Januar 2026                  www.hermann-mensing.de      

mensing literatur 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

zum letzten eintrag


Do 1.01.25 13:17 grau, kalter Wind, Schneeluft

Das Jahr steckt noch in den Kinderschuhen, die jetzt im Flur stehen, gleich neben denen des letzten Jahres. Ich will alten noch ein wenig aufputzen. Ein paar Sachen, die ich teils seit Wochen bedenke, immer wieder vergesse, aufschiebe. Es sind drei Ereignisse, die herausstechen als der Vierlzahl der täglichen Ereignisse. Die erste hat vor vier Wochen stattgefunden. Nichts daran war spektakulär, es gab keinen Kontakt. Ich hatte zugesehen, wie ein Mann in der Gasse zwischen dem Haus der Niederlande und der Stadtbüchrei stand und auf seinen Hamburger schaute. Als wolle er wissen, was zwischen den schlaffen Brötchenscheiben lag, längst verschiedenes. Versunken führte er den Burger, der in einer Tüte steckte, an den Mund und biss ab. Ein wenig Sauce tropfte ihm auf den Mantelkragen, aber das bemerkte er nicht. Er hat volle Backen. Er kaut. Der Burger und er sind sich nicht einig. Der Mann schaut betrübt. Er ist Mitte vierzig, wenn er Glück hat, hat er einen Beruf, wenn er noch mehr glück hat, macht ihm das Freude, bestimmt hat er dann und wann Freude, aber Zeichen haben sich nirgendwo eingegraben, kein Blitzen der Augen, kein neugieriger Blick, eine vielleicht durch einen Bruch gedrückte Nase, mittelblondes Haar. Er nahm den Burger und warf ihn in einen Mülleimer.

Das zweite Ereignis ist zwei Wochen alt. Es war Dienstag, der Tag, an dem ich ehrenamtlich bei Oxfam arbeite. Ich machte Pause. Vor dem Schaufenster eines Modegeschäfte neben Oxfam steht eine Bank. Da setzte ich mich hin, um zu rauchen. An der Ecke zur Einfahrt links neben mir, hockte er sehr betrunkener Mann. Jemand, der auf der Straße lebte. Er wollte aufstehen, aber das gelang ihm erst, als er sich nach zwei Fehlversuchen, bei denen er immer seitwärts weggekippt war, zurück auf die Knie kämpfte, den Oberkörper zur Wand neigte und sich mit den Händen an der Mau hochzog. Als er Stand, taumelt er um die Ecke davon. Ich dachte, er wäre gestürzt, sah aber, dass er sich an der Mauer entlang tastete, an einer kleinen Treppe, die zu einer Haustür führt, wühlte er seine Jacke beiseite, suchte mit beiden Händen in der Hose, bis er hatte, was er dort vermutete und pisste gegen die Mauer. Sie können hier nicht gegen die Wand pinkeln!, sagte ich. Hau ab, du Arschloch! sagte er in osteuropäisch geprägtem Deutsch. Man hört oft, dass das erste Wort, das Menschen lernen, die aus anderen Sprachräumen herkommen, Arschloch ist. Bob und ich haben in einem Dort in den Anden um diese Jahreszeit vor 54 Jahren einem Jungen, der uns auf den Fersen war, weil er nur selten solche Vögel wie uns zu sehen bekam, beibrachte, weibliche amerikanische Reisende mit "hello, nice tits" zu begrüßen.

Das dritte Ereignis hat auch mit Rauchen zu tun. Gleicher Ort, vorgestern. Ich habe aber kein Feuer, zwei, drei Anfragen waren schon im Nichts verlaufen, als ein gutaussehender, dunkelhaariger, großer Bärtiger Mann mit Feuer anbot. Vlad! sagte er. Wie Vladimir? Nein, Vlad. Er gefiel mir. Wir begannen miteinander zu sprechen. Er wollte wissen, was ich mach. Was das für ein Schild sei an meiner Jacke. Ich erklärte es ihm. Ich sagte, ich arbeite dort. Ein 1 Euro Job? Nein, Ehrenamt. Er wusste, was das ist. Er fragte mich nach dem Laden. Ob der Chef da wäre. Er zeigte mir ein Video von einem leerstehenden Laden in Essen, den er vermieten will. Ich checkte meine linke Jackentasche, in dem mein Portemonnaie steckte. Kostet 600, sagte Vlad. Das' nich viel, sagte ich. Vielleicht was für Oxfam? Ich weiß nicht, ob es Oxfam in Essen gibt. Müssten man googeln. Und der Chef ist im Laden? sagte Vlad. Chefin, sagte ich. Vlad lachte. Mit Frauen mache ich keine Geschäfte, sagte er. Wir gaben uns die Hand, wir wünschten uns Glück.