September 2017                      www.hermann-mensing.de      

    

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Fr 1.09.17 11:34 hoch und leicht bewölkt, 16, 17 Grad, schätze ich,

12 Grad, sagt das Tablet, aber ich habe andere Sorgen. Am Wochenende findet ein Seminar statt, ich hatte es annonciert. Ich mache jede Frau unglücklich, hatt
e ich vollmundig verkündet, 1500 Euro pro Person, ich nähme nur drei Teilnehmerinnen auf, das reichte völlig, und nun stehen sie Schlange, sie haben allesamt die Nase voll vom Glücklichsein, sie können ihre perfekten Freunde und Ehemänner nicht mehr ausstehen, dieses ständige Aufmerksamkeit, dieses peinliche, falsche Gefühl, das alles wollen sie so nicht länger hinnehmen, sie haben die Früchte der Emanzipation bis zum Erbrechen geschluckt, jetzt wollen sie, dass jemand schlecht zu ihnen ist, dass ihnen endlich einmal wieder jemand sagt, das sie nichts weiter sind als schnatternde, dumme Gänse, die von Glück reden können, dass man sie nicht an die Taliban verkauft oder in einen IS Puff irgendwo in den Tiefen der irakischen Wildnis, wo noch letzte Kämpfer auf sie warten. Sie kommen aus der gesamten Republik, aber nur aus den alten Bundesländern. Woran das liegt, mögen die Soziologen herausfinden, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir sind angetreten, um die Illusion des Glückes zu zerstören, damit nicht ständig dieses dämliche Grinsen um die Welt geht, dieses verlogene Stöhnen beim Sex, diese ganzen falschen Worte, dieses Liebling und Schatzi Gesülze, mit all dem soll es nach diesem Wochenende vorbei sein. Als Seminarleiter weiß ich natürlich, was zu tun ist, und ich werde es tun, ich werde es gründlich tun, und erst, wenn alle, aber auch alle Illusionen am Boden liegen, wird man feststellen, dass das Glück, um das es uns geht, nichts mit dem zu tun hat, das in der Glückspropaganda beschworen wird. Darauf freue ich mich, und entschuldige mich schon vorab, dass ich so viele Teilnehmerinnen abweisen musste.


So 3.09.17 10:07 blauer Himmel 14 Grad?

F. ist wirtschaftlich sehr erfolgreich, großzügig und hilft, wo er kann. Er ist geschieden, er hat eine Neue, er hat sie geheiratet, und feierte gestern ihren 60. bzw. seinen 65ten Geburtstage und natürlich - die Liebe. Ein großes Fest war angekündigt. Ich lieh mir das Auto meiner Schwester und fuhr meine alte Strecke gen Westen, die ich früher auf dem Weg zu meinen Eltern fast wöchentlich gefahren bin.

Westfalen faltete sich auf, dieses wundervolle Westfalen mit seinen wechselnen Ausblicken über Wiesen und Wäldchen. Mais und braunweiße Kühen an leichtem Hang. Ich fuhr gewaltigen Wolkengebirgen entgegen, quellendes Unheil, aber es war halb so wild. Hier und da waren Straßenabschnitte regenfeucht. Die Sonne schien. Irgendwo läuteten Glocken. Ein Dorf war beflaggt.

Als ich drei junge Deutschtürken, die zwei sabbernde Bulldoggen an der Leine führten, nach dem Weg fragte, gaben sie sich alle Mühe, wenngleich sie mir letztlich die falsche Richtung wiesen. Da vorn also links, was im Prinzip richtig gewesen wäre, hätten sie in die Gegenrichtung gezeigt. Ich weiß gar nicht, wieso ich mich vom Weg, den ich eigentlich kannte, hatte abbringen lassen, vielleicht, weil ich mir nicht so recht vorstellen konnte, dass F. auf seinem Betriebsgelände feiert. Er neigt zu Sälen, wenn es um Feiern geht. Es gibt Menschen, die ihm das ankreiden, aber wenn man ihn ein bisschen besser kennt, weiß man, dass ihm so etwas einfach Spaß macht, genauso, wie es ihm eine tierische Freude bereitet, mir seinen Maserati vorzuführen und zu fragen, ob ich mal fahren will. Er meint das nicht böse, das sagen alle, die ihn näher kennen, und ich kenne eine ganze Reihe Menschen, die ihn besser kennen. Er freut sich einfach, dass er so reich ist.

Da vorn also. Security steht auf dem Hof, mehr als mannshohe Eingangskegel leuchten milchweiß, F. steht da, begrüßt jeden Gast und lässt sich mit jedem fotografieren. Tach Hörm! sagt er, als wäre noch 67, wir wären in einer Klasse und ich schriebe ihm ein Referat. Und zu seiner Frau, die mich ja noch nicht kennt, sagt er, das ist Hermann Mensing. Ah ja, sagt sie.

Der Hinterhof liegt unter einem grauweißen Kuppelzelt mit Licht und Blumen, Stehtischen, Theken und dem Büffett. Ich bleibe sofort bei den Torten hängen. Eine verwirrende Auswahl und alles ist Bio. Eine freundliche junge Frau fragt, was ich wolle. Ich gerate mit ihr in ein kurzes Gespräch über Kalorien. Wir lachen. Ich nehme die Schokotorte und einen Capuccino. Später Gambas, Reis, Antipasti, paar Nudeln noch. Von nichts mehr als 100 Gramm, eher weit darunter. Ich weiß in etwa, wieviel Kalorien 100 Gramm von diesem und jenem haben. Es ist alles im grünen Bereich. So zu essen, gefällt mir, ich genieße jetzt häufiger.


Mo 4.09.17 20:22 leicht bewölkt, 20 Grad

Auf meiner Provinzbühne kutschierte ich als erste ein junges türkisches Paar, das nach anfänglicher Schüchternheit zunehmend zutraulicher wurde und auf halbem Weg Zeit aufstockte. Sie trug ein blaues Kopftuch zu milchigem Gesicht, hatte einen harmlosen Blick und sprach etwas Englisch. Er hatte schütteres Haar, war, schätze ich, Anfang 30 und sagte nicht einen Ton. Ich erzählte ihr die Geschichten und sie übersetzte sie wortreich. Ob ich Erdogan erwähnen, und dem türkischen Volk die Rückbesinnung auf Werte Atatürks wünschen sollte? Nein. Ich ließ es und war zugleich froh, nicht sofort alle Kanonen abschießen zu müssen, um das kutschierte Volk in Laune zu bringen und trinkgeldbereit zu machen. Danach fuhr ich ältere Menschen. Und noch ältere. Niemand spendete, obwohl alle sagten, es wäre toll gewesen. Nicht einmal die Kunstbegeisterten, mit denen ich meine und ihre Lieblingsskulpturen der Gegenwart und der Vergangenheit abglich, ließen Nennenswertes springen. Ich dachte an aufhören und Suizid. Dann stiegen zwei Berliner und eine Duisburgerin ein, alle Anfang bis Mitte Siebzig. Die spendeten reichlich, sodass ich jetzt 5 Euro Wein trinken werde, kiffe und schlafen gehe.



Di 5.09.17 10:34 leicht bewölkt, 14 Grad

Ich starte die Stoppuhr. 00:00.00

Die DC 3 auf dem Rollfeld des Panama City Airport ist vorn hoch, hinten tief, und am Rumpf sind Rostflecken. Damit werden wir fliegen. Vorm Check-In ist eine Kapelle. Es wird dringend empfohlen, vor Abflug ein Gebet zu sprechen und zumindest eine Kerze anzuzünden. Wir sind nicht religiös, aber schaden wird es uns nicht. Zwei Männer in Uniform gehen an uns vorbei. Jeder hat eine Frau im Arm. Die Frauen sehen aus wie Stewardessen. Die Männer kneifen ihnen in den Po. Wir folgen ihnen an Bord. Die Männer sind guter Stimmung. Einer geht sofort ins Cockpit und zündet den rechten Motor. Der knallt und spuckt Rauch. Die Stewardessen lachen. Während die Maschine schon anrollt, wird noch die hintere Tür verschlossen. Sie klemmt ein bisschen. Der zweite Motor startet. Einer der uniformierten Männer flucht laut. Die Tür zum Cockpit steht offen. Die Männer rauchen und hantieren an Knöpfen und Hebeln. Schließlich starten sie. Die Maschine kommt mühsam auf Tempo, hebt spät ab, streift fast die umliegenden Baumwipfel, kippt nach Südost und gewinnt Höhe. Die Stewardessen verteilen leckere Butterbrote. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man tiefgrünen Dschungel und sich hindurch mäandernde Flüsse.

9:08.87


11:33

Das Auto ist rosa, liegt flach an der Erde und hat Flügel. So hat Amerika sich in den 50ern das Automobil vorgestellt, und weil Amerika ein Sehnsuchtsort war, hat niemand weitere Fragen gestellt. Das Auto ist viel zu groß für die Straßen des Viertels, in dem es parkt, und steht für einen Geist, der - ohne über Folgen nachzudenken - die USA schon immer, und augenblicklich besonders prägt, ja, beherrscht.

Ein kindlicher Geist. Gegen kindliche Freude und Optimismus ist nichts einzuwenden, wäre da nicht diese zum Kindsein gehörende Bosheit, die sich erwachsene Länder nach Jahrhunderten bitterster Erfahrungen zumindest versuchen, abzusozialisieren.

Das kindlich grausame Amerika, dessen Alles-geht-Mentalität ich bewundere und gleichzeitig ekelhaft finde, ein Land voller Migranten, die alle das Trauma eines Heimatverlustes mit sich herumschleppen und die nie eingestandene Vernichtung der indigegen Bevölkerung, ist noch längst nicht erwachsen und kann nur eines wirklich gut: Illusionen in die Welt setzen und vermarkten.

Da ist es besser, als Göbbels, und Göbbels und sein Apparat waren gut. Der Präsident dieses kindlichen Landes ist ein Zwerg, der einen tiefen Minderwertigkeitskomplex mit sich herumträgt, weiß der Himmel, woher er den hat. Wenn er sich in das rosafarbene Auto setzt, das zwischen den Hightechkarossen der europäischen Gegenwart geradezu naiv wirkt, ist er der König der Welt. So legitimiert kann er Wahrheit zur Lüge und Lüge zur Wahrheit erklären, und niemand scheint willens oder in der Lage, ihn davon abzuhalten. Was also soll man daraus schließen? - Die Strahlkraft der Lügner ist ungebrochen. Die Lüge schmeichelt, die Wahrheit tut weh. Die Zwerge kommen überall aus den Löchern.


21:14

hatten sie letztlich auch das gefühl
gleich müsse eine tür aufgehen
und heraus müsse
ein mächtiges ding treten
eine - sagen wir -
große macht ohne flügel und ambitionen
die käme durch diese tür
grüßte
kniff die augen zusammen
lachte ganz hell
uns sagte - fast tonlos
ihr habt mich gefickt
jetzt ficke ich euch???
sie konnte gar nicht aufhören zu lachen.


21:32

ich gebe mir fünf minuten

start: 00:00.00

Wie die rennen. Da komm ich nicht nach. Ich versuche, ihnen ein Bein zu stellen. Ich stelle ihnen ein Bein und einer legt sich lang. Ich sage, das hast du verdient, du blöder Jogger. Was rennst du denn? Suchst du was? (1:42) Er suchte nichts. Das rennen war ihm zur lieben Gewohnheit geworden, mehr nicht.

Mi 6.09.17
21:25 bewölkt 15 Grad

00:00.00
.
Wenn das Wetter vom Westen kommt, Wind, Regen, Regen und Wind, ist es so hier ruhig wie am Grab einer Mutter. Sofort werden Milch, Lachs, Porree, Serrano Schinken, sogar das Raider vor der Kasse links, fünf bis zehn Prozent teurer. Wechselt der Wind, gehen die Preise runter. Ist das anderswo auch so?

9:19.84


Do 7.09.17 10:09 leicht bewölkt 13 Grad

ich bin
der erste letzte
und der mann am seil
ich bin das allgemeine
luder und das scharfe beil
das fuder holz schlägt
und die köpfe ab
sich umdreht und tief seufzt am grab



Mo 11.09.17 wechselnd bewölkt, windig, 17 Grad

Gäste aus Heidelberg sind mit uns auf den Spuren der Skulptur-Projekte unterwegs. Wo immer wir unsere Räder abstellen, schließen wir sie ab. Frau E. hat ihr neues E-Bike mit einem Arbus Kettenschloss gesichert, das, als wir wieder einmal weiter wollen, nicht aufgeht. Selbst M., der jeden Reißverschluss reparieren kann und als Spezialist für alles gilt, was Geduld und Fingerspitzengefühl benötigt, kriegt es nicht auf. Der Laden, in dem Frau E. das Schloss gekauft hat, ist ganz nah. Sie fährt hin, um Spray zu holen. Aber auch das hilft nicht.

Herr M. fährt zur Radstation an der Königstraße, die aber schon zu hat. Auf dem Rückweg kommt ihm ein Polizeibulli entgegen. Er hält ihn an und schildert die Situation. Man brauche einen Seitenschneider. Der Polizist lässt sich den Standort schildern und sagt, in zehn Minuten seien sie da. Herr M. fährt zurück und berichtet.

Und dann sind sie da. Ein Beamter steigt aus, sieht das Kettenschloss, sagt, hmm, ich weiß nicht, das sieht schlecht aus. Einer ruft aus dem Wagen, vielleicht finden Sie ihren Schlüssel ja doch. Den Schlüssel haben wir ja, rufen wir. Tut nur nicht. Der mit dem Seitenschneider zieht den blauen, die Kette verhüllenden Stoff zur Seite. Seine Mine hellt auf. Ich glaube, das geht doch, sagt er und zerschneidet zwei Bügel. Geld für die Kaffeekasse will und darf er nicht nehmen. Wir bedanken uns.


Di 12.09.17 wechselnd bewölkt, windig, 15 Grad

Wieso er sich heute um sechs Uhr Shorts und ein rotes T-Shirt anzog, sich eine gelbe Warnweste überstreifte und weiße, seit Jahren nicht mehr, oder nur beim Anstreichen getragene Schuhe anzog, die mit einigem guten Willen als Joggingschuhe durchgehen mochten, wieso er so ausstaffiert die Wohnung verließ, sich links hielt und in Trab verfiel, den er zu eigenem Erstaunen für die nächsten dreieinhalb Kilometer aufrecht erhielt, weiß er nicht, er weiß nur, dass er gemäßigt atmete, gemäßigt schwitzte, dass er etwa 300 Kalorien verbrannte, die er gleich darauf wieder zu sich nahm, aber was das nun alles sollte, ob er sich quasi über Nacht in die Schar der Dauerläufer einreihen will, steht ihm - wie so vieles - in den Sternen. Klar ist nur, dass er eine unruhige, von allerlei absurden Träumen begleitete Nacht hinter sich hatte, eine Nacht, die Vorbote gewesen sein könnte für die Unruhe, die ihn gern in der dunklen Jahreszeit anspringt und sich mit Yoga einigermaßen bändigen lässt, wenngleich Frau Doktor S., die er vom Tanzen kennt, sagt, dieser Dunkelheitsunruhe könne man mit zeitiger und regelmäßiger Einnahme von Johanniskraut Herr werden.


12:26

Man hält ein und fragt, ob es etwas gibt, von dem man sich im letzten Jahr nicht hätte vorstellen können, dass es einträte. Die Antwort lautet: ja. Das ist das Schöne am Leben, immer wieder, und nun schon im 69. Jahr.


Mi 13.09.17 21:43 noch windig, 16 Grad

Wenn er still saß, waren die Schritte kaum zu hören. Kaum aber legte er sich hin, waren sie da. Rhythmische Schritte, die hin und wieder eine Zählzeit verstolperten, dann aber so taten, als sei nichts geschehen. Er hatte sie in Scheveningen zum ersten Mal gehört, ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Sie hatte gesagt, geh zum Arzt. Der Arzt hatte die Schritte nicht hören können, aber ein Medikament verschrieben, das gegen Rauschen im Ohr helfen sollte. Er hatte das Medikament nicht genommen. Die Schritte hörten auf. Er vergaß sie. Ein Jahr verging und noch eines, keines war schön. Als der Herbst und die Dunkelheit anbrachen, waren die Schritte zurück. Nicht lauter, nicht schneller, aber noch immer mit dem Hang, hin und wieder eine Zählzeit zu verstolpern. Er kam zu der Überzeugung, dass es das Beste wäre, sie zu ignorieren. Aber das Weghören fiel ihm nicht leicht, und so kam es, dass er manchmal so viel Alkohol in sich hinein schüttete, dass er beim besten Willen nichts mehr hören konnte. Wenn er dann am Morgen erwachte, und die Schritte waren nicht zu hören, hellte seine Stimmung auf. Aber sie hielt sich immer nur so lang, bis die Schritte zurück waren. Eines nachmittags glaubte er, sie wären draußen im Flur. Das war das erste Mal, dass er sie mit einem Raum in seiner Umgebung verband. Er öffnete die Tür, sah, was er nie für möglich gehalten hätte, sagte, sie solle doch bitte aufhören, herumzugehen, schloss die Tür und legte sich aufs Sofa. Es war still. Und so blieb es. Nun hofft er, dass er geheilt ist.


22:22

ich nehme jeden strohhalm
der den mähdrescher überlebt


Do 14.09.17 10:29 bewölkt, regnerisch, 12 Grad

Als die Premiere Sportsbar (gleich neben dem Autoschrotter, keine hundert Meter vom Autobahnlärmschutzwall) noch ein Flatrate Puff war, stand der Parkplatz zu fast jeder Tageszeit voller Autos. Die Männer kamen von aus ganz NRW und aus Holland. Sie träumten, sie würden es zweimal, vielleicht sogar dreimal schaffen, aber insgeheim hatten sie Angst. Große Angst, denn zuhause schafften sie oft nicht ein einziges Mal. Sie nahmen also Tabletten, und wenn dann das erste Mal geklappt hatte, und ihnen einfiel, dass das ja alles erstunken und erlogen war, verlor ein zweites Mal plötzlich an Reiz, wenngleich sie sich als Flatratekunden verpflichtet fühlen, es später noch einmal zu versuchen. Später jedoch hätte bedeutet, ihr Alibi über eine noch größere Zeitspanne zu strecken, und das wäre nicht einfach. Trotzdem. Der ein oder andere schaffte ein zweites Mal mit Hurra, fuhr heim und versuchte, nicht über die Maßen freundlich zu wirken, das hätte Verdacht erregt. Jetzt ist die Premiere Sportsbar ein Saunaclub. Man muss dreißig Euro Eintritt zahlen, die Damen arbeiten autonom, nichts ist mehr inklusiv, und der Parkplatz ist meistens leer.


12:56

geht alle tage
seiner wege
ist oft erstaunt
wohin das führt
und froh
dass er nicht brach liegt
und im trott gart
und nicht am leben spart
darauf ein höchstes HACHACHHACH
und zwerchfelltiefes LACHLACHLACH


Mo 18.09.17 11:27 bewölkt, regnerisch, 10 Grad

Herr M. beseitigt die Spuren seiner Kochkünste. An diesem kühlen, feuchten Tag, der einem recht frischen, aber immerhin sonnigen Wochenende folgt, wird er putzen und nachbessern, wo es mit Nachbessern noch geht, denn eigentlich - eigentlich müsste alles raus, alles ab, alles neu, eigentlich.

Das Wochenende war schön. Am Samstag die Fahrt in die Davert zum Sommerfest, unterwegs sehnliche Blicke nach links und rechts, in der Hoffnung, Pilze zu entdecken, denn alle sagen, dieses Jahr sei ein hervorragendes Jahr für Pilze, gestern dann die Fahrt zum Lauheider Friedhof, um dort nachzuschauen, was den Kopf aus dem Boden reckt, und das waren schließlich Maronen, violette Lacktrichterlinge und Champignons. Bei letzteren muss größte Vorsicht walten, denn immer wieder kommt es vor, dass Nachlässige Knollenblätterpilze für Champignons halten. Wenn man aber genau hinschaut, sinkt die Wahrscheinlichkeit, sich bei so einem Pilzessen zu vergiften, auf Null, alles andere wird nicht akzeptiert. Der allerkleinste Zweifel, die noch so geringfügigste, nicht eindeutig zu identifizierende Verwerfung im Erscheinungsbildes des Pilzes führt dazu, dass man ihn nicht isst. Aber wie gesagt, alles Gefundene war 100% zu identifizieren und schmeckte hervorragend. Jetzt also weiter im Text, der da heißt: die Küche in neuem Glanz strahlen lassen.


Di 19.09.17 11:12 bewölkt, 12 Grad

Heute ist das Rauschen vorm Haus nicht das Rauschen der SUVs und Zweit-PKW der hier zurückgelassenen emanzipierten Hausfrauen mit Kindern, Tatoos und Pferdeschwänzen, heute ist es das Rauschen der Brandung vor meinem kleinen Haus an der Bucht, in der mein Boot liegt, kein großes, aber auch wieder nicht so klein, dass man es übersieht. Auf diesem Boot ist zu Essen, zu Trinken, und Angelzeug. Das Boot hat einen Außenboarder von Yamaha mit 140 PS., und ist, hat man mir zumindest beim Kauf versichert, unsinkbar. Mit diesem Boot fahre ich hinaus. Umrunde die Insel, damit ich bei ablaufendem Wasser nicht im Watt trocken falle, werfe vorm Nordstrand den Anker und beginne zu angeln. Nach etwa zweieinhalb Stunden zerrt es gewaltig an meiner Leine. Ich gebe nach, ich hole ein, ein langwieriger Kampf entwickelt sich, den ich, da ich das bessere Material und die klügere Strategie habe, schließlich gewinne. Und war für ein Gewinn das ist: blond (als hätte ich es nicht seit damals in Kopenhagen wissen müssen), halbnackt mit einem bezaubernden Fischschwanz, aber es ist beleidigt und will nicht mit mir sprechen. Ich setze es in die Kombüse und koche mir einen Kaffee. Es spricht immer noch nicht. Aber es schaut mich an, und nach einer Weile nehme ich es, trage es an Bord und werfe es zurück ins Meer. Es taucht noch einmal auf und singt "Fly me over the rainbow". Toll, denke ich, was man so alles erlebt, wenn das Rauschen vorm Haus Bilder suggeriert.


21:53

Morgen werde ich wieder auf dem Prinzipalmarkt vorm Haus Hermann Kerssenbroichs stehen, der als Augenzeuge über die Wiedertäufer geschrieben hat. Ich werde eine Familie heranwinken, die mich vorm Rathaus erwartet, aber da darf ich nicht stehen, das ist nicht gestattet. Fünf Menschen, ein Familienausflug vielleicht. Guten Tag, werde ich sagen, oder: Guten Morgen, Sie haben gutes Wetter mitgebracht, das erleichtert die Dinge. Dann fahre ich mit ihnen durch das Michaelistor auf den Domplatz, eine Siedlungsrodung, von Brukterern bewohnt, von Sachsen beherrscht. Kaum 100 Menschen in einer vielleicht kreisrunden Siedlung auf einem Sandsporn, gute 60 Meter über NN., der Hörsteberg, der sich zum Westen zur Aa senkt. Dort ist eine Furt. Daher der Name. Mimigernaford. Die Leute des Mimigern an der Furt.

So heißt sie um 800 und so heißt sie noch gut 200 Jahre. Auch nachdem Karl der Große die Sachsen besiegt und einen jungen Friesen, den Theologen Luitger, der in Utrecht, York und Rom studiert hat, schickt, der die Brukterer christianisieren soll (was diese nur widerwillig akzeptieren), heißt sie noch so, wandelt sich in Monasterium, weil Luitger auf der Stelle eine Kirche baut und ein Kloster, und dann, so im 12 Jahrhundert (wenn auch nicht hieb und stichfest zu machen, so doch fast unumstritten) wird aus Mimigernaford - aka Monasterium - Münster.

Das wird erzählt, während die Kutsche rollt, hunderte Menschen zum Markt gehen oder vom Markt kommen, Radfahrer jede Regel missachten und Busse von hinten schieben.

Schon bin ich bei Franz von Fürstenberg. Aber dem begegnen wir später noch. Jetzt erst mal die Lichtinstallation von Otto Piene. Sie haben es nicht so mit Kunst? Gut, dann lassen wir das. Bibelmuseum ist rechts, aber im Augenblick geschlossen. Wenn wir gleich von der Pferdegasse in die Rothenburg Richtung Prinzipalmarkt abbiegen, denken Sie bitte daran, dass alle links liegenden Gebäude sich in ihrem Verlauf und Standdort direkt an den damaligen Verteidigungring (Pallisaden, Graben, Wall) der Domburg/Domimminität orientieren. Erst waren sie aus Holz, Fachwerk wahrscheinlich, dann, vom 12 bis in 16 Jahrhundert, entstanden all die Gebäude, die Sie, wenn wir gleich auf den Prinzipalmarkt kommen, sehen. Schauen Sie auf die Giebel. Nicht einer gleicht dem anderen. Renaissancegiebel, sagt man, während man dem Rathaus den schönsten, stätgotischen profanen Scheingiebel nachsagt. Unter dessen Dach fanden die Friedensverhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges statt. Gesandte aus ganz Europa waren in der Stadt , jeder hatte seinen Hofstaat dabei, außerdem fahrendes Volk, Händler, Prostituierte. Münster hatte in dieser Zeit fast doppelt so viele Einwohner als sonst, 20.000., fünftausend mehr als Berlin. Paris hatte 350.000.


Mi 20.09.17 20:20 klar, 13 Grad

Im letzten Jahr hatte ich hinterm Zaum einer Baumschule Schopftintlinge gesehen, Pimmelpilze hatte ich sie als Kind genannt, denn so sehen sie aus, und ich weiß noch, dass es verdammt schwierig war, über den Zaun zu kommen, um sie zu ernten, aber es ging, irgendwie bin ich drüber gekommen, ohne mir das Kreuz oder die Hosen zu zerreißen, und zurück hatte ich es auch geschafft. Mit dieser Erinnerung war ich vor etwa einer halben Stunde auf dem Heimweg, näherte mich der Baumschule und schaltete den Pilzblick ein. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen, aber falls, wissen Sie, dass man in der pilzaktiven Zeit so gut wie alles, was einem in die Augenwinkel sticht, zunächst für einen Pilz hält, was dazu führt, dass man häufig vom Rad steigen muss, um sich zu vergewissern. Und in meinen Augenwinkeln standen Champignons. Fünf, sechs, acht, ich zählte gar nicht erst durch, ich sah den größten, groß wie ein Apfel, und den kleinsten, kaum größer als eine Rispentomate. Jagdfieber. Ich erntete. Und morgen früh werden sie zubereitet.


21:00

Sollte mich jemand nach meiner Kernkompetenz fragen, weil eine Welt mit absehbarem Ende Kernkompetenzen über alles liebt, werde ich Fortlaufen sagen. Wenn ich nicht fortlaufen könnte, würde ich hhmich töten, da ich aber über alles gern lebe und liebe und die Welt großartig finde, unbeschreiblich und somit außerhalb jeden Zugriffs für menschliches Verstehen, laufe ich fort. Jeder Buchstabe könnte ein Feind sein, der mir über die nächste Monate, vielleicht sogar übers Jahr, den Schlaf raubt, das Herz krampft, und mich jederzeit töten kann. Um das zu vermeiden, rette ich mich in die kurze Form. Andere Deutung: ich bin einfach zu faul.


Sa 23.09.17 13:31 bewölkt, 16 Grad

Ich mache mir Kaffee. Ich mache mir etwas zu essen. Ich will immerzu essen. Ich esse immerzu nur die Hälfte. Ich nehme immerzu ab. Ich will immerzu tanzen. Immerzu tanze ich. Ich bin immer zu. Ich bin immer offen. Ich will immerzu leben, aber immerzu steht etwas im Weg, das ich nicht kenne. Das ist immerzu ärgerlich. Ansonsten geht es mir immerzu gut.


So 24.09.17 11:31 Hochnebel, mild

in den straßen liegen
unbemerkt vom dax
und armen reichen leichen
seelen haben sich ins netz gehängt
dort wird zeit verschenkt
als die tür sich öffnet wo kein gott ist
und der zauberer das bunte tuch hisst
als der hohe weite raum
weihrauchschwer vom schwülen traum
vorm realen kollabiert
hat sich jeder denkende geniert



Mo 25.09.17 12:24 bewölkt 16 Grad

Die Nobelpreisträgerin Hertha Müller war für ein Gespräch im Großen Haus des Stadttheaters angekündigt, aber zur gleichen Zeit gab es die ersten Hochrechnungen, so dass man die Veranstaltung eine Viertelstunde nach hinten verschob. Auf die Sekunde genau war die erste Grafik online. Die Demokratie, soviel vorab, funktioniert noch. 87 von 100 Wahlberechtigten haben nicht rechts gewählt, und von den 13 übrig gebliebenen haben 6 die Rechten gewählt, um den anderen einen Denkzettel zu verpassen. Die SPD, deren Stammwähler ich über fast 50 Jahre lang war, hat endlich begriffen, dass es so nicht weitergeht und die Koaltion aufkündigt. Das gefällt mir. Was die Rechte angeht, hoffe ich, dass sie sich im parlamentarischen Alltag jenseits großartiger Ankündigungen des Herrn Gauland Stück für Stück zerlegt, denn wenn sie Potenzial hat, dann dieses. Ein Programm hat sie kaum, bis auf die Niedertracht. Dass gerade die neuen Bundesländer eine derartige Schieflage haben, ist nicht verwunderlich. Dort ist, auch wenn es schon 20 Jahre zurückliegt, für viele ein Lebensentwurf zerbrochen, und das steckt man nicht so leicht weg. Dass man gern nach unten tritt, wenn man sich hilflos fühlt, ist für Menschen auch nicht neu, wenngleich natürlich beschämend. Wir sind leider eine recht dumme Spezies. Wir gehen gern Sprücheklopfern auf den Leim, selbst, wenn wir es besser wissen könnten, ja müssten. Und wir reagieren schwerfällig auf gesellschaftliche Veränderungen. Nun also sind die Rechten im Parlament, die CDU wird sich nach neuen Koaltionspartnern umschauen, man wird reden müssen, was der CDU sicher auch gut tut, man wird, soviel Einigkeit herrscht, sich der Rechten entgegenstellen, und wer weiß, wie die Dinge in vier Jahren aussehen. Eine Revolution, so sehr ich sie mir auch wünsche, wird nicht stattfinden, denn eine Revolution müsste die Welt erfassen, eine nationale Bewegung führt zu nichts. Also ist die Revolution aussichtslos, sieht man einmal davon ab, dass es sein könnte, dass sich der Kapitalismus in seiner jetzigen Form selbst abschafft, weil er begreift, dass er sich sein eigenes Grab schaufelt, wenn er weitermacht, wie bisher. Das halte ich für realistisch. Es ist Montag. Die Welt dreht sich. Ich gehe in den Keller und baue mein Schlagzeug auf.


19:18

wolken hatten ihren himmel
bäume ihren wald
wasser liebte seine flüsse
und der tod sein bald


Di 26.09.17 19:02 leicht bewölkt 16 Grad

trauer
liebevolle gewalt
sehnsucht und einsicht
wunsch und traum
die nicht aufhören zu blenden
ich mache starkes licht
ich sage ich bin zu alt hörst du
sie sagen du lebst und so ist das


Do 28.09.17 21:28

eh ich tue
was man tut
wenn man das tut
tue ich lieber das andere
das man tut
wenn man das tun sollte
wenn ich es dann getan habe
ärgere ich mich
dass ich das nicht getan habe


22:35

Gegenüber war die Turnhalle, Stahl, Glas, das Dach wie eine aufliegende, durchgeschnittene Linse. An der Ecke das Standesamt, daneben das Hotel. Elf war verabredet. Parken war in der Straße davor selten möglich, in zweiter Reihe warten wäre eine Katastrophe. Also stand ich hier, und würde erst zwei vor elf fahren. Um sieben vor rollte ich los. Ein Taxi fuhr gerade fort. Ich parkte und ging ins Hotel. Ein Mann in rotem Pullover und dickem Bauch empfing mich im Eingang. Er wäre einer, die anderen kämen dann. Rheinländer. Jedenfalls nicht weit davon entfernt. Zwei Männer, zwei Frauen, Paare Ende 70, Anfang 80, aus Wuppertal und Solingen. Der älteste, grauhaarig gescheitelt, klein, helle Windjacke und behende genug, auf den Bock neben mich zu steigen, fragte am Ende der Tour, ob ich eine Frau hätte? Ich verneinte. Ich bin Witwer, sagte ich. Eine Tochter? Nein, zwei Söhne. Er schaute mich an, griff in seine kleine schwarze Herrentasche, die man untern Arm klemmen kann, öffnete sie und gab mir eine Solinger Saphirfeile. Sie funktioniert sehr gut.

22:51

Ich freu mich aufs Frühstück.


Sa 29.09.17 12:37 bewölkt, Regen, 17 Grad

Ich hatte gerade die Brücke überquert, unter der ein Arm des Aasees zum Zoo führt, sah auf dem Uferweg eine mir bekannte Tangotänzerin, zumindest glaubte ich, sie zu erkennen, ich schaute noch einmal, um mich zu gewissern, geriet dabei weit nach links, als vom höher gelegenen, durch die Wiese am Hang führenden Rad- und Fußweg ein junger Mann mit hoher Geschwindigkeit um die Kurve bog. Er sah mich, ich sah ihn, wir beide taten das intuitiv Richtige, wir bremsten und wichen nach links aus, so dass uns die Kollision erspart blieb. Mein Hinterrad blockierte. Die Schelle, mit der die Drehmomentstütze der Rücktrittbremse an der Gabel festgemacht ist, war gerissen. Ich konnte die Stütze nach vorn drehen, so dass das Hinterrad nicht mehr blockierte, durfte die Rücktrittbremse jedoch nicht mehr nutzen. Heute früh habe ich das reparieren lassen. Wir hätten uns beide die Knochen gebrochen, wenn er mich, bzw. ich ihn erwischt hätte.