Juli 2002                                      www.hermann-mensing.de                   

mensing literatur

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Mo 1.07.02     (1.07.1972 Granby/Colorado)

Die Beiträge von 8:53, 11:13 und 12:55 wurden von der obersten Zensurbehörde (OZB) gestrichen. 

17:20

Der Wunschbaum wächst. Seite sieben ist fertig. Vielleicht heute noch acht. So geht das. Ich lasse nicht nach. 


Di 2.07.02    9:00 (2.07.1972 Santa Fe/New Mexico)

Der Wunschbaum (beide Folgen unter: in arbeit)

10:37

Nach frohem Klagen und Jammern beim Zahnarzt nun auf zur Greisin. 


Mi 3.07.02    8:13 (3.07.1972 Albuquerque)

Ja Damen und Herren, M. befindet sich in der Aufwärmphase. Heute wird er in Lingen lesen: eine Gruselnacht ist angesagt und M. soll es sie lehren, das Gruseln. Tut er, hat er versprochen, und so sitzt er schon früh und übt die verschiedenen Gruselgesichter: eines mit, eines ohne Prothese, eines mit hervorquellenden Augäpfeln, eines mit Kopf unterm Arm; probt Konsonantengewitter und stille Vokale, die durch undurchsichtige Nächte schleichen und Köpfe verdrehen. Während im Hochsommer vorm Fenster der Frühherbst kapriolt, glaubt M. schon zu wissen, wie er das drehen kann heute Abend in Lingen. Hacke Spitze Einszweidrei.  

9:27

Poetisches Intermezzo, als wir gestern gegen 22:30 der Riester-Rente entgegen dämmernd auf dem Sofa sitzend uns fragten, wie es sein könne, dass nun auch unser jüngster Sohn, den wir doch erst vorletzte Woche unter viel Freude gezeugt hatten, nun schon so weit sei, dass er nach dem 10. Schuljahr die Schule wechsle, und plötzlich durch die geöffnete Balkontür eine Fledermaus ins Zimmer flatterte, einer Metapher gleich uns darauf hinweisend, dass man nur aufstehen müsse, um sich ein neues Glas Wein einzuschenken oder irgendetwas anderes zu tun, damit Fragen wie diese aus dem Wege geräumt wären, lautlos indess ihr Flug hin und her, ein Bote der sicheren Navigation in tiefer Nacht, für uns, ein Zeichen, und noch Stunden später saßen wir, es entschlüsselnd, doch zu keinem Ergebnis gelangend. Ach ja, sagten wir. Ach ja, ja ja...während es allerorten zwickte und zwackte und wir die Vorstellung gewannen, dass es nicht das Schlechteste wäre, so einen kurzen Sommer mit schrillen, uns unhörbaren Schreien nach Mücken zu jagen und dann gedankenlos zu vergehen. Doch des Menschen Leben, Sie wissen schon....


Do 4.07.02     10:26 (4.07.1972 Albuquerque)

Lingen:
Die Bibliothek am Rande der Innenstadt steht auf nuklearen Füßen, damit verdient die Stadt einen Teil ihres Geldes, und offenbar gar nicht so wenig. Es ist eine moderne, lichtdurchflutete Bibliothek mit begrüntem Dach, einem weiten Atrium und Stöberecken auf jeder Ebene. In einer dieser Ebenen würde ich lesen. Wer immer an diesem kühlen Juliabend käme um sich zu gruseln, käme freiwillig, nicht im Pulk einer Schulklasse, wie das sonst funktioniert bei der geförderten Lese-Kultur. Ich war also gespannt. Ich war darauf vorbereitet, vor kleinstem Auditorium zu lesen, das Gegenteil war der Fall. Fünfzig, sechzig Kinder, teils mit- teils ohne Eltern kamen und hörten zu. Ich las eine dreiviertel Stunde, und da es die Sackgasse war, aus der ich las, wusste ich, was ich tun kann, um die Leser einzubeziehen in das Geschehen. Mit Trampeln, Stöhnen, Rumpeln, Heulen, Kichern. Ich wusste nicht, ob es leicht werden würde, ob sie sich bewegen ließen, so etwas für mich zu tun, aber es war ganz einfach. 

Die protestantische Buchhändlerin (möglich auch: Calvinistin; auf jeden Fall pietistisch), eine blutleere Frau meines Alters,  die sicher noch mit hundert faltenlos sein wird, versicherte mir im Anschluss, wie sehr sie meine Arbeit schätze, aber ich solle doch um Himmelswillen im Namen der Leseförderung  Serien schreiben, Kinder liebten das doch. Während ich sagte, nie im Lebe täte ich das, wurde ihr schmaler Mund noch schmaler und sie fragte, ob es denn stimme, was da in meiner Kurzvita stünde, mit Bands unterwegs, weltgereist etc. Ja, sagte ich und sie antwortete sinngemäß, das sei ja auch nicht ganz seriös, da habe man dann ja keine Zeit für Serien. Ihr Mann, neben ihr stehend, sagte kein Wort und ich hatte den Eindruck, dass er wenig zu sagen hatte. Die Bücher, die die beiden mitgebracht hatten, "Sackgasse 13" und "Flanken, Fouls und fiese Tricks" wurden ausverkauft. Während ich signierte, kam ein Junge,  stand leicht errötet vor mir und hielt mir ein Exemplar der "Sackgasse 13" hin. Was soll ich reinschreiben? fragte ich. Er machte hmm - hmmm, druckste rum und wurde noch röter. Also fing ich an zu schreiben "Für hmm - hhmmm ...." und weiter, fragte ich, "äh - ähhhh ...." machte er und begann zu lachen, während ich schrieb "ähhh- ähhh", bis er mir schließlich seinen Namen sagte. Nun hat er eine feine Widmung. 

Was noch? Ach ja, diese gut gekleidete, gut aussehende, sicher nicht unvermögende Frau Anfang vierzig mit ihrem Sohn -  der, falls überhaupt, lieber allein gekommen wäre. Aber da Mutter ihn wie eine Trophäe herzte, ihm über den Kopf strich und mit mütterlich liebevollen Sätzen schmierte, hatte er keine Chance. In ihrer Umarmung musste er sitzen und ausharren, während seine Altersgenossen auf Bänken vor mir saßen, hörten und mitmachten.

13:07

Dann wäre da noch die Heimfahrt bei aufgerissenem, blank gepustetem Himmel und blauschwarzen, abziehenden Wolken mit schneidendem Licht, das allen Farben das Wirkliche raubt und deshalb um so wirklicher macht, ein stechendes, grünes rauschendes Meer aus Eichen, Buchen, Weizenfeldern und hüfthohem Mais, der auch Zuckerrohr sein könnte. Jedes Bild brennt sich in meine Hirnrinde, und später, kurz vor Antritt der größten aller Reisen, werde ich sie noch einmal betrachten, hoffe ich. Hoffe ich sehr.  


Fr 5.07.02    14:21 (5.06.1972 Grand Canyon)

satz-für-satz:
mz. von heute:
weihbischof in p. wird der briloner propst w.  er hat jahre als importeur ukrainischer prostituierter gearbeitet, eh er begann, sich im bistum um die zuteilung vaterloser knaben an verschiedene ordenshäuser zu kümmern. der erfolg dieser arbeit ermöglichte propst w. eine ausweitung seiner tätigkeit auf das gesamte bistum. dass er nun weihbischof wird, zeigt, dass selbst der vatikan von seiner erfolgreichen arbeit überzeugt ist.  
6.07.02    13:03 (6.07.1972 New Port Beach/Californien)
Erleichterung über den Vorschlag der Hartz-Gruppe. Endlich ist mein Lebensabend gesichert, denn Arbeitslose (Schriftsteller, Künstler etc. ) ab 55 Jahre müssen sich nicht mehr um eine neue Stelle bemühen. Sie können sich Arbeitslosengeld und -hilfe bis zur Frühverrentung mit 60 auszahlen lassen. So fallen sie aus der Statistik und die Arbeitsämter müssen sich nicht mehr um sie kümmern. Das freut mich, denn in zwei Jahren bin ich 55. Bis dahin heißt es: durchwursteln. 

14:56

Sollten Sie mich irgendwo treffen (was eher unwahrscheinlich ist),  stecken Sie mir eine Süßigkeit zu. Vielleicht sage ich dann ein Gedicht auf. Am liebsten mag ich "Saure Heringe" von Katjes. Ich esse aber auch gern Kekse. Und sollte das mit dem Gedicht nicht klappen, versuchen Sie es mit niederschmetternder Kritik, die spornt mich immer an. Sie könnten natürlich auch als Gespenst der Vergangenheit auftauchen, behaupten, wir hätten damals, 1971, auf dem Holland Festival in Rotterdam, Trips geworfen, wissen Sie nicht mehr. Ich würde dann u. U. antworten, ach ja, und vielleicht doch noch ein Gedicht aufsagen. Aber da ich nicht davon ausgehe, dass wir uns irgendwo treffen, bleibt Ihnen wohl nichts anderes, als zu hoffen, dass ich es bis in die Feuilletons der großen Zeitungen schaffe. Dort werde ich dann gegen Kekse und andere Süßigkeiten veröffentlichen, was das Zeug hält. 

16:46

N., der vor einem Jahr aus dem Zentrum an die Peripherie der Stadt zog, berichtet Niederschmetterndes. Wo in der Stadt zwanzig, dreißig Menschen auf engstem Raum in sechs Stockwerken übereinander lebten, belegten da, wo er nun wohne, die gleichen zwanzig bis dreißig Menschen den Raum von zwei Fußballplätzen; wo früher nach hinten heraus Ruhe herrschte, obwohl vorn eine viel befahrene Straße vorbeiführte, sei heute der Terror der Heimwerker in Gärten vor und hinter den Häusern unvergleichlich viel größer. Ihr Horror vacui müsse so groß sein, dass kaum einer es ertrüge, länger als eine Viertelstunde still zu halten. Und wenn es diesen Menschen dann doch einmal gelänge, nicht zu bohren, keinen Rasen zu mähen oder Wände mit Vorschlaghämmern zu zertrümmern, habe man Gelegenheit, seltene Idyllen zu beobachten: etwa einen Mann fortgeschrittenen Alters in grauem Kittel mit Cordhut in der höchsten Spitze eines Kirschbaumes. Man hoffe dann zwar, dass er sich zu Tode stürze, aber da man wisse, dass der nächste schon mit schreiendem Rasenmäher nur darauf warte, den neu erworbenen Garten umzugestalten, sei es wahrscheinlich besser, gar nichts zu hoffen. 


So 7.07.02   10:39  (7.07.1972 New Port Beach) 

Belauschte gestern Abend Versuche westfälischer Eingeborener, dem ägyptischen Wirt einer Gaststätte im Ort ihre Interpretationen der arabischen Sprache näher zu bringen. Was heißt Kuhstall auf Arabisch? Mubarak. Discjockey? Machmalallah.  Etc. pp. Die Eingeborenen schrieen vor Lachen. Der ägyptische Wirt war skeptisch. Ich glaube, auf ihn wirkte das ähnlich wie Engländer auf mich wirken, die mich mit "Heil Hitler" oder einem zackigen "Jawoll!" begrüßen.  


Mo 8.07.02      8:19  (8.07.1972 Newport  Beach)

flashback:
es war gestern vor einunddreißig jahren. ich tat dienst auf der chirurgie. schwester erna war da und der dicke karl. das telefon schellte. schwester erna ging ran, sagte "ja" - "ja" - "ja gut"  und "ich schick unsern zivi." in der ambulanz war eine frau gestorben. "hermann, schaff sie da raus. aber beeil dich, ein krankenwagen kommt gleich." ich fuhr nach unten. die frau lag auf einer liege. sie war sehr korpulent. mitte bis ende sechzig, schätze ich. ich sollte sie in eine fahrbare wanne legen, den deckel draufdecken und sie fortschaffen, zwanzig meter übern hof in die leichenhalle. die liege war viel höher als die wanne. die räder der wanne ließen sich nicht feststellen. ich schob die wanne also längsseits, presste meine unterkörper dagegen, damit sie nicht wegrollen konnte,  beugte mich vornüber, um der frau unter die achseln zu greifen und ihren oberkörper in die wanne zu wuchten. wäre das getan, zöge ich den rest hinterher. anders würde es nicht funktionieren. ich hatte kopf und schultern halbwegs da, wo ich sie hinhaben wollte, als die wanne wegrollte. ich konnte sie zwar noch stoppen, aber nun hing die frau zu einem viertel in der wanne, zu einem viertel in der luft  und zu zwei vierteln auf der höheren liege. die frau machte: "pffrrrrrrrrrrr." ich schob meinen linken arm unter ihren noch warmen körper, legte meine rechte hand unter ihren kopf, wuchtete sie zurück auf die liege und versuchte es andersherum. das gleiche problem. immer, wenn ich sie zur hälfte in der wanne hatte, rollte die wanne weg. ich beschloss, sie mit dem laken, auf dem sie lag, hinunter zu ziehen. das gelang. die frau lag zwar ein wenig schräg, aber der leichenbestatter käme ja sowieso und machte sie fertig. ich deckte den deckel drauf und fuhr sie fort. als ich die tür der leichenhalle öffnete, kam der krankenwagen. 

10:28

Arbeit macht Arbeit. Also, auf geht's: die 4 Folge des Wunschbaums möchte geschrieben werden. 


Di 9.07.02    11:50  (9.07.1972 San Diego)

Den heutigen Besuchern biete ich zwei Reisen: die erste (im Jahr 1972) in ein Appartementhaus in Costa Mesa. Es ist U-förmig. Einstöckig. Es hat umlaufende Balkone zum Innenhof. Die Appartements sind klimatisiert. Auf den Sesseln in unserem sind Plastikbezüge. Der Kühlschrank ist sehr groß. Die Waschmaschine ebenfalls. Nichts ist mit dem, was ich kenne, vergleichbar. Alles brummt und summt und sieht Scheiße aus. Im Innenhof ist ein Pool. Palmen stehen da und Orangenbäume. Der Rasen wird ständig bewässert. Die Erde ist steinig und rostrot. Der Pazifik ist eine halbe Autostunde entfernt, San Diego ebenfalls. Hier draußen kann jeder als Leiche in Frieden vergammeln. Die zweite Reise führt ein Jahr zurück.  Und nun gute Fahrt. 


Mi 10.07.02   17:11  (10.07.1972 San Diego)

Vorübergehende Sprachlosigkeit wird angezeigt... 

22:01

Auch Unsicherheit betreffs Wortwahl. 


Do 11.07.02    9:24  (11.07.1972 Encinitas)

Sie sagen, dass es auch für ein professionell arbeitendes Pflegeteam schwer sei, loszulassen und wir nicht glauben sollen, dass man so eine Entscheidung übers Knie bräche, aber man müsse zeitig darüber sprechen. Schließlich wolle niemand, dass die Patientin verhungere. Sie sprechen von einer Magensonde und sagen, man müsse erwirken, das wir Kinder eine amtsrichterliche Bestellungsurkunde erhielten, um gegebenenfalls Entscheidungen treffen zu können. Wir hätten ja selbst gesehen, dass die Patientin Speisen verweigere, sie habe kein Körpergefühl mehr und lebe in ihrer eigenen Welt. Jeder lebe in seiner eigenen Welt und das sei auch gut so, antworten wir. Und  dass sie nun Speisen verweigere, habe einzig und allein damit zu tun, dass sie diesen undefinierbar pürierten Brei nicht möge. Sie sollen mal sehen, wie die Patientin den Mund aufmache, wenn wir, die Kinder, ihr Matjes brächten oder Erdbeeren oder Pfannkuchen. Wir sagen nicht, dass wir ihr das Recht gönnen, nicht mehr zu essen. Wir sagen auch nicht, dass wir ihr das Recht gönnen, nicht mehr zu trinken. Aber wir werden verhindern, dass eine Magensonde gelegt wird. 

16:24

Im Übrigen fordern wir Gnade. Für jeden. 


Fr 12.07.02     8:47  (12.07.1972 Encinitas)

Genossen einen halbgaren Sommerabend am Hafen, den man,  seit die Insolvenz um sich greift und nicht mehr mit Seniorenwindeln zu stoppen ist,  Kreativkai nennt. Man sitzt dort, wo Menschen sich in den letzten hundert Jahren den Buckel krumm schleppten, um Schiffe zu be- und entladen, um Silos zu füllen und ähnliche Knochenarbeit zu verrichten. Hoch ragen die Schornsteine des Heizkraftwerkes, die alten Kräne könnten heben, wenn man sie ließe, ein Schauspieler gibt sich Mühe, den Nimmermüden die Geschichte von  Novecento, dem Ozeanpianisten,  zu erzählen, ein Trompeter begleitet ihn, wir befinden uns in der Stadt M., die gerade richtig ist zum Wohnen, nicht zu gefährlich, die die großen Konflikte vor uns verbirgt. Der Schauspieler hätte sich Mühe sparen können, denn was gut ist und gut gemeint, darüber streiten die Götter. Wir legen ab, wir dümpeln auf einem Ponton im Hafenbecken, wir genießen den Sommerabend noch immer, haben aber eine warme Jacke dabei, damit uns nicht kühl wird. Applaus. Das Stück ist zuende, vielleicht, denkt man, sollte man den Roman von Allesandro Baricco lesen. Der Ponton wird ans Ufer zurück gezogen, man geht von Bord und sitzt an langen Tischen, ein DJ beschallt das post-industrielle Ambiente, und W., den man schon vorher gesehen hatte, macht jetzt wahr, was er vorhin über zwanzig Meter in Zeichensprache angekündigt hatte: er stopft eine Purpfeife. Wir rauchen. Der Himmel versinkt in bleicher Nacht. Wir tun einfach so als wär'n wir im Süden und sagen wie schön das Stück war und sagen nicht, was wir denken, denn das würde uns nur als Eigensinn ausgelegt oder es würde uns stempeln zu ewig Unzufriedenen, und wir hätten nicht einmal eine Chance zu erklären, dass wir finden, das nur das Beste gerade gut genug für uns ist. 

9:45 

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Kapitalismus seit seinem Sieg zum ersten Mal so funktioniert, wie Marx ihn vorausgesagt hat. (1)

12:26

Letztens beim Generalstaatsanwalt, der immer diese uralten Hosen trägt, der zwei Töchter hat, beides Zicken, eine mit Titten, dass einem die Augen aus dem Kopf fallen,  letztens auf seiner Terrasse sagt er, dass er zu wenig Geld verdiene, dass er doch seinem Sohn das Studium finanziere und so und ich lache und sage, hör mal, das meinst du nicht ernst, oder? 

12:50

Gearbeitet wird heute nicht. Heute wird nicht einmal im Ansatz versucht, das Drama des Alltags zu lösen. Nein, liebe Leser, heute spuckt M. auf die Welt und macht sich einen schönen Tag. Schönen Tag allerseits, ihr Besserverdienenden.  

15:02

Ob der Trompeter gut war, will jemand wissen? Ja. Sehr gut. Um so tragischer, dass er sich keinen besseren Partner gesucht hat.  


Sa 13.07.02    13:28 (13.07.1972 Tijuana/Mexico)

Ruhet sanft!

15:03

"Überhaupt", sagte er und ließ den Rauchbläser sinken, "geht es darum, zu wissen, ohne zu wissen." - "Wissen, ohne zu wissen?" musste sie fragen. - "Und wollen, ohne zu wollen. Wenn du zu stark willst, zerbröselt dir alles zwischen den Händen. Dann zweifelst du immerzu. Sobald du die Fäden aus der Hand gibst, kommt alles zu dir. Dann weißt du, ohne zu wissen." (2)

22:27

Liebe Amerikaner, 
nachdem ihr Euch allen Un-Resolutionen widersetzt und nun auch immun seid, wünsche ich Euch noch viele 11. September. Ohne geringste Achtung Euer H. Mensing. 


So 14.07.02     14:02  (14.07.02 Encinitas/Californien)

So schöner Sonntag // sei nicht bös // dass wir schon seit Stunden frühstücken // gleich ins Kaffeetrinken hinüber gleiten und anschließend mit Freunden dicke Bohnen essen //  denn dieser Sonntag ist unser letzter Sonntag // eh auch wir Immunität beantragen // um Massaker an verschiedenen zivilen und/auch öffentlichen Personen/sönlichkeiten verüben zu können // wir haben uns das schon so lange gewünscht //  lieber Sonntag // und jetzt // wo unser großes Vorbild // die größte Nation dieser Erde // das beste Land der Welt // also ich meine // jetzt wo die // die immer unsere Vorbilder waren // immun sind // sind wir es auch // AU  WIRD DAS TOLL // 

21:35

Vorher aber noch der Bescheid für 2001 über Einkommenssteuer und Solidaritätszuschlag (denn alles muss seine Ordnung haben): Festgesetzt werden in Euro  Einkommenssteuer  Solidaritätszuschlag  - Dies entspricht in DM Einkommenssteuer  Solidaritätszuschlag  Abzug vom Lohn der Ehefrau in DM Einkommenssteuer  Solidaritätszuschlag  verbleibende Beträge in DM  Einkommenssteuer  Solidaritätszuschlag  Insgesamt. Die entspricht in Euro Einkommenssteuer  Solidaritätszuschlag  Abrechnung in Euro nach dem Stand vom 2.07.02 abzurechnen sind Einkommenssteuer Solidaritätszuschlag Insgesamt bereits gezahlt Einkommenssteuer Solidaritätszuschlag Insgesamt  bereits gezahlt demnach zuwenig gezahlt zuviel gezahlt Ausgleich der Verrechnung bleiben zuwenig gezahlt bitte zahlen Sie Euro spätestens bis zum 14.08.02. (Ausgezeichnet mit: "Schöne Prosa des Alltags" 2002)


Mo 15.07.02    8:22  (15.07.1972 Encinitas)

Die Nazis sahen in internationalem Recht eine Mischung aus britischem Imperialismus und jüdischem Geist, weshalb sie glaubten,  es missachten zu können. 
Was glauben die Amerikaner?  
Fragen an einen grauen Sommertag. Dazu flötet ein Kanarienvogel ein eintöniges Lied. Wir sind immun. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Und das tun wir auch.

14:23

Der Tag ist doch noch sonnig geworden. Habe aber die Depression des Morgens genutzt und die sechste Folge des Wunschbaumes geschrieben. Wer weiß, wie die siebte ausgeht, erhält von mir einen Apfel. Also???

17:43

Wenn Sie sich unbedingt sorgen wollen, werden Sie Vater, sagte er und wurde unsichtbar. Sichtbar blieben zu viele offene Fragen. Dass Liebe solche Sorgen macht, hatte er nie geglaubt


Di 16.07.02    1.37  (15.07.1972 Encinitas) 

Angenommen ich sagte / du wärest die Schönste / würdest du mich trotzdem nehmen / und wenn / würdest du mir verzeihen / dass ich bin wie ich bin / und wenn nicht / was tätest du / würdest du fliehen / würdest sagen / geh doch / schieß doch / ich hab's immer gesagt / angenommen ich sagte / wollen wir nun / oder wollen wir nicht / würdest du sagen / nimm meine Kinder / oder / lass die Finger davon / ich weiß nicht / ich weiß nie / ich sage / du bist die Schönste / sage / froh bin ich / dass wir  sind / schon so lang / aber: kein aber / aber: alle aber der Welt / denk dran / ich bin es / und ich ändere mich nicht mehr / nie / töte mich / wenn du mutig bist / mach schon / ich warte:

11:14

Vom warmen, menschlichen Miteinander des Schriftstellers M. und einer Rundfunk-Redaktion sowie vom Dienstweg....
 
Guten Tag Frau X
im Netz stehen die ersten drei Folgen eines ... an dem ich augenblicklich arbeite. Wenn Sie Interesse am Fortgang der Arbeiten haben, sind Sie herzlich eingeladen, auf meiner webseite unter "in arbeit" nachzuschauen, wie sie gedeiht. 
Sobald ich die Arbeit abgeschlossen habe, werde ich Sie Ihnen zusenden.
Bis dahin alles Gute und einen schönen Tag
wünscht
Hermann Mensing
Als Antwort auf diese Mail erhielt ich die Auskunft, man habe meine Mail an Frau Y weitergeleitet. 
Frau Y schrieb:
Sehr geehrter Herr Mensing,
Frau X hat ihre Mail an mich weitergeleitet, da sie zur Zeit sehr beschäftigt ist. Grundsätzlich haben wir immer Interesse an guten Geschichten. Dennoch möchte ich Sie bitten, diese auf dem üblichen Weg vorzustellen. Das heißt, schicken Sie uns - per Post - die bisher geschriebenen Folgen sowie eine kurze Skizzierung, wie es weitergeht. Ob und gegebenenfalls wie daraus ein ... werden kann, entscheiden wir dann.
Mit freundlich Grüßen: Y
Ich antwortete:
Guten Tag Frau Y,
vielen Dank für Ihr Schreiben. Der von mir als im Netz nachzulesende ...sollte ein Appetithappen sein. Mittlerweile sind fünf Folgen fertig, die restlichen zwei folgen in den nächsten Tagen, und dann, irgendwann, werde ich Ihnen alle sieben Folgen per Post plus Diskette zusenden.
Bis dahin wünsche ich Spaß bei der Arbeit und einen guten Tag
Hermann Mensing
Darauf Sie:

Sehr geehrter Herr Mensing,
mit Befremden habe ich Ihre Email gelesen. Ihre Vorgehensweise widerspricht der Redaktionspraxis, die Ihnen ja aus früheren Jahren bekannt sein müsste. Es ist üblich, dass  Autoren uns eine ausgeschriebene Folge sowie eine Skizzierung über den weiteren Verlauf zuschicken. Diese wird von uns geprüft und wir entscheiden dann, ob daraus ein ....  werden kann. Insofern kann von Ihnen noch kein ... im Netz stehen, wie Sie das formulieren. Wenn Sie sieben bereits ausgeschriebene Folgen schicken, könnte es sein, dass Sie sich viel Arbeit umsonst gemacht haben, da wir wenig Einfluss auf den Verlauf der Geschichte nehmen können und sie
möglicherweise nicht in unser Konzept passt.

Mit freundlichen Grüßen
i.A.  Y.

Noch einmal ich  (wahrscheinlich das letzte Mal):

guten tag frau y
ja, es stimmt, diese geschichte ist nicht die erste, ich schreibe bereits seit zehn jahren ...und ich nenne sie auch so. dass ich sie online stelle, hat damit zu tun, dass ich meine arbeit als schriftsteller in der entstehungsphase denen, die interesse haben, gern zugänglich mache. ich
verstehe also nicht so recht die aufregung und ihr befremden. dass ich mir
arbeit mache, die dann vielleicht nicht so gewollt wird, schreckt mich
nicht. wünsche also nochmals einen schönen tag und kann vermelden, dass die sechste
folge fertig, die siebte in der arbeit ist.
schönen tag
hermann mensing


Mi 17.07.02    9:04  (17.07.1972 Encinitas)

Schöne Szene mit dem Bürgermeister Schulze-Blasum. Ein Mann wie sein Name, man denke sich nur große, rotblaue  Ohren hinzu. Dieser Mann steht auf der Bühne des Stadttheaters. Auszeichnungen für beliebte Schauspieler der vergangenen Spielzeit werden vergeben. Laudatien sind gesprochen, nun ist er an der Reihe. An seinem Handgelenk baumelt eine kleine blaue Plastiktüte. Auch er spricht ein paar Worte. Dann hebt er zum Höhepunkt an. Er habe da, sagt er und präsentiert die geheimnisvolle Tüte, er habe da Kugelschreiber, die das Stadtmarketing Münster vertreibe, und die wolle er nun an die ausgezeichneten Schauspieler verschenken, damit diese möglichst viele Autogramme geben können. Rauschender Beifall. Gelächter. Loriot hätte es nicht treffender inszenieren können. Das alles als Vorspann zur Verdi Oper Macbeth. Intrigen, Blut, dräuendes Unheil, galoppierende 2-Viertel Takte. Alles in allem: gelungen.  

 

Do18.07.02    7:33  (18.07.1972 Encinitas)


wie sie schläft / tief im 96 jahr / wie du hoffst / und dir wünscht / euthanasie wäre kein furchtbares wort / sondern barmherzigkeit unter tieren / wie die scham schleimspuren auf dir zieht / die sich nicht wegwischen lassen / so liegt man / wenn man ein leben gelebt hat / fragst du / ohne hoffnung auf antwort / so liegt man / wenn der körper austrocknet und das hirn wahnbilder zeichnet / und du brächtest es fertig / dass du erträgst / hättest du nur geduld / könntest du nur dich hingeben / aber wie geht das /

10:18

Wenn Sie unbedingt wollen, achten Sie darauf, dass sie - falls Sie ein Mann sind - nur weibliche Nachkommen zeugen. Sollten Sie eine Frau sein, bestehen Sie auf männliche Brut. Der eine wie der andere Fall schließt die klassischen Grundkonflikte aus. Niemand trachtet danach, Sie aus dem Wege zu räumen, niemand muss Sie überwinden, niemand schleift sein Ego an Ihrem. Was Sie tun müssen, wenn es nicht so kommt, wie geschildert, weiß ich nicht. Es ist auf jeden Fall kompliziert, sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. 

16:56

Gestattete mir, die 11. Etappe der Tour de France mitzufahren. Hatte ein paar Probleme am Berg, hielt ansonsten aber gut mit, wohl auch Dank der hervorragenden Arbeit meines Teams. Werde heute Abend gehörig auf die Kacke hauen. 


Fr 19.07.02    9:31  (19.07.1972 Encinitas)

flashback:
stand bis zum bauch im pool letzte nacht, bei diesen californischen hippies, die braun gebrannt sind und große autos fahren, deren mädchen gut gebaut am strand liegen und warten und warten, bis ihre helden zu ende gesurft haben. stand also in deren pool hinter einem dieser californischen holzhäuser, die sich gleichen wie ein ei dem anderen und sprach wie folgt: hermann, sei vorsichtig. bleib, wo du bist. rühr nichts an. bleib einfach eine weile ruhig und warte, bis es dir besser geht. mountain gallo rotwein schwappte in mir, hinzu kam marihuana die menge, lsd hatte ich abgelehnt. während ich so zu mir sprach, bemüht, nicht vornüber ins wasser zu fallen und einfach liegen zu bleiben, brach ein gruppe lärmender junger männer mit einem pickup truck auf, um in der wüste klapperschlangen zu jagen. ich solle doch mitkommen, hatten sie gesagt, aber ganz hatte ich den verstand noch nicht verloren. und so wartete ich, wartete, bis es wieder möglich war, den pool zu verlassen. schleppte mich ins haus und schlief ein.   

14:51

Musste erfahren, dass auch Herr L. zu denen gehört, die sich hier bedienen, ohne je aus der Deckung zu treten. Spanner! Bin empört. Kann nur hoffen, dass er in seinem Westerwaldkaff, über das der Wind pfeift, bald keine Möglichkeit mehr findet, durchs weltweite Netz zu reisen und sich stattdessen weiteren, tiefgehenden Analysen unterzieht. Um mich aber soll er einen weiten Bogen schlagen, denn sonst könnte es sein, dass ich ihm die Fresse poliere. Im übrigen wünsche ich, dass er mir endlich mein China Becken zurückgibt, das ich ihm versehentlich einmal schenkte. 


Sa 20.07.02    12:08 (20.07.1972 Encinitas)

flashback 20.07.1944: schade. statt die wolfsschanze plus hitler in den orkus zu sprengen, explodiert die ladung so unglücklich, dass der diktator nur leicht verletzt wird und einmal mehr glaubt, gottes vorsehung habe ihn beschützt. das ist lange her, aber noch immer gibt es genügend herrscher, denen man nur mit einer ordentlichen ladung sprengstoff das handwerk legen könnte. namen will ich nicht nennen, aber jeder kennt sie.  

20:54 
Liebe Spanner! Ich wünsche Euch den augenblicklichen Herztod, der, wenn ich es recht bedenke, noch zu gut für Euch ist. Also sterbt langsam. Ihr habt es verdient. Achtung: habt ihr mitgeschrieben? Gut so. Und nun liebes Herz: stopp.  


So 21.07.02    10:38  (21.07.1972 Encinitas)
Liebe Freunde der Literatur: alles ist Lüge. Wusstet ihr das? 

17:25
Die Verwirrung der Jüngeren (Tante) ist mit der der Älteren (Mutter)  nicht zu vergleichen. Glaubt sich die Jüngere etwa in einem neuen Zimmer untergebracht, wohl verwundert darüber, dass der Blick nach draußen der gleiche ist, die Bilder an den Wänden die alten sind und die Möbel ebenso,  ist sie also verwirrt in der Gegenwart, herrscht bei der Älteren ein Durcheinander aller Zeitebenen. Jeder Tag ihres gelebten Lebens erscheint gegenwärtig, wirkt aber, wenn sie darüber spricht, folgerichtig. Für mich war es daher beunruhigender, der Jüngeren als der Älteren zuzuhören. Die Ältere setzte meine Gegenwart (was machen die Kinder, wann fahrt ihr nach Berlin) gleichberechtigt neben Geschichten die sowohl wahr als auch unwahr sein können, aber deren innere Logik nicht verwirrt ist. Daher 10 Punkte für amüsantes Fabulieren für die Ältere, 5 Punkte für das Durcheinanderbringen von Alltag für die Jüngere.  

21:54
Miracoli, natürlich ohne Konservierungs- und Aromastoffe. 


Mo 22.07.02    8:51  (22.07.1972 Encinitas)

Denkbar wäre, die Woche mit einer depressiven Verstimmung zu eröffnen, aber wer will schon so etwas. Wir wollen doch, dass es aufwärts geht. Daher haben wir uns zu einem optimistischen Ausblick durchgerungen. Denn Rettung naht, wie wir wissen, immer vom Süden, da das Leben dort leichter von der Hand geht und die Werte -äh - noch - äh Werte sind und richtungsweisende Denker auf Traditionen - äh - zurückblicken können. Wir werden unser Schicksal daher in die Hände dieses Einen legen, der äh - weiß - äh - worauf es ankommt und uns heim führt, sozusagen - äh, und auf alles eine so weitreichende Lüge - äh - parat hält, dass man sie einfach glauben muss, denn nichts tut der Dumme lieber, als Lügen auf den Leim zu gehen. Ich bitte Sie daher, sich an diesem kühlen Sommermorgen, der eher einem Herbstmorgen gleicht, von Ihren Plätzen zu erheben und mit ihm und mir die bayerische Nationalhymne anzustimmen, die dann nach der Wahl auch in Mecklenburg-Vorpommern gelten wird und woanders. 

PS.: Morgen verlassen wir Encinitas, dieses Kaff auf halbem Weg zwischen San Diego und Los Angeles, in dem sich jedes Gespräch um Surfen, Suff und Marihuana dreht, verlassen diesen sonnendurchfluteten Strandabschnitt und hitchhiken nach San Franzisco. Bloß weg hier. Weg weg weg. 

11:26

Reisefieber rumort,  ruhelos rotiert ratloser M., fragt, ist es wirklich so weit, und wenn ja: wohin und warum?

21:02

dämliches aus dem hause men-sing
will's kind partout nicht schlafen gehn, musst du an seinem ärmchen drehn// gibt's danach immer noch nicht ruh // dann drück ihm doch die gurgel zu //
mehr davon


 

Di 23.07.02    9:54  (23.07.1972 San Francisco)

Ob Herbst, oh früher grauer Schüttler, oh Juli, rattenkalter Rüttler, oh Süden, der du weit weit fort bist, oh Sommer, wenn mir so nach Mord ist. 

10:41

Erhielt gerade einen Karton mit zwanzig Romanen. Alle von einem gewissen H. Mensing. Zehn Romane heißen "Voll die Meise", zehn "Der Heilige Bimbam". Frage mich, wann ich die alle lesen soll? Und wieso? Und wer ist H. Mensing?

11:38

Die Antwort:
H. Mensing ist ein Geck, der viel Papier beschreibt,  seit Jahren holzt er schon zum Zweck, viel Wald ab und verbleibt, mit Hochachtung und hoffend dass, ihm dieses Ehre bringt, die Aussicht auf viel Geld bleibt blass, weil Geld bekanntlich stinkt.

15:43

Ihm scheint nach Reimen heute, gar nicht nach Prosa pur, drum macht er fette Beute, bei fröhlichem F-Dur.

18:58

Arschgesichter senden leise, ihre Weise an den Mond, Mondgesichter auf der Reise, sagen ja: bewohnt.

19:09

Gezielte Tötungspolitik
. Bravo Herr Sharon, Sie werden immer besser. Wir wäre es mit: Gaskammern für Palästinenser? 


Mi 24.07.02   8:58 (24.07.1972 San Francisco)

Ölige Luft. Gebannt starrt man auf Schlagzeilen und rechnet mit allem. Dennoch: Vorfreude auf die kleine Reise mit großen Söhnen. Träume von Hotelzimmern im 117 Stockwerk, die man nicht findet. Reisefieber.

21:58

Denke / dass ich / damit / nichts bin / nichts bin / ich / wenn / ich / nichts / denk /


Do 25.07.02   10:27 (25.07.1972 San Francisco)

Habe mich entschlossen, als Freelancer für eine große deutsche Boulevardzeitung Schlagzeilen zu formulieren. Hier die erste: Internationale Verbrecherkartelle - Banker und Investmentmanager - zocken Anleger ab!!! 

16.04 

die zweite: Skandalös! Kinderbuchautor vertrödelt seine Zeit mit Nachdenken, während Millionen hungern. M. meint: Stopft ihnen das Maul. 

 

Fr 26.07.02    8:19  (26.07.1972 San Francisco)


Ungerecht! Kanzler fährt ICE und muss nicht bezahlen. 

9:55

flashback:
erreichte oakland gegen zwei uhr morgens. checkte ins ymca ein, konnte aber noch nicht schlafen. ging nach unten, wendete mich nach links und verschwand in der ersten kneipe, die noch geöffnet hatte. eine billiard-halle, halbdunkel bis auf das licht über den tischen. an der bar stellte ich fest, dass ich der einzige weiße unter schwarzen war. lauter stämmige männer. seltsames gefühl. blicke, die hin und her gingen. trank eine cola und verschwand wieder. am nächsten morgen über die bay-bridge nach san francisco. wohne seit vorgestern in einer wg in haight ashbury. 

12:03

"Dein Vater ist dein erster Feind!"
(Sprichwort aus Mali) 

17:57

Die Dinge wurden kompliziert, als Willi ein Gewächs mit senfgelber Kuppe auf seiner Nase entdeckte. Er drückte es aus, dachte, damit hätte es sich, aber am nächsten Tag war ein neues da. Und dann noch eins und noch und noch eins - immer an den schönsten Stellen im Gesicht. Mittlerweile sah er aus wie ein Streusselkuchen. "Pickelfresse" rief Jens, als Willi in den Schulbus stieg .... (Ist das der Beginn einer Liebesgeschichte?)


Sa 27.07.02   10:00  (27.07.1972 San Francisco)

Wir sitzen beim Ägypter Hagedorn, draußen, nach einem Spaziergang, im Blick die katholische Kirche.  Der Ägypter Hagedorn heißt natürlich ganz anders. Dass er Wirt ist und eine zweihundert Jahre alte Gaststätte führt, hat unter Umständen damit zu tun, dass er damals, als er her kam, um zu studieren, die Dinge hat schleifen lassen. Vielleicht ist es ihm gegangen wie dem Syrer Ch., den ich gut kenne, der zwar promoviert hat, dann aber den deutschen Frauen auf den Leim ging, einmal, zweimal, dreimal, bis er sich nach über 20 Jahren entschied es ein letztes Mal, aber dieses Mal mit einer Frau aus der Heimat, zu versuchen. Der Ägypter Hagedorn ist ein gesprächiger Mann, und seine Gaststätte ist beliebt. Wir sitzen unter Rot- und Weißdorn, freuen uns, dass der Abend recht mild ist, als plötzlich eine Maus in hohem Tempo die Straße kreuzt, eine Katze direkt hinter ihr. Die Maus rennt um ihr Leben, die Katze ist sich ihrer Beute sicher. Die Maus springt dann und wann, panische Sprünge, zehn Zentimeter hoch und ebenso weit. Das sieht lustig aus, zumal sie danach wieder in diesen hochenergetischen Trippelschritt verfällt. Im Rinnstein erstarrt sie. Die Katze steht und schaut auf sie herab. Sie hat Zeit. Eine Frau vom Nebentisch springt auf, läuft über die Straße und verscheucht die Katze. Dann beugt sie sich zur Maus hinab und spricht mit ihr. Die Katze duckt sich unter einem parkenden Auto.  Die Frau setzt sich wieder. Die Katze schleicht sich erneut an, aber die Maus - liebende - Frau hat aufgepasst und verscheucht sie, eh sie die Strasse zur Hälfte überquert hat. Die Maus, die die ganze Zeit erstarrt im Rinnstein hockte, geht auf und davon und rettet sich auf die vorletzte Stufe der Treppe zur Sakristei. Die Katze duckt wieder unter einem Auto. Die Frau spricht mit der Maus. Ob die Maus betet? 
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1. Soziologieprofessor Oskar Negt bei seiner Abschiedsvorlesung an der Universität Hannover (FR 12.07.02) // 2. Erik Fosnes Hansen "Momente der Geborgenheit" Kiepenheuer & Witsch, 1999 //

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