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zum letzten eintrag


Do 1.01.25 13:17 grau, kalter Wind, Schneeluft

Das Jahr steckt noch in den Kinderschuhen, die jetzt im Flur stehen, gleich neben denen des letzten Jahres. Ich will alten noch ein wenig aufputzen. Ein paar Sachen, die ich teils seit Wochen bedenke, immer wieder vergesse, aufschiebe. Es sind drei Ereignisse, die herausstechen als der Vierlzahl der täglichen Ereignisse. Die erste hat vor vier Wochen stattgefunden. Nichts daran war spektakulär, es gab keinen Kontakt. Ich hatte zugesehen, wie ein Mann in der Gasse zwischen dem Haus der Niederlande und der Stadtbüchrei stand und auf seinen Hamburger schaute. Als wolle er wissen, was zwischen den schlaffen Brötchenscheiben lag, längst verschiedenes. Versunken führte er den Burger, der in einer Tüte steckte, an den Mund und biss ab. Ein wenig Sauce tropfte ihm auf den Mantelkragen, aber das bemerkte er nicht. Er hat volle Backen. Er kaut. Der Burger und er sind sich nicht einig. Der Mann schaut betrübt. Er ist Mitte vierzig, wenn er Glück hat, hat er einen Beruf, wenn er noch mehr glück hat, macht ihm das Freude, bestimmt hat er dann und wann Freude, aber Zeichen haben sich nirgendwo eingegraben, kein Blitzen der Augen, kein neugieriger Blick, eine vielleicht durch einen Bruch gedrückte Nase, mittelblondes Haar. Er nahm den Burger und warf ihn in einen Mülleimer.

Das zweite Ereignis ist zwei Wochen alt. Es war Dienstag, der Tag, an dem ich ehrenamtlich bei Oxfam arbeite. Ich machte Pause. Vor dem Schaufenster eines Modegeschäfte neben Oxfam steht eine Bank. Da setzte ich mich hin, um zu rauchen. An der Ecke zur Einfahrt links neben mir, hockte er sehr betrunkener Mann. Jemand, der auf der Straße lebte. Er wollte aufstehen, aber das gelang ihm erst, als er sich nach zwei Fehlversuchen, bei denen er immer seitwärts weggekippt war, zurück auf die Knie kämpfte, den Oberkörper zur Wand neigte und sich mit den Händen an der Mau hochzog. Als er Stand, taumelt er um die Ecke davon. Ich dachte, er wäre gestürzt, sah aber, dass er sich an der Mauer entlang tastete, an einer kleinen Treppe, die zu einer Haustür führt, wühlte er seine Jacke beiseite, suchte mit beiden Händen in der Hose, bis er hatte, was er dort vermutete und pisste gegen die Mauer. Sie können hier nicht gegen die Wand pinkeln!, sagte ich. Hau ab, du Arschloch! sagte er in osteuropäisch geprägtem Deutsch. Man hört oft, dass das erste Wort, das Menschen lernen, die aus anderen Sprachräumen herkommen, Arschloch ist. Bob und ich haben in einem Dort in den Anden um diese Jahreszeit vor 54 Jahren einem Jungen, der uns auf den Fersen war, weil er nur selten solche Vögel wie uns zu sehen bekam, beibrachte, weibliche amerikanische Reisende mit "hello, nice tits" zu begrüßen.

Das dritte Ereignis hat auch mit Rauchen zu tun. Gleicher Ort, vorgestern. Ich habe aber kein Feuer, zwei, drei Anfragen waren schon im Nichts verlaufen, als ein gutaussehender, dunkelhaariger, großer Bärtiger Mann mit Feuer anbot. Vlad! sagte er. Wie Vladimir? Nein, Vlad. Er gefiel mir. Wir begannen miteinander zu sprechen. Er wollte wissen, was ich mach. Was das für ein Schild sei an meiner Jacke. Ich erklärte es ihm. Ich sagte, ich arbeite dort. Ein 1 Euro Job? Nein, Ehrenamt. Er wusste, was das ist. Er fragte mich nach dem Laden. Ob der Chef da wäre. Er zeigte mir ein Video von einem leerstehenden Laden in Essen, den er vermieten will. Ich checkte meine linke Jackentasche, in dem mein Portemonnaie steckte. Kostet 600, sagte Vlad. Das' nich viel, sagte ich. Vielleicht was für Oxfam? Ich weiß nicht, ob es Oxfam in Essen gibt. Müssten man googeln. Und der Chef ist im Laden? sagte Vlad. Chefin, sagte ich. Vlad lachte. Mit Frauen mache ich keine Geschäfte, sagte er. Wir gaben uns die Hand, wir wünschten uns Glück.


Hier hören die Aufzeichnungen auf. Wohl auch Folge des versehentliches Klicks vor zwei Tagen. Ich könnte mich ohrfeigen.

 

Nachträge

22.03.26


Ich überlege, wann der Dieb die Spendenbox bei Oxfam geklaut hat. Ich glaube nicht, dass es im Dezember war. Da hätten noch überall Lichter gehangen. Ich schätze, im Januar. Im Februar steht jedenfalls nichts. Sagen wir Januar, es ist grau, kalt, es regnet. Ich mache Ehrenamt. Gegen vier setze ich mich auf die Bank vor dem Jeansladen links neben Oxfam. Zigarettenpause. Ein Mann rennt den Alten Fischmarkt Richtung Hörster Straße. Meine Kollegin kommt aus dem Geschäft und ruft, da rennt der Dieb, oder etwas ähnliches. Haltet den Dieb. Noch eh ich zu denken beginne, renne ich dem Mann hinterher. Er hat knapp fünfzehn Meter Vorsprung. Ich rufe auch. Wahrscheinlich Polizei! Haltet den Dieb! Als der Dieb an die Kreuzung kommt, sind die Ampeln rot. Er rennt rüber. Als ich an die Ampeln komme, sind sie grün, und ich denke, den krieg und leg einen Zahn zu. Mitten auf der Kreuzung rutsche ich aus. Blut tropft vom Ringfinger der rechten Hand. Ich rapple mich auf. Ich gehe auf den Bürgersteig. Der Dieb ist weg und ich krieg den Polizeinotruf irgendwie nicht hin. Ich säubere mich, ich wickle mir ein Tempo um den blutenden Finger. Er blutet beeindruckend. Sogar auf dem Boden sind ein paar Tropfen. Als ich halbwegs wieder beisammen bin, kommt ein junger Mann auf dem Rad und gibt mir die Spendenbox. Er hatte mich rennen sehen, er hatte gehört, was ich rief, er hatte Schlüsse gezogen, und war dem Dieb gefolgt. Und wie hast du ihn gestellt? frage ich. Er hat sich vor ihm aufgebaut und gesagt, gib das zurück, das hast du geklaut. Mutig, sage ich. Er lächelt und ist weg, ohne dass ich ihn nach seinem Name gefragt hätte. Im Laden herrscht große Aufregung. Hermann hat die Spendenbox. Ja, ja, sage ich, aber nicht selbst erbeutet. Die Polizei kommt. Die Polizei kommt recht spät, finde ich. Ein Mann, eine Frau. Paar Wochen drauf werde ich aufs Kommissariat bestellt. Ich soll mir Fotos von möglichen Tätern anschauen. Sie kommen ausnahmslos aus Nahost. Gleich beim ersten denke ich, das war er. Wieso? fragt eine Polizistin. Instinkt, sage ich. Ich schau mir auch die restlichen Fotos an, aber bei keinem kommt es mir vor, als könne er es gewesen sein. Letzte Woche kam ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren gegen den Verdächtig A. M. sei eingestellt, weil es keinen schlagenden Beweis gibt. Ich wette, die Polizisten waren stinksauer. Sie waren sicher, dass er es war. Aber sicher sein ist kein Beweis.


Als ich dem Dieb hinterher rannte, tat meine Hüfte überhaupt nicht weh. Aber sie hatte weh getan, schon lange hatte sie weh getan. Ich weiß nicht, ob es Dezember war oder schon Januar, als ich mir Barfußschuhe kaufte. Ich zog sie an, es fühlte sich gut an und richtig, aber nach einer Woche tat mir nicht nur die Hüfte weh, sondern auch das rechte Knie und der rechte Fuß. Ich dachte, das wird eine Art Anpassungsschmerz, der vergeht, und tatsächlich verging er. Das Laufen, das mir so schwer gefallen war, dass ich schon daran dachte, zum Orthopäden zu gehen und wusste, wer mich operieren könnte, besserte sich nun von Tag zu Tag.

Rekonstruktionen nach Kalender

Fr 9.01.26

Wir wollten zur Museumsnacht, sind aber nicht auf die Beine gekommen.

Mo. 12.01.26

Zwei Musiker besuchen mich im Keller. Wir gründen eine Band.

Sa 17.01.26

Ich fahre zur Campus Milonga und langweile mich zu Tode. Das passiert in letzter Zeit häufig

18.01.26

Der alte Nachbar kommt zum Essen.

24.01.26

Wir essen im Phoenicia und sind gleichermaßen begeistert und enttäuscht. Die Vorspeisen sind außergewöhnlich, die Hauptspeise aber, eine Dorade, war fad.

29.01.26

Die Band trifft sich in meinem Keller. Wir üben. Der Bassist nörgelt. Ich denke, du bist auch nicht besser.

30.01.26

Rundgang in der Akademie. Ich habe nichts gesehen, was mich begeistert hat.