September 2014                           www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Mo 1.09.14 10:36

Als ich gestern gegen Abend in die Stadt radelte, war der Himmel über und südwestlich hinter mir wundervoll wild. Ein weißgraues Quellen, dazwischen frühabendlich blaue Flecken, leicht rosafarbene Tönung im tiefen Westen. Im Nordwesten aber, und von dort sich bis in den Nordosten ziehend, eine dichte, bleigraue Fläche, die Regen verhieß. Störche auf abgeernteten Feldern. Herbstsehnen über den Wiesen. An manchen Stellen des Sees lag das Wasser still, während die Fläche ringsum sich kräuselte, Strömungen, dachte ich, verschiedene Temperaturen vielleicht, ich wusste es nicht so genau. Dann begann es zu regnen und plötzlich war alles ein Platschen, kronenartig auftreibene Fontänen, die man nur erkennt, wenn man sie mit hochauflösenden Kameras und superkurzen Verschlusszeiten fotografiert, wenn man aber weiß, wie das aussieht, sieht man's auch so. Es war mild, der Regen wurde stärker, am Ende des Sees bei den Oldenburg Kugeln legte ich eine kurze Pause ein und schaute hinüber zu Wilm Weppelmanns Einsiedelei auf dem See (www.afarm.de), aber er war noch nicht eingezogen. Einen Monat lang will er auf seiner kleinen künstlichen Insel bleiben. Bin gespannt, wie das ausgeht. Suchte Schutz unter einer Trauerweide, rauchte eine Zigarette, unterm dichten Schirm eine Rotbuche saßen junge Leute beeinander, einer spielte Gitarre. Der Regen ließ nicht nach, also fuhr ich weiter. Sah später eine Dokumentation über die Sekretärin der Beatles, Frida Kerry, eine sehr freundliche, loyale Frau, und erwachte seltsamerweise heute früh mit einem Rolling Stones Lied: Backstreet Girl.

12:33




ein klavier,
mein himmel,
eine tasse kaffee,
fotos aus venedig und england,
die schöne frau,
meine söhne und ich,
mein leben, meine liebe,
alles schnurrt in wilde kreise.
eine taube gurrt,
meine katze will essen,
ich will leben,
ich: eine vermutung,
meine verehrung, vermutung,
du könntest recht haben,
du könntest mich mal,
ich lebe. ich liebe. sonst nichts.


Di 2.09.14 9:50

heute soll der sommer zurückkehren,
sagte man gestern, merk aber nix,
sitz auf dem balkon und fröstle.
benötigte zwanzig kniebeugen,
zwei starke kaffee und eine zigarette,
eh der kreislauf in schwung kam.
abführen. noch eine fluppe.
und? kommt du noch oder gehst du schon?
wetter, sagt man,
da kann man nichts machen, sagt man
und was man sonst noch so sagt,
wenn man etwas sagt,
besser, man hält den mund,
da macht man nichts falsch,
ich aber, ich (die vermutung)
bete jetzt,
rufe den großen googelimoogeli,
den weltgeist und weisen meteorologen,
der sagt, alles kommt, wie es kommt,
und so wird es kommen. ES KOMMT.
I HEAR IT IN THE TREES.

Katie, my lionheart.


Mi 3.09.14
15:07

Kaum auszuhalten die Rückkehr des Sommers, graubleicher Himmel, leichter Wind, satte 20 Grad, so wild und mediterran hatte ich mir das nicht vorgestellt, da mach ich's wieder wie meine Katze, Arbeit und Struktur, rufe ich, lasse den Tag verstreichen, konsumiere meine tägliche Dosis Johanniskraut und freue mich auf das Salsa Tanzen heute abend.


Do 4.09.14
14:13

so sommer,
hast dich doch noch getraut,
wehst mit der windbraut über land,
bitte, ich mag dich
so lange du nur klein wenig wärme teilst
mit uns hoffenden,
bin fast besoffen vor freude.

21:56

am abend
mit dem mond tratschen
die luft streichen
fliegen
die arme ausgebreitet
ohne flügelschlag
kopf in den nacken
links-rechts-runter
alles mit kopf
huiiiiiiii
bloss nicht landen
unten ist vergangenheit
wo alle drin wohnen
allein zucker schlecken
ruf den notarzt
er hat auch kein rezept


Fr 5.09.14
10:36

 

Heftiges Herzklopfen. Keine rhythmischen Störungen, aber Herzklopfen. Das kommt vom Warten und Nichtstun. Das hört sofort auf, wenn ich fremdbestimmt arbeite. Wenn ich, wie z.B. vor ein paar Wochen, einen Keller streiche und weiß, dass ich 15 Euro die Stunde dafür bekomme. Oder wenn ich, wie jetzt, aufschreibe, wie es mir geht. Dann beruhigt sich mein Herz auf der Stelle. Ich kann es also betrügen, ich kann ihm einreden, ich beschäftigte mich sinnvoll, obwohl alles um mich herum ruft, sinnvoll sei nur, was bezahlt wird. Unter diesem Joch leiden heute auch Mütter. Auch ihnen hat der Verwertungsfaschismus eingeredet, nur der arbeitende Mensch sei ein wertvoller Mensch.


Sa 6.09.14
10:17

Ich erwachte und dachte, ich bin ein wertvoller Mensch. Ich habe mich 65 Jahre erfunden. Was mit den restlichen Jahren geschieht, steht in den Sternen, und was in den Sternen steht, ist Vergangenheit. Es reist Lichtjahre durch leeren Raum, den wir Universum nennen. Davor spannt sich der Himmel bleich und sonnig. Ein herrlicher Tag steht ins Haus.

Gestern und vorgestern habe ich Tanztheater gesehen. Einmal Ship of Fools der israelischen Choreographen Niv Sheinfeld und Oren Laor, ein Stück, in dem alle Narren sind, in dem es um Macht, Missbrauch und Manipulation geht. Es funktioniert. Wenn einer das Publikum bittet, es möge aufstehen, steht es auf. Wenn es singen soll, singt es. Ich sang mit, war aber drauf und dran, sitzen zu bleiben, als alle aufstanden, traute mich aber nicht.

Mehr aber als Ship of Fools hat mir We love Arabs gefallen, eine Choreographie von Hillel Kogan, die ich gestern sah. Da führen die Choreographen den Nahost-Konflikt ad absurdum. Man lacht, ist erleichtert, dass man auch einmal lachen darf über politische Korrektheit und den Wahn der Verwicklungen dort, um gleich bei der nächsten Inszenierung Big Mouth (Niv Sheinfeld & Oren Laor) von einem stummen Schrei zu der heroischen Hymne der 7 Panzerdivision der israelischen Arme erschrocken in sich zusammen zu sinken. Ich dachte an Edvard Munch. Woran andere dachten, weiß ich nicht, war aber froh, Israel einmal aus der Perspektive zeitgenössischer Choreographen sehen zu können.

Gleich geht es aufs Rad, in die Stadt, zum Markt.






So 7.09.14 10:09

Träumte, mich zu entfreunden. Das geht einfach und schnell. Man ruft die entsprechende Freundesseite auf und klickt auf Freund/In entfernen. Ich würde dann nie wieder von ihm/ihr hören. Leider ist der Fall komplizierter, denn uns verbinden viele Jahre, in denen es Facebook noch gar nicht gab. Was also tun? Ihm/ihr endlich sagen, dass es so nicht weitergeht. Abrechnen? Warten und zusehen, wie es mit uns langsam den Bach runter geht? Ich erwachte. Ich ging zum Bäcker. Ich kehrte zurück und frühstückte. Ich dachte an nichts anderes und entschloss mich, weiter zu warten.

18:06

Versuch

Der Mann hat lange gelebt. Er ist fünfzig, da sagen andere, das sei jung, aber der Mann findet das nicht. Man kann das so sehen oder so, sagt er. Er sähe das eben so. Und warum? Na ganz einfach, lange heißt eben lange, und nicht nur fünfzig Jahre. Sondern? Na ja, zwei Frauen, sagt er, zwei Frauen und von beiden Kindern. Wieviele? Zwei von der ersten und drei von der zweiten. Die erste ist mit den Kindern davon. Und die zweite? Die auch. Ist er froh? Ja. Er ist heilfroh, denn Frauen bringen kein Glück.

Was denn Glück bringt, wird er gefragt und er schaut lange auf seine Hände. Das wisse er noch nicht. Das fände er vielleicht noch raus. Aber Frauen auf jeden Fall nicht. Was denn mit den Kindern sei? Die sind fort. Die kümmern sich nicht um mich. Nicht eines? Nein, nicht eines. Jungs und Mädchen. Nur Mädchen, sagt er. Komisch, oder? Man sagt doch immer, Mädchen hätten viel übrig für ihre Väter. Meine aber nicht. Wie sie denn heißen? Anna, sagt er, Anna und Carina, dann noch Antonia, Bertha und Charlotte. Schöne Namen, oder? Ja, schöne Namen, aber das haben sich meine Frauen so ausgedacht. Ich hatte damit nichts zu tun. Irgendwie hatten die schon Pläne, bevor ich überhaupt irgendetwas wusste. Die haben ihren Kindern schon Namen gegeben, als sie noch im Bauch steckten. Teufel, diese Frauen.

Und jetzt? Wie - und jetzt? Na, Frauen. Ach so. Nein, keine Frauen mehr. Nur noch Internet manchmal und zwei-dreimal im Jahr in einen Puff. Aber nur, wenn Freunde mitkommen. Allein geh ich da nicht rein. Ist mir zu schmutzig. Außerdem - nee. Was? Na ja, das sind alles Frauen von woanders. Man kann da nicht reden. Da kommt man rein und dann sind sie schon mehr oder weniger nackend, und wenn man was sagen will, sagen sie, soviel Zeit hätten sie nun auch wieder nicht und was denn jetzt sei, ob er nicht loslegen wolle. Als wäre er ein Apparat. Er sei doch kein Apparat. Er sei doch immerhin auch ein Mensch. Wenngleich es ihm manchmal nicht so vorkäme. Wie - vorkäme? Na ja, eben vorkäme.

Da, wo er herkäme, wäre das nicht so gewesen. Da wären die Frauen nicht so wie diese Frauen in diesen Puffs. Er käme eben vom Dorf. Von welchem? Im Westen. Ein Dorf im Westen. Mit der nächsten großen Stadt etwa zwei Stunden entfernt. Da hätte er bleiben sollen. Aber schon bei der ersten wäre ja alles schief gegangen. Die hätte gesagt, hier verblödet man doch, lass' doch in die Stadt ziehen und dann wäre er eben in die Stadt gezogen.

Lauter Idioten in der Stadt. Nichts als Gestank und seltsame Typen. Nichts für ihn. Aber er wäre eben ein wenig unterbelichtet gewesen, damals. Dumm? Nein, nicht dumm, unterbelichtet halt. Was er denn gelernt habe? Nichts. Er habe nichts gelernt. Jedenfalls nichts, was irgendwie von Belang wäre. Ja aber was denn? Er habe gelernt, dass man guten Tag sagt, wenn man jemanden träfe, und er habe auch gelernt.... Da wüssten aber doch alle, dafür müsse man doch nicht im Dorf groß werden. Na ja, Dorf, was heißt schon Dorf, da wohnten immerhin auch fünfzehntausend. Aber er habe das immer Dorf genannt und irgendwie wird es auch immer Dorf bleiben. Nur leider könne er dahin nicht mehr zurück. Warum? Wegen verschiedener Dinge. Darüber zu reden, wäre jetzt zuviel. Wegen der Frauen? Nein, nicht wegen der Frauen. Er habe da auch Scheiße gebaut.


Mi 10.09.14 10:07

Versuch

Er ist groß. Er sieht gut aus. Er hat einen Stich bei Frauen. Immer noch, obwohl er schon über fünfzig ist. Dabei liebt er nur sein Motorrad. Für sein Motorrad tut er alles. Er fährt auf Motorradtreffen. Auf Messen. Er kennt Motorradfahrer aus aller Herren Länder. Wenn irgendwo jemand ein Ersatzteil anbietet, das er gebrauchen kann, greift er zu. Für Motorradfreunde ist er der beste Kumpel, den man sich vorstellen kann. Für Frauen nicht. Die sind oft hübsch, hin und wieder schwängert er eine, aber man soll nicht glauben, dass er sich diesen Schuh anzieht. Zwei trieben ab, eine kriegte ihr Kind, da machte er große Bögen. Da kümmerte er sich um nichts, höchstens, dass er mal zum Geburtstag hinfuhr und irgendwas mitbrachte, und dann fühlte er sich gleich als großer Vater und Retter und Tröster.

11:43

Diese Ringelnatter ist die zweite Schlange, die ich in meinem Leben angefasst habe. Insgesamt habe ich nur drei Schlangen in freier Wildbahn gesehen. Eine Kreuzotter in Schweden, eine grüngoldene in Trivandrum/Indien, vielleicht eine Bambusotter, und eine sehr kleine, von gleicher Länge wie die Ringelnatter, als ich auf dem Weg nach MacchuPicchu war. Die habe ich auch am Schwanz ergriffen, aber als sie sich wand, schnell fortgeworfen. Noch heute bin ich davon überzeugt, dass es ein höchst giftiges Tier war, das mich hätte töten können.

Ringelnattern können nicht töten, jedenfalls nicht mich, aber sie haben ein interessantes Repertoire, mit dem sie auf Angriffe reagieren können. Sie verfügen über eine Duftdrüse am After, mit der sie eine übel riechende Flüssigkeit produzieren können, sie können sich tot stellen, sie können sie aufstellen, sie machen, wenn man so will, die "Kobra" und zischen dabei, sie können Blut auf dem Maul austreten lassen, so dass der Angreifer glaubt, sie sei tot, aber die, die ich auf dem Foto am Schwanz halte, tat das alles nicht, sie züngelte nur. Aber ich finde, man sieht mir an, dass sie mir nicht geheuer ist, dabei ist sie ein wunderschönes Tier.


Do 11.09.14 13:18

Seit Februar liegt der neue Teppichboden im Flur, und seitdem hat die Katze dort keinen Haufen mehr hinterlassen. Dafür heute morgen gleich zwei. Was tut man in so einem Fall? Ich weiß es nicht. Ich werde böse. Ich schnauze sie an, ich reibe sie mit ihrer Nase durch die eigenen Exkremente, was sie natürlich grauenhaft findet, ich ahne, dass sie dennoch nicht begreift, dass mein Teppich kein Klo ist, wo ich doch darauf achte, dass ihres immer sauber ist. Setze ich sie ins Auto, fahre zweihundert Kilometer mit ihr fort und setze sie aus? Nein, tu ich nicht. Das tut man nicht. Aber was dann? Vor zehn Jahren ist sie uns zugelaufen, jetzt hätte ich nichts dagegen, wenn sie mir wegliefe.

Als sich mein Ärger schon wieder legte, stellte ich beim Umrichten meines Telefons auf IP fest, dass die Teppichfliese hinter meiner linken Lautsprecherbox, wo die Kabel sich schwer entwirrbar kringeln, nass ist. Das heißt, da hat sie hingepinkelt, obwohl wir schon vor langer Zeit abgemacht hatten, das sie das nicht tut. Bin ratlos.

16:40

Heute war ich gut zu mir. Statt der billigen 8,99 Crema-Kaffeebohnen habe ich Barrista-Bohnen für 14,99 gekauft und mich anschließend wunderbar gefühlt. Wenn mir schon eine Freundschaft, an der mir viel liegt, den Bach runtergeht, will ich wenigsten guten Kaffee. Und ein gutes Leben. Ich glaube nämlich, dass ich eines habe. Finanziell ist es ein bisschen kompliziert, aber das ist bei allen so, ganz egal, ob sie viel oder wenig haben. Ich habe aber mehr: ich habe Glück. Und das hat nicht jeder. Deshalb mache ich jetzt Pippi auf den Ex-Freund. Grüße und alles Gute.


Sa 13.09.14 10:40

Der nächste Roman?

Karl hatte Pläne. Von Anfang an hatte Karl Pläne gehabt. Irgendein Gen wühlte ihn ihm, ein geheimer Informant hatte ihm gesteckt, dass es so nicht weitergehen könne. Die Heißmangel, die seine Mutter betrieb, um sich und ihren einzigen Sohn über Wasser zu halten, bot keine Perspektiven. Einen Vater gab es nicht, das heißt, es hatte einen gegeben, seine Mutter war ja nicht die Jungfrau Maria, aber der war tot und Karl hatte keine Erinnerungen an ihn.

Ja, Karl hatte Pläne. Er war der Gegenentwurf zu Paul, vielleicht passten sie deshalb so gut zusammen.
Paul hatte einen Vater. Paul hatte einen so übermächtigen Vater, dass er darüber verzweifeln könnte, aber auch Paul hatte Gene und die riefen von früh bis spät, mach es anders. Irgendwie, aber mach es anders. Tu alles, damit es anders wird. Das ist schön und gut, aber wie anders sagten die Gene nicht. Oder die inneren Stimmen. Man weiß so etwas ja nicht. Man weiß ja nie, warum man dies tut und jenes nicht, es sei denn, man heißt Karl.
Aber immerhin. Pauls Gene waren nicht stumm. Sie hatten eine Forderung gestellt und er war bereit, ihr zu folgen.

Als er in jenem Sommer nach drei Tagen im Englischen Garten mit Iris, einer Schwäbin mit rotem Haar und verheißungsvoll großen Brüsten, an den Starnberger See fuhr, zeichnete sich ab, dass er gegen alles sein wollte. Iris verbrachte noch zwei Nächte mit ihm, ohne ihm uneingeschränkten Zugang zur ihren geheimen Orten gestatten, Petting war erlaubt, man nannte das so, aber das war auch nicht mehr als ein dummes Wort. Paul strebte nach mehr. Irgendwann musste jeder da ran und er fand, er sei an der Reihe.

Dann lernte Iris bei Bier und Weißwürsten einen anderen kennen, Paul nahm es nicht krumm und fuhr heim. Er ließ Fotos entwickeln, und als er sich auf einem über den See rudern sah, nahm er es, klebte es in ein Album und schrieb darunter: Arbeit macht dumm. Faul sein auch, aber es ist nicht so anstrengend. Seine Gene belächelten das und informierten ihn diskret, dass das so nicht gehe. Er müsse sich schon etwas einfallen lassen. Ja, gern, dachte Paul, aber doch nicht jetzt, oder? Er hatte doch schon gearbeitet. Er hatte drei Jahre in einem Büro gesessen und sich gefragt, ob das jetzt der Anfang oder das Ende wäre, ob die Sanseverien, auf die er schaute, wenn er aufschaute, die Zukunft wären oder ob sich dahinter eine Ahnung vom Tod verbarg, zu dem er eine seltsame Freundschaft hegte, ein fast intimes Verhältnis, seit er ihm einmal begegnet war. Bis zum Hals zwischen Eisschollen festgeklemmt und ohne Aussicht auf Rettung, die dann aber doch kam. Seitdem fühlte er sich aufgehoben bei dem Gedanken, dass alles, was ihn umgibt, nur etwas Vorübergehendes ist. Life is a Gestalt in time, hatte er später einmal irgendwo gelesen. Das hatte ihn fasziniert, das entsprach dem, was er bisher beobachtet hatte, und er beschloss, seine Beobachtungen zu vertiefen.

Karl sah das anders. Er begriff nicht einmal im Ansatz, wovon Paul da hin und wieder redete, aber das sollte die beiden nicht hindern, bald in den finnischen Sommer zu starten. Der große Paul, zumindest, was seine Körpergröße anlangt, und der kleine Karl. Später wird Paul einmal den langen Karl kennenlernen, der ein ebenso vertrautes Verhältnis zum Tod hat wie er. Vielleicht lag es daran, dass der lange Karl beim Geschlechtsverkehr hin und wieder epileptische Anfälle bekam, was seine Partnerinnen verwirrte, aber das ist eine andere Geschichte. Jede Geschichte schließt eine andere aus, wenngleich es natürlich großartig wäre, man könnte eine Geschichte für alle und alle für eine erzählen, dann hätte man ausgesorgt, hätte seine Ruhe und könnte faul sein, eine der großen Herausforderungen dieser vorübergehenden Existenz, aber wie sagt der Volksmund: man kann nicht alles haben, und in dieser Geschichte geht es eigentlich nur um das Eine. Alles Andere muss warten.

Karl ist noch bei der Bundeswehr. Er sitzt in einem Wachhäuschen irgendwo auf einem Fliegerhorst bei Diepholz und starrt in die Nacht, um den Feind nicht zu verpassen, wenn er denn kommt. Er sitzt da und hat eine kleine Tasche vor sich, in der seine Pfeifen aufbewahrt sind. Es sind Bruyere Pfeifen. Jede ist sorgfältig gereinigt, wird nur einmal geraucht und muss sich danach erholen. Aber da Karls Pfeifentasche Platz für fünf Pfeifen bietet, ist das kein Problem. Angenommen, der Feind tauchte tatsächlich auf, Karl würde zunächst seine Pfeifen retten und dann erst sich und die Welt. Das unterscheidet ihn von Paul. Paul allerdings hat sich doch anstecken lassen vom Pfeifenraucher Karl, aber er besitzt nur die eine Pfeife und die raucht er ununterbrochen. Das Pfeiferauchen, glaubt Paul, verleiht ihm Stil. Vielleicht glaubt er sogar, dass es ihn klüger macht, oder zumindest klüger aussehen lässt, denn jemand, der sich die Faulheit auf seine Fahnen geschrieben hat, die Totalverweigerung alles Weltlichen, muss klug sein, oder? Schließlich hat das Pfeiferauchen Tradition. Die ältesten europäischen Pfeifenfunde stammen aus Niederbayern, und werden auf die mittlere Bronzezeit datiert. Da Tabak im damaligen Europa nicht vorkam, wurden hiermit vermutlich Obst, getrocknete Kräuter oder Hanf geraucht.

Paul raucht auch Hanf. Karl nicht. Noch so etwas, was die beiden trennt, aber wie gesagt, sie sind Freunde und das schon seit über zwei Jahren. Unzertrennlich Freunde, wie man so sagt, und obwohl sie sich bald nach dem finnischen Sommer aus den Augen verlieren, vergessen sie einander nicht.

Irgendwann treffen sie sich wieder. Karl als ein von Bluthochdruck und Stress geplagter Mittsechziger. Er besitzt ein Haus, kauft jedes Jahr drei Anzüge, hat vier Kinder, zwei Autos und verkauft weltweit Installationen für Badezimmer, "für alles, was in und an der Wand ist", sagt er.
Paul hat nichts. Das heißt, er hat natürlich eine Wohnung, aber die gehört ihm nicht und er bringt immer gerade genug Geld zusammen, um seine Miete zahlen zu können. Auch er hat Kinder, er ist sogar Großvater, aber für Karl ist er noch immer das, was er schon immer war: ein von ihm bewunderter Nichtsnutz. Eine Gestalt in Time, würde Paul das nach wie vor nennen, wenngleich er über die Jahrzehnte hat einsehen müssen, dass das alles nichts zählt, wenn man kein Geld hat. Und was tut er? Er schenkt Karl ein Gedicht. Er hatte im Marktcafé gesessen, hatte Capuccino getrunken und Karl war aufgetaucht wie ein Gespenst. Sie hatten einander sofort erkannt, und da Paul immer dieses kleine schwarze Notizbuch mit sich herumträgt, damit bloß nichts vergessen wird, hatte er das, was er zuvor geschrieben hatte, herausgerissen und Karl geschenkt.

Eigentlich weiß er nicht einmal, ob das ein Gedicht ist, denn an Gedichten haftet so etwas Hehres, Hohes, an Gedichten haftet Germanistik und schwer verdauliche Theorie. Ob also das, was er Gedicht nennt, tatsächlich eines ist, weiß er nicht, so wie er eigentlich überhaupt nichts weiß, während Karl zumindest weiß, was hinter Fliesen und in Wänden verlegt und verschraubt wird. Das hat ihm ein Haus eingebracht und den gefährlichen Bluthochdruck, und deshalb staunt er nicht schlecht, als Paul ihm diesen Text schenkt. Ein Text? sagt Karl. Na ja, sagt Paul. Ein Text, ja. Ich denke. Wahrscheinlich sogar ein Gedicht. Ach, sagt Karl. Du schreibst Gedichte? Paul nickt. Es ist ihm ein bisschen peinlich, schließlich ist er nach landläufiger Vorstellung ein älterer, wenn nicht gar alter Mann. Hm hmm, macht er.
Hier also der Text. Er wirft uns vorübergehend aus der Geschichte, aber das macht nichts, der finnische Sommer liegt längst auf der Lauer und es ist nun an Ihnen, zu entscheiden, ob das tatsächlich ein Gedicht ist. Zu Ende dürfen sie Stellung nehmen. Natürlich nur, wenn dies ein gekauftes Buch ist. Sollten Sie es in einer Bibliothek ausgeliehen habe, soll der Teufel sie holen. Bibliotheken mögen gut für die Bildung der Massen sein, für das Einkommen eines Schriftstellers sind sie Gift.

Ätsch! ruft der Mann. Er hat lange gelebt und erlaubt sich zum Kaffee drei Frauen. Er hat Scheine und die Frauen haben nichts gegen Männer, die scheine haben. Ätsch, sagt der Mann. Wir sind unter uns, hört einen Augenblick zu, ein Mann wie ich
hat zu lange gelebt, deshalb ist sein Zustand nicht beneidenswert, aber da er überlebt hat, muss er ja irgendwas anstellen, um nicht zu verblöden. Da er nicht fernsieht,
nicht Golf und nicht Skat spielt, da er Politik nicht versteht und schon gar nicht sich selbst, geschweige denn Liebe, will er mit euch Kaffee trinken und Plätzchen essen. Sonst nichts, sagen die Frauen. Nein, sagt der Mann. Das ist seltsam, sagen die Frauen, sollen wir denn nicht, na, Sie wissen schon.... Nein, sagt der Mann, sollt ihr nicht. Ihr sollt nur ein Lied singen. Ein Lied?, sagen die Frauen, wir können kein Lied. Ach, sagt der Mann, singt ein Lied auf falsche Zähne, auf die erschlafften Glieder, ein Lied auf Männerbrüste und Bandscheibenvorfälle, das könnt ihr doch, oder?
PS. Sie konnten es gut, und der Mann hatte Freude, was nicht zuviel verlangt ist für einen Mann mit Scheinen.

Die ist: ein Gedicht. Bitte ankreuzen: Ja ( ) Nein ( )

Karl jedenfalls weiß jetzt nicht, was er sagen soll, und Paul will eigentlich auch gar nichts hören. Paul fände es schon ausreichend, wenn er sich ein bisschen freute, aber mal ehrlich, würde Paul sich freuen, wenn Karl ihm einen Artikel aus seinem umfangreichen Katalog für Badezimmerinstallationen schenkte? Nein, das würde er nicht, und so schwingen wir wieder dahin zurück, wo wir vorhin aufgehört haben. In diese kleine muffige Bude, in der Karl die westliche Welt verteidigt, denn die Geschichte vom finnischen Sommer, Sie ahnen das längst, hat nur insofern mit der Gegenwart zu tun, weil Sie sie gerade lesen.

Ansonsten herrscht kalter Krieg und die Welt ist voller Gestalten in Time, Gammler, wie mancher sagte. Ehrenwerte Spezialisten, von denen es einige in die Parlamente der Gegenwart schaffen werden, aber auch das ist eine andere Geschichte.
Kalle wird noch einmal ins Manöver ziehen. Er wird mit Sturmgepäck Hügel hinauf hasten, er wird schießen und während es rings um ihn kracht, hört er plötzlich einen Schrei. Eigentlich sind solche Schreie in Manövern nicht vorgesehen, aber als dann auch noch jemand Sanitäter schreit, sieht er, dass sich da einer aus Gründen, die später nicht mehr rekonstruiert werden konnten, ins Bein geschossen hatte. So etwas passiert, man nennt das Unglück, Verkettung unglücklicher Umstände und wie man das sonst noch nennt, letztendlich aber könnte das jeder wissen, schließlich hantiert man mit Waffen, wenn man den Frieden verteidigt, Waffen sind anonyme Tötungsmaschinen, die hin und wieder und meist aus Versehen sehr privat werden können und dann hat jemand den Salat.

Karl hat noch nie Blut gesehen. Paul schon. Paul hat einmal so viel Blut gesehen, dass er geglaubt hatte, jemand, der so viel Blut unter sich lässt, müsse tot sein, aber die Person, um die es sich handelt und deren Identität hier nicht preisgegeben wird, weil man nicht alles sagt, wenn man spricht, diese Person hatte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, aber sie hatte gepfuscht, instinktiv hatte sie gepfuscht, weil sie nicht sterben wollte, sondern nur protestieren.

So etwas würde Paul nie tun. Er ist gegen Selbsttötung. Er ist der Ansicht, dass man sein Leben leben muss, ganz gleich, wie beschissen es ist. Außerdem glaubt er, dass sein Leben ein feines Leben ist, verglichen mit anderen.


So 14.09.14
11:30

Sie rennen wieder. Münster Marathon, und ich habe einen Logenplatz auf dem Balkon. Der erste kam nach 1:29.50, ein Afrikaner. Dann zwei drei Minuten nichts, dann zwei weitere Afrikaner, wieder drei vier Minuten nichts, wieder Afrikaner, dann die ersten Weißen und zwei afrikanische Frauen. Jetzt pumpen sie in Rudeln vorbei, bis zum Ziel sind es noch geschätzte fünfzehn Kilometer, vielleicht auch nur zehn, genau weiß ich es nicht, die Nachbarn an der Ecke machen, was sie jedes Jahr machen, die Gelegenheit nutzen, vor Mittag Bier zu trinken, Würstchen zu braten und die Straße mit Musik zu beschallen. Dreimal schon Atemlos durch die Nacht, so etwas hängt einem tagelang nach. Wenn die Verkabelung meiner Boxen nicht so kompliziert wäre, würde ich sie hinaus auf den Balkon stellen und das Dorf mal richtig durchpusten.


Mo 15.09.14
11:04

Langsam begreife ich meinen neuen Status. Herr M.: Rentner. Gar nicht schlecht weggekommen. Wenn nur die Miete nicht so unverschämt hoch wäre. Aber es lässt sich leben. Nicht, dass ich wieder begonnen hätte zu arbeiten, nein, ich will nach wie vor nicht, aber meine Speicher sind voller Entwürfe, manche warten seit Jahren, aber wie es so geht, wenn man sie öffnet, fallen einem Dinge auf, die man vorher übersehen hatte.

Gestern bei einem von meinem Sohn, der als Schiedsrichter auflief, als Risikospiel angekündigtem Duell auf dem schwarzen Kamp in Münster. Der Verband hatte gewarnt, eine "Russenmannschaft", schlecht beleumundet, so das Briefing, aber es waren einfach nur junge Männer, die einem Ball hinterher rannten und versuchten, Tore zu schießen. Eine gelb-rote Karte, eine Bratwurst, ein Gespräch belauscht, in dem es um einen jungen, demnächst zu kastrierenden Kater ging. Die junge Frau, die davon erzählte, sagte, schade, sie hätte so gern gesehen, wie sich der Kater die nicht mehr vorhandenen "Eier leckt".

Dann den Opa gemacht, auf dem Boden gelegen und dem jüngsten Enkel, der gerade ein wenig fremdelt, in die Augen geschaut, bis er begriff, dass ich nicht gefährlich bin, ihn auf dem Schoß gewiegt und mit dem Bart wie Wangen gekitzelt, ihm zu Essen gegeben, den großen Enkeln vorgelesen, die mir vom Urlaub erzählten, von den Schiffen, die sie gesehen haben und vom dem ICE, der aufs Schiff gefahren sei.

Schönes Wochenende, kann ich da nur sagen, und staunend auf all die Dinge schauen, die bisher geschehen sind. Das Leben ist aufregend.



Di 16.09.14 9:44

Möglich, dass ich ein ganz guter Opa bin, aber wenn es um Geschenke geht, bin ich ein eher einfallslos. Die Geschenkkultur ist mir schon bei den eigenen Kindern gegen den Strich gegangen, von allen Seiten und ohne Maß kamen immer noch neue Kartons, bis die Kinder mit vor Aufregung geröteten Köpfen nicht mehr wussten, wo hinten und vorne war. Dem Einhalt zu gebieten, ist Chris und mir nie gelungen. Jetzt muss ich diese komplizierten Familienangelegenheiten allein erledigen. Schon bei den Geburtstagsterminen muss ich höllisch acht geben, denn natürlich fallen sie mir nicht von selbst ein. Ich würde auch Weihnachten gern ausfallen lasslen, es bedeutet mir nichts, aber leider geht das nicht. Beim Enkelgeburtstag habe ich mich auf den Rat der Mutter bezogen und ihm ein Buch mitgebracht. Natürlich sind schon unzählige Bücher im Hause. Auch sonst ist alles im Hause, was soll man da schenken. Ich biete immer gern meine Zeit an, aber die ist eher etwas für die Eltern. So ein Enkel packt natürlich gern noch einen Karton aus, und an dieser Stelle kommt Onkel Max ins Spiel, der nämlich hat eine Nase für ultimative Geschenke. So war das auch diesmal: ein einstöckiges Drehkreuz für die Holzeisenbahn mit Schranken, einfach zu bedienen, ein absoluter Treffer. Die Lok fährt unten aufs Drehkreuz, dann muss gekurbelt werden, die Plattform hebt sich, die Lok kann oben in beliebiger Richtung weiterfahren.

Und? Wird heute geschrieben. Nein.
Wird sonst irgendetwas erledigt? Nein.
Wird man leben? Man versucht's.

Mi 17.09.14 15:50



die ich-maschine
und der späte
sommerbote gleißen
ein schleifen dringt
rühr mich nicht an
ich die maschine bleich
ich himmel übe schnecke
ich die maschine steht
und glück ist überall
ich hartleib häftling
ast am baum
vergriffen


Do 18.09.14 9:21

Selten hat der Mensch Freude, wenn er die Zeitung aufschlägt, heute aber las ich im Panorama der Süddeutschen, dass die Glaubengenossen der Dschihadis mit ätzendem Humor gegen die Steinzeitversion des "islamischen Staates" vorgehen. Großartig, dachte ich, während wir mahnen und Menschenketten aufstellen, wehren sich die, die das täglich am eigenen Leibe erleiden, mit Spott. Sie nennen die Ultrafrommen eine "sabbernde, notgeile Horde. In einem libanesischen Clip (...) erschießt ein Bärtiger erst der Kameramann und fällt dann über die quiekende Moderatorin her." Sofort keimte Hoffnung. Sofort dachte ich, wer mutig genug ist, dem Wahnsinn mit subversivem Humor entgegen zu treten, kann nicht so rückständig sein, wie das hier allenthalben behauptet wird. Also werde ich die Süddeutsche nicht abbestellen, obwohl sie mein Budget mit monatlich fast 60 Euro belastet. Ich werde weiter mit diesem sperrigen Format kämpfen. Ich liebe das. Vor allem aber liebe ich Geschmacklosigkeiten, die der politischen Korrektheit den Boden unter den Füßen weghauen.


Fr 19.09.14 15:44

ein atemzug,
dann keine regung mehr,
und was das leben ausmacht, fort
gerade noch, ich seh dich zum kaffee
gesagt, und schon nicht mehr vor ort.


Sa 20.09.14 12:13

Schwüle Luft. Kein gesundes Wetter. Still sein. Nichts unternehmen.


14:23



vergleichsweise gering war ausgefallen,
was angefallen war, aber immerhin,
das, was ausgefallen war,
genügte, dem tag die hand zu geben,
moin, sage ich,
seit die friesen im ersten stock wohnen,
moin, moin, was ist denn?
sei froh, wenn überhaupt etwas an- und ausfällt,
meist fängst du nicht einmal an,
seit wochen fängst du nichts an,
weil es viel zu gefährlich ist.
sie müssen sich vorstellen,
da stünden fünf millionen dominosteine,
käme ich da aus versehen dran, ginge es los,
und das will ich nicht,
weil es sinnlos ist,
und was sinnlos ist, führt zu nichts,
und was zu nichts führt, ist meist schön,
sehr schön, aber nicht immer leicht.
das ist der stand der dinge.


Mo 22.09.14 15:01

Alles gut, sagt die Dorfpresse und feiert den Schauraum. Ist ja auch alles gut, alle waren da, alle haben getrunken, alle haben sich in lange Schlangen eingereiht, um einmal umsonst in dieses, jenes, vor allem aber in das neue Landesmuseum zu gehen, getrieben von denen, die hinter ihnen warten.

Die Stadt in ihrer letzten, vorletzten Sommerwärme, als wäre das Wetter bestellt, die Haut mit feuchtem Film, während man herumgeht und diesen und jenen trifft. Aber man geht allein, die liebste Begleitung muss Nachtarbeit leisten, da hat man kaum Freude am Flanieren, da gehen einem vor allem die weiblichen Formationen auf den Geist, aus den Dörfern ringsum angereist, um Gehwege zu blockieren und sich in Treppenhäusern zu Galerien im vierten Stock schwer atmend Tratsch zuzurufen. Da geht man gleich wieder, soviel Kunst und so viele Menschen auf so engem Raum, das ist nichts für einen, das ist was für zwei, allein macht das keinen Sinn.

Die Musik, die im Rathausinnenhof spielt, muss vorsichtig spielen, denn Musik, schön und gut, aber Schlagzeug und Bass, muss das wirklich so laut sein? Und so bleibt die ganze Sache letztlich doch nur ein geschickter Stadtmarketing-Trick, fehlte eigentlich nur, dass man mit Booten zum Stadteremiten hinausfährt, der jetzt seit 22 Tagen auf seiner künstlichen Insel hockt und zu jedem Thema der bedrängten Welt kunstlose Sätze in alle vier Himmelsrichtungen ruft.


Mi 24.09.14 11:58

Ich war immer gegen Amerika. Auch als ich in Amerika war, war ich dagegen, aber die Amerikaner waren freundlich. Ich war wohl gegen das Prinzip der selbsternannten Weltenlenker, ich hatte ja alles mitbekommen. Korea noch nicht, da war ich noch zu klein, aber mit Vietnam ging es los und danach ging es Schlag auf Schlag, so dass ich mich freute, als die TwinTower auf so wundersame und bis heute nicht eindeutig geklärte Weise akkurat in sich zusammenfielen. Ich dachte, endlich zeigt diesen aufgeblasenen Kapitalisten mal jemand, was eine Harke ist. Ergo war ich dagegen, dass sie hier bombten, da einfielen und behaupteten, ich war dagegen und bin es nach wie vor, aber seit der IS unterwegs ist, wünsche ich mir nichts sehnlicher, dass eben diese Amerikaner mit ihren "Verbündeten" dieser sabbernden, notgeilen Horde zeigen, wo der Hammer hängt. Mit Napalm sollen sie sie in den Wüsteboden brennen. Ist das nicht furchtbar? Was man sich so zusammen wünscht, wenn keiner zuhört, unglaublich.

15:36

Wunder benötigen manchmal Jahre. Manchmal aber auch nur einen Schluck Whisky. Und dann wieder, wenn sich gar kein Wunder einstellen will, muss man das Wunder einfach erfinden. Und wenn es dann geschehen ist, das Wunder, ist es egal, ob der Himmel grau oder blau ist. Ein Wunder hat andere Prioritäten. Ein Wunder fällt fast vom Sofa, wenn man nicht acht gibt, oder es stößt ein halbvolles Weinglas um, mit Wundern ist das so eine Sache. Noch seltsamer ist, dass die Welt voller Wunder ist, die niemand sie so recht beachtet, die meisten bemerken sie nicht einmal. Uns jedoch fallen hin und wieder schon Wunder auf, und wenn uns eines auffällt, nehmen wir ein kleines Tütchen, so groß´wie früher Brausetütchen waren, nur durschsichtig, aus Pergamentpapier am Besten, und da stecken wir das Wunder rein. Kleben die Tüte zu, schreiben drauf, da und da, dann und dann gefunden, Art des Wunders, Wirkung. Als würde man mit LSD irgendwo andocken, zum Beispiel, oder Ähnliches, man kann da hinschreiben, was einem einfällt, oder was das Wunder am Besten beschreibt. Wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf oder so. Geht alles. Hauptsache ist, man tütet das Wunder ein, damit man es nicht vergisst, und weil ja bald wieder Weihnachten ist, hätte man dann schon ein Geschenk.


Do 25.09.14 10:58

Klar, blau und frisch ist der Tag. Man hat Kaffee getrunken, gefrühstückt, jetzt will man hinaus. Aber kaum hat man beschlossen, hinaus zu fahren, will man schon wieder etwa anderes. Das ist auch so ein Wunder. Das Wunder der Unentschlossenheit. Dieses tun, jenes wollen. Jenes tun, dieses wollen. Gestern etwa wollte ich tanzen. Aber kaum war ich im Club, verspürte ich große Sehnsucht nach etwas anderem. Also ging ich wieder. Aber das andere war auch nicht das richtige. Manchmal wundert man sich über sich selbst am meisten. Ja, sagt man, ich bin ein großes Wunder und verstehe es nicht. Aber immerhin: seit Anfang der Woche nikotinfrei. Kein Entzug. Das Wunder in diesem Fall heißt: ich will nicht mehr. Es war genug.


14:38

Man hat jetzt diesen Blick. Man war in den Pilzen, seitdem ist der Wald nicht mehr das, was er einmal war. Auch Straßenböschungen und Wiesen sind es nicht mehr. Leuchtet es in den Augenwinkeln irgendwo weiß, glaubt man, eine runde Kappe zu sehen da vorn oder da hinten, verlangsamt man sofort seine Fahrt, steigt vom Rad, nur um festzustellen, dass es der Deckel eines Sahnebechers war, einer Dose, manchmal tatsächlich der Hut eines Pilzes, den man aber nicht kennt. Aber man ist entschlossen. Noch diese Woche soll es auf Steinpilze gehen. Das ist ein Röhrling, und Röhrlinge töten so gut wie nie. Also wird man schon sehen und überleben. Aber ob man wirklich Steinpilze findet, das ist wieder etwas ganz anderes. Ein Wunder, wenn man so will.


17:36

Damit das mit den Wundern nicht aufhört, hier noch eines. Seit Menschengedenken ist meine Garagentür kaputt. Auf der linken Seite fehlte die Gelenkrolle, die in einer U-förmigen Schiene lief. Also ließ ich die Tür offenstehen. Es standen ja doch immer nur uralte Autos darin, die niemand je stehlen würde. Manchmal fiel die Tür allerdings herab, blieb aber immer halbschräg und im letzten Moment so hängen, dass sie meine alten Limousinen nicht beschädigte. Seit nun der uralte Benz im Hause ist, stellte ich in mir das genau gleiche Arschloch fest, das ich an den meisten meiner Mitbürger schon immer festgestellt hatte. Folglich rief ich die Hausverwaltung an, und bat, jemanden zu schicken, damit ich die Garagetür nach mehr als anderthalb Jahrzehnten wieder schließen könne. Bald kam jemand, sah sich die Sache an, machte Fotos und sagte, er melde sich dann. Das war vor etwa vier Monaten. Ich vergaß die Sache. Vielleicht, dachte ich, bin ich doch kein Arschloch, aber irgendwann letzte Woche beschloss ich, noch einmal nachzuhaken. Heute kam jemand, sah sich die Sache an und sagte, kann ich hier irgendwo Strom kriegen. Ich bejahte. Nach einer dreiviertel Stunde ließ sich das Garagentor wie auf Butter gleitend schließen.


22:10

Ich schreibe jetzt ein Gedicht.
Ich werde auf Reime verzichten.
Es ist ein Gedicht über das Nichtrauchen.
Es heißt: Gebt mir tausend Zigaretten.
Ich werde alle auf einmal rauchen.
Das Gedicht heißt: Nichtraucher sein.
Nichtraucher sein. Packung auf.
Zigarette drehen. In den Mund stecken.
Anmachen. Rauchen.
Ernst Jandl anrufen.
Jandl ist tot.
Das Gedicht endet so:
Ich werde nie mehr rauchen.
Es hat sich ausgeraucht.
Lieber schieße ich mir in den Kopf.


Fr 26.09.14 10:26

Bleigrau der Himmel, der Herr hat sich nichts dabei gedacht, aber wir, wir denken uns schon etwas, wir haben ja nichts als den Himmel und die seltenen Sonnentage und das bisschen Wärme. Alles andere kostet, heizen kostet entsetzlich viel, muss also eine Decke her, die warme Septemberdecke, die wir uns um die Schultern legen, um den Tag mit ein paar Sätzen zu erwärmen, gleich aufs Rad zu steigen, in die Stadt zu fahren und Lesestoff aus der Stadtbücherei heranzukarren. Ansonsten ist alles gut, so sagt man doch: Alles gut? Ja, alles gut. Was alles nicht gut ist, behält man für sich, das nimmt man mit ins Grab, will eh keiner hören.

PS. Nichtrauchen ist kein Problem. Man muss es nur wollen.

15:05

Marylin wohnte im Bett. Im Bett wohnen war schön. Im Bett lagen Lippenstifte und Bücher. Im Bett lagen Nagelscheren und Fernbedienungen, messerscharfe Aludeckel von Erdnussdosen, im Bett lagen auch Männer, aber nicht oft, denn Männer fürchteten sich vor ihr. Marylin fand, dass Betten in jedes Zimmer gehörten. Aber sie hatte nur ein Zimmer. Also musste alles, was der Fall war, hier stattfinden, Kochen inklusive, aber das machte ihr nichts, sie kochte sowieso nie, und wenn, schmeckte es schrecklich. Sie aß lieber aus Tüten und Dosen. In Tüten und Dosen gab es so gut wie alles, so lange sie Geld hatte. Geld hatte sie allerdings nie sehr lange. Und sie war auch nicht die Marylin, die man aus Filmen kennt. Natürlich nicht. Die hätte ja alles gehabt, was sie nicht hatte, also Männer jetzt, und Betten überall, und Tüten und Dosen. Marylin war bestimmt nicht blöd. Im Gegenteil. Sie hätte fast mal promoviert, aber dann hatte sie es doch gelassen, weil gleichzeitig ein Mann in ihrem Bett wohnte, da war zu viel zu tun, und beides ging nicht. (2bcontinued?)


So 28.09.14 17:07

Herr T. hatte geraten, im Hiltruper Forst nach Steinpilzen zu suchen. Herr T. kennt sich mit Pilzen, kopulierenden Schmetterlingen, Weinen aus besten Lagen, der Haute Cuisine, schwarzen und weißen Tasten und neuerdings sogar mit Rudelsingen aus, man darf ihm also vertrauen. Im Hiltruper Forst, auch Hohe Ward genannt, stehen vornehmlich Kiefern, hier und da kleine Birkenbestände, aber das Habitat des Steinpilzes ist der Kiefernwald, las ich. Also stolperten wir dort durchs Unterholz, Frau Retepse (Name verändert) und ich, die Augen sorgfältig zu Boden gerichtet, damit uns bloß nichts entging. Wir stolperten etwa zwei Stunden herum, was sehr sehr schön war, fanden jedoch weder Stein- noch sonstige Pilze, die wir hätten verwerten können. Das war aber nicht schlimm, denn als wir den Forst verließen, wurden wir durch ein sehr schönes Erlebnis entschädigt. Die Corgi-Gruppe Deutschland hatte sich zu ihrem jährlichen Treffen auf einen Spaziergang verständigt, und da liefen sie nun, Männer und Frauen jeden Alters und unzählige Corgis, das sind unproportionierte Hunde, die an Schäferhunde mit Dackelbeinen erinnern, die englischen Königin liebt sie auch, hatte aber keine Zeit, zu diesem Treffen zu kommen.


Mo 29.09.14 17:52

Herr T merkt dazu an: der Boletus pinicola ist der dem entsprechenden Baume zugetane Kiefernsteinpilz. Der oft gesuchte Boletus edulis findet sich als Eichensteinpilz folgerichtig nicht allzugerne an Kiefern. Beiden Pilzen jedoch ist es zu eigen bei längeren regenfreien Perioden sich mehr um ihr Mycel als um einen schmackhaften Hut zu kümmern. Wie Herr M. also richtig feststellte ist auch der richtige Ort wenig hilfreich, wenn dort gerade kein Pilz wächst. Seien wir froh, dass Corgys aufkreuzten - mit Zwiebeln und Schnittlauch in Butter sind diese Tierchen nach abflämmen der Haare durchaus essbar. Nicht so gut wie der Steinpilz, aber immerhin...

Wir danken Herrn T. für diesen Hinweis.


Di 30.09.14 11:37

Sehr geehrter Herr September,

trotz aller Bemühungen ist es Ihnen nicht gelungen, sich mit dem amtlichen Beginn eines Romans zu krönen. Auch sonst ist Ihnen wenig eingefallen, ja, man möchte fast sagen, Ihre Einfallslosigkeit stinkt zu Himmel, wäre da nicht dieser grandiose Erfolg, der alles andere in den Schatten stellt. Sie haben das Rauchen aufgegeben. Ein- und für alle Male haben Sie das entschieden, da wollen wir Ihnen alles andere verzeihen und auf einen regenreichen Herbst und arschkalten Winter hoffen, der das Drinnenhocken begünstigt, denn mal ehrlich, wer will schon Romane schreiben, wenn er stattdessen mit dem Rad herumfahren kann, durch Wälder stolpert, Gärten umgräbt oder auf dem Balkon sitzt und Wolken zählt.