September 2016                      www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

zum letzten eintrag

Do 1.09.16 14:30

Schwimmen im Kanal. Zimtwecken und Capuccino in der Röstbar. Sonne. Eine junge Frau in einem schwarzen, dekolletierten Kleid kreuzt den Staufenplatz. Ein alter Mann im Rollstuhl und eine ihm zugewandte jüngere Frau auf einer Bank. Vater und Tochter? Mann und Frau? Das Leben ist schön. Spannend ist es auch. In vierzehn Tagen werde ich York und Liverpool sehen.

Sa 3.09.16 2:35

Drei, vielleicht vier Prozent Gefälle, doch eher drei, aber es bringt mich mit 25 KmH ins Tal. Wenn ich mittrete, werden es dreißíg. Aber ich rollte. Vorhin rollte ich, nicht in Eile, ich trödelte, weil ich müde war und zufrieden, und in so einem Zustand ist es angenehm, Gedanken nachhängen. Ich denke mir dabei oft Romane aus, die nie geschrieben werden, Gedichte, die mir klar und deutlich vor Augen sind, sich aber spätestens zuhause in Nichts auflösen. Als ich mich dem Flüsschen nähere, kommt mir ein Licht entgegen. Es mäandert, als sei jemand mit einem starken Licht unterwegs und suche etwas Wichtiges. Es ist ein Radfahrer. Ich wappne mich, jederzeit ausweichen zu können. Auf dem Rad sitzt ein junger Mann mit Kapuzenpulli. Er lacht laut und macht Witze mit einem auf einem unbeleuchteten Rad auf der Straße fahrenden Freund, kurvt fast in die Wiese, ist bester Laune und ich rufe ihm zu, bist du betrunken? Jetzt weiß´ich nicht, sagte er jaaa, aber sowas von, oder eher wieso. Ich glaube, wieso, denn ich sagte, du fährst wie ein Stuntman und er, schon an mir vorbei und jetzt mit der Steigung kämpfend, die noch mein Gefälle war, ich bin Stuntman. Dann wünschten beide mir einen schönen Abend. Mir blieb nichts, als ihnen die Daumen zu drücken.


So 4.09.16 20:48

Schwarze Nacht.
Und ich habe noch nicht ein Weihnachtsgeschenk.


Mo 5.09.16 11:56

Als wären die Rattenfänger der AfD mit ihren Halbwahrheiten, ihren Lügen und ihrer Panikmache Herrn M. ins System gekrochen, so fühlt sich das an, verspannt von oben bis unten. M. verordnet sich ein heißes Bad, das lindert, er hat Salbe, die er aber ohne Hilfe nicht an die entsprechenden Stellen bringt, es sei denn, er wäre ein chinesischer Staatsakrobat, der sich selbst den Arsch lecken kann. Das kann er nicht. Er kann aber sagen, was er von Menschen hält, die auf Augenwischerei hereinfallen, sich Angst machen lassen, nicht sinnerfassend lesen können und sich immer nach einfachen Lösungen sehnen, was er von denen hält, könnte er sagen, sagt er aber nicht. Er sagt, wenn zehn Menschen in Meckpomm zusammenkommen, haben etwa zwei die AfD gewählt. Andersherum wäre es schlimmer. Es handelte sich um demokratische Wahlen, also wird sich zeigen, wer in Schwerin demnächst Opposition macht und wie weit ihr Einfluss geht. Meist zerlegen sich Fraktionen populistischer Parteien innerhalb kurzer Zeit selbst. Herr M. streckt sich. Er wird eine Kerze anzünden und das Universum bitten, es solle den Dummen verzeihen und den Klugen ebenso, es solle einfach weiterhin seine Ziele verfolgen, dann werde schon alles gut.


19:32

Natürlich hatte Kaminski vorgesorgt. Er hatte die Garage leergeräumt und die Zimmer verschlankt. Ja, verschlankt, sagte er, was immer er damit gemeint haben mag. Tatsache ist, dass seitdem im Haus etwas vor sich ging. Vorgänge, sagte Kaminski, wenn man nachfragte. Vorgänge, mehr nicht. Nachgänge wären auch nicht das, was man von ihm erwartet hätte. Nachgänger konnte man höchstens bedauern, Nachgänger waren Kretins, Hanswürste der Imitation, Vorgänger aber, die gehen, während andere noch dumm herumstehen und warten. Kaminski. Kaminski ist weder dünn noch muskulös, mit seinem Zusselbart (anders kann man das nicht bezeichnen) sieht er spinnert aus, er hat keine Stimme, die Menschen für sich einnähme, im Gegenteil, ihr Grundtun ist blechern, zudem neigt er zum Nuscheln, und in seinen Mundwinkeln sammelt sich Speichel. Er spricht ständig über sich und seine Arbeit, aber darüber, was in der Garage und in den verschlankten Zimmer los war, sprach er nie. Da nebelte er sich ein, und es ist verbürgt, dass seit damals niemand mehr bei ihm zu Besuch war. Bis auf Busse, den Architektensohn, aber der wurde schizophren und hängte sich auf. Nachdem er Kaminski mit einem ziemlich großen Messer angegangen war.


Di 6.09.16 9:39

Kunst ist etwas, das viel Geld kostet, fast soviel wie Fußballspieler. Während man Fußballspieler noch halbwegs verstehen kann, Kunst verstehen die wenigsten. Oft halten sie Kunst für skandalös. Installationen etwa. Performances. Dieses ganze zusammengetackerte Zeug. Verarschen können sie sich alleine. Sie müssen jeden Morgen aufstehen und acht Stunden Dinge tun, die ihnen in der Regel wesensfremd und/oder lästig- leider jedoch unvermeidlich sind. Wenn aber alle Museen und Galerien für ein oder zwei Abende plötzlich frei zugänglich sind, sagen sie dennoch, warum nicht, da kann man ja mal hingehen, kost ja nix. Und dann fluten sie von einem Museum ins nächste und von dort in die Galerien und umgekehrt. Sie stehen in langen Schlangen vor Türen, durch die man an gewöhnlichen Tagen unbehelligt eintreten kann. In einer steht der Galerist und sein Hund. Er trägt rot heute und eine Art Cowboyhemd, bietet uns einen
Cognac an und dazu eine Geschichte. Der Cognac nämlich stamme von einem Kunden, einem betagten Chirurgen. Die Flasche ist verkorkt, aber halbleer. So habe er sie bekommen, sagt der Galerist, während er sich müht, den Korken zu ziehen, und nun frage er sich, ob er den Chirurgen darauf hinweisen solle. Der Korken wehrt sich. Verschiedene Methoden kommen zur Anwendung. Schließlich ist er heraus. Und? fragt der Galerist. Gut? Wunderbar, sagen Herr M. und Frau E. Dann gehen sie weiter. Treffen den hier und jenen dort, reden, und unterm Strich bleibt, viel schöner als alle Kunst sind die Menschen.


13:31

ist heute heute
war gestern gestern
morgen ist das gestern von übermorgen
und übermorgen das heute von morgen

wenn morgen das gestern von übermorgen
und übermorgen das andere ende von heute morgen ist
das in dunkelheit versinkt
viel zu früh
ist zeit schlafen zu gehen

19:33

Da schneidet man sich etwas ab, ein Merkmal, könnte man sagen, wenngleich es nichts Primäres oder Sekundäres war, das wäre ja auch noch schöner, aber immerhin, man hat es sich abgeschnitten und bis jetzt hat es niemand bemerkt.


Mi 7.09.16 9:04

Wenn ich die Augen aufschlage, höre ich es. Auf dem Weg zur Toilette muss ich achtgeben, nicht hinein zu stürzen. Es ist tief. Es rumort am Boden. Was habe ich nicht schon alles hineingeworfen, um es zuzuschütten: tausende Kilometer auf dem Rad, Tänze, Frauen, Flirts, abenteuerliche Improvisationen, Bücher, nichts wirkt, das Ozonloch ist ein Witz dagegen.

23:23

Guten Tag. Was kann ich für sie tun?
Ich hätte gern den Arsch gepudert.
Die Tücher warm oder heiß?
Gar keine Tücher.
Aber - Tücher ....
Nein, nur den Arsch pudern.
Bitte (ruft: Roderick, kannst du den Herrn übernehmen)
Ich will keinen Roderick. Ich will von Ihnen den Arsch gepudert bekommen. Steht doch draußen: Der König der Arschpuderer Kaiserlink. Der sind sie doch.
Ja, aber...
Entweder Sie, oder keiner.
Eigentlich...
... bitte, dann nicht.
... andererseits, hier entlang, Herr ....???
.. Ich.


Do 8.09.16 10:55

Kein Wölkchen am Himmel. Frühstück auf dem Balkon. Niemand, der etwas will. Meine Frau ist tot, meine Söhne sind groß, mein Auftrag ist erfüllt. Ich will keine Feier, ich will in Rauch aufgehen, bis dahin werde ich es mir gutgehen lassen.


13:39

Hätte ich ein smartphone, hätte ich eine app von citybike liverpool. Da ich keines habe, werde ich ohne auskommen müssen, weiß aber, dass es in Liverpool eine große Zahl von Stationen gibt, an denen ich mein heute gebuchtes Rad nächste Woche abholen kann. Ich habe drei Pfund angezahlt, ich kann drei Stunden herumfahren, ich werde mir in Liverpool also einen Stadtplan besorgen und herumkurven.


22:43

Sie können davon ausgehen, dass ich durch Penny Lane und Strawberry Field radle.


Fr 9.09.16 10:00

Ich bin Bauch- und Seitenschläfer, der davon träumt, auf dem Rücken schlafen zu können, weil das so bequem ist, aber irgendwann drehe ich mich immer um und ziehe mir die Decke über die Ohren. Ich will nächtlichen Feinden nicht die Weichteile präsentieren. Aber wie gesagt, es ist bequem, man hört sein Herz nicht schlagen, nichts wird verdreht oder unnötig gestreckt, deshalb trainiere ich seit etwa einer Woche, und es scheint, dass ich doch auf dem Rücken einschlafen kann. Falls ich also im Bett sterben sollte und morgens schon kalt und steif bin, könnte man mich zu zweit einfach hochheben und in die nebenstehende Kiste legen, fertig. Einen toten Seitenschläfer mit angezogenen Knien gerade zu biegen, ist bestimmt nicht einfach. Ich werde also weiter trainieren. Ich will den Menschen ja nicht zur Last fallen.


So 11.09.16 21:23

Sollte jemand fragen, was macht glücklicher, Romaneschreiben oder Fahrradfahren, weiß ich die Antwort. Dennoch schreibe ich. Ich fühle weder einen literarischen noch sonstwie gearteten Auftrag, ich will meine Leute, Radfahren, Trommeln, Tanzen, mit der Freundin unterwegs sein, ich mag meine Rente, den Rausch und den Morgen danach, und wenn es zuviel war, hilft das Schwimmen im Kanal. Sollte also tatsächlich jemand fragen, was macht glücklicher, Romaneschreiben oder Faulenzen, ich weiß die Antwort. Das Problem ist die Eitelkeit. Sie wissen schon, Eitelkeit, Todsünde. Sollten Sie also wissen wollen, wie man mit Eitelkeit umgeht, ich wüsste keine Antwort, so wenig ich weiß was glücklich macht, ein Wochenende wie das gerade zuende gehende, ein gelungener Satz dann und wann. Ja und nein? Gelungene Sätze sind wunderbar, aber Leben ist viel schöner. Also fragen Sie ruhig.


Mo 12.09.16 14:04

Wie immer gilt auch bei Fragen nach dem Glück das Gegenteil, sodass niemand Genaues sagen kann, nicht einmal ich, ein Glückskind, das bisher alle Katastrophen überstanden hat. Das Reisefieber steigt. Morgen abend fahre ich auf einem großen Schiff nach England.


Di 13.09.16 10:03

Ich packe einen Koffer. Aber was soll ich hinein tun? 33 Grad werden es heute, dumm, dass wir die Reise in der Mittagshitze starten, aber ich höre, dass der Transit, den ich fahren werde, ein Jahr alt ist, da vermute ich eine Klimaanlage, wenngleich sie es bei acht ausdünstenden Passagieren und von oben brennendem Sonnenlicht sicher nicht leicht haben wird. Ich habe einen Koffer gepackt und staune, dass ein paar T-Shirts, Unterhosen, ein Pullover, Socken und eine Ersatzhose ihn füllen, aber es ist ein kleiner Koffer, es wird eine kleine Reise, wenngleich natürlich übers Meer, nach Norden. Ich freue mich kindisch und scheiße mir in die Hosen vor Aufregung. Erfuhr gestern vom Zahntechniker J., dass es ihm vor Reisen ganz ähnlich gehe. Und wenn dann die Reise begonnen habe, im Zug, im Flugzeug, sonstwie, und wenn diese Reise andauere und alle schliefen, er schlafe nie, so wie ich auch nie schlafe, heute nacht im Schiff werde ich voraussichtlich kaum ein Auge zutun, denn mein System ist misstrauisch, es kennt die Geräusche nicht, zudem ist ringsum Wasser, es muss also achtsam sein, es muss jederzeit alles zur Flucht mobilisieren können, und so ein Zustand lässt Tiefschlaf nicht zu. Und nun verneige ich mich und gehe mit Gott.


Mi 14.06.16 17:30

Ich habe gerade mein Zimmer bezogen. Es ist hell, sauber, riecht nach Dispersionsfarben, Laminat und Teppichböden und war
nicht leicht zu finden hinter all den Feuerschutztüren. Wir waren kurz nach zehn vor Ort, siebzehn Personen, davon acht Menschen mit verschiedenen Behinderungen, aber die Zimmer waren noch nicht fertig. Das ist nicht unüblich in Hotels, vor Mittag kommt man selten aufs Zimmer, aber bei einer Gruppenreise mit Behinderten denkt man dann doch, dass es Wege geben müsste. Also ratlosiges Herumsitzen. Einige Verwunderung. Parkplätze für unsere Transits gab es auch nicht, die mussten erst gesucht und extra gebucht werden. Dann Lunch in der Travellodge. Fried Buttermilk Chicken Burger. Langes Herumsitzen nachher, denn einer der Behinderten, der, dem man es am ehesten ansieht, der, bei man denkt, Hilfe, was hat der arme Kerl, musste aufs Klo. Er ist aber kein armer Kerl, sondern sieht nur so aus. Er sagte, ja, ja, das wisse er, das dächten wohl alle Leute von ihm.

22:43

Das muss alles in Ruhe aufgeschrieben werden. Ein solcher Ansturm von Ereignissen, das geht heute nicht mehr. Morgen fahre ich nach Liverpool, übermorgen fahren wir in eine Schokoladenfabrik, in der Autisten arbeiten, und Samstag schon wieder nach Hause. Irres Tempo für'n alten Mann. Gute Nacht.


Do 15.06.16 22:03

Frühstück im Hotel, freundlichste Bedienung am Ticketschalter im Bahnhof. Ich fragte, ob es ein day-return-ticket nach Liverpool gäbe, ja, ja, sagt die junge Frau, mal sehn, normalerweise kostet das 50 Pfund, aber (sie schaut nach) ich glaube, es geht auch für 40, ja, geht, zwei Tickets, unterschiedliche Betreiber, British Rail ist seit Thatcher in viele unterschiedliche Betreiber zerfallen, so dass auf der zweistündigen Strecke in ein und demselben Zug zwei Gesellschaften operieren, also 8:40, York, Leeds, Manchester, Liverpool Lime Street.
Wiesen, Disteln, Eichen, Rotdorn, gewelltes Land, wenig landwirtschaftliche Nutzung, bis auf Kühe, wildes Land, später bergig.

Live at Leedds: 9:07.

Industriebrachen. Noch neblig, aber in Huddersfield bricht die Sonne den Nebel. Sandsteinhäuser.
Mit am Tisch: Oma, Tochter, Enkelin. Kajalaugen die Mutter, Herzen in beiden Ohrläppchen, Kaugummi kauend, Haare geölt, streng zurückgekämmt, so dass sich hinten ein ausladender Busch aus Strähnen bildet. Drahtig. Die Tochter lieblicher und bleich geschminkt. Eine gewisse Trostlosigkeit umweht sie.
Schräg gegenüber ein junger Mann in Jeans, grauem Jacket mit Einstecktuch, Kurzhaar bei Glatze, tief liegende Augen, stechend, große Adlernase, große Uhr, scrollt zwischen York und Manchester ununterbrochen sein Smartphone.

Vorm Bahnhof Liverpool Lime Streets rechts gleich die citybike Räder. Ich habe eine Kartennummer, eine Pin, ich logge mich ein, und das System sagt, ich solle den Knopf drücken, die Frage ist nur, welchen?. Den an der Stadtion, an der das Rad festgemacht ist? Wahrscheinlich. Ich drücke, aber nichts geschieht. Ein junger Araber kommt vorbei. Ich frage, ob er weiß, wie das System funktioniert, nein, sagt er, aber dann zieht er am Rad, und es löst sich vom Lock.

Vorm Bahnhof Lime Street braust der Verkehr, also fahre ich erst einmal übern Bürgersteig um zwei Ecken und lande ohne zu wissen wie in einer stinkigen Gasse, in dem früher der Cavern Club war. Nicht, dass es mich jetzt ungeworfen hätte, aber schön war es dennoch.
Ich bin dann zum Mersey hinunter, der weit ist und wild strömt, überall wird vorm Baden gewarnt. Ich radle den Fluß hoch. Noch 2000 waren die Docks eine einzige Brache, dann kam die EU und hat sie aufgehübscht, 2008 war Liverpool europäische Kulturhauptstadt, jetzt ist es schick, very chique.

Nach einer dreiviertel Stunde, die Stadt lag schon weit hinter mir, bin ich meinem inneren Navigator gefolgt, der sagte, dass ich zur Penny Lane links abbiegen müsse, links, durch einen Park. Zwei Gesprächspartner weiter, die mir bestätigten, auf dem richtigen Weg zu sein und mich noch mit Einzelheiten von ihrem Smartphone versorgten, stand ich schließlich an einer Ecke, an der auffallend viele Menschen waren. Ich fragte, wo die Penny Lane sei. Ein Mann in schwarzem Lederjacket sagte, ich solle mich umdrehen. Das Schild war hinter mir, und natürlich ließen sich alle davor fotografieren.




Fr 16.09.16
21:49

In den Yorkshire Moors gibt es eine kleine Schokoladenmanufaktur. Sie wird von "autism plus" betrieben, "a charity that works across the north of England supporting individuals with autism, learning disabilities and mental health conditions."





Die Yorkshire Moors sind ein Naturschutzgebiet. Die Straßen sind schmal und voller Schlaglöcher, die Zeit scheint zu stehen, es gibt kaum öffentlichen Nahverkehr. Kleinste Häuser kosten schon 500.000 Pfund, so dass die Menschen, die auf Farmen arbeiten, sich keine Wohnung leisten können und in die Städte ziehen, während die wohlhabenderen Städter aufs Land gehen. Jedes Dorf hat Pubs mit klangvollen Namen: The Bay Horse, Fullford Arms, The Phoenix. Die Schokoladenmanufaktur, eine ehemalige Farm (Park House Barns) grenzt an einen dichten Buchenwald voller Farne. Zwei Kilometer entfernt liegt eine der besten Schulen Englands.
Dort wird Elite gezüchtet. Wer auf so eine Schule, muss sich nicht sorgen. Er weiß das, und entsprechend arrogant tritt er auf. In solchen Schulen werden Zyniker wie Boris Johnson und David Cameron gezüchtet.


So 18.09.16 19:30

ich behaupte
das leben zu lieben
daraus folgt
dass ich die mühe liebe
mit der es mir in die arme fällt
oder in den rücken
also behaupte ich mich



Mo 19.09.16 13:09

Die Textfabrik sperrt Leute aus. Sprecher sagten, dass Sie es leid seien, ständiger Zensur ausgesetzt zu sein. Sie fordern alle Besucher der Textfabrik auf, sich andere Quellen der Unterhaltung zu erschließen, und zwar sofort und für immer. Ja, genau, Sie und Sie, und Sie auch, vor allem aber Sie und Sie und alle anderen. Die Textfabrik will Sie hier nicht. Tun Sie sich und uns den Gefallen und verschwinden.


Di 20.09.16 9:11

während
der abend aufzieht
lassen sie sich
in die kronen der linden fallen
sie müssen reden
sie hacken aufeinander ein
nachtschwarz
die präsidenten
kanzler könige und dikatoren
wenn es dann dunkel ist
sind sie still bis zum morgen


Do 22.09.16 22:5

Da war doch diese Reise übers Meer, die Herr M. als Chauffeur antrat, eine für sein Alter immerhin verantwortungsvolle Aufgabe, acht Menschen mit und ohne Behinderung über eine verwirrende Anzahl verschiedenster Autobahnen, mitten durch wechselnde Landschaften bis auf ein großes, zwölfstöckiges Schiff, von dort links fahrend bis in diese kleine Stadt York in Nordengland zu bringen, wie war es denn damit, hat er das zu aller Zufriedenheit erledigt? Haben alle überlebt? Gab es Situationen, die brenzlig zu nennen wären, hätte er seine Beifahrerin, diese klimakteriumrote Dame, nicht eher zum Schweigen bringen müssen, statt sich ständig von ihr ins Geschäft des Lenkens, des aufmerksamen Beobachtens des Verkehrs mal auf der rechten, dann auf der linken Straßenseite fahrend, reden zu lassen. Hat er das alles schon sortiert? Hat er schon eine Möglichkeit gefunden, die Geschichte schlüssig zu erzählen, seine kleine Reise in die Stadt, in der für ihn alles begann, Liverpool, die übrigen Begebenheiten, denn wir verstehen uns doch richtig, es gibt doch Begebenheiten, wenn man reist, eine reiht sich doch an die nächste, warum also beginnt er nicht? Er weiß es nicht. Es scheint, als drehe sich alles in großem Wirbel, alles ist da, jede noch so kleine Kleinigkeit ist abgespeichert in den unzählbaren Windungen seines Speichers, er kann darüber reden, darüber schreiben kann er noch nicht. Belassen wir es also dabei. Kommt Zeit, kommt wie immer auch Rat.


Mo 26.09.16 11:08

Heute ist Ruhetag. Der erste, seit Herr M. aus England zurück ist, denn irgendetwas war immer. Mit Gelderwerb hatte das allerdings nichts zu tun, Gelderwerb ist eine Tätigkeit außerhalb seines gegenwärtigen Erfahrungshorizontes, denn er ist Zeitmillionär, eine anstrengende, Tätigkeit, die auszuüben nur wenige auf Dauer ertragen. Die meisten verzweifeln daran und retten sich in prekäre Arbeitsverhältnisse, wie sie Herr Schröder mit der Agenda 2010 auf den Weg gebracht hat (1,9 Millionen Menschen in der BRD arbeiten auf Abruf), aber das ist eine andere Geschichte.

Heute, an diesem wundervollen Tag, an dem sich der Himmel hoch und blau spannt und nichts darauf hindeutet, dass am Ende des Tages alles anders sein wird, als man es erwartet hätte, heute wäre endlich Zeit, zu erzählen, wie diese Englandreise (angeblich war Herr M. eine Woche auf der anderen Seite des Ärmelkanals) überhaupt zustande gekommen ist. Gibt es Indizien, die hieb- und stichfest beweisen, ja, Herr M., wohnhaft in Soundso, ist dann und dann da und da ausgereist und zwölf Stunden später da und dort eingereist? Haben Beamte das dokumentiert, sind Dossiers erstellt worden, Stempel niedergefahren, so wie man sich Ein- und Ausreisen früher einmal vorgestellt hat? Früher, vor dem Schengen Abkommen?

Ja, denn der Brite (auch Groß-Brite genannt, da er sich noch immer nicht von Rule Britannia, Britannia rule the waves erholt hat), dieser Brite will nach wie vor alles ganz genau wissen, daher gibt es Stempel und Listen, in denen alles dokumentiert ist, denn er will nicht nur Insulaner bleiben, nein, er möchte auch sein weit hinterm kontinentaleuropäischen Standard liegendes kleines Königreich auch in Zukunft von bösen, ausländischen Einflüssen bewahren, er hat genug mit Negern, Pakistani und Indern zu tun, die dummerweise alle einreisen durften, da sie ja einmal dazugehörten. Davon hat er die Nase voll und nun will er natürlich verhindern, dass sich die Flüchtlingsströme der Gegenwart auch über die Insel ergießen.

Als Herr M., Chauffeur des ersten Ford-Transit das Terminal der P&Q Reederei in Rotterdam erreicht, wird die abfertigende Dame im Glashaus zunächst unwirsch. Sie hockt da fünf Tage die Woche acht Stunden in einem Glaskasten, hat ständig mit Menschen zu tun, die verreisen, nur sie muss hierbleiben und sich um Passagierlisten kümmern, denn man will ja wissen, wer an Bord gewesen ist, falls so ein zwölfstöckiges Schiff einmal untergeht. Sie lachen? Nun, es ist noch gar nicht so lange her, dass vor Oostende eine auslaufende Fähre einfach umkippte und kopfüber im Kanal trieb. In so einem Fall, das werden Sie zugeben, ist es besser, verlässliche Listen zu haben, allein, um die Familien und Bestatter informieren zu können. Die Insassen des von Herrn M. gesteuerten Transit standen aber nicht alle auf den insgesamt zwei Fahrzeugen zugeschriebenen Buchungslisten, denn bei der Abfahrt der Reisegruppe hatte es sich ergeben, dass der eine im ersten, der anderen im zweiten Minibus reisen wollte, und so entspann sich ein kleines, spitzes Hin- und Her, das
Herr M. nur durch konsequenten Gebrauch der niederländischen Sprache nach und nach dämmen konnte, bis schließlich alle Daten der Reisenden so hin- und hergeschoben worden waren, dass man an Bord durfte. Acht Menschen mit Behinderungen, noch einmal so viele ohne, wenngleich Herr M. für den Geisteszustand Letzterer nicht unbedingt die Hand auf die Herdplatte legen möchte.

12:53

Eh Herr M. die Verantwortung für diesen Tag abgibt, muss er an Bord, doch eh er so weit ist, wird jedes Gesicht mit dem dazugehörigen Ausweis abgeglichen, schleichen Beamte ums Auto, als wolle man in die DDR, schnüffeln Hunde herum, als sei man ein Dealer, wobei natürlich gesagt werden muss, dass der junge Brite gern einmal über ein Wochenende nach Holland reist, um dort einzukaufen. Aber dann, nach Ende dieses Procedere, das Herr M. seit Schengen nicht mehr über sich ergehen lassen musste, fährt er an Bord. Es ist eng, die Reifen quietschen auf dem Metalldeck, obwohl er Schritttempo fährt, er folgt den Anweisungen des Personals, parkt das Fahrzeug ein, alle steigen aus, gehen auf Deck 8, checken ein und beziehen ihre Kabinen.

Der Abend zieht herauf. Rotterdam und sein Hafen sind ein kaum überschaubares Areal von Docks, Häfen, Ölftanks, riesigen Kränen, ein El Dorado für Dschihadisten, hier könnten sie mit Boden-Boden Raketen wundervollste Feuersbrünste verursachen, noch effektiver, als es die Nazi-Bomber im zweiten Weltkrieg hingekriegt hatten, aber nichts, nein, überall Ruhe, Menschen, die an Deck promenieren, Briten mit Bier, Briten mit Zigaretten, Briten mit Bäuchen und Tätowierungen, schlimmer können ostdeutsche Nazis auch nicht aussehen. Auf der anderen Seite natürlich der distinguierte Brite, der mit selbstgebautem, dreirädigen, offenen, silbernen Roadster an Bord fährt, bestimmt Mitglied des Königshauses, und Horden anderer Nationalitäten, alle auf dem Weg über die Mordsee nach Hull, Nordostengland. Es dunkelt. Das Schiff hat abgelegt. Eh es die offene See erreicht, bewundert Herr M. die unzähligen Lichter links und rechts am Ufer, ein wahres und wundervolles Lichtermeer, das langsam und so sicher verschwindet, wie das Mobilfunksignal. Herr M. isst, all you can eat. Auf dem Sundeck quält sich ein Pianist durch die Rock-Songs der Welt. Auf Deck 8 spielt eine Band ähnliches. Beides ist zutiefst deprimierend, so dass Herr M. schon früh die Kabine aufsucht und in unruhigen Schlaf fällt.


Di 27.09.16 9:54

Um 6:30 steht die Welt Schlange, um sich vom philippinischen Personal der "Pride of Rotterdam" vor dem Ausschiffen zu dem U-förmigen Büffet leiten zu lassen, das von Steuerbord bis Backbord reicht. Alles geht schnell jetzt, draußen zieht schon Land vorbei, wenngleich Nebel darüber hängt. England, denkt Herr M., das ist eben England, aber nach dem zweiten Gang reißt die Wolkendecke auf, und als die Busse schließlich von Deck fahren, scheint die Sonne. Der britische Zoll macht es leicht. Links fahren, scherzt ein Beamter, I'll try, sagt Herr M. und folgt den Anweisungen des Navigationsgerätes zur Autobahn. Nein, nein, kreischt seine Beifahrerin, die diese Strecke schon oft gefahren ist, die sei immer verstopft, man solle die Landstraße nehmen. Bitte, sagt Herr M., und hat zum ersten Male Gelegenheit, einen linksdrehenden Kreisverkehr zu durchfahren und unfallfrei wieder zu verlassen. Gar nicht so schlim.

Doch nun hört die Beifahrerin nicht mehr auf, ihn mit Informationen zu überschütten, die meist in einem hohen, haltlosen, sich selbst feiernden oder hinterfragenden Kichern enden, das sie mit niemandem teilt. Als Herr M. auf halbem Weg einem aus einer Seitenstraße kommenden PKW den Vorrang einräumt, schreit sie, das solle er niemals tun, das sei der Engländer gar nicht gewohnt. Herr M., mit dem Fahren eines Transit in England rundum beschäftigt und nicht auf Einwürfe und Ratschläge Besserwissender erpicht, sagt, sie solle endlich ruhig sein, er fahre das Auto, und was der Engländer gewöhnt sei, sei ihm schnurz. Sie kichert schrill und wird merklich stiller.

Eine halbe Stunde darauf erreicht man die Stadt York. Das Hotel verbirgt sich, das Navigationsgerät behauptet, man stünde davor, aber niemand sieht es, man ist wohl blind. Dann ist es doch plötzlich da wo es vorher auch war, es tritt aus der Deckung, man ist viel zu früh, vor vierzehn Uhr könne man nicht einchecken, wird gesagt, wie das denn wohl gehen solle mit behinderten Menschen, fragt man zurück. Ratlosigkeit macht sich breit.

22:17

und wenn die lüge
dann ans licht kommt
wenn wahrheit taghell leuchtet
will ich nicht hier sein
und nicht dort
nur fort
wo sie mir nichts bedeutet



Mi 28.09.16 9:43

Die Mühseligen und die übrigen Mitgereisten wissen nicht recht, wohin mit sich und den Koffern. Es wird dauern, eh die Dinge sich klären, aber im Hintergrund wird schon telefoniert. Schließlich ist man eingeladen. York, die Partnerstadt der Stadt Münster, hat diesen Kongress ausgerichtet. Es geht um Inklusion. Menschen aus den Niederlanden, aus England, Deutschland und Polen sind angereist oder reisen noch an, da wird man sich kümmern. Herr M. hat Cappuccino bestellt. Small or big? Big. Pappbecher, aber immerhin, Cappucino, davon konnte man vor zehn Jahren in Britannien nicht einmal träumen. Pappbecher, Plastikteller und Bestecke pflastern ab sofort den Weg der Kongressteilnehmer. Hier ein Brunch, da ein Lunch, abends ein Dinner. Sackweise Müll. Die Koffer, sagt jetzt jemand vom Hotel, könne man in dem und dem Raum sicher unterbringen, zudem wolle man sich bemühen, die Zimmer gegen 14 bezugsfertig zu haben. Also Koffer abstellen und losgehen. Essen. Fried Buttermilk Chicken Burger. Und dann in die Stadt. Acht Behinderte, acht Charaktere, acht Arten, das Leben zu bgegreifen und mit ihm umzugehen. Das ist nicht leicht für Betreuer, aber es macht Spaß. Einer der Acht etwa interessiert sich für Knöpfe und Türen. Jeden Knopf muss er drücken. Jede Tür öffnen. Ein anderer ist blind wie ein Maulwurf. Jemand neigt zu schreckhaften Reaktionen. Wenn eine Sirene aufschreit, schreit sie auch. Aber es geht. Es geht langsam, acht Behinderte, drei Betreuer, Herr M. Die übrigen Mitreisenden sind sonstwo unterweg in einer Stadt, die für jeden Tag des Jahres einen Pub bereithält. Am Nachmittag können die Zimmer dann endlich bezogen werden. . Das Hotel hat im Juni eröffnet, es ist halbkreisförmig gebaut und riecht nach Dispersionsfarben, billigem Teppichboden und Laminat. Es ist sauber, es ist klimatisiert, was manchem auf die Bronchen gehen wird und auf die Stimmbänder, aber immerhin, das Bad hat eine Mischbatterie, eine für englische Verhältnisse revolutionäre Erfindung, deren Einbau wahrscheinlich in engem Zusammenhang mit den dort seit einigen Jahren arbeitenden polnischen Handwerkern steht, die im Gegensatz zu den Briten als verlässlich und gut ausgebildet gelten. Was den Gedanken der Inklusion anbelangt, den ja auch die mitreisenden Nichtbehinderten teilen, nur soviel: beim Ausladen eines Rollstuhles bittet Herr M. einen Nichtbehinderten um Hilfe. Der hilft auch, kann sich aber nicht verkneifen zu sagen, er sei doch kein Betreuer.


Do 29.09.16 20:35

Wenn Sie eine kaufmännische Grundausbildung durchlaufen haben, werden Sie wissen, dass es in der Buchführung immer zwei Seiten ein-und desselben Kontos gibt, die Soll und die Haben-Seite. Wenn Sie mit Computern arbeiten und Datenmengen von hier nach dort transferieren, werden Sie schon einmal vom File Transfer gehört haben. Es gibt da verschiedene Programme, ich nutze das Ipswitch FTP. Okay. Wenn man dieses Programm aufruft, erscheint eine Maske, die einem kaufmännischen Konto gleicht. Links stehen die Files, die sich auf meinem Computer befinden, rechts die, die auf meinem Server lagern. Will ich neue Files von mir auf den Server schicken, klicke ich sie an und schicke sie rüber. Gestern abend, ich hatte den Nachmittag über an "Der Chauffeur" gearbeitet, eine Geschichte, die auf den Notizen beruht, die ich auf meiner Englandreise gemacht hatte, wollte ich diesen File hochladen, und da sagt Ipswitch, tut mir leid, Herkunfts- und Zielordner sind identisch, da kann ich nichts hochladen. Logisch, nur wieso sagt das Programm so etwas. Ich hatte ihm nichts getan, ich hatte nichts verändert, ich hatte noch kaum eine halbe Stunde vorher mit ihm kommuniziert und da war alles nach Plan verlaufen. Wenn Sie wie ich seit über einem Jahrzehnt mit Computern arbeiten und nie eine fundierte Ausbildung für diese seltsamen Apparate erhalten- sondern alles "by doing" gelernt haben, werden Sie mein Gefühl nachvollziehen können, dass mich überfiel.

Scheiße.

Ich wusste, dass es mich Stunden kosten würde, den vorherigen Zustand wiederherzustellen, wollte aber Tanzen. Ich wusste, ich würde ihn wieder herstellen können, aber erst morgen, und dann würde ich im gleichen Augenblick vergessen haben (oder nicht nachvollziehen können, da ich Computersprech nur bedingt verstehe, zumal er bei Ipswitch Englisch ist), wie ich es hingekriegt habe. Das ist immer so. Wenn der Computer nicht tut, was ich will, frickle ich so lange, bis er mir wieder gehorcht. Jetzt gehorcht er wieder. Das werden Sie daran sehen, dass er diesen File in spätesten einer Minute auf den Server hochgeladen hat, wo Sie ihn lesen können, wenn Sie Leser sind.


Fr 30.09.16
16:21

Heute kam mein Samsung Tab, mit dem die Süddeutsche Online lesen könnte, aber eh so ein Tablett konfiguriert ist (siehe oben - Computer - Scheiße) dauert es, und so dauerte es, es dauerte und dauerte, bis schließlich nach vier Stunden vergeudeter Lebenszeit alles getan war, sodass ich nun nicht nur die SZ lesen kann, sondern - und das freut Herrn M. ganzt besonders, auf der Reise in den Osten auch meine Musik hören kann, denn Spotify lässt sich auch offline hören. Zuviel Computersprech? Macht nichts. Da muss jeder durch, der die Gegenwart liebt.