Juni 2002                                    www.hermann-mensing.de                

mensing literatur

zum letzten Eintrag

Sa 1.06.02   14.29

Wieder in der Gegenwart sage ich, was der Fall ist: Sonne überm Dorf. Freude über das Halbzeitergebnis, die Hälfte einer Kurzgeschichte im Speicher, die andere im Kopf. So dreht sich die Welt und ich bin, wo ich immer bin: auf der Seite der Nichtwisser und Staunenden, auf der Seite der Unruhigen und auf meiner Seite. Und hier finden Sie, was Sie seit dem 13. Mai 2002 nicht lesen konnten.

16:13

Wir verlassen die Stadt und tauchen ein in das weiche Land hinterm See gleich beim Zoo, hin zum Tal des kleinen Flusses, dem folgenden Anstieg und der Fahrt nach Hause. Jede Wiese atmet ihr eigenes Klima, jeder Wegrand zeichnet sich aus durch Geruch und Frische. Noch größer die Unterschiede beim noch kurzen Weizen: dem schon Brust hohen Roggen: dem Hafer: der mit jedem Luftzug wie ein Wellenmeer wogenden Gerste. Als Zugabe die Zusammenkunft der Planeten Mars, Venus und Saturn am westlichen Himmel.  C. und ich froh, dass es das nur für uns gibt, dass all die anderen, die in Kisten sitzen und hundertmal schneller sind als wir, nichts von diesen Wundern ahnen, für die man nicht einmal fortfliegen muss. 

17:54

Ringsum dröhnt die Luft von Bässen der einen Band hier und der anderen dort. Congas, Timbales und Bongos. Dazu schrilles Geschrei von Ghettoblastern an Verkaufsbuden. Alles in allem ein Hafenfest, und wir sitzen und sitzen, während jeder einmal vorbeikommt, wenn nicht zwei- oder dreimal. Sitzen am Tisch mit dem Grafen, ein Mann aus westfälischem Adel, 120 wenn nicht mehr Kilo schwer, rotblondes, schulterlanges Haar, bärtig bis unter die Augen und auf die Brust, ein Mann mit brüllendem Lachen, der auf geerbtem Hof hockt, Möbel restauriert und von der Welt träumt, ein Mann meines Alters, bei dem, wenn man ihn unverhofft sieht, jeder gern glaubt, eine Erscheinung zu haben. Vor ihm liegt ein Motorradhelm - eine einfache Schale - mit der japanischen Kriegsflagge drauf und er sinniert mit uns darüber, sein Wappen obenauf anzubringen, damit man ihn aus der Luft nicht belästige, wenn er mit seiner 450er BMW unterwegs sei. Kenne ihn, den man Battu nennt, seit der Zeit, als ich im Kadi, ein arabisches Restaurant, arbeitete. Bei Einbruch der Dunkelheit Lichtspiele auf stillgelegten Lagerhäusern, Kränen und Speichern. Fotos dazu unter www.lubux.com

 

So 2.06.02    13:43

Träumen davon, was wir diesen Sommer unternehmen. Tageweise vielleicht nach Amsterdam, so wie letztes Jahr, nach den Haag, ins mondäne Scheveningen, nach Antwerpen, zur Ausstellung "Die surrealistische Revolution" nach Düsseldorf (20.07.02-24.11.02), zur documenta nach Kassel (8.06.02-15.09.02) , eine Radtour ins Herz des Ruhrgebiets, solche und ähnliche Dinge schweben uns vor, während die Zeit durchs Fenster streicht und wir faul sind, Espresso trinken und Wasser und ich den Kopf nach allem verdrehe was fliegt und von Menschen gemacht ist. Ein Kanari singt, Schwalben sicheln, weit und breit tobt der Friede des globalen Kapitalismus. 

16:23

Bin ich ein Antisemit? - Die Pogrome, die Juden in ihrer Geschichte erleiden mussten und die, die sie noch heute erleiden, sind grauenhaft. Ich finde, dass sie  - wie jeder andere - ein Recht auf freie Religionsausübung haben. Ich finde nicht, dass eine biblische Verheißung Menschen berechtigt, eine bestimmte Region dieser Erde zu besiedeln und die dort ansässigen Bewohner zu vertreiben. Ich finde, dass die Existenz des Staates Israel in ihrer jetzigen Form hinterfragt werden darf. Ich finde, dass der Staat Israel ein Staat wie jeder andere ist und so behandelt werden muss. Ich begreife, dass es ein schweres Los ist, sich als "auserwähltes Volk" zu fühlen. Ich finde, nichts und wieder nichts rechtfertigt die Vernichtung eines anderen Menschen oder eines Volkes. Ich finde, Sharon ist die größte Gefahr für Israel. Bedeutet die Zugehörigkeit zu einer Religion gleichzeitig Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Ethnie?  Wenn ja, wo darf ich als Protestant siedeln? Ich bin froh, dass es Juden gibt, die so denken wie ich. Es stimmt, die jüngste deutsche Geschichte hat unvorstellbares Grauen verursacht. Ich finde nicht, dass daraus wohlwollendes Schweigen gegenüber israelischer Politik folgert. Ja, nach all den Eiertänzen der letzten Wochen muss ich ein Antisemit sein. Das hätte ich nie gedacht. 

20:02

mein leben im netz: 

guten tag herr t.,
wie fänden sie (in anlehnung an das satzfischer-projekt, das bei ihnen läuft) folgende idee:
ihre leser senden mir einen satz.
der satz enthält den namen einer person, ihr alter, ihren beruf. wer mehr in den satz packen will, darf das tun. aber mehr als ein satz sollte es nicht sein.
ich wähle mir aus den eingesendeten sätze den aus, der mir am besten gefällt und schreibe zum satz eine kurze geschichte. prosa von ca. einer normseite.
die dann wiederum mit namen des satz-urhebers bei ihnen erscheint.
das projekt könnte über einen monat laufen.
pro woche drei sätze.
das könnte spannend sein, oder auch in die hose gehen.
wie immer es endet, es wäre interessant.
überlegen sie einmal und melden sich dann
mit freundlichem gruß
hermann mensing

22:02
I
ch verneige mich vor dem Schicksal als einzigen wahren Geschichtenerfinder. 


 

Mo 3.06.02    9:12  (3.06.1972 Frankfurt-New York)

mein leben im netz:
Hallo Herr Mensing,

das ist eine feine Idee!! Wie sollen wir denn dann dieses Projekt nennen?
Ich schlage vor, ich programmiere ein kleines Formular, in das man
alle Daten eingeben kann und das dann an sie verschickt wird. Drei
Sätze pro Woche sind ganz schön viel. Wollen wir nicht zwei pro Woche
nehmen, die dann jeweils Montag und Donnerstag erscheinen.

Wenn Sie dann die Geschichten schreiben, könnte ich für Sie auch
umgekehrt ein Formular schreiben, in das Sie den Satz, die Überschrift
und die komplette Geschichte einstellen können. Immerhin muss dann ja
auch die Formatierung rasch vonstatten gehen.

Viele Grüße
Wolfgang T.

Das Literatur-Cafe
Der literarische Treffpunkt im Internet
http://www.literaturcafe.de

11:56

Wie soll das Projekt heißen? Sätze setzen? Sätzen? Satzwerfer? Ur-heber-sätze? Satzerfinder? Satzschreiber? Satz-für-Satz? Sitz Satz? 

13:18

Meine kurze Geschichte geht ihrem Ende entgegen. Ich staune wie immer. Ich staune und verneige mich

16:20

dankbar. 
Hier also eine erste Fassung der Faxenmacher. Feedbacks werden gern entgegengenommen.


Di 4.06.02    8:29  (4.06.1972 New York)

Gegen zwei brachen sie mit Panzern durch, grölende Monster. Wir rannten davon. Sie wussten, das alles Rennen vergebens war und spielten Katze und Maus.  Als wir ihr Gebrüll nicht mehr ertragen konnten, als wir stehen blieben und sie erwarteten, als wir hofften, sie würden uns endlich töten, erwachte ich. Welche Panzer? Wo? Ich stand auf und setzte mich auf den Balkon. Sie lagen in den Vorgärten mit geschwärzten Gesichtern. Sie lauerten auf den Dächern. Sie sprangen von Schatten zu Schatten. Jetzt sind alle fort, aber mich täuschen sie nicht. 

9:27

Wenn er doch endlich beginnen würde, der Krieg. Viele Menschen stürben, ja, das ist wahr, aber für die, die überlebten, wäre das Leben danach besser. Der das sagt, lebt im indisch-pakistanischen Grenzgebiet und hat unzählige Scharmützel erlebt. Krieg als Mittel, unlösbare Probleme endgültig zu lösen, darüber hatte ich lange nicht mehr nachgedacht. 

17:23

Und wenn sie wiederkommen? Wenn sie das Haus belagern? Wenn sie ihre Kanonentürme langsam drehen, das Rohr justieren und wieder zu schießen beginnen, wie gestern in ... und heute in ...? Ich werde mich wach halten, dann haben sie keine Chance. Ich werde mich wehren. Sie vertreiben mich nicht.  


Mi 5.06.02   7:35  (5.06.1972 New York)

the sun struggles up another beautiful day // and I felt glad in my own suspicious way // despite the contradiction and confusion // felt tragic without reason // there's malice and there's magic in every season // (1)

8:55

Jeder unnütze Satz ist verlorene Lebenszeit. 

10:15

satz-für-satz 
heute ein satz aus der fr. des tages:
zunächst freundlich, im westen und süden aufkommende kräftige und gewittrige schauer  sagte das radio. das thermometer am küchenfenster zeigte 24 grad. m. beschloss sich auszuziehen. nackt würde er die schwüle ertragen können. eine weile darauf schellte es an der tür. m. öffnete. zwei junge männer in marineblauen anzügen mit schwarzen aktentaschen unterm arm fragten in amerikanisch gefärbtem deutsch, ob sie mit ihm über gott sprechen dürften. m. sagte, er sei es selbst, worauf die jungen männer erröteten und begannen, einwände zu erheben.  go and take a flying fuck at a rolling doughnut! sagte m., schloss die tür und machte sich wieder an seine arbeit. wie war noch der nächste satz? 

14:23

Habe "Die Faxenmacher" an Ueberreuter verkauft. Die Geschichte erscheint im Frühjahr 2003. 

17:54

das ernste gedicht:
   oOOososooo 


Do 6.06.02    11:29  (6.06.1972 New York)

satz-für-satz:
heute aus einem brief des kreises b. - der landrat - sozialamt:
haben sie oder ihre schwester damals geldgeschenke von ihrer mutter erhalten? nein. niemals. wir hatten unsere mutter in einem verschlag im keller untergebracht, weil sie so schlecht roch. sie hätte uns nie etwas geschenkt. sie war eine böse mutter. obwohl der verschlag mit mehreren vorhängeschlössern gesichert war, gelang es ihr immer wieder, auszubrechen. manchmal verschwand sie tagelang. sie feierte feste mit männern, das wussten wir. manchmal wurde sie aufgegriffen. dann rief die polizei an und bat uns, sie abzuholen. wo genau ihr geld geblieben ist, kann ich ihnen nicht sagen. wir  - ihre kinder - sind nicht bereit, auch nur eine mark für sie herzugeben. lieber lassen wir sie in ihrem verschlag vergammeln.  

17:05

satz-für-satz:
westfälische nachrichten von heute:
21 minuten nach dem ariane start von europas weltraumbahnhof in französisch-guayana wurde der fast fünf tonnen schwere satellit in seine geostationäre umlaufbahn ausgesetzt. es ist ein fluoreszierendes dixie-klo, leicht anzufliegen und mit andock-modulen für russische und amerikanische raumschiffe ausgestattet. damit die scheiße der ihr geschäft ausübenden piloten nicht davon schwebt, wird das klo durch von der bodenstation gesteuerte düsen in rotation versetzt. außerdem verfügt es über cola- und kaffeeautomaten sowie einen digitalen fernsehaltar, der ein kurzes gebet und die abnahme der beichte vorm weiterflug ermöglicht.   


Fr 7.06.02   11:02  (7.06.1972 New York)

Wegen Weltekel vorübergehend geschlossen. 

13:32

Das WM-Vorrundenspiel Argentinien : England wird Ihnen präsentiert von
Schwarzer Afghane, Acapulco Gold  und Ketama. 

17:17

Ich erkläre mich solidarisch mit Israel. Israel darf das. Niemand sonst dürfte das dürfen, Israel wohl. Ist es nicht heroisch, wie Israel eine Siedlung nach der anderen baut. Israel braucht Raum. Sein Volk expandiert. Jeder Jude, wo immer er lebt, hat ein verbürgtes Recht auf das gelobte Land. Deshalb darf Israel das. Seht, wie es um sich schlägt. Wie es vernichtet. Ja. Israel darf das. Palästina soll das Maul halten. Palästinenser sind Terroristen.  Zumindest Muslime. Deshalb darf Israel das. 


Sa 8.06.02   12:13  (8.06.1972 New York)

Hiermit erkläre ich mich mit dem titanischen Kampf der USA gegen den weltweiten Terrorismus solidarisch und überweise DM 25.-- an das Department for Homeland Security. Russland erhält DM 15.-- für seinen Kampf gegen das von Terroristen verseuchte Tschetschenien. Die Bemühungen um eine gerechte Verteilung der Reichtümer dieser Welt unterstütze ich mit DM 10.--  Überhaupt glaube ich, dass die Welt sehr gerecht ist. Am Gerechtesten finde ich Israel. Auch Deutschland ist sehr gerecht. Für beide daher DM 5.-- 


So 9.06.02   13:01  (9.06.1972 New York)

satz-für-satz:
hans joachim schädlich: "dobruska" in: versuchte nähe - prosa
in dem kurzen gang zwischen der speisewagentür und den limonadenkästen, die neben der tür zur speisewagenküche aufgebaut sind, warten fünf männer. einer von ihnen ist m. er steht am halb geöffneten fenster und raucht. im dunst eines frühen sommerabends liegen die havelseen. schilf am bahndamm beugt sich dem fahrtwind. m. nimmt einen letzten tiefen zug von seiner zigarette und schnippt die kippe hinaus. jemand sagt: "hören sie, das ist verboten. m. schaut über die schulter. hinter ihm steht ein volkspolizist. "wieso?" der vopo nennt die art des verstoßes und fordert buße. wieviel? DM soundso. ach, westgeld? der vopo nickt. m. reicht ihm einen fünfzigmarkschein. "den kann ich nicht wechseln",  sagt der vopo, winkt m. in den speisewagen, ruft einen kellner und bittet um wechselgeld. der kellner ruft einen zweiten kellner, die beiden legen zusammen. m. erhält sein restgeld zurück und bittet um eine quittung. der vopo stellt sie aus und unterschreibt. sein name ist dobruska. er schreibt ihn so klein, dass man ihn kaum erkennen kann. m. schaut ihn an. dobruska weicht seinem blick aus und geht schnell fort. die vier männer warten noch immer.  

19:51

( ...) no reason to get excited, the ... kindly spoke, there a many here among us, who feel that life is but a joke (2)

10.06.02   10:26   (10.06.1972 New York)

verkauft:
ich mich du dich er sich sie sich es sich wir uns ihr euch sie sich  

13:29

Sagt sie beim Einkauf: Ich hätte gern ein Geoeidreck. Haben wir nicht! ist die Antwort.

17:56


Alles, was nichts mit Geldverdienen zu tun hat, übersteigt seinen Horizont bei weitem. Alles, was Tod oder Leben heißt, versteht er nicht. (3)

21:29

satz-für-satz:
wolfgang t.: mail v. 2.06.02
drei sätze pro woche sind ganz schön viel. trotzdem: machbar wäre das. zumal t. versprochen hat, vernünftig zu zahlen. der erste satz würde genügend bringen, um die woche zu überstehen. der zweite würde die miete sichern, der dritte das kleingeld. m. würde t. so lange anfüttern, bis er nicht mehr ohne sätze leben könnte. dann würde er nachfordern. aber saftig. und dann würde m. ein fest feiern, das sich gewaschen hätte. keiner der gäste sollte das je vergessen. die frage war nur noch: wie sollte der erste satz lauten? 


Di 11.06.02   9:22   (11.06.1972 New York)

Die Aufgabe lautet: meißeln Sie aus einem epischen Text die tragenden Säulen für einen dramatischen. Eine Bühne steht nicht zur Verfügung. Licht auch nicht. Stattdessen: Mikrophone. Geräusche. Raumklang. Schneiden Sie. Kürzen Sie. Achten Sie aber darauf, dass erkennbar bleibt, was sie erzählen wollen. Und nun an die Arbeit. Im ersten Versuch brachten Sie es auf 180 Seiten, im zweiten auf ca. 80. In den nächsten Stunden erwarte ich von Ihnen den Feinschliff. Heute Abend komme ich wieder. Und wehe, Sie sind nicht fertig. Denken Sie daran, das Radio zahlt gut. Sie könnten ein wenig Urlaub machen, wenn Ihnen die Operation gelänge. Also. Auf die Plätze. 

15:49

Der dramatische Text ist auf dem Weg zum Verwerter. 

15:50

Das Bulletin Jugend & Literatur schreibt in 4/2002 im Schwerpunkt "Das Runde im Eckigen - Fußballbücher" zu Flanken, Fouls und fiese Tricks: (...) Gelegentlich setzt sich sogar ein Roman ernsthaft mit sozialen Problemen auseinander, ohne vorschnell in pädagogische Idylle abzugleiten. (...) Weiter heißt es: Flott geschriebener Roman um den leicht aufbrausenden Tuxe, der wegen einer Fehlentscheidung wütend auf Schiedsrichter und Trainer ist. Mensing geht auch auf negative Seiten des Fußballspiels ein: gewalttätige Spieler und rassistische Fans. Tuxe und sein Freund, der Pole Wojtek, überstehen einen Überfall und bewähren sich in einem Turnier. Die spannende Erzählung bezieht glaubwürdig soziale Probleme ein, ohne in sentimentale Elendsmalerei zu verfallen. 

22:53

What I'm doing I'm doin' .... : // (4)


Mi 12.06.02   14:11   (12.06.1972 New York)

Glücklicher Stadtrand:
sozialer Brennpunkt hier, gleich ein paar Ecken weiter, heißt: Homo-Wald hinter der BAB 1 Raststätte. Er ist leicht zu erreichen und wird gern frequentiert für die schnelle Nummer. Sozialer Brennpunkt heißt auch: der Plattenbau kurz vorher, in dem ein paar Afrikaner wohnen und Pakistani, Tamilen und Sozialhilfeempfänger. Und Pipo. Unsere Kinder nennen ihn immer schon so, und so lange lebt er auch dort. An Sommerabenden sitzt er im Rattansessel auf dem Parkplatz neben dem Haus und liest. Seine Katzen, mindestens vier, manchmal mehr, sitzen in dichtem Umkreis und beobachten ihn. Hinter unserem Haus hat Pipo eine Garage gemietet, in der er Sperrmüll sammelt. In unregelmäßigen Abständen räumt er ihn aus und um. Er tut das unter meinem Fenster und wir reden dann: meist ist er sehr entrüstet und außer Atem wegen seiner geschäftlichen Transaktionen, deren Sinn und Ziel mir noch nie klar geworden ist. Nazis gibt es hier auch. Es sind drei und sie wohnen im hohen Haus an der Hauptstraße. Sie sehen genauso aus, wie man sich Nazis vorstellt, was praktisch ist. Einer hat sogar einen Kampfhund. 

18:05

Ich locke Wirbel aus Häuten, Synkopen aus getriebenem Messing und dumpfe Schläge aus einer Pauke. Draußen Gewitter und prasselnder Regen. Dort jagt das Wetter die Zeit. Hier jage ich.  

22:07

satz-für-satz:
frankfurter rundschau 12.06.02 zeitung in der schule:
fritz hilft, weil er ola so unvergleichlich hübsch findet. denkt ola, aber ola täuscht sich. fritz hilft, weil er ola ausspioniert. fritz hofft zu erfahren, woher das geld stammt, mit dem sie so unverschämt um sich wirft. und so schmeichelt fritz ola. sagt wie schön ihre füsse seien oder ihr haar. berührt sogar einmal ihren oberarm, als er einen sessel abstellt und fragt, wohin denn genau er ihn stellen solle. ola lacht und sagt dorthin. fritz befördert ihn an den genannten ort und setzt sich. so ola, sagt er, nun erzähl mal, wie soll es weitergehen. ola wird rot. sie versteht nicht recht oder versteht sie doch ganz genau und wird deshalb rot? ich weiß nicht, sagt sie. wir könnten einen kleinen schluck trinken, schlägt fritz vor. gern, sagt ola. aber noch lieber kiffen! gut, sagt fritz. übrigens, könntest du nicht auch tanzen fürs sesseltragen? tanzen? ja, sagt fritz, warum nicht. wenn du meinst, sagt ola, zieht sich aus und tanzt für ihn. und da wird fritz klar, woher sie das ganze geld hat, mit dem sie so unverschämt um sich wirft. 



Do 13.06.02    9:49  (13.06.1972 New York)


Ich bin da.

11:07

Ich denke nie an Leser. Ich denke an mich. 

19:26

Freunde? - Ja, unter Umständen, einer. - Feinde? - Wahrscheinlich. - Geliebte? - Nein. - Hoffnung? - Ja.  Gesundheit? - In Ordnung.   


Fr 14.06.02    9:54   (14.06.1972 New York)

satz-für-satz:
frankfurter rundschau 14.06.02 times mager /feuilleton:
der mann schaute aus wasserblauen augen mit leichtem lächeln ins leere. er hatte alles erledigt, was zu erledigen war. die fensterläden waren herunter gelassen, den strom hatte er abgestellt, den kühlschrank abgetaut. es war zeit, das haus zu verlassen. schweiß glänzte auf seiner stirn, als er ein taxi bestellte. als es kam, war er kaum in der lage, sich auf den beinen zu halten. umbraust von schwindel und heftigem herzrasen setzte er sich in den fond des wagens und nannte sein fahrziel, den flughafen. dort angekommen ging es ihm schon ein wenig besser. er würde die kontrolle überstehen und wenn sein gewährsmann von der putzkolonne richtig gearbeitet hatte, fände er, was er brauchte, unter seinem sitz. er würde erst zünden, wenn das flugzeug reiseflughöhe erreicht hatte. 


Sa 15.06.02   10:33  (15.06.1972 New York)

Morgen würde ich 92. Als ich starb, war ich fast 87. Als ich versuchte zu sterben, war ich 43. Nichts würde so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles war durch den Krieg durcheinander geraten. Meine Frau war mir fremd. Meine Tochter nannte mich Onkel. Es hatte Jahre gedauert, bis die Träume nachließen. Dabei wollten alle, dass es sofort weitergeht. Vorwärts! Vergessen! Ich war kaum einen Tag zurück aus den Erdlöchern meiner letzten Station der Gefangenschaft in Belgien, als mein Vereinsvorsitzender vor der Tür stand und sagte, du spielst doch wieder, oder? Ich spielte. Aber ich hatte meine Kraft verloren und wollte nicht länger in diesem Land bleiben. Ich wollte in Amerika leben. Ich hatte gespürt, dass es dort Chancen gab. Meine Frau sagte nein. Nie im Leben wolle sie fort, nie nie nie. Und dann kam der Tag, an dem ich mich entschloss, zu sterben. Ich saß auf den Schienen der Dortmunder Bahn, ich erwartete meinen Tod, den Nachmittagszug. Ich war sicher, ich wäre mutig genug. Dann hörte ich meinen Namen. Ich schaute auf und sah meine Frau und meinen Sohn. Sie rannten in meine Richtung. Ich stand auf und lief ihnen entgegen. So ist es gekommen, dass ich 87 wurde. Ich habe kein Wort mehr über diesen Tag im Jahr 53 verloren. 

17:29

satz-für-satz:
Sackgasse 13 - Roman - H. Mensing:
ein seltsames haus war das. von mr. lovejoys farm über die schafswiesen vorbei an dem schild "to the sea" erreichte man es nach gut einer viertelstunde. es war kaum mehr als ein schuppen. p. mc.cartney stand an einem von rosen umrankten gartentor. m. schellte. jemand rief, "the door's open." m. stieß das gartentor auf. ein border collie sprang ihm entgegen und umkreiste ihn bellend. die haustür war angelehnt. m. öffnete sie und ging ins haus. im halbdunkel stand ein greis. er trug ein schmuddeliges unterhemd und eine abgewetzte cordhose, die von zwei breiten hosenträgern gehalten wurde. "are you mr. mc.cartney?" fragte m. "sure am", sagte der alte man. "want some tea?" m. nickte. herr mc.cartney und m. tranken tee, aßen kekse und später hörten sie die musik, die den alten mann so berühmt gemacht hatte. als m. sich verabschiedete, musste er versprechen, niemandem von diesem haus zu erzählen.  


So 16.06.02   17:02  (16.06.1972 New York)

Mit Verärgerung den Sieg der Spanier über Irland im Elfmeterschießen registriert und zum Schluss gekommen, dass es sich bei den spanischen Spielern um marinierte Schönlinge handelt, die besser als Animateure an der Costa Esmeralda arbeiten sollten. Der Fairness halber gratuliere ich halbherzig.  


Mo 17.06.02   8:55  (17.06.1972 New York)

satz-für-satz:
der heutige Satz stammt von Bodo B.  aus Bielefeld:
er sah aus, als wollte er mich beißen, doch ich versuchte ihn - ich weiß nicht, mir fällt nichts ein ... herr b. hatte sich das einfacher vorgestellt. ein satz für m., grammatikalisch einwandfrei war gefordert, aber er hatte ihn nicht zu ende gebracht. hatte kapituliert vor einer angedeuteten Geschichte, in der jemand ihn beißen wollte. hätte er auch nur versucht, dem angreifer etwas entgegen zu setzen, wie frau s. es getan hatte, alles wäre in ordnung gekommen. aber er hatte sich nicht getraut. hatte auf diesen satz gestarrt wie auf ein gespenst, das einem das blut in den adern gefrieren lässt. frau s., damals noch ein kind,  war auch erstarrt, als der dackel des nachbarn nach ihrer nase geschnappt und mit kurzem biss perforiert hatte. sie hatte geschrien, aber dann hatte sie ihre kinderarme um den dackel geworfen und ihm ins rechte ohr gebissen, dass er jaulend davon rannte. seitdem war das verhältnis der kontrahenten geklärt. herr b. aber, der sich das mit dem satz einfacher vorgestellt hatte, als es in wirklichkeit ist, herr b. saß noch stunden und ärgerte sich. hätte er seinem angreifer getrotzt, wäre das ein beweis dafür gewesen, dass man nie aufgeben soll. er aber hatte aufgegeben, hatte sich gefügt ihn ein mutloses "was weiß ich, mir fällt nichts ein...."  er hatte versagt, und so kam es, wie es kommen musste: der angreifer überwältigte ihn. er biss, weil er spürte, dass er nichts zu befürchten hatte, er biss und trank, bis der letzte tropfen aus b. herausgesaugt war, und wenn nun zu mitternacht die glocken auf den türmen der bielefelder kirchen schlagen, sieht man b. bleich und mit vor scham hängenden schultern durch die straßen schleichen. aber niemand muss sich vor ihm fürchten, denn er wird niemanden beißen. 

12:54

schriftstellerglück:
stumme hitze stilles ruh'n, mittag erst, jetzt nichts mehr tun //

15:11

Der Mann ist ein Satzjäger. Er kommt über links und rechts, er scheut sich nicht, in die Defensive zu gehen, um gleich darauf im Strafraum des Gegners aufzutauchen. Vier Spiele, vier Sätze, eine saubere Bilanz. 


Di 18.06.02    9:50  (18.06.1972 New York)

Wir empfehlen heute: Die Birnen von Ribbeck - eine Erzählung von Friedrich Christian Delius, erschienen im Rowohlt Verlag.

11:31

"...ich schwitze in der Ritze..." (Nina Hagen Ende der 70er)

11:46

Sehr geehrter Herr Mensing,
es tut mit wirklich sehr leid, aber unsere Planungen haben sich am Freitag
alle zerschlagen! Wir haben Haushaltssperre, und der Medien- und
Veranstaltungsetat muss Löcher stopfen, um die geringeren Einnahmen bei der
Gewerbesteuer auszugleichen.
Vielleicht können wir im nächsten Jahr wieder etwas in Angriff nehmen!

Mit freundlichen Grüßen

Dagmar H. 
Stadtbibliothek H.

16:11

Ich bedanke mich bei jedem  "Es war einmal...." Es ist der umwerfendste Anfang eines Satzes, der je geschrieben wurde. Leider verbindet jeder Märchen mit ihm, was ihn für andere Geschichten eher unbrauchbar macht. Dennoch ist es ein Anfang, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse.


Mi 19.06.02     7:53   (19.06.1972 New York)

Folgendes Verbot gilt ab heute: Vernichtung. Jede Vernichtung ist verboten. Wenn dennoch vernichtet wird, muss das anders genannt werden. Im übrigen muss jeder, der Vernichtung bei Namen nennt, mit Ächtung rechnen. 
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. 

9:09

Nichtstun ist besser als mit viel Mühe nichts zu schaffen, sagte Lao-tse und gab M. die Hand. Danke, sagte M. und machte sich auf den Weg zur Stadtbücherei Münster, um dort aus "Flanken, Fouls und fiese Tricks" zu lesen. 

14:20
Der Ball ist Rund, die Scheine sind eckig"  
(...)Mit Blick auf die oben  angesprochene oberflächliche und nur auf die Geldbeutel der Käufer schielende Massenproduktion - die kaum ein gängiges Klischee auslässt - (...) gibt es Ausnahmen, wie Hermann Mensings "Flanken, Fouls und fiese Tricks" beweist. Das Thema Fußball bildet hier lediglich den Rahmen einer mittelstädtischen Milieuschilderung und konturiert darin eine zeitgenössische Familie und deren Alltag. Es wird so ein Ausschnitt moderner, deutscher Kindheitserfahrung vermittelt, der in seiner Intensität besticht und gleichsam exemplarisch wirkt, obgleich Lokalkolorit aufscheint. Der anfänglich tragische Konflikt zieht sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte Buch, dessen zentrale Fragestellung beständig um die Gegenpole Recht und Unrecht kreist. Fast zwangsläufig geraten dabei weitere Gegensätze wie Freundschaft und Hass, Menschlichkeit und Gewalt oder Intelligenz und Dummheit in den Focus. Der Autor erzeugt Spannung, Nachdenklichkeit und Kurzweil während der gesamten Lektüre. Was sich im Vergleich mit vielen anderen Fußballbüchern als besonders wohltuend abhebt, ist der gänzliche Verzicht auf weibliche Nebenrollen. Sie sind dort ohnehin meist Staffage oder werden krampfhaft dazu bemüht, einen angeblich permanenten Geschlechterkampf abzubilden. Hermann Mensing hingegen schreibt ein klassisches "Bubenbuch", dem es durchaus genügt, eine starke, kompetente und kluge Mutterfigur vorzustellen. Ein kleines Meisterwerk, dem eine originellere Einbandgestaltung und ein guter Titel besser zu Gesicht gestanden hätten, (meine Rede) denn dann würde es nicht nur inhaltlich aus dem Rahmen fallen.
Eselsohr 6/2002: 
"Flanken, Fouls und fiese Tricks" erhält den  "Fällt aus dem Rahmen"- Preis
Mein vom Verlag gekippter Titel: Der Sündenbocktrick


Do 20.06.02    8:52  (20.06.1972 New York)

Zwei drei Tage wird es dauern, eh ich wieder Bodenhaftung habe. Das Beste wird sein, ich fahre über das von Gewittern zerbombte Land zur greisen Mutter. 
Gestern bei der Arbeit. 60 Kinder. Zwei Lehrer. Ein Buch. Ein Schriftsteller. Sonniger Hof hinter der Stadtbücherei Münster. Arbeitszeit: ca. 45 Minuten. Anpfiff mit Trillerpfeife. Gelbe und rote Karten lagen bereit, mussten aber nicht eingesetzt werden. Fazit: ein unterhaltsames Spiel. 

  


15:21

Wir sind müde. Wir wollen mehr Geld. Wir hätten Ideen. Wir würden es tun. Wir täten es nie. Wir haben es längst getan.  


Fr 21.06.02   11:09  (21.06.1972 Agnes/Pennsylvania)

satz-für-satz:
5-live-radio-kommentar brasilien-england:
time running out, three minutes to go. m. hatte sich auf den steg gesetzt, um besser sehen zu können. es würde übers meer kommen, so viel war sicher, es würde am horizont aufsteigen und größer werden, es würde den himmel mit tiefem summen erfüllen, vielleicht auch mit schrillem, zerreißenden schreien. so hatten alle geglaubt und sich vorbereitet. so saßen die meisten und schauten. ruhig, seltsam ruhig, und nur wenige wussten, wieso niemand rannte, wieso keine panik ausbrach. m. wusste, sie hatten das wasser präpariert, seit jahren schon, seit bekannt war, dass es dem ende zuging. m. stand auf und ging fort. zu tausenden und noch einmal tausenden standen sie, dichtgedrängt. m. hatte mühe, fortzukommen, m. fürchtete, es nicht mehr zu schaffen, aber er erreichte die promenade noch vorher. eine kapelle spielte. menschen sangen. was gleich käme, käme für die, die geglaubt hatten. m. hatte nie geglaubt. dies war seine niederlage. er war bereit, das zu akzeptieren. er verbeugte sich und dann begann das spektakel. 

16:39

(...) ich wollte euch das falsche Lächeln abgewöhnen, nichts weiter, das anfotografierte Werbelächeln, das Täuschlächeln, das wie der Krebs von innen frisst, das ewige Hochzeitslächeln, mit dem ihre ganze Kriege tarnt (...) und spielte darum die andere Rolle, die ihr sehen wolltet, den Bösewicht urbi et orbi, den Staatsfeind von allerhöchsten Gnaden, hier habt ihr mich endlich, nehmt mich fest (...) was mich trägt und hebt, ist euer Schrecken, der mich allgegenwärtig macht, unberechenbar lass ich euch rechnen, wann ich niederfahre und zum nächsten Schrecken aushole - (5) 

19:14

Und allerorten fahre ich fahnenschwingend und hupend herum, sage "wir", sage "Tugenden wie..." und verzehre das Brot zu den Spielen.  

23:18

es war einmal
ein m., das seine abende gern auf dem balkon verbrachte. es beobachtete vorübergehende, sah amseln  im anflug auf die büsche unterm nachbarbalkon, die kamen, um ihr nest zu versorgen, in dem drei junge vögel warteten, es hörte der nachtigall zu und manchmal antwortete es. das m. liebte den ort mehr als andere. und da es nicht gestorben ist, sitzt es dort und zieht Buchstaben auf sätze. es ist mittsommer, denkt es, hör doch, sie veranstalten ein feuerwerk irgendwo, vielleicht wird geheiratet oder es ist das schützenfest in der kiebitzheide. mittsommer. die musik ist vorbei. die straße leer. die nachbarn schlafen. jalousien sind viele herab, was dahinter ist, weiß m. nicht. denkbar wäre, dass man sich dort vor dem brechenden licht des tages fürchtet und nicht erträgt, dass schon wieder einer vorbei ist. kann aber auch sein, dass etwas ganz ganz anderers dahinter steckt. was, wissen die götter, m. nicht. und so sitzt es und denkt, das schon bald wieder weihnachten ist. 


Sa 22.06.02    14:03  (22.06.1972 Angola/Indiana)

Meine Verachtung gilt den üblichen Verdächtigen.

14:10

Meine Liebe ebenso.  


So 23.06.02     15:54  (23.06.1972 Chicago)

Das Rezept für die Sommerbowle ist einfach: eine Zitrone, frische Minze, eine Flasche trockenen, weißen Wein (Müller-Thurgau z.B.), eine Flasche Mineralwasser und braunen Zucker. Die Zitrone wird ausgepresst, der Saft mit vier-fünf gehäuften Löffeln braunem Zucker und der Minze vermischt. Das Ganze lässt man eine Weile ziehen, nicht lang, fünf- bis zehn Minuten genügen, man kann aber auch sofort Wein und Wasser aufgießen. Eis dazu und das Getränk ist fertig. 

flashback:
chicago 1972: das radio sagt, es gab 1970 mehr tote in chicago als in vietnam. in bussen, u-bahnen, auf den straßen. in meinem kopf. 6000 meilen von zu hause. gib acht, dass du nicht stürzt. und wie weiter jetzt? mit dick bis californien? allein nach minneapolis? weiter nach canada? - ich weiß nicht. es gibt nicht viele, die wie ich über land trampen.  


Mo 24.06.02    11:09 (24.06.1972 Chicago)

Aus Gründen, die geheim bleiben müssen, erkläre ich mich für den Rest des Tages unzurechnungsfähig. Höre Musik, träume zum Fenster hinaus und bin ganz und gar kein Ansprechpartner für die Betreiber dieser Welt. Im Gegenteil. Sie dürfen mich getrost am Arsch lecken.


Di 25.06.02   8:59  (25.06.1972 Iowa) 

satz-für-satz:
FR 25.06.02: m. ballack: deutschlands bester dauerläufer
ich fühle mich körperlich sehr gut. zwar ist es so, dass ich träume habe, die mich beschämen und wünsche, die unerfüllbar sind, meine gedanken führen oft so weit fort, dass ich mich zu fürchten beginne, aber bisher ist es mir noch immer gelungen, zurückzukehren. von dort betreibe ich meine geschäfte. ich orientiere mich an niemand. ich weiß, wen ich mag und wen nicht. ich bin kein intellektueller. ich habe keinen plan. ich arbeite intuitiv. ich weiß, dass ich jeden augenblick abstürzen kann. ich stürze oder ich stürze nicht. ich stoße lieber einmal vor den kopf als mich anzubiedern. ich weiß nie mehr, als ich sage. ich notiere nicht. ich warte und warte und warte. wenn ich es nicht mehr ertrage, fahre ich rad. gehe spazieren. wie gesagt, ich fühle mich körperlich sehr gut. ich werde heute erfolgreich sein. sie werden schon sehen. und dann bade ich im applaus.  

11:28

Die Schuld, die diesem Land anhängt, ist grauenhaft. Niemand der jetzt Lebenden hat sie verursacht, und die, die dabei waren, sind fast alle tot. Dennoch lastet sie auf jedem Lied, auf jedem "Deutschland, Deutschland" der Fußballfans, auf jeder Freude über Erreichtes. Überall Schatten. Es steht zu befürchten, dass man sich noch in tausend Jahren an die von unseren Vätern verursachten Grauen erinnert, so wie man Dschingis Khan noch immer für seine Schrecken verantwortlich macht. In der Berichterstattung zur Fußball WM werden diese Schatten zu Wiedergängern. Sie gehen als germanische Tugenden um, die die anderen bewundern und fürchten als wären wir Monster. Kalter Realismus präge uns, sagen sie. Dabei sind sie um keinen Deut besser. Nur hat sie noch niemand gestellt. 


Mi 26.06.02        8:30  (26.06.02 Iowa)

Alle Stricke zerrissen. Keine Verständigung mehr. Krieg. Krieg als Primat der Politik. Weltweit wieder in Mode.


Do 27.06.02    9:07  (27.06.1972 Omaha/Nebraska)

Ich höre nichts. Nur Zweifel.

11:57

Nun doch erste Ergebnisse:
Der Wunschbaum
Alle nennen Joop Kokkelink Joopi. Joopi ist spindeldürr, obwohl er gern und viel isst. Seine Haare haben die Farbe von Sommerweizen und da seine Schneidezähne fehlen, klafft da eine Lücke, durch die bequem ein Schokoriegel passt.

Joopi wohnt an der holländischen Grenze. 
Man kann die Grenze nicht sehen, der Himmel hier ist genauso wie dort, aber wenn man sie überquert hat, weiß man sofort, dass man woanders ist, auch wenn noch niemand ein Wort gesagt hat.
Vom Garten hinter Kokkelinks Haus bis zur Grenze ist es nicht weiter als ein scharf geschossener Fußball fliegt, und so ist es nur natürlich, dass Joopi auf dieser und jener Seite zuhause ist.
Mitten in diesem Garten steht ein Apfelbaum.

Opa Bismarckstraße hat ihn gepflanzt. Hat ein Loch gegraben und das Bäumchen hineingesetzt. Hat zusammen mit Joopi Wasser geholt, um dem Bäumchen die neue Umgebung schmackhaft zu machen, dann hat er Joopi zur Seite genommen und gesagt: „Pass genau auf, was ich dir jetzt sage, Joopi. Die Dülmener Rose ist ein ganz besonderer Apfelbaum. Zähle jedes Jahr seine Früchte. Wenn es sieben sind, bringt das Glück. Dann darfst du dir etwas wünschen.“

„Egal was?“
„Egal!“ hatte Opa gesagt. „Aber verrate niemandem etwas.“
„Niemandem?“
„Niemandem!“
„Gut“, hatte Joopi versprochen.
„Ach, noch etwas“, hatte Opa plötzlich gesagt. „Eines darfst du unter keinen Umständen vergessen?“
„Was?“
„Du musst den Baum pflegen.“
„Wie denn?“
„Wenn Läuse dran sind, musst du seine Blätter mit lauwarmem Wasser abspritzen.“
„Sonst nichts?“
„Doch. Rede mit ihm. Sag ihm wie schön er ist. Sag ihm, wie groß er werden wird und wie süß seine Früchte dann schmecken.“
„Mach ich“, versprach Joopi.

Kurz darauf war Opa gestorben.
Die Dülmener Rose aber wuchs, reckte und streckte sich.
Joopi passte gut auf sie auf. Wenn er glaubte, dass es zu trocken war, ging er hin und gab ihr Wasser. Als die ersten Knospen kamen, setzte er sich unter das Bäumchen und erzählte ihm von Opas Geheimnis.
„Opa hat gesagt, ich soll dich pflegen!“ sagte er und wurde ganz aufgeregt, als ein Windstoß durch die kleine Krone der Dülmener Rose fuhr, denn da kam es Joopi so vor, als habe das Bäumchen verstanden.

Im zweiten Jahr nach Opas Tod bildeten sich aus den Blüten der Dülmener Rose die ersten Früchte.
Joopi war jetzt so groß, dass er, wenn er sich reckte, ein Buch aus dem fünften Regalbrett ziehen, sich an die Reckstange auf dem Spielplatz hängen oder einen Apfel vom Baum pflücken konnte. Kein Wunder also, dass er fast jeden Tag zur Dülmener Rose ging, um nachzuzählen, wie viele Äpfel sich nach der Blüte herausbildeten.
Sieben sollten es sein, daran erinnerte er sich genau.
Sieben, keiner mehr, keiner weniger.

Er zählte: eins, zwei, drei, vier fünf sechs – weiter kam er nicht. Es hing zwar noch ein klitzekleiner Apfel am Baum, aber aus irgendeinem Grunde kam er beim Zählen nicht weiter als sechs. Die Zahl, die nach sechs kam, kriegte er einfach nicht raus. Komisch. Er konnte doch sonst mühelos bis fünfzig zählen. 
Joopi schluckte und begann noch einmal von vorn, zählte 1, 2, 3, 4, 5, 6, hüstelte, als hätte er einen Frosch im Hals, zählte seltsamerweise nicht sieben, sondern: sechs und eins. 

„Na, wieviel Äpfel sind dran?“ fragte Mama.
Joopi antwortete: „Sechs und eins.“
„Also sieben?“ fragte Mama augenzwinkernd.
Joopi nickte. „Hmmm“, murmelte er. „Sechs und eins. Keiner mehr, keiner weniger.“
„Aha!“ sagte Mama verwundert, die nicht wusste, was Opa zu Joopi gesagt hatte und deshalb auch nicht verstand, wieso Joopi ein Gesicht machte, als erwarte er jeden Augenblick die Erfüllung all seiner Wünsche.
Die Äpfel wurden groß und größer. Welcher der sieben ihm einen Wunsch erfüllen sollte, hatte Opa nicht gesagt und er hatte auch kein Wort darüber verloren, wie denn die Wünscherei vonstatten gehen sollte?
Würde die Tatsache, dass sechs und ein Apfel am Baum waren, den Wunsch sozusagen von selbst befördern, oder war es notwendig, dass Joopi irgendein besonderes Wunsch-Ritual aufführte, einen speziellen Tanz oder eine Reihe von Worten aufsagte, ein Gedicht zum Beispiel oder Zauberworte?
Joopi war unsicher.

Wenn sieben Äpfel dran sind, hatte Opa ohne Zweifel gesagt, darfst du dir etwas wünschen. Mehr nicht. Und so kam es, dass Joopi ein wenig wütend war, weil Opa ihn so unwissend zurückgelassen hatte. Er fand, wenn es um die Erfüllung eines Wunsches ging, sollte man schon genau wissen, was zu tun war.
Hatte er den Baum gepflegt? – Ja. Hatte er. - Hatte er mit ihm gesprochen? – Ja. Hatte er auch. Aber reichte das? –

Tja, genau das wusste Joopi nicht, und so beschloss er, zunächst einmal darauf zu achten, dass niemand einen Apfel stahl oder der Wind ihm mit Pflücken zuvorkam. Und so hockte bei Wind und Wetter im Garten und wenn Mama kam und verwunderte fragte, was er denn um Himmels Willen dort tue, sagte er: „Aufpassen auf das Glück!“

Mama fand das besorgniserregend und schaltete Papa ein, der sollte am Abend mit Joopi reden. Und als Papa Joopi fragte, was es denn mit dem Glück und dem Apfelbaum auf sich habe, sagte Joopi, darüber dürfe er leider nicht sprechen, das habe Opa verboten.
„Ach Opa steckt dahinter?“
Joopi nickte.
„Dann weiß ich ja Bescheid“, sagte Papa, woraus Joopi schloss, dass auch Papa von Opa eingeweiht worden war, aber das stimmte nicht. Papa glaubte etwas ganz anderes. Mama erzählte er nämlich, Opa habe Joopi einen seiner Bären aufgebunden.
„Ach so!“ sagte Mama beruhigt, woraus man schließen könnte, dass Opa ein großer Geschichtenerzähler war. Was auch stimmt. Nur – einen Bären hatte er Joopi nicht aufgebunden. Dass mit den sieben Äpfel war nichts als die Wahrheit, die ganze Wahrheit und wieder die Wahrheit.

Das würden Mama und Papa schon früh genug merken. Noch hatte das Glück nicht begonnen, und auch, als es schließlich so weit war, die Äpfel zu ernten, waren nirgendwo Anzeichen davon zu entdecken.
Joopi bat Papa, die Äpfel pflücken zu dürfen und Papa sagte, „na klar“ und „hat das auch mit Opa zu tun?“
Joopi nickte verschwörerisch und pflückte jeden Apfel so vorsichtig vom Baum als wäre es ein großer Schatz, den er hüten müsse. Mama hatte ihm einen Korb gegeben, in den er die Äpfel legte. Wie gut sie aussahen! Mit roten Bäckchen und groß wie Orangen. Sechs und einer, sieben, wie Mama feststellte, aber dieser merkwürdige Sprachhemmung um die Zahl sieben hatte Joopi noch immer nicht verlassen und begann Mama Sorgen zu machen.

Joopi legte die Äpfel auf ein Regal in seinem Zimmer. 
Als er an diesem Abend ins Bett ging, war das ganze Zimmer erfüllt von ihrem köstlichen Geruch. Sie rochen ein wenig süß und ein wenig sauer. Vielleicht ist es der Schönste, der mir den Wunsch erfüllt, dachte Joopi. Oder der Größte? Oder der mit den kräftigsten Farben? Oder der Kleinste, oder? – Dann wehte der Schlaf alle Fragen davon.   

13:42

tröstliches
aus der zeitung von vorgestern
drei tage lang haben anhänger verschiedener mazedonischer fußballvereine darüber gesprochen, wie ausschreitungen rivalisierender fans verhindert werden können. beim abendessen zum abschluss der von der regierung organisierten tagung "stoppt gewalt" kam es zu einem streit darüber, welcher verein die besseren spieler hat, der in einer schlägerei endete. 30 personen wurden festgenommen. 


Fr 28.06.02    8:20  (28.02.1972 Boulder/Colorado)

satz-für-satz:
fr. 28.06.02
worüber ärgern sich lamas, wenn sie spucken? bob saß neben seinem rucksack. ich stand vor ihm. wir warteten auf einen bus. die passhöhe zwischen huyancayo und cusco lag vor uns. sie fürchten sich vor uns, sagte ich. weil wir so groß sind. weil wir nicht panflöte spielen. weil wir blond sind. deshalb.  das glaubst du doch selbst nicht, sagte bob. stimmt, antwortete ich.  da vorn standen drei lamas, knurrten wie kamele und alles schien darauf hinzudeuten, dass es gleich wieder losgehen würde. wir nahmen unsere rucksäcke und zogen uns zurück. ein paar indios lachten.  

12:47

Post vom Radio kündigt Eingang von Euro an. Sagt, wiederholen wir dann und dann dieses und jenes, Herr M., sogar zu 100 Prozent Honorar, ist das recht? M. nickt, als ginge ihm das am Arsch vorbei, bloß kein Interesse zeigen, damit sie nicht denken, man hätte das nötig. Bloß nicht. Und dann schaut er nach im Vertrag und reibt sich die Hände. Also ist doch noch Urlaub drin, dieses Jahr. Hach wie schön. Hach wie schön. 

Sa 29.06.02      13:00  (29.06.1972 Rocky Mountains National Park)

flashback: 
 world family gathering in colorado. rainbow people festival. m.ist da. m.ist mit dick unterwegs, der mit seinem vw-bulli auf dem weg nach san diego ist. m. denkt, dass er ein hippie ist. auf dem festivalgelände gibt es ein klohäuschen mit vier türen. m.wählt die zweite von links, öffnet, sieht, dass es eng wird, knöpft sich schon mal die hose los, lässt sie sacken, tritt rückwärts ein und setzt sich auf eine art donnerbalken. als er nach links und rechts schaut, sieht er junge frauen mit schulterlangem haar. "hi", sagen sie. m. erwidert "hi", aber sein geschäft kann in dieser gesellschaft nicht erledigen.  

13:01

Gibt es Grauenhafteres als Nationalhymnen? - Kaum.

21:52

So verbringt man seine knapp bemessene Lebenszeit  in äußerster Verwunderung über die Umstände. 

So 30.06.02   11:14 (30.06.1972 Rocky Mountains National Park)

Jedes Jahr  das gleiche Ritual. Mir ist es seit Kindesbeinen vertraut. Ich verdanke ihm, dass ich Schlagzeug spiele, denn Juppi der Feuerwehrmann ließ mich 1955 auf seine große Pauke hauen. Seitdem wollte ich Trommler werden. Das Ritual heißt: Schützenfest. Gestern Nachmittag versammelten sich die Schützen vorm Alten Gasthaus Hagedorn, um das Königspaar des vergangenen Jahres abzuholen und in einem Triumphzug in einer offenen zweispännigen Kutsche noch einmal durch den Ort zu fahren, eh heute das neue Paar gekrönt wird.  Zu seinen Ehren schlugen Männer auf ein militärisch gebrülltes "Stillgestanden" die Hacken zusammen, um gleich darauf einem "Rührt Euch" zu folgen. Männer in dunklen Jacken, weißen Hosen und grünen Hüten mit Federn daran. Aus gegebenem Anlass zudem noch mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen. Reiter auf nervösen Pferden vornweg.  Eine Feuerwehrkapelle und der Spielmannszug "Gut Schlag", die immer und immer wieder die gleichen Lieder spielen.  Und dann diese Gruppe von vier jungen Männern, die zur Musik des "Fahnenschlagwalzers" einen holpernde Fahnentanz aufführen. Wobei besonders einer der Männer auffällt,  dem die Fahne wegrutscht,  der eine Drehung nicht hinkriegt und der schließlich, als  alle auf einem Bein stehen und die Fahne knapp überm Boden ums Standbein kreisen lassen, vornüber fällt. Dann ist der Tanz vorüber und der Zug setzt sich in Bewegung. Als Kind marschierte ich hinterher.  

15:59

Glückwunsch Brasilien. Glückwunsch Deutschland. Gut gemacht. Danke. 

23:02

Augenblick. 

_______________________________________________________________________

1. Elvis Costello "The other side of summer" auf: Mighty like a rose WB. 1991 // 2. Jimi Hendrix "All along the watchtower" auf: Electric Ladyland 1968 // 3. Ferdinand Céline // 4. Soul Coughing "Circles" auf: El Oso 1998 // 5. Friedrich Christian Delius "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" Rowohlt 1992 // 

(aktuell) -  (download) - (galerie) - (hören) - (in arbeit) - (notizen) - (start)