August 2004                                    www.hermann-mensing.de                           

mensing literatur

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So 1.08.04   20:31

dämliches aus dem hause men-sing

Gegen abend ruft der Meister
ach du Scheiße, Scheibenkleister
alle Piselottenfürsten
wollen meinen Hobel bürsten.

 

Mo 2.08.04   11:29  

Ich bin hier.  Ab morgen.

13:51

Noch hier, jetzt.
Habe gerade das bedauernswerte Foto des gefällten Mike Tyson gesehen und dachte, vielleicht hat er alles, was er besaß, auf seinen mit 1:9 schwach gewerteten Gegner gesetzt, sagen wir, seine letzten Millionen, über Mittelsmänner in verschiedenen Wettbüros eingesetzt, dann hätte ihn diese K.O. Niederlage saniert.

 

So 8.08.04   22:27

Überall ist Rimini

Dienstag

Das Meer ist die "Zee", der See aber das Meer, so sagt man in Holland, wenngleich es auch bei uns ein Meer gibt, das nur ein See ist: das Steinhuder Meer. Ethymologisch müsste ich diesen Exkurs grundieren, aber das lasse ich, denn ich bin ja am Meer, das wir Nordsee nennen, war schon bis zum Hals im Wasser, das heute nach Fisch riecht und voll Krill scheint, sämig, sagt C., vielleicht liegt es am ablandigen Wind.

Als wir vor sechs Wochen einen Dienstag zum Tag am Meer machten, wir hatten das am Abend vorher beschlossen, als wir zu Lüttke Brintrups Wiesen und den Pferden unterwegs waren, Äpfel und Möhren in den Taschen und am Himmel die Verheißung auf einen Sommertag, morgen also, als wir vor sechs Wochen hier waren, gab es die Sandbank zwar auch schon, die uns im Augenblick noch vom Meer trennt, aber die See/das Meer, Wind und Strömung haben sie seitdem aufgeschwemmt, dass sie wie eine Insel wirkt.

Und jetzt sind wir wieder hier und wollen bleiben: fünf Tage. Fünf Tage und Menschen ringsum. Fünf Tage werden wir von jedem beobachtet und beobachten selbst: auf Decken, im Schutz von Windmuscheln, in Strandkörben, auf Liegen. Wir sind sehr privat. Fünf Schritt nordwestlich cremt eine Frau ihre rechte Brust (NHT), fünf Schritt südöstlich (...). Fünf Schritt nordöstlich (...). Fünf Schritt hierhin und dorthin: (...) Jede und jeder ist mit sich und seiner Inszenierung beschäftigt. Bei dem einen heißt sie, wie werde ich braun, bei einem anderen, bin ich wirklich schön, bei mir heißt sie: bin ich tatsächlich zu faul, zum Strandcafé zu gehen und dort einen Kaffee zu trinken? Die Antwort lautet: ja.

Während ich also entschieden habe, schaut ein knapp Zweijähriger, der vom Vater getragen wird, mit unerschütterlichem Ernst zu uns herab. Er trägt einen weiß-roten Stoffhut auf einem kindlichen Greisenschädel, hat gerötete, abstehende Ohren und beobachtet uns so genau, dass ich nicht anders kann, als mir die Daumen ins linke bzw. rechte Ohr zu stecken, mit den Fingern zu flattern, die Zunge heraus zu strecken und Prrrrrrr zu machen. Sein Ernst weicht einem zunächst ungläubigen, dann frohen Lachen.

Ende des 1. Aufzugs, in dem alle Genannten weiter ihren geschilderten Tätigkeiten nachgehen, während C., die Hohepriesterin des gesunden Menschenverstandes, schläft, ja, beruhigt schlafen kann, weiss sie mich doch sinn-gebend damit beschäftigt, diese und jene zu beobachten und dabei körperlicher Formen und Deformationen (NHT) zu bewerten. Zwischendurch erwacht sie, sagt Aua, dreht sich auf den Rücken und schläft weiter. Auf einer Decke gleich nebenan fragt jemand, ob noch genug Äpfel da wären.

Der 2. Aufzug begänne auf einem zur Robinson-Strandbar umgebauten Katamaran. Palmen an jeder Ecke, vier Barhocker auf jedem Rumpf, zwei Theken, ein in sanfter Dünung tuckernde Außenbordmotor.
So hat die Bar angelegt, während ich toter Mann schwamm.
Auf den Hockern säßen ein bedauernswerter, ca. 18jähriger Canadier, der sich seit über einer Stunde lauthals mit einem gleichaltrigen deutschen Mädchen darüber streitet, wer sich - seit sie in Canada war (ich nehme an, zu einem Schüleraustausch) - wohl mehr verändert hat, er oder sie.
Neben die Streitenden platzierte ich eine tiefbraune Walküre mit strohblonden Zöpfen und einem gewaltigem Arsch, den sie mit einem schwarzen Stringtanga krönt. Sie verfügt über zwei nahtlos gebräunte NHT's, deren Warzenhöfe fast schwarz sind. Die Warzen zeigen nach oben.
Mit diesen dreien stäche der Katamaran auf meinen Befehl nun in See und irgendwo draußen, längst außer Sicht- und Hörweite,versenkte ich ihn Bar mit Mann und Maus.

Wir Zurückgebliebenen hätten nun zusätzlich Platz und würden uns strecken. Eine Oma von nebenan sagte Oh jijtje miniijtje, Herrjemineeh in der Verniedlichungsform, dem Diminutiv, den der Niederländer so liebt. Vier Jungs zwei Strich nordost schmoren in der Sonne, kiffen und telefonieren. Derweil steigen in der Ferne brüllende Flugzeuge auf und fliegen ins Land der mutigen Freien.

Der 3. und für heute vielleicht letzte Aufzug heißt: Überall ist Rimini.
Weiße Wolken segeln zu kaum wahrnehmbarem Wind.

Überall ist Rimini ist ein sorgloses Stück. Nicht, dass es darin Sorgen nicht gäbe, nein, es gibt so viele wie der Sand Körner hat, aber so lange der Vorhang geöffnet ist, wird die Sorge nicht mitgespielt. Wird aufgelöst in Beachball und Burgenbau, Körperpflege, Voyeurismus und enge schäumende Kreise, die ein Speedboot hundert Meter vom Strand donnernd dreht. Alle sehen alles und tun doch, als sähen sie nichts. So geht dieses Stück weiter, jede Sekunden hochexplosiv, aber in Rimini ignoriert man das lieber. Ich schwimme (schon wieder/noch immer) als toter Mann. Diesmal um ein Haar gegen eine rote, sternförmig gezeichnete Qualle.

Eh die Sonne sinkt & der Vorhang sich für diesen Tag senkt, sitze ich am Pool und staune, wie ein dunkles, tamilisch-stämmiges Mädchen im Pool unter- und auftaucht und dabei Worte spricht. Fünf Mal taucht sie unter und wieder auf. Fünf Worte prustet sie in die Welt=ein Satz. Der mit ihr spielende dicke blonde Junge versteht sie nicht. "Wat?" fragt er. Das Mädchen wiederholt die Tauchgänge und er sagt: "Ach so."

Netz ist da. Man könnte das eine Kind ansimsen und dem anderen einen Satz sagen. Aber das Simsen zum einen Kind funktioniert nicht und das andere ist nicht zu Hause.

Überall ist Rimini ist ein Stück überraschender Erkenntnisse.
C. nämlich hat gerade behauptet, im Alter wüchsen Ohren weiter. Auf die Frage, in welchem Alter das Ohrenwachstum einsetze, war keine nähere Erklärung zu bekommen. Nun, immerhin wissen wir jetzt, was Ohren im Alter tun. Sie werden größer und größer, und sind schließlich so groß, dass wir uns mit ihnen zudecken können.

Mittwoch

In der Früh zwischen 7 und 8 Uhr tragen Männer Strandliegen in Position. 1 Müllmann und 1 Müllfrau fahren den Unrat des Vortages ab. 1 schwarzer und 1 weißer Hund stromern übern Strand & 1 Mann entledigt sich seiner Kleidung. Er hatte gehofft, nackt baden zu können, aber es sind schon Menschen am Strand und die will er nicht in Verlegenheit bringen. Er schwimmt also behost im krill-reichen Meer, schwimmt ganz allein Richtung Amerika, um sich zu rächen. Hinterm sanft gebogenen Horizont kann er es schon sehen. Doch dann besinnt er sich eines Besseren, dreht bei und spielt toter Mann. Das scheint ihm die sicherste aller Lagen, schließlich weiß man nicht, wo Amerika eigentlich beginnt. Könnte es nicht sein, dass in dem Hubschrauber, der in niedriger Höhe die Küste abfliegt, die Männer der Home Security sitzen?

Hallo, ruft er, hallo, hier, hier bin ich.

Beim Frühstück gehören SIE und ER heute zur ersten Schicht. Schließlich ist auch hier Rimini und das Dolce Vita auf den Straßen und in den Cafés, die kulinarische Höhepunkte Pannekoeken, Patat met oder Kibbeling, dieses wilde, süße Leben macht die Menschen natürlich müde. Man schläft also noch, während ER über seine rechte Schulter klagt, die ER sich in einem Bett, dass sich hinten und vorn aufbäumt, wenn ER sich in die Mitte setzt, verlegen hat. Dabei schmiert ER sich ein Brötchen und köpft ein Ei, das eine kränklich, hellgelbe Dotter hat.

So sitzen die zwei, der Himmel spannt sich für ihren ersten Tag nach der Ankunft. Unter seinem Teller klebt eine zerstoßene Erdbeere. Wer weiß, wie sie dort hingekommen ist, jedenfalls hinterlässt sie einen Fleck auf dem weißen Tischtuch.

Wir sehen Gäste, die wir schon im letzten Jahr sahen.

Jetzt, Jetztzeit, Realtime, im Augenblick dieser rückschauenden Aufzeichnungen sitze ich am Pool und kann nicht faul sein. Aber das können andere wohl auch nicht. Das tamilisch-stämmige Mädchen und der dicke blonde Junge z. B. haben ein Seil und jeder zerrt an seiner Seite daran. Wenn einer fortgezerrt wird, beschuldigt der andere ihn unlauterer Mittel. Die Erwachsenen lesen, sonnen sich, rauchen, Übersprungshandlungen, die man unternimmt, weil man nicht faul sein kann. Ich wäre gern für Augenblicke einmal ohne jeden Impuls, ohne jeden Gedanken. Wäre das: ohne Leben? Wahrscheinlich.

Das Ende unseres Anreisetages (292 Kilometer, ca. 3 Stunden 15 Minuten) verbrachten wir auf der Sandbank, tranken mitgebrachten Rotwein, die Nacht schlich heran und wir beschlossen, uns für einen der nächsten Abende (heute) mit Käse und Obst einzudecken & ein Picknick zu machen.

Willkommen in Rimini. Willkommen am Pool.

Einer spielt mit dem Freund Schach nach der Uhr. Die Frau des Einen spielt derweil mit dem gemeinsamen Kind Lukas, das Luki gerufen wird, im Pool. Hopse hopse hopse bietet sie an, gegen Küsschen. Luki küsst sie, und schon geht es los. Nach nicht langer Zeit wird Luki dem Vater gereicht. Vater hat dafür sein Spiel unterbrochen und hüllt Luki in einen Bademantel. Seine Frau verlässt den Pool. Er hüllt sie in ein großes, sonnenblumen farbenes Badetuch. Sie sagt: "Das ist aber lieb." Er klopft ihr auf den Po, geht zurück an den Tisch und spielt weiter Schach. Sie geht in ihr Zimmer, um sich (nehme ich an) zu pflegen.

Das Motto in Rimini lautet:
Papa, guck mal, ich kann mal was machen, was der andere Junge überhaupt nicht kann. Papa: Jungejunge!

Wenn man sich da, wo sich alles bewegt, nicht bewegt, wird es interessant. Dann kann man von Speckrollen zählen bis Beruferaten alles spielen. Auch Reich oder Arm ist hochinteressant.

Ort: zu Fuß unterwegs, etwa 1,5 Kilometer vor Bergen. Wir setzen uns auf eine Bank. Die Straße ist eine schattige Ulmenallee. Links und rechts wohnen sehr reiche Leute. Es fahren auf Rädern vorbei: eine junge Frau. Auf ihrem Gepäckträger steht ein schwarz-weißer, hochbeiniger Hund. Er schaut links an ihr vorbei nach vorn und schmiegt dabei seine rechte Flanke an sie. Noch eine Frau. Auf ihrem Gepäckträger sitzt ein Kind, das seinen Kopf unter ihrem T-Shirt verbirgt. Auf den ersten Blick sieht das aus, als hätte die Frau 1 gewaltigen Buckel.
Noch eine Frau, auf dem Roller: sie ist dick, Anfang 60 und rosa gekleidet. Ihr Roller ist ebenfalls rosa. Sie fährt in hoher Geschwindigkeit ortseinwärts. Vorhin war sie uns in Gegenrichtung begegnet. Jedesmal blieb eine Fahne verbrannten Zweitakt-Benzins.

Die Ulmenallee tut uns gut.


Mo 9.08.04   11:57

Die Stadt Bergen bereitet sich auf einen Lichtjesavond vor. Wörtlich: ein Lichtleinabend. Da ist es wieder, das kleine Land, das die Verkleinerung zur Methode erhoben hat. Elektriker installieren Lichtgirlanden von Baum zu Baum. Die Lampions sind orange. Das Publikum wird mit großen Augen herumgehen und das Gesehene "aardig" finden. Wenn Sie nun lesen, ich fände das nicht, liegen Sie falsch oder richtig!

Wir sind ein wenig weiter gerückt, haben Zeit verbracht, Liebes- und Lebenszeit und uns einen Strandplatz für unser Picknick gesucht. Der Wind hat gedreht, kommt von See und drückt das Wasser höher hinauf auf den Strand, also sind wir nicht da, wo wir gestern waren.

Die Abendsonne stimmt mild. Da nimmt ein blondes, ca. 10jähriges Mädchen ein Stück Holz. Es ist etwa so groß wie ein Messer und sieht auch so aus. Das Mädchen fuchtelt damit in der Luft herum, ruft Al Qaida, Al Qaida, Bumm bumm bumm und sticht auf eine Sandburg ein, bis sie zerstört ist. Ihre Oma schaut wortlos zu.

Donnerstag

Da, wo wir vorgestern saßen, Wein tranken und dem sich davon schleichenden Tag hinterher sannen, schwappten gestern Wellen hoch, sodass wir um unser Picknick fürchteteten. Da, wo wir gestern saßen, flanierte man noch bis spät. Wir schauten zu, aßen spanischen Schinken , Quiche Lorraine, hatten die Wahl zwischen diesem und jenem Käse, legten vielleicht eine Erdbeere dazu, tranken Rotwein und wurden beschwippst. Währenddessen präsentierten Vorübergehende kleine Schattenspiele vor einem sich leicht wölbenden Horizont, hinter dem sich das von Gott für gottesfürchtige und mutige Menschen reservierte Land A. befindet. Eine dieser Silhouetten erinnere ich nun, realtime, 15 Stunden später, unterm Sonnenschirm eines Cafés am Käsemarkt der augenblicklich verregneten Stadt Alkmaar, sehr deutlich. Ein Mann in dunklem Anzug mit Hut + eine Frau, aus der Entfernung geschätzte 50 Jahre alt. Sie spazieren die Sandbank entlang, die wir der geschilderten Befürchtungen wegen verlassen hatten, bleiben plötzlich stehen, umarmen und küssen sich. Dann setzen sie ihren Spaziergang fort. Offen bleibt, wie der Rest des Abends verläuft.

Schluss mit der Retrospektive?
Ist das Beschreiben der Gegenwart, der Versuch, sie als Simultanereignis zu schildern, wie es der von mir dafür bewunderte Arno Schmidt versucht, überhaupt möglich? -
Was wäre, wenn Schreiben nichts weiter sein kann, als das Herausschneiden einzelner Bilder aus dem quellenden Strom der Informationen? Etwa: der Blick zum Himmel, um abzuschätzen, wie lang der Regen noch anhalten könnte: das blonde Mädchen, das im Sportwagen vorbeigeschoben wird: der verfettete Corgie: der hustende Mann: das Gespräch über Busreisen nach Spanien und den Transport grüner Bohnen nach Trier: das Tot Ziens der noch sehr jungen Kellnerin des Cafés "He Vrije Vogelhuis", bei der ich vor etwa 20 Sekunden einen Teller Pommes bestellte.
Bliebe dann nicht alles manipulierte Retrospektive? - Ja. Allumfassende Gegenwart ist unmöglich, nicht einmal Schmidt gelingt das, wenngleich es auch manchmal so scheinen mag.

Als aufmerksamer Leser werden Sie festgestellt haben, dass es, um eine Bestellung aufgeben zu können, eine Unterbrechung im Fluss dieser Niederschrift gegeben haben muss. Hinter ...Vogelhuis" habe ich den Stift, einen Lamy mit feinster, nachfüllbarer Bleistiftmine (die ich als Nachfüllpack in Colmar kaufte) einen Augenblick ruhen lassen und gesagt: "Hallo, mag ik nog wat bestellen?"
Die Antwortete lautete: "Ja zeker."
Darauf ich: "En bordje (Tellerchen) Patat met mayo."

Also weiter retrospektiv.

Wir sind mit dem Rad gefahren. Kaum auf freiem Feld, begann es zu regnen. Als wir Alkmaar erreichten, waren wir bis auf die Haut nass. Da es jedoch warm war, froren wir nicht. In einem Laden, in dem alles 1 bis 3 Euro kostete, kauften wir einen Schirm für 2 Euro, liefen eine erste kleine Runde durch die Stadt, schauten hier und dort in ein Modegeschäft, fanden zum Hafen und auf dem Rückweg den Coffee Shop Anytime. Ich ging hinein und kaufte mir einen fertig gerollten Joint mit dem Harz der Cannabis Pflanze zu 3,50. Danach beschlossen wir, C. solle eine Weile allein und in Ruhe die Mode der Stadt erkunden, während ich hier, am vereinbarten Ort, auf sie warte. Gerade sind nun die Fritten gekommen. Wenngleich Fritten nicht kommen können. Sie werden in der Regel gebracht. Gebracht und auf den Tisch gestellt.

Wie man die Welt sieht, wenn vorm linken Auge ein Vorhang aus Haar hängt, weiß ich nicht. Sicher könnte ich das simulieren, könnte mir eine Weile die Hand davor halten oder das Auge einfach zukneifen, so wie jetzt, ich glaube aber, dass ein Vorhang aus Haar, noch dazu aus blau-schwarzem Haar einer asiatischen Frau, etwas anderes ist.

So etwas wie den Coffee Shop Anytime wünsche ich mir für die Bonzreplik, die, wie ich bei der Lektüre des Einhorns von M. Walser erfahren musste, schon lange bevor ich sie so nannte, von ihm so genannt wurde. Achtung! Schon wieder: eine nordholländische Titte (NHT). Ich weiß nicht, wofür sie mich halten, aber NHT's materialisieren sich ohne mein Zutun an jeder Ecke in atemberaubendsten Verpackungen. Am Strand auch gern ohne. Es muss an der Hitze liegen.
C. und ich haben uns darauf geeinigt, dieses Phänomen unter Hupenalarm abzulegen, wenngleich sie mich dafür ein klein wenig verachtet. Sie denkt wohl, dass Männer meines Alters nicht anders können. Schade, dass sie die ganze Wahrheit nicht kennt. Kein Mann kann anders.

15:12

Nachmittags brüte ich unterm Sonnenschirm eines Strandcafés in Egmond. Rechts von mir saß bis vor Augenblicken ein etwa vierzigjähriger rotblonder Mann. Er trug abgeschnittene Jeans, ein Unterhemd überm noch festen Bauch, er war an allen sichtbaren Körperteilen voller Sommersprossen, hatte einen Schnäuzer und drei sternförmige Falten im äußeren, mir zugewandten Augenwinkel. Alles an seinem Gesicht war auf eine mir unangenehme Art fleischig. Während C. einen Hamburger aß, beobachtete ich, wie er mit einem Fernglas den Strand absuchte. Er tat das hochkonzentriert, sodass ich zu spekulieren begann und mich mit einer einfachen Lösung zufrieden gab: ich hatte es mit einem Spanner zu tun. Aus großer Distanz und völlig gefahrlos konnte er Körper betrachten. Einziges Manko dieser Version: die Frau neben ihm. Seine Frau. Als er ihr dann das Fernglas reichte, die Richtung wies und auch sie interessiert schaute, stockte ich meine Spekulation auf: ein Spannerpaar also, ha!!! Beide mit gleichen Interessen, über die sie sich später austauschen würden. Dann aber die Aufklärung: ein Junge, ein Mädchen, 15 und 13 Jahre etwa, kamen plötzlich aus der Tiefe des Strandes zu ihnen. Man wollte nach Hause. Man brach auf. Ich schäme mich nicht für diese missglückte Geschichte. Ich könnte sie ausbauen. Sie wäre bestimmt interessant.

Hinter uns liegt eine ruhige Fahrt durch nordholländisches Wiesenland. Rietgedeckte Höfe, Kanäle, Fischreiher, die sich den Morgenregen aus dem Federkleid sonnen, Karpfen, die unter Sauerstoffmangel in den engen Kanälen leiden und schwarz-rosa Mäuler stülpen, eine Ziege: rotbraun, noch eine: weiß. Wir grüßen ein altes Ehepaar, das auf einer Bank vor einem Bauernhaus sitzt. Schon im letzten Jahr saßen sie dort und grüßten. Hoiiii! riefen sie und wir: hoiiiii! Damals sprachen C. und ich darüber, dass diese beiden alten Menschen während der deutschen Besatzung jung waren und bestimmt Kontakt zu jungen deutschen Soldaten hatten, die auf den Wiesen hinter ihrem Haus Bunker gebaut hatten, in denen sie Dienst tun mussten.
Hoiii! - Hoiiii! Ein Paar, und mit ihnen gehen Geschichten für immer verloren.

Rimini ist überall. Dieser Aufzug findet am Strand statt. Der Schreiber hat, als er im Bad aus dem Fenster sah, über die Dünen nach Osten geschaut und gesehn, wie ein Ballon im Dunst fuhr, um ein Haar eins mit ihm, hätte der Pilot nur nicht gefeuert. Also: ich inszeniere mich und meine Idee vom Sein an einen viereckigen Holzpoller gelehnt am Strand. Schreibend. Und breche den Versuch gleich wieder ab. Zu billig.
Sitze stattdessen und verenge die Augen zu Schlitzen, verwische so die Konturen und mische alles zu einem lichtdurchfluteten Bild, wie es nur ein Meister wie Turner malen kann, einer, der weiß, was Licht ist und Landschaft und wie man das malt. Vor lauter Licht geht mir fast der Sinn für oben und unten verloren, und dann fällt mir ein, wie ich in Durdle Door auf den Klippen saß und am Horizont ein Containerschiff übern Ärmelkanal flog, einfach flog, weil Himmel und Meer sich vereint hatten. Schön war das.

 

Mi 11.08.04  9:20

Freitag

Eh ich zu denken beginne, ein Zitat aus De Telegraaf:
Jose op handen en knieen met 2 negers. 'N neger van voren en 'n neger vanachteren. So big!!
Soviel schon zu viel.
Pause.

Wir beginnen den Tag später noch einmal, wenngleich das Frühstück längst hinter uns liegt. Das frühe Bad im Meer auch, aber wir ( Herr M. und sein alter Ego Ich ) sind noch ein wenig erschöpft nach einem ereignisreichen Tag. Also später mehr. Vor allem über das Theater der Dämmerung, das uns schon gestern begeisterte.

Mehr auch zu folgenden Themen:
1. Verse Film 2. Bass-Tölpel 3. Dämmerung 4. Rotkohl-Ingwer 5. Große Erhebung 6. Feng Shui im Zimmer 7. Hähne am Morgen 8. Abflugkorridor.

Dies als Vorschau auf die Rückschau, denn in der Gegenwart liegt M. am Pool. Liegt bäuchlings auf einer Liege im Schatten und legt den Stift fort.
Jetzt.

Obiges Zitat wurde mir vorgelesen.
De Telegraaf ist eine der großen niederländischen überregionalen Zeitungen, kein Sex-Blatt.

Am Kopfende des Pools schläft ein Mann. Er hat einen massigen Körper und wirres, gelocktes Haar, das weit übern Kragen reicht. Sonst ist niemand hier. Alles übt friedliche Koexistenz am Strand. Ich war schon 2x dort, heute früh kurz vor acht, als das Meer mir noch allein gehörte, später dann gegen 11, als alle anderen auch schon da waren.

Gerade noch Ruhe, ist nun eine Mutter mit Kind aufgetaucht. Es ist weiblich, etwa 7 Jahre alt, und es findet nichts schöner, als in Minutenabständen lautstark in den Pool zu plumpsen. In solchen Fällen wäre ein W.C. Fields zu begrüßen, der mit Kindern immer kurzen Prozeß zu machen pflegte.

17:41

Verse Film:

Wir kamen vom Strand. Links vorm Aufgang stand ein Container: Unit 1. Davor saßen zwei Männer und eine Frau. Auf Reklametafeln stand, Verse Film. Eintritt 2 Euro. Darunter die Abbildung eines mit Käse überbackenen Toasts. Verse Film = frischer Film also, da drin konnte man sich frischen Film anschauen, Verse Film, in Anlehnung an "frisches Obst" oder "junge Matjes."

Einer der Männer, groß, braun gebrannt, barfuß, ausgebleichte dunkle Stoffhose und schlabbriges T-Shirt, sagte uns, Verse Films sei das Projekt einer Kunsthochschule (welcher, sagte er nicht und wir fragten nicht weiter). Man bereise die Küste von Nord nach Süd, sei jeden Tag an einem anderen Ort und mache dort Filme. Jeder dieser Filme sei exakt eine Minute lang. Täglich würde vorgeführt, was gerade entstanden sei. Bisher gäbe es 21 solcher Filme.
Wir zahlten, schoben den einen schwarzen Vorhang beiseite und ginge ins Innere des Containers. Links - von hinten nach vorn abfallend, wie im Kino, drei 3er Reihen mit rotem Samt bezogener Kinosessel, an der Wand rechts eine ebenfalls von oben nach unten abfallende Wandverkleidung mit vergoldeter Zierleiste. Je links und rechts zwei kreisrunde Lampen. Eine Leinwand am Kopfende des Containers. Außer uns acht Zuschauer, also fast ausverkauft.
Ein Film zeigt Oberkörper und Gesicht eines jungen Rettungsschwimmers, der gerade ein Boot ins Wasser schiebt. Plötzlich verliert der Film alle Farbe, das Bild stockt, ist jetzt schwarz-weiß und sehr grob gerastert (wie bei Mondrian, der in seiner Malerei die digitale Auflösung der Bilder vorwegnahm). Nur noch das Gesicht ist zu sehen. Er wird sehr bedrohlich. Als lauere eine Katastrophe im Hintergrund. Dann wird das Bild wieder farbig und ein schlechter Traum scheint vorüber. Die Bedrohung ist überstanden. (www.unit1.nl)

Als wir gestern in Egmond waren, stand der Container am dortigen Strandaufgang. Ich ging zu dem Mann, mit dem ich schon in Bergen aan Zee gesprochen hatte, fragte, ob schon neue Filme hinzugekommen wären, ja, drei, antwortete er, und ich sagte ihm, dass mir der Film mit dem Rettungsschwimmer besonders gefallen hätte. Er notierte sich das, sagte, den habe ein noch sehr junger Mann gemacht und er werde mein Lob weitergeben.

Rotkohl-Ingwer:

In dem Standcafé, in dem ich die vermeintlichen Spanner beobachtete, hatte C. einen Hamburger gegessen. Zum Hamburger gab es einen Salat, u. a. geschnittenen Rotkohl. Der Koch hatte ihn mit Ingwer angemacht, was sehr lecker schmeckte. C. sagte der Kellnerin, sie möge dem Koch ausrichten, dass sie sich sein Rezept für Rotkohl merken wolle. Die Kellnerin war hoch erfreut und sagte, sie werde das gern weitergeben.

Soviel zu Menschen und Lob. Jeder liebt Lob, wenn er echt ist.

20:55

Bass-Tölpel:

Die Geschichte mit dem Bass-Tölpel beginnt wie eine Geschichte über zwei Idioten: Ein Mann und eine Frau. Sie haben den Vogel gesehen, ein sehr schöner weißer Seevogel mit gelber Zeichnung am Kopf, etwas größer als eine Ente, ein Vogel, den man nicht häufig sieht in diesen Breiten. Sie haben ihn in der je nach Tide mehr oder weniger mit Wasser gefüllten Senke vor der Sandbank gesehen. Sie jagen hinter dem Tier her, das vielleicht nicht mehr fliegen kann, jedenfalls rennt der Tölpel mit ausgebreiteten Flügeln davon. Sie rennen hinterher. Sie haben ihn fast, wollten ihn halten, wollten ihn halten und fotografieren, aber noch einmal entkommt der Vogel. Diesmal schafft er es bis in die leichte Dünung. Dort aber hat der Mann endlich Erfolg. Er greift den großen Vogel, er hält ihn unter den Flügeln, die dieser ausstreckt, er hält ihn hoch vor seine Brust und die Frau macht ein Foto, als wäre der Vogel ihre Trophäe.
Dann aber gingen die beiden mit dem Vogel davon, was meine Hoffnung stärkte, dass es den beiden vielleicht doch um mehr ging, als um eine Foto-Trophäe. Vielleicht wollten sie Hilfe auftreiben.

Dämmerung:

Von der Terrasse des Strandcafés gesehen ist die Bühne in der Tiefe geviertelt. Zunächst der vom Tage und vielen Menschen gepflügte, jetzt menschenleere Strand, dessen leichtes Braun im Dunkel noch auszumachen ist. Daran schließt sich die schon beschriebene Senke an, die jetzt ganz dunkel ist, fast schon schwarz. Dahinter hebt sich die Sandbank ein wenig heller gegen die Nacht, dann kommt das Meer, das fast mit dem Himmel verschwimmt. Auf der Sandbank beobachte ich die Silhouetten zweier Menschen. Sie gleichen Scherenschnitten, die sich im Abstand von zehn bis fünfzehn Meter gegenüber stehen. Mal bewegt sich der linke auf den rechten zu, dann umgekehrt. Eine Weile schaue ich zu, ohne ausmachen zu können, was die beiden dort tun. Bis ich das Geräusch eines geschossenen Fußballs höre. Den Ball selbst sehe ich jedoch auch jetzt noch nicht.

Große Erhebung:

Die große Erhebung wird, da sie keine Erkenntnis brachte, nicht näher erläutert. Natürlich hätte das auch ganz anders ausgehen können. Hätte. Aber so ist das in Rimini. Hätte. Hat nicht. Hätte aber. Wäre dann aber etwas Großes geworden. Hätte die Welt erschüttert. Hätte vielleicht dazu geführt. Hat aber nicht. Schwamm also drüber.

Der Canadier, der vor Tagen unter den Schimpfkanonaden eines blonden deutschen Mädchen immer kleiner wurde, bis er schließlich auf Erbsengröße geschrumpft war und explodierte, saß mit eben jenem Mädchen gestern Abend im Strandcafé und erläuterte ihr seine Lebenspläne. Hin und wieder küsste man sich. Meinen Impuls, den Jungen zu warnen vor dem absehbaren Unglück, das dieses Mädchen über ihn bringen würde, unterdrückte ich mühsam, aber dann begann die Inszenierung auf der Sandbank und ich beschloss, ihn in sein Unglück rennen zu lassen. Schließlich gehört auch das zu Aufgaben, die das Leben gern stellt.
Wenig später sah ich, wie die beiden davon gingen. Er hatte seinen rechten Arm um ihre Schulter gelegt. Er wirkte dabei, als wolle er sie festhalten. Zudem war sie einen halben Kopf größer als er. Armer Junge.

Die zunächst gedachte "Der Dichter sitzt am Strand und schreibt..." Inszenierung, die gestern Abend vor großem Publikum stattfinden sollte, und - wie Sie wissen - nicht einmal die ersten Sätze überstand, findet nun am Hotelpool statt. Obgleich ich nicht gern in der Öffentlichkeit schreibe, macht es dennoch Spaß. Und ist albern.

Er schreibt. Sie raucht und schaut aus dem Zimmerfenster im zweiten Stock. Unten lachen Menschen. Eine Frau hustet. Die Rauchende kann das ganze Dorf überschauen. Vom Strand hinüber zu den Dünen, zum Wald im Westen. Die Sonne ist längst untergegangen. Sie war blutrot. Sollte daher morgen kein Badetag sein, fahren wir mit dem Rad.

21:25

verlegt...

dämliches aus dem hause men-sing

Tanzt im August der Bär im Rock
geht er im Frühherbst schon am Stock.

Sitzt er jedoch bequem im Schatten
wird er so manche noch begatten.

 

Do 12.08.04     11:50

Feng Shui

Unser Zimmer hat ein Fenster zum Nordwesten und eines zum Südosten. Das ist gut für's Klima, denn unterm Dach ist es warm, wir aber haben Durchzug, wir lassen beide Fenster die Nacht über offen. Feng Shui, könnte ein Laie wie ich glauben, schließlich bauen Chinesen Hochhäuser, in denen sie ganze Stockwerke aussparen, Hochhäuser mit Durchzugslöchern, damit das Feng Shui gewährleistet ist.

Wir lächeln über selbsternannte Feng-Shui-Hohepriesterinnen (gern Ex-Diplom-Pädagoginnen, Psychologinnen etc.) die Wohnungen betreten, mit nachdenklichem Gesicht herumgehen und behaupten, so, wie diese Wohnung eingerichtet sei, könne sie nicht bleiben, da sei nichts im Gleichgewicht. Wir kennen Menschen, die sich dem Verdikt solcher Hohepriesterinnen beugen, tatsächlich umräumen und für die Umräumtipps auch noch zahlen.
C. sagt, die Hohepriesterin, die ihrer Freundin A. das Feng-Shui untergejubelt habe, würde bei Anblick unseres Hotelzimmers (kamer 36 2de verdieping) sicher unter Krämpfen zusammenbrechen, denn direkt gegenüber des nordwestlichen Fensters hängt ein Spiegel und das ist nicht gut. Entweder verstört er das Feng oder erbost das Shui, das wisse sie nicht, andererseits, ihr sei es eh einerlei. Stimmt. Mir auch. Hauptsache die Luft bleibt nicht stehen.

Wenn ich ihnen im Dorf begegne, sind es Britney Spears Klone. Alle blond, alle mit Pferdeschwänzen und bauchfreien T-Shirts, mit Bauchnabel-Piercing und Schmetterlings- oder fliegender-Vogel-Tatoo, das in der Gesäßspalte (auch: Arschritze) verschwindet. Dann aber begegne ich ihnen am Meer, wo sie versuchen, die kleinen Wellen zu reiten, sich von ihnen auf den Strand werfen zu lassen, und plötzlich ist der Klon in ihnen verschwunden und sie sind fast noch Kinder, mit der überwältigenden Freude, im Wasser zu tollen.

Hähne und Abflugkorridor

Jetzt, wo die Nacht hereinbricht, kann ich auch von den Hähnen erzählen, die heute früh mehrstimmig den Tag begrüßten. Ich war längst wach, weil ich nicht gut schlafe in diesem Bett. Hinzu kam, dass der Abflugkorridor Shipols heute über Bergen aan Zee westwärts führte. So hörte ich, wie sich Flugzeuge mit brüllenden Motoren mühten, Höhe zu gewinnen. Ich verrenkte mir den Hals, um ihre über den bleichen Morgenhimmel wischenden Silhouetten zu sehen, was nicht leicht ist, denn ihre schlanken Leiber und weiten Schwingen verschmelzen gern mit der blau-grauen Luft und machen sich unsichtbar.

Er glaubt und glaubt nicht.
Er sieht dieses und jenes nicht.
Er verspannt, während sie längst selig schläft.
Wie macht sie das nur?
Wie viele Leben braucht er denn noch, um auch so schlafen zu können?

Müdes Lungern am Pool.

18:01

Samstag

Rad:Strand:Abend:

Stellen Sie sich vor, Sie wären Putzhilfe in einem Hotel. Jeden Tag müssten Sie und ihre Kollegen 40 Zimmer säubern, die gleiche Anzahl Betten machen (wahrscheinlich eher 60, wegen der Doppelzimmer, die jedes Hotel hat), 40 Badezimmer wischen, 40 Toiletten säubern, neue Handtücher verteilen, staubsaugen. In jedem Zimmer sähen sie eine Auswahl verschiedenster Gegenstände, die den gegenwärtigen Bewohnern gehören. Nichts davon dürfen sie berühren. Aber anschauen dürfen Sie sie, anschauen und sich Gedanken machen.
Auf der Ablage eines Badezimmers stehen von links nach rechts:

Eine Sprühdose Nivea Deo.
Eine Tube Cien Anti Falten Creme.
Eine Tube Protefix Haftcreme.
Eine Flasche Nivea Body Lotion.
Eine Flasche Schauma Shampoo.
Eine Flasche Nivea Pflegedusche.
Eine Flasche HS Sonnenmilch.
Eine Flasche L'eau D'Issey.

Was schließen Sie daraus?
Wären Sie in der Lage, ein Täterprofil aus den genannten Gegenständen zu entwickeln?
Wird dieses Zimmer von einer oder von zwei Personen bewohnt?
Falls von zweien, handelt es sich um einen Mann und noch einen Mann?
Um ein heterosexuelles Paar?
Oder um eine alleinreisende Person?

Tagelang könnten Sie spekulieren, allein, der Termindruck lässt das nicht zu. Spätestens um 14 Uhr müssen alle Zimmer wieder bezugsfertig sein. Sie tragen also all diese Eindrücke mit nach Hause, ein Zimmer vermischt sich mit dem anderen, statt Produkt-Analysen zu betreiben, wissen Sie nicht mehr, wo was war, bis zum nächsten Tag, da fällt es Ihnen wieder an, aber da stehen Sie wieder unter dem gleichen Druck.

Sie aber haben mehr Zeit.

Glauben Sie, wegen der Tube Cien Anti Falten Creme auf eine Frau schließen zu können? Möglich, aber nicht zwingend?
Auch die anderen Bad-Utensilien lassen nicht eindeutig auf eine Geschlechtszugehörigkeit schließen. Von einem Niedrigpreis-Produkt (Cien Anti Falten Creme) über Allerweltspreise bis hin zum Hochpreissegment für die Flasche L'eau D'Issey ist alles dabei, alles, aber nichts ist eindeutig.
Die einzig gesicherte Erkenntnis, die Sie aus den genannten Toilettenartikeln ziehen könnten, wäre.....
Nun gut, aber angenommen, Sie könnten sehen,welche Kleidungsstücke herumliegen, kämen Sie der Sache schon näher.

Während Sie noch rätseln, sind wir auf dem Weg zum Standcafé Noord. Wir hoffen, den Niederungen niederländischer Esskultur zu entkommen, denn an einem der Tage vorher haben wir dort einen Kaffee getrunken und die Speisekarte studiert. Sie sah vielversprechend aus, wenngleich die Stimmung auf der Terrasse eher gejagt war, was unserem Wunsch nach Entspannung ein wenig zuwider lief.
Heute bestellen wir:
eine Kressesuppe, einen Salat mit rohem Tunfisch, dünn geschnittener Kalbslende und einem Pflaumenchutney, Pasta mit Rind und Broccoli, zum Nachtisch ein Schokoladensoufflé mit Vanilleeis.
Hmmm....
Dies ist unser Abschiedsessen, morgen fahren wir heim.
Und es ist der Beweis dafür, dass man auch in Holland gut essen kann.
Schauen Sie unter www.paviljoennoord.nl nach, studieren Sie die Speisekarte, fahren Sie hin, es lohnt.

Heute früh haben wir Räder gemietet und sind durch das Noordhollands Duinreservaat bis nach Camperduin gefahren. Dort endet das Naturschutzgebiet von einem auf den anderen Meter, es gibt keinen Übergang, man verlässt die Dünen und findet sich in Weideland wieder. Schwarze Friesen stehen auf den Wiesen, prächtige Pferde sind das, starke Kaltblüter, Kanäle zerteilen das Land, links ist ein sehr hoher, gut befestigter Deich, dahinter die graue Nordsee.
Am Fuß des Deiches landeinwärts findet ein Flohmarkt statt.
C. liebt Flohmärkte, ich nehme sie hin.
C. kauft für 10 Euro ein paar italienische Schuhe. Sie sehen wie neu aus. C. ist stolz.

Den Nachmittag verbringen wir am Strand. Ein Vater rollt seinen spastisch gelähmten Sohn ans Wasser und setzt ihn in die auslaufenden Wellen. Der Junge hat Mühe, aufrecht zu sitzen. Manchmal fällt er hilflos hintüber. Dann muss der Vater ihn retten. Der Junge hat Spaß, hier zu sein. Über eine Stunde sitzt er im Wasser und stößt hin und wieder seinen linken Arm unkontrolliert vor, so als wolle er rufen, seht, wieviel Spaß das macht. Und immer wieder fällt er um. Jedes Mal wäre er ertrunken, hätte sein Vater nicht auf ihn aufgepasst.

Dann ist da das Kind mit dem Ball. Es hat gerade erst laufen gelernt. Wenn es sich nach dem Ball beugt, den der Vater ihm zuspielt, kann es sein, dass es vornüber fällt, oder nach hinten. Je nachdem. Plötzlich entdeckt das Kind rosa Flip-Flops, die etwas abseits vor dem Handtuch einer sich sonnenden Frau liegen. Die will das Kind haben. Lässt den Ball Ball sein, stolpert los, erreicht die Flip Flops und beugt sich danach. Der Vater aber ist hinterher gelaufen, nimmt das Kind bei der Hand und zieht es fort. Kaum aber lässt er es wieder los, dreht es sich um, um sich erneut den Flip-Flops zu widmen.

Ich liebe es, Kindern am Strand zuzuschauen. Nirgendwo finde ich größere Lebensfreude in Menschen. Deshalb bleiben Kinder mein letztes Bild. All die anderen Bilder sind nur insofern noch wichtig, als sie garantieren, dass wir gesund wieder nach Hause gekommen sind. Aber die Bilder kennen Sie selbst. Es sind Bilder von schnurgeraden, zwei- bis dreispurigen Asphaltbändern, auf denen mal mehr, mal weniger Autos fahren. Sie sitzen in einem und hoffen, dass alles gut geht. Es geht gut. In Rimini und überall geht es gut. Meistens.

 

Sa 14.08.04 10:15

Ich war auf dem Weg zum Bäcker, als neben mir ein Auto hielt. Eine junge Frau saß am Steuer. Sie fragte, ob es in Roxel einen Wochenmark gäbe. Ja, sagte ich. - Wo denn? - Gleich da vorn, antwortete ich. - Und wann? - Gestern, sagte ich. Ach schade, sagte sie und fuhr weiter.
Ich kaufte Brötchen.
Die Bäckereifachverkäuferin (wahrscheinlich eher eine auf Stundenbasis angestellte Hilfskraft), eine Mittdreißigerin, hat einen Schüttelreflex, der einen, wenn man ihn zum ersten Mal sieht, ganz schön aus dem Konzept bringen kann. Sie hält nämlich den Kopf schräg und schüttelt ihn, als wolle sie eigentlich Nein sagen. Nein, ich bin gar nicht hier. Nein, es gibt diese Krankheit nicht. Nein, darf's sonst noch etwas sein?
Nein, danke.
Ich nahm die Brötchentüte und ging nach Hause.
Im Hausflur lagen unsere beiden Tageszeitungen. Ich nahm sie mit herein, kochte mir einen Kaffee und setzte mich auf den Balkon. Die Lokalzeitung war vom Freitag, was mich verwirrte, denn schließlich war heute Samstag. Vielleicht ist im Vertrieb etwas durcheinander geraten, dachte ich, und schaute auf den Titel der überregionalen Zeitung. Aber auch die war vom Freitag und jetzt wusste ich nicht mehr, was ich denken sollte. Wieso brachte man uns an einem Samstagmorgen Zeitungen vom Vortag? Schlamperei!
Ich stand auf und suchte meine Uhr. Vorm Duschen lege ich sie gern ins Regal im Flur, und da lag sie auch. Ich schaute auf die Datumsanzeige. Es war Freitag, der 13. August. Während ich mich mit diesem Gedanken anzufreunden versuchte, bemerkte ich, dass ein Lied in meinem Kopf herumspukte. Es spukte da ohne Text. Nur ein Signalwort tauchte wieder und wieder auf: Airport. Das Lied blieb bis zum Abend bei mir. Vielleicht hatte es gedacht, es wäre ein Samstagslied. Heute ist es jedoch nicht da. Zum Glück. Es war nämlich ein blödes Lied. Eines, das ich nie gesungen hätte.

 

So 15.08.04   10:26

Nein, es half nichts, nur ein bisschen zu kleckern. Hier auf Erden musste man Geld in der Hand haben und darauf achten, es im richtigen Azugenblick auf den Tisch zu knallen. Natürlich konnte das teuer sein, und nicht alle Gelegenheiten sind golden. Am teuersten aber ist es doch, arm zu sein. (1)

11:51

Skaterboarder: gestern: Einer ist mittelgroß, drahtig, hat schulterlanges, weizenblondes Haar und eine Indianernase. Er jagt diagonal über den weiten Platz, um Anlauf zu nehmen. Er fährt auf eine Rampe zu. Und dann steigt er plötzlich. Er schwebt eine ballistische Kurve. Seine Haare wehen. Unter seinen Füßen ein Skatboard wie festgeklebt. Seine Arme sind ausgebreitet. Einer weist nach vorn, eine halbschräg nach hinten. Im nächsten Augenblick landet er, verliert das Gleichgewicht, sein Skateboard schießt ohne ihn davon, er fällt auf die Seite, rotiert um die Längsachse und steht wieder auf. Auf seiner linken Schulter sind handtellergroße Schürfwunden.

Ich nehme mir vor, mich auf ihn zu konzentrieren, was nicht ganz leicht ist, denn der Platz ist voller Skateboarder. Die meisten sind zwischen Vierzehn und Zwanzig. Der Weizenblonde ist schon etwas älter. Für gelungene Sprünge erhält er Applaus. Er springt häufiger als andere. Er fliegt höher. Er stürzt öfter. Er springt eine Doppelrampe. Ihr Steigungswinkel liegt bei 45 Grad und ist knapp einen Meter hoch. Auffahrtrampe und Abfahrtrampe stehen sich in einem Meter Entfernung gegenüber. Die einfachen Sprünge sind die in hohem Bogen von Rampe zu Rampe. Ihm aber gelingt einmal folgender Sprung (für den es sicher einen Namen gibt): nach dem Abheben von der Auffahrtrampe dreht sich das Skateboard sowohl um seine Längs- als auch um die Mittelachse. Er landet sicher, fährt einen Bogen, bremst, dreht das Brett und jagt schon wieder davon. Dazu schwere Beats, laut. Der Geruch von Würstchen und Hamburgern. Nur Jungs auf den Brettern. Mädchen nur als Zuschauer. Nicht viele. Ort: Münster: der große Platz vor den Stadtwerken.

18:45

Sterbeurkunde

Nur gültig in Angelegenheiten der gesetzlichen Sozialversicherung

Standesamt I Gronau (Westf.) Nr. 325/1997

Hermann Mensing evangelisch

wohnhaft in Gronau (Westf.)

ist am 15. August 1997 um 18 Uhr 45 Minuten

in Gronau (Westf.) verstorben.

Der Verstorbene war geboren am 16. Juni 1910 in Gronau (Westf.)
Der Verstorbene war verheiratet mit Berta Charlotte Irmgard Mensing geb. Steinmetz.

Gronau (Westf.), den 18. August 1997

Unterschrift: Der Standesbeamte

Stempel: Gebührenfrei

 

Mo 16.08.04  8:29

Wir saßen beim Essen, als das Telefon klingelte. K. rief an. Man habe sie gerade benachrichtigt, unserem Vater ginge es schlecht. Wir sollten kommen. Gegen halb sieben machten wir uns auf den Weg. Wir waren gefasst. Wir sprachen über seinen Tod.
Auf dem Weg zur Intensivstation kam uns die Schwester mit der Tätowierung auf dem rechten Oberarm und dem Nasenring entgegen. Ich fragte, ob er gestorben sei. Sie nickte. Sie sagte, er sei in Frieden gestorben. Sagte, selbst, wenn Sie um die Ecke gewohnt hätten, Sie wären nicht mehr zu rechten Zeit gekommen. Sie sagte, er habe am späten Nachmittag noch Lieder gesungen. Eine holländische Schwester sei extra gekommen, man hätte ja nicht gewusst, dass er Holländisch spricht.
Er lag in einem Zimmer am Ende des Flurs. Er sah friedlich aus. Er strahlte Würde aus.
K. hatte noch nie einen Toten gesehen. Allein wollte sie nicht mit ihm sein. Ich wohl. Ich öffnete das Fenster. Ich sagte ihm, er habe sich einen schönen Abend für seinen Tod ausgesucht. Von seinem Fenster aus konnte man weiter über das Dinkelland bis nach Holland schauen. Fasanen schrieen. Von fern hörte man Rufe, ein Sportfest. Ich strich durch seine Haare, nahm seine Hände. Langsam wich die Lebenswärme aus seinem Körper. In seinem Zimmer war tiefster Friede. Dann verließ ich ihn.
Vorm Krankenhaus traf ich eine Katze. Ich setzte mich ins Auto und fuhr Richtung Bismarckstraße.
Meine Mutter klammerte sich an meinen Arm, als ich ihr sagte, ihr Mann sei gestorben. Ich erzählte ihr, was ich wusste. Ich fragte, ob ich ihm etwas sagen solle, ich würde gleich noch einmal zu ihm fahren. Unsicherheit bei ihr. Ich meine das ernst, sagte ich. Worauf sie für Augenblicke wie ein junges Mädchen wirkt und sagt, ich solle ihm sagen, sie hätten doch ein ganz schönes Leben gehabt.
Ihr Leben endet fünfeinhalb Jahre später, einen Tag vor ihrem 96 Geburtstag.
Ich spülte, als K. anrief und sagte, das Altenheim habe angerufen, dass es zu Ende gehe. C. und ich fuhren sofort los, holten K. ab und fuhren nach Gronau. Unsere Mutter lag im Besucherzimmer. Eine Kerze brannte, Musik spielte, seltsam passende Musik aus der Nachkriegszeit.
Unsere Mutter atmete kurz, wirkte aber entspannt. Wir sagten ihr, wir wäre da, sie solle sich nicht sorgen. Wir hielten ihre Hand, strichen ihr übers Haar, tranken Kaffee und waren bei ihr. Um 21:45 presste sie plötzlich die Lippen zusammen, ein Krampf, K. hatte ähnliches beim Tod unserer Tante beoachtet. Danach entspannnte sie, atmete aber nicht wahrnehmbar, so dass wir nicht wussten, ob sie noch lebt. Nach etwa einer Minute atmete sie weiter. Wenig später zeigten ihre Züge ein leichtes Erstaunen, trotziges Erstaunen vielleicht, ich glättete eine Falte auf ihrer linke Wange, dann hörte sie auf zu atmen.

17:42

ballade vom kleinen arschloch

mein kind, wer hätte denn erwarten können
dass du mit bart geboren wirst
dem ärgsten feind würden wir dich nicht gönnen
weil du wie ein besess'ner stierst

und deinen arm stramm in den himmel reckst
als erstes wort gleich heil krakeelst
mit jedem idioten unter einer decke steckst,
und du beim pinkeln nie den topf verfehlst

o gott, was haben uns're gene angerichtet
im kindergarten spieltest du SA
wir schauten zu, wie dieser albtraum sich verdichtet
und hofften, nichts davon wär wahr

doch als du dann an hollands küsten
den strand
mit haken und mit kreuzen ziertest
taten wir so, als wenn wir es nicht wüssten
und sahen, dass du dich nicht mal geniertest.

nein, fröhlich krähtest du dein heil
und recktest deine fette kleine hand
bedrohtest schwarze gern mit mit deinem hackebeil

und kacktest runen in den sand

wir mussten, weil's nicht länger zu ertragen war
dich dann in dunkler nacht beiseite bringen
verkauften dich der CIA in USA
die sollen dieses lied nun weiter singen.

 

Di 17.08.04   9:20

Felix spielte. Sein Vater ist Bildhauer. Felix spielte nicht sehr entspannt, aber anspruchsvoll. So etwas ist häufig zu hören. Entspannung und Anspruch liegen gern miteinander im Streit. Eine Band, die das total vergessen lässt, heißt Der rote Bereich. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich wollte erzählen, dass ich mir am Stehtisch rechts vor der Bühne des JATZ die Beine in den Bauch stand. Nirgendwo war ein Hocker frei. Bis Frank die Bühne erklomm. Big Frank, ein Mann von mächtiger Leibesfülle, den ich seit drei Jahren regelmäßig treffe, wenn ich in Dortmund bin, den ich aber bis gestern noch nie hatte spielen hören. Er ist Gitarrist. Gitarre spielen ist seine Leidenschaft, nicht sein Beruf. Er ist gerade geschieden. Treuhänderisch besetzte ich also seinen frei gewordenen Hocker und fühlte mich gleich viel besser.

Die Session begann und ich war ein froh, dass ich in der augenblick spielenden Besetzung nicht hinterm Schlagzeug saß. Ich schaute also hierhin und dorthin, wie man das so tut, wenn man auf einem Barhocker sitzt. Ich bestaunte diese umwerfend gut aussehende, für eine Japanerin recht große, kräftige Frau und ihren schwarzen Freund, ein Schreiner, schloß ich aus seiner Kleidung. Ich grüßte hierhin, ich vertiefte mich in die Seitenansicht einer jungen, höchst attraktiven Brust und schämte mich fast, und dann sah ich ihn drüben in der Tür zum Biergarten. Er war etwa so groß wie ich, schlank, Mitte dreißig, trug ein Mussle-Shirt, und schaute mich lächelnd an.

Wenig später kam er mit einem Glas Bitter-Lemon in der linken Hand auf meinen Tisch zu und fragte, ob frei wäre. Ich nickte. Er stellte sein Glas ab. Jesus! Jetzt war ich Ziel einer homosexuellen Kontaktaufnahme, daran bestand kein Zweifel. Ich war verunsichert. Das Lächeln dieses Mannes war so verloren. Es schien so grenzenlos einsam, dass er mir Leid tat. Ich überlegte, ob ich vielleicht sagen sollte, dass all seine Versuche vergeblich wären, aber er hatte ja noch nichts gesagt oder getan, nur diese freundlich traurigen Blicke geworfen und gefragt, ob er sein Glas abstellen dürfe. Also hielt ich den Mund und versuchte zu signalisieren, dass kein Interesse bestünde.

Als ich später in die Session einstieg, wurden seine Blicke geradezu feurig. Hatte ich denn nicht deutlich genug meine Hand mit dem Ehering auf den Stehtisch gelegt? - Schon Heterosexuelle machen bei der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht meist eine bedauernswerte Figur. Homosexuelle aber sind tragisch. Sie wirken so getrieben. Ich möchte nicht tauschen mit ihnen. Ich finde es hundsgemein, dass die Natur sich gleichgeschlechtliche Eskapaden erlaubt, ohne dafür zu sorgen, dass Heterosexuelle ohne Einschränkung bereit sind, diese zu akzeptieren. Zwar gibt es mittlerweile schwule Bürgermeister und Parteivorsitzende - das Drama ihrer Andersartigkeit wird aber von jedem, der diese Andersartigkeit nicht teilt, sofort entlarvt. Und gewertet.

Die Rückreise war wundervoll. Ich rate jedem, einmal bei Nacht durchs Ruhrgebiet zu fahren. Die hohen, rundum mit roten Warnlampen beleuchteten Schlote der Kraftwerke zu sehen, die in das Dunkel ragenden Kühltürme, die stählernen Kanalbrücken, die Silhouetten der Städte. Am Besten ist es, mit offenem Schiebedach (falls vorhanden) zu fahren. Dann hat man nicht nur frische Luft, sondern auch noch ein Stück Himmel, das einem ganz allein gehört. Und der näher kommende Herbst, den man schon überall riechen kann. Unvergleichlich.

10:38

Links sehen Sie rechten Schuh eines Zwanzigjährigen.
Ein Freund meines jüngsten Sohnes.
Daneben den rechten Fuß eines Fünfundfünfzigjährigen.
Der Fünfundfünfzigjährige bin ich.
Ich komme mir klein vor.


 

Mi 18.08.04   8:31

Der Verleser:

In Peking setzten Ärzte geklonte Embyonalzellen bei der Behandlung Querschnittsgelähmter ein. Andere experimentierten mit der Züchtung von Gehwegen (Geweben) und Organen.

10:25

Neueinträge unter Notizen zu Städten: Vancouver und Tokio.

13:39

Neu unter Notizen zu Städten: Oslo

 

Do 19.08.04   12:24

Erhielt eine kleine Lektion zum Thema: was können Eltern falsch machen. Die Antwort: alles. Nicht, dass ich das nicht gewusst hätte, nein, aber es tat gut, es einmal bestätigt zu bekommen.
Gipfeln könnte das in der These, dass es nichts Grausameres gibt, als Eltern.
Der, der mir von seinen erzählte, sich dabei schüttelte und dennoch voll Liebe war, sagte, er glaube, dass es kaum etwas Schlimmeres gäbe, als Hippie-Eltern zu haben, wobei die Mutter sich schließlich auch noch in Emanzipation übte und ihre Kinder mit Ina-Deter-Musik beschallte, die diese noch heute, zwanzig Jahre später, hersingen können.
Besorgte Eltern. Anti-autoritäre Eltern. Autoritäte Eltern.
Ganz gleich, von welcher Seite man das Pferd aufzäumt, der sich der Adoleszenz nähernde Mensch wird - wenn er sein eigenes Leben auf die Füße stellen will - nicht umhin kommen, das Lebensmodell seiner Eltern zu hinterfragen. Aus mangelnder Lebenserfahrung kommt es bei diesem Vorgang häufig zu Trotzreaktionen, deren Dummheit man erst Jahrzehnte später erkennt. Dann ist natürlich längst zu spät, diese zu revidieren.
Aber keine Angst, hinter all diesen notwendigen Freischwimm-Versuchen steht in fast jedem Fall Liebe, selbst wenn Beteiligte sie eher als Hass definieren mögen. Deshalb ist das alles so natürlich wie Sonnenaufgang und Untergang und es besteht keinerlei Grund zur Sorge.
In solcherlei Gespräche vertieft saß ich gestern bis in die Nacht auf einem wunderschönen Ostbalkon. Der Himmel wurde von mächtigen Wettern geritten. Schwerer Regen steppte. Dazu lief Musik, die ich lange nicht mehr gehört hatte.
Auf einem kleinen Eckregal auf Kopfhöhe saß ein Gipsreh, die schwarze Piratenflagge des 1 FC St. Pauli war an eine Wand gepinnt, zwei gemütliche Sofas gab es, es gab einen Tisch mit vier Stühlen, in einem mehrarmigen Kerzenständer auf dem Tisch flackerten Kerzen und irgendwo saß ein zerzauster Teddy. Ein Biotop also, dieser Balkon, ein Ort, der als Weltkulturerbe geschützt gehört, ein Ort für nächtliches Träumen und Philosophieren, das - wenn es der Fall ist - für Momente vergessen macht, wie machtlos man ist.
Um die Furcht, die durch diese Einsicht leicht aufsteigen könnte, in Schach zu halten, errichten wir uns Systeme. Bilden uns ein, Dinge hätten so und so zu sein und es gäbe diesen und jenen Weg, um sie zu erreichen, wohl wissend, das es sie nicht gibt.
Kein Wunder eigentlich, dass die Vertreter der These, man könne sein Schicksal beherrschen, die erfolgreicheren in diesem Leben sind, vorausgesetzt, man wäre bereit, Erfolg mit materieller Sicherheit etc. pp. gleichzusetzen.
Ich (und viele andere vor mir) behaupte das Gegenteil.
Ich behaupte, das der gerade genannte Erfolg für die meisten Erfolgreichen mit ungeheuerem Druck verbunden ist, was jedoch nicht heißt, dass der, der sich dem "dein Reich komme, dein Wille geschehe" unterwirft, glücklicher wäre. Es scheint also, dass es auch in diesem Falle einerlei ist, welcher Denkrichtung man sich anschließen möchte.
Vielleicht gipftelt alles in der Antwort auf diese Frage:
Was ist schlimmer als Verlieren? - Siegen!
Wobei hinzugefügt werden muss, dass dieser Witz auf Kosten eines anwesenden Siegeners ging, der sich als Lokal-Patriot jedoch gleich zu wehren wusste. Und schon wieder hatte unser Gespräch eine neue, unerwartete Wendung genommen. Schnell stellte sich heraus, dass wir alle in Hass-Liebe zu unseren frühen Sozialisations-Orten (Heimat) verbunden waren und immer bleiben würden, was die Forderung des hemmungslosen Kapitalismus der Nach-Sozialismus-Epoche nach Mobilität natürlich unterläuft und für neues Unglück sorgt.
Aber das ist eine andere Geschichte.
In dieser Geschichte mache ich mich gegen 1:20 auf den Weg. Mein Rad steht im Dunkeln vorm Haus. Ich muss es unter eine Straßenlaterne auf der anderen Seite tragen, um die Ziffern meines Fahrradschlosses erkennen zu können. Dann stülpe ich mir das Regencape über und beginne die Heimfahrt. Seit Wochen ist die Luft zum ersten Mal frisch. Ich atme tief und fahre langsam. Ich konzentriere mich auf jeden Meter und so gelingt es mir, unversehrt nach Hause zu gelangen.
Denkbar ist jedoch natürlich jede nur vorstellbare Katastrophe, die sich auf dem Rückweg hätte ereignen können, sich aber nicht ereignet hat. Wofür ich voller Dankbarkeit noch eine Weile auf meinem Balkon sitze, mich vom Wind auf Betriebstemperatur herunter kühlen lasse und schließlich ins Bett gehe.
Um aufzuwachen und festzustellen, dass ich über Nacht eine Lesung in Krefeld an Land gezogen habe.
So geht mein Leben. Ich suche nicht, es findet mich.

16:28

Nachdem letztes Wochenende in Bayreuth die Arschbomben Weltmeisterschaft stattfand, bei der sich (ein in Fachkreisen bekannter) DJ Wave so gehörig den Steiß polierte, dass man zunächst fürchtete, er habe sich den Wirbel derart verletzt, dass er querschnittsgelähmt bliebe (was sich aber glücklicherweise nicht bewahrheitete), nachdem also dieses Ereignis (großes Tennis, würden die in meinem ersten Beitrag des Tages genannten Personen so etwas nennen) ohne große Beachtung durch Medien stattgefunden hat, schlage ich nach einem nachmittäglichen Freibadbesuch vor, parallel zur Arschbomben-WM eine Klappmesser-Weltmeisterschaft auszutragen.
Das Klappmesser erfordert heroischen Mut, bietet man doch der aus einer Sprunghöhe von 3 Meter schon gehörig harten Wasseroberfläche trotzig seine Weichteile dar, um sich erst im allerletzten Augenblick zusammen zu krümmen/klappen, will sagen: die in Fallschirmspringer-Manier gestreckten Arme und Beine werden an- bzw. eingezogen. So schlägt man auf und verursacht einen gewaltigen Einschlagskrater. Das hochspritzende Wasser nässt, wenn man es richtig macht, sogar die am Beckenrand einen beobachtenden Mädchen.Das Klappmesser wird gern von pubertierenden Jungen für pubertierende Mädchen gesprungen, wobei letztere zwar giggeln, damit aber nur mühsam verschleiern, dass sie tatsächlich beeindruckt sind.

Siehe auch: www.arschbombe.de

 

Fr 20.08.04   11:44

Neue Einträge unter Notizen zu Städten: Barcelona und Dubai.

13:45

Ebenfalls neu: Edinburgh, Lelystad, Yokohama...

16:00

Neu: Panama.

 

Sa 21.08.04    15:27

Auch neu: Gent

17:19

Drei Haiku

1.
Ewiges Feuer!
Alle Bidets dieser Welt
können's nicht löschen.

2.
Ihr Optimismus
steckt an, ihre lebensgroßes
V für Victory.

3.
Brustwarzen groß wie
Menschärgerdichnicht-Püppchen -
Wer imitiert wen? (2)

 

So 22.08.04   9:45

Abschied von einem lieben Gefährten

Mensing macht sich ruhig locker
blickt noch mal nach rechts und links
legt die Klöten auf den Hocker
und die Schleife um das Dings.

Gut, denkt er, das lässt sich sehen
wenn auch nicht mehr hundert Pro
sollt' das Ding jedoch nicht stehen
wird's verklagt, in dubio.

Für den Angeklagten, sagt man
doch der senkt beschämt das Haupt
Meister M. geht's forsch an
und legt's Dingsbumms in den Staub.


Wie es guckt und plötzlich zappelt
wie's sich noch mal recken will
doch zu spät, gleich wird's zerhackelt
Ruhe Ding, sei endlich still.

Lass mich bloß damit in Frieden
deine Launen bin ich leid
hattest Zeit genug zu lieben
jetzt heißt's Abschied, sei bereit.

Schade, sagt das Ding, wie schade
meine Klöten hätten was in petto
lass Sie einmal walten noch, die Gnade
dann belohne ich dich Netto.

Nein, sagt M., ich will nicht mehr
oder will ich vielleicht doch
droht dem Ding mit seinem Schießgewehr
schießt und dann ist da ein Loch.

Hach, wie tragisch auch, dies Ende
ging es denn nicht ohne Blut
alles rot, sogar die Wände
Wiedersehn, ich nehm' den Hut.

Mach mich ohne Dings und Klöten
fröhlich auf die Wanderschaft
soll mir doch der Nachtwind flöten
was die Libido nicht schafft.

 

Mo 23.08.04   11:58

Als ich vom Supermarkt zurückkehre, begrüß micht eine schwarz-weiße Katze. Ich rede eine Weile mit ihr, sie streicht um mich herum und schmust. Ich überlege, ob ich sie mit in die Wohnung nehmen soll. Sie hat ein ausgeprägtes Gesäuge, könnte also gerade erst Junge gehabt haben. Ein Halsband hat sie nicht. Ich entscheide mich gegen sie und gehe hinein.
Selbst wenn ich mich für sie entschieden hätte, ich hätte doch erst beim Tierheim nachfragen müssen.
Also nein, Katze, du bist geschickt, mich für dich einzunehmen, aber ich lasse mich nicht einwickeln. Allerdings gebe ich dir eine Chance. Ich gehe auf den Balkon und zische dir zu. Du wirst sofort aufmerksam. Du maunzt. Ich sage: komm auf den Balkon, dann kannst du bleiben.
Sie geht mit steil aufgerichtetem Schwanz herum. Sie maunzt. Sie prüft, ob es irgendwo einen Aufgang gibt.
Du musst springen, sage ich, aber sie maunzt nur. Bitte, dann nicht, sagte ich und mir fällt ein Stein vom Herzen. Einerseits. Ich gehe ich in die Küche, räume Milch und Joghurts in den Kühlschrank, schmiere mir ein Brötchen, nehme den Kafka (Das Gesamtwerk. Verlag 2001. € 7.99) und gehe wieder auf den Balkon.
Die Katze hat es sich vor unserer Haustür bequem gemacht. Wieder zische ich und sofort antwortet sie. Ich wiederhole meine Angebot. Diesmal belässt sie es nicht beim Schauen, sondern gelangt schließlich auf den Balkon der Nachbarin, sitzt auf der Brüstung, von der es nur ein Katzensprung hinüber zu unserem Balkon ist, maunzt und tut so, als könne sie das aber nun wirklich nicht schaffen.
Bitte, sage ich, dann nicht.
Sie macht es sich auf dem Nachbarbalkon bequem. Liegt da als könne sie kein Wässerchen trüben.
Ich esse mein Brötchen und beginne Kafka zu lesen. Dann höre ich, dass jemand sagt, nun mach schon und sehe ein junges Mädchen, einen Hund, der gerade unter unsere japanische Kirsche scheißt und eine junge Frau.
Das nehmen Sie aber mit! rufe ich der jungen Frau zu.
Die schaut zu mir hoch, sagt, sie habe aber nichts dabei, ich solle ihr etwas geben.
Ich verwandle mich in einen Prinzipienreiter und sage, sie habe dafür zu sorgen, dass die Hundescheiße verschwände, und nicht etwa ich dafür, dass sie Papier bekomme, und jetzt flott, andernfalls (jetzt kommt der Teil, der besser vergessen würde) riefe ich, naja, Sie wissen schon.
Nehmen Sie doch ein Blatt, sage ich noch, aber sie sagt, nein, ein Blatt nähme sie nicht und geht. Ich stopfte ein Viertel Brötchen nach, springe auf, renne aus der Wohnung vorbei an dem erstaunten, halbdebilen Putzmann, der seinen Ford wöchentlich um eine Zierleiste verschönert, sodass jetzt kaum noch Platz für eine weitere bleibt, stürme aus dem Haus und der Frau hinterher.
Brötchenfitzel spuckend (peinlich) und außer Atem erreiche ich sie und sage sinngemäß, es täte mir Leid, aber sie sei nicht die einzige, die ihren Hund vor unserer Tür scheißen ließe, zudem gäbe es Kinder im Hause und sie solle sich einmal vorstellen, was passierte, wenn Kinder in fremden Vorgärten ihren großen Geschäfte erledigten, und nun, bitteschön, (ich schiebe sie sanft in Richtung Hundescheiße) solle sie gefälligst zur Tat schreiten.
Wenn Sie mich anfassen, rufe ich die Polizei, sagt sie nun ihrerseits, sie sei ja durchaus bereit, habe aber eben kein Papier.
Gut, lenke ich ein, bitte, verfluche diese Hundebesitzer, denen es immer wieder gelingt, dass ich mich für sie zum Affen mache und bringe ihr Papier.
In der Zwischenzeit hat die Katze den Nachbarbalkon verlassen, den Hund wohl zu spät entdeckt und sich unter das Auto des Putzmannes geflüchtet. Der Hund, ein Terriermischling, hängt aufrecht stehend an der Leine und heult wie wahnsinnig. Die junge Frau fraternisiert mit dem Putzmann. Ich höre noch, wie sie ihm erklärt, dass ihr Hund sein Geschäft normalerweise abends verrichte und tue das, was der Held in Muxmäuschen tut.
Jetzt ist der Hunderhaufen fort, die Katze ist weg, überall ist Blut, das kleine Mächen habe ich der Einfachheit halber gleich mit erledigt, ich wasche meine Hände, ich habe mich aufgeregt, was meinem Kreislauf nicht geschadet hat und habe zudem einen lesenswerten kleinen Beitrag zum täglichen Wahnsinn.
Was will ich mehr.

 

Di 24.08.04   8:27

Die Jugend der Welt misst sich in sportlich fairen Wettkämpfen. Das ist schön. Und wie sie kämpft! Wie sie bei gleißender Sonne 20 Kilometer rennt. "Heute gehst du mit, so lange du kannst!" lautete etwa Frau S. Devise. Na bitte. Obwohl sie schon nach etwa der Hälfte der Strecke Probleme hatte, kämpfte sie sich wieder heran. Gleich dreimal kotzte sie ihre Konkurrentinnen voll, zuletzt kurz vor dem Stadion. Trotzdem hatte sie noch die Kraft, sich um zwei Positionen zu verbessern. Genialer Trick. Viel besser als Doping. Glückwunsch!

9:40

Was nun die schwarz-weiße Katze angeht, da steht einiges ins Haus. Nicht, dass ich etwas gegen Katzen hätte, nein, ich bin mir nur nicht sicher, ob wir ihr längerfristig Asyl gewähren sollten. Sie hat die Nacht auf unserem Balkon verbracht, hat sich gestern Abend, als wir Gäste hatten, von allen verwöhnen lassen, hat in ihrer unnachahmlichen Katzenart alle Herzen für sich erobert, spricht sogar mit uns, läuft vor uns her, den Kopf halb gewendet, sagt komm, komm komm, denn sie weiß längst, wo unsere Küche ist, sie kennt Kühlschränke und weiß, was der Mensch darin aufbewahrt, sie kennt Wasserhähne und weiß, dass man daraus trinken kann, sie weiß, was es bedeutet, wenn ein Mensch eine kleine Schüssel nimmt, sie ist also eine mit allen Wassern gewaschene Menschen-Katze. Allerdings ist sie ein wenig fett. Wir schließen daraus, dass sie zu einer Spezies Katze zählt, die gern mal ein paar Tage all inclusive bei anderen Menschen bucht, eh sie sich wieder auf den Heimweg macht.
Unsere Marschrichtung ist klar: ich werde heute mittag das Tierheim verständigen, und bin eigentlich sicher, dass jemand sie schon vermisst. Sollte das nicht so sein, haben wir ein Problem, bzw. eine Katze. Namen sind längst in der Diskussion. Juffrouw Ratatouille, meinte unser niederländischer Gast, Anita, meinte meine Frau heute früh. Grinser könnte sie heißen, weil sie durch ihre weiße Zeichnung am Unterkiefer ein eingraviertes Lächeln im Gesicht trägt, aber sie ist ja eine Katze, kein Kater. Ich glaube, ich würde sie Dicke nennen, wenngleich sie bei uns als erstes einer Schlankheitskur unterzogen würde.

14:20

Neu: Oaxaca

15:23

Gestern erfuhr ich, wie der gemeine Niederländer seine Homosexuellen nennt:
Ritter des braunen Sterns.
Das, finde ich, ist ein schöner Name. So bildhaft. Viel schöner als Popoficker. Oder griechich: Poposvickos. Also hört, Ritter des braunen Sterns, ihr seid gemeint, erweist euch dieses Namens würdig.

 

Mi 25.08.04   9:52

Soll ich den großen Katzengesang anstimmen?
Die vom Tierheim vorgeschlagene Marschroute zur Behandlung einer zugelaufenen Katze lautet: geben Sie ihr nichts zu essen. Machen Sie es ihr so unbequem wie möglich. Sollte sie nach drei Tagen (also morgen) dennoch bei Ihnen sein, rufen Sie wieder an.
Die Katze liegt auf meinem Sessel. Zwar haben wir sie noch nicht gefüttert, wir lassen sie auch nicht im Hause übernachten, aber offensichtlich ist sie bereit, diese kleinen Unbequemlichkeiten wegzustecken. Manchmal fängt sie Mücken und Fliegen, um uns zu zeigen, wie clever sie ist, aber ihren Hunger wird das nicht stillen. Ich nehme an, sie hat uns zugehört und weiß, dass morgen das Paradies auf Erden beginnt.
Da Katzen zwar sprechen, aber selten ihre Namen verraten, müssen wir ihr einen Namen geben. Fette Sau war gestern kurz im Gespräch, Molli auch, aber beide schienen nicht mehrheitsfähig. Während wir uns also weiter den Kopf zerbrechen, benimmt sich dieses Tier, das wer weiß woher kommt, als habe es nie irgendwo anders gelebt.
Sollen wir uns jetzt wie Auserwählte fühlen? Oder ist sie einfach nur eine kleine Nutte, die genau weiß, was sie tun muss, um ihre Menschen zu konditionieren? - Wir haben fast zwanzig Jahre mit Katzen gelebt, eh die Kinder andere Tiere ins Spiel brachten. Kleintiere, die mit Katzen nicht unbedingt kompatibel waren: Mäuse, Meerschweinchen, Hasen, zum Schluss einen Wellensittich. Und nun wieder eine Katze?
Komm Fette Sau, komm....
Sie versteht jedes Wort.
Aber noch ist ja nichts entschieden.
Als wir gestern Abend von einem Spaziergang heimkehrten, war sie fort.
Ich war erleichtert und traurig. Erleichtert, weil der Mensch Verantwortung übernimmt, wenn er sich mit Tieren einlässt, und ich ein verantwortungsloser Lump bin. Traurig, weil es schön ist, mit Tieren zu leben. Sogar der Wellensittich, der damals zu uns ins Haus kam, war eine unvorhersehbare Bereicherung.
Jedes Tier bereichert das Leben von Menschen.
Es regnete, es donnerte ein wenig, wir dachten, nun gut, wir haben es ja gewusst, und dann war sie wieder da. War ein wenig unterwegs, sagte sie, ihr habt doch nicht etwa gedacht, dass ich euch schon wieder verlasse, oder? - Doch, hatten wir. Vor allem ich hatte das, denn ich will mein Herz noch nicht an sie verlieren.
Wenngleich der Ausgang dieser Geschichte also nach wie vor offen scheint, ist insgeheim doch längst alles entschieden. Die Katze demonstriert ja, wie wohl sie sich bei uns fühlt und was es heißt, entspannt auf diesem und jenem Möbel zu liegen.
Ob sich gerade dann, wenn wir uns auch offiziell entschlossen haben, sie nicht mehr abzugeben, ein Besitzer meldet, werden Sie erfahren. Das gäbe der Geschichte dann eine Dramatik, deren Folgen ich lieber noch nicht bedenken will.

19:04

Heute neu: Lissabon. Nagoya.

 

Do 26.08.04    9:37

Heute neu: Lugano

11:47

Sie ist eine typische 68igerin, falls es die jemals gab. Hatte einen Mann, der aktiv war, hier und da, wie sie selbst, die auch aktiv war, und dann nach und nach in der Hochschule aufstieg, wo sie vergleichende Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt UdSSR lehrt.
Nun gibt es diese nicht mehr, ihr Mann, dem der Marsch durch die Institutionen nie gelang, war eines Tag Blut spuckend zusammengebrochen und verstorben, das grausame Ende eines Kettenrauchers, ihre Haare waren immer lichter geworden, die Kinder groß und ausgezogen, und dann trafen wir sie vor ein paar Tagen vorm Kino mit kräftiger, dunkelblonder Pilzkopf-Frisur. Ich sagte: Du hattest doch früher Dauerwelle, ohne auch nur im Traum mitzudenken, dass sie vielleicht eine Perücke trüge, und sie sagte: Du bist aber eine imposante Erscheinung geworden, und dann standen wir noch eine Weile im Foyer, C. und ich, sie und eine befreundete Hochschulprofessorin, und traten von einem Bein auf das andere. Obwohl der Standesunterschied zwischen ihr (Hochschulprofessorin) und C. (Angestellte im öffentlichen Dienst), eigentlich nicht existieren sollte, existierte er doch und machte ungezwungenes Reden nicht möglich.
Dennoch waren wir sicher, dass alle Beteiligten anderes wollten.
Ich, von dem ja niemand so genau weiß, wieviel er eigentlich verdient, und von dem noch weniger wissen, ob er tatsächlich gut ist oder nur ein genialer Täuscher, ich wäre natürlich per Definition prädestiniert, mich über solche Grenzen hinweg zu setzen, aber ich beließ es lieber dabei, sie mit gewissem Staunen zu registrieren und wieder einmal festzustellen, dass guter Wille zwar nett ist, aber die Höhe des Einkommens nach wie vor Barrieren errichtet, an denen jeder gute Wille zerschellt.  
Schließlich verabschiedeten wir uns voneinander, gingen davon sprachen darüber, dass wir die andere Professorin letztlich beim öffentlichen Tango am Hafen gesehen hatten. Wir fanden sie exaltiert, was am Tango gelegen haben mag, und ich sagte, ich wette, dass das eine Perücke war, und dass sie es überhaupt nicht witzig fand, daran erinnert zu werden.

 

Fr 27.08.04     10:05

The person you have called is temporarily not available.


Sa 28.08.04   12:30

Frankurt
Puerto Escondido
Lima
Rom
Zürich...finden Sie hier.

 

So 29.08.04    11:14

Still verblödend loggt sich Meister Mensing
online nun ins 5. Jahr
in den 50 Jahren vorher
nahm das niemand wahr.

 

Mo 30.08.09 10:46

Globale Stadt nennt sich das Projekt, darin stellt der Beamtenarsch M., eine Insel der Seligen, Menschen aus aller Herren Länder vor, die in M. leben, widmet ihnen kleine Dokumentarfilme, in denen sie portraitiert werden, veranstaltet im Anschluss eine Podiumsdiskussion, dann gibt es einen Spielfilm des vorgestellten Landes, danach ein kleines Büffet.
Das hört sich gut an, fand ich.
Aber schon nach der ersten Veranstaltung wurde ich das Gefühl nicht los, dass es sich sowohl bei den vorgestellten Menschen als auch bei den Besuchern um eine sehr einseitige Auswahl gesellschaftlicher Gruppen handelte. Nach der zweiten war ich sicher.
Die fremden Menschen waren auf die ein oder andere Weise mit der Herstellung oder Verteilung von kulturellen Produkten beschäftigt, die sie beklatschenden Zuschauer beklatschten vornehmlich ihre progressive Fremdenfreundlichkeit. Alle Gutmeinenden, alle, die in Regenbogenfarben vom Weltfrieden träumen, alle Lesben und Schwulen, alle, die sich alternativ kleiden und sich demonstrativ küssen, wenn sie sich treffen, trafen sich dort und taten, was sie nicht lassen konnten.
Im Prinzip also waren alle da, die ich in so einer Massierung kaum ertrage, denn ich traue weder dem Weltfrieden, noch glaube ich an das Böse an sich, ich glaube eigentlich an nichts als an mich, und auch da habe ich Zweifel, große Zweifel.
C. und ich saßen vorm Kino, lästerten, dass sich die Balken bogen, hatten an jedem und jeder etwas auszusetzen, denn jeder Lebensentwurf (der eigene eingeschlossen) ist tragisch, grotesk bis an die Grenze des kaum noch Zumutbaren, jeder Lebensentwurf ist liebenswert und trägt dennoch seine Negation demonstrativ vor sich her. Wenn man erst einmal begonnen hat, auf solche Zeichen zu achten, sind sie überall. Man kann dann eigentlich nur noch fliehen, sich aufs heimische Sofa setzen und hoffen, dass alles anders wird. Aber wie? Das weiß ich natürlich auch nicht. Ich kann ja nur spotten. Ich habe ja nichts anderes gelernt, als zu verurteilen. Ich fühle sich am wohlsten in der Rolle des Einsamen. Es ist zum Kotzen, aber es ist nicht zu ändern. Ich misstraue der Welt.

 

Di 31.08.04   10:58

Berlin, Düsseldorf, Iguazu, Kyoto, Überlingen, Zandvoort ... hier

14:40

Zum Abschluss dieses Monats, der uns immerhin eine wunderschöne Woche am Meer bescherte, gehört diesmal ein kurzer Rückblick auf die in den letzten Wochen gehörten CD's.
Den Anfang machen zwei gebrannte CD's, die ich von meinem großen Sohn bekam, einmal: Keane Hopes and Fears und: Kings of Convenience Riot on an Empty Street. Mit beiden hatte ich Schwierigkeiten. Keane erinnerte mich an A-HA, die Könige der Bequemlichkeit an Simon & Garfunkel. Nach wie vor begreife ich die wechselnden Retro-Trends nicht, aber zum Hören am Abend, wenn nichts mehr stören soll und die Beine schon hochgelegt sind, sind das angenehme Klangerzeugnisse.
Einen Nachmittag verbrachte ich mit Herbert Grönemeyer Mensch. Grönemeyer ist mir sympathisch, mehr aber auch nicht, denn er holzt und knödelt zu sehr, statt zu grooven.
Soul Wax
Much against everyone's advice ist eine meiner stillen Favoriten. So etwas nenne ich Pop und hören kann ich das immer wieder.
Rickie Lee Jones
it's like this gehört zu meinen Lieblingssängerinnen.
Dizze Rascal
boy in de corner ist, falls Popularkultur je authentische Zeugnisse gesellschaftlicher Gruppen ablegte, eine der besten CD's seit langem. Natürlich kann man bezweifeln, dass Popmusik überhaupt irgendein Zeugnis ablegen muss, aber selbst dann ist es noch eine überragende Platte. Allersdings braucht man Zeit und ein wenig Nerven, sich einzuhören.
Red Hot Chili Peppers
Californiacation hingegen erschließt und erschöpft sich schnell.
Bill Evans
live ist für den späten Abend. Die Balkontür steht offen, man sitzt auf dem Balkon und trinkt einen Schluck Wein.
Marcy Playground
erzählt von der Hoffnungslosigkeit des weißen Amerika auf dem Lande. Sehr empfehlenswert. Kräftige, zupackende Rock-Beats.
Bob Dylan
Planet Waves wird zwar bejubelt, mir jedoch steht die Platte zu sehr unter dem Einfluss der Band.
Zu den Beatles Nr.1 Singles will ich nichts weiter sagen. Einfach CD einschieben, auf Shuffle, passt immer, jedenfalls bei mir.
Frank Delle ist ein junger Saxophonist, der mit seiner Band eine hochenergetische Musik spielt, die weit über das hinaus geht, was im zeitgenössischen Jazz augenblicklich Mode ist. Die CD heißt: confined freedom. Fünf Sterne.
The Cure Galore, eine Single Collection. Mich hat mit der Band nie etwas verbunden, ich fürchte, dass sie grottenschlecht ist, aber manche ihrer Lieder höre ich gern.
Zum Schluss noch Joe Zawinul, dessen späte Platten mit dem syndicate bei mir oft für reichliche Verwirrung sorgen, trotzdem aber gespickt sind mit umwerfend schönen Liedern. Unbedingt aber auch den frühen Zawinul hören, als er noch mit Weather Report Musik machte. Absoluter Höhepunkt für den, der es gern wild hat: die Live in Tokyo Platte.


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1. Kerstin Ekman "Mittsommer Dunkel" Roman 2002 Piper, München // 2. Ulli Becker "Frollein Butterfly.
69 Haiki. Maro Verlag, Augsburg 1983 //

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