August 2006                                        www.hermann-mensing.de      

mensing literatur
 

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Di 1.08.06   5:30

  Im Kampf gegen die Hisbollah setzen wir auf härteste Mittel, auch wenn unsere Offensive "humanitäre Schwierigkeiten schafft", dennoch "tun" wir "alles, um den Unschuldigen das Leben zu erleichtern." (Ehud Olmert).

 

15:34

Heute war Durchlaufprobe der Soap. Von anfänglich geschätzten zwei Stunden Laufzeit sind eineinhalb Stunden geblieben, das ist in Ordnung. Dass noch nicht alles lief wie am Schnürchen war vorher klar, aber bis zur Premiere bleiben noch gute sechs Wochen, bis dahin kann also gefeilt werden. Gefallen hat mir das Bühnenbild, zwei drehbare Ebenen, auf denen gespielt wird. Allerdings ist alles ein wenig linkslastig, will sagen, auf der linken Ebene passiert mehr als auf der rechten, das sollten wir ändern. Schlußsätze sollten fixiert werden, aussagefähige Schlußsätze, daran setze ich mich gleich. Eine Szene muss überarbeitet werden, die funktioniert nicht.

Als wir nach Ende des Durchlaufs zur Kritik beisammen saßen, ich am Boden, fragte Rebecca, die mir schräg gegenüber saß, ob ich meine Beine rasiere, ich hätte ja Frauenbeine. Sowas hat mich noch niemand gefragt. Muss natürlich dazu sagen, dass ich kurze Hosen trug.

 

Mi 2.08.06   20:01

Wandete mich in meinen Flohmarktanzug, den ich vor drei oder vier Monaten für 10 Euro kaufte, allerbester Zwirn, reinste Schurwolle, leicht, lässig, Sie wissen schon, trug dazu das schwarze Hemd mit extravagantem Stehkragen, das ich letztes Jahr nach einer verpfuschten Lesung im Braunschweiger Kulturzelt im Ramsch eines Top-Herrenausstatters erstand und das ich nur zu besonderen Anlässen trage, parfürmierte mich mit Issey Miyake, ein Parfüm, dem ich seit einem Jahrzehnt treu bin, Chris trug ihr neues Sommerkleid, wir stiegen ins Auto und fuhren zur Bundes-Kunst-Halle-Bonn, um die Guggenheim Kollektion zu schauen.

Und was soll ich sagen: wir waren nicht amused.

Nicht, dass es nicht das ein oder andere grandiose Bild zu sehen gäbe, nein, das nicht, aber die Sammlung ist nicht das, was uns gehypt wurde. Trödelten anschließend noch ein wenig durch die Bonn-des-Hauptstadt, die ihrem vergangenem Weltruhm nachhängt, ein hübsches Provinz-Städtchen an einem schönen Fluss, schauten Menschen, tranken hier und da einen Kaffee und mühten uns über verstopfte, dennoch mühsamen Fluss zulassende Autobahnen zurück ins heimatliche Münster.

Gewaltig: ein Tryptichon von Francis Bacon, das mit den Vorbereitungen zu einer Kreuzigung zu tun hat. Wundervoll: Franz Marcs gelbe Kuh, noch wundervoller: der weiße Ochse. Einiges von Beckmann, den ich sehr sehr schätze. Jetzt gehts auf eine kleine Abendgesellschaft verschworener Haschichins.

 

Do 3.08.06   13:02

Wir diskutierten Dinge, aus denen sich fünfhundert Seiten starke Romane destillieren ließen. Die Stoffe hatten alles vorstellbare Drama. Ich könnte den handelnden Personen andere Namen geben, ich könnte sie verstecken, umbauen, all das wäre kein Problem, bisher aber habe ich so etwas unterlassen, ich zweifle, ob ich es je tun werde, ich neige, was das Verarbeiten mir zugetragener Geschichten anlangt, eher zur Diskretion.
Meine Romane für Kinder reichen mir.

Einerseits.

Andererseits: ich glaube nicht, dass Literatur (oder, wie gestern in Bonn: Kunst) mehr ist, als Unterhaltung. Feuilleton-Quark schreckt mich ab. Alle mir bekannten Künstler sehen ihre Begabung eher als psychische Störung. Als ein nicht anders können. Der um die bildenden Künste, die Literatur und die Musik kreisende Verein ambitionierter Kunstversteher mag glauben, war er will, ich nicht. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich zur Hälfte Working Class bin. Allerdings gab es in der Bismarckstraße drei Bilder, die mir gefielen. Zwei kleine Radierungen und ein Ölbild. Alle drei hängen jetzt in unserer Wohnung.

Sprechen wir von Jackson Pollock.

Ich kannte seinen Namen und das, was man mir zugeraunt hatte. Der Piss-Painter. Gestern sah ich in Bonn drei oder vier seiner Arbeiten. Ich habe sie aus der Entfernung betrachtet und mein erster Eindruck war: zu voll. Zu viel Information. Keinerlei Raumaufteilung, die mich anspräche oder veranlasste, näher heran zu gehen.

Ich verlasse mich auf erste Eindrücke.

Jemand vom Club erzählte mir von feinen Linien, die Pollocks Bilder Struktur gäben. Tiefe. Raum. All das. Möglich, dass das so ist. Aber ich bin auf der Welt, um mir eine Meinung zu bilden.
Ich versuche zu genießen. Nicht alles muss mir schmecken. Ein Pollock käme mir nicht ins Haus. Man könnte ihn mir schenken.

Verließ den Club der stillen THC-Raucher gegen fünf. Ein langhaariger, etwa vierzigjähriger Taxifahrer fuhr mich nach Roxel. Ich hatte ihm gesagt, was ich Taxifahrern gern sage, wenn ich in derartigem Zustand bin: bitte fahren Sie langsam, fahren Sie so, wie ich führe, wenn ich selbst führe, also den elegantesten, kürzesten Weg.

Oft verscherze ich mir damit die Sympathien der Fahrer. Bei diesem war das nicht so. Das sprach für ihn, denn schließlich kaufe ich ja eine Transportleistung, und da ich Vater und Ehemann bin, ist es wichtig, so eine Heimfahrt zu überleben.

Der Taxifahrer fuhr, wir sprachen wenig, es gelang ihm auf den zurückgelegten Kilomtern nicht ein einziges Mal, seinen Wagen vor Ampeln oder Kreuzungen ohne Rucken zum Stillstand zu bringen, sodass ich jedes Mal nach vorn kippte. Beim Anfahren dann die umgekehrt wirkenden Fliehkräfte.

Im Zustand leichter Benebelung ist das nicht angenehm. Auch nüchtern nicht. Allerdings war sein Fahrstil nichts im Vergleich zu dem Grauen einer Taxifahrt von Athen nach Zachloritika auf dem Peloponnes, die ich nach wie vor nur wie durch ein Wunder überlebt erinnere. Hätte ich diesen Griechen auch nur einmal gebeten, langsam zu fahren, er hätte mich wahrscheinlich aus dem Auto geworfen.

Wollte meinem Fahrer eigentlich Feedback geben, wollte sagen, hören Sie, mein Trinkgeld richtet sich immer nach der Qualität der von Ihnen erbrachten Dienstleitung, also tut es mir Leid, von mir kriegen Sie nichts, fürchtete aber komplizierteste Verwicklungen, gab Trinkgeld, stieg aus und schlief bis gegen Mittag.

Wie entspannt sind doch englische Taxis, die dem Fahrgast einen vom Fahrer getrennten Raum bieten, in dem er sitzen kann und schauen oder schlafen oder was immer sonst im Rahmen eines Taxis nach herrschenden Vereinbarungen möglich ist.

Also, ich glaube, ich mache jetzt einen Mittagsschlaf.
Luxus, meine Damen und Herren, Luxus, der nur zu genießen ist, wenn man lebt, wie wir leben.
Wie sagt mein jüdischer Lieblingssänger aus Los Angeles, Randy Newman: My life is good...

 

Fr 4.08.06   15:05

Im CD-Spieler dreht Jan Delay seine Runden. Funk, sagen die Medien, aber Funk ist das nicht. Mal sehn, wie sein Konzert wird, im September, im Skaters Palace. Ich komme gerade von der Probe. Funk ist das auch nicht. Man will die zweite Folge improvisieren. Ich soll Richtungen weisen, damit die, die keine Schauspieler sind, und das sind die meisten, nicht soviel Text memorieren müssen. Das könnten sie nicht, wird gesagt, dazu sei die Zeit (4 Wochen) zwischen den Folgen zu knapp. Arbeitsweise soll sein, dass anhand der von H. und mir angedachten Szenen Improvisationen entstehen. Die daraus resultierenden Dialoge sollen festgehalten werden. Doppelt gemoppelt, wenn man mich fragt. Ich bin also nicht glücklich. Aber warum auch. Arbeit hat nicht unbedingt mit Glück zu tun. Glücklich bin ich, wenn ich sitze und schreibe, ohne auf zwölf bis vierzehn verschiedene Meinungen zu hören. Wie das ausgeht, weiß ich noch nicht. Wie Schauspieler Anschlüsse spielen sollen, ist mir bei dieser Arbeitsweise auch nicht klar. Klar ist mir, dass die Tendenz zur Improvisation im reziproken Verhältnis zu den schauspielerischen Fähigkeiten der Einzelnen steht. Die Profis neigen zur Textgenauigkeit und finden darin die nötige Spannung. Die Amateure verlieren sich in Improvisationen, doppeln, verschleifen, verlieren die Spannung. Also Ratlosigkeit des Augenblicks. Wofür dann überhaupt ein Autor?, fragt sich der Autor.

17:25

Oder vielleicht doch Funk?

17:26

Hach ich hätte gerne mehr gerechten Krieg,
Munition, ich töte Terroristen, Mann,
oh wie kracht, wie süß schmeckt doch der Sieg
wenn man sich als Opfer fühlen kann.

Immer angegriffen, immer nur verteidigt,
immer schlechtes Karma, immer schnell beleidigt,
immer schon, seit fast 2000 Jahren
auserwählt und doch: verfahren.

 

Sa 5.08.06   8:45

Hermann Bhumipol Mensing, Thailands König, hat nach einer Bandscheibenoperation am Freitag die Klinik verlassen. Das Königreich habe einen kollektiven Seufzer der Erleichterung ausgestoßen, als er im Rollstuhl aus dem Sririaj Hospital in Bangkok gefahren wurden, hieß es. Hermann Bhumipol, wie man ihn liebevoll nennt, feierte im Juni 60-jähriges Thronjubiläum.

(Schöne Meldung, mal nichts mit Krieg, hach.)

16:30

Befeuert durch die schönen Meldungen am Morgen (Israel verschärft den Bombenkrieg) fuhren wir in die Stadt, um erste Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Wie Sie wissen, eignet sich diese Jahreszeit ganz besonders für so ein Unternehmen. Alles ist billiger, man wird nicht mit weihnachtlicher Beschallung in emotionale Bedrängnis gebracht, man kann und darf frei über das Warenangebot assoziieren und gelangt so zu Entscheidungen, die im Stress der Vorweihnachtszeit kaum zu erlangen wären. Außerdem schneit es nicht.

Gesagt, getan, zudem ja auch niemand vorhersagen kann, ob der von Israel verschärfte Bombenkrieg nicht demnächst auch auf andere Weltgegenden übergreift. Schließlich gibt es nicht nur in Palästina und Libanon Terroristen, sondern auch hier, wenngleich gut getarnt in, na, Sie wissen schon.

Noch aber heulen die schon vor mehr als einem Jahrzehnt abgebauten Sirenen nicht, unsere Polizei trägt entspannt kurzärmelige Hemden, Migrantenfrauen demonstrieren, dass es auch ohne lästige Emanzipation geht, junge Araber, Türken, Russen und Menschen aus ähnlichen Weltgegenden gefallen sich in der Demonstration gewalttätigen Mannestums, Stolz und Ordnung beherrschen ihre Sinne, alle Errungenschaften der letzten sechzig Jahre BRD lässig mit Füßen tretend. Demokratische Gesellschaft, was dann denn, Alter.

So froh eingestimmt frühstücken wir im Kreise der noch verbliebenen Eingeborenen, die rings um uns lautstark von ihren Erlebnissen an fremden Küsten berichten. Wie schön es doch war. Und wie billig. Und wie man reingehauen hat beim All-Inclusive Buffett. Gegenüber wird der Wochenmarkt lebendig. Reichtum in Hülle und Fülle. Wohin man auch schaut, gut gekleidete Menschen, prall volle Einkaufstaschen.

Das Angebot an Weihnachtsbäumen lässt zu wünschen übrig, was nicht schlimm ist, denn wir greifen schon seit Jahren auf einen wiederverwertbaren Baum zurück, der, wie ein Schirm eingeklappt, prächtig grün in unserem Wandschrank wartet. Den stauben wir vor seinem Auftritt ab, dann ist er wieder tipptopp.

Die Kinder bekommen dieses Jahr wieder Apfelsinen geschenkt. Meine Frau eine neue Küchenschürze. Ich selbst schenke mir ein Hemd. Wir summen froh in den mit den dahinfliegenden Stunden immer blauer werdenden Himmel und freuen uns auf das Fest. Wir schauen uns tief in die Augen und sind dankbar. Wir beten, dass nicht auch noch Jerusalem dran glauben muss, aber wenn, sagen wir, ist es uns auch egal, wir sind eh keine Christen, Jerusalem geht uns am Arsch vorbei.

Dann sitzen wir noch eine Weile auf einer Bank, eine siebzigjährige Holländerin erzählt uns von ihrer Bootsreise über die Ems und den Dortmund-Ems Kanal im Allgemeinen und über die Unfreundlichkeit deutscher Schleusenwärter im Besonderen, die etwas gegen kleine Schiffe zu haben scheinen und den großartigen Frachtverkehr auf deutschen Binnengewässern favorisieren.

Wir wünschen uns zum Abschied ein frohes Fest, wir kreisen noch einmal über den vorweihnachtlichen Prinzipalmarkt, wir atmen die gute Luft und eilen heim, einzupacken und zu verstecken, denn bis zum Fest ist nicht es ja nicht mehr lang.

Dann verschlafen wir Stunden des Tages, hören nicht die dumpfen Einschläge der gegenseitigen Beschuldigungen, hören nicht das Schreien, hören höchstens hin und wieder einen der Nachbarn, der dem Wahnsinn mit Arbeiten verschiedener Art zu entkommen sucht. Wir hören ihre Rasenmäher und Heckenschneider und Laubpuster und wünschen uns zielgenaue Bombeneinschläge genau dort, dort und dort. Und dann sängen wir ein Lied für sie und wären sie ein für alle Male los. Und dann trinken wir Kaffee und beten, dass sich alle Idioten, ob sie nun Juden sind, Muslime oder Christen, möglichst bald gegenseitig massakrieren, damit es endlich ein Ende hat. Ein Ende, ein friedliches Ende, und dann: frohes Fest.

 

So 6.08.06   11:32

Ein Dreiviertelmond hing knapp überm Rohrbusch, in der Schlucht zwischen Lärmschutzwällen zog Lemmingsverkehr von Nord nach Süd und von Süd nach Nord, die hohe Mauer der Deichkrone wirkte unversöhnlich, die Brücke, die ich überquerte, verursachte Schwindelgefühle, ich ließ dem Rad freien Lauf hinunter zum Busch, ich kannte den Weg ja, mein Rad kannte ihn, ich brauchte im Grunde nur folgen. Elegant durch die Schikane zum Eingang des kleinen Weges zwischen Häusern und Gärten, die Radfahrer zum Absteigen zwingen soll, vorbei an dem weit in den Weg hängenden Ast eines Himbeerstrauches, über das Kämpken, auf dem mir verliebte Teenager entgegen kommen, Nachbarskinder, die grüßen, ich biege in unsere Hofeinfahrt, das Licht meines Scheinwerfers streift den Kelleraufgang, und da sehe ich sie, liegend, ein Axthieb spaltet mich, Schmerz schreit, alles ist wahr, ich hätte sie nicht fahren lassen dürfen, es ist meine Schuld, da, da liegt sie, gestreckt, nur einen Augenblick lang, einen furchtbaren Augenblick, bis das Licht, das auf meiner Netzhaut Abbilder schafft, die Welt wieder ordnet und sofort alles zurücknimmt. Tatsächlich steht dort ein gelber Kindertrecker. Tatsächlich habe ich sie gesehen. Aufatmend, das Herz noch rasend, trage ich mein Rad in den Keller, schließe hinter mir ab, verschließe das Rad, gehe hinauf in die Wohnung. Hier liegt sie tatsächlich. Lebend. Schnarchend. Mein.

Im Hinterkopf noch das Summen der Diskussionen über den Krieg im Allgemeinen und den im Nahen Osten im Besonderen, über Schuld und Unschuld, über Recht und Unrecht. Heute früh Gleiches im Feuilleton und in den Leitartikeln. Alle haben Recht. Unlösbar ist das alles, völlig und ganz und gar verfahren. Obwohl ich das alles weiß, obwohl ich weiß, was geschah und geschieht, liegen meine Sympathien nicht bei den Israelis.

Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute, ich wünsche Ihnen den Staat, den Sie sich erträumen, aber es wird nicht funktionieren. Sie haben ihr Recht über die Rechte der anderen gesetzt. Sie können das drehen und wenden wie sie wollen. Sie können nur gewinnen, wenn sie alle dort Lebenden als Gleiche behandeln.

Ergo ist keine Lösung in Sicht. Ergo reiten sie sich mit jedem Angriff tiefer in die Bedrängnis. Reihen sich ein in die Massen der Vernichter, die im Laufe der Geschichte unterschiedlichste Namen hatten. Werden normal, sind nicht mehr auserwählt, und müssen sich daher gefallen lassen, dass man sie als normale Vernichter bezeichnet. (mehr)

 

Mo 7.08.06   9:24

 

Also, langsam wäre es an der Zeit, dass der Herbst Regen brächte. Fadenlang, fein zerstäubt, pladdernd, tröpfelnd, Hauptsache: Regen. Ich säße dann, ginge vielleicht spazieren, jedenfalls hätte ich nicht mehr das Gefühl, dass ewiger Sommer sei und Sommertage zu schade wären, sie schreibend zu verbringen. Ein Luxusproblem. Ich weiß, aber seien Sie deshalb nicht neidisch, niemand geht straffrei aus, auch ich nicht. Wünschen Sie sich nicht, mit mir zu tauschen, Sie würden sich wundern. Sie säßen da, wüssten nicht, ob ihre Agentin tatsächlich tatkräftig unterwegs ist, wüssten nicht, ob der letzte von Ihnen veröffentlichte Roman nicht tatsächlich der LETZTE gewesen ist, wüssten nicht, ob morgen jemand anruft und Sie zu einer Lesung bucht, Sie wüssten nicht, woher das Geld für die nächste Woche kommt, Altersvorsorge wäre für Sie eher ein Fremdwort, ihre Lebensversicherungen, ihr umfassender Alltags-Versicherungsschutz, ihre gemeine Paranoia dem unversicherten Leben gegenüber müssten Sie schon aufzugeben bereit sein, anders wäre dieses Leben nicht zu ertragen.

 

 

 

Di 8.08.06   10:21

Eher vierschrötige Männer in grünen Hosen und (mehrere in) Unterhemden (fast alle Raucher) haben gestern begonnen, den Bürgersteig unserer Straße mit Hilfe schweren Geräts aufzureißen, um neue Kanalisationsrohre zu legen. Die Bürger unserer seit Jahren wachsenden Gemeinde scheißen zuviel, produzieren zu viele Abwässer, das kann das Rohr gar nicht dick genug sein.

Die Arbeiten werden etwa zwei Monate dauern. Man hat eine Ampel vor unserem Haus aufgestellt, sodass Fernsehen mit offenstehender Balkontür noch weniger angenehm ist, als es vorher schon war, vor allem, wenn Techno-Freaks bei Rot warten müssen. Auch unangenehm: das Geschrei der Hard-Core-Metall-Gemeinde. Da kann man schon mal zusammenzucken. Da denkt man, Hilfe, wo wird jemand erschlagen, warum schreit es da so, wäre es besser, die Polizei zu rufen.

Der unanbhängig von solch akustischen Ereignissen immer schon hohe Geräuschpegel unserer Straße hat jetzt zusätzlichen Reiz. Ständiges Motorendröhnen von Baggern, Rufen der Männer, An- und Abfahren schwerer LKW, die Stützwände liefern, um die Grabenwände zu sichern.

Einer profitiert von diesen Arbeiten, unser Nachbar: Badewannenjupp. (mehr: hier und hier). Der inspiziert die Arbeiten mehrmals täglich, und wie ich ihn kenne, wird ihn niemand davon zurückhalten können, Ratschläge zu erteilen. Er kann nämlich alles.

Schwer wird es für Humpelmann. Der weigert sich seit Jahren, seiner schweren Gehbehinderung mit einem Rollstuhl Erleichterung zu verschaffen. Stattdessen stemmt sich der seit seiner Kindheit an Prothesen und Krücken gewöhnte, mittlerweile sehr schwere Mann an zwei unzulänglichen Krücken aus dem Auto ins Haus, dass es weh tut, zuzuschauen. Manchmal braucht er mehrere Anläufe, sich von einem Niveau auf ein, sagen wir, zehn Zentimeter höheres zu heben. Seit gestern ist es noch schwerer für ihn geworden, denn durch die Absperrungen gezwungen parkt er jetzt nicht mehr mit dem Ausstieg zum Bürgersteig, sondern zu Straße.

Habe gestern trotz aller Diskussionen um den Fortgang der Soap damit begonnen, die angedachten Szenen dialogisch auszuarbeiten. Drei Szenen sind fertig. Gleich mache ich weiter.

14:55

 

Bei dem Dichter Sophokles war ich einmal, als er eben von einem gefragt wurde: Wie steht es, Sophokles, um die Liebeslust. Kannst du wohl noch einer Frau beiwohnen? Der sprach: Stille doch, lieber Mensch! Wie gern bin ich davon losgekommen, als käme ich von einem tollen und wilden Herrn los! Die Rede gefiel mir schon damals sehr und auch jetzt noch nicht minder. Denn auf alle Weise hat man vor dergleichem im Alter große Ruhe und Freiheit. Und wenn die Begierden aufgehört haben zu treiben und nun nachlassenh: so ist das auf alle Weise, wie Sophokles es ausdrück: man wird gar vieler und toller Gebieter entledig. (Platon)

PS. Wie alt er war, als er das gesagt hat, weiß ich nicht, ich weiß aber, dass Sophlokes 90 und Platon 80 Jahre wurde, ich habe also noch Zeit.

 

 

Mi 9.08.06   9:15

Bleiben wir noch einen Moment bei Sophokles, Platon und der verstörenden Kraft der Begierde. Offenbar seit Jahrtausenden im Gespräch, ist sie heute Gegenstand verschiedener Doping-Strategien. Ich denke an Jack Nicholson und Diane Keaton in dieser grandiosen Komödie, deren Name mir im Augenblick nicht einfallen will. Jack Nicholson sah sich genötigt, so zu tun, als wäre er nicht so alt wie er ist. Er versuchte es mit Viagra. Wie es um Nicholson Lingam bestellt ist, weiß ich nicht, ich weiß aber um meinen und ich habe im Verlauf meiner 57 Jahre einige gesehen.

Als ich vier oder fünf war, also in bestem Mannesalter, trug mir mein Stolz auf eben diesen Lingam, den ich erfreut herzeigte, zur Strafe einen Morgen im Keller des Kindergartens ein, in den ich danach keinen Fuß mehr setzte.

Als ich vorletzte Woche am Meer war, machte ich Strandspaziergänge. Wie immer, wenn man von einer Strandpromenade hinunter ans Meer kommt, siedeln sich links und rechts Massen Sonnenbadender an. Will man ein wenig mehr Raum, geht man fünf Minuten in die eine oder die andere Richtung, will man Ruhe, geht man eine Viertelstunde, ist allein und kann im Prinzip tun und lassen, was man möchte.

Nackt baden zum Beispiel. Jeder, der sich hin und wieder der Badehose entledigt, wird wissen, wie betörend schön das ist, diese Umspültwerden, dieses Prickeln, dieses Gefühl, ganz dem Meer zu gehören, dabei ist so eine Badehose doch eigentlich nicht viel mehr als ein kleines Stück Textil.

Ich (wir) ging (en) also in besagte Richtung, wir wollten einen weiten Spaziergang machen, den Strand Richtung Norden, da, wo es ausdünnt und weit wird und der Himmel sich mit dem Meer paart. Es sollte eine große Runde werden, bis hinauf nach Schoorl, durch das Nordholländische Dünenreservat zurück.

Es war warm an diesem Tag, sehr warm, und so legten wir Pausen ein, entledigten uns unserer Kleider und schwammen. Und dann kam uns dieser Mann entgegen. Nackt. Ein Mann Anfang bis Mitte vierzig, mittelgroß, drahtig, dunkelhaarig, nichts weiter. Im Anzug hätte man gedacht, gut aussehend.

Aber sein Lingam!!!

Meine Mit-Männer kennen ihren in verschiedensten Zuständen, sie wissen, dass gern übertrieben wird, wenn man von der Bedeutung ihrer Länge spricht, aber dieser war beängstigend lang. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Das heißt, einmal schon, als ich 22 war, in San Francisco, als ich den bis heute einzigen Porno, den ich je gesehen habe, sah: Behind the green door. Die Tatsache, dass ich mich an den Titel erinnere, zeigt, wie schwer ich beeindruckt war.

Da waren Schwarze, die hatten unaussprechlich lange Dinger.

Das Ding dieses Mannes war nicht ganz so lang, aber doch fast so lang und was mich (uns) besonders verwirrte, war eine Art einen Zentimeter breites Halsband, um die Wurzel des Lingam gezogen. So etwas hatte ich noch überhaupt nicht gesehen, ich hatte nicht einmal geahnt, dass es solchen Schmuck gibt, und so ganz sicher, wofür er denn gut sein könnte, bin ich mir immer noch nicht.

Der Mann kreuzte unseren Weg diagonal Richtung Düne.
Da meine Frau einen homosexuellen Arbeitskollegen hat, der sie ständig mit neuesten sexistischen Witzen und Informationen versorgt, ist sie beauftragt, ihn um Auskunft anzugehen. Wenn diese vorliegen, werde ich mich wieder melden.

19:24

Für Auskünfte über oben genanntes Accescoire wäre ich natürlich auch meinen Lesern dankbar. Überzeugendes will ich dann gern hier veröffentlichen. Jetzt aber Themawechsel. Abrupt, wie bei Monty Python. Ich saß in einem Restaurant, am Himmel kreuzten zehn, fünfzehn Störche, hin und wieder brach eine Affenbande in wütendes Geschrei aus, überall in den Bäumen waren Storchennester, Phasen der Stille wechselten mit betörendem Storchenklappern, das mich sofort an den ersten Morgen in Faro erinnerte, als ich kurz nach Sonnenaufgang von diesem Geräusch erwachte, noch ohne zu wissen, was es eigentlich sei, auf den Balkon hinaustrat, über die Stadt blickte und überall Störche sah.

Gut. So war das also in diesem Restaurant in einem Naturzoo in einer kleinen Stadt ganz in der Nähe, in die es mich und meine Frau heute getrieben hatte. Vor mir stand ein Stück Mandarinen-Schmandkuchen, eine Tasse schlechter Capuccino, Wespen versuchten sich mir zu nähen.

Ich schaute zu den Störchen und sagte: Ich fühle mich gekränkt.
Mach dir nichts draus, sagte sie, womit sie natürlich recht hat, wie meistens.

Dennoch bleibt das Gefühl des Gekränktseins. Es ist uns nicht gelungen, die Regisseure unserer Soap auf die von mir geschriebenen Dialoge einzuschwören. Sie sträuben sich gegen reines "Nachsprechen", sie fürchten das "Stadttheater", nichts scheint das Freie Theater mehr zu fürchten, dabei ist Freies Theater gar nicht so frei, wie es glaubt, es ist abhängig von Subventionen und Sponsoren, und die kreativsten Leistungen werden oft beim Verfassen von Subventionsprosa erbracht.

Zwar hat man uns Autoren im frisch gelayouteten Flyer ein "Spitzenduo mit ständig sprudelnden Ideen" oder so ähnlich genannt, aber unsere Forderung hat man damit unterlaufen, innerhalb der vier Wochen, die zwischen den jeweiligen Aufführen der nächsten Soap-Folge liegen, sei es unmöglich, soviel Text auswendig zu lernen und inszenieren zu können, zumal ja über die Hälfte der Schauspieler Laien seien.

Sollen sich sich doch einen Ast improvisieren, ich habe meine Schlüsse gezogen und werde mich beim Dialogschreiben ein wenig zurücknehmen. Weshalb sollte ich mir sprachlich Mühe geben, wenn doch alles verquasselt wird.

So fühlt man sich, wenn man gekränkt wurde. Ich würde gern ausfallend. Ich werde für mein Leben gern ausfallend. Ich wüsste tausend und eine Beleidung für jeden. Ich könnte zum Beispiel sagen: Was weißt du denn?! Du hast doch außer Schule noch nichts erlebt. Ich wohl. Aber wie das so ist: wer ausfallend wird, kriegt zur ersten auch noch die zweite Arschkarte, ich will also nichts gesagt haben. Nichts für ungut. Sackgesicht. Fickfresse. Arschpfeife. Wichs dir deine Kunst ins Knie. Guten Abend.

PS. Hatte Körperkontakt zu zwei Affen und drei kleinen Pinguinen. War sehr erfreut.

Übrigens: natürlich bin ich eitel. Ich bin der Größte.

 

Do 10.08.06   12:25

Wie fremd das Weltweite Web (www) immer noch ist, spüre ich, wenn Lehrer anrufen, die mich für eine Lesung buchen wollen und immer die gleichen Fragen stellen. Fragen, die, hätten sie meine Webseite gelesen, längst beantwortet wären. Aber viele Menschen kennen sich offensichtlich nicht aus. Ich glaube, sie sträuben sich, sich im Netz umzuschauen. Schade eigentlich. Ich bin hoch zufrieden mit diesem Web. Es erlaubt mir schnellen Zugang zu Informationen, es hält mich in Kontakt, es repräsentiert vieles von dem, was ich bin und täglich tue. Also, liebe Lehrer, das Web kann einiges. Wenn diejenigen, die dort veröffentlichen, keine Idioten sind, was allerdings auf viele zutrifft. Auf mich nicht. Ich bin ja der Größte.

13:30

Polizei: "Massenmord" durch Anschläge auf bis zu 20 Flugzeuge vereitelt
Höchste Terroralarmstufe - 21 Festnahmen - Heathrow Airport für fast alle Flüge gesperrt - BBC: Flüssiger Sprengstoff sollte in Handgepäck eingesetzt werden - CNN: Drei US-Fluglinien waren im Visier

London - Die britische Polizei hat nach eigenen Angaben schwere Terroranschläge auf Passagierflugzeuge verhindert. Attentäter hätten geplant, Maschinen während des Fluges zwischen Großbritannien und den USA zu sprengen, teilte Scotland Yard am Donnerstagmorgen mit. Scotland Yard-Sprecher Paul Stephenson meinte, er sei überzeugt, dass die Polizei einen Anschlag verhindert habe, der einen "Massenmord in unvorstellbarem Ausmaß" zur Folge gehabt hätte. Heathrow Airport ist für die meisten europäischen Flüge gesperrt, hunderte Flüge nach London wurden gestrichen. In Großbritannien herrscht höchste Terrorwarnstufe.

Wen wundert's???

18:30

Außer Störchen kreuzten auch schwere Transporthubschrauber den Himmel, in Tragschlaufen darunter baumelten große Pakete, groß, ja, aber nicht zu groß, um auch im LKW weitaus geräuscharmer von hier nach dort transportiert zu werden. Aber da hat man die sündhaft teuren Hubschrauber nun einmal gekauft (1 Hubschrauber etwa kostengleich mit einer kleinen Schule), da müssen sie auch geflogen werden, schließlich müssen die Piloten üben, wer weiß, wo sie morgen sind, vielleicht ist morgen schon Ernstfall, nein, falsch, heute ist Ernstfall, eigentlich ist lange schon Ernstfall, wir befinden uns mitten im Krieg, ohne dass es jemand bemerkt. Katastrophe für uns heißt z. B. Benzinpreis. Die anderen Katastrophen, die wahnwitzigen Bin Ladens, die ihre Suppen kochen, die "gerechten" Krieger der Westen, die "unsere Suppen" kochen, all die führen einen grausamen Krieg. Wir aber unterhalten uns und lassen uns unterhalten.

19:58

Nach den vereitelten Anschlägen auf Fluggesellschaften der USA gelten für Flugreisende ab sofort noch drastischere Sicherheitsvorschriften. War seit heute früh die Mitnahme von Taschen jeder Art verboten, gilt ab sofort, dass Reisende sich am Check ihrer Kleider entledigen, diese in speziell vorbereitete Beutel deponieren und, je nach Zugehörigkeit zu Ethnien, grüne, rote oder schwarze OP-Anzüge anziehen. Erst dann dürfen sie das Flugzeug betreten. Ihre Bekleidung wird ihnen, sollte der Zielflughafen erreicht werden, dort wieder ausgehändigt. Diese Maßnahme gilt bis auf Weiteres.

 

Fr 11.08.06   8:10

Ich habe schon einige Pedro Almodovar Filme gesehen und war jedesmal hin und weg. Gestern sah ich Volver und war mehr als das. Almodovar gelingt, was nur wenigen gelingt. Er ist tragisch und komisch, er gruselt mich und treibt mir Tränen in die Augen, er macht Filme, die viel zu schnell vorüber gehen. Und dann auch noch Penelope Cruz, die, als sie in ihrem Restaurant ein Lied singt, von Estrella Morente gedoubelt wird, eine junge, 1980 in Granada geborene Sängerin. Hätten wir nur eine ihres Kalibers in Deutschland, eine nur. Stattdessen geklonte Blondinen, hyperaktive Studentinnen, altmodische Gitarrenbands und eine kleinwüchsige Kindfrau.

 

Sa 12.08.06   10:15

Ich nehme die Zeitung, gehe auf den stillen Ort, ich rauche oder auch nicht, ich sitze, die Hosen an den Fersen, das Fenster ist ein wenig geöffnet, Frischluft muss sein, ich sitze, mache manchmal Geräusche, ich lese mich fest, ich schaue hin und wieder von der Zeitung auf und sehe all die kleinen Bilder, die sich über die Jahre hier angesammelt haben, Kinderzeichnungen, Fotos aus längst vergangenen Tagen, ich sitze inmitten dieser Erinnerungen, der Samstag zieht auf, es regnet, aber die Luft ist mild, ich sitze könnte eigentlich sitzen bleiben, könnte hin und wieder frischen Kaffee ordern, der auf der Fensterbank abzustellen wäre, ich sitze und es fehlt nichts, warum also gehen, warum diesen Ort verlassen, an dem ich so gern für mich bin und sein darf und kann, wann immer ich möchte. Aber dann irgendwann stehe ich doch auf und bin wieder zurück in der Welt. Ich schau sie mir an, und sie gefällt mir. Sie gefällt mir sehr, wenn nur ich und meinesgleichen nicht wären.


So 13.08.06   10:20

Jedesmal, wenn ich das Wort schreiben will, weiß´ich nicht, ob es: Hippie oder: Hippi geschrieben wird. Hippie sieht besser aus, also beschließe ich, es so zu schreiben. Ob ich je einer war? - Ich glaube eher nicht. Ich erinne mich, dass ich in Brighton, ich war 18 und auf dem Weg nach London, zum ersten Mal glaubte, Hippies zu sehen. Sie trugen indische Kaftane und Uniformjacken, sie hatten schulterlanges Haar und wühlten in Mülleimern. Das gefiel mir nicht. Trotzdem hatte ich mir eine Woche später 1 indische Gebetskette, ein Band mit Glöckchen und einen Kaftan gekauft. Als ich drei Wochen später zurückkehrte, im Kaftan, mit Gebetskette und Glöckchen, glaubte ich, dass ich mich verwandelt hätte. Höchstwahrscheinlich hielt ich mich nun auch für einen Hippie, während alle, die mich sahen, wohl geglaubt haben, ich hätte endgültig den Verstand verloren.

Da lagen sie falsch. Den Verstand habe ich bis heute nicht verloren. Aber unter Umständen bleibt dazu ja noch Zeit, wer weiß. Und ein Wunder wäre es auch nicht. Heute, vierzig Jahre später, habe ich eine Frau, zwei Söhne, zwei nette Brüste, einen kleinen Bauch, eine Glatze, je nach Stimmung einen Bart oder nicht, schreibe Kinderbücher, spiele Schlagzeug, plunkere auf meiner Ukulele und staune, dass es immer noch Hippies gibt. Sie leben verstreut auf dem Land.

Gestern erfuhr ich von meinem Neffen, dass nicht weit von hier eine Hippie Party stattfände. Er spiele dort mit seiner Band. Man könne den Hof nicht verfehlen, man könne ihn schon von weitem riechen. Hippies kiffen, das wussten sie. Vielleicht, dachte ich, bin ich ja doch ein Hippie, denn ich kiffe ja auch, vielleicht, dachte ich, sollte ich hinfahren.

Ich zögerte. Die letzte Hippie Party, auch auf dem Land, auch auf einem ehemaligen Bauernhof, höchst idyllisch, traumhaft gelegen, weitab und doch nur eine halbe Stunde vor der Stadt, war eine gruselige Veranstaltung. Ähnlich wie ein Rolling Stones Konzert.

Ich wusste also, was ich mir antäte, führe ich. Gegen 22:30, ich hatte bis dahin vor dem Computer gesessen und vergeblich versucht, zwei Lieder, die ich im Januar in Carstens Nightsky Studio aufgenommen hatte, ins MP3 Format umzuwandeln, um sie on-line zu stellen, fuhr ich los.

Kaum aus dem Ort, an der ersten Kurve beim Blumen-Selber-Pfücken-Feld, stand ein Tramper. Ich hielt. Wir verhandelten, ich wollte erst ein paar Sätze von ihm hören, um festzustellen, ob ihm zu trauen sei. Dann nahm ich ihn mit. Nicht sehr weit, denn der Hof, zu dem ich unterwegs war, liegt nirgendwo. Er war trotzdem dankbar und froh. Nun sei es nicht mehr weit, sagte er und verschwand in der Dunkelheit.

Ich parkte meinen Wagen und ging das letzte Stück zu Fuß. Erster Eindruck: Idylle. Dann: Männer um die dreißig mit Rasta-Frisuren. Kinder. Hunde. Ein großes Feuer. Eine Wiese voller Zelte. In der Scheune spielt eine Band Reggae mit deutschen Texten. Tenor: wir können die Welt verändern, wir müssen es nur wollen. Aha, dachte ich. Zickige Tänzerinnen. Eine ergraute, beleidigt wirkende Hippie-Prinzessin auf Strohballen sitzend. Vielleicht zwischen zwei Indien-Aufenthalten kurz gelandet. Ein Fensterputzer, der seit Jahren afrikanische Bands produziert. Ein Hartz IV Empfänger, der seit zwanzig Jahren nicht mehr arbeitet. Die Leiterin eines Jugendtheaters. Die letzten drei kannte ich.

Zuerst wollte ich auf der Stelle kehrt machen und wieder nach Hause fahren, mich auf unseren Balkon setzen, noch ein Glas Wein trinken und dann friedlich schlafen gehen. Dann dachte ich, na ja, vielleicht gibt's was zu rauchen und blieb, ist ja auch schön hier. Zu rauchen gab's nichts. Aber dann rissen die Wolken auf, Bodennebel stand über abgeernteten Feldern, um den Mond hatte sich eine flache, geriffelte Wolke drapiert, vorm Horizont standen schwarze Bäume, jemand sagte, in dieser Nacht würden Sternschnuppen-Schwärme erwartet, hin und wieder schaute ich auf, sah aber nichts.

Ich blieb zwei Stunden, ich trank ein Glas Rotwein, ich tanzte ein wenig, der Hartz IV Empfänger trank sich um seinen letzten Verstand und gestand mir, er wäre der geborene Loser, wohingegen ich ja Gewinner sei, ich sagte, wenn du's glaubst, bitte, ich drehte eine letzte Rund über den Hof und fuhr heim.

Für den Mond, für den Himmel, für die düsteren Silhouetten der Bäume, für den Bodennebel, für den nahen Herbst, für die Hin- und die Rückfahrt hat sich der Ausflug gelohnt. Zuhause nahm ich meine Ukulele, spielte noch ein wenig auf dem nächtlichen Balkon, trank noch ein Glas Wein, dann ging ich zu Bett.

 

Mo 14.08.06   8:15

In jeder Zeitung stand: Massenmord. Die Bösen waren gottlob gleich verhaftet worden. Gestern durfte ich ihre Namen in der Zeitung lesen. Sogar Fotos der Häuser, in denen der ein oder andere gelebt hatte, sah ich. Ich wusste, dass Pferde kotzen, dennoch entschloss ich mich, der Presse zu glauben. Es ist ja die freie Presse. Aber die Fragen hörten nicht auf. Gilt für 20 junge muslimische Männer nicht auch das Recht auf Persönlichkeitsschutz? fragten sie. Noch war ja niemand verurteilt. Man hatte sie nur festgenommen, weil ein Verdacht bestand. Wieso standen dann aber ihre Namen der Zeitung? Wird jeder Verdächtige in Zukunft sofort mit Namen und Adresse der Öffentlichkeit preisgegeben?

9:08

Wieso startet Israel bei den Europameisterschaften der Leichtathletik? Sie sehen, die Welt ist voll von unbeantworteten Fragen. Manche sind so gefährlich, dass man sofort geächtet wird, wenn man sie stellt. Man darf sie nicht einmal denken. Man ist dann auf der Stelle böse. Zum Glück bin ich Humanist und Weltbürger. Ich kann gar nicht böse sein. Allerdings habe ich einen erschreckenden Makel: ich bin Deutscher.

13:00

Am vorletzten Samstag bummelte ich durch den Jordan, ein Stadtviertel in Amsterdam. Ich kam in die Elandsgracht und blieb vor einer Lijstenmakerij stehen - ein Rahmenfachgeschäft, würde man sagen, oder? Drinnen konnte man sich aber nicht nur Bilder rahmen lassen, sondern sich auch welche anschauen. Ich ging hinein. Überall hingen Bilder von Kühen. Ich mag Kühe sehr. Wenn ich spazieren gehe, grüße ich sie. Ich schaue sie mir gern an. Sie sind arglos, sie wissen ja nicht, dass ich sie esse. Der Maler, der diese Bilder bis gestern dort ausstellt hat, heißt Ruud Spil, ist noch ein junger Mann und malt nichts als Kühe und Schafe und Viehzeug. Und das macht er sehr gut. Aber sehen Sie selbst... (Man kann diesen Beitrag auch im Plural lesen, dann wäre meine Frau dabei.)

17:38

Sie erinnern sich an den nackten Mann am Strand von Bergen aan Zee und diesen seltsamen Schmuck? - Gut. Vorhin erfuhr ich, dass man so etwas Cock-Ring nennt. Der homosexuelle Arbeitskollege meiner Frau wusste mehr, allerdings, sagte er, gehöre er nicht zu denen, die so etwas trügen. Der Ring habe aber mit der zeitlichen Verlängerung von Erektionen zu tun. Aha! Ich hatte mir auch schon sowas gedacht. Quasi künstlich hervorgerufener Blutstau im Lingam. Führt wahrscheinlich bei längerem Gebrauch zu grauenhaften Verletzungen. Vielleicht fällt er sogar ab, schwarz und groß, fast wie Blutwurst. Schrecklich!!!

20:16

Sah gerade Nachrichten auf Arte, und was höre ich: in einem Bericht zum Waffenstillstand in Nahost sagt ein deutscher Nahost-Experte (Name leider vergessen) er halte den Krieg gegen die Hisbollah für den größten politischen Fehler Israels seit der Staatsgründung 1948. Au, au, au, wenn das der Zentralrat gehört hat.

 

Di 15.08.07   13:10

Frickelich Werks is dat, assen Computer nich so will ass ik dat hebben wullt. He dut ditt nicht en datt, hej fröggt me Sakens, die ik nich gefröögt wern will. Son Schiit.

14:45

Und auch sonst: Stillstand. Der Kopf arbeitet nicht. Wegschießen.

16:05

Höchstens Kaffetrinken ist möglich. Dabei habe ich gestern fünf Szenen für die 3. Folge der Soap geschrieben und hatte gehofft, heute wieder 5 fertig zu kriegen. Na ja. Halte es weiter mit Lao-Tse, der sagt, Nichtstun ist besser als mit viel Mühe nichts zu schaffen.

17:38

Auf Lütke Brintrups Wiese waren die Pferde nicht, aber die Stalltür stand offen. Ich schnaubte mein Pferdeschnauben so gut es ging (muss dabei immer aufpassen, dass mir die Prothese nicht aus dem Mund fliegt), ich pfiff, ich schnaubte noch einmal. Die Pferde kamen aus dem Stall, das jüngere zuerst, dann die Alte, und galoppierten auf mich zu. Kaltblüter. Haselnussbraun mit blonden Mähnen. Die Erde bebte. Das sind Momente, in denen ich glücklich bin. Ich hatte Kekse gekauft, weil ich, als ich das Haus verließ, vergaß, Brot einzustecken, das sie so gern mögen. Aber nur einer der beiden, die Alte, mochte sie. Der andere spuckte sie aus.

 

Mi 16.08.06   7:56

Baulärm. Die Sonne steht knapp über den Dächern der Dommelstraße. Trank Kaffee auf dem Balkon, habe ein wenig Zeitung gelesen, alles wie immer, Krieg, Hass, moralische Entrüstung, erstaunlich jedes Mal, wie vernünftig offizielle Vertreter eines Staates werden, wenn sie nicht mehr im Amt sind (siehe: Avi Primor), jetzt aber möchte ich ran an den Speck, ein paar Szene raushauen, nachdem ich gestern den süßen Sieg des Faktischen errungen habe. Man lernt meine Texte auswendig. Wie anders hätte das auch sonst funktionieren sollen?

18:16

Feierabend.

Früh aufgestanden. Den Computer hochgefahren. Hier gecheckt und da. Zweieinhalbtausend E-Mails an Schulen geschickt. Kaffee getrunken. Bütterken gegessen. Geld von der Bank geholt, mit dem Schnell-Schuster Manno die Welt zerrissen, in das tiefe Loch der Baustelle nebenan geguckt und mir von Badewannenjupp erklären lassen, wie das alles muss und geht, wie man das früher gemacht hat, wie das hier ausgesehen hat, 56, als er als erster hier baute, "bis zum Bahnhof konnte ich da noch gucken, da war nix, die Straße geschottert", dann an den Schreibtisch und in mehr oder weniger einem Ruck Szene 6 bis Szene 11 der 3. Folge rausgehauen. Wenn ich morgen so drauf bin wie heute, könnte ich fertig werden.

 

Do 17.08.06   9:30

Heute wird rangeklotzt. Jedenfalls habe ich mir das vorgenommen. Deshalb nur kurz.

Ich habe ein mp3 online gestellt, die musikalische Version meiner Ballade für Dämchen.
Zu Weihnachten 2005 bekam ich eine Ukulele, ein wundervolles kleines Instrument, das mich seitdem begleitet. Drei Wochen später konnte ich das erste Lied spielen.

Ich fuhr zu Carsten ins Studio und nahm es mit seiner Hilfe auf.
Es gibt eine Roh-Version, auf der ich die Ukulele spiele, und eine, auf der Carsten spielt.
Die Version, die Sie hören, wenn auf diesen Link klicken, ist die, auf der Carsten Hölscher alle Instrumente spielt. Ich singe.

Viel Vergnügen.

PS. Noch etwas. Von Oskar Wilde:

Normal und vernünftig sein, das kann jeder, vorausgesetzt, er hat keine Phantasie. Das einzige, was einen im Leben aufrechterhält, ist das Wissen um die unendliche Minderwertigkeit aller anderen.

13:40

Das Arschloch juckt, die Nölle fiept
sie werden wohl nicht sehr geliebt.

 

Fr 18.08.06   10:06

Wem der Sinn nach weiteren dämlichen Gedichten steht, für die ich mich hin und wieder schäme, der klicke hier. Aber eigentlich schäme ich mich nicht.

14:10

John Irving in der FR von heute zur Grass-Debatte:

"Das deutsche Mediengewitter gegen Grass ist widerwärtig. Grass ist ein wagemutiger Schriftsteller und war immer ein wagemutiger Mensch. Hat er sich nicht selbst einem Risiko ausgesetzt - erst mit 15, dann mit 17? Und jetzt, wieder einmal, im Alter von 79. Und wieder einmal schnappen feige, kleine Hunde nach seinen Fersen. Erinnern Sie sich noch an das Titelbild des Spiegel am 21. August 1995? Es zeigt jenes verabscheuungswürdige Foto von Marcel Reich-Ranicke - ein Tyrann, aber ein gefeierter Kritiker in Deutschland -, der den damals gerade erschienen Roman von Grass in zwei Hälften zerreißt...."

 

Sa 19.08.06   16:10

Drei prächtige Sternschnuppen, die ersten beiden fadenlang schnell, die dritte jedoch wie ein verglühendes Feuerwerk von Nordosten kommend, sich zum Südwesten senkend. Saß auf dem Balkon gegen eins heute früh und tat nichts weiter. Mein rechtes Bein schlief ein, sodass ich kaum stehen konnte, musste lange schütteln und auf einem Bein hüpfen, eh es wieder zu sich kam. Wertete das als Zeichen. Wofür, verrate ich nicht, wie auch ich nie jemandem verraten werde, was ich mir wünsche, wenn ich Sternschnuppen sehe.

Die dritte Folge der Soap ist fertig. Es juckt mich, die vierte Folge zu schreiben, habe mir aber eine freies Wochenende verordnet. Montag geht's weiter. Es schreibt sich flott augenblicklich, das sollte ich nutzen.

 

So 20.08.06  17:52

Fuhr nach Colonia Ulpia Traiana, heute Xanten. Siegfried ist hier geboren, der am Baldeneysee mit dem Drachen kämpfte. Das ist nicht weit von Xanten, das hat er zu Fuß machen können in zwei bis drei Tagesmärschen. Allerdings hat er den Rhein überqueren müssen, der hier in weiten Kurven das Land durchfließt und - wie heute nachmittag geschehen - bei aufziehendem Regen eins wird mit dem Horizont: polychromes Grau wo Fluss und Himmel sich treffen, landeinwärts scharf gezeichnete Pappelalleen, dunkles, tiefes Grün.

Wir überquerten den in der Fahrrinne fast sieben Meter tiefen Fluss auf einer kleinen Fähre. Mir war unwohl. Hielt mich in der Nähe der Rettungsringe. Trank Kakao in einem winzigen Café auf der Deichkrone an der rechten Seite des Flusses, sicher vor Hochwasser. Unterhalb Wiesen und verwunschene Trauerweiden, ein kleiner Wald, der Waldboden Flusskies.

Xanten ist ein hübsches Städtchen. Mittendurch führt eine alte, römische Straße. Die Stadt hat einen beeindruckenden Dom, für den, nehme ich an, Generationen bluten mussten, damit man ihn in all seiner Pracht errichten konnte. Und es hat ein kleines Museum, in dem eine Ausstellung des Malers Klaus Geigle eröffnet wurde. Ein untersetzter Landrat hielt eine Rede. Floskeln, Verbindlichkeiten und Schmeicheleien am laufenden Band. Klaus wusste gar nicht, wo er hinsehen sollte.

 

Mo 21.08.06   8:25

Sehr geehrte Terroristen,
Onanisten, Zapatisten, Zionisten, Bulimisten, Kommunisten, Faschisten, Kapitalisten ...
(bitte um Vervollständigung dieser Liste....),

ich bitte dringend darum, mich am Arsch zu lecken.

Hochtungsvoll

Hermann Mensing

8:40

Die Ballade für Dämchen ab sofort auch im Literaturcafé als Download.

15:37

Bin in grandioser Schriftstellerverfassung. Hocke und starre Löcher in die Wand. Zwischendurch rufe ich Mails ab. Eine Übersprungshandlung jagt die nächste. Fantastischer Tag.

 

Di 22.08.06   7:59

Der Rechner summt. Zwei dunkelhaarige Jungen schieben ihre Räder mit angezogenen, quietschenden Bremsen übern Bürgersteig und freuen sich über den Radau. Der Bagger brummt. Der Himmel ist grau. Ich habe die achte Szene der Dezember-Folge unserer Soap im Visier. Ich bin fest entschlossen. Aber das war ich gestern auch.

15:15

Ein Lehrerin ruft an, druckst rum und sagt schließlich, sie hätte da so ein Angebot von mir für zwei Lesungen im Dezember, was das denn hieße und wieviel das koste? Nun, sage ich, ich hatte zwei Lesungen zum Preis von einer angeboten, und dann ist das auch so. - Ja aber, wie das denn dann ginge? - Wie, wie was ginge? - Ja, könne sie da zwei Klassen zusammensetzen, oder koste jede extra? - Nein, nein, sage ich, es ist, wie's in meiner Mail steht, es sollten nur nicht allzuviele Kinder pro Lesung sein. - Ja, sagt sie. Ja. Und hätten Sie auch etwas Weihnachtliches? - Hm, sage ich, höchstens den Krimi, aber der braucht schon etwas fortgeschrittenere Zuhörer. - Ja, hm, hm, macht sie. - Ich sage, wissen Sie, schauen Sie sich doch einfach mal meine Webseite an und entscheiden dann, was Sie hören wollen. - Ja, hm hm. - Sonst kann ich es auch so machen, dass ich ich spontan entscheide, was ich lese. - Haben Sie denn alle Bücher dabei? Auswendig? - Nein, nicht auswendig, sage ich, aber ich entscheide häufig spontan. - Geht das denn? - Ja. Das geht. - So geht das noch eine Weile hin und her, bis wir schließlich drei mögliche Termine anpeilen und uns vertagen. Sie werde zurückrufen.

 

Mi 23.08.06   9:18

Mensings Texte werden mit Methoden aus der Raumfahrt erstellt. Ob sie ihre Gesundheit gefährden, ist unerheblich. Sie erhalten daher das Gütesiegel oRaV(1). oRaV ist ein eingetragenes Markenzeichen. Wir bitten das zu respektieren.

 

Do 24.08.06 9:00

Seit Anfang Januar wird geprobt, die Premiere (12.09.06) rückt näher, ich hocke Tag für Tag vorm Rechner und schreibe Dialoge. Fast hundertfünfzig Seiten bisher, zwei Folgen stehen noch aus: Januar und Februar. Woher all das Gerede kommt, ist mir ein Rätsel.

Dienstag fuhr ich zur Probe, um zu sehen, wie die Schauspieler mit der zweiten Folge zurechtkommen. Als ich reinkam, probten sie die 9. Szene und lachten sich krumm. Offensichtlich finden sie meine Texte komisch. Ich bin gespannt, ob das Publikum das auch findet. Meine Frau meint, ich solle froh sein, es hätte auch anders kommen können.

Werden wir (wovon die meisten der jungen Schauspieler offenbar ausgehen) nach der Premiere wie Helden durch die Stadt getragen, bejubelt und von Folge zu Folge berühmter, oder hauen sie uns in Stücke. Ich werde mich in jedem Fall zurückhalten, aber mit näherrückendem Premierentermin wachsen die Erwartungen himmelhoch. Schauen Sie sich die Webseite mal an, die hauen mächtig auf die Kacke, die Kinder. Natürlich dürfen sie nicht wissen, dass ich denke, sie wären noch Kinder, sie sind ja auch keine mehr, es liegt nur daran, dass ich 57 und sie 17, 20, 25, maximal 30 sind.

 

Fr 25.08.06   8:30

Ich fuhr über Land. Hinter mir schlief der Tag ein. Auf den Wegen der Einheimischen kroch mir die Nacht entgegen. Vor einer Kneipentür stand ein Mann. Er hatte ein Bier in der Hand. Der Sommer geht, dachte er. Dann ging er rein, pissen. Über der Provinzmetropole glühten Wolken. Blitze zuckten. Ich fuhr langsam. Ich wollte nicht ins Gewitter fahren. Außerdem war ich nicht in Eile. Ich hatte Urlaub gemacht. Ich war sehr weit fort gewesen, hatte den Tag im Studio verbracht, Tee getrunken, kleine Joints geraucht und um ein Haar die Ballade für eine Kanakenstadt aufgenommen. Dann aber fuhren wir zum Armenier Jakob und aßen. Danach war der Bauch voll und der Geist nicht mehr aktiv.

Als ich gegen 23:00 heim kam, saß Goldberg in unserem Wohnzimmer. Er scheint riechen zu können, wann ich nicht zu Hause bin. Er saß da und erzählte meiner Frau Geschichten. Die findet sie amüsant. Ich nicht mehr. Ich finde, G. ist ein armes Würstchen.

An armen Würstchen richtet man sich auf.
An ihnen stellt man fest, dass es einem doch gut geht.
Und die armen Würstchen freuen sich, jemand zu kennen, den sie bewundern dürfen.
Ein abgefeimtes Spiel, dieses Leben, aber ich habe es nicht erfunden.

Ich ging dann ins Bett. Ich hatte genug erlebt. Ich wollte keine Geschichten mehr hören. Ich wollte schlafen und heute will ich Dialoge schreiben. Und dann hoffe ich wieder den ganzen Tag, dass jemand anruft und mich für Lesungen bucht. Und schaue nach, ob jemand mir E-Mails geschrieben hat. Und zwischendurch gehe ich hinunter in den Keller und spiele Schlagzeug. Gleich hänge ich Wäsche auf. Später putze ich das Klo und das Bad. Vielleicht. Und heute mittag kaufe ich mir die neue Bob Dylan CD.

11:05

Für alle, die nicht lesen, gibt es jetzt 40 Bücher: 20 einzigartige Romane und Erzählungen, 20 bedeutende Sachbücher, ausgewählt von der SPIEGEL-Kulturredaktion unter mehreren Tausend Titeln, die seit 1961 den Sprung auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft haben.

Man stellt sie in den Schrank, sodass jeder sie sehen kann. Und wenn mal einer fragt, was in dem oder dem drin steht, gibt es bestimmt auch kurze Sätze, die irgendwo mitgeliefert werden und die man dann auswendig lernen sollte, damit es nicht auffällt. Aber Haben ist auch schon gut, Haben passt in unsere Besitzkultur. Schließlich kann man sogar die Erde besitzen. Es gibt Rechtstitel auf jeden Quadratmeter dieses Planeten, und niemandem kommt das komisch vor. Man hat sogar schon begonnen, Rechtstitel auf andere Planeten zu verkaufen. Mit einem Wort: die Bewohner dieses Planeten haben vollständig den Verstand verloren.

16:20

Konnte stellvertretend für die Welt leider nur den Gärtner zusammenscheißen, der, als ich aus der Stadt kam, mit einer Giftspritze auf dem vor Monaten umgepflügten, seitdem mit Mulche bedeckten ehemaligen Rasen vor unseren Häusern herumspritzte. Drohte ihm, ihn wegzujagen, sollte er sich auch vor unserem Balkon sehen lassen. Wenig später fuhr er davon.

Der arme Kerl, kann ja nichts dafür, dass die Neugestaltung unserer Vorgärten sich nun schon so lange hinschleppt. Ich nehme an, er wird den von mir implantierten Ärger woanders weitergeben. So pflanzt er sich fort und wird zu einer Welle ungezügelten Hasses, die um die Welt schwappt wie ein Tsunami. Höher und höher, und als erstes müssen alle Idioten dran glauben.

Also ich, Sie, Sie und Sie, aber vor allem Sie Arschloch, Sie verfickte blöde Sau.
Und natürlich Günter Grass, dem man, wenn es so weitergeht, nachweisen wird, dass er damals Antisemit war, kann ja gar nicht anders gewesen sein, und wenn sie das erst mal rausgekriegt haben, werden sie alle Trommeln schlagen und Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Also, wie gesagt, heute ist Hass-Tag, laufen Sie mir nicht über den Weg. Es ist besser.

 

Sa 26.08.06   10:00

Also das diskriminiert jetzt aber mich als Mensch....

14:45

Schrecklich, diese Kraftausdrück. Sie sollten mal hören, was ich so vor mich hinbrumme, wenn ich Auto fahre. Manchmal stelle ich mir vor, ich hätte ein Mikro und auf dem Wagen einen Lautsprecher. Das gäbe ein Massaker erster Güte.

17:45

Vor einer halben Stunde schellte das Telefon. Es war Goldberg. Ich sagte Guten Tag. G. blaffte erregt, was ich mir eigentlich einbilde, so einfach ins Bett zu gehen und ihn da sitzen zu lassen (ich war aufgestanden, hatte gesagt, so Leute, ich bin müde, ich geh jetzt ins Bett, wie ich das immer tue, wenn ich ins Bett gehen will), was ich denn dächte, mich so aufzuführen, was das denn für ein Benehmen wäre, so was von unhöflich, er habe sich quasi hinausgeworfen gefühlt (dabei saß meine Frau doch da).

Ich versuchte noch zu erklären, dass ich den ganzen Tag unterwegs gewesen wäre, aber er hatte sich längst in Rage geredet, worauf ich ihm sagte, ich hätte keine Lust, mir so etwas anzuhören. Dann legte ich auf. Das ist das schöne am Telefon. Man kann einfach auflegen. Fertig. 10:50

Ich nehme an, damit hat sich mein Verhältnis zu G. erledigt. Ich begreife den Anruf nicht. Höchstens als Unverschämtheit.

Aber vielleicht geht es G. mit mir genauso, wie es ihm vor einer Weile mit H. gegangen ist, er fühlte sich ausgenutzt, schlecht behandelt, nicht wirklich geliebt, und wollte das nun endlich klären. Gut, lieber G., nun hast du's geklärt, es stimmt, ich habe dich nie geliebt, deine Mix-Cassetten fand ich in der Regel totlangweilig, was mir gefällt, ist dein Sinn für Farbe, aber du machst ja nichts draus, du bist ja das arme Opfer eines übermächtigen Vaters. Lass deinen Frust also woanders, nicht hier. Gut? Dankeschön. Auf Wiedersehn.

22:30

Er, leise: Nichts stimmt, an diesen Menschen stimmt gar nichts. Aber sie sind die Masse, sie sind nicht nur die Mehrheit, sondern sie sind siebenundneunzig Prozent aller Menschen oder noch mehr. Sie sind die Wahrheit, nicht wir. Anja, ich bin eine Minderheit, eine verschwindend geringe Minderheit, sie sind die totale Mehrheit, demokratisch gesehen die absolute Mehrheit, die Menschen sind so, wie die da sind, nicht so, wie ich bin. Die ganze Menschheit ist falsch und verdreht alles in sein Gegenteil, aber das ist die Menschheit. (...) Sie hält sich für das Bessere, die Menschheit, rief er, sie ist aber das viel Schlechtere, und diesen Widerspruch muß sie nicht ertragen, die Menschheit, weil sie ihn nicht merkt, sie hat sich nämlich genau das Gegenteil rhetorisch zurechtgelegt. Aber ich, ich muß es merken, auch und gerade hier in dieser Amtsstube vor diesem Beamten, der einen guten Nazi abgegeben hätte, wie übrigens die gesamte Bundesrepublik gute Nazis abgegeben hätte, und nicht nur die, die ganze Menschheit gibt gute Nazis ab, das hängt nur von den Umständen ab, nicht von ihnen selber. (2)

 

So 27.08.06 10:50

Saß während des abendlichen Verdauungsprozesses reglos auf dem Balkon, als eine Frau mit gefärbtem Schwarzhaar einen großen Einkaufswagen die Straße hinabschob. Es waren kaum Waren darin. Fragte, wo sie damit hinwolle, ob sie nicht wisse, dass man Einkaufswagen nicht mitnehmen dürfe. Darauf Sie: Was geht Sie das an? Darauf ich: Ich kann auch die Polizei rufen, wenn Sie mögen. Darauf Sie: gefährliche Blicke werfend ab. Darauf meine Frau: Hermann, Hermann, die bringt den doch zurück. Darauf ich: Woher soll ich das denn wissen? Darauf meine Frau: Die ist verrückt, die Alte.

So weit, so gut. Die Alte ist etwa so alt wie ich.

Zweieinhalb Stunden später: der Verdauungsprozeß hatte Fortschritte gemacht, Frau M. war ins Bett gegangen, ich saß vorm Computer, um Andreas Maier zu zitieren und hörte ein Geräusch. Es erinnerte an das Zerplatzen einer Glühbirne. Ich ging ins Wohnzimmer, aber da war alles wie immer.

Noch eine Stunde später: ich wollte es mir auf dem Sofa bequem machen, um Ukulele zu spielen, als mir auffiel, dass auf dem Sofa und auf dem Boden Eierschalen lagen. Muss ich morgen wegsaugen, dachte ich, ohne darüber nachzudenken, wie die wohl dahin gekommen sein könnten.

Heute früh nun die Aufklärung. Wir sind Opfer eines feigen Eierwerfers geworden. Eines ist draußen an der Wand zerplatzt, eines hat seinen Weg durch die offene Balkontür gefunden und ist am unteren Fach des Bücherregals zerschlagen.

Die verrückte Frau, mutmaßt meine Frau, aber auch der Balkon der Nachbarin wurde getroffen.

Was meinen Sie?

Soll ich die verrückte Frau töten? Haben zu allem entschlossenen Kämpfer der Hisbollah unser idyllisches Dorf Roxel erreicht, durch das einst die von den Einheimischen als "unwies" bezeichnete Dichterin Annette von Droste-Hülshoff schritt?

Wir wissen es nicht, aber die Furcht wächst. Jeden Augenblick kann wieder etwas passieren. Nirgendwo ist man mehr sicher. Wir brauchen mehr Polizei. Wir brauchen Spione. Wir brauchen vor allem die Todesstrafe. Aber das ist mit der großen Koalition ja nicht zu machen. Wir brauchen wieder eine Partei.

In diesem Sinne wünscht Ihnen Herr Mensing einen angenehmen Sonntag.

Wie morgen vor sechs Jahren alles begann, lesen Sie hier....

 

Mo 28.08.06   9:40

Hach, ich bin dankbar.
Zu meinem heutigen Jubeltag (6 Jahre on-line, 6 Jahre vergebene Liebesmüh) erhielt ich diese wunderbare Überraschung.

Sehr geehrter Herr Mensing,

der 12.09.06 ist nicht mehr fern und es wird für Sie einer der schönsten Tage in diesem Jahr. Unter allen treuen Kunden, die wir in unserer Kartei führen, haben wir am 30.06.06 diese Sonderverlosung "Frühling 2006" durchgeführt. Machen Sie sich am 12.09.06 auf eine wunderbare Überraschung gefasst.
Für Sie, Herr Mensing, als Hauptpreis Gewinner, haben wir uns etwas ganz Besonderes einfallen lassen.
Herr Jürgens von der Geschäftsleitung hat extra am 12.09.06 am schönen Dümmer See für Sie und Ihre Gäste für 4 Personen in einem erstklassigen Restaurant eine Gewinnfeier beginnend mit einem ausgiebigen Sektfrühstück mit allem Drum und Dran reserviert/bestellt und schon vorab für Sie und Ihre mitgebrachten Gäste bezahlt!
Im Anschluß daran haben wir für Sie, Herr Mensing, eine tolle un informative Gewinn-Feier und großer Hauptpreis-Übergabe mit Musik und Tanz vorbereitet.
Und jetzt der Knaller: Jeder Reisegast erhält zum Andenken an diesen besonderen Tag GARANTIERT exklusive und tolle Sommergeschenke von der Geschäftsleitung persönlich überreicht.
Und zusätzlich sind Sie, Herr Mensing, noch nominiert für die große Herbst/Winterverlosung 06.
Anschließend zur Mittagszeit, serviert Ihnen und Ihren Gästen, der Chefkoch ein schmackhaftes und frisch zubereitetes Mittagsmenue der Spitzenklasse! Von der reichhaltigen Schlachteplatte bis hin zu regionalen Spezialitäten ist für jeden etwas dabei! Als auch ein Freigetränk selbstverständlich KOSTENLOS.
Ja, es ist wirklich schon alles für diesen besonderen Tag vorbereitet. Jetzt liegt es an Ihnen!
Zum Abschluß diesen tollen tages servieren wir Ihnen und Ihrer Familie/Freunden herrlich duftenden Kaffee oder Tee und frischen, hausgemachten Kuchen. Außerdem lädt der Dümmer See zu einer herrlichen Schiff-/Bootsfahrt ein.
Ein besonderes Highlight ist der Besuch - mit großer Besichtigung - einer alt eingesessenen Aalräucherei.
Jeder Reisegast erhält KOSTENLOS ein schmackhaftes und reichhaltes Fischpaket, - frischer Fisch direkt vom Hersteller.
Eine Bitte noch: Tun Sie sich und uns einen Gefallen und antworten Sie rasch, damit wir alles Nötige vorbereiten und diesen Vorgang abschließen und Ihnen Ihren Hauptpreis ordnungsgemäß überreichen können.
Wir werden uns direkt darum kümmern, dass Sie Ihren Hauptpreis am 12.09.06 ordnungsgemäß erhalten!

17:30

Und was hat Herr Mensing heute zuwege gebracht?

Also, bis gegen zehn hat er Kaffee getrunken, Zeitung gelesen, Wäsche gewaschen und aufgehängt, zwischendurch immer mal wieder E-Mails gecheckt, hätte ja was dabei sein können. Nach einigem Frickeln dann plötzlich Zugang zu seinen neuen Statistiken, die er seit Mittwoch letzter Woche, seit die Firma, bei der seine Webseite lagert, alle Daten migriert hat, nicht mehr hatte aufrufen können.

Und was soll ich sagen: Schock.

Hatte laut alter Stastik im Monat zwischen 125 und maximal 180 Besucher pro Tag, mit der neuen sind es bisher gerade mal 40 - 50. Zugriffe jedoch gehen in die Tausende. Ich begreife nun gar nichts mehr.

Zwischen all diesen Übersprungshandlungen an einem verregneten Montagmorgen brachte ich die Ballade von einer Kanaken Stadt in ihre musikalische Form (Walzer) und nahm drei Versionen mit meinem Diktiergerät auf. Erstaunlich, was dieses kleine Ding kann.

Am Freitag fahre ich zu Carsten ins Studio. Wir wollen eine erste Aufnahme versuchen.

Dennis kam. Ich hatte ihn gefragt, ob er mit seinem Equipment helfen könne, die von mir geplanten Video-Clips mit etwa 5-minütigen Lesungen zu jedem meiner Romane zu realisieren, die ich bei You-Tube hochladen will. Im Prinzip ja, aber in den nächsten Wochen ist er für's Fernsehen in USA, um eine Dokumentation übers Wildwestreiten zu drehen. Habe danach Jan gefragt.

Schließlich die 5. Folge der Soap geladen und die dritte, vierte und fünfte Szene geschrieben. Hochdramatisch, diese 5. Folge. Die Leute werden Rotz und Wasser heulen. Die erste Szene hatte ich am Samstag gemacht. Die zweite werde ich schreiben, wenn ich die juristischen Informationen, die ich für diese Szene benötige, von Harald kriege. Der wiederum muss deswegen einen Spezialisten befragen und den hat er noch nicht erreicht.

Manno, ganz schön was auf die Beine gestellt heute, deshalb jetzt: Feierabend.

Halt, eh ich gehe, verrate ich noch meinen größten Wunsch: ich würde mit meiner Kunst gern so viel verdienen, dass meine Frau nur noch halbtags arbeiten müsste.

 

Di 29.08.06   8:55

Tja, der Jubeltag ist erst heute. Hatte mich mit dem Datum vertan. Macht aber nichts, juble ich einfach zwei Tage hintereinander, das kann auch nicht schaden. Ob heute gearbeitet wird, weiß ich noch nicht. Es könnte sein. Es könnte aber ebensogut sein, dass ich mich gleich auf mein Rad setze und eine meiner mäandernden Touren um Münster starte. Rings ums Haus nämlich brummt und rattert es noch störender als in den letzten Wochen, vielleicht werden neue Gräben ausgehoben, ausgehobene Gräben zugeschüttet und gestampft, ich weiß es nicht, jedenfalls ist schon seit sieben Alarm.

12:18

Noch ist kein Satz geschrieben. Alle Welt arbeitet, Herr M. nicht. Die Scham, die er empfindet, könnte vielleicht durch Einkünfte in sechsstelliger Höhe besänftigt werden. Trotzdem, die Scham sitzt tief, nagt und wird immer schlimmer, wenn er sieht, wie hart seine Söhne und seine Frau um ihre Existenz kämpfen. Nicht, dass er nicht auch kämpft. Es ist nur so, dass sein Schlachtfeld so weit vom Alltag entfernt liegt, was immer auch Alltag sein mag.

Wie sagte Frau M. gestern: vielleicht hätten Sie einfach Speditionskaufmann bleiben sollen.
Jaaaa, gute Idee, aber sie kommt zu spät. M.'s Zug
fährt gerade in einen neuen Bahnhof ein. Und hält. Der WDR 5 ruft an und fragt, ob man M.'s Sommergedicht heute um 17:05 zum Auftakt der Sendung Westblick senden dürfe. Ja, ja, antwortet M., aber Sie sollten nicht vergessen, ein Honorar zu überweisen und den Namen des Autors zu nennen. Haben Sie denn schon für den WDR gearbeitet, wird gefragt und Herr M. antwortet: Natürlich. Der Redakteur verspricht Honorar. Die große Mutter WDR wird überweisen. Danke, sagt Herr M., und schon fährt der Zug weiter.

13:55

Ernüchterndes für Webseitenschreiber.

Aufenthaltsdauer Anzahl der Besucher Prozent
0s-30s 258 76,3
30s-2mn 34 10
2mn-5mn 15 4,4
5mn-15mn 13 3,8
15mn-30mn 07 7,2
30mn-1h 5 1,4
1h+ 1 0,5

 

Mi 30.08.06   7:47

Im Zusammenhang mit dem Angriff des Zentralrates der Juden gegen Frau Wieczorek-Zeul, die den Einsatz von Streubomben kritisiert hatte, erinnere ich an einen Live-Auftritt von Monty Python in der Hollywood Bowl. Dort tritt ein Tenor auf. Neben ihm steht eine kleine Säule, darauf eine Vase mit Blumen. Der Tenor beginnt zu singen. Er singt über Völker, die er mag. Immer, wenn er eins beim Namen nennt, (er singt: ich habe nichts gegen... (Name des Volkes, gegen das er nichts hat, u.a. Juden) explodiert etwas, sodass er zum Schluss ganz und gar abgerissen auf der Bühne steht.

Genauso geht es mir, lieber Zentralrat. Ich mag eure ständigen Einwürfe nicht mehr hören. Sie hängen mir zum Hals heraus. Ich weiß, was ihr sagen wollt. Aber das bin ich nicht, auch wenn ihr es immer wieder aufs Neue behauptet. Haltet einfach den Mund und denkt nicht ständig, dass ihr etwas Besonderes seid. Und wenn es euch nicht gelingt, in uns nichts als die Nachfahren eurer Mörder zu sehen, was ich verstehen kann, dann geht in das Land in dem Milch und Honig fließt, dort ist es friedlich...

23:00

Neu auf www.hermann-mensing.de. Die virtuelle Lesung.

 

Sackgasse 13  
 

 

Der zehnte Mond

 

Do 31.08.06   11:22

Offenbar hat mein Sommergedicht auf WDR5 einen Wetterumschwung bewirkt.
Die Wirkung meiner Literatur ist manchmal beängstigend. Die heute zu Ende gehende Schlechtwetterperiode begann nämlich genau an dem Tag, als ich es mir wünschte.

Nun ja.
Irgendeine Begabung braucht jeder Mensch.

Ich glaube, ich werde den Rest des Tages mit Übersprungshandlungen hinter mich bringen.
Habe schon zwei Maschinen Wäsche gewaschen und aufgehängt, habe mehrfach Kaffee getrunken, habe zwei Szenen geschrieben, habe überlegt, ob ich Mark Olson, dem Sänger der leider nicht mehr existierenden, von mir sehr geschätzten Band The Jayhawks, den ich gestern abend mit seiner neuen Gruppe, den Creekdippers, im Pumpenhaus sah, nicht in sein Gästebuch schreiben sollte, wie grauenhaft ich die von ihm gefeaturte Sängerin Victoria Williams fand, eine Hippie-Schlampe erster Güte, wie sie damals, als ich in Californien war, an jeder Ecke rumhing. Sie konnte nicht Bongos spielen, sie konnte nicht Gitarre spielen, sie redete ständig und lachte irre, man kann das natürlich genial nennen, ich fand es entnervend und verließ das Konzert nach drei oder vier Stücken. Schade, denn eigentlich hätte ich Mark Olson gern länger gehört. Erfuhr aber dann, dass Victoria Williams seine Frau ist und verkniff mir den Eintrag.

 

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1. oRaV: ohne Rücksicht auf Verluste: zitiert nach Wolfgang Welt: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe, Roman, Suhrkamp 2006 // 2. Andreas Maier: Kirillow Roman, Seite 62 Suhrkamp 2006 //

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