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Do 1.01.26 13:17 grau, kalter Wind, Schneeluft
Drei Ereignisse des alten Jahres, die ich teils seit Wochen bedenke, wieder vergesse, aufschiebe. Sie stechen heraus als der Vielzahl der täglichen Ereignisse. Wenn ich sie nicht aufschriebe, vergäße ich sie, und man weiß nie, was man mit ihnen noch machen kann.
Ich hatte zugesehen, wie ein Mann in der Gasse zwischen dem Haus der Niederlande und der Stadtbüchrei stand und auf seinen Hamburger schaute. Als wolle er wissen, was zwischen den schlaffen Brötchenscheiben lag, längst verschiedenes. Versunken führt er den Burger, der in einer Tüte steckt, an den Mund und beisst ab. Ein wenig Sauce tropft auf den Mantelkragen. Er hat volle Backen. Er kaut. Der Burger und er sind sich nicht einig. Der Mann schaut betrübt. Er ist Mitte vierzig, wenn er Glück hat, hat er einen Beruf, wenn er noch mehr Glück hat, macht ihm das Freude, bestimmt hat er dann und wann Freude, aber Zeichen haben sich nirgendwo eingegraben, kein Blitzen der Augen, kein neugieriger Blick, eine vielleicht durch einen Bruch gedrückte Nase, mittelblondes Haar. Er nimmt den Burger und wirft ihn in einen Mülleimer.
Es war Dienstag, der Tag, an dem ich ehrenamtlich bei Oxfam arbeite. Ich machte Pause. Vor dem Schaufenster eines Modegeschäfte neben Oxfam steht eine Bank. Da setzte ich mich hin, um zu rauchen. An der Ecke zur Einfahrt links neben mir hockte er sehr betrunkener Mann. Jemand, der auf der Straße lebt. Er sah aus wie durch eine Pfütze gezogen. Er wollte aufstehen, aber das gelang ihm erst, als er sich nach zwei Fehlversuchen, bei denen er seitwärts weggekippt war, zurück auf die Knie kämpfte, den Oberkörper zur Wand neigte und sich mit den Händen an der Mau hochzog. Als er stand, taumelt er um die Ecke davon. Ich dachte, er wäre gestürzt, sah aber, dass er sich an der Mauer entlang tastete, an einer kleinen Treppe, die zu einer Haustür führt, wühlte er seine Jacke beiseite, suchte mit beiden Händen in der Hose, bis er hatte, was er dort vermutete und pisste gegen die Mauer. Sie können hier nicht gegen die Wand pinkeln!, sagte ich. Hau ab, du Arschloch! sagte er in osteuropäisch geprägtem Deutsch. Man hört oft, dass das erste Wort, das Menschen lernen, die aus anderen Sprachräumen herkommen, Arschloch ist.
Gleicher Ort, vorgestern. Ich will rauchen, habe aber kein Feuer. Zwei, drei Anfragen waren erfolglos, als ein gutaussehender, dunkelhaariger, großer Bärtiger Mann mir Feuer anbot. Vlad! sagte er. Wie Vladimir? Nein, Vlad. Er gefiel mir. Wir begannen miteinander zu sprechen. Er wollte wissen, was ich mache. Was das für ein Schild sei an meiner Jacke. Ich erklärte es ihm. Ich sagte, ich arbeite dort. Ein 1 Euro Job? Nein, Ehrenamt. Er wusste, was das ist. Er fragte mich nach dem Laden. Ob der Chef da wäre. Er zeigte mir ein Video von einem leerstehenden Laden in Essen, den er vermieten will. Ich checkte meine linke Jackentasche, in dem mein Portemonnaie steckte. Kostet 600, sagte Vlad. Das' nich viel, sagte ich. Vielleicht was für Oxfam? Ich weiß nicht, ob es Oxfam in Essen gibt. Müssten man googeln. Und der Chef ist im Laden? sagte Vlad. Chefin, sagte ich. Vlad lachte. Mit Frauen mache ich keine Geschäfte, sagte er. Wir gaben uns die Hand, wir wünschten uns Glück.
Fr 2.01.26 17:26
Grau, Schneegriesel, Regen, Schnee, Wind. Den Hund kurz vor die Tür gejagt. Den Nachbarn getroffen, der glaubt, dass das blau auf dem Bürgersteig abgeteilte Quadrat mit einem Kreuz in der Mitte ein "Zinken" sei, ein geheimes Zeichen für Einbrecher. Ich glaube eher an eine Markierung der Telecom. Zinkel sind diskreter. Kuchen gegessen. Die Bücherregale nach Alphabet geordnet, da beim Umzug vieles durcheinander geraten war. Nochmals ausgedünnt. Dunkel. Müde. Hüftschmerzen rechts. Das war der Newsticker.
Sa 3.01.25 17:34 grau, Schnee
Am vierten September 25 sind wir in die Flamenstraße gezogen. Heute ist der Keller fertig geworden. Vor drei der sechs Regale hängt ein Vorhang,, die Stoffe der Frau, edles Textil in unterschiedlichsten Mustern, das bisher in Kartons war, wurde in Schränke sortiert, die Regalinhalte thematisch grob geordnet, das Schlagzeug gestimmt. Von den Nachbarn weiß ich, dass sie zwar hören, wenn Musik gemacht wird, es sie aber nicht stört. Die Tür werde ich mit Schall schluckendem Schaumstoff verkleiden. Draußen wütet der Kapitalismus und tut, was er immer tut: unter fadenscheinigen Gründen Länder okkupieren, Präsidenten entmachten, im Namen der Demokratie und Freiheit Marionettenregime installieren. Ich dichte. Ich trommle. Ich spiele Klavier. Ich tanze Tango. Ich fotografiere. Ich lebe. Ein Tropfen auf heißem Stein.
Di 6.01.2620:29 grau, kalt
die kissen wollen
dass er sich legt
sie haben sich gemacht
hier ist es sicher
die kissen schweigen
das ist gesund
der kopf liegt
und duscht mit
der tänzerin
die ihr haar färbt
das ist komisch
der kopf sieht
menschen auf der zuiderlaan
das ist bedrohlich
die tänzerin fliesst
die zuiderlaan wird ein fluss
der kopf hat alles verwirbelt
das kann man nicht ändern
ist aber nicht schlimm
der kopf sinkt nach links
die kissen sind froh
endlich schläft er
aber sie wissen nicht
ob er morgen erwacht
20:41
Zwei Tage unnoticed. Unwichtig. Aber schade. Wichtig: die rechte Hüfte, die mich in den letzten Wochen beim Gehen behinderte, hat sich eines Besseren besonnen. Sie schmerzt zwar noch, behindert mich aber nicht mehr. Ich hatte schon gelaubt, es sei Zeit für ein neues Hüftgelenk und wollte gestern einen Termin beim Orthopäden machen, liess es dann aber. Heute war ein Grünspecht im Garten. Die Katze kommt seit Tagen jeden Morgen. Heute stand sie vorm Fenster und kratzte/klopfte. Wir öffnen ihr morgens, sie kriegt ein paar Brekkies, mehr nicht, sie streunt herum, streift Stuhl- und Tischbeine, rollt auf dem Teppich herum, sucht sich einen Platz und ruht. Heute war sie über eine Stunde bei uns, manchmal bleibt sie nur für ein paar Minuten. Wir freuen uns jeden Tag über sie.
23:35
die kissen wollen
dass er sich legt
sie haben sich gemacht
hier ist es sicher
die kissen schweigen
das ist gesund
der kopf liegt
und duscht mit
einer tänzerin
die schwarz gefärbtes haar hat
das ist komisch
er sieht marschierende
auf der zuiderlaan
das ist bedrohlich
die tänzerin tropft
die zuiderlaan wird ein fluss
der kopf hat alles verwirbelt
das kann man nicht ändern
ist aber nicht schlimm
der kopf sinkt nach links
die kissen sind froh
endlich schläft er
aber sie wissen nicht
ob er morgen erwacht
Mi 7.01.26 12:57 Sonne am Morgen, jetzt zieht es zu, eiskalt
das
wollen und sollen
glaubt er
lässt nach
lüge sagt die katze
du heizt die hölle ein
und spielst drama
komm
leg dich zu mir
Do 8.01.26 17:20 grau
Die Wetterfrösche warnen vor Schnee. Die Bild titelt, bleiben Sie heute zuhause. Es herrscht Lebensgefahr. Wir werden nachher ins Pumpenhaus fahren, und uns "Tanzende Idioten" anschauen, ich nehme an, ein Stück über uns. Der öffentliche Nahverkehr bringt uns hin und zurück, wir dürfen nur Bus gegen halb zwölf nicht vertrödeln, der nächste führe nach eins. Die Katze kam heute erst gegen drei. Wir waren gerade vom Einkauf zurück. Wir mussten vorsichtig fahren, aber der durch den Frost der letzten Tage glatt gefahrene Schnee auf den Seitenstraße war getaut. Gestern war ein Grünspecht da. Und das Eichhörnchen saß auf der Balkontreppe. Wir rauchen jetzt wieder hauptsächlich draußen. Da ist es natürlich frisch, aber nachts den Mond hinter der Birke zu sehen entschädigt.
Sa 10.01.26 22:31
Das ist sie. Seit Weihnachten kommt sie fast jeden Tag, meist gegen zehn, manchmal aber auch erst nachmittags. Gestern war sie drei Stunden hier, ging gegen 16:00 und taucht um 21:00 Uhr nochmal auf.
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Mo 12.01.26 13:08 grau
Keine zehn Minuten von hier gibt es einen Rodelberg. Die Rodelbahn ist hundert Meter lang, man kommt ordentlich in Schwung und am Ende stoppt eine eine Art Rampe den Schlitten. Hätte ich einen Schlitten gehabt, ich hätte keine Sekunde gezögert. Die, die mit Schlitten da waren, mochte ich nicht fragen. Ich habe die letzten Tage mit der Satzkorrektur meines Romans verbracht. Jetzt bin ich fertig. Heute abend kommen ein Gitarrist und ein Bassist, wir wollen Musik machen. Genau so hatte ich mir das vorgestellt, als ich den Keller im letzten Juli zum ersten Mal sah.
Di 13.01.26 23:09 war feucht
Kurz nach vier saß ich auf der Bank vor der Boutique links neben Oxfam. Ich machte Zigarettenpause. Ein Mann rannten den Alten Fischmarkt hinunter Richtung Hörster Straße. Eine Kollgein stürzte aus dem Laden und rief "das ist ein Dieb". Ich sprang auf und rannte hinterher. Meine Hüfte, die sonst immer weh tut, tat nicht weh. Der Dieb hatte zwanzig Meter Vorsprung. Die Ampel war rot, als er rüberrannte. Als ich kam, war grün, ich dachte, den krieg ich und stürzte. Als ich aufstand, tropfte Blut vom kleinen Finger der rechten Hand. Ich sah zu, dass ich von der Kreuzung kam. Ich ordnete mich. Ich lutschte Blut vom Finger, um die Wunde zu sehen. Ein Radfahrer hielt, Anfang Dreißig, blond, sportlich und gab mir die gestohlene Spendenbox. Von wem sind Sie denn? fragte er. Von Oxfam. Ah. Und wie haben Sie das gemacht? fragte ich. Er hatte mich rennen sehen und rufen hören, er hatte verstanden, war dem Dieb nachgefahren und hatte ihn gestellt. Wie? fragte ich. Das gehört Ihnen nicht, geben Sie das sofort zurück! hatte er gesagt.
Mit 14.0ß1.26 16:54
lass gut sein
verpfeife das schlechte
dein life is god
du bist der echte
eitel genial
feige banal
allerfeinst die moral
tief aus dem schacht anthrazit
dann ans licht
ein heller goldener schnitt
heil wie dein traum von der welt
verwüstete erde
tote im feld
du bist der traurigste held
solche wie du
halten den laden auf trapp
also lass gut sein
schmink ab
häng dich weg
du hast es verdient
du machst mit
wiesu tun sie su
19:41
Frühling gegen zehn. Ich trank Kaffee in der Sonne. Zeit, dass die Katze kommt, dachte ich. Dusche und Duschschlauch waren auseinandergeflogen, als die Frau duschte. Wir hatten schon ein paarmal versucht, das Problem zu beheben. Ich fuhr mit dem Roller zu Kortenbrede, um neue zu kaufen. Die Frau hatte in der Stadt zu tun. Ich schraubte die neuen an und machte mich mit dem Rad auf den Weg zu meinem alten Nachbarn, um Das große Heft, ein Roman von Agota Kristof, den ich vor vielen Jahren gelesen und nie vergessen hatte, abzuholen. Der Nachsendungsauftrag hatte nicht funktioniert. Ich hatte mir das Buch auf Französisch bestellt. Ich erinnerte mich an ausdrucksstarke und einfache Satze. Da ich seit August Französisch lerne, dachte ich, wäre das ein Anfang. Ich erfuhr, dass die Trennwand zwischen Küche und Wohnzimmer unserer alten Wohnung herausgeschlagen ist. Auch die Fenster sind neu. Die Wohnung des Nachbarn steht mittlerweile so voller Gegenstände, deren Wert und Nutzen nur er kennt, dass man als Gast im Flur einen beengten Stehplatz hat, an Kaffee ist auch nicht zu denken, wo sollte man den trinken, man kann nirgendwo sitzen. Es ist dunkel. Die Jalousien sind kaputt und hängen halbschräg herab. Ich kann nicht einschätzen, in welcher Zeit mein Ex-Nachbar lebt. Er ist ein äußerst liebenswerter Mensch. Ich sorge mich nur. Als er damals fast zeitgleich mit uns einzog, hatte seine Mutter mir auf dem Flug ans Herz gelegt, ich möge ein wenig nach ihrem Sohn schauen. Die Mutter ist tot. Der Vater auch. Mit dem Bruder liegt er in Streit. Seine finanzelle Situation war und ist mir ein völliges Rätsel. Ich habe nie begriffen, wovon er seine Miete zahlt und die horrenden Beträge der privaten Krankenkasse, in die er gerutscht ist und aus der er nicht mehr rauskommt. Ich hatte ihm vor einer Weile Geld angeboten, aber das wollte er nicht. Wir reden nur kurz. Ich sage, er solle doch mal vorbeikommen, aber das sage ich schon, seit wir in der Flamenstraße wohnen.
20:06
Beim Sturz hab ich mir die Rippen geprellt, aber da ich entweder auf links oder auf dem Rücken schlafe, macht das nichts. Die Woche hat aufregend angefangen. Montagabend habe ich mit einem Gitarristen aus Bochum und einem Bassisten aus Billerbeck zum ersten Mal Musik gemacht. Chicken zum Beispiel, ein Stück, das ich von Pastorius kenne. Was von Wes Montgomery, den ich nur vom Namen kenne. Genauso hatte ich mir das im letzen Juli, als ich den Keller bei der Wohnungsbesichtigung zum ersten Mal sah, vorgestellt. Es ist gemütlich da. Meine Familie hängt an den rauhen Wänden, der alte Sisalteppich liegt mehr schlecht als recht, man kann sitzen, man kann rauchen. Nach zwei Stücken ging ich nach oben und holte die Frau, damit sie hört, was ihr Mann treibt. Sie kam mit Wein. Er gefiel ihr. Nach einer Weile ging sie, um unsere polnische Nachbarin zu holen. Ich hatte nachmittags allen gesagt, dass wir zwischen sechs und halb neun Musik machen würden und sie jederzeit kommen und zuhören können, oder anrufen, wenn's nervt. Die polnische Nachbarin kam. Sie ist eine alleinstehende Frau, sie fährt manchmal in die Stadt zu Konzerten, sie hat mal Geige gespielt. Jetzt saß sie da, hatte sich noch schnell was übergezogen, denn sie trug schon ihr Nachtkapolter, trank Wein, wir spielten Sunny, das kannte sie und heute hat sie sich für den schönen Abend bedankt. Wir haben eine Band gegründet und machen jetzt alle zwei Wochen Musik.
Do 15.01.26 22:27
tanten treiben tot im thinkpool
enten sitzen vorm display
und galante herren old-school
haben viel zu feiern und to pay
letzte worte stolpern flugs zur tür
während sich vor augen aller einer einen holt
er war gestern auch schon hier
und wird ausgejohlt
keiner weiß noch was das für ein spiel ist
ob es unten oder oben rechts ist
alle ham ein ticket für die fahrt
aber für die reise nicht gespart
plötzlich stellen alle fest
nirgendwo gibt's noch ein nest
das vor regen schützt und politik
keine zweite haut kein trick
das' das ende denken sie
stimmt das ende wartet vis-a-vis
hat längst alles vorbereitet
und auf höh'rer eb'ne schreitet
eine andere wahrheit durch die tür
So 18.01.26 17:50 Hochnebel, gegen Abend klarer
wenn ich nicht schreibe
gibt es mich nicht
wenn ich Musik mache
gibt es mich
wenn ich Rad fahre
gibt es oft Glück
wenn ich schlafe
bin ich gerettet
17:51
Tempest / Liz Gruwez
Mo 19.01.26 14:07 kalt und sonnig
Gegen acht bringt Herr M. der Fürstin Kaffee ans Bett, frisch gepressten Orangensaft und ein Stück Nusskuchen von gestern. Er hat sein Handy dabei, falls er Zeitung lesen will. Sie holt ihren Rechner. Sie liest mehr Zeitung als er, Herr M. überfliegt nur noch, er muss nicht mehr alles wissen. Er schaut stattdessen der Sonne beim Aufgehen zu. Gegen elf steht er auf. Er geht auf den Balkon. Er trinkt Kaffee und lernt Französich. Er raucht. Wenn es zu kalt ist, raucht er drinnen. Wenn der Frühling sich etabliert, rauchen Herr M. und die Fürstin nur noch draußen. Herr M. übt eine dreiviertel Stunde Französich und geht ans Klavier. Die Tasten meinen es gut mit ihm. Er traut sich abenteuerliche Harmoniewechsel zu. Wenn er falsche Töne spielt, nimmt er sie und macht etwas anderes daraus. Dann sind sie richtig. Herr M. und die Fürstin haben ein feines Leben. Es ist ganz und gar nicht zu vergleichen mit den letzten Jahren in der alten Wohnung. Heute abend setzt Herr M. sich auf sein Rad und fährt zur Jazz-Session im Hot Jazz Club. Ansonsten schaut er mit Bangen und Vorfreude auf den März. Dann erscheint sein neuer Roman und er wird Freiwild.
Mi 21.01.26 20:23 kalt, fahle Sonne
Ja, ich hab da mein Büro. Schönes Fenster zum Hof. Kaffeemaschine brauche ich nicht, das macht die Sekretärin. Die wimmelt auch alle ab, ständig muss sie das, denn man wird verrückt von den Leuten und was die alles von einem wollen. Die wollen mich in kleinen Stücken nach Hause tragen und sagen, seht, das hab ich von ihm, er hat es mir höchstpersönlich, und das will natürlich was heißen. Schließlich ist er... na ja, und so weiter. File under: Romananfänge.
Do 22.01.26 17:22 kalt und sonnig
Seit über vier Monaten wohne ich einer neuen Wohnung. In der alten Küche waren Schränke, Hängeschränke und Spüle an der rechten Seite. In der neuen gibt es eine Insel mit Spüle, Ablage, mit Mülleimern darunter einem Schrank für Vorrat daneben, und anders platzierte Schränke. Die Idee war, dass man im Kreis arbeitet, aber noch immer greife ich, wenn ich einen Löffel brauche, oft neben die Spüle, um die Schublade herauszuziehen, die früher rechts davon war. Es wird besser, aber ich staune, wie lange Bewegungsmuster sich halten.
23:17
Am Friedhof vorbei bergab, eine Zigarette auf der Bank beim Ahorn, in weitem Bogen ins Dorf, Schwarzwälder Kirsch vom Bäcker an der Altenberger Straße, zuhause auf dem Balkon mit Kaffee, dann mit dem Rad nach Roxel. Ich bringe dem Uhrmacher und Juwelier Stöveken Familienschmuck zur Begutachtung, Kettchen, paar Ringe, Anhänger, Ohrringe, Brosche und zwei Perlenketten, fahre zurück und denke die ganze Zeit, ob das, was ich jeden tue, von irgendeinem Wert ist. Wahrscheinlich nicht. Was ich aber sicher weiß, ist, dass es eitel ist. Und dass ich verletze, wenn ich andere zum Teil einer Geschichte mache. Ich weiß, dass es nicht anders geht, dass ich es nicht anders kann und nicht will. Ich schreibe nicht über Dinge, die ich mir angelesen habe. Das tun schon genügend andere. Ich verliere Freunde deswegen. Sie denken, ich bin ein Arschloch, aber man soll bloß nicht glauben, dass es leicht ist für mich, damit zu leben. Hatte sie nicht immer gesagt, du bist unmöglich?
Mo 26.01.26 11:05 Schnee
wieder wurde jemand erschossen
wieder wurde verhaftet und deportiert
wieder wurde lüge wahrheit genannt
wieder ist die katze im haus
bei ihr sitzt ein mann
der bald siebzig wird
er hat vieles gesehen
er ist dichter
aber er kann's nicht beweisen
beweisen kann er
wer mörder ist und wer nicht
mörder gehn straffrei aus
opfer sind selbst schuld
noch atmen wir
noch sprechen wir die verbotenen worte
bald sind wir mundtot
wir menschen
was soll bloß werden
wenn lügner herrschen
13:24
Das Trio, das wir gegründet haben, wird mir die Hammelbeine langziehen. Ich muss üben.
Di 27.01.26 18:33 grau
ihr wollt blut
gibt kein' bess'ren platz
als das hier
ihr tragt es mit hemd und hose
es tropft aus unserem fleisch
ihr könnt nicht ohne
aber ihr verschwendet es
60 millionen a 5 liter
macht ?
die millionen seitdem
macht ??
ihr schwimmt drin
obenauf yachten
aus technik und gold
mit käuflichen weibern
und speichelleckern
die elite der mächtigen
sie reiben sich die hände wund
so gut läuft es für sie
ihr wollt blut
versenkt sie
Mi 28.01.26 13:37 Schneegriesel
schnee legt sich sanft
auf die toten
etwas surrt heran
etwas verharrt und schießt
neue tote im graben
sie wollten essen
am himmel ein fauchen
auf dem weg zur stadt
gleich fallen dort häuser zusammen
neue tote
man gräbt sie aus
etwas surrt heran
zeitgleich woanders
kauft einer ein
etwas verharrt
noch ein fauchen
ein höllenloch in der straße
etwas schießt
keine schreie
einer hat eingekauft
es schneit
er hat das nicht gewollt