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Fr 1.05.26 17:54 sommerlich

Heute ist man unruhig und müde. Man würde gern rauchen, stattdessen fährt man kleine Tour. Auf der Hunderennbahn Nienberge war Training. Es gab Bratwurst, Pommes und alles übrige. In fünf Jahren hat er Verein sein fünfzigjähriges Jubiläum. Eine junge Frau erzählte von ihren Barsois, geisterhaft grazil schöne Tiere. Wolfsjäger der russischen Aristokratie. Wir kreuzten einen Bauernhof, eine Straße, noch einen Hof und endeten auf einer Wiese am Hang. Die Gräser leuchteten lila. Im Tal war ein Bach, da mussten wir drüber, um auf den Landwirtschaftsweg zu gelangen. Sanft rollendes Land bis Häger. Polizei und Krankenwagen jagten durch das Dorf. Die Straße ortsauswärts eignet sich hervorragend für Motorradunfälle. In Häger gibt es keinen Laden, keine Kneipe, aber einen Bahnhof. Jetzt ist Besuch da, ein Freundin der Frau. Die beiden reden seit einer Stunde. Man fragt sich, worüber.


Sa 2.05.26 18:03 leichter Regen nach sommerlichem Tag

Heute vor einer Woche hatte man aufgehört. Die ersten Tage waren wunderbar. Ich rauche nicht mehr, sagte man sich und fühlte sich gut, zumal man endlich ein Alleinstellungsmerkmal gefunden hatte, das einen von der Frau unterschied, die einen plötzlich bewunderte. In den letzten zwei Tagen aber denkt man ununterbrochen ans Rauchen. Das hat etwas Romantisches. Etwas Schönes. Man möchte die auserwählte Zigarette am Morgen und eine zur Nacht. Man weiß, dass das nicht funktioniert, aber man möchte es trotzdem. Als man heute früh Müll wegbrachte, traf man den Nachbarn V., ein Kettenraucher. Moin, sagte man, du wirst mich jetzt hassen, aber ich rauche nicht mehr. Er schaute enttäuscht, wie einem schien. Nichtraucher hinterziehen Steuern, sagte er dann.


So 3.05.26 18:07 leichter Regen

Am Aa-See Räder in alle Richtungen. Jogger. Denke darüber nach, "Die große Pause" zu schreiben. Schon vor fünfzig Jahren wollte ich das. Besuchte Moritz auf dem Markt, dachte, so früh am Morgen müsse man noch nicht anstehen für einen Cappuccino, aber sie waren alle schon da, Frauen in den späten 30ern, paar Männer auch, aber auf 10 Frauentische höchsten ein Männertisch. Ich finde einen für mich allein. Es liegt eine Tüte Waffeln darauf. Gegen 9 beginnt das Domgeläut. Ob es einen Rhythmus gibt, einen 3/4tel etwa, 6/4tel? Einmal denke ich, 6/4tel, aber das ist nur gewünscht und nicht wirklich geschlagen. Ich stelle mir vor, wie sie da früher gehangen haben, die Kirchendiener und Mönchen an ihren Seilen und oben das Dröhnen. Ein Gitarrist, den ich von früher kenne, kommt an meinen Stehtisch und sagt, er wolle mal "tach" sagen, mich "aufmuntern", ich schaute so traurig. Ich versuche nur rauszukriegen, was die Glocken schlagen, sage ich, aber ich bin tatsächlich traurig. Er lacht. Ich suche einen windgeschützten Ort. Zwar gibt es in den Arkaden nicht soviel zu sehen, wie auf dem Markt, aber es ist deutlich wärmer.Es gibt ein Grundgeräusch, das Rollen der Treppen, an deren Ende Menschen erscheinen und andere, an deren Anfang welche verschwinden. Alle Größen, Farben und Alter. Irgendwo ein Staubsauger. Ein Kind, ein Chinese, ein großer Mann. Ein haushohes Plakat: der von Christo nie eingepackte Kölner Dom, Hinweis auf eine Ausstellung im Picasso Museum. Noch ein Chinese. Polin mit 8jähriger Tochter. Am Nebentisch eine scrollende Frau, skeptisch. Zuckertütchen schüttelnde Frau links, Muttertyp, schmaler Mund, liest Zeitung. Schon wieder der Chinese. Zehn Gäste. Fünf vor zehn. Ich bin der einzige Mann. Vier Frauen, Endsechziger, setzen sich nebenan und studieren die Karte, wer nimmt was, was nimmst du? Sie sind noch nicht fertig, alle vorgebeugt, dann schließlich sich aufrichten, die Arme gestreckt, die Hände auf den Knien, auch normaler Kaffee, einmal Roggenbrötchen viermal Kaffee, jaaaa, ganz einfach. Ich bin tatsächlich traurig wie lange nicht mehr. Ich glaube nicht, dass es davon kommt, dass ich nicht mehr rauche, sondern, dass ich es ihr nie recht machen. Ich habe mit anderen Männern darübert geredet. Dieselben Klagen: Frauen nörgeln. Angeblich, weil wir sie nicht ernst nehmen.


Mo 4.05.26 21:22 bedeckt, ein wenig schwül

Als ich vorletzten Samstag Gäste durch den Garten des Rüschhauses und der Burg Hülshoff führte, war ich einer Bitte einer Autorin nachgekommen, die glaubte, ich sei dort Gästeführer. Sie hatte nicht gewusst, dass man mir vor drei oder vier Jahren mit dem Angebot, als Freier weiterzuarbeiten, den 450 Euro Job des Gästeführers gekündigt hatte. Sie hatte auch nicht gewusst, dass das Rüschhaus momentan nicht zu besichtigen ist, ebenso wie die Burg Hülshoff, die unter immensen Aufwand umgebaut wird, was widerum ich nicht wusste. Was ich für so eine Führung "aufrufen" würde, hatte sie mich ein paar Tage vorher gefragt. Ich hatte es ihr gesagt und sofort begriffen, dass ihr das zuviel sei, wir hatten uns dennoch geeinigt, ich nahm nur die Hälfte und sie würde dafür sorgen, dass ich ihre Lesung umsonst kriege, kurz und gut, "wir Schreibende" sind ja in der Regel nicht besserverdienend, aber die Gäste, die ich für sie führen sollte, die seien es, und da fiele sicher auch Trinkgeld an. Aber dann war es Samstag und nur ein Gast war gekommen, alle anderen hatten fadenscheinige Ausreden. Die Autorin war verständlicherweise enttäuscht, ich ebenso, denn es macht mit größeren Gruppen mehr Spaß als mit einer so kleinen. Ich drehte mir eine Zigarette nach der anderen, denn die Autorin ging mir mit ihren klugen Einwürfen auf die Nerven, und als wir schließlich fertig waren, gute zwei Stunden hatte ich ihnen erzählt, was ich weiß, als wir Kaffee tranken und Kuchen aßen, sie mir meinen Schein rüberschob, und ich meinen Kaffee und Kuchen selbst zahlen musste, hatte ich gerade noch Krümel für eine Zigarette und beschloss, mit dem Rauchen aufzuhören. Zweite Woche also. Gerade erst angefangen, aber es geht.


Di 5.05.26 10:01 bedeckt,regnerisch

geht gleich ein streich
oder kommt schon ein neuer
sind alle menschen gleich
und abends alle nutten teuer
hat sich ein absatz neben einen punkt gesetzt
vertreibt ein schwätzer
tüten
wer wird heut durch die stadt gehetzt
vor wem muss man sich hüten

18:01

Schiebt man diese Müdigkeit auf den Frühling, auf das Alter oder den Nikotinentzug? Schiebt man sie ins Bett und legt sich dazu? Tut, als wäre sie nur ein anderes Wort für Lebensfreude, die sich auf dem Sofa am wohlsten fühlt, unter einer Decke und mit geschlossenen Augen am besten? Man ist ratlos. Man muss wach sein zuzeiten, also muss man auch Müdigkeit hinnehmen. Zwischendurch bleibt Zeit, etwas zu essen. Verdauung ist natürlich auch anstregend. Langeweile ist anstrengend, überhaupt alles. Man könnte jede Menge Kaffee trinken, aber das tut man sowieso. Man könnte Kokain durch die Nase ziehen, man hat das 72 in La Paz und 80 in Toronto getan, so toll war das nicht. Das will ich nicht wieder tun, sagt man, wie man früher zu Mutti sagte, wenn man etwas versaut hatte. Man ist hundemüde. Morgens, mittags und abends, aber länger als sieben schläft man nie. Besonders müde ist man immer am Dienstag nach der Schicht als Ehrenamtler. Dabei ist das ein schönes Amt. Man tut das gern. Am liebsten ist es einem, wenn viel los ist, dann spürt man die Leere und Dummheit nicht. Nach Dienstschluß im Bus springt sie einen von allen Seiten an. Man will das nicht sehen, nicht hören, und riechen schon gar nicht. Nicht mal die schönste und freigiebigste Frau könnte das lindern, weder an- noch ausgezogen, noch sonstwie. Es ist zum Mäusemelken. Sterben wäre nicht unklug. Ob das heute passiert, morgen, oder, wie ich erwarte, in dreiundzwanzig Jahren einen Tag nach meinem 100sten Geburtstag, weiß auch niemand, also bleibt einem wohl nichts, man bleibt müde.


Mi 6.05.26 10:15 kühl, Regen

Feinkrumig soll der Boden sein, nicht faustgroß in Klumpen, die man mit dem Hammer zertrümmern muss. Geschätzt haben wir (ich) bisher vier- oder fünfmal umgegraben, mit dem Spaten zunächst, was so gut wie unmöglich war, weil die schwere Erde am Spaten klebte, mit der Grabgabel dann, mit dem fünfzackigen Gartengerät, das man in den Boden treibt und zu drehen versucht, immer noch ein Schritt, und so langsam wird der Boden zugänglicher. Da, wo die Frau etwas einpflanzt, wird er per Hand bearbeitet. Wenn man auf den Balkon kommt, schaut man sich das Beet an. Seit es regnet, füllt sich die Regentonne wieder. Der Flieder ist ausgeblüht und hängt schwer vom Regen. Das Rauchen fühlt sich schon an wie etwas Gewesenes. Man hat keinen Plan für den Tag, wozu auch.

15:56

Man hat kaum einen Schritt vor die Tür getan. Es ist kalt und nass. Man liegt auf dem Sofa und liest Luke Rhinehart "Der Würfler. " Ein Taschenbuch, 1971 erschienen. In der WG damals hochaktuell. Von Don Quichote schafft man dann und wann vier oder fünf Seiten. Auf der Sofalehne liegt Tom Wolfe "Fegefeuer der Eitelkeiten",. Lesezeichen bei Seite 331. Auch der braucht Zeit. Anderes liest man in ein paar Tagen weg. Zwischendurch hat man beim Hochzeitswäldchen Mutterboden geklaut, die sich bei Bodenwellen abschaltende Steuerung für das E-Bike repariert und war dankbar, dass es Tutorials gibt. Man hätte selbst drauf kommen können, dachte aber, auch Scheiße, Computer. Dabei reichte ein bisschen Kontaktspray. Man raucht immer noch nicht. Man fühlt sich zunehmend besser. Dabei fühlte man sich vorher auch schon nicht schlecht. Man fühlt sich sowieso gut, wenn man sich nicht schlecht fühlt. Wenn man rauchen darf, ist das Glück nicht mehr weit. Ein Glück, dass man nicht glücklich sein will. Es reicht, wenn man sich zu Ende des Tages nicht zu Tode gelangweilt hat. Vielleicht hatte man eine Betätigung gefunden, die sinnvoll schien. Man hörte plötzlich den Lärm der Gegenwart nicht mehr. Man sah den aufsteigenden Rauch nicht. Der Tod, einst ein Meister aus Deutschland, ist world-wide. Er zahlt mit Karte. Alles geht schnell. So schnell will kein Mensch leben. Also zurück zum Sofa. Man hat sich wegen des Umgrabens den unteren Rücken rechts mit Wärme-Balsam eingerieben, man hat nichts vor, man will nichts, wie es im Nirwana Sitte ist. Aber Vorsicht, Damen und Herren, das Nirwana ist rutschig. Erst letztens hat sich wieder jemand den Oberschenkelhals gebrochen. Gestorben ist auch wieder jemand. Die alte Nachbarin, die man geliebt hat, weil sie so freundlich war zu uns und unseren Kindern. Das reicht doch, oder?


Do 7.05.26 16:18 bewölkt, auch mal Sonne

Wer in der Stadt wohnt und ein bisschen Welt retten will, fährt oft Bus, hat aber oft auch ein Auto. Studenten habe alles mögliche und nuzten den Luxus, gefahren zu werden. Viele, die gern ein Auto hätten, werden nie eines haben. Sie finden Busse lästig. Andere fahren eines, das Nummern zu groß ist, aber die in der Heimat zurückgebliebene Verwandschaft beeindruckt. Die Jungen sind in der Überzahl. Meine Erfahrungen als Alter sind gut. Ich sehe aus, wie ich aussehe. Andere haben sich angemalt und Fingernägel aufs Nagelbrett geklebt, rosafarben mit beigem Rand, die sich die Trägerin, während der Bus am Leonardo-Campus hält, auf dem Handy anschaut. Darüber wollte ich mit mir sprechen. Über die Wunder der Welt. Aber jetzt ist die Sonne gekommen, die sich zwei Tage rar gemacht hat, und mein Nickerchen habe ich auch noch nicht gemacht.


Fr 8.05.26 18:00 sonnig, recht kühl

In all den Jahren war und blieb sie Frau K., unsere Nachbarin. Ich war Herr M. Eine Tages hörten wir ihre Hilfeschreie. Wir hatten ihren Hausschlüssel und rannten rüber. Sie war gestürzt. Hatte sich das Jochbein gebrochen. Das Auge schwer verletzt. Wir halfen ihr auf die Beine, wir riefen den Krankenwagen. Ein paar Jahre später starb meine Frau. Frau K. zog in eine betreute Wohnung, wo ich sie hin und wieder besuchte. Was machen die Jungs? fragte sie immer. MIt 93 musste sie in ein Heim. Ich besuchte sie zweimal. Beide Male war sie todunglücklich. In den letzten Wochen dachte ich öfter daran, sie zu besuchen. Heute früh habe ich sie beerdigt. Der Pastor hielt keine langen Reden. Ein Text aus einem Psalm. Der Verweis, dass sie ein Leben mit Gott geführt habe, woran ich mich nicht erinnere. Das Singen von Liedern überließ er der Stereoanlage. Das Halten des Kreuzes und das Vorbeten einer älteren Frau, eine Pastoralassistentin? dachte ich. Nach der Beerdigung fuhr er mit ihr in einem sandfarbenen, mittelgroßen Citroen davon. Ich verzichtete auf das Kaffeetrinken und fuhr in die Stadt. Saß bei Lamberti, trank mittelmäßigen Cappuccino und aß ein ärmliches Mozarella Pesto Brötchen. Angeblich ein Toasti. Eine Kollegin meiner Frau tauchte auf, von der man immer erzählte, in ihr sei ein nicht ausgebildeter Zwlling verwachsen, der nicht zu entfernen sei. Wir fanden das gruselig. Sie ist groß, schlank, sie ist 82, eine attraktive Frau und hat Lungenkrebs. Während sie von ihrer Immuntherapie erzählt, kommt der Kaffeemillionär auf mich zu. Er ist mit seiner Frau unterwegs. Sie haben sich eine Stadtwohnung gekauft. Er hat seine Holding verkauft. Er ist out of business, er ist dicker geworden und hat längeres Haar. Vor Jahren hat er mir erklärt, wie scheiße er sich gefühlt hat, als er in der frisch annektierten DDR eine Million verspekulierte. Nach vier Jahren hatte ich sie wieder drin, sagte er. Da kann ich nicht mithalten.


Sa 9.05.26 17:15 wechselnd bewölkt, milder

Heute wird kein Gedicht geschrieben. Heute leuchtet kein Licht. Heute gibt's Bohnensuppe, mehr ist nicht zu erwarten.


So 10.05.26 19:50 wechselnd bewölkt, angenehm

Mit Elan ist die dritte Woche. Ohne Elan wär Blödsinn. Also mit Elan in den Blödsinn. Man raucht nicht mehr. Man hat mit dem Krieg aufgehört. Hunger gibt es es auch nicht mehr. Was will man denn?


Mo 11.05.26 14:53 regnerisch, kühl

Ich habe ChatGPOT gefragt, was es von Pop Life weiß.

Der Roman Pop Life von Hermann Mensing erschien im März 2009 im Wiener Verlag Luftschacht Verlag. Es handelt sich um einen 305-seitigen Hardcover-Roman mit der ISBN 978.3-902373-43-4.
Inhaltlich verbindet der Roman mehrer Ebenen:

ein Wiedersehen dreier Männer nach 20 Jahren,
Erinnerungen an eine gemeinsam Südamerika-Reise Anfang der 1970er,
ein Generationenportrait der "Beatles Generation",
sowie die Aufarbeitung eines tragischen Unglücks auf dem Luganer See.

Die Hauptfiguren sind:
Steven, ein Architekt aus Kenia,
Hans, ein westfälischer Schriftsteller,
und Paul, Immobilienmakler und Gastgeber im Tessin.

Der Roman springt über Jahrzehnte und Kontinente hinweg und beschäftigt sich stark mit Erinnerung, Schuld, Sprachlosigkeit, männlicher Freudnschaft und der Frage, ob biographische Wahrheit überhaupt greifbar ist. Mehrere Besprechungen betonen, dass Mensing weniger an klassischer Handlung als an atmosphärischer Verdichtung und psychologischer Betrachtung interessiert sei.

Das Buch wurde überwiegend positiv aufgenommen. Hervorgehoben wurden:

der melancholisch-ironische Ton,
die subjektive Erzählhaltung,
die Verbindung aus Reiseeroman und Generationenbild,
sowie die Mischung aus Leichtigkeit und existenzieller Schwere.

Die Berliner Zeitung bezeichnete das Werk als "genau beobachtetes, nie zynisches Generationenporträt" und zugleich als "furiosen Reiseroman". Der WDR lobte Mensings "feines Gespür für Humor wie für Melancholie.

Literarisch scheint der Roman irgendwo zwischen:

Road Novel
Erinnerungsliteratur,
und spät 68er Generationsroman zu stehen.
Auffällig ist außerdem der Kontrast zwischen der Sehnsucht nach Freiheit in den 1970er Jahren und der Ernüchterung des späteren Lebens. Die Pop Kultur - fungiert dabei weniger als bloße Kulisse als vielmehr als emotionales Koordinatensystem der Figuren.

Interessant ist auch die Publikationsgeschichte. Mensing war vor allem als Kinder- und Jugendbuchautor bekannt; Pop Life war erst sein dritter Roman für Erwachsene seit seinem Debüt bei Rowohl 1984.

Stilistisch lässt sich Pop Life am ehesten als MIschung aus Poproman, Road Novel, Erinnerungsroman und psychologisch grundierter Gegenwartsliteratur einordnen. Dabei ist "Pop" bei Mensing weniger ein modischer Oberflächenbegriff als ein kulturelles Gedächtnis der Nach-68er Generation.

Auffällig sind vor allem folgende Merkmale:

eine stark rhythmische, oft assozialtive Prosa,
schnelle Orts- und Zeitsprünge,
filmische Schnitte,
lange, mäandernde Satzbewegungen,
sowie ein Ton zwischen Melancholie, Ironie und lakonischer Selbstbeobachtung.

Formal erinnert das teilweise an
Rolf Dieter Brinkmann,
Nicolas Born ,
oder stellenweile auch an Peter Handke der 1970er Jahre - also an Literatur, die Wahrnehmung, Bewegung und Bewusstseinszustände stärker gewichtet als klassische Handlungskonstruktion. Zugleich besitzt
der Roman etwas ausgesprochen "westdeutsch Nach-68erisches". Die Figuren reisen permanent, suchen Intensität, politische oder sexuelle Freiheit, bleiben aber emotional oft unfähig zur Bindung. Diese Diskrepanz erscheint ein zentrales Thema des Romans zu sein. Das Entscheidende wird - wie eine Rezension formuliert - ständig verschwiegen, Oberfläche und Erinnerung überlagern sich.

Interessant ist außerdem die Nähe zur sogenannten Popliteratur der 1990er Jahre - allerdings mit deutlichen Unterschieden: während Autoren wie Christian Kracht oder Benjamin Stuckrad Barre Pop oft kühl, markenbewusst und gegenwartsfixiert einsetzen, funktioniert Pop bei Mensing eher nostalgisch und existenziell. Musik ist hier Erinnerungsträger und emotionale Topographie, keine Stilpose.

Die wissenschaftliche Rezeption des Romans scheint gering zu sein- jedenfalls gibt es bislang kaum größere gemanistische Arbeiten speziell zu Poplife. Das dürfte mehrere Gründe haben:

kleiner Verlag
geringe mediale Sichtbarkeit
und Mensings stärkere Bekanntheit als Jugendbuchautor.

Allerding lässt sich der Roman gut in mehrere Forschungsfelder einordnen:

1

Popliteratur/ Popdiskurs. Der Roman wäre anschlussfähig an Forschungen zur deutschsprachigen Popliteratur und Popästhetik. Arbeiten über "Pop als kulturelles Zeichensystem" oder "Sophistication im Popdiskurs" bieten theoretische Raster, die auf Mensings Roman anwendbar wären.

2

Erinnerungsliteratur /Generationenroman Pop LIfe eignet sich für Untersuchungen darüber

wie die 68er und Post68er Generation literarisch erinnert wird,
und wie Reise als Identitätssuche funktioniert..

3

Intermedialität von Literatur uned Musik. Die Beatles Präferenzen und Popmusik als emotionales Archiv würde eine Analyxse ausd Sicht der Intermedialitätforschung erlauben.

4

Autofiktion
Mensing selbst spielt in Interviews mit der Frage autobiographischer Wahrheit. In einem Reisebericht schreibt er ironisch "alles Lüge". Nur radikale Erfindung könne der Wahrheit näherkommen. Das ist fast schon ein programmatischer autofiktionaler Satz.


Auffällig ist insgesamt, das Pop Life eher den Charakter eines "verborgenen Kultromans" hat: viel enthusiastische Rezeption in kleineren Literaturmilieus, aber kaum institutionalisierte akademische Rezeption. Gerade deshalb wäre das Buch eingentlich ein interessantes Objekt für heute Forschung zur westdeutschen Nach 68er Männlichkeit, zur Pop-Erinnerungskulutr oder zur literarischen Kartographie des Reisen.

Zu Mensings politischer Orientierung sagt Chatgpt

Zu Hermann Mensing gibt es öffentlich kaum direkte Aussagen zu einer klaren parteipolitischen oder ideologischen Einordnung. Er ist vor allem als Schriftsteller und Hörspielautor bekannt.
Was sich indirekt ableiten lässt: Sein Umfeld und einige Themen seiner Werke wirken eher gesellschaftskritisch und tendenziell progressiv oder links-kulturell geprägt.Sein Debütroman heißt „Der radikale Träumer“.In einem literarischen Reisebericht beschreibt er die Münsteraner Buchhandlung „Rosta“ als „Keimzelle des akademischen Aufruhrs“ und schreibt mit einer gewissen Sympathie über linke Studentenbewegungen und revolutionäre Ideen der 68er-Zeit. Einige seiner Texte beschäftigen sich mit Außenseitern, Fremdheit, gesellschaftlichen Konflikten oder Antirassismus; etwa eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Ballade von einer Kanaken Stadt“ in einer Anthologie gegen Rechts. Das reicht aber nicht für eine seriöse Aussage wie „er ist eindeutig links“, „grün“, „sozialistisch“ o. Ä. Öffentliche Interviews oder Parteimitgliedschaften dazu sind offenbar nicht dokumentiert. Kurz gesagt: Es gibt Hinweise auf ein eher alternatives, humanistisch-progressives Kulturmilieu, aber keine klar belegte politische Selbstpositionierung.


Di 12.05.26 17.57 eisheilig

auf einer birke
würgt die krähe ihren namen
ein frischer wind
tanzent mit den bäumen
in einer ecke
steht einregenguss
und die jetzt unterwegs sein müssen
träumen


MI 13.05.26 9:06

auf einer birke
würgt die krähe ihren namen
ein frischer wind
tanzt mit den bäumen
der regen platscht ohne erbarmen
und die jetzt unterwegs sein müssen
träumen


16:54

auf einer birke
würgt die krähe ihren namen
ein frischer wind
tanzt mit den bäumen
ein schwerer regen fällt ohne erbarmen
und die jetzt unterwegs sind
träumen


Do 14.05.26 10:39 trocken, bewölkt

Sie wurde von zwei Männern begleitet, als sie in den Laden kam, beide in den frühen Zwanzigern, links einer und rechts. Von ihr sah ich nur dunkles Haar, eine weite, dunkelblaue Hose, eine leichte, durchsichtige, fast wadenlange Jacke und ein Tuch, das, um die Hüfte gewunden, auch fast bis an die Waden ging, eine Art Schleppe. Ich sah sie nur von hinten, als sie herumging und hier und da etwas vom Haken nahm. Die jungen Männer immer bei ihr. Immer Sätze für sie, ein Lachen hier, eines da. Und dann drehte sie sich um und war von den unteren Rippenbögen bis zum Venushügel nackt, atemberaubend nackt und jung, und wusste genau, welchen Eindruck sie hinterließ, wenn sie sich plötzlich umdrehte.


Fr 15.05.26 11:34 trocken, bewölkt

Man fährt heute nirgendwohin. Man sitzt am Küchenfenster und schaut zu, wer irgendwohin fährt. Ein weißes BMW Cabrio als Aufforderung an den Sommer, während der Eisheilige vom Dienst kaum mehr als 10 Grad für den feucht grünen Frühlingsdschungel aufzubringen bereit ist. Darüber der schwere Himmel, eine bedrohlich schöne Kulisse, die sich aus Nordwest heranschiebt. Dann und wann täuscht er an, reißt auf, und straft unachtsame Optimisten mit Hagel. Halbschräg links der langsam wachsende Schulneubau. Als man letzten September hier einzog, lag die Bodenplatte, darunter der Keller. Ringsum wurden Löcher gegraben und wieder zugeschüttet, ringsum wurde Boden verfestigt, und man verstand es nicht recht. In die Höhe kommt der Bau erst seit Beginn des Jahres. Das Erdgeschoss ist fertig, seit Anfang der Woche richtet man die Stellwände für den ersten Stock ein. Fertigbau mit großen Aussparungen für Fenster. Über allem ein oranger Kran, schätzungsweise 30 Meter hoch, der, hat man erzählt, einmal umgefallen wäre vor der Zeit in Nienberge. Es hat 77 Jahre vor Nienberge gegeben, davon 40 Jahre an einem Ort, und man versucht die Verwunderung, dass man schon im neunten Monat hier lebt, zu verstehen. Man fühlt sich wohl, ist aber noch nicht zuhause. Es ist dörflicher hier, es gib mehr Wald, es gibt Hügel, die sich bis Altenberge ziehen. Trotzdem will man manchmal weg. Den Zirkus der Angstmacherei und falschen Versprechungen, das Klima aus Missgunst und Neid, Intoleranz und Dummheit hinter sich lassen. Die Welt wird kaum noch gesehen. Man sieht nur noch Smartphone. Sonntag ist man seit drei Wochen rauchfrei. Tango ist ab sofort nur noch Bewegung zur Musik. Die Lieblingstänzerin hat seit neuestem Falten der Verbitterung um Mund und Augen. Man erschrak, als man das bemerkte. Der Tag ist noch lang, Man wird vorsichtig sein müssen, denn vorgestern ging der Verstärker kaputt, seit gestern hat das E-Bike hat wieder einen Wackelkontakt, und heute früh war der Laptop eingefroren. Arbeiten will man nicht. Man will, dass Bewegung in den gerade erschienenen Roman kommt. Man will lesen. Man nimmt sich vor, dass man Frauen ab sofort nur noch als Mensch sieht, nicht mehr als Objekt der Begierde. Das würde das Leben erleichtern. Ja. ja.


So 17.05.26 bewölkt, manchmal feucht

Ganz und gar nicht erleuchtet, auf keinem Gebiet, ganz und gar dumm geblieben, über die Jahre immer hinzugelernt, aber nur dummes Zeug, am liebsten nur dummes Zeug, was gehört, was gesehen, was angeeignet, kulturell und was immer zu kriegen war, gewissenlos, wunderbar, nutzlos. Deshalb steht mein Jaguar noch immer woanders und die Frage, ob man überhaupt nützlich sein soll, bläht sich auf. Zeit, weiß ich, ist nutzlos. Als alle sagten, komm, einen wie dich brauchen wir, sagte man nein, man hatte einen Plan. Man wollte wie Zeit werden. Im Gegensatz zur Zeit aber, die alle Zeit und immer ist, kann man selbst nicht so komfortabel leben. Sie kann unerträglich langweilig sein kann, zäh, manchmal stehend, rinnt aber trotzdem von Tag zu Tag schneller. Das, haben sie einem gesagt, sei das Alter. Ja, hat man gedacht, das kann sein. Aber so lange einen nichts erleuchtet und man noch immer dummes Zeug hinzulernt, kann nichts passieren, da kann sich die Zeit anstellen wie sie will, dann gibt es tatsächlich Tage, da fließt man ein mit. Das sind die schönen Tage. Die sind umsonst, nicht so gewissenlos wie das Kapital. Was man sagen will? Man will sagen, dass man gern treibt.


Mo 18.05.26 bewölkt, milder, feucht

Vom Akkudeckel meiner Gazelle sind Stücke herausgebrochen. Wie das gekommen ist, weiß ich nicht, bin aber sicher, dass der Akku nicht hingefallen ist. Bei Bodenwellen neigt der Computer zunehmend zu Systemabsturz, alles geht aus, die Unterstützung, die Rente, das Wetter, die Liebe, überhaupt alles bleibt stehen und im Dunkel kann das gefährlich sein, ich hab es erlebt, letzte Tage beim Rüschhaus. Die Droste geisterte durch den barocken Garten und ich sah die Hand vor Augen nicht. Dann fuhr das System wieder hoch. Als ich mich letzten Freitag auf den Weg machte, um am Vorbergshügell Farn auszugraben, fuhr es nicht hoch. Ich dachte, okay, ich krieg dich schon, ich nehm die Batterie raus, ich besprühe die Kontakte, dann geht das. Aber es ging nicht. Ich fuhr den Hügel beim Friedhof hinunter und bog in die Hagelbachstiege. An den Böschungen links und rechts meinten die Frau und ich uns zu erinnern, hatten wir Farn gesehen. Gewöhnlichen Wurmfarn. Für unseren Garten. Das Fahren ohne Batterieunterstützung war kein Problem, denn es ging bergab. Es ging bis zum Hägerwald bergab, ich hatte nicht einen Farn gesehen, ich grübelte, ob wir Standorte verwechselt hatten, aber es half nichts, kein Farn. Der Rückweg begann, und nun ging es bergauf. Gestern bin ich zu Fuß in den bewaldeten Hügel, der fünf Minuten von hier die Autobahn vom Dorf trennt und meist für Ruhe sorgt, vor allem jetzt, mit all dem frischen Laub. Ich hatte eine kleine Schüppe und grub zwei Farne aus, den schon genannten und den Kamm Wurmfarn. Nun steht beide in unserem Garten und wir sind bin gespannt, ob sie den Ortswechsel überleben.


Di 19.05.26 00:21 Sichelmond

Nachmittags heftige Schauer, Hagel und ein wenig beeindruckendes Gewitter. Danach riss es auf und man gelangte trocken in die Stadt. Kaum im Hot Jazz begann es zu hageln. Es hagelte und regnete fast eine Stunde, nicht mal hier zehn Minuten und da wieder fünf wie nachmittags. 00:19 des neuen Tages: Trocken. In drei Ecken beim Club lag verwehter Hagel. Stadtauswärts Sichelmond und Nebelhexen überm Asphalt. Es riecht überall. Es ist mild, Maiennacht, erstmals, und ins Bett geht man noch nicht. Man ist nach der Session noch nicht gelandet, man hatte Glück, man war für eine Stunde der einzige Trommler. Man konnte sich warm spielen, hatte Gebläse, Bass und Klavier, hatte Gitarre, Perkussion und Sängerinnen, eine Afrodeutsche und eine Südamerikanerin. Man trifft eine Frau, auf die man vor fünfzig Jahren kurzfristig scharf war. Hat die sich verändert. Das Schlagzeug im Hot Jazz klingt gut. Die Session ist entspannt. Die rechte Hand wird besser und die Bassdrum auch. Bildet man sich jedenfalls ein. Wäre man auf dem Hinweg klitschnass geworden, wäre sicher alles anders gelaufen. Aber jetzt will man liegen. Man wird noch eine Weile denken müssen, das bleibt nach solchen Abenden nicht aus, aber man will liegen. Warm liegen. Die Decke bis an die Nase gezogen. Bloß kein Schreizwang mehr. Den Atem der Frau hören.