Mai 2008                                        www.hermann-mensing.de      

mensing literatur
 

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Do 1.05.08   16:41

Döse so für mich hin, frickle hier und da und das ist dabei rausgekommen.

 

Fr 2.05.08   15:38

Nichts, eigentlich. Bis auf den Frühling.

 

Sa 3.05.08  10:30

Wer hat dies gesagt? Kursiv gesetztes aus Gründen der Verschleierung von mir:

Wir haben die Welt der großen Geschäftemacher und der großen Spekulanten erschreckt.
Wäre das gut gegangen, hätten wir
die Sozialisierung der Welt vorgeschlagen und das heißt: Grenzen in historischer Natur; Abschaffung aller Zollämter; freier Handel von Land zu Land, von einer Weltkonvention geregelt; Einheitswährung und konsequenterweise das Gold der ganzen Welt als Gemeinschaftseigentum, genauso die Rohstoffe, sie werden nach den Bedürfnissen der Länder aufgeteilt. Reale und radikale Vernichtung jeglicher Waffen.

 

So 4.05.08   12:21

Sonntagmittag, strahlender Frühling, Bienen versuchen sich in den Schraubenbohrungen unserer Balkonstühle einzunisten. Habe darauf die nicht mal cent-großen Löcher mit Gaffer-Tape verschlossen, jetzt fliegen sie in einiger Verwirrung immer wieder heran und ich frage mich, wie sie die neue Lage ihren Kollegen tänzerisch darstellen: Loch verschlossen. Woanders neues suchen.

Ansonsten: Lustlosigkeit. Keinerlei Idee für irgendetwas.

15:29

Eine Weile gingen die Anflüge noch weiter, jetzt scheinen die Bienen begriffen zu haben. Versuchte ihnen zwischenzeitlich zu erklären, dass es nur wenig über meinem Kopf Vierkantrohre (Befestigungen der Balkonbrüstung im ersten Stock) mit ähnlich großen Öffnungen gäbe, aber sie wollten nicht hören.

16:49

Tanzte meiner Frau gerade einen improvisierten Informationstanz der Bienen vor. Durchquerte dabei die Küche mit Flügelschlag und Sumsum, drehte mich hierhin und dorthin, aber sie verstand nicht, sie dachte, ich hätte Hunger. Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen nach 35jährigem Zusammensein?

 

Mo 5.05.08   9:22

Ich weiß es nicht.
Ich weiß überhaupt nichts.
Ich möchte ein Strauß sein.

11:26

TÜV einwandfrei.
Kein Wunder für das Auto eines 59jährigen im lässigen orangefarbenen Hemd.
Schließlich steht er in ständigem Dialog mit seinem Gefährt.
Doch jetzt heißt es wieder: Kopf in den Sand.
Soll die Welt an ihrer Scheiße ersticken. Ich will das nicht mehr sehen.

12:11

Guten Tag, sagte meine Lieblings-KFZ-Meisterin, wie geht es Ihnen?
Mai-Blues, antwortete ich. -
Wie? -
Kennen Sie keinen Blues? -
Doch. Aber im Mai? -
Gerade deshalb. -
Ach! -
Ja.

19:16

Wenn Chlorophyll die Welt in grüne Mäntel hüllt
wär ich am liebsten tot - und/oder abgefüllt

File under: Lebenslust

20:16

Hörte gerade den Muezzin in Iskenderun sein Abendgebet rufen und mit einem Mal war die Welt wieder schön. Die Menschen liebenswert. Die Welt groß und zu allem bereit, auch mit mir. Danke Jan.

 

Di 6.05.08   23:42

Aufregender Tag. Von früh bis spät einen Text redigiert und eingesprochen, den ich als Hörspiel für den Hörspielpreis der ARD einreichen will. Abends im Pumpenhaus: die vierte Folge der Soap. Sehr unterhaltsam.

Vor einer Stunde dann eine Mail von Bruno aus Carona. Jon kommt aus Afrika. Könnte ich auch kommen? Alle würden sich freuen. Bruno und Jon waren meine Reisegefährten in Südamerika. Damals, vom August 1972 bis kurz vor Weihnachten. Im März 1973 trafen wir uns noch einmal in Rio de Janeiro. Dann sahen wir uns erst 1994 in Carona wieder. Und jetzt dieses Treffen. Ein Abschiedstreffen? Ich glaube ja. Drei Männer. Drei Geschichten.

 

Mi 7.05.08   17:32

Der eine ist weit fort, dem anderen werden Fragen gestellt, mit denen er sich in der Praxis nie auseinandersetzen musste, ich stelle mir Fragen, die niemandem nützen, die Sonne scheint unverdrossen, in der Stadt wird hergezeigt, was man in vielen Fällen nicht sehen will, und wenn, eh nicht anfassen darf, mit einem Wort: die Aufheiterung durch den Muezzin, die Ablenkung durch die Arbeit, das alles war nur vorübergehend. Ich sagte doch: der Mai-Blues ist ungleich härter als der November-Blues oder sonst irgendein Blues. Und dann auch noch das Alter.

Telefonierte heute mit Bruno und habe Tickets gekauft. Von wegen für 59 Euro nach Friedrichshafen fliegen. Wenn man drei Jahre im voraus bucht vielleicht, aber so....??? Nie im Leben. Reise ich also mit der Eisenbahn. Darauf freue ich mich. Immerhin etwas.

 

Do 8.05 17:45

Habe begonnen, akustische Räumen auszustatten, und dem Text auf voller Länge sporadisch tropfendes Wasser unterlegt. Das klingt gut und fügt ihm eine Ebene zu, die ihn hebt. Dazu eine Eingangsmusik, die auch Ausgangsmusik ist, ein dumpfes Grollen hier und ein hallendes Klopfen dort. Mehr nicht. Jetzt steht noch ein wenig Textarbeit an. Ausbessern, umformulieren, etwas in der Art. Mit dem Multibandcompressor klingt die Stimme jetzt so, wie ich mich hören mag. Tja, das Hörspiel nach meinem Gusto ist schon fertig. Ob es dafür einen Preis gibt, ist wieder etwas ganz anderes.

 

Fr 9.05.08   8:50

Ich muss mich gehörig stemmen, um nicht in diesen düsteren Strudel zu fallen, der mich manchmal umbraust. Dabei ist es nicht so, dass es nicht überall Rettung gäbe, nein, aber oft ist mir selbst die Rettung zuwider, und ich begreife jeden Versuch der Aufheiterung als dumme Ablenkung, um mich mit dem Irrsinn, den ich überall sehe, wieder zu versöhnen, damit die Welt weitertickt und ich auch.

Wieso sollte ich das wollen, frage ich mich, und dann hat er mich.

Aber gerade auf dem Balkon durfte ich Badewannenjupp beim Flämmen zärtestens Unkrauts beobachten, und da liebte ich die Welt doch. Da hatte ihr Irrsinn plötzlich wieder Methode und ich wusste, dass meine Aufgabe darin besteht, hin und wieder darüber zu berichten.

Das ist zwar nicht lukrativ, es ist im Kanon der Möglichkeiten, seinen Kopf aus der finanziellen Schlinge zu ziehen, mit Abstand das Dümmste, was man machen kann, aber es macht Spaß. Es macht einen Heidenspaß, und weil das so ist, könnte ich jetzt über die verwickelten Verwicklungen berichten, die entstehen, wenn man nichts weiter will, als die Totgeburt DVBT (also dieses digitale, terrestrische Fernsehen, das uns vor zwei Jahren aufgezwungen wurde und seither mit seinen verbritzelten Bildern und Totalausfällen bei auch nur andeutungsweise schlechtem Wetter zur Weißglut bringt) endlich abzustoßen und die Segnungen des über Kabel sicher ins Haus transportierten digitalen Fernsehens zu genießen.

Jedenfalls will das die Familie.

Mir ist es egal, ich hätte nichts gegen eine Wohnung, in der kein Fernseher steht, um zur Besinnung zu kommen, aber wie die Dinge stehen, werde ich damit wohl warten müssen, bis ich den Arsch zusammengekniffen habe. Da es sich so eingebürgert hat, dass ich solche Dinge in die Hand nehme, scrolle ich mich durch die Webseite des für uns zuständigen Anbieters, der vor zwei Jahren noch Ish hieß (???) und jetzt Unity Media (???), und wer kann schon sagen, wie er nächstes Jahr heißt.

Ich buchte das Basisangebot.

Als Beigabe versprach man mir das Digital Plus TV für drei Monate. Kleingedruckt natürlich, dass man innerhalb von 60 Tagen kündigen müsse, andernfalls - Sie wissen schon. Zwei Klicks weiter war alles in die Wege geleitet, gestern kam ein Karton mit dem Receiver und der Smart-Card.

Damals, als es galt, den DVBT Receiver ins bestehende System von Videorecorder und DVD in Bezug zum Fernsehgerät einzuschleifen, war ich der einzige der Nachbarschaft, dem das (wenn auch nach mehrstündigem Try- and Error) gelang. Ich untersuchte den neuen Receiver und stellte fest, dass er dem alten aufs Haar glich, kabelte also entsprechend und siehe: das neue Menü erschien auf dem Bildschirm.

Leider waren keine Programme zu finden, sodass eine Hotline angerufen werden musste, die wiederum weiter verband mit dem technischen Dienst, wo ich mit einem freundlichen jungen Mann lange darüber diskutierte, ob in unserem Haus die Hausinnenverkabelung vorhanden sei.

Ja, meinte er, nach allem was ich ihm schilderte. Daher müsse im Prinzip nur noch eine Verbindung von der im Keller des Hauses sich befindenden Box zu uns gelegt werden, das könne ich unter Umständen selbst tun, da müsse nur ein Stecker gesteckt werden. Er wolle sich das notieren, sodass später niemand sagen könne, ich hätte da widerrechtlich reingepfuscht.

Gut, dachte ich, gehe ich den Keller, pfusche da rum, aber es war nichts zu pfuschen.
Ich fand zwar die in groben Zügen beschriebe Box (Telecom, mit dem Hinweis, dass es strafbar sei etc. pp.), aber ich fand nichts, was ich hätte um- oder einstecken können.

Kommando also zurück, jetzt heißt es, noch bis Dienstag DVBT kucken, dann kommt mein Heimfernsehmechaniker, der Mann meines Vertrauens, und macht es hoffentlich nicht zu teuer.

Service, meine Damen und Herren.

Wer (wie ich) noch in der Düsternis der 60er, 70er und 80er Jahre gelebt hat, wird wissen, welche Blicke einem zugeworfen wurden, wenn man mit einem soeben erstandenen Produkt nicht einverstanden war. Die Hürden, die es zu überwinden galt, waren hoch, so hoch, dass man oft lieber gar keinen Umtausch versuchte.

Das hat sich in Zeiten der Globalisierung (ja, die muss ja auch was Gutes haben) geändert, sodass ich, als sich vor vierzehn Tagen das Digitaldisplay meines vor etwa zweieinhalb Monaten erworbenen kleinen Fotoapparates plötzlich abmeldete, kaum Überzeugungsarbeit leisten musste, Ersatz zu bekommen.

Und wie kam ich auf diesen ganzen Schmonzes?

Richtig, Badewannenjupp faucht mit einem Flammenwerfer über sein Grundstück und die freundliche Dame der Hausverwaltung, mit der ich vor einer Weile wegen der oben geschilderten komplizierten Verhältnisse telefonierte, wollte nicht glauben, dass die Wohnung der Familie W., Erdgeschoss links, nun seit mindestens zwei Jahren nicht mehr bewohnt, wenngleich voll eingerichtet ist.

Ich hätte ihr die dahinter stehende Geschichte erzählt, aber sie wollte sie nicht hören.

Es ist eine Geschichte von so großer Tragik und gleichzeitig unglaublicher Idiotie, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll und wem als erstem die Leviten gelesen werden müssten, dieser neurotischen Frau oder diesem Hänfling von Mann, der das mit sich machen lässt.

Also gut, kurz: der Mann und die Frau kauften diese Wohnung vor, sagen wir 8 Jahren.
Sie waren da knapp über zwanzig. Als sie einzogen, war die Wohnung Tiptop eingerichtet. Alles, was z.B. wir über Jahre und Jahrzehnte erstanden, wieder weggeworfen und neu erstanden, verändert und wieder verändert hatten, war hier wie aus dem Katalog.

Hier würde man einziehen und darauf warten, bis alles vorbei wäre. Das schien uns gleich verdächtig. Vor allem, weil die beiden noch so jung waren.

Es dauerte dann auch nicht lange, dass die Frau begann, neurotisch zu werden.
Nachts schrie und weinte sie gern, tags und abends verbot sie ihrem Mann, seine Freunde zu empfangen. Auch Fremde durften die Wohnung nicht betreten.

Dann wurde das erste Kind geboren und von da an wurde es von Tag zu Tag schlimmer.
Es gab dann noch ein zweites Kind, aber da war der Mann schon ausgezogen, hatte sich eine kleine Wohnung um die Ecke genommen, weil er, wie er sagte, die Beziehung weiterführen wolle.

Die Frau verschwand für eine Weile in einer Klinik, und als sie wiederkehrte, beschloss sie, samt Kindern in die neue Wohnung ihres Mannes zu ziehen. Und da wohnen sie jetzt. Die Eigentumswohnung wartet darauf, wieder belebt zu werden, aber ich bezweifle, dass da je geschehen könnte.

Okay. Soviel für heute. Auf Wiedersehen.

PS.

Zögern Sie nicht, wenn Sie sich immer schon Aufhängen oder auf eine andere Art entleiben wollten.
Ich werde das nie tun, weil ich nach wie vor versuche, das Leben zu lieben, aber falls Sie es je in Betracht gezogen haben oder noch in Betracht ziehen, vorwärts, worauf warten Sie, wollen Sie den Zusammenbruch des Kapitalismus wirklich erleben. Wollen Sie erleben, wie der erbitterte Kampf Mann gegen Mann beginnt? Denken Sie drüber nach.....

11:50

Möglich, dass er gerade begonnen hat, denn wir sind ohne Strom und Telefon. Nicht einmal das Handy funktioniert, ich nehme an, weil auch die Transmitter, die überall auf den Dächern stehen, vom Netz gefallen sind. So könnte das losgehen. Aber natürlich ist es nur ein Defekt. Wahrscheinlich haben die Bauarbeiter, die sich seit August letzten Jahres durch unsere Straße baggern, ein Kabel zerrissen.

12:46

Erstes Ergebnis meiner Hörspielarbeit. Hier....

 

Sa. 10.05.08   12:18

Heimfahrt mit dem Rad über die Sentruper Straße, gestern, gegen eins...

16:08

Wenig später im Aa-Tal dann der Ruf eines Kuckucks, heisere Schreie eines Rehbocks und Froschgesang. Dazu ein Sichelmond und das Gefühl langsamer Besserung.

Und dann die Entdeckung des verwischten Nachtfotos. Was glauben Sie, sehen Sie hier?

 

So 11.05.08   18:31

Der Mensch freut sich, natürlich, die Sonne scheint, und da setzen er und sie sich ins Auto und fahren in ihr Lieblingsfreibad. Dort suchen sie Schatten, natürlich, aber die Erde ist ja auf Achse, und so wird aus dem Schatten schon bald ein Sonnenplatz, so dass sie weiterrücken, immer näher an den trägen Fluss hinter ihnen, sie stehen dann und wann auf, schlurfen zum Schwimmbecken, lassen sich vorsichtig ins Wasser gleiten, fragen sich, ob dieser kleine schwarze Mann auf dem Mäuerchen tatsächlich der Mann dieser massiven dicken weißen Frau ist, ja, er ist es, und sie spekulieren darüber, ob dieser kleine schwarze Mann ins heimische Afrika schreibt, dass er eine Frau habe, die drei Zentner wiege, und ob seine fernen Verwandten wohl staunen darüber, dass er, dieser kleine schwarze Mann, der mit nichts loszog und all die Gefahren auf sich nahm, mit dieser riesigen weißen Frau sein Glück gemacht hat, ja, sie staunen und bewundern ihn, dass er sich so eine fette Frau leisten kann, ja, und sogar einen Sohn haben sie, Jesajah.

So früh im Jahr geht man selten Schwimmen, und die Haut weiß auch noch nicht recht, was sie mit all der Sonne anfangen soll. Und wie müde so ein Tag macht! Obwohl sie doch alles dabei hatten, was man braucht, wenn man sich unter Halbnackte und Schamlose begibt, unter Fette und Spindeldürre, unter Protzer und Schüchterne: Wasser, leckerste Sandwiches, Sonnencreme, obwohl alles so ist, wie man sich einen Pfingstsonntag nur wünschen könnte, sind sie nach drei, vier Stunden dort fix und fertig, möchten am liebsten nur noch auf einem Sofa liegen und kühle Getränke serviert bekommen und hoffen, dass das Geschrei der Kinder im Garten endlich nachlässt, denn sie lieben zwar Kinder, aber diese Kinder lieben sie nicht, weil sie deren Eltern nicht lieben und wenn man die Eltern nicht liebt, wie soll man dann deren Kinder lieben, sie meiden sogar den Garten, wenn dieser Ossi-Maik und seine Peggy in der Nähe sind, es reicht, denken sie, warum darf man sich seine Nachbarn nicht aussuchen.

Der Mann hat Pizza-Teig angesetzt und jetzt rollt er ihn aus, seine Frau belegt ihn und dann wird das Blech in den Ofen geschoben, und dann werden sie essen und auf dem Balkon diesem Sonnentag nachtrödeln, wie sie das gern tun, doch der Mann, noch immer nicht wieder Herr seiner selbst, oder vielleicht nie Herr gewesen, wird an die Romane denken, die er noch schreiben will, an die Pläne, die er hat, sein Kopf brummt noch, hat schon am Morgen gebrummt, weil er beim Grillen gestern ein wenig zuviel Weißwein getrunken hatte und dann auch noch einen Maltwhisky, und dann auch noch die Sonne, das war wohl zuviel.

Aber immerhin, er hat sich gefreut heute, ein wenig gefreut, er hat ein paar Bahnen in kühlem Wasser geschwommen, immer darauf bedacht, Abstand zu den übrigen Schwimmern zu halten, er hat sich umgeschaut und was will er denn mehr, was eigentlich?

 

Mo 12.05.08   10:43

Erst kamen Italiener, dann Griechen, Spanier, Jugoslawen und Türken, Afrikaner, Asiaten, Ossis, Russen, Polen, all die Mühseligen und Beladenen, jetzt auch noch Gekkos,
über unserer Balkontür.


Doch damit nicht genug. Am Nachmittag tauchte ein Alien auf.
Er sah fast so aus wie wir, leider fehlten ihm uns lieb gewordene Erkennungsmerkmale.
Und natürlich sprach auch er nur gebrochen Deutsch.  

Wo soll das hinführen???

 

Di 13.05.08   14:45

Wie kann einer in Ruhe fernsehen, ohne befürchten zu müssen, dass der Spielfilm mittendrin wegklickt und stattdessen die zeitlose Sendung: Kein Signal wiederholt wird? (2. Teil)

Nun - heute früh kam der Techniker meiner Wahl, durchschritt die Wohnung, überprüfte, maß, ging in den Keller, schaute hierhin und dorthin, schüttelte den Kopf und sagte, dass der Verstärker im Keller überhaupt nicht für digitales Fernsehen ausgelegt sei, machte sich Notizen und kam nach vorsichtiger Schätzung auf einen Preis von plus/minus 400 Euro, die es kosten würde, unsere Wohnung mit einem Kabelanschluss zu versehen.

Da dankt man freundlich, ruft den Provider an, storniert, schickt das ganze Gedöns zurück ins Logistikzentrum irgendwo tief in Ossiland, spricht gleich darauf mit der Hausverwaltung, erklärt, was einem gerade vom Techniker erklärt worden war, worauf die Hausverwaltung auf den langwierigen Entscheidungsprozess der Eigentümerversammlung verweist, die wahrscheinlich im Juni stattfinden wird.

Eigentümerversammlungen sind in ihrer geradezu berauschenden Dynamik noch fortschrittlicher als demokratische Regierungen, haben aber die Eigenschaft, dass sie sich und ihr Eigentum geradezu kaputtsparen, indem sie durchweg die billigsten Problemlösungen favorisieren, was natürlich dazu führt, dass in der nächsten Versammlung dasselbe Problem erneut gelöst werden muss.

Aber soviel Weitblick hat man dort nicht.

Wir werden also bis dahin weiter DVBT mit einer zu niedrig getakteten (400 Hz statt 800 Hz) Verstärkeranlage und einer Antenne, die horizontal - statt in korrekter Ausrichtung - vertikal stehen müsste, einen Programm-Mix emfpangen, der (wie oben schon erwähnt) gern an den spannendsten Stellen: Kein Signal heißt.

Das führt immer wieder zu familiären Spannungen, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass hier demnächst Fetzen fliegen und Leichen überm Zaun hängen.

Aber ich kann es nicht ändern.
Ich habe telefoniert, ich habe getan, was ich tun konnte, seitdem sitze ich an einem Exposé für eine Geistergeschichte. Witzig wäre natürlich, sie hieße Kein Signal, aber keine Angst, ich schreibe keine autobiographischen Geschichten. Bei mir ist alles erstunken und erlogen. Sogar das Netztagebuch.

17:39

Traf gerade den leitenden Oberstaatsanwalt (Losta) und erzählte ihm von den 1500 Euro, die ich laut Mitteilung eines in den Niederlanden stationierten Unternehmens gewonnen hätte. Ich müsse nur an einer fröhlichen Überlandfahrt mit Frühstück (kostenlos) und Mittagessen (kostenlos) teilnehmen, damit man mir diesen Preis persönlich überreichen könne.

Normalerweise werfe ich derartige Schreiben sofort in den Papierkorb, die 1500 Euro aber, die ich auch nach mehrmaligem, sorgfältigen Studium des Schreibens mit keinem Fallstrick versehen fand, reizten mich dennoch, sodass ich mich schon entschlossen hatte, morgen die Verbraucherzentrale zu konsultieren.

Der Losta kam mir also gerade recht. Ich erklärte ihm die Einzelheiten, und er sagte: aller Wahrscheinlichkeit nach werde man mir den Preis nicht auszahlen, denn aus den Niederlanden operierende Firmen kriegte man auch juristisch nur schwer an den Haken. Das hatte ich mir schon gedacht, sagte ich, und nun trauere ich um 1500 Euro.

Man kann eben nicht alles haben.

 

Mi 14.05.08   8:26

Auffällig häufig stellen gerade diejenigen inquisitorische Fragen nach den Kindern, die sich in ihrer Jugend alle Freiheiten nahmen. Auffällig auch, dass sie gern fordern, das Kind müsse doch nun bald auf eigenen Beinen stehen. Auf den Einwurf, dass die Zeiten sich dramatisch verändert hätten und man heutzutage mit einem Einkommen von 500 Euro kaum irgendwo überleben könne, sagen sie "ja, ja" und "hm hm" und verschweigen, dass sie still und heimlich ein Erbe verzehren, das ihnen (und ihrem nicht mehr zu Hause lebenden Sohn) erlaubt, ohne Lohnarbeit bis ans Ende ihrer Tage ein bequemes Leben zu führen. Dann fahren sie in den privaten Club und schwimmen hoch über den Dächern der Stadt ihre Bahnen.

Unsereins träumt nicht von so einer Existenz.
Unsereins freut sich, wenn er wieder was geschrieben hat.
Soll unsereins stolz sein, ja oder nein?

12:45

Wie es der Zufall will (as it was supposed to happen ((quoth Kurt Vonnegut Jr.))), kommt heute das Fernsehen zu mir. Keine große Sache, es ist nur die Lokalzeit und die haben Roxel ausgegoogelt und festgestellt, dass in Roxel der Schriftsteller Mensing wohnt.

Also ich.

Das Team kommt um 17:00 Uhr, und dann habe ich 1:30, wenn's hoch kommt, um alles zu sagen, was ein Schriftsteller sagen könnte, um auf seine Arbeit aufmerksam zu machen. Ich werde über meine Lesungen sprechen, ich spreche über den Mohr, ich werde auch über die Soap sprechen, über meinen Job als Autor der ersten Staffel und darüber, was dieses Projekt leistet, nämlich junge Menschen ins Theater zu bringen, freiwillig, ohne pädagogischen Zwang, und wie unverständlich es mir ist, dass so ein Projekt (cactus-theater), das beste Kritiken erhält, im nächsten Jahr nicht fortgeführt werden kann, weil es die dafür notwendigen 50.000 Euro Subventionen nicht bekommt.

Und mal sehen, worüber ich noch sprechen kann, und was ich gefragt werde.

15:29

File under: Der Musikerwitz (eher bitter)

Worin unterscheidet sich der Rockgitarrist vom Jazzgitarrist?
Der Rockgitarrist spielt 3 Akkorde vor 500 Zuschauern, der Jazzgitarrist 500 Akkorde vor drei Zuschauern.

19:30

Sie kamen zu dritt. Kamera, Ton, Interviewerin. Ich habe ihnen Kaffee gekocht, und dann habe ich erzählt. Hin und wieder hat sie eine Frage gestellt und ich habe geantwortet. Daraus schneiden sie morgen ihren Beitrag. Sie haben wahrscheinlich 2:30, das ist viel, sagen sie. Ich bin gespannt. Also, für die Westfalen unter Ihnen: morgen 19:30 Lokalzeit Münsterland. Der Schriftsteller Hermann Mensing sitzt auf dem Sofa und redet sich um Kopf und Kragen.

 

Do 15.05.08 00:08

Der eine bricht sich den Arm, dabei hätte es schlimmer kommen können. Beim andern wird ein Tumor an der Niere festgestellt, die Niere wird entfernt, alle Befunde sind gut, und auch da hätte es schlimmer kommen können. Immer und jederzeit kann alles schlimmer kommen, und was tut man dann, worauf kann man hoffen?

Ich hoffe auf Gott. Ich vertraue auf Gott.

Nicht, weil ich glaube, dass Gott existiert, nein, das glaube ich nicht, ich glaube aber zu wissen, dass es ihn nicht geben kann. Es gibt ihn nur, weil wir an ihn glauben. Es gibt ihn, weil uns, als die Welt noch jung war und wir gar nichts wussten, kein anderes Erklärungsmodell das Überleben in einer unverständlichen Welt hätte sichern können.

Also haben wir Gott erfunden und den Rest gleich dazu. Männer in brokatenen Ornaten, hohen, geckenhaften Hüten, Kopftüchern, Mützen, blutroten Schuhen aus feinstem Leder, alle nur dazu da, den einen, nicht existenten Gott zu verwalten.

Seit aber die Säkularisation in unseren Breiten mit der französischen Revolution begann, seitdem steht es schlecht mit ihm. Seitdem findet sich unsere Welt plötzlich leer und gottlos und verliert ihren Überblick angesichts all der Fakten, die täglich neu hinausposaunt werden, Fakten, die so unglaublich wahr sind, dass man sie kaum glauben mag, während zur gleichen Zeit die andern, die, die wir immer für gottlos gehalten haben, täglich lauter werden, und, in unseren Gesellschaften lebend, uns vorwerfen, gottlos zu sein.

Es kann alles jederzeit schlimmer kommen.

Als ich gestern abend im Bett wach lag, blieb mir nichts, als mit Gott zu sprechen.
Ihn zu bitten, es möge nicht schlimmer kommen. Ihn zu bitten, uns davonkommen zu lassen. Uns mit kleinen Unglücken zu immunisieren für größere.

Ob das gelingt, weiß ich nicht.
Aber ich schreibe ja, also bin ich. Ich schreibe, also kann es gelingen.

18:10

Er ist zu Fuß und kommt mir auf der falschen Wegseite entgegen. Ich sehe ihn früh genug und umkurve ihn. Er biegt in die Himmelreichallee. Er ist Mitte 30, mittelgroß, hat kleine, sich unter seinem schwarzen Polohemd abzeichnende Brüste und Fett um die Hüften. Sein Mund ist halb geöffnet, die Zunge ein wenig vorgestreckt und beide Zungenränder sind hochgestülpt. Man schaut in eine kleine Schlucht. Eine Zungenschlucht. Plötzlich zieht er die Zunge zurück und stößt ihre Spitze in die linke Backentasche, so dass die Backe sich vorstülpt.

Dann bin ich längst weiter, doch während ich auf die nächste Ampel zufahre, frage ich mich, worüber er gerade wohl nachgedacht haben mag? Ist das Zungenstülpen eine Erinnerung an kulinarische Genüsse? Fördert es seine Konzentration, ist also letztlich eine Übersprungshandlung, die sich über die Jahre entwickelt hat, eine dumme Angewohnheit, wie etwa bei dem Trommler am Mittwoch, dessen Zungenspitze beim Spielen immer aus dem Mund vorstößt und sich über die Oberlippe wölbt? Bereitet er sich auf etwas vor, und arbeitet er etwas ab, das gerade vorüber ist?

 

Fr 16.05.08   9:11

Saß gestern und vorgestern eine Weile in der Eisdiele San Remo. Schräg gegenüber ist die Anfahrt zur Unfallchirurgie. Bedrückend, wie da in dichter Folge die Rettungswagen mit den Opfern des Alltags vorfahren. Kaum vorstellbar, unter welchem Stress die Unfallchirurgen stehen, die ad hoc entscheiden müssen, was als nächstes zu tun ist.

Wenn man dann nach einer Weile die Station betritt, sieht man die, die vor Tagen oder Wochen eingeliefert wurden, herumgehen. Manche in Fixiergestellen, die Oberkörper und Kopf in Position halten, andere mit Mundschutz, die an Rollgestellen hängende Flaschen mit Nährlösungen mit sich führen, wieder andere mit mehrfach gebrochen Gliedmaßen in Rollstühlen, alle haben überlebt, für alle hätte es schlimmer werden können.

Mir hat das Erinnerungen an meine Zeit als Zivildienstleistender zurückgebracht. Wie schnell ich mich damals an im Grunde nur schwer verdaubare Bilder gewöhnt habe, mit welcher Alltäglichkeit ich den Opfern gegenüber treten konnte, bei manchen mit dem sicheren Wissen, dass sie nicht überleben würden, bei anderen, dass sie zwar überleben, aber für den Rest ihrer Zeit mit schweren Beeinträchtigungen kämpfen müssten. Das alles war Alltag und hat mich nicht weiter belastet. Der Mensch ist ein Wunder der Verdrängung. Das Verdrängen ist ein Segen, denn ohne diese Fähigkeit wäre ein Weiterleben oft nur schwer zu bewerkstelligen.

Ich dachte an den Mann, den ich jeden Morgen reinigte, bettete, ein Mann meines jetzigen Alters, vom Krebs zerfressen, mit künstlichem Ausgang, der aber nicht funktionierte, denn überall trat das aus, was beim Gesunden nur dort austritt, wo es austreten soll.

Sogar Witze waren möglich, was beweist, dass der Witz unter keinen Umständen irgendeiner moralischen Kontrolle unterworfen sein darf, die politische Korrektheit der Gegenwart ist kontraproduktiv für die Gesundheit des Geistes, der Seele, und da schließt sich der Kreis. Eh ich sie aber mit einem Link zurück zu einem Zitat des Kabarettisten Matthias Beltz in den April des Jahres 2002 schicke, zitiere ich ihn hier erneut:

"Erst wenn alle gemein und niederträchtig über die Schwächen aller anderen herziehen, wenn alle wegen ihres Geschlechts, ihrer Abstammung, ihrer Rasse, ihrer Sprache, Heimat und Herkunft, ihres Glaubens, der religiösen und politischen Anschauungen und natürlich auch der körperlichen Gebrechen ausgelacht werden und keiner und keine ausgespart bleibt und wenn alle mitmachen - dann ist endlich Ruhe und Frieden. Und dann geht die Party erst los, dann wird nicht mehr gejammert und gejault, sondern gelebt und gestorben und gefeiert - da ist der Teufel los, und selbst die Götter schauen noch mal vorbei bei dieser Revolution, die keine revolutionären Beamten und Henker mehr braucht."

12:53

Der Roxelaner Kinderbuchautor Hermann Mensing über Mein Prinz. Auf den Link klicken, ab 3: 53...

13:52

Morgen 9:04 Abfahrt Münster. 17:00 Ankunft Zürich. 17:09 ab Zürich. 20:03 Ankunft Lugano.

 

Mi 21.05.08   12:57

Ja, verehrte Damen und Herren, so sah das aus, vorgestern, auf knapp 2000 Metern, frisch aus dem Tessiner Frühling, nach einem etwa eineinhalbstündigen Marsch entlang eines zugefrorenen Stausees in den ausklingenden Winter am Lago Ritom. Bruno, Nikki, Jon, Rita und ich waren für einen Tag aus Lugano gekommen, um dort zu wandern.

 
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Gestern fuhr ich zurück.

Ich hatte mich entschlossen, statt des gebuchten Zuges um 8:09 einen der nächsten zu nehmen. Ich war davon ausgegangen, sie führen jede Stunde. 10:09 war also abgemacht. Bruno und ich brachen früh genug auf, aber in Lugano verzögerte die Durchfahrt der Fußballnationalmannschaft der Schweiz unsere Fahrt zum Bahnhof: Polizei, Absperrungen, Motorräder mit Blaulicht.

Die Fußballer waren auf dem Weg vom 5 Sterne Hotel zum Training.

So kam es, dass wir den Bahnhof zwei Minuten vor der von mir imaginierten Abfahrt erreichten, ich verabschiedete mich, rannte auf den Bahnsteig und stellte fest, dass der von mir favorisierte Zug nach Zürich bereits um 9:55 abgefahren war. Ich ging zur Information und erhielt einen alternativen Reiseplan. 10:55 ab Lugono, 14:51 an Basel, 15:12 ab Basel, 19:51 an Duisburg, 20:01 ab Duisburg, 21:21 an Münster.

Gut, dachte ich.

Im Zug stellte ich fest, dass mein Europa-Spezial Ticket nur für gebuchte Züge gilt.
Leichtes Unwohlsein beschlich mich, aber da die Schweizer Schaffner kein Aufhebens machten, hoffte ich, die deutschen würden ähnlich reagieren.

Als ich in den Intercity Express Basel-Amsterdam einstieg, kroch ein seltsames Unbehagen in mir auf. Ich mochte all die Leute nicht, die ich sah. Sie telefonierten, sie hackten auf ihre Laptops ein, und ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte, alles schien mir deutscher als deutsch.

Nach all den Jahren bereitet mir dieses Land noch immer Probleme.
Nach all den Jahren weiß ich zwar, dass wir genauso so gut, genauso schlecht, genauso klug und dumm sind wie alle anderen, aber noch immer neige ich dazu, allen anderen zu verzeihen, uns nicht.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

Drei oder vier BGS Beamte liefen Fahrgäste musternd durch den Gang, wenig später hörte ich einen lauthals eine Personenüberprüfung eines gewissen Gröber erbitten. Dann kam der Schaffner. Blickte auf mein Ticket, krauste die Stirn und sagte, dass ich damit nicht mit diesem Zug fahren könne, genaugenommen könne ich damit in keinem andern als dem gebuchten Zug fahren.

Hmmm, sagte ich und erzählte von meiner Verspätung am Morgen, erzählte von der Verspätung auf der Hinfahrt, die mich mehr als 90 Minuten gekostet hatte, warf ein, ich nähme doch niemandes Platz ein. Das sei schon richtig, erwiderte der Schaffner, aber "tut mir leid, der Herr", so wäre es nun mal.

Er könne mir folgenden Vorschlag machen: entweder, ich stiege in Mannheim aus, dann könne er ein Auge zudrücken und ich müsse nicht nachzahlen. Nein, sagte ich, ich muss doch nach Hause. Darauf begann er nachzurechnen und forderte 120 Euro von mir.

Ob ich mit meiner EC Karte zahlen könne, fragte ich.
Er verneinte. Ich hatte noch fünfzig Euro im Portemonnaie.
Sein Vorschlag: in Mannheim halte der Zug für 12 Minuten. Ich solle Geld aus dem Automaten ziehen, er wolle der Zugleitung Bescheid sagen für den Fall, dass ich mich ein wenig verspäte.

Sowieso schon am Limit meiner finanziellen Möglichkeiten, dachte ich, nun sei eh alles egal, und stimmte zu. In Mannheim verließ ich den Zug, rannte durch die Halle, fand nach mehrmaligem Fragen einen Geldautomaten, zog Geld und erreichte den Zug vier Minuten vor Weiterfahrt. Ich war ein wenig außer Atem.

Als der Zug wieder anfuhr, hatte das Personal gewechselt.

Ein neuer Schaffner verlangte meine Fahrkarte. Ich zeigte sie ihm und sagte gleich, was mit dem vorherigen Schaffner vereinbart gewesen wäre. Der neue Schaffner war informiert, nickte, nahm das Ticket, zog einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Jacke, schrieb etwas darauf, ich dachte, jetzt muss er noch all die Formulare ausfüllen, stattdessen gab er mir das Ticket zurück, wünschte mir eine gute Weiterfahrt und verschwand grußlos.

Zugbindung aufgehoben wg. Verspätung, hatte er drauf geschrieben.

Wann immer ich Menschen treffe, die sich wie Menschen benehmen, steigen mir Tränen auf.
Tränen vor Freude in all dem Wahnsinn, der überall ist. Hier hatte jemand mitgedacht. Solche Menschen trifft man selten, aber diese kleine Begebenheit beweist, dass es sie gibt. Immer und überall.

Ich, deutscher als deutsch, hatte einen getroffen und war dankbar.
Vielleicht, dachte ich, sind wir tatsächlich wie alle.

 

Do 22.05.08   12:04

Wenn man, wie ich mit der Bahn reisend, den Gotthard Tunnel verlässt, gelangt man nach Göschenen. Ein Tal öffnet sich, man schaut hinunter auf das Dorf, in dessen Mitte sich ein kleiner, pyramidenähnlicher Berg erhebt, auf dessen Gipfel eine Kirche steht.

Um diese Kirche geht es.

Wer schon in der Schweiz unterwegs war, ist vielleicht auch ins Staunen darüber geraten, mit welch atemberaubender Konsequenz die schweizer Ingenieure Straßen und Bahntrassen angelegt haben. Wohin man auch schaut, sie sind in steilen Fels gehauen, sie verschwinden in Tunneln, sie überwinden Täler auf hochbeinigen, kühnen Brückenkonstruktionen, kein Meter des Fortkommens wäre ohne die Igenieurs-Kunst möglich.

In Göschenen steigert sie sich in für den Reisenden nicht leicht nachzuvollziehender Dramatik, denn die Bahntrasse zirkelt, kaum hat sie den Gotthard Tunnel verlassen, in Kreisen um und durch diesen kleinen Berg, so dass man die Kirche aus vier verschiedenen Blickwinkel immer wieder sieht, eh man sich schließlich in nordwestlicher Richtung entfernt.

Wie das genau vonstatten geht, wo ein Berg einfach durchfahren wird, wie es kommt, das die Kirche mal rechts hinter einem, dann links vor einem, dann wieder rechts hinten erscheint, entzieht sich dem Laien.

14:04

Glücklich über den Ausgang meines kleinen Abenteuers mit meinem Ticket torkelte ich durch die Abteile in das Restaurant des ICE Basel-Amsterdam, um eine Kleinigkeit zu essen. An einem Zweiertisch war ein Platz frei. Ich setzte mich. Mir gegenüber saß ein Dreißigjähriger, dessen aufeinangerpresste Lippen mir auffielen. Es sah aus, als müsse er sich etwas verkneifen.

Ich hatte mich kaum gesetzt, als er begann, auf mich einzureden. Ihm war das Gegenteil von dem widerfahren, was für mich einen so glücklichen Ausgang gehabt hatte. Er war im Besitz einer schweizer Spezialbahnkarte, die er vor Abfahrt in Basel hätte abstempeln oder auf irgendeine Art verifizieren lassen müssen. Da er aber erst in letzter Minute den Bahnhof erreicht hatte, hätte das bedeutet, einen Schalter aufzusuchen, der sich jenseits der Überführung zu den Gleisen befand, und dafür war keine Zeit mehr. Der Schaffner hatte das nicht gelten lassen und ihm 100 Euro abverlangt.

Gleich darauf waren BSG Beamte gekommen und hatten ihn einer Personenüberprüfung unterzogen. Wegen all der Stempel in seinem Reisepass habe das lange gedauert, man habe ihm viele dumme Fragen gestellt, und er habe ausufernd geantwortet.

Heißen Sie Gröber? fragte ich. Er nickte. Und redete sich in Rage.

Er habe die Beamten gefragt, ob ihnen eigentlich nicht klar wäre, dass man sie als Knechte des Kapitals missbrauche, ob sie tatsächlich glaubten, die täglich propagierte Terrorgefahr sei wirklich und ihnen erklärt, sie sei nichts weiter als ein Instrument der Disziplinierung der Massen.
Ich nehme an, die Beamten hatten das nicht gern gehört, aber da nichts gegen ihn vorlag, hatten sie ihn schließlich gehen lassen.

Plötzlich dachte ich, dass er Recht hat.

Wofür all die Kontrollen an Flughäfen? Wenn ich Terrorist wäre, gäbe es einfachere Methoden, Aufsehen zu erregen. Jede Massenveranstaltung wäre mein Ziel. Jeder Zug. Jedes Kino. Niemand würde mich daran hindern, mich dort in die Luft zu sprengen.

Nicht, dass ich nicht glaubte, dass es Terroristen gäbe, aber ich bin mir sicher, dass übertrieben wird. All die angezettelten Kriege der letzten Jahre, dieses blödsinnige Verteidigen der BRD am Hindukush, wer soll so etwas glauben? Ich jedenfalls nicht. Ich glaube auch nicht an Verschwörungstheorien, aber wenn es Großmächten um geostragische Interessen geht, schrecken sie vor nichts zurück.

Vor gar nichts.

Dann kam mein Essen und ich bat ihn, nicht mehr zu reden. Er akzeptierte das. Danach machte ich mich aus dem Staub, denn ungefragte Redner nerven.

 

Fr 23.05.08   7:30

Ob man sich groß oder klein fühlt, akzeptiert oder nicht, wenn man nach so langer Zeit Menschen trifft, mit denen man eine Weile gereist ist, und die es im Leben danach zu einigem Wohlstand gebracht haben?

Ich traf Bruno im August 1972 am Strand von Waikiki. Ich kam aus Japan und trug einen Kimono. Bruno saß an seinen Rucksack gelehnt am Strand. Auf dem Rucksack war eine Schweizerflagge. Ich sprach ihn an. Nach vier Wochen in Japan würde es gut tun, Deutsch mit jemandem zu sprechen. Wir mochten uns und beschlossen, uns zusammen zu tun. Nach einer Woche auf Hawai reiste ich ab. Bruno blieb, aber wir verabredeten uns in San Francisco. Zwei Wochen später machten wir uns schließlich von dort auf den Weg nach Süden. Jon trafen wir Anfang September 1972 im Bahnhof von Mexicali.

35 Jahre später stehen beide auf dem Bahnsteig in Lugano.

Es regnet in Strömen, sie sehen mich, sie rufen und freuen sich wie die Schneekönige, als ich aussteige und fragen, wieso ich so spät käme und ich antworte, niemand hätte mir in Arth-Goldau gesagt, dass ich umsteigen müsse. Auf dem Weg zum Auto erzähle ich, wie teuer die Bratwurst gewesen sei, die ich in Zürich aß (7,50 Franken), und sofort schießt Jon, Spezialist für Herrenwitze aller Art, die erste Salve ab, und ich weiß wieder, wie er tickt.

Wie Bruno tickt, weiß ich sowieso. Er ist wie meine Mutter: kühl. Eigentlich wusste ich vorher, wie beide gestrickt sind, aber ich wüsste nicht zu sagen, ob sie meine Freunde sind. Ich nehme an, dass es Sentimentalitäten sind, die uns in den letzten 35 Jahren zweimal zusammengeführt haben.

Zwei Männer aus dem Leben, Männer die Geld verdienen, ihren Kindern das Studium zahlen, Häuser kaufen, ihre Erstfrau abfinden, investieren, planen, kaufen, verkaufen. Solche Männer. Ein Schriftsteller, dem alles schleierhaft ist.

Soll unsereins stolz sein?

12:43

Bei aller Liebe zum Satellitenfernsehen stellten Hubert und ich heute früh fest, dass der zum prallem Astra-Satellitenempfang führende Azimuth von ca. 162,5 Grad (19,2 Ost) auf keiner Seite unseres Hause erreichbar war. Hinten hätte die Schüssel gegen die Hauswand gewiesen, vorn in einen Baum. Also Kommando zurück, ein weiteres Kapitel moderner Unterhaltungskommunikation abschließen, die schon ausgepackte und teils vormontierte Schüssel wieder auseinanderschrauben, einpacken und hoffen, dass der Verkäufer sie zurück nimmt.

Er nahm sie zurück, ich führte ein kurzes, intensives Gespräch über die Wirrnisse des digitalen terrestrischen Fernsehens (DVBT), und erfuhr, dass es vom Betreiber nur halbherzig betrieben werde, aber, so die Hoffnung machende Auskunft, früher oder später werde der Sender Dortmund stark genug sein, auch uns mit den für das Überleben notwendigen Signalen zu versorgen.

Da ich fast 100 Euro (die 100 Euro, die ich in Mannheim aus dem Automaten gezogen hatte, um meine Rückfahrt zu bezahlen) für die Satellitenschüssel, den Receiver, für Kabel, Rohr, Verbindungsstücke, Dübel und Schrauben ausgegeben hatte und die nun auf die Hand zurück bekam, investierte ich 37 Euro gleich wieder in eine Zimmerantenne und hoffe, damit das Kapitel DVBT vorläufig abschließen zu können.

13:53

Ein junger Mann im besetzten ICE Basel-Amsterdam.

"Hallo Schatz. Schatz hör mal. Die Philharmonie brennt. Kannst du das aufnehmen, ich will mir das ansehen. Pass auf. Schalte mal RBB ein, Digitalkanal 188 glaube ich. Schalte einfach ein und stelle auf Aufnahme. Lass dann einfach laufen, bis ich zuhause bin, okay. - Ja. Einfach anstellen. Auf Aufnahme. Hm? Mmmmmh! Das schaffst du doch, oder? Ja, nix programmieren. Nur auf Aufnahme stellen und laufen lassen. Ich mach dann aus wenn ich komme. Bis dann, Schatz. Ciao.

16:31

Als wir dem Weg am zugefrorenen Lago Ritom folgten, sah ich auf den Hängen 14 Murmeltiere, in der Luft drei Steinadler und auf dem Gipfel der ersten Berges hinten links einen kapitalen Steinbock. All diese Tiere hatte ich vorher noch nie gesehen.

 

Sa 24.05.08   11:54

Von Luino am Lago Maggiore kommend überquerten wir die italienisch-schweizerische Grenze in Fornasette. Vor uns wurde ein BMW der 7er Serie herausgewunken. Er hatte ein bulgarisches Kennzeichen. Zwei Männer saßen darin. Beide groß, beide mit versteinerten Gesichtern.

Bruno wusste sofort, dass das Gangster waren.

Die Schweiz werde seit Öffnung der Ostgrenzen von Bulgaren und Rumänen geradezu überschwemmt. Sie brächen in Häuser ein, sie stählen leicht zu transportierende Wertsachen und Geld, um damit wieder Richtung Heimat zu verschwinden.

Überhaupt: der Ostblock. Russentouristen, die sich wie Wilde benähmen. Neureiche ohne jeden Respekt, die glaubten, Geld sei der Schlüssel zu allem und entschuldige sie. Furchtbare Menschen, diese Russen.

Außerdem:

Die Struktur des Tourismus in der Schweiz habe sich in den letzten zehn Jahren völlig verändert. Wie gesagt: Russen, zunehmend auch Chinesen und Inder. Und im Sommer am Lago Maggiore schon immer: Engländer, Deutsche und Holländer. Die Holländer seien die Geizigsten. Die kämen mit ihren Campern hochbepackt mit allem, was so ein Holländer gern äße und tränke. Die wohnten billig auf Campingplätzen.

Darauf Jon: es gäbe im Englischen eine Redewendung, die sich auf den sprichwörtlichen Geiz der Holländer beziehe: To go dutch, will sagen, wenn zwei Freunde sich zum Essen verabreden und "to go dutch" vereinbaren, heißt das, jeder zahlt für sich selbst.

Hatte meine Mutter also recht. Sie erzählte immer, Holländer, die an den Wochenenden nach Gronau in den Stadtpark kämen, würden nie irgendwo einkehren, sie hätten immer alles dabei. Ich hielt das damals für ein Vorurteil. Aber es stimmte. Und es stimmt immer noch.

14:08

Meine Geistergeschichte kommt nicht voran. Lieber schaue ich der verinnenden Zeit zu. Sie jagt, dass es kaum auszuhalten ist. Bald ist schon wieder Weihnachten.

Und hier bummle ich durch die Regennacht. Lugano ist noch eine halbe Stunde entfernt.

15:30

Auf der Rückfahrt vom Lago Ritom leuchte auf einem Display zwischen Tacho und Drehzahlmesser von Brunos BMW ein Symbol auf, das zunächst keiner deuten konnte. Ein Motorblock möglicherweise, schwarz konturiert, der Innenraum weiß, ein Viertel davon schwarz eingefärbt. Wir hielten, suchten im Handbuch und fanden schließlich heraus, dass man bei Aufleuchten dieses Symbols zwar gemäßigt weiterfahren könne, bei Wechseln der Farbe zu Rot aber sofort anhalten müsse.

Kurz von Bellinzona dann ein Anstieg. Der Motor verlor zunehmend Kraft. Wir schlichen bis zur nächsten Ausfahrt und landeten auf einem landesweit berüchtigten Parkplatz: ein Treffpunkt für Homosexuelle. Überall Männer, manche zu zweit, andere noch allein, hin und wieder verschwanden zwei im nahegelegenen Wäldchen.

Während Bruno den BMW-Service anrief, sprachen wir über Autos. Der BMW, im September letzten Jahres gekauft, hatte schon mehrer kleine Aussetzer gehabt. Ein Freitagsauto, meinte Jon. Interessant, sagte ich. Bei uns heißt das Montagsauto.

Woraus ich schließe, dass sich die Arbeitswoche ohne Zutun der Gewerkschaften auf tatsächlich drei Tage verkürzt hat. Montags ist noch niemand angekommen, freitags sind alle schon irgendwie fort.

Nach einer halben Stunde kam ein Servicewagen. Ein Techniker sagte, ein elektronisches Modul habe versagt, der Wagen wurde auf eine Pritsche geladen, die Männer stiegen hinauf und setzten sich hinein, der Frauen saßen vorn im Transporter. So Huckepack fuhren wir zur nahegelegenden Servicestation, wo Bruno eine VW Limousine als Ersatzwagen erhielt.

16:19

Romananfang 7:

Er war groß. Sein Haar war dunkelbraun. Er wirkte sympathisch. Wie man sich täuschen kann, dachte ich. Ich beobachtete ihn seit drei Wochen. Er schien seiner Selbst sicher, und verfolgte seine Ziele ohne Skrupel. Ich wusste, dass er gefährlich ist. Aber niemand, niemand sonst hätte ihm das angesehen. Nicht einmal seine Familie ahnte, was er tatsächlich tat. Für sie war er ein IT Spezialist. Ein Mann, der Lösungen voranbrachte, wo andere keine Lösungen mehr wussten. Und da die Systeme immer komplizierter wurden, war er gefragt. Dass er sie auf äußerst geschickt verborgene Art manipulierte, um anderen Zugriff zu ermöglichen, war meinen Auftraggebern erst nach und nach klar geworden. Aber sie fanden keinen Zugriff. Es schien, als könne er zaubern, aber ich wusste, dass auch die besten Zauberer nur mit Tricks arbeiteten. Mein Job war es, diese Tricks zu entlarven.

Weitere Romananfänge....

17:56

Natürlich fragt man sich, was wäre wenn. Vielleicht war das der Grund meiner Reise nach Lugano. Vielleicht haben Jon und Bruno sich gefragt, wie ihr Leben verlaufen wäre, hätte ich Bruno am Waikiki Beach nicht angesprochen. Wären Bruno und ich nicht zwei Wochen darauf nach Südamerika aufgebrochen.

Plötzlich fokussiert das Leben einen Ort, einen Tag, eine Stunde, einen Moment.

Ist man aufmerksam? Ergreift man die Gelegenheit?

Natürlich weiß niemand, welcher Ort, welcher Tag, welche Stunde und welcher Moment einen grundlegenden Wandel herbeiführt oder herbeiführen kann. Daher ist Aufmerksamkeit wichtig.

Vor einem Jahrzehnt oder so war diese Theorie in aller Munde, die im Tenor besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Asien den Ausbruch eines Wirbelsturms in der Karibik verursachen könne. Ob das stimmt, weiß ich nicht.

Ach, war das nicht die Chaos Theorie?

Was aber stimmt, was ich glaube zu wissen, ist, dass Aufmerksamkeit in jeder Sekunde wichtig ist. Sonst verpasst man magische Momente. Und sicher bin ich mir auch, dass das Leben voll von magischen Momenten ist. Und dass ich jeden, mit dem ich in Kontakt war oder noch sein werde, beeinflusse und, vice versa, jeder mich.

Das Leben ist komplex.

Auch, wenn man es nur verstreichen lässt, kann es nicht falsch sein.
Ich glaube, dass es kein Falsch und kein Richtig gibt. Alles läuft darauf hinaus, ob man etwas nimmt oder nicht nimmt. Ob man etwas gibt oder nicht gibt.

Deshalb also dieses Treffen nach so langer Zeit. Wir sind nicht unbedingt Freunde. Wir sind nur drei Männer, die an einem bestimmten Ort, einem bestimmten Tag, einer Stunde, einem Moment etwas nahmen und gaben.

Deshalb sind wir jetzt, was wir sind.
Wir wären etwas ganz anderes, hätten wir nicht aufgepasst damals.
Davon bin ich überzeugt.

Es ist Samstag. Die Ossis grillen im Garten. Sie sind im Kollektiv angetreten.
Mein Tipp: weiträumig umgehen.
Mit ihnen will ich nichts teilen, aber ob ich will oder nicht: sie sind da, ich bin hier, wir beeinflussen einander.

Fatal.

 

So 25.05.08   17:14

Sich drei Tage aushalten lassen, wissen, dass der Preis für nur eine der opulenten Mahlzeiten, die wir ständig und überall verzehrt haben, den Moet Chandon und die Hummerschwänze mich ruiniert hätten, ist schon ein wenig deprimierend. Eigentlich hätte ich mir nicht mal die Fahrt leisten können.

Fakt ist, Carona stinkt vor Geld. Dieses amerikanische Paar, das immer zu uns stieß, ist so reich, dass es ständig um die Welt reist, heute hier lebt und morgen dort, Wohnungen auf den Bahamas hat und Wohnungen in New Mexico und was weiß ich wo, von Arbeit war nie die Rede, und beim Essen sprachen sie über den Unterschied zwischen Langusten und Hummer, über das Schwertfisch-Fischen, über GPS auf ihrer Yacht und Hotelreservierungen.

Davon abgesehen war es schön, dort zu sein, denn Carona ist ein idyllisches Dorf. Nur dass alle dort glauben, Pasta wäre das Non plus Ultra, ist bescheuert. Kartoffeln sind auch lecker. Butterbrote kennt man überhaupt nicht. Geschweige vernünftiges Brot mit Biss.

 

Mo 26.05.08   9:17

Heavy Metal vorm Haus.
Die Straßenarbeiten gehen in ihre letzte, entscheidende Phase.
Ohrenbetäubender Lärm.
Ich tauche ab.

14:34

Schaue You Tube...,

versuche, meine Geistergeschichte voran zu treiben und musste feststellen, dass meine Freundschaft zu Thomas P. offensichtlich beendet ist. Schade.

 

Di 27.05.08  9:16

Man hört oft, dass Geld nicht glücklich macht. Ich kann das nicht bestätigen. Ich träumte mir letzte Nacht eine etwa zigarrenkistengroße Maschine (wohl inspiriert durch die kleine Maschine, die der Zugschaffner im ICE Basel-Amsterdam in Stellung brachte, um mir nachträglich einen Fahrschein auszustellen), die immer, wenn mein Portemonnaie leer war, Fünfzig- und Hunderteuroscheine ausdruckte.

Ich durfte diese Maschine nicht missbrauchen, dann hätte sie sich gewehrt. Sie schien zu wissen, was nötig war und was nicht. Die Banknoten waren von offiziellen nicht zu unterscheiden. Ich war sehr glücklich. So glücklich, dass ich hervorragend schlief. Als ich heute früh erwachte, war ich es trotz all dem Ungesagten in dieser Welt, trotz all dem, was ich nicht verstehe, immer noch glücklich.

Das soll jemand verstehen.

Was nun Thomas P. angeht, weiß ich nicht einmal mehr, ob wir tatsächlich je Freunde waren. Ich war nie gut in Freundschaft. Ich bin ein Beziehungsautist und erwarte viel, wenn jemand mein Freund werden soll. In einem anderen Leben lebte ich wie mein Vater auf einer Wasserburg, zöge die Brücken hoch und brächte Artillerie in Stellung, wenn Menschen kämen.

Was die Geistergeschichte anlangt, hat sich schon einiges entwickelt. Ich habe ein Exposé und eine vage Vorstellung von dem, was aus ihr werden könnte.

Also, an die Arbeit, Herr M.

12:21

Zwei einsame Frösche im Schnee,
wollen fröhlich sein, wollen fröhlich sein,
zwei einsame Frösche im Schnee,
wollen ficken, wollen ficken .... (Helge Schneider leicht abgewandelt)

17:29

Heute ist mir so nach Poesie....(hier)

 

Mi 28.05.08   11:08

Sagen Sie, fragte die Eule, die mir heute gegen 1:00 übern Weg flog und sich auf den Ast eines Baumes setzte, um mit mir zu reden, sagen Sie, sind Sie nicht eigentlich zu alt, um um diese Tageszeit noch mit dem Rad über Land zu fahren? -
Nein, sagte ich, sie bestaunend, denn ihre Augen strahlten soviel Ruhe und Tiefe aus, dass ich sogleich alle Sorgen vergaß und nichts lieber getan hätte, als mich zu ihr zu setzen, aber dafür war ich nun tatsächlich zu alt, den Baum hätte ich nie und nimmer erklimmen können.
Nein? sagte sie. Wie alt sind Sie denn?
Na ja, alt genug schon, antwortete ich, aber so alt nun auch noch nicht. Außerdem ist es schön in der Nacht, finden Sie nicht.
Schon, sagte die Eule, schön ist es schon, vor allem der Ruhe wegen, Sie wissen ja.
Ja, sagte ich, das ist wohl das Schönste an der Nacht, die Abwesenheit der Menschen.
Ja, sagte die Eule, die Menschen. Sie sind doch auch einer.
Bin ich, ja, sagte ich.
Und? fragte sie. Was tun Sie so. Jagen Sie?
Nein, sagte ich. Oder vielleicht doch, ja, ich jage nach Anerkennung.
Kann man die essen? fragte die Eule.
Anerkennung?
Ja, sagte die Eule. Anerkennung. Kann man die essen?
Nein, sagte ich. Die Jagd nach Anerkennung ist zwar auch auf einen Mangel wie Hunger zurückzuführen, aber essen kann man sie nicht.
Interessant, sagte die Eule. Also ich jage nur nach Essen.
Das dachte ich mir, sagte ich. Und, wie ist es heute nacht?
Nun ja, sagte die Eule. Die Nacht ist noch jung. Ich werde sehen.
Da wünsche ich viel Erfolg! sagte ich.
Danke, sagte die Eule. Ich Ihnen auch. Schöne Heimfahrt.
Danke, sagte ich.

Die Eule (die wahrscheinlich ein Kauz war, ein Steinkauz) machte einen kleinen Satz, breitete ihre Schwingen aus und flog lautlos davon. Ich schaute ihr nach und beneidete sie. Soviel Eleganz. Soviel Schönheit. Soviel Selbstwertgefühl. Meine Knie schmerzten ein wenig und ich beschloss, meine für heute geplante Reise ins Studio nicht mit dem Rad zu absolvieren, sondern mit dem Auto. Schließlich weiß ich, wie alt ich bin.

 

Do 29.05.08   16:47

Wie sagt der Volksmund: Computer lösen Probleme, die man vorher nicht hatte.
So verging dieser Tag mit entnervendem Try & Error und einem rettenden Anruf: Herr T. fragte, ob ich einen Gartenschlauch besäße. Ja, antwortete ich, darauf er: dann komme ich jetzt und hole ihn mir. Wunderbar, rief ich aus, dann können Sie mir bei dieser Gelegenheit helfen, meine gestern abgeschossene D-Link Verbindung ins Internet wiederherzustellen. Selbstredend, meinte Herr T.

Kurz darauf traf er ein, ich kochte Kaffee, wir lästerten über nicht anwesende Musiker der Musikerpolizei, und so nach und nach stellte Herr T. die Verbindung in die weite Welt wieder her, sodass ich mich nun in die Lage versetzt sehe, Sie noch mit einem Foto zu verwöhnen, das den gestrigen Gewitterregen in seiner ganzen Schönheit zeigt.

Wir saßen auf dem Balkon, freuten uns, schworen einander, nie in eine Wohnung ohne Balkon zu ziehen, nie, nie, nie! riefen wir gegen die zuckenden Blitze, tranken Weißwein, ich nutzte die Gelegenheit, unbemerkt vom Balkon zu pissen und so schritt die Nacht ins Land.

 

Fr 30.05.08   12:34

Wenn man erst anfängt, Hörbares wie ein Tontechniker zu hören, vergeht einem der Spaß. Man verliert sich plötzlich in Plopp und Essss-Lauten, man wägt dieses und jenes, mag nicht mehr hören, was man gesagt hat und da, wo es früher nie rauschte, rauscht es jetzt.

Also nimmt man den großen Hammer von Opa und schlägt zu. Man hat es ja. Es sitzt einem ja locker. Man muss nicht darüber nachdenken. Aus den Trümmern fischt man dann Peeeesss, Esssss, Ssssschhhhs und überdrehte Hhhhhhhs, die einem so rausgepurzelt waren, ohne dass man es hätte verhindern können. Plötzlich weiß man, man wäre ein Fall für die Logopädie. Und was man sonst noch für ein Fall wäre, möchte man gar nicht wissen.

Der Monat klingt aus.
Zwei Fragen sind bisher unbeantwortet.
Die Antwort auf die erste lautet: Mussolini.
Die Antwort auf die zweite: einen Bauhof am Rohrbusch, kurz vor der Autobahn A 1.

18:54

Denken Sie sich die Figur des Schauspielers Axel Prahl, der mir vorgestern abend auf dem Heimweg fröhlich pfeifend entgegen kam. Das ist die Statur des Mannes, den ich heute in der Königstraße sah, allerdings jünger. Ein Mittdreißiger, T-Shirt, dreiviertel Hose, beide Beine knieabwärts tätowiert. Rechts die üblichen Ornamente, links aber, auf der Wade, das Gesicht eines Samurai, vielleicht auch das eines Buddha.

Als ich dem Mann nachschaute, schien das Gesicht etwas zu verneinen, hervorgerufen durch das leichte Hin un Her der Wade. Sehr lustig. Ob der Mann das weiß? Ob er weiß, dass an seiner Wade ständig etwas verneint wird? Ich glaube nicht. Ich jedenfalls habe es ihm nicht gesagt.

 

Sa 31.05.08   10:50

Der Samstag nimmt Fahrt auf....

15:11

Akutell wird Rasen gemäht. Ich kenne den Mann. Ich hasse ihn und er hasst mich. Bei all dem gegenseitigen Hass hat es mich natürlich gefreut, ihn plötzlich an Krücken gehen zu sehen. Schon vor mehr als einem Jahr hatte ich mir gewünscht, er würde beim Baumschnitt, den er auf einer atemberaubend steilen und nicht stabil stehenden Leiter durchführte, abstürzen und sich etwas brechen. Der Hals wäre mir am liebsten gewesen.

Unser Hass hat eine lange Tradition. Damals, als wir heirateten, als im Garten eine Band spielte und alle feierten, hätten sie und er am liebsten die Polizei gerufen, aber meine Nachbarin, die gelegentlichen, sehr eingeschränkten Kontakt mit ihnen pflegt, hatte ihnen das ausreden können. Sie hat mir einmal davon erzählt. Eigentümliche Leute seien das, hatte sie gesagt.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

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