August 2022                     www.hermann-mensing.de      

mensing literatur 

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Di 2.08.22 22:55

Sommer. Zwischen den toten Gleisen der Bahnhöfe im Pott wuchern Sommerflieder und Birken. Wir sitzen mit dem 9 Euro Ticket im ersten Stock erste Klasse des RE2 nach Duisburg. Wir sind allein. Die Klimaanlage funktioniert. Unten stehen und sitzen Menschen in Gängen und Ecken. Wenn sie uns erwischen, werden wir sagen, dass man da unten nicht sein kann, dass es eine Zumutung sei, Menschen, die Geld bezahlt haben, so zu transportieren, aber niemand kommt, niemand will uns erwischen. Als wir am Abend zurückfahren, ist der Zug nur halb so voll, ein Schaffner steht in der Tür, wir gehen nicht nach oben, unten ist genug Platz, aber kaum ist der Zug angefahren, sagt der Zugführer, er gebe die erste Klasse frei, die Menschen sollten die Gänge freimachen, das seien Fluchtwege. Wir waren mit Google unterwegs, mit diesem kleinen Punkt, der uns auf der errechneten Route folgte und dem wir folgten, er machte nicht einen Fehler. Unter den Platanen des Museumscafés tranken wir Cappuccino, rauchten und gingen ins Lehmbruck Museum. Ein flacher, übers Eck konstruierter Bau mit weiten Räumen und großen Fenstern. Kunst von Meistern aus aller Welt. Großartige Kunst, Lüpertz, Dali, Max Ernst, Giacometti, Chiricio, Lehmbruck selbst und wer weiß sonst noch. Dann mit Google hinunter zum Innenhafen, weil dort noch ein Museum ist, die Küppersmühle, aber wir wussten schon, dass ein Museum am Tag genug für uns war, wir gingen nur, um die Stadt zu erkunden. Unterwegs aßen wir Veganes, während uns Wespen umschwirrten. Auf den Straßen waren Menschen aus vielen Ländern. Erfolgreiche und Geschlagene, viele Geschlagene. Es war warm, aber der Wind, der den ganzen Tag wehte, rettete uns. Zuhause wollten wir in der Guten Quelle noch ein Bier trinken, doch die Terrasse war voll, es war wie im Zug, nur dass es keine erste Klasse gab. Also gingen wir heim.


Do 4.08.22 15:55 zum Sterben warm

Kurz im Freibad Havixbeck. Ansonsten keine Bewegung. Gestern Pflaumen gepflückt.


Sa 6.08.22 15:10 warm

Schlechter Schlaf. Desaströse Träume, die in Bilder nachklingen, die weder gemalt oder erzählt werden können. Sie hängen seit vorgestern überall.

21:55

Kleiderschrank entrümpelt, T-Shirts gebügelt, abends Pflaumenpfannkuchen. Boven is het still von Gerbrand Bakker zuende gelesen.

Sa. 22:55 -

So. 7.08.22 - 16:15 - 17:05 - 17:25 - 18:48 - 21:55 - 22:40

ein leben
lauschte er dem klang
er schlug in seiner brust
ein freund
auf den er baut
doch liebe kennt er nur
als wildes unberechenbares tier
dem er - mutlos -
nicht traut
als mann weiß er noch immer nicht
worum es geht
um es herauszufinden
trotzt er seinem untergang
läg dieses tier in seinem schoß
wäre ihm halb so bang


22:05

Kleine Radtour durch den Brook zur Burg Hülshoff, auf der Liegewiese unter einer Platane geruht, gelesen, Kräuter geraucht, geredet, nach Hause zurückgekehrt, unterwegs am Wegrand flockenstielige Hexen Röhrlinge gefunden, zum Abend Gänsebrust mit einer hervorragende Sauce, Kartoffeln und Gurkensalat. Sie kocht, ich mache dich Küche sauber. Das ist der Deal. Das ist die Liebe.


Mo 8.98.22 20:35 Sommer

ein leben
lauschte er
dem freund in seiner brust
die liebe kennt er nur
als wildes unberechenbares tier
er weiß noch immer nicht
worum es geht
und trotzt dem untergang
läg dieses tier in seinem schoß
wäre ihm halb so bang

20:45

#9Euro-Ticket heute früh nach Leer, Ostfriesland, einen Matjes gegessen, ein E-Bike gemietet und unterm Deich emsabwärts nach Ditzum gefahren, wo ich vor über zwanzig Jahren schon einmal mit meinem jüngeren Sohn war. Ein Dorf geduckt hinterm Deich, mit achteckigem Kirchturm, offenen Aufsatz aus Holz, rundum laufender Brüstung, Pfeilern, weiß, auf denen eine kupferne Kuppel mit Spitze, goldener Kugel und Wetterhahn ruht, mit einer Windmühle, einer kleinen Gracht, mit Cafes und einem Fischereihafen, von dem eine Fähre nach Petkum übersetzt. Die Fähre ist klein, die Schlange der wartenden Räder lang, aber der Kapitän sagt, dat moggt we. Kaum eine Viertelstunde geht es quer über die Ems, die sich hier schon in den Dollart weitet, es ist ablaufendes Wasser, ein Schilfgürtel liegt trocken, ein im Modder halb versunkenes kleines Schiff neben dem Anleger, der Deich bei Petkum. Das Fahren mit dem E-Bike hat Spaß gemacht. Irgendwann werde ich mir eines kaufen. Das Schönste heute aber waren etwa zwanzig Schafe, die auf dem Radweg hinterm Deich im Kreis standen. Alle hatten die Köpfe gesenkt, es waren nur Leiber zu sehen, kein Laut war zu hören, und es gab nicht die geringste Bereitschaft, Radfahrern Platz zu machen. So eine innig wirkende Versammlung hab ich noch nie gesehen, und ich wüsste gern, was das zu bedeuten hat.


Di 9.08.22 10:11 Sommer

10. version

ein leben
lauschte er
dem freund in seiner brust
die gute haut
doch liebe kennt er nur
als wildes tier
dem er mißtraut
er weiß noch immer nicht
worum es geht
er trotzt dem untergang
läg dieses tier in seinem schoß
wäre ihm halb so bang

10:15

Ein Schäfer hat mir erklärt, dass sich Schafe bei großer Hitze und fehlendem Schatten im Kreis aufstellen, um Kühlung zu finden. Sie wechseln die Positionen, aber wenn Böcke dabei sind, stehen sie immer außen, ich nehme an, dass das etwas mit Schutz zu tun hat.




Mi 10.08 22 10:12 Sommer

11. Version

ein leben
lauschte er
dem freund in seiner brust
die gute haut
doch liebe kennt er nur
als wildes tier
dem er mißtraut
er weiß noch immer nicht
worum es geht
und trotzt dem untergang
dennoch - läg dieses tier in seinem schoß
wäre ihm halb so bang


Do 11.08.22 22:55 Sommer

als mich vor einer viertelstunde
am albersloher weg die rote ampel bremste
warst du gerade erst erschienen
als grün kam
folgtest du mir übern ring
und als ich das garagentor aufschob
sagtest du guten abend hermann
gut getanzt
oh ja trabant sagt' ich
ich hatte heut die beste tänzerin
die dänin
die mit beiden füßen auf der erde
mehr mumm hatte
als alle hüpfer ohne eier
als alle hochgezickten tu-als-obber
studentenvolk
das tanzen an der uni lernt
oh gott sagt der trabant die kenne ich
ich scheine nicht für die
ich scheine nur für dich
denn wir sind brüder
wir gehen auf und ab
und sind auf uns'rer bahn gefangen
wenn alles sich in wohlgefallen aufgelöst
und neu formiert auf einen bess'ren anfang hofft
sind wir längst da
denn wir sind ewig
danke trabant sagt ich
du bist ein freund
von denen ich nicht viele habe
du bist garant für jeden stille träne
für jedes lob das ich mir selbst verweigere
heirate mich
ich sagte sofort ja
nimm mich mit haut und haar
wir sind doch älter als die welt
wir kommen von weit her
und niemand weiß was wir gesehen haben
wie wär es luna komm sag ja
das wäre - endreim - wunderbar


Sa 13.08.22 13:45 Sommer

Immer hat man sich Sommer gewünscht, jetzt haben wir ihn, aber alle trüben ihn mit dem Klimawandel. Ein rotglühendes Gespenst, das uns vom Untergang erzählt, dabei sind meine Kindheitssommer genau solche Sommer. Bestimmt betrügen mich meine Erinnerungen. Sommer ist Sehnsucht. Für Sommer wie diesen bin ich tausende Kilometer in mit fünf Personen plus Gepäck und Gitarren beladenem Käfer gen Süden gefahren, geflogen, mit Zügen unterwegs gewesen. Jetzt muss ich nirgendwohin fahren, im Gegenteil, dieser Sommer zwingt mich zur Reduktion aller Bewegungen. Falls ich überhaupt vor die Tür gehe, sind Laufwege neu zu bedenken, Schlagschatten, Baumschatten, immer an der Wand lang, schnell durch die Glut auf die andere Seite zum klimatisierten Supermarkt, denn ich am liebsten nie mehr verließe. Erst abends kann ich genießen. Freizügig entkleidet sitze ich bis tief in die Nacht auf dem Balkon. Gestern stieß ich auf Arte auf das Flow Festival Helsinki, live: zuerst die Gorillaz, eine in jeder Nuance swingende Band, der zuzuhören und zuzusehen eine Freude war, und danach - Skepsis - jemand, der Burna Boy heißt. Ich hatte nie von ihm gehört, aber schon nach den ersten zwei Stücken war ich begeistert von diesem Mix auf Afrobeats, Hip-Hop und Reggae, ganz besonders von der wunderbaren, gar nicht stereotypen Rhythmik der Band und ihrer Spielfreude. Das Publikum - Finnen, wohlgemerkt - kannte die Texte, von denen ich nie recht wusste, ob es sich um Englisch oder um Nigerianisch handelte. Man sang, man tanzte, ohne die übliche Animation bei solchen Großereignissen. Jetzt sind alle Jalousien herabgelassen, die Temperaturen in unserer Wohnung sind erträglich, wenn nur der Kopf nicht so träge wäre. Die Hirnlappen scheinen verschmolzen. Die Sehnsucht der Zukunft hat sich in den Norden verlagert, sie liegt am Baltischen Meer, sie kreist um den Polarkreis, wer jetzt bucht, kann sparen. Und heute abend werde ich am Kanal Tango tanzen. Das Leben ist eine Freude. Der Klimawandel eine Last. Das Problem ist ein Problem und ich allein kann es nicht lösen. Aber wir können es. Und ich bin dabei.