bSeptember 2026
mensing literaturBücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de
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Di 1.09.26 11:32 bewölkt
Es fisselt. Du hast keine Lust.
22:15
Du hast Grasskekse gegessen. Du hast Kartons getragen. Du hast Kleidersäcke getragen. Du warst hundemüde. Du warst nicht tanzen. Du hast auf dem Sofa gelegen. Du hast Musik der alten Männer gehört. Du bist ein alter Mann. Kein Hahn kräht nach dir. Vielleicht kommen sie zu deiner Beerdigung. Oder sie sterben vor dir. Du hast Glück gehabt. Du bist kein Idiot. Ob du ein Dichter bist, entscheiden andere. Du weißt, was du bist.
Mi 2.09.26 8:29 bewölkt
Wenn DU jemanden meint, mit dem du sprichst, kann es nicht ICH sein. Ob du eine Gestalt in Time bist, ein Traum oder eine Projektion des universellen Bewusstsein, von dem du gelesen hast, kannst du nicht einschätzen. Es ist etwas so ungeheuerliches, dass es dir fast den Teppich unter den Füßen fortgezogen hat. Bewusstsein, hieß es, sei nicht etwas, was ein Individuum entwickle, sondern ein bereits existierender Zustand des Universum, an dem es nur teilnimmt.
DU erwachst, rollst aus dem Bett, schlüpfst in Barfußschuhe und hast das Haus verlassen, eh auch nur ein Funken Verstand gezündet hätte. Beim Haus mit den ungewaschenen Gardinen und der faden Neonröhre beginnst du mit deiner Eroberung. Du musst dich überwinden. Du hast festgestellt, dass das Stehen auf einem Bein, wahlweise links und rechts bei gleichzeitigem Versuch, mit den Hände in den Himmel zu greifen, nicht immer einfach ist. Manchmal kippst du. Heute hast du gestanden wie die Eins. Deine Morgenroutine macht Freude. Innerhalb der nächsten halben Stunde gerätst du mehrfach außer Atem. Es könnte auch sein dass du tot umfällst. DU glaubst, du hättest Glück gehabt?
17:31
Der wichtigste Zweck der zweiten Person Singular ist die direkte Ansprache. Auch bei Befehlen und Aufforderungen in Komplizenschaft mit dem Imperativ. Komm! Ein besonderer Gebrauch ist das allgemeine "du"- Wenn du mal alt wirst...Hier ähnelte es dem Indefinitpronomen "man". Damit könntest du eventuell arbeiten.
Do 3.09.26 8:27 bewölkt
Es ist bedeckt. Du könntest aufräumen, Klavier spielen, Paradiddle üben oder schreiben. Du lässt das. Dir fehlt die Gier, du hast keinen Killerinstinkt. Du legst dich wieder hin. Du hast ein Bett mit Aussicht. Vielleicht kommt der Grünspecht. Sieh zu, wie der Tag vergeht. Du hast Frühsport gemacht. Dein System hat es sich gemerkt. Du baust Kondition auf. Du staunst. Du hättest dir das vor ein paar Wochen nicht vorstellen können.
Fr 4.09.26 11:14 bewölkt, windig
Föhniger Morgenwind. Du warst nicht in Form. Graskekse sind gut für Improvisationen auf dem Klavier, aber schlecht für frühe Bewegung. Du hast dennoch Arme geschwungen, Körper gebeugt, Gelenke gedehnt, hast eine Runde gedreht und auf dem letzten Aufstieg, den du dir jedes Mal gönnst, an drei Stellen Psylozibinpilze entdeckt. Auf dem Heimweg hast du dich über eingetütete Hundescheiße am Wegrand geärgert. Heute feierst du. Vor einem Jahr bist du hierher gezogen. Du schaust in den Garten und fasst es nicht. Aus einem Fleck von Efeu überwuchertem Land ist ein Paradies geworden. Ständig blüht irgendwas, es wachsen Tomaten von köstlicher Süße, extra scharfe Pepperoni, Zucchini und knackigster Salat. Das Jahr ist verflogen wie ein Spuk. Gleich setzt du dich aufs Rad, fährst zum Markt am Kirchplatz und isst beim Holländer Backfisch. Heute Abend gehst du ins Kino. Du willst Vaterland sehen. Sonntag sind Wahlen. Danach wird das Geschrei noch größer sein als zuvor, egal, wie es ausgeht. Das Vaterland ist in Gefahr. Die Welt ist in Gefahr. Das Geschrei ist kaum noch auszuhalten. Man muss etwas tun.
So 6.09.26 15:33 sonnig
Wie sie sich bei der Begrüßung umarmen. Es geht ihnen gut, sagen sie auf die Frage, wie es ihnen geht. Alle können das, nur du nicht.Du bist früh vor Ort. Du sitzt eine Weile und beobachtest. Du ahnst, dass du nicht warm werden wirst, tanzt aber dann doch und weißt schon jetzt nicht mehr mit wem, es ist auch egal. Du bist dir fremd, sie sind dir fremd, du bist sicher, es liegt an dir. Es wird immer voller. Der Rittersaal der Burg Lüdinghausen schwirrt. Du musst auf engstem Raum navigieren, tanzen kann man das nicht mehr nennen, also fährst du nach Hause. Lange Geraden, ruhige Fahrt. Du fährst nie schneller, als du vorausschauen kannst. Einmal überholt dich ein Audi in hohem Tempo. Du musst an W. denken, der auf dieser Straße von einem in hohem Tempo fahrenden Wagen gerammt wurde und starb. Dir fehlen die Worte. Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Mo 7.09.26 15:39 sonnig und warm
Der IKEA Gründer Ingvar Kamprad war als junger Mann Mitglied einer nationalsozialistischen Organisation. Da solltest du froh sein, dass der Sessel, den du kaufen wolltest, nicht vorrätig war. Du warst mit dem Roller über die A1 nach Kamen gefahren, hattest einen Aufzug benutzt, eine Etage durchlaufen und zwei Mitarbeiter um Hilfe gebeten. Als klar war, dass du den Sessel nicht probesitzen konntest, wolltest du das Haus auf schnellstem Wege verlassen. Aber das geht nicht so einfach. Die Pfeile zum Ausgang leiten dich vorher einmal durch's ganze Haus. Zum Glück waren zwei Mitarbeiter in gelben IKEA T-Shirts in der Nähe. Ich will hier raus! sagtest du zu ihnen. Wir auch, sagten die beiden, und dann fragte der eine, ein großer, stark tätowierter Mann, ob du Ware hättest. Nein, sagtest du. Dann kommen Sie mal, sagte er, ging mit dir zur nächsten Tür, hielt seinen Ausweis vor ein Lesegerät und entließ dich in die Freiheit. Du wirst also diesen Sessel nicht kaufen. Weder diesen, noch irgendeinen anderen. Die Idee, deinem rasant alternden Leib (gestern war er noch 30) und deiner Lust zu lesen einen sicheren, bequemen Ort zu bieten, hat sich erledigt. Du brauchst ihn nicht. Du hast ja zwei Sessel. Und in Anbetracht der Wahlerfolge der faschistischen Rechten in Sachsen-Anhalt (nicht die Alten waren das Zünglein an der Waage, sondern die Jungen) wirst du nie mehr bei Rechten kaufen. Im Übrigen bist du recht zuversichtlich, dass die Rechten sich sehr bald und sehr gründlich selbst erledigen.
Mi 9.09.26 16:40 windig, wechselhaft
Du hast "Ich" von Wolfgang Hilbig gelesen. Du glaubst, du verstehst jetzt, wieso die Landsleute im Osten ticken, wie sie ticken. Aber dann verstehst du es doch wieder nicht, denn wie siehst es denn aus im Osten, und wie sah es damals aus. Nein, du verstehst es doch nicht.
21:29
du hättest worte
du hättest einen langen arm
du hättest eine faust
du bist sprachlos
dein herz zerspringt
du verlierst verstand
dein lieblingshut ist auch weg
was soll das
du bittest um wunder