Skulptur Projekte 2017                       www.hermann-mensing.de      

    

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Subjektive Begegnungen

10.06.17

Nicht, dass Sie glauben, Sie seien auf der offiziellen Seite der Skulptur Projekte 2017, nein, nein, dies ist nichts weiter als die Fortschreibung dessen, was ich vor 10 Jahren schon einmal versucht habe. Näher kann ich dieser Standortbestimmung zeitgenössischer Kunst, die zeitgleich mit ähnlichen Versuchen in Kassel und Venedig stattfindet, nicht kommen. Kunst entsteht immer im Auge des Betrachters, ist also eine höchst subjektive Angelegenheit, und das ist schon fast das Schönste an ihr.

Dem einen öffnet sie sich, dem anderen nicht. Es gibt keine allgemein gültige Lesart, also lassen Sie sich kein X für ein U vormachen, treten Sie jeder Arbeit, die Sie in und um Münster sehen, auch denen, die von vorherigen Skulptur-Projekten stehengeblieben- , von der Stadt angekauft und längst akzeptierter Teil des Stadtbildes sind, so arglos gegenüber, als wären Sie ein Kind und dürften jede Frage stellen. Fragen sind eine universelle Strategie, den Dingen auf den Grund zu gehen, insofern ist jede Frage subversiv. Fragen Sie. Wenn die Anwort sich in Fremdworte flüchtet, bitten Sie um Hochdeutsch. Wenn Ihnen Hochdeutsch verweigert wird, gehen Sie davon aus, dass Sie es mit Idioten zu tun haben. Von denen werden Sie nichts erfahren, die gehen auf Nummer Sicher. Jetzt aber wünsche ich Ihnen viel Vergnügen, denn darum geht es bei der Kunst unter anderem auch.


12.06.17

Natürlich weiß auch ich nicht, was der Fall ist. Das wusste nicht einmal Wittgenstein. Ich kann nur sehen. Vom Hörensagen weiß ich das ein oder andere, ich lese, aber ich lese nie zu viel, zu viel lesen macht dumm. Ich sitze am Tag der Eröffnung auf der Terrasse des Museumscafés, drinnen halten die Verantwortlichen ihre Reden, hier draußen flanieren die, die es wegen Überfüllung nicht hinein geschafft haben. Verschiedene Sprachen, modische Extravaganzen, Männer, Frauen, Junge, Alte, eine mit Händen zu greifende Arroganz, Sonne.
Vor einer Säule zum Aufgang ins Patio des Museums steht ein älterer, grauhaariger Mann in schwarzem Anzug und Reiterhelm. Mit links hält er an eine mehr als mannshohe Stange mit einem Durchfahrt Verboten Verkehrszeichen. Darauf steht:

Staat US(Dollarzeichen) Quo

Der Mann steht auf einer rechteckigen, rotweißen Bodenplatte. Freiheitsschutzzone steht darauf. In der rechten Hand hält er eine Reitgerte, die er regelmäßig durch die Luft zischen lässt. Vorwärts! ruft er den Vorbeigehenden zu. Vorwärts! Vorwärts! Rückwärts! Irgendwann nimmt er den Hut ab, legt das Schild schräg über die Freiheitsschutzzone, den Reithelm und die Gerte daneben, schaut zu mir herüber und sagt, ein alter Mann muss auch mal sitzen. Dann geht er an einen Tisch, trinkt und raucht.

1. Benz Bonin Burr

Vorm Museum steht eine Henry Moore Skulptur. Sie ist Teil einer Retrospektive des LWL, und hat mit den Skulptur Projekten nichts zu tun. Tom Burr, ein amerikanischer Künstler, der augenblicklich im Kunstverein ausstellt, und Cosima von Bonin haben sie als Bezugspunkt einer eigenen Arbeit im Rahmen der Skulptur-Projekte gemacht.

Es handelt sich um einen Tieflader. Er steht parallel zur Straße und zum Vorplatz des Museums. Am Ende der Ladefläche steht eine große schwarze Box, ein Container, der groß genug scheint, die Moore Skulptur darin zu verpacken. Den LKW sah ich schon vor etwa einer Woche. Die Black Box stand noch nicht auf der Ladefläche, und ich dachte, der LKW habe etwas angeliefert, wenngleich mir seine Parkposition ungewöhnlich vorkam. Dann kam die Black Box hinzu, die Eröffnung der Skulpturen näherte sich, und ich ahnte, dass ich es mit Kunst zu tun hatte, nicht mit einem LKW, der etwas liefert, abholt oder als Prellbock gegen terroristische Anschläge bei der Eröffnungsfeier fungiert.

Was "Benz Bonin Burr" genannt zu Kunst macht? Woher soll ich das wissen? Die Tatsache vielleicht, dass sie im öffentlichen Raum im Kontext einer alle zehn Jahre stattfindenden Show zu sehen ist? Das wäre ein bisschen wenig. Faktisch steht da ein Tieflader von Mercedes Benz, ein großer LKW, der bis in den Oktober dort stehen wird und sich nicht artgerecht verhält. Man kann ihm zugute halten, dass er in dieser Zeit keine Schadstoffe ausstößt. Ob diese Installation, Skulptur ist das nicht, ein Kommentar zu Henry Moore ist, eine Aufforderung etwa, die Skulptur zu entfernen, oder ein Aufatmen, weil sie endlich angekommen und aufgebaut ist, wer weiß. Was sonst könnte ich mir erklären? Dass der Tieflader, die auf der Ladefläche stehende Black Box und seine Position zwischen Straße und Vorplatz (den Fußgängerbereich nicht verengend) den Raum definiert, die Sichtachsen verändert, Fragen stellt? Bitte ja. Das alles wäre möglich. Hatte Kunst nicht immer etwas Postfaktisches?

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The Red Tea Ceremony

Ich sitze wieder da, wo ich vorgestern saß, um vorm Heimfahren noch einen Cappuccino zu trinken und die Kunsttouristen zu beobachten, ganz Japan scheint unterwegs. Zwei Männer kommen heran. Auch sie - Japaner. Einer ist rot gekleidet, kahlköpfig und weiß geschminkt. Der andere geht hinter ihm und zieht einen Koffer. Die beiden verschwinden hinter der Fahrerkabine. Nach einer Weile werden Dinge auf die Ladefläche des Tiefladers gelegt. Jetzt kann ich die beiden Männer auch wieder sehen. Der, der den Koffer zog, trägt einen blauen Kimono. So ein Arbeitshosenblau. Sie legen einen großen roten Sonnenschirm, eine Thermoskanne, lackierte und goldene Gefäße, eine Klangschale, einen Quirl, Matten und rote Kissen auf die Ladefläche. Der weiß geschminkte Mann klettert hinauf und arrangiert alles mit mit großer Sorgfalt.

Als er fertig ist, kniet er auf einem der Kissen nieder und wird bewegungslos. Plötzlich erscheint eine Frau mit Barret und kniet sich ihm gegenüber. Die beiden verbeugen sich. Eine Teezeremonie beginnt. Als die Frau den Tee getrunken und die goldene Schale wieder abgesetzt hat, schlägt er gegen eine Klangschale. Man verbeugt sich, die Zeremonie ist beendet. Die Frau steigt von der Ladefläche, hakt einen Mann unter und geht lachend mit ihm fort. Der nächste Zuschauer steigt auf die Ladefläche, ein Japaner. Danach eine Japanerin und noch eine. Jeder Handgriff des rotgekleideten Mannes ist choreographiert, jedes Mal machte er die gleichen Griffe. Jetzt will ich aber. Ich steige auf die Ladefläche und knie mich hin. Wir verbeugen uns, er reicht mir eine kleine rote, viereckige Schachtel. Ich nehme und öffne sie. Es ist ein kleiner Kuchen darin. Er bedeutet mir, ihn zu essen, was ich auch mache. Dann nimmt er eine rote Stoffserviette, die links hinterm Hosenbund steckte, faltet sie zu einem Dreieck, streicht mit dem Zeigefinger von einem zum anderen Ende, faltet sie noch einmal, streicht wieder darüber, rollt sie zusammen, zieht einen Bambuslöffel aus dem Oberteil seines Anzugs, streicht damit über die Serviette, reinigt ihn damit, und öffnet eine lackierte Schale, in der grünes Pulver ist. Mit dem Bambuslöffel schaufelt er etwas Pulver in eine Messingschale, gießt aus einer roten Thermoskanne heißes Wasser darüber, nimmt einen Bambusquirl, dessen äußere Quirle länger sind als die inneren, und quirlt das grüne Pulver kräftig auf. Das Pulver war giftgrün. Er stellt den Quirl auf einen kleinen Ständer, reicht mir die Trinkschale und verbeugt sich. Ich verbeuge mich ebenfalls, trinke und setze die Schale ab. Er schlägt gegen eine Klangschale. Nochmalige Verbeugung. Dann nimmt er die kleine rote Schachtel und faltet die Außenseite nach innen. Jetzt ist sie eine weiße Schachtel mit Ohren. Your are God, steht darauf. Dann gibt er mir eine Autogrammkarte.

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2. Aram Bartholl

Beim Pumpenhaus ist eine kleine städtische Grünanlage als Atempause am viel befahrenen Lublin- bzw. Niedersachsenring. Ganz hinten im Eck hat Aram Bartholl eine Feuerstelle eingerichtet. An dieser Feuerstelle sitzt jemand, der das Feuer in Gang hält, ohne das diese Installation keinerlei Sinn machte. Das Feuer als Katalysator für die menschliche Entwicklung liefert Wärme=Energie, und ist ein Ort, an dem Menschen gern zusammenkommen. An drei Orten der Stadt hat Bartholl Installationen eingerichtet, die Feuer in elektrische Energie umwandeln, mit jeder bezieht er sich auf diese Orte. Man kann mit der erzeugten Energie Handys aufladen, über WLan in einen Server gelangen, der nicht ans Internet angeschlossen ist, aber Auskunft über ein Leben ohne Internet gibt, in einem Tunnel wird mit Teelichtern Energie für Kronleuchter erzeugt.

Am Morgen, als ich am Feuer war, fanden sich leicht mehrere Menschen, die miteinander ins Gespräch kamen, was etwas sehr Schönes ist. Was aber nun die Kunst anlangt, da weiß ich auch hier wieder keiner Rat, denn dieses Projekt arbeitet mit physikalischen Grundprinzipien, die man in Physikbüchern nachlesen kann, wo niemand auf den Gedanke käme, er habe es mit Kunst zu tun. Ich bin auf diesen Gedanken auch nicht gekommen. Mein Begleiter, jemand, der nach einem Schlaganfall seit 12 Jahren im Rollstuhl sitzt, fragte, nachdem ich seinen Rollstuhl in Stellung gebracht, sprich, so nahe wie möglich an die Feuerstelle bugsiert hatte, und wo ist die Skulptur? Dort, sagte ich, aber es ist eine Installation. Haben wir es also mit einem Künstler oder mit einem Installateur zu tun? Sie werden sich diesen und ähnlichen Fragen aussetzen, wenn sie die Skulpturen Projekte in Münster besuchen. Sie tun das freiwillig. Die Fachjournaille sagt, Münster sei spannender als die Dokumenta. Auch das müssen Sie selbst herausfinden. Ich hadere noch. Ich nehme mir natürlich Zeit, ich bin ja vor Ort, ich muss nicht alles an einem Tag sehen, manches habe ich im Vorüberfahren wahrgenommen, aber Begeisterung hat sich noch nicht eingestellt, wenngleich der Ort für 100 Tage ein gänzlich anderer ist, was, denke ich, auch Kunst ist.

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Emeka Ogboh

Angenommen, die Dinge verwirrten sie, ein Zustand, der so beunruhigend wie anregend sein kann, wäre er von eben dieser schwer greifbaren Kunst hervorgerufen, und das bewiese, dass zwischen den Skulpturen- Installationen- Projekten und Ihnen etwas vorgeht. Was, wissen Sie nicht, aber etwas geht vor. Möglicherweise Kunst. Lassen Sie das auf an einem keinen Steinwurf von der Feuerstelle entfernt stehenden kleinen, grün gestrichenen Holzkiosk auf sich wirken, denn hier gibt es ein Bier, das speziell für die Skulpturen-Projekte 2017 gebraut worden ist. Es heißt Quiet Storm. Ich habe es noch nicht getrunken, werde es aber als nächstes tun. Wie das ausgeht, erfahren Sie oder auch nicht.

Emeka Ogboh hat aber nicht nur Bier gebraut, sondern auch den Hamburger Tunnel mit Lautsprechern versehen, die er mit Soundscapes, Musik und Gedichten von Moondog bespielt. Im Tunnel ist immer viel los, Menschen mit Rollkoffern, Straßenmusiker und Bettler. Der Hauptbahnhof wurde in den letzten zwei Jahren umgebaut, so dass alle, die mit dem Bus kamen und mit dem Zug weiterfahren wollten, hier durch mussten, Heute wird der neue Hauptbahnhof eröffnet, und ich nehme an, ab sofort wird dort ruhiger, so dass man mehr Muße findet, sich einzuhören in die Soundscapes von Ogboh.

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Nairy Baghramian

Beliebte Stellen, privileged points nennt Baghramian ihre Skulptur, die mich spontan an einen durchgeschnittenen Wurm oder eine Raupe denken ließ, deren Teile mit an die von Orthopädie benutzten Klammern bei schweren Ober- oder Unterschenkelbrüchen gehalten wird. Von dieser sich mir aufdrängenden Assoziation ist in den Erklärungen nur teilweise die Rede, aber Assoziationen sind an sozio-kulturelle Hintergründe und Erfahrungen gekoppelt und so individuell wie der Betrachter einer Skulptur.

Tatsächlich wird im Begleittext von einer sich auf den Raum beziehende und auf dort platzierte, frühere Arbeiten gesprochen. Diese ist aus Bronze, was durch die Lackierung nicht offensichtlich wird, und die so, wie der Betrachter sie vorfindet, nicht vollendet ist. Nicht vollendet will heißen, sie würde erst nach Ankauf zusammengeschweißt, aber das sieht man nicht, das muss man nachlesen. Hinterm Erbdrostenhof finden sich weitere Elemente, diese sind weiß.

Dass sich die Elemente vorm Erbdrostenhof auf den Raum beziehen, mag rechnerisch richtig sein, sichtbar ist es nicht. Dass sie sich auf Serra (1997) und Siekmann (2007) beziehen, ist noch wieder etwas anderes. An Siekmann habe ich keine Erinnerung, sehr wohl aber die Skulptur von Serra, eine der schönsten, die im Rahmen der Skulptur Projekte bisher in Münster zu sehen waren. Bei Serra wurde mir sofort klar, worauf sich seine Skulptur bezieht. Wenn Skulptur den Raum in neue Sichtachsen teilen- oder die Beziehungen zwischen ihr und den umliegenden Gebäuden interpretieren und neu definieren will, und dies nicht durch die Kraft ihres Materials und ihre bloßen Existenz, sondern nur durch das Lesen des beigefügten Textes schafft, habe ich ein Problem. Bei Serra hatte ich keines. Bei Serra fügten sich Raum, im Hintergrund liegendes Gebäude (Erbdrostenhof), Material und Form zu einer mich überzeugenden Arbeit. Baghramian erzeugt ein diffuses Gefühl, vielleicht sogar ein latentes Unwohlsein, möglich auch, das einer Bedrohung durch eine eher außerirdische Lebensform, einen eher ekelhaften Wurm oder war immer das auch sein mag.


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