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mensing literatur
 

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So 1.04.07   10:30

Es war an meinen Füßen. Ich versuchte es wegzustrampeln, aber es blieb. Es war schwer und lebendig. Ich warf mich herum. Ich hatte zu tun. Ich musste flämmen. Ich rannte mit einem Flammenwerfer durch einen Krankensaal. Menschen flüchteten. Alles war tonlos. Ich wusste nicht, wieso ich das tat. Und dann auch noch mein Herz, das von einem Augenblick auf den anderen wild losgaloppierte, dass ich fürchtete, es überschlüge sich und dann hätte ich den Salat, könnte Plüff grüßen und meine Beerdigung wäre nicht halb so schön wie seine.


Mo 2.04.07   8:32

Titel: M. und die Kunst, Tag für Tag verstreichen zu lassen, ohne etwas zu beginnen, obwohl er wüsste, was er beginnen könnte.

14:24

Das Letzte, was ich schreiben möchte, wäre eine Geschichte wie die, die ich gerade lese. (Werner Schmidli: Der Seidenrosenbaum) Zwei Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder und sprechen über Vergangenes. Über Gescheitertes auch, über die Vergeblichkeit aller Anstrengungen etc. pp.

Das ist ordentlich, es ist gut beobachtet, aber ich schriebe lieber etwas anderes.
Etwa, dass die junge Frau, die, sagen wir, ich wäre jetzt wieder so alt und sähe sie in einem Café, trotz ihrer Schönheit nie meine Frau werden könnte, weil sie silberne Slipper trägt.
Oder dass sie nie meine Frau werde könnte, weil sie sich auf die Unterlippe beißt.
Und silberne Slipper trägt.
Und einen Pferdeschwanz.
Und wunderschöne Zähne hat, auch.

Was sie nicht weiß, ist, dass sie mit jedem Augenblick, den sie dort mit ihren Freundinnen sitzt oder mit ihrem Freund, ein wenig verfällt. Sie wird das gar nicht bemerken, sie wird wieder ihre silbernen Slipper anziehen und ihre brünetten Haare zu einem Pferdeschwanz binden, und trotzdem hat sich irgendwo etwas verändert, hat sich etwas eingeschlichen, das gestern noch nicht war.

Und so wird das weitergehen. Irgendwann wirken die silbernen Slipper zickig, der Pferdeschwanz wirkt zu jung, die strahlenden Zähne werden trotz aller Pflege faulen, es ist gemein, aber so wird es kommen, und dann könnte ich froh sei, dass sie nie meine Frau geworden ist, denn nun würde ich diese Slipper hassen und diesen Pferdeschwanz und was es sonst noch gibt, alles würde ich hassen.

Deshalb ist es besser, ich bleibe mit meinen nicht geschriebenen Geschichten in der Gegenwart, da, wo ich mich auskenne, in dieser Traumwelt, die einen Namen hat, eine Adresse, einen Beruf (Autor), ein Einkommen auch, ein unsicheres zwar, aber ein Einkommen.
Und dann nähme ich allen Mut zusammen und begänne.
Aber wie gesagt: heute nicht. Morgen auch nicht.
Vielleicht überhaupt nicht mehr, wer weiß so etwas schon.
Denn wofür, für die Schublade? - Da liegen noch fünf Romane.

 

Di 3.04.07   9:39

Nachgefragte, bezahlte Arbeit steigt am Horizont auf. Theaterarbeit: nicht für die Schublade, sondern für etwas, das aufgeführt wird. Der Termin steht schon fest, es ist der 4. August dieses Jahres. Der Ort: Düsseldorf. Das Projektes ähnelt in der Grundidee der sozio-interkulturellen Arbeit des Cactus Theaters. Mal sehn, wie das ausgeht. Erste Gespräche habe ich geführt.

Wie sagt Muse M.: es bleibt spannend.
Ja, süßeste aller Musen, ja, ja, hast schon recht, aber du weißt doch, dass ich maßlos bin und immer unzufrieden, dass man es mir nie recht machen kann, weil ich immer mehr will, immer mehr, weil ich dazu geboren bin, am höchsten Berg zu zerschellen.

9:59

In letzter Zeit werde ich häufig zwischen drei und vier Uhr in der Früh wach. Immer geistert dann Plüff durch meine Gedanken. Vielleicht ist er um diese Zeit gestorben. Ob er noch wach geworden ist, vorher, ob er noch gedacht hat, was ist das denn für eine Scheiße, wieso rast mein Herz plötzlich so und wa....

Ich strecke meinen Arm aus und fühle Frau M., die tief schläft und dann wird mir besser. Aber schön ist das nicht, diese nächtliche Erinnertwerden, es soll bitte bald aufhören. Hast du gehört, Plüff, es reicht, schließlich haben wir dich neben deinem ehemaligen Mitbewohner beerdigt, also ....

12:12

Da war noch was. Eine Geschichte war zu erzählen. Nicht die Geschichte Jakobs, der in einer Imbissbude arbeitet und immer dann, wenn kein Kunde da ist, in der Ecke sitzt und seine aramäische Laute zupft.

Nein, nein, die nicht, die von Jakob habe ich schon erzählt, letztes Jahr, glaube ich.
Die Geschichte, die ich erzählen wollte, hatte mit meinen Lesungen zu tun.
Richtig. Sie hat mit meinen Lesungen zu tun, jetzt weiß ich es wieder.

Wenn ich zu Lesungen fahre, nehme ich mir Zeit. Man weiß nie, der tatsächliche Weg kann ganz anders sein als der auf der Karte projektierte. Meist endet das so, dass ich weit vor der Zeit auf dem Parkplatz einer noch verwaisten Schule stehe.

Ich hatte die Autobahn benutzt, war den Berg hoch nach Tecklenburg gefahren, hatte den Teutoburger Wald überquert, war den Straßenschildern gefolgt, hatte mich zwischen zwei Orten gefragt, wieso an mehreren Haltestellen geistig Behinderte warteten, bis ich im zweiten Ort die Behindertenwerkstatt sah.

Ein Lehrer kam und mutmaßte sofort, ich müsse der Autor sein, was ich bejahte. Wir gingen ins Gebäude, man fragte, ob ich lieber in der Pausenhalle oder oben lesen wolle, oben wäre ein Raum, der groß genug sei, ich sagte, dass mir geschlossene Räume lieber seien, dann kam der Direktor, stellte sich vor, wir gingen ins Lehrerzimmer, tranken Kaffee und machten ein wenig Konversation.

Über meinen Namen, meine Herkunft etc. pp. Nichtdichter wollen immer gern wissen, wie Dichter Dichter geworden sind, also berichtete ich treu und als wir an einem meiner früheren Wohnorte angekommen waren, stutzte der Direktor und fragte: Wo da?

Er meinte, wo ich gewohnt hätte.
Ich sagte: In der Villa Händler.
Er schaute mich an, stutzte und sagte dann: Hermann?

Ich hatte keine Ahnung, bis er erzählte, dass er damals, als wir in Händlers Scheune lebten, im Erdgeschoss der Villa lebte. Natürlich. Jetzt fiel er mir ein. Er lebte da mit seiner Frau und hatte einen Sohn, Thomas, der oft in unserer WG zu Besuch war.

Ich hatte längst erwartet, vor einer Lesung in irgendeinem Lehrerzimmer einmal auf einen Studienkollegen zu treffen, schließlich bin ich knapp am Lehrer vorbeigerutscht, aber das ist bis jetzt noch nicht passiert. Nur dass ich Josef wiedergesehen habe. Ich habe zwar nicht viele Erinnerungen an ihn, aber eben an Thomas, und das schien uns aufs herzlichste zu verbinden.

Ja, diese Geschichte wollte ich seit letzter Woche erzählen. Gut, dass sie mir wieder eingefallen ist.

 

Mi 4.04.07   15:06

Man spricht mit Menschen, die in Redaktionen sitzen und darauf warten, dass Autoren sich vor ihnen verbeugen, man spricht mit ihnen und hat den Eindruck, der/die ist ganz nett, man hat ihm/ihr ein Exposé zugeschickt, schon vor einiger Zeit, man weiß, jeder Redakteur lässt seine Autoren gern so lang es eben geht im Ungewissen, und dann fragt dieser Redakteur wie aus heiterem Himmel etwas, was man noch nie vorher gefragt wurde. Es klingt, als käme es direkt aus einem Seminar für Manager, in dem es darum geht, zu jeder Zeit und an jedem Ort das Alpha-Männchen zu sein, komme was wolle.

Die Frage lautet: Und weshalb sollte ich das machen?

Man denkt, sag lieber nicht, was du sagen willst, verschluck es und sag: Weil ich es schreiben werde. Das beeindruckt den Redakteur. Damit hatte er nicht gerechnet. Man selbst auch nicht. Immerhin hat man jetzt wieder etwas gelernt: man weiß, wenn einem dreiste Frage gestellt werden, muss man dreist antworten.

 

Do 5.04.07  9:24

Seltsam müder Tag. Um halb neun war ich allein im Wohnzimmer. Die letzten eineinhalb Stunden hatte ich mit Blick auf den sich verfärbenenden Abendhimmel unter der Decke verschlummert. Sollte ich zur Session fahren? In die Blechtrommel?

Mich daran erinnern lassen, dass Plüff nicht mehr da ist, wo ich ihn doch gerade erst losgeworden bin nach meinem Einspruch. Oder wär es besser, ins Bett zu gehen? Das Problem: wenn ich auf dem Sofa döse und anschließend ins Bett gehe, bin ich meist schon wieder hellwach, eh ich mich richtig eingemummelt habe.

Ich drömmelte (westfälisch für: vertrödeln) also noch ein wenig herum, dann zog ich mich an, nahm meine Sticks, verließ die Wohnung, setzte ich mich ins Auto und fuhr in die Stadt.

Wenn ich in die Blechtrommel komme, gehe ich an die Theke, begrüße Plüff und Plüff macht mir einen Calvados. Aber Plüff ist tot, das wissen Sie. Der neue Wirt kennt mich nicht und ich kenne ihn nicht, also fällt der Calvados weg. Ich gehe nach hinten durch. Die Band spielt schon.

Ich setze mich an den Musikertisch. S. sitzt da, ein Saxophonist, wir begrüßen uns. Daneben ein Paar, das ich nicht kenne. Eine Mittdreißigerin mit durchscheinend straffer Haut, schläfrig blasiertem Blick und einer Federboa. Ihr Mann/Freund ist klein, mollig, hat eine sehr kurze Kurzhaarfrisur, einen Eierkopf, einen Ohrring im rechten Ohr, einen Kinnbart und trägt eine viel zu kleine, runde Hornbrille. Arschloch, denke ich ungefragt.

Kaum sitze ich, S. hat gesagt, das ist Hermann, ein Schlagzeuger, das ist T., auch Trommler, beugt T. sich kollegial zu mir rüber und sagt in einem Ton, der mit "hör mal, Alter..." am Besten beschrieben wäre, ob das denn was einbrächte, das Trommeln. Ich antworte, ich sei Amateur. Semi-Profi? fragt er. Angeber, denke ich, sage nein, Amateur, nur zum Spaß. Aha, sagt er und merkt, dass ich kein Gespräch will, sondern lieber zuhören möchte.

Die Band spielt eine Weile, dann ist die Bühne frei.

T. war vor mir im Haus, also darf er auch als erster auf die Bühne, wenn er will. Und wie er will. Er hat keine eigenen Sticks. Er ist offensichtlich aufgeregt, ich habe ihn noch nie vorher gesehen und bin gespannt.

Auch Angeber können gute Trommler sein, obwohl die Erfahrung eher das Gegenteil sagt. Eine Band findet sich und beginnt zu spielen. T. kann nichts, oder so gut wie nichts. Sessions sind haarige Angelegenheiten. Jeder kann stürzen. Einmal gezeigt, dass man ein Stutzer ist und alle Welt macht einen Bogen, wenn man auftaucht. Sagen wird einem niemand etwas.

T. poltert vor sich hin und in den Gesichtern der übrigen Musiker spiegelt sich blankes Entsetzen.

Als das Stück zuende ist, kommt F., der Organisator, und tut etwas sehr Mutiges. Er geht zu T., sagt, dass heute sehr viele Trommler im Haus wären (was stimmte, es waren vier) und er deshalb jetzt den jungen Japaner an die Trommeln lassen solle.
T. steht auf und setzt sich wieder zu uns.
Ich vermeide den Blickkontakt.

Hoffentlich fragt er nicht, wie er war?

Heute abend habe ich eine Verabredung mit his Bobness.
Wir werden früh losfahren und uns bis an die Bühne vorkämpfen.

17:00

Schade, dass die interessantesten Informationen selten in der Zeitung stehen.

Wo z.B. haben die vom Iran freigelassenen britischen Soldaten die Anzüge her, die sie auf dem Foto, das heute in allen Zeitungen steht, tragen?

Ist bei Nacht und Nebel ein britisches Flugzeug gekommen und hat die Konfektionsware gebracht?
Ist das die Kampfuniform der Briten (schließlich weiß der Brite, wie ein Gentleman auszusehen hat)?
Hat der iranische Präsident gedacht, scheiß drauf, kaufen wir ihnen Anzüge, das muss drin sitzen, außerdem sieht es familiärer aus?

Sie sehen, man weiß es nicht. Ich wüsste es gern. Sie nicht auch?

 

Fr 6.04.07   16:18

Lieber Bob,

damals besaßen nur Arzt- und Architektensöhne deine Platten. Ich meine nicht weltweit, sondern in meiner kleinen Stadt an der Grenze. Die beiden gingen aufs Gymnasium, während ich mich in einer Spedition demütigen ließ. Ich besuchte sie, nahm mein Grundig TK14 Tonbandgerät mit und zeichnete deine Platten auf. So kam es, dass ich schon 1965 deine Musik kannte.

Visions of Johanna habe ich geliebt.

Trotzdem war ich mir nie sicher, ob ich deswegen auch dich lieben sollte. Natürlich fanden alle, dass du dagegen wärst, ich war es ja auch, ich hätte dich also schon lieben können, aber da nur Gymnasiasten deine Platten besaßen, blieb ich misstrauisch.

So kam es, dass ich mir nie Platten von dir kaufte.

Das änderte sich erst 1997. Daniel Lanois produzierte Time out of mind. Not dark yet war mein Lieblingsstück, aber eigentlich stimmt das nicht, ich liebe die CD nämlich von vorn bis hinten und wieder nach vorn.

Seitdem habe ich mir alle CDs von dir gekauft. Ein Buch mit deinen Texten steht in meinem Regal, sodass ich jetzt, wenn ich Verständigungsschwierigkeiten habe, nachschauen kann. Ich begriff plötzlich, worum es dir in deinen Liedern ging. Dass der ganze Protestquatsch dich eigentlich nie interessiert hat. Dass du ein Geschichtenerzähler bist wie ich, und sonst nichts.

Sag mal, Bob, ist es nicht komisch, in Ländern auf der Bühne zu stehen, in denen nur ein geringer Prozentsatz deiner Hörer dich versteht?

Gestern warst du in Münster. Ich kann dir gleich sagen, was ich denke, was du bist: ein alter, großartiger Mann. Wie du über deiner weißen Schweineorgel hängst und hin und wieder mit der Schulter zuckst. Wie du nörgelst beim Singen und knurrst und brummst. Wie du breitbeinig stehst beim Gitarrespielen, als hättest du zu dicke Eier.

Dass du allerdings weder Guten Tag noch Auf Wiedersehn sagst, dass du dich nie bedankst und das Publikum nicht ein einziges Mal anschaust, ist komisch. Man könnte das verstockt nennen, aber ich habe ja den Scorcese Film gesehen, und da warst du ganz freundlich.

Trotzdem: auf der Bühne lässt du zwischen den Liedern sogar das Licht herunterfahren, wahrscheinlich, damit du nicht mit uns sprechen musst. Okay, Bob, vielleicht bist du schüchtern, ich kenn dich ja nicht, aber ich wusste, dass du dich so benimmtst, ich nehm's dir deshalb auch nicht übel, ich meine, die Leute jubeln ja trotzdem, aber was glaubst du was los wäre, wenn du hin und wieder auch mal einen Satz sagtest.

Nicht auszudenken.
Ich nehme an, du willst das nicht, oder?
Okay, deine Sache.

Wusstest du, dass du Fans hast, die dir hinterherreisen wie einst die Deadheads hinter Grateful Dead? Wir haben ein paar von ihnen getroffen, gestern, nach dem Konzert. Amerikaner und Italiener und eine Deutsche. Die waren schon überall. Die nehmen Urlaub und kreuzen den Globus mit dir. Die fanden deinen gestrigen Auftritt durchschnittlich. Die sagten, eines deiner größten Konzerte hättest du 2000 in Münster gespielt.

Möglich, dass das stimmt, ich weiß es nicht, ich war ja nicht dabei, aber das, was ihr gestern gespielt habt, hat mir sehr gut gefallen. Diese Mischung aus 3-Viertel Taktern und Power-Shuffle, die zerhackten und neu zusammengesetzten Stücke aus der Frühzeit, Don't think twice, Like a rolling stone und All along the watchtower waren gewaltig.

Deine Band macht ungeheuren Druck, was mal wieder beweist, dass alte Männer nicht getötet gehören, wie manche sagen. Das Beste an deinem Konzert aber war, dass ihr Musik gemacht habt. Musik mit hohem Risiko. Sehr intime Musik.

Und wir, Muse M. und ich, durften dabei sein, danke.

Wir waren ganz in deiner Nähe, wir waren früh gekommen und hatten uns bis auf zwei Meter an den Bühnenrand herangearbeitet, wir haben stehen müssen die ganze Zeit, was, wie du weißt, in unserem Alter gar nicht mehr so leicht ist.

Das, was du gestern auf der Gitarre und deiner Schweineorgel gepfuscht hast, und was die Soundmixer gnädig ein wenig in der Hintergrund gemischt haben, darüber sprechen wir nicht, okay. Wir sprechen lieber darüber, dass mich deine Lieder gerührt, deine Musik erfasst, dein Auftritt beeindruckt hat.

Falls jemand eine coole Sau ist, du könntest eine sein.

In diesem Sinne, Bob, alles Gute, noch viele Konzerte, vielleicht sehen wir uns noch mal...

 

Sa 7.04.07   11:02

PS.

Bob, fast noch cooler als du ist dein Bassist, dieser rattenzahnige Tony Garnier, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, unter der Krempe seines mexikanischen Cowboyhuts (der bestimmt einen Namen hat, sowas wie Borsalino) ständig Augenkontakt sucht, sich mit dem Schlagzeuger blendend unterhält, und, wie ich später von den Dylan-Heads erfahre, der musical director der Band ist.

Und noch was, Bob. Du hast sicher gedacht, ich sähe das nicht, aber ich habe es gesehen. Donnie Herron (Steel Guitar, Geige und Mandoline) hatte dich bei Kicks zu Thunder on the mountain angelacht und du hast zurückgelacht.

Danach sahst du gleich wieder aus, als wärst du auf einer Beerdigung. Und als ihr nach der Zugabe in einer Reihe vorm Publikum standet, Männer meines Alters, hat nicht einer von euch eine Mine verzogen. Grandioses Theater, mein lieber Mann, so schlechter Laune muss man erst mal sein, oder so cool.

PPS.

Bob, ich habe deinen Bühnenmixer nach dem Konzert gefragt, ob er mir nicht die Playlist überlassen könne, aber er sagte, das dürfe er nicht, das sei ihm not allowed. Not allowed, wie sich das schon anhört! Ich hoffe, du weißt das gar nicht. Oder steckst du etwa dahinter? Der Mixer ist ein großer Kerl, einer deiner bärenstarken Landsmänner, die ihr graues Haar zu einem langen Zopf gebunden haben und im Showgeschäft überleben.

Okay, danke, sagte ich, er zuckte bedauernd die Achseln, dann rief ihn jemand aus dem Publikum, auch ein Amerikaner, der Mixer kam nach vorn an die Absperrung, die beiden gab sich die Hand, etwas wechselte den Besitzer, ein piece, wie ich annehme, das piece verschwand in der Hosentasche des Mixers, fertig.

Die Leute verließen in Scharen die Halle. Wie standen noch vor der Bühne und schauten zu, mit welcher Windeseile die Bühne abgebaut wurde. Spezialisten mit Helmen turnten unter der Hallendecke. Ich war beeindruckt. Daher der Name Showgeschäft, dachte ich.

Hi Bob, ich bin's nochmal.

Du hättest mich am Tag danach sehen sollen. Da habe ich mich mit meinen noch vom Konzert müden Beinen ins Auto gesetzt und bin über Land gekreuzt, wie ihr das in Amiland tut. Muse M. und ich fuhren ins idyllische Tecklenburg, das in nicht zu ferner Zukunft ganz bestimmt unter den Schutz der UNESCO gestellt wird.

Reines Fachwerk, Gassen, Gässchen, so wie ihr euch eine deutsche Stadt vorstellt. Sehr hübsch. Saßen dort in der Sonne, aßen ein Eis, tranken Kaffee, beäugten die Wanderer, Mountain-Biker und Sonntagstouristen, quasi unsere Mitgreise, die wir natürlich verachteten, selbstredend, kreuzten westwärts, weil ich Muse M. diesen verwunschenen botanischen Garten in Dörenthe zeigen wollte, den ein Liebhaber vor über hundert Jahren angelegt hat, dann noch Bärlauch gepflückt in Häger, schließlich nach Hause und abends ins Kino.

Und was meinst du, Bob, was wir uns angeschaut haben?

Du glaubst es nicht. Ich wäre von selbst nie drauf gekommen, aber Muse M. wollte ihn sehen, und dann sagte sie, dass Zack Snyder doch auch Sin City gemacht hätte, und den fand ich schwerst beeindruckend. Okay, sagte ich, dann komme ich mit.

300.
Die Schlacht der Spartaner gegen Xerxes Horden.

Xerxes, eine mit goldenen Piercings und Schmuck von oben bis unten durchlöcherte und behängte, von seiner gottgleichen Macht pervertierte Schwuchtel. Mein lieber Herr Gesangsverein! Ich nehme an, alle Kriegsfilme sind Antikriegsfilme, jedenfalls habe ich das mal aus dem Munde eines amerikanischen Superstars gehört?

Man haut sich ordentlich auf die Fresse. Blut spritzt gern in im Wechsel von Freeze, Slow-Motion und Normalzeit durchs Bild. Der Film ist computer-animiert, die Landschaften sind virtuelle Landschaften, man hat nach dem Vorbild eines Comics gearbeitet, der visuelle Eindruck ist ein sehr vordergründiger, alles, was Hintergrund ist, wirkt tot.

Natürlich gab es beeindruckene Bilder, aber mein Ding war das nicht...

Überhaupt, dieses Ereigniskino. Schon die Vorschau war eine einzige Tortur.
Drei oder vier Filmtrailer flimmerten über die riesige Leinwand des Cineplex, etwa alle 30 Sekunden geigte und paukte sich das Orchester synchron mit irgendetwas auf der Leinwand Explodierendem zu einem ohrenbetäubenden Crescendo. So ging das eine Viertelstunde.

... von Lanzen durchbohrte Leiber, abgehackte Arme und Köpfe, unüberschaubare Menschenmassen, Monster, hymnische Musik, kitschig-pathetische Off-Kommentare, völlig überflüssig, denn meist sah ich ja, was gesagt wurde. Leichenberge, sephiafarben, jawoll ja, aber es hilft nichts, ich fand Krieg vorher schon Scheiße, deshalb wende ich mich lieber wieder Filmen zu, bei denen ich weinen kann, intelligente Gesellschaftskomödien mit Hugh Grant, du weißt schon, Bob, wir alten Männer sind eben auch nur Menschen.

It's not dark yet, but it's gettin' there....

bye bye.

 

Mo 9.04.07   17:10

Nach 52 Kilometer auf dem Rad.

 

 

 

Di 10.04.07   8:48

Er hat dunkle Haut wie Südfranzosen manchmal und schwarzes Haar. Er fährt ein Plastikmotorrad. Es hat Doppelräder und eine grün-weiße Polizei-Lackierung mit Logo: Polizei. Er setzt mit schwingenden Bewegungen der Beine die Füße auf die Erde und kommt so ziemlich schnell voran, aber dieses Schwingen ist am Lenker nicht leicht auszubalancieren.

Er kreuzt den Bürgersteig, fährt durch die Schlange der Wartenden vorm Bäcker, die Ostermontag besonders lang ist, stoppt und ruft etwas. Er hat er den Hund gesehen, der an einem Gitter festgebunden ist. Er hat Angst vor Hunden. Große Angst.

Er wartet, bis sein Vater heran ist, groß, dunkelblond, schon ein wenig grau hier und da. Sein Vater sagt Beruhigendes, bedeutet ihm, sich mit ihm hinten anzustellen und geht fort. Der Junge bleibt. Er starrt auf den Hund.

Sein Vater ruft ihn mehrfach, aber der Junge trotzt. Sein Gesicht ist entschlossen. Er bewegt sich keinen Zentimeter. Schließlich kommt der Vater und holt ihn. Der Junge will aber nicht gehen, er will auf den Arm. Von dort fixiert er den Hund im Vorbeigehen.

Als die beiden das Ende der Schlange erreichen, setzt sein Vater ihn ab. Der Junge bleibt bei den Beinen des Vaters, zeigt auf den Hund und sagt: Der darf nicht auf der Erde sitzen. Der Vater sagt, doch, Hunde dürfen das wohl. Hinter der Stirn des Jungen beginnt es zu arbeiten. Wieso Hunde etwas dürfen, das er nicht darf, wird ihn eine Weile beschäftigen.

11:42

Ein Kunde ruft an.
Guten Tag, lieber Kunde sage ich, was kann ich für dich tun?
Ich hätte da was, sagt der Kunde. Ich erkläre das mal ...
Nur zu, sage ich, ich höre. Sollte es im Hintergrund zischen und klappern, ich mache mir gerade Kaffee und einen Toast. Lassen Sie sich davon aber nicht irritieren.
Ich dachte, Multitasking wäre eher etwas für Frauen, sagt der Kunde.
Nein, sage ich, ich kann das auch.

Der Kunde erklärt, wer er ist und was er vorhat.
Sein Vorhaben klingt interessant. Ich habe so etwas schon einmal gemacht und würde es wieder tun.
Wieso man denn gerade auf mich gekommen wäre, frage ich.
Der Kunde sagt, also das war so ....
Aha, sage ich.

Der Kunde erklärt, was geschehen soll und wer das Projekt finanziert.
Ich höre genau hin, denn dahinter stecken Leute mit Geld, die sind geizig, das weiß ich, ich habe schon einmal für diese Leute gearbeitet, da wollten sie überhaupt nichts zahlen.

Der Kunde sagt, die und die machen auch mit und dann sagt sie Termine und wie das alles ablaufen soll und: Wieviel würden Sie denn dafür verlangen? Sie müssen das jetzt nicht sofort sagen, Sie können sich das natürlich überlegen.

Ich antworte: Eh ich das entscheide, würde ich gern wissen, mit dem ich es zu tun bekomme, schließlich gibt es im Umfeld derartiger Projekte viele gutmeinende Menschen, will sagen: ich achte auf Qualität, um gut Meinende machen ich lieber einen weiten Bogen. Also, wenn Sie mir da ein paar Referenzen besorgen könnten?

Ja, sagt der Kunde, ich will mal sehen. Die sind von dem Verein.
Mit dem Verein meint der Kunde die Leute mit Geld und Leute mit Geld sind nicht unbedingt Leute mit Geschmack und Fachwissen.

Gut, gut.

Wir verbleiben wie folgt: Ich bin grundsätzlich bereit, an dem Projekt teilzunehmen, bitte aber um eine schriftliche Zusammenfassung des am Telefon besprochenen, Referenzen der beiden anderen Teilnehmer/Innen, was meine finanziellen Vorstellungen angeht, die siedle ich am oberen Rand an, abspecken kann ich immer noch.

13:23

Ich lag auf dem Sofa und laß Friederike Mayröcker "und ich schüttelte einen Liebling", als eine Biene ins Zimmer flog, vorgestern. Eine Weile konnte ich sie nur hören. Schon das lenkte mich ab.

Der Grund ist, dass ich nicht weghören kann. Sobald ein akustisches Ereignis meine Aufmerksamkeit erregt, kann ich nichts anderes mehr tun. Also folgte ich dem Brummen bis ich die Biene schließlich sah. Sie brummte zwischen dem zweiten Sofa und der Heizung herum, stieg dann auf und flog die Bücherregale an.

Ich beobachtete, dass sie die obersten beiden Regalbretter von links nach rechts abflog, immer wieder landete und über die Bücher nach hinten kroch, als wolle sie nachschauen ob dort genügend Platz wäre. Für einen Stock, dachte ich.

So kundschaftete sie ein paar Minuten, dann flog sie urplötzlich zum Licht, prallte mit Höchstgeschwindigkeit gegen das Fenster, fiel herab, stieg aber gleich wieder empor. Schließlich fand sie die geöffnete Balkontür und verschwand.

 

Mi 11.04.07   11:02

Heute putz ich.
Heute wasch ich.

 

Kurt Vonnegut - 1922 - 2007

 

Do 12.04.07   10:22

Heute bin ich mutlos.
Heute bügle ich.
Heute bin ich mutlos und bügle,
denn wer das Leben nicht erträgt, muss arbeiten.

17:58

Sachen wegschmeißen.
Hosen. Pullover.
Alle liebgewordenen Textilien. Weg damit.

 

Fr 13.04.07   10:00

Heute lese ich.
Heute liege ich auf dem Sofa und lese.
Heute liege ich auf dem Sofa, lese und schaue hin und wieder hinaus.
Da laufen Leute vorbei, die sich das nicht leisten können.
Ich kann nichts dafür.

16:01

Nachmittags zahle ich Platzmiete (€ 2,40)
und darf zuschauen, wie Menschen durch M. gehen.
Promenieren kann ich das nicht nennen, wer promeniert will nichts,
die meisten aber wollen kaufen oder zum kaufen verführt werden.

Und da schaue ich zu.

Ich bin keiner von ihnen
und daher sind sie mir ein wenig unheimlich.
Aber so unheimlich auch wieder nicht,
schließlich herrscht Friede und nirgendwo explodiert was.

Während ich sitze und schaue,
arbeitet meine Vorurteilsmaschine auf Hochtouren.
Mir ist das ein bisschen peinlich.
Dass ich hier sitze und schreibe
und dass ich so viele Vorurteile habe.

Ich kann jeden zuordnen in:
Gehaltsklassen bzw.
eingebildete und/oder erträumte Gehaltsklassen
Herkunftsland / etc.
und kann auch Glück und Unglück sehen.

Besonders auffallend:
die gefälschen Symbole des Reichtums an Kleidungsstücken junger Frauen.
Besonders hässlich: die Selbstbräuner.

 

Sa 14.04.07   21:06

Heute war ich in Düsseldorf.
Jeder denkt, Düsseldorf wäre eine Bonzenstadt.
Ist sie vielleicht auch, aber da, wo ich war, ist sie das nicht.

Überhaupt nicht.

Ich war da, wo man Theater mit Migranten macht.
Da war ich, weil ich ein Stück für sie schreiben soll.
Und da, wo ich war, waren Leute aus:

Brasilien
Ungarn
Kroatien
Tunesien
Hong Kong
Marokko
Türkei
Indien
Sri Lanka
Algerien
Kongo
Gambia
Mazedonien
Polen
Kolumbien
Angola

All diese Leute sprachen akzentfreies Deutsch, d. h. rheinisch gefärbt war es schon.

Heute war also ein spannender Tag.
Jetzt bin ich wieder hier und sehr müde.
Ich habe nämlich heute nicht nur all diese Leute kennengelernt,

NEIN
Ich habe auch mit ihnen getanzt.

Und ich weiß jetzt den Unterschied zwischen
einem deutschen EC Zug
und einem aus der Schweiz.

Der deutsche stinkt, ist unansehnlich und unbequem.
Der aus der Schweiz ist das Gegenteil.

So lernt man nie aus.

 

So 15.04.07   12:52

Heute verharre ich im Schatten des Klimawandels.
Alles was blühen kann, blüht.
Man mag gar nicht atmen, so schön ist das.

 

Mo 16.04.07   9:41

Heute sage ich: Hitler war gar kein Nazi.

Hitler
war ein Gegner des Regimes,
ein erbitterter Gegner
sozusagen, wie Filbinger.

Nur eben still.
Er mochte das nicht laut sagen, klar, war ja gefährlich.

20:22

Heute war es hier wärmer als in Tunis, Nordafrika.
Gestern auch.
Das kommt alles von der Flatulenz der Kühe.

 

Di 17.04.07   13:15

Heute gehe ich nicht ans Telefon.
Ich beantworte auch keine Fragen.

Gleich nehme ich ein Baldrian Dragée
und versuche mich im Heute zu erden,
statt ständig an morgen zu denken.

Dieses Morgen erschlägt mich.

Es stört meinen Schlaf.
Es untergräbt meine Konzentration.
Es ist schädlich und gehört abgeschafft.

Heute mache ich eine Kur. Die Heute Kur.
Und die dauert so lange, bis ich wieder beieinander bin.

 

Mi 18.04.07   9:10

schwebt taufrisch, heiter, rundlich hinein,
nicht talentiert, tatenlos, schnell,
lebt trotzig, gerngross,
sagt täglich hallo.
o oooo - ogottogott: tusch.

haut teller, reißt trockner,
rast torkelnd durch helle etagen,
näht täuschen, neun niedere engel,
lädt tausend derwische ein.

natürlich hat tee eine ecke,
energisch hebt tolle enorm,
mit trautchens sicherheitslücken,
nur richtig, geh, hier: reform.

stürmt tobend durch hallen,
nagt trampelnd den neid,
der ratternd daktarie erreicht,
trinkt taufrisch, heiter, rundum.

melkt täglich hohe emporen,
nie einsam, mein nein, natürlich
hat tragisches sein noch hohes
s-serum mit terpentin nötig.

gereift, tragt tausende einfach hierher
rächend, derweil liebe enkel lavendel löten,
nicht traurig, geh, horch, hierher!
ruft täuschend dein nebenmann.

naturgemäsz ziehen nicht tote ein,
nein, nöte eignen neun nett
treffen nägel liebevoll leiden,
nach hause erst tafelt terzett.

Sie haben gesehen, der letzte Buchstabe eines Wortes war immer der Anfangsbuchstabe des nächsten, sowas kann man tagelang machen ...

 

Do 19.04.07   13:32

heiter
hebt hermann hieronymus hoch.
hierhin, halt!
holpert holger.
hermann herrgott,
heb hieronymus höher.
hast hieronymus hergebracht,
hast hieronymus
heitere hochzeiten herbeigeredet ...

hallo hermann,
hinzu! hinauf!
hoch heiliger hippie,
heb! heb!
hinterher hasts hobeln hinterrücks hingeworfen,
ho ho
hinaus hinein
hinein hinaus
hier hindustan hier hindemith
hier hilke hilus himalaja

hach

 

Fr 20.04.07   9:15

Großes Geschrei überall, o o o, Jammern und Wehklagen, dass einer die Nerven verloren hat und nichts mehr konnte als TötenTötenTöten, dabei tötet die Welt Tag für Tag, die Toten türmen sich zu Hundertausenden, wenn nicht Millionen jährlich, dagegen erhebt kaum jemand Protest, stattdessen: Schulterzucken.

Was soll man machen?
Waffen kaufen und selber töten ist kein Ausweg.
Schön wäre, man könnte gar keine Waffen kaufen.
Aber wir würden auch ohne Waffen töten.
Wir nähmen Steine etc.
Wir töteten auf jeden Fall.
Wir haben schon immer getötet.
Wir haben schon immer alles was denkbar ist getan.
Wir sind die Natur.
Unsere Moral ist nur erfunden.

16:15

Bitte den Wahnsinnigen dieser Welt keine mediale Aufmerksamkeit schenken.

 

Sa 21.04.07   14:45

Ich bin mein ärgster Feind und kann es nicht ändern.

 

So 22.04.07   13:31

Im Garten tafelt das Proletariat. Vater (Schmerbauch, quergestreift-blau-weißes T-Shirt nach Sowjet-Marine-Art), Mutter (Minipli), die beiden Söhne, deren Frauen, alle rauchen um die Wette und trinken Kaffee, während deren Kinder sich kreischend mit Pumpguns einnässen. Wir glauben, die Familie ist aus Ostdeutschland zugewandert, aber sie tarnt sich mit hannöverschen Autokennzeichen.

Da bleibt nichts als Flucht. Den Garten verlassen, die Stille des Balkons aufsuchen, dort den Tag vertrödeln. Wie gesagt, nichts tun. Grauenhaft, warum bin ich bloß kein Heimwerker geworden? Warum kann ich nicht wie andere Leute am Sonntag den Rasen mähen oder was sägen? Warum gelingt es mir nicht, einfach und in aller Form einen Kasten Bier leerzusaufen, während ich auf Sofa liegend Proll-TV schaue?

Warum nur, warum? (Udo Jürgens oder eher Adamo???)

 

Mo 23.04.07   8:23

Heissa!!!
ruft der Depressive,
heute ist ein schöner Tag,
wenn es heute dabei bliebe
wär' es so, wie ich es mag ...

 

Di 24.04.07   9:45

Brechreiz, starke Kopfschmerzen, Schwindel. Bin ich schwanger?

 

Mi 25.04.07   8:40

Vor Notschlachtung noch ein Wortbeitrag, hier ....

13:41

Kaffee auf?
Die Welt kann sie mal?
Da hilft nur eines, kommen Sie, hierher

 

Do 26.04.07   9:45

Bin nicht schwanger, jedenfalls war der Test negativ.
Vielleicht Bauchhöhlenschwangerschaft?
Nein, ich tippe auf Kopfgeburt.

Zu lange gewartet, zu hoch gepokert, jetzt schlägt das Imperium zurück.
Macht sich in Herzdruck breit, in saurem Magen und in Kaninchensteifheit, Sie wissen schon, das vor der Schlange hockt und nicht weg kann.

Immerhin kann ich mir zugute halten, zwei gut bezahlte Angebote für dieses Jahr ausgeschlagen zu haben. Eines, weil mir nicht gefiel, dass sich jemand zum "künstlerischen Leiter" aufspielte und Ideen für sich reklamierte, die ich schon im Vorjahr realisiert hatte, das andere, weil mir Idee und Konzeption nicht gefielen. Darauf bin ich stolz. Ich glaube, etwas abzusagen erfordert mehr Mut, als es trotzdem zu tun.

Naja.

Heute ist Waschtag.
Ich eröffne die Gartensaison mit dem flatternden Inhalt von ca. 4 Maschinen.

PS. Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich ...

 

Fr 27.04.07   8:50

Hermann Mensing: Der 58jährige deutsche Schriftsteller führt die People Liste der 100 schönsten Menschen an. Der frühere Kinderstar (E.T.) setzte sich gegen Hollywoodschönheiten wie Halle Berry, Scarlett Johansson, Angelina Jolie und Nicole Kidman durch. Mensing soll an diesem Freitag das Cover der Zeitschrift zieren, die jährlich die schönsten Prominenten kürt. Julia Roberts und Halle Berry schafften es bereits zum elften Mal unter die 100 Schönsten, George Clooney, Brad Pitt und Jennifer Lopez zum achten Mal.

14:31

So kann man's aushalten, nicht ... ruft die freundliche Nachbarin von schräg gegenüber mir zum Balkon hoch, auf dem ich im Schatten des Sonnenschirms sitze und lese. Sie hat ja keine Ahnung. Sie weiß ja nicht, was es heißt, wenn man Anfang Januar zwanzig Bewerbungen (Angebote an Verlage in meinem Fall, aber defakto sind das Bewerbungen) geschrieben hat und seither (bis auf drei Absagen) nichts, aber noch gar nichts gehört hat. Absolutes Schweigen im Wald. Wie lange (und ob) man das aushalten kann, weiß ich nicht, ich versuche es ja, jeden Tag.

 

Sa 28.04.07   14:46

Einer meiner Söhne ist in Dubai.
Ich bin bei ihm.
Hi Jan.
Ich surfe die Webcams der Stadt.
Viel Mehrspuriges, gedrängt Himmelhohes.
Gute Reise.

Der andere Sohn duscht.
Meine Frau backt Kuchen.
Ich hocke vorm Rechner und frage mich,
wie ich ein Theaterstück schreiben soll,
wenn der Hauptakteur nicht einmal Deutsch spricht.

Es ist heiß.
Mein System ist verwirrt.
Es hätte lieber normalen Aprilbetrieb.
Mit Hochsommer kann es nichts anfangen.
Als verwandle es mich.
Es macht mich antriebslos.
Ich warte auf den Abend, auf Godot und auf alles Weitere.

 

So 29.04.07   12:27

In Dubai, höre ich, kostet alles Geld.
Nun, dann ist es ja genau wie hier, denke ich, aber natürlich steht hinter diesem Stoßseufzer die bittere Erkenntnis, dass in Dubai alles viel mehr kostet. Kein Wunder. Schließlich bezahlt man dort mit Petro-Dollars.

Hier geht ein kühler Wind, ganz anders als gestern. Die Sonne scheint, und ich habe beschlossen, die neuen Pflanzungen heute nicht zu sprengen. Stattdessen erzähle ich, wie ich die zum Anbringen eines Gartenschlauches notwendigen Verbindungsstücke kaufte.

Zunächst einmal meine Fahrt zur Raiffaisengenossenschaft. Dort gibt es alles, was ein Gärtner benötigt, um seine Scholle, in diesem Falle ein umgebrochenes Stück Rasen, nun mit verschiedensten, mir namentlich nicht bekannten Büschen bepflanzt, zu pflegen. Sprich, bei den augenblicklich nordafrikanischen Temperaturen beim Überleben behilflich zu sein.

Ich bräuchte da, sagte ich zur Fachverkäuferin, eine Art Adapter, an den ich einen Gartenschlauch anschließen könne. Was für ein Gewinde mein Wasserhahn denn habe, fragte sie, und ich, Laie auf vielen Gebieten, antwortete, keines.

Doch, doch, meinte sie, jeder Hahn habe eines, ich solle einmal nachsehen, die vorgeschaltete Brause abdrehen. Brause? Ja, die das aus dem Hahn tretende Wasser ein wenig zerstäube, damit es nicht einfach so herauspladdere.

Aha, sagte ich, fuhr nach Hause, machte mir mit einer Kombi-Zange am Wasserhahn auf der Toilette zu schaffen, und siehe, tatsächlich ließ sich ein Brausekopf abschrauben. Ich nahm den abgeschraubten Ring, steckte ihn ein und fuhr wieder zur Fachverkäuferin. Die begutachtete ihn (hm hmmm) und gab mir das dazu passende Zwischenstück, auf welches ich den Schlauch aufstecken könne.

Dann bräuchte ich auch noch Schlauch, sagte ich, wo der denn sei?

Direkt dort, antwortete sie, ein 50 Meter Schlauch, aufgerollt, fahrbar auf einer Art Schlauchlafette oder wie immer man das nennt. Ob ich den denn nicht kürzer haben könne, fragte ich. Die Fachverkäuferin schüttelte den Kopf. Nein. Aber ich solle es doch einmal bei der Firma K. versuche, die verkaufe Schlauch meterweise.

Ich bedankte mich und fuhr zur Firma K., ein - man könnte sagen - indipendent Baumarkt, der sich an ländliche Klientel wendet und voller Fachkräfte ist, die jedes, oder so gut wie jedes Problem des Heimwerkers lösen können.

Man darf nur nicht so tun, als sei man vom Fach und etwas daher faseln, das durchschauen sie sofort. Ich habe für solche Fachkräfte eine einfache Strategie entwickelt. Ich sage immer, guten Tag, ich habe keine Ahnung, könnten Sie mir mal erklären, wie ich das und das Problem lösen kann.
In der Regel lächelt die Fachkraft dann milde, beeindruckt von meinem Mut, zuzugeben, dass ich dumm bin, und hilft.

Zunächst also zeigte ich den von mir abgeschraubten Ring. Oh oh, sagte die Fachkraft gleich, dass ist ja ein grobes Gewinde, da brauchen wir ein Zwischenstück, dieses hier. Aha, sagte ich. Ja, sagte die Fachkraft, und darauf kommt das hier, ein weiteres Zwischenstück, die Verbindung zwischen Hahn und Schlauch.

Gut, sagte ich vertrauensvoll.

Und dann das noch, sagte die Fachkraft, die Düse, die den Wasserstrahl jederzeit unterbrechen, aber auch stufenlos zerstäuben kann. Gut, sagte ich. Und nun zum Schlauch. Zehn Meter, bat ich, zehn Meter wurden abgemessen und abgeschnitten, ich begab mich zur Kasse, zahlte und eilte heim. Voller Vorfreude, endlich eine Aufgabe in diesem Leben gefunden zu haben, die Sinn macht.

Zwischenstück und Adapter passten auf Anhieb. Wenige Minuten später stand ich froh zwischen mir Dank spendenden, namentlich noch immer nicht bekannten Büschen und Blumen und besprengte sie wahlweise mit hohem Druck oder zerstäubt, je nach Gusto.

Aus den Nachbarhäusern warf man mir bewundernde Blicke zu.

 

Mo 30.04.07   11:32

Nachdem ich vorhin (11:32) nach der Methode "der letzte Buchstabe eines Wortes ist der Anfangsbuchstabe des nächsten" geschrieben habe, motze ich das Ganze jetzt (13:45) ein wenig auf, füge beide Versionen nebeneinander in eine Tabelle, und wie man sieht, sie sind gar nicht schlecht.

 

Wer rät
Toten nicht trauen
nie einem Mensch hinterher rufen
niemals sagen nein
notfalls schweigen
neulich
hatte er rote Erinnerungen
neugierig
grüßte er rechtzeitig
glückte eine erfolgreiche Ernte
ein neues Sehen
Neigungen niedergeschrieben
nachlässige Erfahrungen negiert
Tachjen
nicht tausendmal lachen nein:
nachdenken
Nettes sagen
Neues schaffen
Niederlagen Niederlagen
nächster rein
Na? - Ach!!!

 

 

Wer rät,
Toten nicht zu trauen
nie einem Mensch hinterher zu rufen
niemals zu sagen: nein,
notfalls zu schweigen?
neulich
hatte er rote Erinnerungen.
neugierig geworden?
grüßte er rechtzeitig?
glückte eine erfolgreiche Ernte?
ein neues Sehen?
Hat er Neigungen niedergeschrieben,
nachlässige Erfahrungen negiert?
Tachjen
nicht tausendmal lachen,
nein: nachdenken
Nettes sagen
Neues schaffen
Niederlagen einstecken Niederlagen
nächster rein
Na? - Ach!!!

 

 







 

 

 

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