da. So viele Gläser haben wir gar nicht.
Fr 16.10.26 16:07 sonnig
Einen Nachbar hat der Schlag getroffen. Linksseitig. Nachts. Beste Voraussetzungen, Gemüse zu werden, aber es war jemand bei ihm, hat sofort reagiert. Er konnte zeitnah behandelt werden, läuft schon wieder, läuft und kann sprechen,. Ich bin froh, denn ich mag ihn sehr. Der Nachbar ist verunsichert. Er hat täglich gejoggt, und jetzt hat er gelernt, dass Sport nicht unbedingt schützt. Es scheint einen höheren Plan zu geben. Immerhin, er hat überlebt.. Ein anderer hätte gar nicht geboren werden dürfen. Jetzt ist er Präsident. Präsident und Gemüse. Kein Wunder, dass man nicht mehr weiß, was man denken soll. Ob der höhere Plan nicht doch Illusion ist. Und wenn er's nicht ist, Verarsche. Ansonsten herrscht ruhiges Herbstwetter. Gegen acht war der Himmel voller Schäfchenwolken, die leicht rosa strahlten. Paar Minuten später war das vorbei. Der Dicher überlegt, nur noch jeden zweiten Tag in den Berg zu gehen und all diese Übungen zu machen. Einen Grund muss seine Körpermüdigkeit doch haben. Oder ist es das Alter.
Sa 17.10.26 21:29 der Herbst ist da
Wie lange ich warten musste, aber jetzt kann das Auto fliegen. Mit Dampfdüsen. Ich habe es selbst gesehen und gleich vorbestellt. Wenn es kommt, fahre ich aufs Land, passe auf, dass links und rechts keine Leitungen von Masten hängen, drücke auf den Knopf und mache einen Sprung. Das wird mich voran bringen. Meine Zukunft ist reines Gold. Ich freue mich unbändig auf ähnliche Sensationen. Ich finde Roboter toll. Ich finde, unsere Kultur soll zum Teufel gehen. Alles soll piepen und leuchten.
So 18.10.26 21:27 Herbst
Was zum Teufel ist los in der Welt? Stehen noch immer Städte unter Wasser? Schlagen hohe Wellen an dicht bewohnte Strände. Wirbeln Winde wundersame Balletts der Zerstörung? Wird Frankreich ein Kalifat? Ist Elon Musk die bipolare Reinkarnation von Daniel Düsentrieb und dem Heiland? Hat der Präsident wirklich einen so hohen IQ, wie er behauptet. 17 75 sagt er. Das sind Fragen, die nicht einmal ChatGPT beantworten kann (oder will). Sie werden uns in die neue Woche folgen. Die Heimsuchung um 14:35 war ausverkauft. Wir ließen uns etwas anderes einfallen und aßen im Café Monsieur Macaron zwei kleine Kuchenkunstwerke, einen Macaron und tranken Café. Unser Kinogeld, dass die Heimleitung uns zugeteilt hatte, war danach aufgebraucht. Wir glauben, dass von allen netten Menschen Alice Weidel der das Herz am meisten erwärmende ist, vor Horst und 17 75, der noch immer nicht tot ist. Horst schon. So, nun aber ab in Elons Dampfdüsenauto. Freie Fahrt für freie Bürger.
Di 20.10.26 23:09 kalter Wind, wechselnd bewölkt
Ich habe an der Kasse mit einer Kundin aus dem Sauerland über eine gelbe Jacke gesprochen, die sie anprobierte. Sie hatte mich fragend angeschaut, als sie vorm Spiegel stand. Ich nickte. Ich sagte ja, passt, steht ihnen. Fände sie auch, hat sie gesagt und sie gekauft. Es gab Kuchen mit meinen Kolleginnen. Meine Mädchen sind freundlich zu mir. Eine sortiert Schmuck. Eine putzt Silber. Eine zweite auch. Eine putzt Schuhe. Eine sortiert Kleidung. Ich sortiere Bücher, Kunst und Literatur. Wir alle recherchieren Preise. Eine trägt die Verantwortung.
Mi 21.10.26 9:40 trüb
MIt Wildfremden Musik zu machen kann schön sein. Montagabend war es nicht schön. Montagabend war es langweilig. Es swingte nicht. Die Saxophonisten waren nicht schlecht, aber ich mochte sie einfach nicht. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass sie blaue Businesshemden trugen, oder daran, dass sie ihrer Rhythmusgruppe nicht ein einzige Mal zulächelten. Wenn es so ist, wie am Montagabend, verliere ich den Zugriff auf alles, was ich geübt habe, meine Unlust wächst, und dann könnte ich eigentlich aufstehen und weggehen. Dabei bin ich zehn Kilometer mit dem Rad in den Club gefahren und muss gleich auch noch wieder zurück.
23:49
Die kopernikanische Kränkung (oder kosmologische Kränkung) ist nach Sigmund Freud der erste große Schlag gegen den menschlichen Narzissmus. Durch Nikolaus Kopernikus' Entdeckung, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum des Planetensystems steht, verlor der Mensch seinen angestammten Mittelpunkt im Kosmos. Hat aber nicht geholfen. Das Narzisst lebt und feiert seine Lügen. Alles ist Spiel. Es gibt nur Sieger und Verlierer. Die Zeit existiert nicht. Wir sind verschieden schwingende Wellen, nicht mal Materie, sagen die Physiker. Da wir das nicht verstehen können, haben wir KI entwickelt. Die funktioniert mit Hilfe von Maschinen, die auch nur Welle sind, Algorithmen verarbeiten, aber nicht mit störenden Gefühlen kämpfen müssen. Wo das hinführt, werden wir sehr bald sehen. Bis dahin ist es jedem gestattet, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Etwas anderes bleibt uns nicht in unserer Einsamkeit.
Do 22.10.26 11:14 Sonne und Wind
Als die Glasfieberkabel im Dorf verlegt wurden, riss man morgens 50 Meter Bürgersteig auf, versenkte Kabel, schüttete den Graben wieder zu und verlegte das Pflaster. Wenn es sein musste, bis in den frühen Abend. Bis es tipptopp fertig war. Anfang der Woche tauchte eine Firma auf, die Rohre verlegt. Was für Rohre, fragte ich. Leerrohre für Stromleitungen zur im Bau befindlichen Schule. Am ersten Tag ihres Erscheinens wurde der gleiche Bürgersteig gesperrt, den man vor Wochen für die Glasfieberkabel aufgerissen hatte, Verkehrsschilder wurden zugehängt und mit Anmerkungen versehen, dass bis Ende dieses Monats hier gearbeitet wird. Seitdem fährt dann und wann ein Bagger herum, gestern war ein großes Saugfahrzeug unterwegs, das Gräben saugt, nicht selten sieht man zwei, drei Männer in gelber Arbeitskleidung herumstehen und parlieren. Die Glasfiebertruppe war ein bunter Haufen junger kräftiger Männer aus Süd- und Osteuropa. Die Rohrverleger kommen aus Ochtrup.
12:05
Wenn Engel mit dem Teufel Tango tanzen hieß der Konzertabend des Hamburger Stage Ensembles in der Friedenskapelle gestern abend. Eine befreundete Tangotänzerin hatte mich eingeladen. Man spielte Kompositionen von Astor Piazzolla. Drei Violinen, eine Viola, ein Cello, ein Kontrabass, ein Bandoneon. So ein Septett kann laut werden. Es kann Energie versprühen. Piazzolla mag es dann und wann dissonant, er ist komplex und manchmal undurchschaubar, es liebt Glissandi und dramatische harmonische Öffnungen, aber er verstand seine Musik nicht in erster Linie als Tanzmusik. Er wollte den Tango in den Konzertsaal holen. Ich hätte dennoch gern dazu getanzt.