Oktober 2005                             www.hermann-mensing.de                              

mensing literatur

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So 9.10.05   11:48

So sieht das aus, wenn Herr M. glaubt, er habe alle Sorgen hinter sich gelassen. Auf einer Insel. Auf einer Insel in der Nordsee. Ob er aber über diese und andere Täuschungen weiter öffentlich sprechen will, weiß er noch nicht. Daher wäre es besser für Sie, Sie kauften endlich seine Bücher und verhülfen ihm zu einem LÄNGERFRISTIGEN Aufenthalt einschließlich aller Täuschungen.

14:31

Die Nudel und das Ei

Die Nudel schwingt am liebsten frei
das Ei ruht still im Sacke
der eine Mensch übt's Einerlei
der andre haut die Kacke.

Die Nudel liebt Al dente
das Ei braucht sechs Minuten
der Mensch erwirbt zum Ente
den Status, auszubluten.

Die Nudel hätte sicher noch
das Ei um Rat gebeten
ob für den Stunt im stillen Loch
sich's lohnte, anzutreten.

Doch leider starb die Nudel dann
und hinterließ nur Zweifel
das Ei hat Glück, denn es gewann
zwei Ferien in der Eifel.

 

Mo 10.10.05   10:00

Kaum zurück von der Insel las ich, die "Bulle" der von dem Buxtehuder Buchhändler Winfried Ziemann 1971 initiierte Preis für das beste Kinder- und Jugendbuch, gehe an den Schriftsteller Rainer Maria Schröder. Die Buxtehuder Bulle ist renommiert. Den preisgekrönten Schriftsteller Schröder kannte ich nicht, aber das liegt an meinem Desinteresse, er ist mit 5,7 Millionen verkauften Büchern einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Jugendbuchautoren.

Glückwunsch, es sei ihm gegönnt.

Wenn ich aber lese, was der Intitiator dieses Preises in seiner Laudatio gesagt hat, werde ich böse. O-Ton Winfried Ziemann: Der von Schröder gepflegte, sensible Sprachgebrauch sei gerade für Jugendliche sehr wichtig. "In Zeiten, in denen sich verbale Kommunikation oft auf Gegurgel und Gregrunze reduziert, brauchen wir derartige Beispiele dringender denn je."

Sehr geehrter Herr Ziemann,

die von Ihnen diffamierten Jugendlichen werden unter Bedingungen beschult, die oft jeder Beschreibung spotten. Sie müssen fertig werden mit sozialer Kälte und drohender Arbeitslosigkeit. Sie leben in Patchwork-Familien und suchen dringend Orientierung.

Aber sie grunzen und gurgeln nicht. Sie sprechen eine Sprache, die Regeln ingnoriert, aber es ist eine lebendige Sprache. Sie sprechen wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und ich nehme an, vor allem sprechen sie so, damit Laudatoren wie Sie nichts von dem Gesprochenen begreifen.

Gott zum Gruß, Herr Ziemann, auf dass der sensible Sprachgebrauch weiter gepflegt werde.

 

Di 11.10.05   12:40

Der Tag ist schön. Aber wir sind gehemmt. Wir hemmern zwar auf die Tasten ein, aber was rauskommt, ist Mist. Wir werden wohl abwarten müssen, nicht wahr. Ja. Das Wetter ist herrlich. Wir hauen ab. Wir radeln uns einen Wolf.

18:00

So sieht man aus, wenn man sorglos ist, wie Herr M., hier der zweite von links.

 

Mi 12.10.05   13:15

Die Welt führt Statistiken, damit sie weiß, wer was wo wie oft tut, uws. usf.
Auch mein Provider führt eine solche. Sie sagt jeden Tag, wie viele Menschen auf ihrem Taumel durchs weltweite Web auf meiner Seite gelandet sind. Sie sagt nicht, warum, dennoch gibt es in dieser Statistik eine Rubrik, die einiges über die Motive der surfenden Menschen ahnen lässt: die von ihnen eingegebenen Suchbegriffe:

1.  der irdische armor
2.  ameland strandcafe
3.  bergen am zee
4.  bilder strand nackt frauen ferien
5.  bishop spedition wien
6.  bus zürich nach portugal am samstag
7.  busfahrkarte preis für ahaus
8.  cafe plus 7.02.01
9.  dinos taverna ipsos
10.erzquell falsche flasche
11.esskastanien sammeln niederrhein
12.fickte glocke turm
13.frido herr der ringe
14.gruselgedichte
15.haare friseur gedicht
16.haue mit dem rohrstock
17.hermann
18.hermann mensing
19.kühlvitrine
20.matjes leuchtet

Nummer Vier entlarvt offensichtlich den Alltagsspanner.
Was aber treibt Nummer 12?
Eher hausbacken hingegen die Sehnsucht der Nummer 16.
Die Nummer 20 kommt mir am Geheimnisvollsten vor. Ein leuchtender Matjes? - Ich habe nie einen gesehen. Sollte Ihnen einer begegnen, lassen Sie es mich wissen. Und sollte einer der genannten Suchbegriffe ihren Sehnsüchten nahe sein, dann wissen Sie jetzt, was ich von Ihnen halte.

 

Do 13.10.05   10:29

Meine seit über dreißig Jahren liebste Lieblingsleserin schrieb, sie habe mein Gedicht über Nudeln und Eier gelesen und müsse sagen, es sei bestürzend traurig. Ich solle doch mal ein hoffnungsvolles Gedicht über selbige schreiben...

Nun, allerliebste Lieblingsleserin, so einfach ist das nicht. Dennoch hier ein Versuch....

Die Nudel als Spaghetti
das Ei als Omelett
das Säckchen von Alessi
zum Anschauen noch nett.

Nun, liebste Lieblingsleserin, was sagen Sie?

 

Fr 14.10.05   10:55

Nächste Woche beginnt die Frankfurter Buchmesse.
Wer schon jetzt wissen will, wie es dort war, klicke hier.

12:00

Was ist das überhaupt für eine Gesellschaft, in der Herr Goldberg. sich einigermaßen sicher fühlt?
Wieso fürchtet man dort immer noch die gesellschaftlichen Rituale, die das Leben begleiten: Geburtstage, Hochzeiten, Jubiläen? Wieso neigt man dazu, sie stillschweigend zu übergehen?
Sind die Erinnerungen an die Demütigungen einer Nachkriegssozialisation durch traumatisierte Väter und überforderte Mütter so schmerzhaft?

Ein Beispiel: wann immer in Goldbergs Elternhaus ein großes Fest anstand, wann immer selten gesehene Onkel und Tanten kamen, musste Goldberg sie begrüßen. Nicht, dass er das nicht sowieso getan hätte, er hätte "Hallo!" gesagt, alle hätten genickt und damit hätte sich das Problem erledigt.

Aber Goldbergs Vater war anderer Ansicht. Er bestand darauf, dass Goldberg jedem die Hand gibt und mit Namen begrüßt. Das Problem war: Goldberg sah diese Leute so selten. Er erinnerte sich nicht. War das nun Tante Mimi oder eher Tante Anna? War das Onkel Fritz oder Onkel Albert?
Er wusste es nicht, aber er wusste, dass sein Vater hinter ihm stand und ihm die Ohren so lange langziehen würde, bis er es wusste. So lange, dass die anderen Verwandten schon sagten, nun lass doch den Jungen, du siehst doch, dass du ihn quälst, aber Goldbergs Vater ließ ihn nicht. Er spielte dieses demütigende Spiel jedes Mal neu und immer von Anfang bis Ende.

Ist das der Grund, weshalb Goldberg. seinen Geburtstag verstreichen lässt, still, ohne großes Tamtam?

Wahrscheinlich.

Wären sie nicht gekommen, sie, diese merkwürdige Gesellschaft verkrachter Existenzen, wäre der Abend vergangen wie viele andere und niemand hätte sich später daran erinnert. So etwas ist schade, man sollte jedes Fest feiern, denn Feste sind in der Rückschau lebendige Fixpunkte jedes Lebens. Das Leben vergeht schnell, da ist es schön, etwas zu haben, das man besprechen kann.

Weißt du noch, damals....

So, wie es dann gestern kam, wird es etwas zu besprechen geben.
Weiß du noch, Goldberg, damals, dein .. Geburtstag? Du hattest niemanden eingeladen. Aber dann - gegen halb neun, kamen die, die schon immer gekommen sind, die alten Freunde, falls es je Freunde waren?

Herr Illigenz und seine Frau. Herr Hagedorn und seine Frau. Später dann, gegen elf, kam auch Herr Mertens, der allen ein wenig aus den Augen geraten war. Die alle saßen da und taten, was sie schon immer taten. Kiffer, die, wenn der Abend schön ist, ein Pfeifchen rauchen oder einen Joint.

Herr Mertens hatte schon damals nur beste Ware. Wenn er erzählt, was der Niederländer mit seinem Gen-manipulierten Rauschkraut anstellt, wird einem schlecht. Es gibt da ein Herzmittel, das Schweinen verabreicht wird, damit besprühen sie ihr Kraut.

Kein Wunder, dass einem die Pumpe rast, wenn man Skunk raucht.
Also, Finger weg von holländischem Cannabis, boykottiert dieses Zeug, es ist genauso schlecht wie die niederländische Tomate.

Der Niederländer frisst und raucht alles.

Man saß bis nach Mitternacht, dann fuhr man heim. Zieht man aus der Route, die Herr Hagedorn wählte, um von A. nach B. zu gelangen, Rückschlüsse, verwundert es nicht, dass er nie auf den Punkt kommt.

 

Sa 15.10.05   9:52

Seltsam, wie sich die Dinge nach Goldbergs Geburtstag entwickelt haben.
Herr Goldberg und Herrn Hagedorn stehen nämlich seit langem auf uneingestandenem Kriegsfuß. Herr Hagedorn, sagt Goldberg, neige zu Hochmut. Er habe ihm oft und immer öfter das Gefühl gegeben, er nehme ihn nicht ernst, er halte ihn für einen Versager, er nutze ihn aus.

Als Herr Illigenz und Herr Hagedorn auf Goldbergs Geburtstag auftauchten, muss für Goldberg eine Welt zusammengebrochen sein. Er ging nämlich mit der Entscheidung schwanger, Herrn Hagedorn endlich zu sagen, dass er ihn nicht mehr sehen wolle. Nach so langen Jahren.

Doch dann schellte es, und Herr Hagedorn stand vor der Tür.

Heute Abend nun findet die tatsächliche Feier statt. Goldberg scheut sich also nicht, wie oben geschildert. Goldberg feiert diesen runden Geburtstag. Ob es ein großes Fest wird, weiß man noch nicht, aber es wird ein Fest. Und die größte Neuigkeit kam gestern Abend per Telefon: Goldberg hat Herrn Hagedorn gesagt, dass er ihn nicht sehen will. Nie mehr!

12:20

Ballade für Dämchen

Morgens äß ich 1 Tomätchen
mittags äß ich lieber nicht
abends tafelte ich Brätchen
ohne Fett als Nachtgericht.

Zwischen Nacht und Morgenbrise
fräße
ich Pralinen, oh!!!
gegen sechs erbräch ich diese
höpskedi ins Klo.

Morgens dann nur Apfelschnitze
mittags trock'ne Plaumen
abends ölt ich mir die Ritze
macht's mir mit dem Daumen.

Zwischen fünf und sechs am Morgen
äß ich dann ein Schälchen Quark
trieb im Studio die Sorgen
mir mit Qual vom Rückenmark.

Hach, ich bin so gerne schlank
rank und tännchengleich, das rieselt
lieg zum Bräunen auf der Bank
und bin depressiv wenn's pieselt.

Bräuchte schnellstens dann Schok'lade
hätt gern 'nen potenten Mann
trieb mir seine Remoulade
tief ins Fleisch und äße dann.

Äße, äße, äße, äße,
äße, äße,äße, äß
äße, bis sich mein Gesäß
in die Breite fräß.


Mo 17.10.05 14:30

Heute tauchten in meiner Domain-Statistik zwei neue Begriffe auf: Vorhaut Pflegerin.
Haaa! dachte ich, interessanter Beruf, und machte mich daran, die 664 Dokumente meiner Webseite auf diese Begriffe zu untersuchen: Vorhaut kommt zweimal vor, einmal als Bestandteil eines Zitates aus Philip Roth Sabbaths Theater, das andere Mal in einer satirischen Notiz über eine Leibesvisitation auf dem Tel Aviver Flughafen. Der Begriff Pflegerin taucht ebenfalls zweimal auf. In beiden Fällen in engem Zusammenhang mit der Krankheit meiner Mutter und meiner Tante.

Ich versuchte mir die Enttäuschung dieser Spanner vorzustellen.

 

Di 18.10.05   13:05

An mir nagt nicht der Zustand der Welt. Der war in jedem Jahrhundert unserer Zeitrechnung düster und aussichtslos. Immer drohte das Ende, je nach Perspektive so oder so. An mir nagt, dass es mir in diesem Leben und in meinem Beruf immer noch nicht gelungen ist, ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen. Ob mich ein regelmäßiges Einkommen stolz machte?

 

Fr 21.10.05   9:03

Guten Morgen, liebe Umpalumpas,

das Haus, in dem meine Leute und ich leben, ist nun seit fünf Wochen eingerüstet, woraus man schließen könnte, dass umfangreiche Arbeiten durchgeführt werden. Weit gefehlt - denn die durchzuführenden, umfangreichen Arbeiten werden meist nach kurzen Arbeitsperioden wieder eingestellt, um die Spannung über den Zeitpunkt der Wiederaufnahme und die Überraschung über das, was letztlich dabei herauskommen wird, zu vergrößern. Der Krimi-Autor nennt das Suspense. Großer Suspense also in der Dorffeldstraße 19.

Großartige Unterhaltung hingegen auf der Buchmesse. Noch immer schwärmt die Programmleiterin meines Ex-Verlages von meinem Parfüm, der Chef erkennt mich nicht und schiebt es auf meinen Bart, der Vertriebsleiter spricht Klartext und sagt, man passe wohl nicht zusammen, das sei nichts persönliches, der Dichter ist froh über die Aussprache, denn klar war es ihm sowieso, man habe, so der Vertrieb, Probleme mit der Zielgruppe 8-10, man sei nicht recht aufgestellt, so die Lektorin, man sei, so der Dichter, unterwegs zu neuen Zielen, neuen Eitelkeiten, neuen Herausforderungen.

Haaaaaaa! sagt der Dichter spätabends zu seiner Frau, wäre es denn nicht ehrenvoller, abzudanken etc. pp.? Dummes Zeug! sagt sie und hat recht. Wir (der Dichter und ich) machen jedenfalls durch bis morgen früh und singen Bummsfallera. Schreiben Texte (wie diesen) und hoffen, dass unsere Agentin (tut die was, oder redet die nur? fragte der Vertriebsleiter) was tut.

Tu was! Ich tu's auch.

Ja, und als wäre das alles noch nicht genug gute Unterhaltung, besuchte der Dichter gestern ein Drehbuch Pitching. Stellen Sie sich das wie folgt vor: das sitzen zwölf ausgewählte Autoren (u.a. ichichich) und haben Angst (ich hatte seltsamerweise keine). Dann kommt ein Dramaturg, Schauspieler, Sprecherzieher, sagt, dass er das alles sei, dass er Pitching Trainings quasi bundesweit durchführe, auch auf Managertrainings bei VW, Daimler Chrysler etc. und kündigt an, dass er uns jetzt gleich pitchen wird.

Pitchen heißt, die schlagkräftige, überzeugende Wiedergabe einer Geschichte in möglichst kurzer Zeit. Am Besten in Bildzeitungsschlagzeilen. Ich stellte Mein Prinz vor. Die großen Themen dieser Geschichte sind Liebe, Freundschaft, Fremdsein, Intrigen. Es handelt sich um eines historische Liebesgeschichte.

Gepitcht klänge das so:

Skandal

Negersklave wird Kirchenorganist und heiratet Dorfschöne.

Alles Weitere kann später besprochen werden. Hauptsache, der Producer, der im Hintergrund desinteressiert vor sich hin dämmert, wird aus dem Halbschlaf gerissen und glaubt, er habe einen Fisch an der Angel.

Das ging den ganzen Tag so, zwölf Autoren pitchten ihre Entwürfe, das war nicht uninteressant. Drei Minuten sollte so ein Pitch nicht übersteigen. In drei Minuten sollte gesagt sein, warum welche Geschichte wie erzählt wird. Bitte kein Wenn, kein Weil, kein Aber. Keine Einzelheiten. Nur den großen Rahmen darstellen, die Spannungsverhältnisse deutlich machen. Nichts erklären.

Das merken wir uns.

Zwischendurch und hinterher wurde lecker gegessen, und wenn ich es richtig sehe, hat mir irgend so eine dumme Sau meinen Mantel von der Garderobe geklaut.

10:40

Der Mantel ist wieder da. Ich war wohl mit Blindheit geschlagen.

 

Sa 22.10.05   12:00

Spazierte gegen Mittnacht bei strömendem Regen durchs Dorf und begrüßte den Herbst. Gäbe es diesen Regen nicht und die fallenden Blätter, gäbe es nur goldenen Oktober, mir fehlte etwas.


So 23.10.05   11:34

Anstrengende Tage: Mittwoch die Buchmesse samt Hin- und Rückfahrt, ein Fließen bei 120 Kmh über die A 1, die A 45 und die A 5, das - bis auf eine plötzlich auf der Bahn auftauchenden Abdeckung eines kleinen Anhängers plus des sich darunter befindenden Hausrats, was, weil zeitig gesehen, ruhig ausgebremst und vorm sich dahinter bildenden Stau gerade noch umfahren werden konnte - ohne Störung verlief, während die Fahrer des unglücklichen Gespanns offenbar wenig geschockt erste Anstalten machten, Dinge zu bergen.

Donnerstag das Drehbuch Pitching, zweimal zwölf Geschichten hören (die eigene inklusive), Freitag Treffen im Pepperoni, Tatort Premiere am Abend und später dann noch Geburtstag beim Inder, der mich fast abgeschossen und um die Fassung gebracht hätte, mir aber besagten Regenspaziergang eingebracht hat, der mich halbwegs wieder erdete, gestern der Besuch von Freunden zum Essen, wieder nicht vor Mitternacht im Bett, das hinterlässt Spuren, die Regeneration dauert länger, ich begrüße meinen Herbst.

Mopsi geht morgen ins letzte Kapitel, und dann sehe ich weiter. Heute bleibe ich faul.

PS.: dear reader from Tuvalu: just send an e-mail and let me know who you are.

 

Mo 24.10.05   11:30

Vom Regen gestrichelte Luft, feucht glänzende Dächer der gegenüberliegenden Häuser, Nachtruhe, Aussichten, der gekrümmte Rücken vorm Schreibtisch: same as it ever was. Mehr zu diesem Thema auf: Remain in light. Talking Heads. Ansonsten wünsche ich eine erfolgreiche Woche.

 

Di 25.10.05   9:40

Das Ende meiner Katzengeschichte (Mopsi) gestaltet sich schwieriger als erwartet. Vielleicht sollte ich gar kein letztes Kapitel mehr schreiben. Vielleicht war das letzte geschriebene Kapitel das letzte. Mal sehn. Mal abwägen, mal hin- und her überlegen, genau wie gestern. Also, worauf warten Sie, Herr M., tun Sie, was Sie nicht lassen können....

13:20

Aus einem Brief an Peter Rühmkorf (30.11.84)

Verdammter
glaubst du denn
ich schmorte nicht
du Rühmkorf
mein verdammtes Dasein zu kapieren
denkst du, ein junger Schreiber
bräuchte Alte nicht?

Komm Feuerstreu, du Flammenweide
treib ein und aus
was hinterm Alter dräut
sag, was du denkst
du siehst den Tiger fromm die Zähne falten

du fragst, wer mir den krummen Kuss beschreibt?

Al so Freund
al
eh ich endgültig hier verasche:
was sagt mein Buch
gleich gut
ob einer volläuft
ob verblutet?

Was sagt es
oder sagt es nichts?

Ein Gruß, ein Herr, ein Mann, ein Men, ein Sing.

 

Do 27.10.05   9:10

Stimmt es, dass der erste Eindruck, den man gewinnt, wenn man jemanden sieht, den man nie vorher gesehen hat, richtig ist? Kann man sich auf seine Sinne verlassen?

Warum taucht dann nur in einem Bericht der Stadtgänge eine so drastische und unzweideutige Charakterisierung einer Person auf, die alle anderen auch gesehen haben?

Das war der Ausgangspunkt unserer gestrigen Werkstattdiskussion.

Erste Eindrücke? Falls es stimmt, dass erste Eindrücke die richtigen sind, gibt es Kriterien, an denen man festmachen kann, dass jemand dies und ein anderer das ist? Welche sind das?

Woran erkennt man den Schriftsteller?
Haben Schrifsteller Bärte wie ich? Was tun sie überhaupt?
Jemand meinte, sie säßen den ganzen Tag herum, gäben Geld aus und warteten auf Inspiration?

Ich verneinte.
Ich behauptete, Inspiration habe nur einen geringer Anteil an schriftstellerischer Produktion, der Rest sei Arbeit, Knochenarbeit.

Die Diskussion gestern ging hoch, was Spaß gemacht hat, denn so sollte das sein in einer Literaturwerkstatt.

Ganz zu Anfang hatten wir vom Sehen gesprochen. Hatten darüber diskutiert, ob die Grundlage jeder literarischen Äußerung nicht voraussetzt, das eigene Sehen zu schulen. Eindeutige Antworten gab es nicht. Jedenfalls haben wir keine gefunden.
Und wie es so ist, wenn diskutiert wird: man kommt von Höksken auf Stöksken, jedenfalls behauptet das der Westfale.

Wie also geht man mit Geschichten um?
Weiß man vorher, wie sie enden, oder sind Geschichten unwägbar wie das Leben?
Auch hier gab es geteilte Meinungen?
Die einen sagten, wer A sagt, muss Z kennen, die anderen behaupteten, das müsse nicht sein.

Ist eine Geschichte planbar? - Nein.
Bedingt nicht der erste Satz alle anderen? - Ja.

Also hängt alles mit allem zusammen? - Ja.

Schon sind wir bei der Chaos Theorie. Wir reden uns die Köpfe heiß.
Wenn es nämlich stimmt, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, stimmt es auch, dass Geschichten mehr sind als Unterhaltung, oder? -

Wir machen einen Versuch. Wir schauen aus dem Fenster. Ein Mann nähert sich. Ich schlage vor, die Fenster zu öffnen und ihn lautstark und fröhlich zu begrüßen.
Gesagt, getan. Der Mann stutzt zunächst, dann schickt er uns ein freundliches Lachen zurück, winkt.

Wir haben also sein Leben berührt. Und er unseres. Ist damit unsere These, dass eines mit dem anderen zusammen hängt, ergo, dass Geschichten/Literatur etwas bewegen kann, bewiesen? -
Ja. Zumindest glauben wir das.

Reicht das als Erkenntnis für eine Werkstatt? - Ja. Ich denke schon.

18:02

Er hätte sich seinen Verpflichtungen entziehen können, indem er sich den Freibrief des schöpferischen Geistes erteilte, doch derartige Überheblichkeit war ihm verhasst. Er hatte eine Anzahl Freunde, die, wann immer es ihnen zupass kam, den Trumpf des Genies ausspielten und sich weder zu dieser noch zu jener Verabredung einfanden, in dem Glauben, damit den Respekt vor dem Zwingenden ihrer hohen Berufung zu vermehren, ganz gleich, welche Verstimmung sie damit vor Ort auslösten. Diesen Typen - Romanschriftsteller trieben es weitaus am schlimmsten - gelang es, Freunde und Familienangehörige davon zu überzeugen, dass nicht nur ihren Arbeitsstunden, sondern jedem Nickerchen und jedem Spaziergang, jedem Anfall von Schweigsamkeit, Depression oder Trunkenheit das entschuldigende Etikett hehrster Vorsätze anhaftete. (1)

 

Fr 28.10.05   9:01

Eigentlich hatte Herr M. sich vorgenommen, den herrlichen Herbst per Rad zu genießen, aber dann rief sein Freund an, der einzige, den er hat, und der sagte, es gehe ihm schlecht, ob er kommen könne. Natürlich, sagte Herr M. Komm.

Und dann kommt er. Ist noch nicht sturzbetrunken, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit, drei Flaschen Bier hat er in seiner Jacke verstaut. Sitzt da, sagt, seine Frau werde verrückt. Vor drei Wochen ist er sturztrunken mit dem Auto in einen Graben gefahren, tief in der Nacht, seitdem hat er Schmerzen, er geht jedoch nicht zum Arzt, er ist ein Kindskopf, ein, glaube ich, großer Künstler, denn seine Arbeiten sind klar und ohne jeden Zweifel, er selbst aber ist eine schreiende Katastrophe, alles um ihn zerfällt.

10:22

Jetzt ist er unterwegs zu einem Handaufleger in Papenburg. Der soll es richten.
Bleibt also nur noch zu vermelden, dass Herr M. gestern mittag im Liegestuhl hinterm Haus lag und las, dass die Revonierung des Balkons langsam voranschreitet, dass er heute Abend in Wattenscheid aus Mein Prinz liest und eine Geschichte beendet hat: Mopsi ist fertig.

In den nächsten Wochen wird er rund zehn Mal lesen. Dann ist Weihnachten, oder?

 

Sa 29.10.05   23:15

Nun sagen Sie doch mal, wie Sie die Geschichte empfunden haben, sagte ein bärtiger Endfünfziger gestern nach Ende meiner Lesung aus Mein Prinz zum einzigen anwesenden Schwarzen. Herr W., der, wie ich später im Gespräch erfuhr, aus Jamaica stammt, fand, dass die Geschichte gut und einfühlsam erzählt wäre, konnte oder wollte aber keinen Groll in sich feststellen. Das sei nun mal Geschichte, sagte er. Ich allerdings hegte und hege noch stets den Verdacht, die Frage des bärtigen Endfünfzigers haben eigentlich anders gelautet. Hier das Original: Nun sagen Sie als Neger doch mal, wie Sie die Geschichte empfunden haben.

Herr W. aber überhörte den Subtext des bärtigen Herrn. Was ihn wirklich umtrieb, war die Frage nach seiner tatsächlichen Herkunft. Jamaica war ja im Grunde nur Zwischenstation vieler Sklaven auf dem Weg nach woanders. Wo die eigentlichen, die eingeborenen Jamaicaner geblieben sind, ob es sie noch gibt oder - was wahrscheinlicher ist - ob man sie zwecks besseres Ausbeutung der Insel gleich mit ausgerottet hat (denn so dachte und denken viele damals wie heute ((siehe: die Rede eines iranischen Poltikers in Bezug auf Israel letzte Woche)), weiß ich nicht.

Das Gespräch ging noch ein wenig hin und her, man schüttelte den Kopf über die Ungerechtigkeit dieser Welt, man staunte ein wenig, als ich behauptete, alle Menschen seien Rassisten, man aß Schnittchen, trank Wein, und ich stand ein wenig herum und dachte, dass es bei den Kindern, für die ich normalerweise den Hermann mache, doch schöner wäre.

Dann fuhren Frau M. und ich über Hördel, an Wanne vorbei, Gelsenkirchen links liegen lassend durch Eickel Richtung Herne auf die A 43 und glitten bei geöffnetem Schiebedach durch die milde Oktobernacht zurück ins beschauliche Münster.

Heute frühstückten wir im Garten. Saßen dort eine Weile, lasen Zeitung und dachten, eigentlich könnte man grillen. Aber das taten wir doch nicht. Stattdessen fegte ich und sammelte Meriten als einziger Anwohner dieses heruntergekommenen Mehrfamilienhauses, der sich hin und wieder (wenn auch eher selten) ums Gemeinwohl müht. Wie das so ist in Mehrfamilienhäusern, niemand empfindet Verantwortung, montags kommt ja der Putzmann.

Wünsche im übrigen Spaß mit der wiedergewonnen Stunde, die man uns im Frühjahr stahl.

 

So 30.10.05   17:51

Da ich Katastrophen liebe, den Mauerfall aber auf dem Sofa liegend versäumt hatte, raffte ich mich gestern auf, mir einen Kanal anzuschauen, der vor ca. 2 Wochen an einem Übergang über die Lippe bei Olfen am Nordrand des östlichen Ruhrgebietes ausgelaufen war.

Für kurze Zeit hatte das die Evakuierung einiger Menschen flussabwärts notwendig gemacht, doch zum Glück kam niemand zu Schaden. 200 Billionen Kubikmeter ergossen sich vom Kanal in den Fluss, auf 8 Kilometer lief der Dortmund Ems Kanal leer.

Dass viele Menschen denken wie ich, konnte man an den am Straßenrand der zum Kanal führenden Straße geparkten PKW erkennen. Ich freute mich. Endlich war ich einmal nicht Minderheit, sondern Mainstream. Aber wieso steht hier kein Imbisswagen, dachte ich.

Wir parkten, stiegen aus, schauten kanalauf- und ab und machten uns auf den Weg zur Bruchstelle. Schweres Gerät fuhr Sand, Kräne, Bagger, viel Bewegung, auch nachts, denn die Schifffahrt will möglichst schnell wieder fahren. Da, wo es eigentlich interessant wurde, befand sich eine Sperre. Dahinter Security. Die Bruchstelle noch etwa hundert Meter entfernt.

Mein ältester Sohn und ich beschlossen, vom Kanaldeich hinunter in einen kleinen Wald zu schlittern, ihn zu durchqueren, um dann vom Ufer der Lippe zum Kanalübergang hochzuschauen. Wir passierten einen kleinen Teich, kamen an einen Landwirtschaftsweg, folgten ihm südlich und konnten die Lippe schon sehen, als eine junge Frau aus einem Auto stieg.

Wachpersonal, jung, dunkle Sonnenbrille. Hier könnten wir nicht weiter. Ich zog mein Portemonnaie und zeigte ihr einen Ausweis, sagte, wir wären von der Presse und wollten ein paar Fotos machen. Mein Sohn hatte schweres Gerät dabei, professionell.
Da müssten wir uns an der Hütte melden.
Wo die sei, fragten wir.
Auf der anderen Seite des Kanals.
Ob sie nicht telefonieren könne?
Nein, das ginge nicht, wir bräuchten eine Genehmigung.
Gut.

Wir drehten ab und machten uns auf den Weg zurück.
Was ich denn da eigentlich für einen Ausweis gezeigt hätte, fragte mein Sohn. Ich sagte, meinen ver.di Mitgliedsausweis. Wir lachten und kamen überein, dass auch Schriftsteller eigentlich Ausweise bräuchten, die ihnen Zugang zu den Ereignissen dieser Welt garantieren.

Hier eines der Fotos, die mein Sohn gemacht hat.



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1. Ian McEwan, Amsterdam, Roman, Zürich 1999 //

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