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Sa 1.05.2021 10:21 /Krise Tag 414 / wechselnd bewölkt

Die vierte nikotinfreie Woche beginnt. Es fühlt sich gut an.


15:20

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16:29

ich bin der große größtmeister
der kleinste aller scheibenkleister
der dickste aller dünnbrettbohrer
der dünnste aller weltexplorer
der effektivste schlendrian
das leichtgewicht fassmichnichtan
ich bin es ich ich ich nicht du
du bist nicht ich du bist tabu
ich seh dich gar nicht pust dich weg
von dir bleibt nichts nicht mal ein fleck

21:30

menschen:
der kleine mensch, der mich im supermarkt anstrahlte, als wäre ich sein opa.

tiere:
die vögel im futterhäuschen und in den büschen ringsum.

sensationen:
dass ich da bin und immer noch schreibe.


Mo 3.05.21 14:52 / Krise Tag 416 / wechselnd bewölkt, zu frisch

o je
da segelt hart am blütenschnee
ein mann vorbei
der alle tugend aufgegeben hat
und nur noch hofft
dass es nicht weh tut
wenn es endet
yeah yeah
was hat der mann nicht alles
losgetreten ungebeten
was hat der mann im falle dieses falles
bloß getan dass man ihm alles
wegnimmt und ihn dumm trimmt
den schneid stiehlt und bei fuß befiehlt
o ja fein fein
der mann wird wohl kein dichter sein
wie ich mit meinem dichterbein
voller varizen und nem heil'genschein
nein n/ ein der segelnde im blütenschnee
ist einer aus der haut voilet


westfälisches mundartgedicht

da schau
dann bring i mi jetzt um
weil d' wiesen
hoams jetzt oabgesagt
da schloag i mi die knochen krumm
reiß mia den puls aus
sauf mi dumm
allein find i das rechte maß
i glaub i geh ins gas


Di 4.05.21 13:35 / Krise Tag 417 / wechselnd bewölkt, stürmisch, auch Regen

Das Feld liegt an der A1. Sechszehn Lebewesen waren gestern nachmittag dort beschäft, ein Bauer, der Gülle ausbringt, ein zweiter, der den Boden eggt, und vierzehn Störche, die, wenn einer der Traktoren heran kam, entspannt einen Schritt zu Seite traten. Das muss schön sein für den Bauer, dachte ich. Später sah ich vier oder fünf Störche kreisend auf der Suche nach Thermik.


Mit 5.05.21 11:25 /Krise Tag 418/ wechselnd bewölkt, frisch, nicht mehr so stürmisch

ein optimist
geriet zu ende seines lebens
in einen mahlstrom tiefer dunkelheit
er schwamm ums leben doch vergebens
das ufer war zu weit.


Fr 7.05.21 13:40 / Krise Tag 419 / wechselnd bewölkt, frisch

Seit Monaten erstmals freudig geshopt und ein wenig Geld ausgegeben.


wir haben einen schönen blick
ein herz mit allerlei verzierung
wir kennen einen oder anderen trick
und stürzen die regierung


So 10.05.21 16:43 /Krise Tag 421 / sommerlich warm

Dorfschreiber Tag 1
9.05.2020

In Fahrtrichtung rechts vor oder hinter dem Abzweig zur Kornbrennerei Gerbermann ist eine Wiese gemäht. Das ist meine erste in diesem Jahr. Ich konnte sie riechen, als ich mit dem Roller vorbeifuhr. Auf der Brücke zur Molkerei kamen mir zwei Männer in blauen Unterhemden entgegen. Kräfige Männer. Gezielte Schritte, aber entspannt. Stramme Bäuche, die Herren. Besser Tach sagen und Frieden signalisieren.

Vorm Altenheim Magnus saßen ein Mann und eine Frau. Ein Paar, dachte ich. Ich freute mich. Das wäre ein erträgliches Ende, aber soviel Glück haben die wenigsten. Ein paar Meter den Weg hoch saß ein Mann im Rollstuh mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Er schaute auf die Terrasse. Er schaute, als säße er gerne an ihrer Seite, aber eigentlich will er seine Frabbbbbbbbbbbu. Manchmal vergißt er ihren Namen und erschreckt. Wilhelmine soll kommen, ihn holen, sofort, er säße auf seiner Einsamkeit, das hielte man nicht lange aus. Also bitte, Wilhelmine.

Es kommen zwei Kreisverkehre, eigentlich nur eine leicht erhöhte, geplasterte kreisrunde Fläche. Man weiß nicht, soll man drüber fahren oder drumrum? Beides fühlt sich blöd an, in etwa so blöd wie nachts mutterseelenallein vor einer roten Ampel. Man kann kilomterweit sehen. Aber man wartet. Da vorn ist mein Haus. Der Grüne Winkel. Hier ziehe ich ein. Und dann bleibe ich zwei Monate.

Ich hatte eingeräumt, und fuhr zum Tanken. Die Startankstelle war geschlossen. Ich fragte. Bis zur Kreuzung, dann links, stadtauswärts rechts liegt sie dann. Lag sie auch. Liegt sie noch immer. Sieht hinten drin sieht wie bei der RCG. Zwei Mädchen wickeln ihren Vater vor der Eistheke um den Finger. Aber war noch besser ist: vor zwei Wochen hatte ich im Vorbeifahren ein Schild gesehen. Ich kam vom Kulturgut Haus Nottbeck. Es war kein gutes Wetter. Ich fuhr ein Mietauto, ich war konzentriert und gleichzeitig müde, und ich eh ich's richtig begucken konnte, war es schon weg. Ich wusste nur, dass TRUMPF drauf stand. TRUMPF: zwischen zwei hohen Traversen hängende Buchstaben. Glitternd? Da bin ich mir nicht sicher. Passen würde es. Zirkusse sind uralte Orte. Alle, die mit dem Zirkus zu tun haben, sagen, dass du nichts anderes mehr willst, wenn du im Zirkus bist. TRUMPF scheint ein Großer unter den Kleinen. Der Maschinenpark sieht gut aus. Einen schwere Zugmaschine, meine ich gesehen zu haben. Die Wagen im Rechteck. Das Zelt Ein Mann steht vor einer zur Seite geschlagenen Zeltplane. Hallo, kann ich sie mal sprechen, bitte. Er dreht sich zu mir. Er hat oben und unten breite Zahnlücken. Er hat wenig Haar. Er schaut freundlich. Ich sage, ich sei ab heute der Dorfdichter, der herum gehe und fahre und Menschen Dinge fragt. Weil er ja nichts weiß von diesem Dorf und seinen Menschen. Ob er die Tage mal vorbeischauen könne, um mit ihnen ein wenig zu plaudern? Ja, das macht dann meine Cousine, das ist okay, kein Problem. HSK steht auf den Nummernschilder. Hochsauerlandkreis, sag ich. Er nickt. Immerhin, der Dorfdichter ist nicht blöd, denkt er, aber dann sag ich: oder seid ihr morgen schon weg? Ich hatte die Seuche für einen Augenblick vergessen, das war schön.

Ich sitze auf der Terrasse des Grünen Winkels. Frauen tratschen. Kinder spielen. Gegenüber wohnen Ägypter, sagt meine Vermieterin. Ich mag Lebenslärm. Technischen Lärm mag ich nicht. Eine Amsel singt. Auf den Kissen der Gartenbank liegt eine schwarze Kätzin. Sie ist ein bisschen gedrungen, hat ein eher breites Gesicht, hat die smaragdenen Augen, und ist äußerst gesprächig. Grenzen setzt sie, wie alle Katze, wenn ihr danach ist. Ich wusste von ihr. Ich hatte mich auf die gefreut. Meine letzte Katze starb vor fünf Jahren. Ich habe dreißig Jahre mit Katzen gelebt. .


19:44

auf terrassen und balkonen

raucht das frisch verbrannte tier,
stilles dorf, es ist mein wille,
komm, gib mir ein bier.


Mo 10.05.20 16:05 /Krise Tag 422 / mild, bewölkt


Dorfschreiber Tag 2 10.05.2020

Als ich jung war, hieß es, langsam an mit den jungen Pferden. Heute würde man mir eher vorschlagen, die "base zu chillen". Eines nach dem anderen also. Gott hatte sich für die Welt 7 Tage reserviert, obwohl er Besseres zu tun gehabt hatte, aber man hatte ihn gefragt, er hatte zugestimmt, die Welt sollte Form annehmen, er wusste, wie es ging, also machte er sich ans Werk.

Mein Werk ist bescheidener. Er heißt Everswinkel und ich habe zwei Monate Zeit, um "es" zu vollenden. Heute ist mein zweiter Tag, und ich habe schon alle Hände voll zu tun. Eine Lehrerin der Waldorf Schule fragte mich, was das denn sei, ein Dorfschreiber. Sowas hätte sie noch nie gehört. Ich erklärte es ihr, ich dachte, mann, das wird viel Arbeit, und fuhr weiter Richtung Alverskirchen.

Man hatte mir geflüstert, es käme zwischen Alverskirchen und Everswinkel immer wieder zu Reibereien. Ich hatte es nur gehört, aber da es da, wo ich herkomme, auch eine scheinbar natürliche Feindschaft zwischen den Orten Gronau und Epe gab, die sich auf Schützenfesten hin und wieder per Faustkampf entlud, dachte ich, da Alverskirchen der kleinere der beiden Orte ist, und ich per Definition auf der Seite der Unterlegenen bin, fahre ich zunächst dorthin, schreibe mir unterwegs alles auf, was ich sehe, und schmiede zu Ehren der Alverswinkler daraus eine Ballade. Und erst, wenn die fertig ist, habe ich Feierabend für heute. Wie sie heißt, weiß ich schon.Oder besser, ich weiß, wie sie hießen könnte. Ballade für den Detektiv etwa, denn an der Neustraße gibt es eine Detektei. Ballade für die Dampfmühle auch, Ballade für den Stufengiebel, Ballade für die Patenschaftsbäume, Ballade für den alten Küchenbullen, oder besser einfach: Ballade. Wir werden sehen, was daraus wird.


23:22

Ballade für Alvinskerken

Am Haselweg
unter dem jungen Spitzahorn
stehen zwei Bänke fest verkettet,
und an den Stamm genagelt
hängt die Stange eines Siebenenders
und Hörner eines jungen Bocks,
der Wind kommt aus Südwest, er bettet
die dunklen Wolken und zerzaust ihnen den grauen Rock.

Am Sportpark Wester
bellt ein Labrador mich an
sein Herrchen mäht den Rasen
dann und wann
schaut er herüber und der Hund begreift,
dass ich nichts Böses will, sein Schweif
schlägt, bis auf Weiteres geschlossen,
steht auf dem Torschild, alle Fragen bleiben offen.

Ich mach nichts mit,
weil ich nichts machen darf, denn Ferne
ist die Losung, Abstand halten, dieser Tage,
dass man das Up'n Hoff nicht gerne
hört, ist keine Frage,
am Tag Vierhundertzweiundzwanzig dieser Krise,
zähl ich in Anbetracht der südwestlichen Brise
das Virus, das schon weiche Knie hat, aus.

Schön wär's,
wir wären Patenbäume
auf dem Weg nach Alvinskerken, Linden,
mit weichem Grün, bis dreizehn Jahre alt,
wir würden uns in bester Laune finden
ich hör schon, wie der Korken knallt,
ich seh' den Kirchturm von St. Agatha,
ich seh zwei Hasen, den Gedenkstein,
ein Haus, die Nummer 5, verwaist. allein,
ich geb der Leeze Zunder und bin da.

Ich dreh den Kreisverkehr durchs Dorf,
zähle die Stufengiebel, wäre gern zu Hause,
Schürkötters Mühle, renoviert,
im Golddorf mach ich eine Pause,
St. Agatha schau ich mir später an,
weil ich heut nichts mehr sehen kann,
es ist beschlossen,
noch zum Spaß, den Kreisverkehr umkreist
dann heimgereist.


Di 11.05.20 12:10 / Krise Tag 423 / bewölkt, um die 14 Grad

Gestern war ein ausgefüllter Tag.
Heute bin ich müde und lustlos. Heute ist der Dorfschreiber faul.

17:15

ein anspruchsvoller laubmischwald
und wo man hinschaut - aronstab
ein fußgänger von stattlicher gestalt
seit 72 jahren auf dem weg zum grab

doch keine angst, er lebt,
sein smartphone schellt und rüttelt,
er nimmt's zur hand, es wird einfach nicht still,
ganz gleich, ob er es drückt, ob schüttelt,
ihm scheint, es tut nicht, was er will.

er steckt es weg, im laub der bäume singen
paar amseln, finken und der regen tropft,
dem mann wird leicht, die arme schwingen,
er setzt sich auf die frisch ummulchte bank und klopft

den rhyhtmus für das nachmittagsgedicht,
die melodie dazu hat er blut,
man schreibt es, oder schreibt es nicht,
ein dorfschreiber bist der, der's


18.30

Pater Bück, ein Verwandter der Familie Dernebockholt, beschließt, sich im unruhigen Deutschland um 1870 in der Bauernschaft Schuter in der Nähe der Angel eine Einsiedelei zu bauen. Er will allein sein und beten. Er will sehen, wie das ist vor Gott, oder ob es überhaupt so etwas gibt wie Gott, das will er rauskriegen, und dafür braucht die Welt nicht. Dass die Welt trotzdem zu ihm kommt, ihn sogar zu verehren beginnt und Almosen bringt, verwirrt ihn. Das war nicht Sinn der Sache. Er will nicht eitel sein. Vielleicht ist es eine Prüfung, denkt er, und tut etwas Handfestes. Er baut in der Nähe seiner Einsiedelei eine Lourdes Grotte. Das ist etwas, was man von allen Seiten anschauen kann, man kann drum herum gehen, man kann es schmücken.

Ich machte mich auf den Weg. Meine Navigation steht auf zwei Säulen: einer angeborenen Orientierung und einer Neigung, jeden, von dem ich hoffe, dass er bald auftaucht, zu fragen, wo es lang geht, wenn er tatsächlich auftaucht. Der Radweg nach Sendenhorst endet irgendwann. Plötzlich wieder so exponiert auf einer Straße zu fahren, die für Männer in schwarzes Golfs jederzeit für hundertdreißig gut ist, macht keinen Spaß.

Aber noch auf dem Radweg überholte mich eine etwa Vierzigjährige. Sie fuhr E-Bike, ich fahre eine dreißig Jahre alte Gazelle. Ich hörte sie herankommen, und rief ihr, den Kopf über die linke Schulter zudrehend, zu, ich sei der Dorfschreiber, ob sie wisse, wo die Lourdes Grotte sei. Nä. Lourdes Grotte? Ein Marienaltar. A der, ja, da, vor der Gärtnerei links. Und dann war sie schon weg. Schönen Abend noch, hatten wir wohl gesagt, und ich dachte, so soll es sein, sie erzählt das jetzt zuhause. Da war einer, sagt sie, auf dem Rad, den will ich überholen und der sagt, ich bin der Dorfschreiber. Weißt du, was das ist? Nö.

Gleich hinter der Angel kriecht eine Weinbergschnecke über Weg. Ich steige ab, um sie zu fotografieren. Ein Passat kommt heran, ich winke, ich stelle mich vor die Schnecke, damit er sie nicht platt fährt. Er hält. Ein Mann Mitte Zwanzig lässt die Scheibe runter. Ja? Ich suche die Mariengrotte. Wissen Sie, wo die ist? Da hinten, bei den Bäumen, sagt er. Danke.

Wenn das Volk fromm ist, baut es solche Altäre. Ich habe volksfromme Prozessionen in Südamerika gesehen. Die waren bunt, Blechbläser und Trommler marschierten unter blinkenden Lichtgirlanden, heiligem Rauch und Inbrunst. So oder ähnlich, wenn auch nicht so ausgelassen, da der Westfale anders temperiert ist, wird ist im Schuter auch ausgesehen haben, damals, und dann fällt mir noch ein, dass ich den jungen Mann im Passat auch hätte fragen können, wie man denn lebt auf dem Land, aber das krieg ich schon noch raus, ich bin ja erst drei Tage hier.


Sa 15.05 18:30 /Krise Tag 427/ wechselnd bewölkt, Regen, frisch

Die einen lassen dich spucken, die anderen schieben dir ein Wattestäbchen ins Hirn, wieder andere schieben Wattestäbchen kaum einen Zentimeter tief in die Nase, dafür aber in beide Löcher, neueste Erkenntnis. In der Hohenzollern Apotheker waren Hirntester unterwegs, unfreundliche Leute. Der Test war wie erwartet negativ. Wir hatten ein erstes Bier in der Außengastronomie angepeilt, jetzt aber regnet es, ein wenig Donner rollte herum, könnte aber sein, dass es zum Abend noch aufklart.