August 2017                      www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

zum letzten eintrag


Di 1.08.17 12:25 bewölkt, 23 Grad


Willkommen zum Ende

Hito Steyerl ... und alle anderen, die ich nicht mehr erwähne, mögen mir verzeihen. Ich habe ihre Arbeiten gesehen oder auch nicht, aber jetzt bin ich es müde, mir weiter Gedanken zu machen. Das sollen die anderen tun, und Besucher sind zahlreich. Sie geben Geld aus. Sie zählen sich zu einer Elite. Aber auch bei Eliten herrscht Ratlosigkeit, sie wird aber selten eingestanden, lieber zitiert man Kluges. Was in der Zeitung steht, weiß ich nicht, denn ich lese die Stadtzeitungen nicht. Ich wüsste aber von keinem Skandal. Einmal wurde eine der sieben grob gerasterten LED Arbeiten von Arakawa gestohlen, ein andermal der Kopf von einer der Gipsfiguren Frau Eisenmanns abgeschlagen. Von den Tätern keine Spur, glaube ich.

Die Menschen, die ich als Kutscher treffe, sind nicht unbedingt wegen der Skulpturen in die Stadt gekommen, ich glaube, das ist nicht die Kutschenklientel, obwohl schon zwei, drei dabei waren. In der Regel sind Erstere ratlos bis belustigt, Letztere höchst interessiert und neugierig. Empört war noch keiner. Manchen versuche ich nahe zu bringen, dass Ratlosigkeit auch genossen werden kann. Dass sie dazugehört und akzeptiert werden will.

Letzte Woche nun hörte ich Tim Ullrichs zu, der in der Freien Gartenakademie bei Wilm Weppelmann hauptsächlich über sich und die Skulpturen sprach. Dass er hauptsächlich über sich sprach, macht ihn mir sympathisch, denn das tue ich auch. Vielleicht ist das die Freiheit, derentwegen einer Künstler wird. Ich mag Ullrichs aber auch wegen seines vorweggenommenen Überkopfgrabes in Kassel und einer Aktion, bei der er bei heftigem Gewitter halbnackt mit einer um die Hüfe befestigte, mehrere Meter hochragende Metallstange über ein freies Feld lief.

Ullrichs findet die Skulpturen mehr oder weniger nichtssagend. Er riecht im Hintergrund Kungelleien und argwöhnt, dass das Stadtmarketing zunehmend Einfluss nehmen will oder längst hat. Er hinterfragt den Sinn solcher Veranstaltungen. Sie werden auch in meinen Notizen zu den Skulpturen Zweifel bemerkt haben. Das ist nicht weiter schlimm. Kunst muss auch Zweifel auslösen, was wäre sie, wenn sie das nicht täte. Und wer wäre ich, zu sagen, dass es keine Kunst sei, Das hieße ja, ich wüsste, was Kunst ist. Also willkommen zum Ende, dem, das wissen Sie, immer ein Anfang innewohnt.


Mi 2.08.17 8:24 bewölkt 15 Grad

Jetzt ist der Weizen vom Halm. Bis der Mais geschnitten wird, dauert es noch ein Weile. Ich werde mit dem Sommer durch den August gleiten, vielleicht sehe ich noch einmal das Meer, schön wäre das, falls nicht, ist es auch gut. Gestern sah ich zwei Kinder vor einem Haus, vor dem ein großer, länglicher Karton lag. Die Kinder spielten damit. Als damals unsere neue Waschmaschine ins Haus kam (wie lang mag das zurückliegen, dreißig Jahre?) war der Karton, in dem sie eingepackt war, lange Zeit das beliebteste Spielzeug im Haus. Die Kinder schnitten Fenster hinein und eine Tür. Sie schafften Decken und Kissen heran und wären am liebsten eingezogen mit ihren Kuscheltieren und Schnullern und was er sonst gab. Das waren schöne Zeiten. Aber dann dreht man sich um, und alles ist anders. Man ist allein. Nicht, dass man nicht vertraut mit dem ein oder anderen wäre, nicht, dass man keine Frau an der Seite wüsste, nein, aber das mindert nicht das Gefühl des Alleinseins, im Gegenteil, es wird täglich größer, denn die, mit der ich abgleichen könnte, ob und wie die Kinder geraten sind und die Enkel und das Leben an sich, lebt seit über acht Jahren nicht mehr und bleibt ein täglicher Schmerz, mal größer, mal kleiner. Aber es geht mir gut.


Do 3.08.17 11:52 wechselnd bewölkt 22 Grad (schwül)

Ich fuhr auf die Ampel der Kreuzung Studtstraße Nordstraße zu, als mich ein dunkelblaues Mercedes Coupe (später 70er) an den Bordstein drängte. Ich beschwerte mich. Reg dich nicht auf, Opa! rief der Fahrer durch die geöffnete Scheibe. Ich stieg vom Rad und trat den mich fast an der Hüfte bedrängenden rechten Spiegel vom Wagen. Weil das so schön splitterte und der Fahrer, ein Mann in den Mittdreißigern, hinterm Steuer verharrte, trat ich ihm den rechten Frontscheinwerfer ein, setzte ich mich aufs Rad und fuhr durch die Hoyastraße, eine Einbahnstraße, davon. Sein Nummerschild lautet: MS-TH 101 oder 100. Ich hätte ihn auch gern blutig geschlagen, hatte aber nichts, womit das zu bewerkstelligen gewesen wäre. Sollten Sie den Wagen plus Fahrer im Kreuzviertel sehen (ich möchte wetten, dass er dort irgendwo wohnt), schlagen Sie ihn in putativer Notwehr für mich zusammen, bis er Zähne spuckt.

Ich war auf dem Weg zur Kutsche und ahnte ich nichts Gutes. Vom Kutschbock aus muss man Zuversicht ausstrahlen, damit die Leute den Mut finden, einzusteigen und sich eine Weile durch die Stadt fahren zu lassen, man muss offen sein, irgendetwas muss man ausstrahlen, damit man sie verführen kann, ohne aufdringlich zu sein. Nach dem Zusammenstoß mit diesem Mercedes Fahrer hatte ich weder Lust für lange Reden noch sonst irgendein Motiv, den Kutscher zu spielen. Ob das eine nun mit dem anderen zusammenhängt oder nicht, weiß ich nicht, meine Schicht aber verlief entsprechend. Die erste Tour war vorgebucht, da musste ich nur vorfahren und fünf Frauen abholen, die sich einen feinen Tag machten, mich fragten, wo Wilsberg immer sein Bier tränke und wo man gut Kaffee trinken könne. Nette Frauen meines Alters. Im Anschluss dann fünf Koreaner. Danach kreuzte ich fast eine Stunde über den Prinzipalmarkt, und je länger ich kreuzte, desto weniger hatte ich Lust, überhaupt noch jemanden einsteigen zu lassen, bis ich eine Stunde vor Feierabend abbrach und die Kutsche in die Garage fuhr.


Di 8.08.17 11:06 bewölkt keine 20 Grad

Herr M. versucht sich an einer neuen Technik. Er ist sicher, dass er nicht der Erste ist, bestimmt ist er auch nicht der letzte, aber er tut es dennoch. Im Grunde handelt es sich um einen simplen Trick. Man nimmt den ersten Buchstaben eines Ortesw, ndu etzts hni achn intenh. Chons ath anm ölligv euen Autel ndu ielleichtv rgebene ichs os ogars Edichteg, ied se orherv ichtn abg. Anm irdw ucha bwartena üssenm, bo ndu iew asd Ehirng ichs araufd instellte, bo se ni erd Agel sti, ied Erdreherv utomatischa urückzuverwandelnz.


20:53

manchmal
geht der mond nicht sehr zart mit mir um
dann treibt mich die nacht
träume geraten ins abseits
minuten takten das dunkel
und das warten auf licht
bis ich sie mit kaffee betrüge
um danach vielleicht tief zu schlafen
aber das hilft nicht
sie ist im bunde
mit alben und mahren und grauen geschöpfen
die herzen krampfen und köpfe sprengen
zu nebel neigen und unruhe nähren
zum glück ist immer irgendwann morgen
aber ich weiß nicht mehr
als zuvor


der letzte ist der erste

anchmalm
ehtg erd ondm ichtn ehrs artz itm irm mu
annd reibtt ichm ied acht
räumet erateng nsi bseitsa
inutenm aktent asd unkeld
ndu asd artenw ufa ichtl
isb chi ies itm affeek etrügeb
ndu anachd ielleichtv ieft uz chlafens
bera asd ilfth ichtn
ies sti mi undeb
itm lbena ndu ahrenm ndu raueng eschöpfeng
ied erzenh rampfenk ndu öpfek prengens
uz ebeln eigenn ndu nruheu ährenn
umz lückg sti mmeri rgendwanni orgenm
bera chi eißw ichtn ehrm
lsa uvorz


Fr 11.08.17 14:41 bewölkt, keine 20 Grad

Ich lese zur Geschichte der Stadt Münster, was ich kriegen kann und stelle fest, dass ich auf der Kutsche schon einigen Blödsinn erzählt habe. Aber langsam bildet sich ein umfassenderes Verständnis heraus, so dass sich mir dieses grausame kriegerische Hin und Her zwischen europäischen Fürstenhäusern, Königen und Kaisern, ihre ständig wechselnden Koalitionen, ihre Eitelkeiten, Raffgier und Machtgeilheit ab 793 und das Erstarken der bürgerlichen Zivilgesellschaft langsam erklärt.

Geschichte ist spannend, und ich ärgere mich, dass es in meiner Schulzeit nie jemanden gab, der mich für sie begeistert hat. Der Dichter rückt im Augenblick etwas in den Hintergrund, er benötigt Muße. Da ich zweimal die Woche nachmittags vorlese und zweimal die Woche vier Stunden Kutsche fahre, hat er die nicht, obwohl ich nach wie vor viel Zeit habe.

Aber Zeit und Muße sind unterschiedliche Dinge, und die Kutschfahrerei beschäftigt mich mehr, als ich mir hätte vorstellen können. Mit dem Zusteigen jedes Gastes entsteht sofort eine komplexe Struktur, die einzuschätzen und zu gestalten mir überlassen ist, dazu benötige ich Überblick, Menschenkenntnis und die Fähigkeit, Verkehr und Erzählung in Einklang zu bringen, damit weder die Geschichte noch die Sicherheit meiner Gäste ins Hintertreffen gerät.

Zum Glück ist der Kutschbock über den Dingen, so dass ich guten Überblick habe, dennoch, die Radfahrer kommen von allen Seiten und die Fussgänger halten den Prinzipalmarkt für ein Reservat.


Sa 12.08.1710:45 bewölkt, regnerisch, kühl

Die beiden kommen aus Krefeld. Oder aus Düsseldorf. Oder aus irgendeinem dieser links- und rechtsrheinisch liegenden Mundartreservate. Sie war mir schon vor einer halben Stunde aufgefallen. Da hatte sie gefragt, wann ich hier wieder vorbeikäme.

Hier. Standort vorm ehemaligen Haus des Kerckerinck, münsteraner Patrizier in der guten alten Zeit, als wir den So-zi-a-lis-mus hatten, 1534-35, als wir unter Anleitung (wir machen alles nur unter Anleitung) von zwei niederländischen Wiedertäufern die Kirchen plünderten, alles kaputtschlugen, vier Weiber nehmen durften (was allerdings zu Unruhe und Widerstand im Volk führte) und glaubten, das Himmelreich komme jeden Moment, oder - auch das eine Option - sei längst da.

Wenn Sie das auf die Gegenwart hochrechnen, werden Sie feststellen, dass es diesen Wahnsinn noch gibt, alles gibt es noch, das eine hier, das andere ein paar tausend Kilometer weiter, Herkunft, Kultur, das alles scheint keine Rolle mehr zu spielen, wenn es darum geht, dass der Mensch den Verstand verliert.

Aber darum ging es nicht. Es ging darum, dass sie mir aufgefallen war: mittelblondes, schulterlanges Haar, Tatoo auf der linken Schulter und auf dem Brustkorb, in Leoparden imitierendes, fließendes Textil gehüllt, Espandrillos und Goldarmreifen, dickes, schepperndes Blech am linken und rechten Arm. Broilerfarben und faltig die überall sichtbare Haut. Alter etwa wie ich, 68.

Ja, sage ich, in einer halben Stunde bin ich wieder da. Und kaum bin ich wieder da, steht sie da auch schon, diesmal nicht allein. Sie hält mit jemandem Händchen. Sie fasst jemanden an, nicht nur, während sie da unten steht und wir vereinbaren, wie lange ich sie herumfahren soll (40 Minuten), nein, sie fasst ständig jemanden an. Dieser Jemand ist ca 35, hat dunkles Haar, ein schmales Gesicht, ein später Junge, der kaum mehr als ja und nein sagt. Er sitzt schließlich rechts neben ihr. Sitzt da und wird nicht losgelassen. Wird zwar nicht befingert, aber gewundert hätte es mich nicht. (Trinkgeld 3 Euro)


So 13.08.17 11:59 sonnig, 19 Grad

Der junge Mann warf sich in die Brust. Ich hatte gerade eine Afrikanerin, die eines ihrer Kinder seit einer geschlagenen Viertelstunde schreien ließ, ohne sich näher mit ihm zu befassen, gebeten, sie möge das Kind doch bitte auf den Arm nehmen und trösten, und nun sagte er, das ginge mich gar nichts an, dies sei ein Bus, das Kinde könne schreien, soviel es wolle, ich könne ja aussteigen

Er wollte gut sein. Er war ein Held für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, nicht schlecht, wenn es tatsächlich darum gegangen wäre, aber darum ging es nicht, und die Afrikanerin schaute mich an und verstand wahrscheinlich kein Wort.

Ich wollte keine Diskussion, ich wollte, dass das knapp drei Jahre alte Kind endlich aufhört, wie am Spieß zu schreien, aber es schrie weiter, es schrie von Roxel bis Münster. Immer mal wieder atmete es durch, aber nur kurz. Kinderschreien ist die härteste Folter, die Gott erdacht hat. Man sperre einen Menschen fünf Stunden in ein Zimmer und beschalle ihn mit Kindergeschrei und er ist fertig.

Als ich ausstieg, wünschte ich der jungen Frau Glück. Sie lächelte, und da hatte ich das Gefühl, dass sie Afrika vielleicht noch nie in ihrem Leben gesehen hatte und gut Deutsch sprach, wer weiß. Ich wette, der junge Mann wird seinen Freunden erzählt haben, wie er im Bus so einem Naziopa gerade die Kante gezeigt habe, aber sowas von, woran man erkennen mag, wie kompliziert die Dinge geworden sind und wie alle ständig aneinander vorbeireden. Was nun das schreiende Kind anging, drängte sich mir der Eindruck auf, dass es vielleicht eifersüchtig war, denn seine Mutter trug ein Baby im Tragetuch. Vielleicht war es das, falls nicht, war es ein Zahn oder eine Kolik, auf jeden Fall war es furchtbar.


Mi 16.08.17 10:51 sonnig 17 Grad

Meist kommt es ganz plötzlich, und dann täte es gut, zu verschwinden. Aber man kann nicht einfach verschwinden, es gibt immer irgendeinen Haken, an dem man hängt. Wenn es so kommt, weiß man, dass man alles falsch machen wird, was man falsch machen kann, ärgert sich und macht trotzdem alles falsch. Manchmal nimmt man sich vor, beim nächsten Mal besser aufzupassen, nicht zu diskutieren, man nimmt sich vor, einzufordern, dass ein Ja oder Nein als Antwort auf eine gestellte Frage genügen muss, weitere Erklärungen führten nur zur Verwirrung, das nimmt man sich vor, endlich, denkt man, dafür ist man nun 68 Jahre alt geworden, und dann fragt einer etwas, und ein Ja wäre falsch, ein Nein wäre zu hart, schon hängt man wieder mittendrin und macht wieder alles falsch. Das Leben ist zum Verzweifeln schön.


Fr 18.08.17 11:33 bewölkt 18 Grad

Sie scheint in ein buntes Baumwolltuch gewickelt, könnte aber auch sein, dass das ein Kleid war, so genau habe ich nicht hingeschaut. Um die nackten Schultern trug sie einen Kragen aus kurzem, schwarzen Pelz, den sie aufknöpfte und vor sich auf den Tisch legte. Die Haare hatte sie hinten zusammengebunden. Wir tranken Quiet Storm vorm Landesmuseum, Bier zur Installation von Emeka Ogboh, beim Brauen mit der Musik Ghanas beschallt, etwas süß, aber lecker und, wie gesagt, Kunst, wie ja im Augenblick vieles Kunst ist oder sein könnte in Münster.

Meine Freundin und ich hatten den Sinn der Skulptur Projekt gerade unter einem Satz zusammenfasst: Etwas Besseres als den Tod findest du allemal. Ein Aufruf der Kunst an die Menschen also, endllich das heimische Sofa zu verlassen und die Welt in Besitz zu nehmen. Diesem Ruf war die junge Frau gefolgt. Aus Schwaben war sie hergekommen und ereiferte sich darüber, dass es bei der Bratwurst kein "Brötle" dazu gab, war begeistert, dass die Pommes nur einen Euro kosteten und habe sich, da das alle taten, Mayonnaise und Ketchup dazu geben lassen. Die Eishalle von Pierre Huiyghe fand sie sowas von cool. Ja, ja, sagte sie, sie treibe so herum, da sähe und erlebe man meist mehr, als wenn einen jemand führt. Damals in Kassel habe sie den weißen Hund mit dem blutrot gefärbten rechten Vorderlauf aus der Installaltion von Huyghe gesehen, in diesem weitläufigen Park. Alle hätten ihn gesucht und nicht gefunden, alle, aber ihr sei er quasi vor die Füße gelaufen, einmal und am nächsten Tag noch einmal, und da habe er ihr sogar Pfötchen gegeben.


Di 22.08.17 13:218 hohe Bewölkung, geschätzte 17 Grad

5Minutenfantasie

Kaum hat man es gedacht, ist es da, streckt sich und steht auf. Man weiß nicht, was es ist, man hat so etwas noch nie gesehen, aber es hat vier Beine, nichts ungewöhnliches also, kein Tausendfüssler. Einen Kopf hat es, zwei Augen, eine Schnauze, einen absurden Überbiss. Man gibt ihm fünf Minuten. Länger will man nicht darüber nachdenken, denn alles was über fünf Minuten geht, läuft Gefahr, sich zu einer Gewohnheit auszuwachsen, und dem gilt es, entgegenzusteuern. Jede Gewohnheit ist schlimmer als das, was man sich in fünf Minuten ausdenken kann. Was ist nun mit dem Überbiss? - Nichts? - Gut. Und - hat es einen Schwanz? Jedes halbwegs ernstzunehmende Lebewesen hat doch einen Schwanz. Gut, Schmetterlinge haben wahrscheinlich keine, Schlangen sind nicht viel mehr als ein Schwanz mit Kopf. Ende. Fünf Minuten vorbei.


Mi 23.08.17 9:22 klar, 14 Grad

Ich habe sie weder gehört noch gesehen. Trotzdem waren sie da. Ich habe Stiche in beiden Kniekehlen, in der Nierengegend und an den Waden.


Do 24.8.17 9:15 18 Grad

3Minutenfantasie

Heute bleiben für die Fünfminutenfantasie nur drei. Da muss also sofort ein Berg her. Und auf den Berg stelle ich mein Haus. Das heißt, es ist eigentlich gar nicht mein Haus. Es ist das Haus meiner sehr schönen Tante. Sie hat dunkles Haar und strahlende Augen. Ihre Augen haben mir schon gefallen, als ich noch ein Kind war. Die Tante hat dieses Haus gebaut, weil sie immer genügend Geld hatte. Das Geld hatte sie von einem Mann. Der Mann, jedenfalls erzählt man sich das in meiner Familie, hatte im Krieg gute Geschäfte gemacht. Deshalb hieß das Haus auf dem Berg mit der schönen Tante "Das Kriegshaus". Es war voller Erinnerungen. Überall hingen Totgeschossene. (Drei Minuten vorbei.)


9:27

Zurück zur Wirklichkeit. Gestern waren drei Touren a 40 Minuten im voraus gebucht. Alles war durchgetaktet, ich konnte mir also kaum leisten, Geschichten über Münster, die ich gern erzähle, zu erzählen, höchstens in abgespeckten Versionen, denn die nächsten Kunden warteten ja schon zur abgesprochenen Zeit vor dem Rathaus auf mich. Das Wetter war wundervoll, meine Kunden waren zufrieden, sie äußerten das auch, aber mehr als 1,50 Euro, mir großzügig und verschwiegen in die Hand gedrückt, waren nach drei Touren nicht herumgekommen. Dann kam die erste, nicht gebuchte Tour, drei Männer, einer von ihnen geschichtlich bewandert, so dass ich dachte, oh, hoffentlich geht das gut. Und was soll ich sagen, von diesen drei Männer bekam ich 20 Euro Trinkgeld, danach noch zwei Touren mit zehn Euro. Man weiß nie, wie die Menschen reagieren, das macht die Sache interessant.

19:16

1Minutenfantasie

Wenn er nicht steht, ist er kein Baum. Ist er ein Baum, wird er groß und größer. Alles, was nicht steht, gehört alten Männern. Was torkelt, ist eine betrunkene Frau. Was schreit, ist in einer Minute still. Ich töte es. Ende.


Fr 25.8.17 9:27 klarer Himmel 14 Grad

3Minuten

Es gibt eine klare Flüssigkeit, die aus einem Berg fließt. Sie heißt "Klare Flüssigkeit" und wird in goldenen, manchmal silbernen Flaschen verkauft. Wer sie trinkt, kann ohne mit der Wimper zu zucken jede Lüge lügen, die ihm in den Sinn kommt. Wird die Lüge zu groß, muss er noch weiter den Berg hochgehen, denn oben, also ganz weit oben, sitzt einer, der das ausbügeln kann. Oft sieht man dort Hubschrauben landen, aus denen Menschen steigen, die man oft in der Tagesschau sieht. Die haben schon alle Flüssigkeiten getrunken, die man trinken kann. Ihre Hubschrauber sind von früh bis spät unterwegs. Einmal ist so ein Hubschrauber mitten in den Berg gekracht, da haben die Leute im Tal gelacht und gesagt: siehste, so geht's. (2:58.67)


17:12

Ein dicklicherer Mann bäuerlicher Herkunft und ein schmaler Glatzkopf mit dem kalten Blick der sich überlegen fühlenden, der nichts ist als Angst, kommen an die Kutsche. Letzterer fragt "Ich hätte da eine Frage, was kostet das denn?" Ich erkläre es ihm. Drei Zeitzonen, drei Preise. Er will 30 Minuten fahren oder so, aber er will nur 20 bezahlen. "Für 'n Zehner", sagt er, und ich sage, das kann ich nicht machen, obwohl es könnte, aber Qualität und Länge einer Tour hängen immer auch von den Gästen ab. Dem schenke ich nichts,bleibe aber freundlich. Er versucht es nochmal, so, als solle das mein Schaden nichts sein. Ich sage nein, und dann fahren wir. Sie haben getrunken, sonst wären sie gar nicht eingestiegen, sagen sie, aber jetzt finden sie es Klasse, und sagen zueinander, dass sie das ja nun nie gedacht hätten. Sie duzen mich. Als ich von Verhandlungen um den Westfälischen Frieden erzähle, von all den Gesandten mit Dienstboten, von den Gauklern, Händlern und Prostituierten, die der Geschäfte wegen, die im Umfeld so einer internationalen Konferenz natürlich zu erwarten sind, die Stadt bevölkern, grinsen sie bei "Prostituierte". Das Duzen nervt. Ich fahre langsam, ich sage, was zu sagen ist, und als wir rum sind und es ans Bezahlen geht, sagt der Glatzkopf, "Wie, 12 Euro?" Ich sage: "Sechs pro Person." "Pro Person?", sagt er, davon hast du doch vorhin gar nichts gesagt." "Doch", sage ich. "Aber am Wagen steht Rundfahrten ab 6 Euro." "Ja", sage ich. "Eben." Er gibt mir Fünfzehn. Ich gebe ihm Drei zurück. Leider gibt er mir nicht die Möglichkeit, Trinkgeld zurückzuweisen.


So 27.8.17 11:44 klarer Himmel 16 Grad

Ganze zwei Minuten bleiben, um zu erklären, wie das kam, dass sein Arm sich plötzlich reckte und er begann, diese Parolen zu rufen. Er hatte so etwas noch nie getan. Verzweifelt fuhr er sich mit der Hand des linken Arms über den Mund, aber der hochgereckte rechte Arm griff sofort ein. Kaum hatte er das getan, kamen um Ecken schon andere mit hochgereckten, rechten Armen, die alle das gleiche schrien wie er, sodass er für einen Augenblick um seinen Verstand fürchtete, sich dann aber, wie durch ein Wunder, hingerissen und wohl in der Menge Gleichgesinnter fühlte und mitmarschierte. Bis sie an die nächste Ecke kamen, wo schwarzgekleidete Autonome sie aufhielten. Da erwachte er.


Mo 28.08.17 schöner Abend, sicher über 20 Grad

Sie waren um die halbe Welt geflogen wegen der Kunst, und jetzt stehen sie vor dem Mercedes Benz Tieflader vorm LWL Museum, ein Projekt von Cosima von Bonin und Timm Burr, Benz, Bonin, Burr genannt, nicht sehr einfallsreich, aber das ist eine andere Geschichte, Kunst muss nicht unbedingt Namen haben. Die beiden Japanerinnen stehen vor dem LKW und fotografieren. Eine aber geht vorsichtig zur Frontverkleidung des LKW, wo auf dreiviertel Höhe zwei Klappen angebracht sind, links eine weiße, auf der A steht, rechts eine rostfarbene, ich nehme an, das hat was mit Gefahrgut zu tun, jedenfalls mit der Art der Ladung. Die rostfarbene Klappe hat es der jungen Frau angetan. Sie greift vorsichtig hin, klappt sie auf (oder um), lacht zu ihrer Begleiterin, als hätte sie etwas unerhört Verbotenes getan, dreht sich dann um, und geht schnell fort, während ihre Begleiterin ihr nachschaut. Die andere hat schon die Straße überquert, und ich bin sicher, dass sie befürchtete, gleich würde jemand kommen und sagen, sie haben unbefugt Kunst angefasst, kommen Sie mal mit, wir haben da ein paar Fragen.

19:30

Die Gäste wollten die große Tour. Ich war kaum fünf Minuten unterwegs, als vorm Generalvikariat (Extraklingel für Seelsorge nach 18 Uhr) die Lenkung kaputt ging. Ich bedauerte, ich wünschte den Gästen dennoch ein schönen Tag, pries die Stadt und wies auf die Skulpturen Lotta Blokkers in der Apostelkirche hin, die Gäste fragten, wieviel sie zahlen müssten, natürlich nichts, sagte ich, sie stiegen aus und dann gab mir einer fünf und ein andere nochmal fünf.


Di 29.08.17 11:09 sonnig 19 Grad

Manche Menschen sind fotogen. Egal, in welcher Situation man sie fotografiert, sie sehen gut aus. Ich gehöre nicht dazu. Egal, in welcher Situation man mich fotografiert, ich sehe nicht gut aus. Ich sehe nur dann gut aus, wenn ich etwas tue, was mir Spaß macht, wenn ich vorlese zum Beispiel, oder beim Schlagzeugspielen. Insofern ist es manchmal erschreckend, sich alte Fotos anzuschauen. Hermann und seine Frau, damals in Wien. Hermann und seine Frau am Meer. Hermann und seine Frau. Besser, ich behalte uns im Sinn, sollen die Fotos weiter auf meiner externen Festplatte ruhen. Meine Frau war die schönste Frau der Welt. Wir waren ein glückliches Paar, das alle Schlachten geschlagen hat, die zu schlagen waren. Wir waren die, um die sich die Welt drehte. Die einzigen Vertrauten in einer fremden, feindseligen Welt, das waren wir. Dagegen ist jede Gegenwart machtlos.


Mi 30.08.17 17:20 hoch bewölkt, schwül, das gibt noch was

Da vorn steht ein Mann. Er ist dick geworden, er ist unbeweglich, dabei war er mal schlank, er konnte rennen, er konnte alles mögliche, aber dann traf er diese Frau, die ihm vom ersten Tag an Sorgen machte. Hätte man ihn gebeten, zu sagen, wieso gerade diese Frau ihm Sorgen macht, er hätte es nicht in Worte fassen können. Es war ihre bloße Anwesenheit. Es war, als wäre sie, wo immer sie ging und stand, dazu da, ihm im Weg zu sein, obwohl das nicht ihre Absicht war, ihre Absicht war große Liebe. Sie hatte große Worte für große Liebe, mit denen sie nur so um sich warf, aber ihm waren sie im Weg, und so kam es, dass er dicker und dicker wurde, weil er ihr diese großen Worte nicht abnahm und stattdessen aß. Was sollte man in so einem Fall tun, zumal die fünf Minuten, die ich mir gegeben habe, um diese Geschichte zu schreiben, nun vorüber sind.


22:46

Es hat noch etwas gegeben. Nichts Schlimmes, aber feucht bis auf die Haut. Ich hatte vorher im Garten gesessen und mit Freunden meines Jüngsten seinen Geburtstag ein bisschen gefeiert. Vater von zwei Söhnen und Großvater von vier Enkeln zu sein ist wunderbar. Man erfährt so viel aus Lebenswelten, die einem Nichtvater, einem Amateur sozusagen, verborgen bleiben. Da ich in der glücklichen Lage bin, Söhne zu haben, die einander gleichen wie Tag und Nacht, Feuer und Wasser oder was es sonst für Gegensätze geben mag, erfahre ich aus diesen gegenläufigen Lebenswelten immer höchst interessante Dinge, die mir letztendlich bestätigen, dass sich alles im Kreise dreht. Nichts ist Neu, alles war schon mal da. Das beruhigt, irgendwie. Wobei ich anmerken muss, dass die Lebenswelten der Fußballfans des Jüngsten bunter gemischt sind als die des politisch bewussteren Ältesten. Bei den Fußballfans herrscht eine größere Vielfalt der Lebenswirklichkeiten, sie kommen aus allen Kreisen, während bei den anderen das Abitur dominiert und mit dem Abitur auch ein wenig die Besserwisserei.






g