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mensing literatur
 

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Do 1.10.09   8:18

Romananfang 1

Als ich beschloss, einen Roman über das Leben des kleinen, verwachsenen, nicht liebenswerten Dichters M. zu schreiben (ein besserer Name fiel mir nicht ein), war klar, dass augenblicklich die älteste aller Fragen im Raum stehen würde, aber dafür konnte ich nichts.

Ich hatte sie nicht erfunden, und so machte ich mich daran, M.'s ersten Auftritt vorzubereiten. Ich hatte an eine Limousine gedacht, in der M. vorfahren sollte, nur wovor wusste noch nicht. Vor einem Standesamt, um eine engelsgleiche Schönheit zu heiraten? Vor einer ausverkauften Halle, in der der oft mit neurodermitischen Pickeln übersäte Dichter eine seiner Lesungen vor Menschen halten würde, die ihn skandierend schon beim Eintreten der Halle hochleben ließen, oder wovor?

Ich beschloss, die Limousine zu pimpen, indem ich den Radstand verlängerte und die Halle, die ich im wirklichen Leben nie füllen würde, denn meine Realität sind Lesungen mit acht bis sechzehn Menschen, mit zwölftausend Menschen zu auszuverkaufen und Pop-Corn Arena zu nennen. Warum nicht, es gab alle möglichen Arenen, weshalb sollte meine nicht Pop Corn Arena heißen.

Als die gepimpte Limousine vorfuhr, stellte der Chauffeur, ein dicker Neger, dessen Mutter im Westen Westfalens vor einem Vierteljahrhundert von dem Bassisten eines in der evangelischen Kirche gastierenden Gospelchores im Anschluss an das Konzert in der Sakristei geschwängert worden war und danach nie wieder von diesem Chor, geschweige diesem Bassisten gehört hatte, trocken fest: heute ist hier gar keine Lesung.

Ich erschrak. Mein erster Versuch, eine Geschichte in Gang zu bringen, war kläglich an Terminmissverständnissen gescheitert. (Hören Sie dazu: der unvollendete Roman)

10:53

Romananfang 2

Herr N. ein mit fünfundzwanzig Jahren schon kurz vor der Promotion stehender Sohn eines Schiffsreeders, der nach der Havarie seines größten Schiffes Selbstmord verübt hatte, hatte, als er mit seinem Doktorvater Frau Professor Dr. O. in deren Büro saß, um mit ihr über das Thema seiner Arbeit, ("Der unvermittelte Zusammenbruch der Erzählstruktur im Werk des Schrifststellers M. und die Folgen für die literarische Tradition des frühen 21. Jahrhunderts im Hinblick auf die narrative Freiheit des Individuums") zu sprechen, plötzlich den tiefen Wunsch, Frau Professor Dr. O. seine Liebe zu gestehen, eine Liebe, von der er bis dato nichts gewusst hatte.

Er schaute Frau Professor Dr. O. an.
Es muss wohl die Tiefe dieses Blickes gewesen sein, der Frau Professor Dr. O. bewegte, sich spontan und in Eile zu entkleiden.

Mit allem hatte Herr N. gerechnet, damit nicht. Er flüchtete entsetzt, wurde vom Wachpersonal aufgehalten, Frau Professor Dr. O. erschien und behauptete, er habe sie sexuell belästigt.

Seine Karriere als Philologe hatte sich erledigt, so dass er begann, für einen im Sauerland residierenden Verlag Liebesromane zu verfassen, einen pro Woche. Er nannte seine Helden Jack T. Dick, Maureen Cunt, Titt o'Sheen oder Asshole T. Burns.

Das Schreiben machte ihm Freude, schon bald konnte er sich einen gebrauchten Audi R8 zulegen und eine 23 m2 große Wohnung mit Außentoilette und Balkon mieten. Das sollte sein Leben verändern. (Hören Sie dazu: Buddha)

12:02

Romananfang 3

Der Philosoph P., der nach zwölfjärigen Aufenthalt in den Höhlen Tamil Nadus, wo er einen kleinen Tempel zur Erlangung höherer Einsicht geführt hatte, die erforderlich machte, am frühen Morgen Chillums von der Größe kleiner Trompeten mit Manali zu füllen und zu rauchen, verfiel, als er in Frankfurt deutschen Boden betrat und hörte, dass das Land wiedervereinigt und auf dem besten Wege sei, sich zur Weltmacht aufzuschwingen, in eine tiefe Depression.

Da es zwar Chillums gab, die damit zu befüllende Menge Manali in diesem Land aber legal nicht erhältlich war, begann er mit landesüblichen Drogen zu experimentieren, was jedoch schnell dazu führte, dass er kaum noch durchschlafen konnte, weil ständiger Harndrang dies verhinderte. P. war ratlos. Was konnte ein so gut aussehender Mann wie er jetzt noch tun? (Hören Sie dazu: Die Krise)

16:09

Romananfang 4

Jeden Tag zwischen vier und fünf, wenn sie nicht nach Hause kommt, frage ich mich, wie das gehen soll, ohne sie, die so eng mit der Gegenwart verknüpft war, dass die Welt augenblicklich Sinn machte, wenn sie heim kam, nur sie schaffte das.

Aber sie kommt nicht mehr. Sie ist fort. Sie hat sich nicht von mir getrennt. Sie ist tot. Sie ist den gemeinen Tod der Gegenwart gestorben, den Krebstod, und ich schreibe Romananfänge, schneide Loops und singsange Texte, ich flüchte in Bücher, Gespräche, Abende im Theater, in Reisen hierhin und dorthin, aber tatsächlich bin ich allein.

So kam es, dass ich den Philosophen P. besuchte, der im Sauerland Liebesromane schrieb, und ihn fragte, ob und wenn ja, wie es ihm gelänge, Sinn in sein Leben zu bringen.

Der kleine, mit Neurodermitispickeln übersäte Mann lachte und bat mich, in seine Stretchlimousine zu steigen und eine Spritztour mit ihm zu machen. Eine Spritztour? Ja, allerdings brauche er noch einen Augenblick, er müsse etwas erledigen, er leide, wie ich wohl wisse, unter Harndrang, der zu beschwichtigen keinerlei Aufschub mehr dulde.

Kein Problem, sagte ich.

Während er ausstieg und im Foyer der Halle, in der an diesem Abend keine Lesung stattgefunden hatte, nach einer Toilette suchte, begann ich mir Notizen zu machen. Der Verleger drängte auf ein wenig mehr Pikanterie in den wöchentlich erscheinenden Liebesromanen, und da galt es, nachzurüsten.

Zunächst entschloss ich mich, einen Spanier englischer Herkunft namens Freddie Tres Bollas einzuführen, dem ich gleich auf der ersten Seite ein derart blamables Liebesversagen auf den Lingnam schrieb, dass es eine Pracht war. Als ich überlegte, worauf ich dies zurückführen könne, schien es logisch, dass Freddie Manali geraucht haben müsse, das würde jeder sofort verstehen, selbst wenn er annähme, THC werde injiziert, führe augenblicklich zu körperlichem Verfall, lebenslanger Sucht und ewigem Schwachsinn.

Kaum notiert, tauchte der Herr N. auf und behauptete, Frau Professor Dr. O. habe sich zwar entkleidet, was er zunächst nicht habe glauben wollen, danach aber sei alles ganz anders gekommen.

Er nämlich habe nach anfänglich leichtem Ekel gedacht, es könne nicht schaden, eine 60jährige zu ficken, die sein Doktorvater sei, und tatsächlich, es habe nicht geschadet, wenngleich es auch mühsam gewesen sei, aber geschadet, nein, im Gegenteil, er habe mit besten Noten promoviert und nun sei die Professorin bereit, ihm überall hin zu folgen, und seien es die Höhlen in Tamil Nadu, nach denen er sich noch oft sehne.

Wo immer du hin willst, hatte sie gesagt, nachdem sie ihr Gebiss, das beim Küssen erheblich gestört hatte, wieder eingesetzt hatte. Worauf er ihr eine Reise nach England vorgeschlagen habe. (Hören Sie dazu: Die Überfahrt)

22:49

Romananfang 5

Professor Dr. O. und N. saßen auf dem Fußboden eines Büros im fünften Stock des Universtitätsgebäudes und aßen Schokolade. N. sagte, dass er nie im Leben gedacht hätte, die Geschichte könne so eine Wendung nehmen. Und meine Liebe ist echt! sagte er. Echt? Sie lachte. Du bist 25 und ich bin 60, was, außer unserem Alter, könnte daran echt sein? Alles, antwortete er. Und dass du geschrieben hast, du hättest dich geekelt und das mit meinem Gebiss? fragte sie. Das war nur so dahingeschrieben, sagte er, ich schreibe viel so dahin und weiß nicht, ob es stimmt, im Grunde genommen weiß ich überhaupt nichts, es ist wie in meiner Doktorarbeit, alles hat sich aufgelöst, irgendjemand
hat Strukturen zerschlagen und keine neuen erfunden. Ach, dann hat die narrative Freiheit des Individuum Schuld, wie? fragte sie. Er nickte. Sei froh, dass du mir diese Arbeit vorgelegt hast, sagte sie, woanders hätten sie dich damit hochleben lassen. So siehst du das? fragte er. So sehe ich das, sagte sie, und bilde dir nicht auch noch ein, dass du ein guter Ficker wärst. N. stand auf, überlegte, ob er sie schlagen sollte, ließ es und ging. (Hören Sie dazu: Dolch aus Gold)


Fr 2.10.09   10:05

Romananfang 6

Während der Philosoph P. noch auf der Suche nach einer Toilette in der Halle umherirrte, hatte N. seine Wohnung erreicht und dachte darüber nach, welche Arten es gäbe, sich das Leben zu nehmen? Er malte sich eine wie die andere aus und beschloss, so etwas könne man der Schöpfung nicht zumuten, selbst wenn man wisse, dass man nichts wisse, der Beweis für ein Höheres Wesen also im Nebel, aber (dachte er froh) ebenso denkbar und möglich wie undenkbar und unmöglich.

Kein Unterschied also, woraus er folgerte, dass es nicht schaden könne, hin und wieder mit ihm zu sprechen. Er müsse ja nicht gleich eine Fahne heraushängen, er könne das Gespräch ja persönlich halten und weitersehen.

Freddie Tres Bollas, könnte es an seiner Statt tun, das ist ja das schöne an Romanfiguren, er könnte es ihn auf spanisch-britische Art tun lassen, trocken, voll von schwarzem Humor, voller Leidenschaft und Blutverlust, vielleicht - wenn Freddie zu den Seven Sisters nach Hastings reiste und sich mit seinem Maserati Cambiocorsa ins Nichts stürzte, hunderfünfzig Meter hinab, das hätte Stil, doch dann fiel N. ein, dass sein Verleger dramatische Wendungen in den wöchentlichen Liebesromanen zwar schätzte, aber immer darauf drang, das Leben seiner Helden zu schonen.

Also schickte er Freddie stattdessen zu einem Stierkampf, der, das wusste er jetzt noch nicht, dramatischer endete, als er es sich hätte ausdenken können, denn einer der Stiere war so wild, dass fünf Piccadores ihn nicht davon abhalten konnten, die Stierkampfarena mit einem Sprung über die Balustrade zu verlassen, was zu einer Massenpanik führte, bei der zehn Menschen ums Leben kamen, Freddie war einer von ihnen.

So getröstet mit dem heiligen Unsinn der Realität, beschloss N., die Professorin um Verzeihung zu bitten, während der Philosoph zu seiner Stretchlimousine zurückkehrte, sich in den Sitz fallen ließ, mir zulächelte und dem Chauffeur die Anweisung gab, in das Restaurant Zur Herberge zu fahren, wo er essen und mir erläutern wollte, was es mit dem Leben, dem Glück und der Hoffnung der Menschen auf sich habe.

Alles, memorierte er kurz, damit er es gleich nicht vergäße, alles hänge am seidenen Faden des Wahnsinns, alles sei jederzeit möglich und der Mensch, hineingeworfen in diese Turbulenzen, habe nur eine Wahl: das Beste daraus zu machen. Alles Hadern führe zu nichts, alle Philosophie sei nichts weiter als Philosophie, der die Realität widersprach oder zustimmte, je nach Laune.

Ich genoss die Fahrt in der Stretchlimousine und dachte, dass es nicht schlecht wäre, reich zu sein, wenngleich ich mir nie ein amerikanisches Auto kaufen würde, ich träumte von einem jadegrünen Jaguar älteren Baujahres, den ich mir vom Erlös meiner Romananfänge sicher bald kaufen konnte.

Dann traf ich Vorbereitungen für meine Abreise. Ich führe auf eine Insel, soviel war klar. Und die, die ich mehr liebte als mein Leben, führe mit, wenngleich in einem anderen Aggregatzustand als der Rest der Menschheit, aber das machte nichts, ich hatte es ihr versprochen. (Hören Sie dazu: Bericht von der Insel)

12:45

Romananfang 7

Das Leben Schriftstellers M. nahm, als er, beunruhigt von täglich zahlreicher werdenden Eiterpickeln einen Arzt aufsuchte, ebenfalls eine Wendung. Der Arzt, eine Ärztin, verschrieb eine Salbe, die, sagte sie, bei allen, die mit ähnlichen Symptomen zu ihr gekommen wären, immer sehr schnell angeschlagen habe. Gut, sagte M., von dem Abend im Restaurant Zur Herberge noch ein wenig benommen und wortkarg, das war doch, was er wollte, sofortige Wirkung.

Als er zuhause den Waschzettel las, wurde ihm kalt und heiß. Hatte die Ärztin ihn denn nach all den zu erwartenden, in äußerst seltenen Fällen auftretenden Wechselwirkungen und Reaktionen dieser und jener Art gefragt? Nein, das hatte sie nicht, wohl im Vertrauen darauf, dass das, was auf Waschzetteln steht, eher in der Bereich der Fabel einzuordnen wäre, aber da war M. ganz anderer Meinung. Er trug die Salbe zurück in die Apotheke und ging von dort sofort wieder zur Ärztin. Die hörte sich seine Einwände an und sagte pikiert, wenn er sowieso alles besser wisse, solle er doch jemand anders belästigen, nicht sie.

Belästigen? sagte M. Ich belästige Sie doch nicht. Ich verlange nur eine fundierte Auskunft. So? sagte sie Ärztin. Eine fundierte Auskunft. Wissen Sie eigentlich, wovon Sie reden? Wissen Sie, dass ihre lästigen Pickel ebenso auf Neurodermitis hindeuten können als auch auf jede andere denkbare Krankheit? Wissen Sie von den Mysterien des menschlichen Organismus, der eines mit dem anderen verbindet und das andere mit dem einen?

Nein, antwortete M. wahrheitsgemäß, das weiß ich natürlich nicht, aber ich ahne es. Sehen Sie, sagte die Ärztin, auch ich ahnte es, als ich Sie sah. Was also sollte ich Ihrer Meinung nach nun tun? Untersuchen Sie mich, sagte M. Untersuchen Sie mich von oben bis unten. Das zahlt niemand, sagte die Ärztin trocken, das müssten wir privat abrechnen. Rechnen Sie, sagte M., der ja nicht der Ärmste war, Schriftsteller zählen zu den Top-Verdienern der Republik, vor allem die hässlichen, mysteriösen, die, die niemand versteht und die, die immer ein Zitat einpfriemeln können in ihre lebensferne Prosa. Also gut, sagte die Ärztin, dann also sofort ab zur Blutabnahme, hier drei Briefchen für das okkulte Blut im Stuhl, übermorgen zum Urologen, nächste Woche zur Darmspiegelung, zwischendurch Kernspintomographie, und dann sehen wir uns, so Gott will, in vierzehn Tagen wieder, vorausgesetzt, Sie sind dann noch ganz gesund.

Tatsächlich war M. nach diesem Parforceritt durch die Niederungen der Vorsorge ganz und gar nicht mehr gesund, es waren Gallen- und Nierensteine zu entfernen, nebenher hatte man festgestellt, dass auch die Prostata nicht gerade klein wäre, weshalb man zur Gewebeentnahme einen Durchstich plante und das Ding da, sie zeigte auf ein Röntgenbild, das drei seltsame Schatten aufwies, das da, was glauben Sie, was das ist, fragte die Ärztin triumphierend. M. zuckte die Achseln. Die neurodermitischen Pickel waren wie durch ein Wunder fast verschwunden. Das, sagte die Ärztin, sind drei Hoden! Drei Hoden? sagte M. fassungslos. Ja. Da staunen Sie, wie? sagte die Ärztin. Allerdings, sagte M. peinlich berührt.

21:30

So weit, so gut.
Jetzt verlasse ich Sie jetzt erst einmal.
Ich fahre nach Holland.
Ich werde eine Woche auf Ameland wohnen. (Hören Sie dazu: Unser Ziel.)


Mo. 5.10.09 16:00

Als Herr M. von seiner kleinen Rundreise zurückkehrte, (er war der Wattseite der Insel gefolgt, hatte sie an ihrer schmalsten Stelle überquert und im Strandcafé eine heiße Schokolade mit Sahne getrunken, ein süßliches Getränk aus homogenisierter Milch und Schokoladenpulver, das landesweit getrunken wird, und wenn er es ganz toll treibt, der geizige Holländer, bestellt er noch ein Stückchen Apfeltorte dazu, auch ein Fabrikprodukt, wenngleich schmackhaft), stellte er sich einen Liegestuhl vor die Tür seines Ferienhauses, legte sich in die Sonne, las eine Weile, wunderte sich, dass sie zwar bei ihm war, aber nicht sprach, hatte irgendwann die Augen geschlossen und war in einen Zustand zwischen Wachen und Schlaf gelangt, der ihm vorkam, als könne er das Leben lassen. Ja. Für Augenblicke hatte er sich gefragt, ob er nicht vielleicht längst tot wäre, denn die Ruhe in ihm war eine große Ruhe und wenig menschlich, und wie er da so lag und sich wünschte, dass niemand ihn reanimiert und er tatsächlich tot wäre und vielleicht seine Frau träfe, hörte er Stimmen und wusste, das Leben geht weiter.

18:47

Ringsum sauere Wiesen bis zum Deich. M. sitzt am Tisch vorm Fenster des Ferienhauses. Er hat zwei Oude Jenever und ein Bier getrunken, hat seine E-Mails gecheckt, natürlich war nichts von Belang, der Abend kriecht feucht über die Insel, alle sind ausgeflogen, dahin, wo die anderen sind, er ist hier, wo nur er ist und sie, sie in einer kleinen chinesischen Vase.



Er überlegt, ob er sie freigeben soll, eine Hand voll ums Haus, wäre das, was sie wollte? Sie nickt. Er steht auf, nimmt den Deckel von der Vase, schüttet eine Hand voll in seine Hand, geht damit ums Haus und verstreut sie.

Danke, sagt sie.
Keine Ursache, sagt er.


Di 6.10.09 11:30

Jedes Jahr fragt man: wieso fährt man auf diese Insel? Wieso schon seit dreißig Jahren? Wieso steht man auf dem Deich und schaut aufs Wasser und fühlt sich entrückt. Wieso wandert man Stunden um Stunden durch Dünen und übern Strand und bestaunt die Veränderungen, die Wasser und Wind der Insel zufügen?

Wieso tut man das?

Ich weiß es nicht. Und wieso ich es dieses Jahr tue, weiß ich noch weniger, denn dieses Jahr fehlst du, du bist an allen Ecken und Enden und doch nicht da, sodass ich verzweifeln könnte, wäre ich nicht der, der ich bin, aber beweinen kann ich dich, und wenn ich nicht so faul wäre wie heute, morgen zum Beispiel, könnte ich dich über die Insel tragen, könnte unseren Lieblingsspaziergang gehen, über den Rietpad, den Finnegatpad, an Ballum vorbei bis nach Nes, das könnte ich tun, aber nicht heute, heute bewege ich mich keinen Meter, oder falls, keinen Meter mit dir, denn mein Herz ist schwer.

Ich musste allen Mut zusammen nehmen, um überhaupt her zu kommen, denn letztes Jahr saßt du da und ich hier, wir ließen die Tage verstreichen, das begreife, wer will. Letztes Jahr noch und gerade mal sechzehn Wochen sind vergangen, seit du sagtest, ich mache jetzt einen Mittagsschlaf, wir sehen uns später, und als wir uns sahen, warst du schon tot.

Schwester Sarah und ich zogen dir das Kleid aus, das du in den letzten Tagen getragen hattest. Es war dir lieber als die Nachthemden, an Nachthemden ist immer eine Rüsche zuviel oder das Muster atmet süßliche Verspieltheit.

Ich hatte dir ein Kleid gekauft, ein wunderschönes Kleid, grün, das Kleid für die überstandene Krankheit, das dem glich, das wir in Wien gesehen hatten, mitten in der Nacht in einem spärlich dekorierten Schaufenster, jetzt war die Krankheit überstanden, aber so anders, als wir erhofft hatten, und um es dir anziehen zu können, mussten wir dir das alte ausziehen. Nicht einfach, und so entschloss ich mich, es zu zerschneiden, fertig, es wurde ja nicht mehr gebraucht und du solltest schön sein.

Sechzehn Wochen, hörst du, sechzehn Wochen.
Wir haben sie überlebt. Keiner von uns ist verrückt geworden.

Alles ist normal.

Drei Tage nach deinem Tod ist unser Enkel geboren.
Er gedeiht. Es gibt welche, die sagen, er sei dir aus dem Gesicht geschnitten.
Ich kann so etwas nicht sehen.

Ich habe die Tricks, Kinder glücklich zu machen, nicht verlernt, sogar der mit dem Tuch überm Gesicht funktioniert schon. Ich kann den Enkel anziehen, ohne mir seinen geballten Zorn zuzuziehen, ich kann mit ihm reden, ich rede mit ihm durch die Augen, durch Lachen, über den Tonfall, sechzehn Wochen normales Leben nach meinem und deinem GAU, wer soll das verstehen

Alle, die dich kannten, sagen, du würdest das und das gut finden.
Ich glaube das auch. Aber ich bin jetzt in allem viel treuer. Als moralische Instanz bist du größer als je zuvor. Als Lebende konnte ich dich in Frage stellen, als Tote nicht mehr.

Also ist Dienstag, es ist mild, ein wenig verhangen, der Himmel kann aufreißen oder auch nicht, ich sitze sprachlos vor so viel Normalität. Dass man so was erträgt, denke ich, dass man nicht aus Liebe gleich hinterher stirbt, wäre das nicht die richtige Reaktion?

16:00

Ich war mit dem Enkel spazieren. Der Wind trieb ihn im Kinderwagen vor mir her. Ich lief eine Stunde. Er schlief. Ich trug deinen Schal. Ich finde es ungerecht, dass der alte Schafbock hinterm Haus noch lebt und du nicht. Aber ich kann es nicht ändern.

17:51

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

66

ängstlich
wäre das leben nie
sagte die
die es wusste
zu dem
der gehört hatte
von einem
dass es eine wie sie
vorher nicht gab
und dass es sie nie mehr gäbe
weil ...

18:17

Die Eltern schauen bei Freunden fern, der Opa sitzt, passt auf das Kind auf und schaut aus dem Fenster. Das Kind macht es ihm leicht. Es ist einfach eingeschlafen. Es brauchte nicht einmal seinen Schnuller. Eine Weile vorher hatte er noch neben ihm gelegen und Spielchen mit ihm gespielt.

Das Kind liebt vor allem den über seinem Gesicht kreisenden Ball, es liebt, Opa in den Bart zu greifen und hat es gern, wenn Opa sanft in sein Gesicht pustet und ihm lachend versichert: keine Gefahr. Bald hatte das Kind begonnen, zu gähnen, dann, die Eltern waren kaum aus dem Haus, war es auch schon in tiefem Schlaf.

Wie schön es aussieht. Wie entspannt es schläft.

Von ihm, das hat er sich geschworen, wird er sich nicht beim Vornamen nennen lassen, höchstens, dass er Opa Hermann zu ihm sagen darf, aber nicht Hermann, den Fehler macht er nicht noch einmal, seine Kinder dürfen das sagen, die haben es so gelernt, weil er dachte, Vornamen brächen die Herrschaftsverhältnisse, wären der Einstieg in eine bessere Welt, aber nun, wo er, drei Tage nachdem er Witwer wurde, Großvater geworden ist, unter diesen grausamen Umständen also, ist ihm die bessere Welt schnurzpiepgal. Er legt alles in die Waagschale der Tradition. Er will Opa sein, Opa ist er, Basta, kein Hermann kommt mehr dazwischen. Höchstens: Opa Hermann. Gern auch: Opa Klavier. Opa Schlagzeug. Opa Buch. Wenn schon nicht mehr Seite an Seite mit Oma Chris, dann Opa Hermann, zum ersten, zum zweiten, zum dritten.

20:38

Ob er sich Zigaretten kaufen soll, denkt er, aus lauter Langeweile, aus Trotz, aus wilder Wut, aus Lust, das Leben/den Tod herauszufordern, komm doch, komm her, ich nehme es mit dir auf, was sonst sollte das Zwicken bedeuten, hier und da, das Zwicken aufschimmernden Alters, also kauft er nun Zigaretten oder kauft er sie nicht. Er kauft sie nicht.

20:46

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

67

ich esse dich
trinke dich
reib dich in alle ritzen
es hilft und hilft nicht


Mi 7.10.09 12:27

Jetzt, langsam, kommt ein Leuchten ins Grau, vorhin, als ich ging, um dich der Insel zu schenken, war kaum Wind, und schon bald ging Niesel los. Der macht schön, hast du immer gesagt, der und die Luft, das macht schön, fühl mal, meine Haut. Ich bin schön. Du bist schön.

Wie du davon flogst, als der Wind auf der Krone der Engelmannsduin auffrischte, und dann später, am Bornriff, als Wölkchen, das niemand mehr halten kann, nicht einmal Liebe. Hättest dich sehen sollen!


14:06
Stürme haben der Küste am Bornriff zugesetzt.
Wo früher die Dünen ausliefen, ist jetzt auf einen Kilometer ein- bis vier Meter hohe Steilküste.

15:49

Warm jetzt, 17 Grad.

20:56

Stoned jetzt.

Musste mit einem Rad heimfahren, dessen Dynamo nicht funktioniert. Ich hasse das. Ich fühle mich ohne Licht unwohl, außerdem kann man ohne Licht nicht durch die Dünen fahren, und gerade das liebe ich so. Muss also das Rad morgen umtauschen. Denken die Holländer natürlich, diese Deutschen. Denken Sie ständig. Aber ich denke ja auch: diese Holländer. Erschwerend in meinem Fall: ich habe schon einmal getauscht. Mein erstes Rad hatte einen Dynamo in der vorderen Radnarbe und das Licht funktionierte mit Sensor, aber der hintere Reifen hielt keine Luft.

21:05

Morgen vielleicht mit den jungen Leuten nach Nes.
Würde mich freuen.


Do 8.10.09 10:15

Jetzt fahre ich Jahr um Jahr auf diese Insel, und gestern Abend kam es mir vor, als fiele mir zum ersten Mal auf, dass der Kirchturm am Ende unserer Straße vier weit ins Land leuchtende Uhren hat, zu jeder Himmelsrichtung eine. Die Frau meines Freundes, die mich darauf hinwies, sagte, ihre Kinder hätten sie für verrückt erklärt, als sie gesagt habe, der Kirchturm habe Augen, Mama, hätten sie gesagt, du siehst Gespenster, aber sie hat keine Gespenster gesehen.

Merkwürdig auch, dass die Uhren nicht mittig angebracht sind, sondern jeweils an der äußeren rechten Seite des Turms, und das reihum. Dass mir das bisher nicht aufgefallen ist. Haben denn alle Kirchtürme vier Uhren und ich habe sechzig Jahre gelebt und das nicht gemerkt?

Existentielle Fragen, meine Damen und Herren, ich beantworte sie gern.

Meine Befürchtungen, die Erinnerungen könnten mich erdrücken, haben sich nicht bestätigt, im Gegenteil, ich bin glücklich mit ihnen, ich stelle mich und mein Spaziergang mit dir war der Durchbruch. Es geht mir gut. Ich bin traurig, aber es geht mir gut. Ich habe nichts zu bereuen, ich schaue mit Zuversicht nach vorn, und die Tränen, die ich vergieße, vergieße ich gern. Alles für dich, meine Liebe.

18:26

Wir hatten zwei Drittel des Weges hinter uns, als eine anthrazitfarbene Wolkenbank aufzog. Aber wie so oft auf der Insel, als sie heran war, löste sie sich nach und nach für uns auf, und die Regenvorhänge blieben hinter und einige vor uns, nie über uns.

In Nes erfuhren wir, dass in Hollum ein Buckelwal auf den Strand gespült worden sei. Fuhren heim und besichtigten ihn. Arme Kreatur. Lebt vor Schottland und Norwegen. Ob er sich verschwommen hat und warum er starb, das wollen die Männer vom Rijkswaterstaat morgen herausfinden. Bis dahin wird er am Strand liegen und stinken.

Fr 9.10.09 17:08

Balkanmusik aus Jans I-Phone. Sonne halbschräg übern Tisch, das letzte Glas Rotwein, morgen fahren wir heim. Die Woche in meinem Bett war nicht die bequemste, heute nacht hat es mir die Halswirbel verspannt. Ich hätte mein Gesundheitskissen mitnehmen sollen, aber es gibt Schlimmeres.

Ich bin dir sehr nah, du bist mein Engel. Ich spüre dich, wir haben Kontakt, ich weiß, dass das Einbildung ist, aber das ändert nichts an der wohltuenden Wirkung, deshalb nehme ich es als das, was es ist. Es ist, was es ist, sagt die Liebe, sagte Herr Fried vor langer Zeit und war damit sehr erfolgreich.

Gestern waren wir zu Fuß unterwegs, heute bin ich mit dem Rad durch die Dünen nach Nes gefahren. Südöstlicher Wind stand gegen mich, dafür hatte ich ihn auf dem Rückweg an der Wattseite hinter mir, was das Fahren leicht, fast fliegend macht.


Heute früh gegen acht zum Strand.
Mein Plan: noch ein paar Fotos machen ohne all die Menschen, die den Wal gestern umringten.



Spezialisten zum Ausmessen wurden erwartet, Bagger kamen, schwere Radlader, ein Trecker mit langem Pritschenanhänger, ein LKW mit aufliegendem, halboffenen Container. Und natürlich Insulaner, Männer meines Alters und älter mit schwarzen Strickmützen und Bärten, und alle hatten Digitalkameras, und alle standen beieinander und beredeten, was gleich passieren würde.

Und dann kamen die Spezialisten. Vier Männer, von Kleidung und Auftreten schon von weitem als Spezialisten erkennbar. Sie hielten Konferenz mit den Einheimischen, umschritten das Tier und gingen wieder fort.

Ich dachte, nun holen sie ihre Spezialistenausrüstung. Das taten sie auch, aber sie zogen sich zunächst einmal um, und sahen danach aus wie Spezialisten, die sich umgezogen hatten. Wasserfeste Kleidung, Stiefel und Handschuhe. Nou dat de specialisten sich omgekled hebben, zou het zeker so meteen beginnen*, sagte ich zu einem der Spezialisten. Er antwortete: "misschien..." vielleicht und lächelte.

*(Jetzt, wo die Spezialisten sich umgezogen haben, geht es sicher gleich los...)

Ihre Spezialistenausrüstung war enttäuschend. Sie erschöpfte sich in Maßbändern, Notizblöcken mit dazugehörigem Kugelschreibern und mehreren, unterarmlangen Messern, mit denen sie das Tier vorsichtig und auf alles gefasst seitwärts öffneten, bis literweise Blut heraus sprudelte und der Gestank, den man nur wahrnahm, wenn man im Wind neben dem Wal stand, wurde aufdringlicher.

Der Baggerfahrer und zwei Männer hatten eine Tragschlaufe unter das Ende des Buckelwals platziert, der Bagger hob es an, von links und rechts kamen Radlader mit großen Schaufeln und gruben sich unter das Mittelteil, hoben es an, hielten es, die Tragschlaufe am Ende wurde entfernt und unter den Kopf gebracht, der Kopf wurde angehoben, dann schob ein Trecker die Pritsche unter den Wal.

Den Rest habe ich nicht mehr gesehen, es war zehn Uhr, mir war nach Kaffee und Frühstück.

Eh ich losgefahren war, hatte ich wie Stevie Wonder geschissen.
Unsere Ferienhaustoilette ist, wie alle Toiletten in den Niederlanden, so klein, dass man eigentlich kaum mehr darin tun kann, als sich der Schüssel rückwärts und mit herunter gelassenen Hosen zu nähern. Es gibt kein Fenster, dafür ist in der Decke ein Ventilator angebracht, der, mit dem Lichtschalter gekoppelt, nach einer gewissen Verweildauer von selbst anspringt, dann aber noch zehn Minuten nachbrummt, und zwar laut. Da noch alle schliefen, wollte ich das vermeiden und machte das Licht aus.

Und da war mir wie Stevie Wonder. Ich konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Das ist eine sehr interessante Erfahrung. Obwohl ich ja um seinen Körper weiß, war es ein wenig so, als wäre ich nur Geist in totaler Dunkelheit. Wenn ich mich anfasse, bin Geist mit, sagen wir, Knie, aber grundsätzlich bin ich körperlich nicht existent. Werde den Versuch später noch einmal wiederholen

Es war eine gute Woche.
Ich bin froh, dass ich gefahren bin.
Ich soll dich grüßen von Josien, die sich noch immer nicht Duzen lässt, obwohl sie eine ihrer letzten Mails mit Josien unterschrieben hat. Sie mag dich sehr. Sie sagt, wie schön, dass du so nah bei mir bist.


So 11.10.09   15:45

Romananfang 8

Damals stand eine Orgie ins Haus. Er war jung, ich war jung, je nachdem, wie wir das halten mit der Identität des Erzählers und der seiner Helden, mir ist das einerlei, ich darf alles, ich bin der Erzähler, stellen Sie sich also vor, was Sie wollen.

Sie waren jung, Sie hatten sich auf dieses Abend eingelassen, Sie hatten vielleicht eine Freundin oder einen Freund, und dann entwickelt sich diese Party, auf die Sie durch Zufall gerieten, seltsam schwül, etwas stieg ihnen in die Nase, das Sie nicht riechen konnten, es schwirrte irreal um Sie, und eine innere Stimme riet Ihnen, möglichst schnell zu verschwinden.

Sie kennen die Menschen ja nicht, Sie haben nicht das Gefühl, mit ihnen das tun zu wollen, was Sie sonst nur mit ausgewählten Menschen tun, vielleicht aber auch noch nie getan haben, weil Sie so jung sind, so unerfahren, so etwas wollen Sie nicht, damit haben Sie nichts zu tun, also verschwinden Sie schleunigst.

In diesem Roman aber, der achte in Serie, könnten Sie sich das vorstellen.
Der Nachmittag ist verregnet, man sitzt in einer kleinen Küche, man trinkt Kaffee, man raucht Zigaretten, isst Schokolade und redet über dies und das, der Kreis ist überschaubar, die Frage ist nur, wie stellt man das an, wie kommt so etwas in Gang, ohne die Intimsphäre der Menschen zu verletzen?

Könnte man nicht einfach sagen, lasst uns das und das tun, und so lang, wie es Freude macht?

Vielleicht, denken Sie, aber dann denken Sie wieder, dass man so etwas doch nicht tut, und dass man, angenommen, man schlüge es vor, Porzellan zertrampelte, das man nicht zertrampeln will, und dass das alles zu komplizierten Verwicklungen führen könnte, und dann erinnern Sie sich, dass sie damals, als diese Orgie ins Haus stand, die Sie in Eile verließen, eh sie richtig begann, froh waren, dass Sie sie verlassen hatten, doch dann hörten Sie am nächsten Morgen von ihrem Verlauf, und ehrlich gesagt, war das denn so schlimm?

Sie wissen es nicht, Sie waren ja nicht dabei, aber an diesem Nachmittag hat es geklappt, an diesem Nachmittag hatte es sich ergeben, und so lagen Sie da zwischen zwei molligen, hübschen Frauen oder zwei Männern (welches Geschlecht, dick, dünn, jung alt und wieviele bleibt Ihnen überlassen), tranken Kaffee, rauchten Zigaretten, aßen immer noch Schokolade, und dachten, dass es schön war, es war ein angenehmer Zeitvertreib, niemand wurde zu irgendetwas gezwungen, man hatte gelacht und gealbert, also denken Sie, dieses Romaneschreiben ist doch eine feine Sache, was man da alles machen kann, was man sonst nie täte, und niemand bemerkt es, weil niemand weiß, ob es wahr ist oder nur Fiktion.

Und dann schieben Sie, der Sie jetzt der Erzähler sind, der auktoriale Erzähler, den finalen Satz hinterher: es war alles nur ausgedacht. Es gibt keinerlei Übereinstimmungen mit dem realen Leben, weder mit dem des Schriftstellers (also mit Ihnen, wenn Sie wollen, mit mir oder sonst wem), keine lebenden oder nicht mehr lebenden Personen sind involviert, es ist nichts weiter, als das, was es immer ist, es ist, was es ist, ein Roman, erstunken, erlogen und nur dazu da, Ihnen für kurze Zeit die Zeit zu vertreiben.

Mehr nicht, nicht weniger, alle dem Roman (und der Literatur) darüber hinaus angedichtete Hochkultur ist Hochkulturgerede und soll nur davon ablenken, dass es im Brecht'schen Sinne um Ficken, Fressen und Saufen geht, und natürlich ums Sterben.

Wir melden uns also wieder, wenn der Roman Nr 9 beginnt, von dem niemand (weder Sie noch ich) weiß, wie er beginnt, wo er hinführt und wie er endet. Dieser endet mit den angenehmsten Erinnerungen an etwas, das nie geschehen ist und nie geschehen wird, oder vielleicht doch, nichts als Einbildung also, wie die ganze Welt mit all ihren mit unseren Sinnen wahrnehmbaren Ereignissen nichts als eingebildet ist, denn wer garantiert Ihnen, dass die Welt, wenn Sie die Augen schließen, noch genau dieselbe Welt ist, wie die, die Sie Augenblicke zuvor wahrgenommen haben?

Sehen Sie: niemand.
Sie berufen sich auf das Gesetz der Wahrscheinlichkeit?
Bitte. Auch das ist nur Einbildung.

20:51

Weg da, weg, weg, mein Wal...




Mo 12.10.09   14:08

Von der Temperatur bis zur politischen Stimmung ist heutzutage vieles "gefühlt", sodass ich manchmal fürchte, vor lauter Gefühl umzukommen, aber dann wird es nicht kälter oder eben doch, der "gefühlte" Umschwung/Aufschwung/Abschwung kommt später bzw. gar nicht, hat längst begonnen oder ist schon wieder vorbei, man weiß es halt nicht, man "fühlt", und auch der Weg entlang des Aa-Sees, ein in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts angelegter See (ein Toter bei Ausschachtungsarbeiten, Gedenktafel), ist seit "gefühlten 100 Jahren" mein Weg in die Stadt, vorausgesetzt, ich bin mit dem Rad unterwegs. Das ist zwar verboten, aber niemand hält sich daran, nicht einmal der Polizeipräsident der Stadt Münster, ein Grüner, der schon einmal Buße gezahlt hat, als er sich auf das "gefühlte" Recht verließ.

Als ich gestern zum einem Treffen mit meinen Großcousinen fuhr, versperrte eine ebenfalls Rad fahrende Frau mit großem Hund den Weg in voller Breite. Ich klingelte. Sie schaute sich unwirsch um und sagte zu mir: Sie dürfen hier gar nicht Rad fahren. Sie aber auch nicht, sagte ich verwundert, worauf Sie mir beschied: Ja, aber ich klingel auch nicht.

Noch Kilometer später wusste ich nicht, ob und welche Logik hinter die Antwort steckt, oder ob es sich bei dieser Frau einfach um eine renitente Zicke aus besseren Kreisen handelte, die es gewohnt ist, bestimmte Dinge in Anspruch zu nehmen, die sonst niemand darf. Ich weiß es nicht. Ich war, wie gesagt, verwirrt und bin es noch immer.

15:02

Romanfang 9

Wir beschlossen, Freddie Tres Bollas auf sie anzusetzen. Sein Charme, seine leuchtenden Augen, sein Lamborghini, das alles würde Eindruck machen. Es war leicht, ihre Adresse herauszubekommen. Zwei, drei Telefonate und wir hatten sie. Der erste Eindruck war richtig. Sie wohnte sogar am Aa-See, was ihr Verhalten erklärbarer machte, aber Freddie Tres Bollas, gewohnt, schwierigste Aufträge schnell und diskret zu erledigen, wies das zurück. Strafe müsse sein, sagte er, und die ihr zugedachte Strafe lautete ....

Jawohl, das hätten sie jetzt nicht erwartet, es ist natürlich politisch unkorrekt, aber Freddie Tres Bollas hatte, wie Sie zu Recht vermuten, überschüssige Reserven, die regelmäßig entsorgt werden wollten. Er notierte sich unseren Auftrag, überschlug die Kosten in einer schnellen, alogarithmischen Transaktion, schaute zu uns herüber und nannte seinen Preis. Wir waren einverstanden. Ob er sie denn einfach - wir wüssten schon. Ja, sagten wir, er solle sie danach einfach - er wüsste schon. Freddie lachte sein hinterhältigstes Lachen, schob die Finger seiner Hände ineinander und bog beide Hände so weit nach oben, bis es knackte, als bräche ein Bär durchs Unterholz.

Später fand man sie dann. Sie war sehr leicht gekleidet. Sie wollte nicht sagen, was geschehen war. Sie sagte nur, dass es ihr wichtig wäre, dass alle Welt wisse, dass sie nie wieder dumme Antworten geben wolle, und dass sie, darum bäte sie höflichst, Freddie Tres Bollas noch einmal wiedersehen dürfe, sicher habe er noch Reserven.

Wir schlugen ihr daraufhin vor, als Titt O'Sheen in unseren Romanen aufzutreten, was sie jedoch ablehnte. Sie wollte nicht Titt heißen. Wie es denn mit Maureen Cunt wäre, fragten wir, worauf sie freudig nickte. Wir nahmen an, dass sie, wie viele Zicken aus gutem Hause, kein oder kaum Englisch sprach.

16:38

Schon im letzten Jahr waren sie mir aufgefallen. Ich war sogar ein wenig erschrocken, denn wer - außer Holländern - würde Finger und Zahnprothesen aus Marzipan kneten, und sie in der Kuchentheke neben Törtchen und anderem Gebäck ausstellen.





Di 13.10.09   14:38

Gut, stellen wir also die Sinnfrage, sagte H.
O, bitte nicht schon wieder, antwortete M.
Dann also welche? fragte H.
Keine, antwortete M. Wir stellen einfach keine dieser komplizierten Fragen, sondern zur Abwechslung einmal Antworten.
Antworten stellen? fragte H.
Ja, was ist falsch daran?
Ich weiß nicht? sagte H. Ich habe noch nie eine Antwort gestellt.
Ich denn! sagte M. entrüstet.
Welche Antwort willst du denn stellen? fragte H.
Nun, sagte M. zögernd. Vielleicht: Die Zeit heilt alles.
Das stimmt nicht, sagte H. Das sagen sie nur so daher, um uns zu trösten. Die Zeit heilt vieles, alles nicht.
Gut, sagte M. dann stelle ich eine neue Antwort: Die Zeit vergeht.
Nicht einmal das ist sicher, sagte H.
Nicht einmal das Sichere ist sicher? fragte M.
Jetzt verdirbst du das Spiel, sagte H. Wir wollten doch Antworten stellen.
Entschuldigung, sagte M.
Macht nichts, sagte H. Wie wäre es mit: Du hast getan, was du tun konntest.
Das habe ich nicht, sagte M. Ich hätte viel mehr tun können.
Antworten mit hätte zählen nicht, sagte H.
Sondern? fragte M.
Das Herz ist die Antwort, sagte H. Nur das Herz antwortet richtig.
Mein Herz schmerzt! sagte M.
Das macht nichts, sagte H. Schmerz ist auch eine Antwort.

Das Foto zum Text:




Mi 14.10.09   9:49

Sie hockt am Tisch, starrt auf die Bühne und spricht manchmal Sätze. Ob sie für sich spricht oder mich meint, weiß ich nicht. Wenn ein Solo gespielt wird, klatscht sie demonstrativ und länger als alle. Dann liegt ihre rechte Hand wieder auf der Tischplatte. Eine kräftige Physiotherapeutenhand. Die Finger schlagen auf die Platte. Ein Rhythmus ist nicht zu erkennen, jedenfalls keiner, der mit dem Rhythmus der Band korrespondiert. Ihre rechte Gesichtshälfte ist gelähmt. Sie findet die Musik wunderbar.

Ich nicht. Ich finde sie langweilig. Ich weiß schon gar nicht mehr, wieso ich gekommen bin. Wahrscheinlich aus Verzweiflung. Aber eigentlich hatte die Verzweiflung erst hier begonnen. Zuhause auf dem Sofa hatte ich mich relativ sicher und wohl gefühlt.

Ich beschloss, wieder nach Hause zu fahren.

Im Gang vorm Club standen die Raucher. Da war es lebendig, da ging es hin und her, ich blieb einen Moment, und dann kam F. Soll einer sagen, Männer könnten nicht mitfühlen, der lügt. Seit du tot bist, habe ich unter all unseren Bekannten zwar erst drei Männer ausgemacht, die sich vor meiner Trauer nicht fürchteten, aber immerhin. Diesen dreien mein wärmster Dank.

Und jetzt taucht also F. auf, ein Trommler, den ich schon Jahre kenne, aber nicht gut. Er kommt auf mich zu, nimmt mich in den Arm und drückt mich und und bewirkt, dass ich bleibe. Und dann kommt auch noch R., der mir den mongolischen Schamanen empfahl, auch er ist warm und freundlich zu mir, und so geht dieser Abend in die Annalen ein: zwei Männer, die sich um mich sorgen, und das an einem Abend, das ist Rekord. Das dreht meine Stimmung, ich lande hinterm Schlagzeug, spiele und vergesse dabei.

Trotzdem.

Seit ich von der Insel zurück bin, schlafe ich schlecht.
Immer wenn ich denke, ich bin übern Berg, geht es von vorn los.
Ich brauche eine Arbeit. Irgendeine Arbeit, die nichts mit Dichten zu tun hat.

11:17

Bügeln zum Beispiel.

12:48

Erschütterndes Dokument: Aristokraten propagieren Alkoholmissbrauch.

13:57

Möchte zwei Bücher empfehlen. Das erste: Volker Weidermann "Lichtjahre" Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. Durch dieses Buch stieß ich auf Alfred Polgar, den ich zwar vom Namen her kannte, aber von dem ich noch nie etwas gelesen hatte. (Alfred Polgar, "Das große Lesebuch" erschienen bei Kein & Aber)

Polgar ist Meister der kurzen Form. Die Zeit (hat er sinngemäß einmal gesagt) sei zu kostbar für einen Roman. Seine Notate auf die Welt vor siebzig Jahren lesen sich noch heute, als wären sie aktuelles Tagesgeschehen. Sehr empfehlenswert also, zumal Polgars Verständnis von Prosa meiner gleicht, da sind wir Verwandte.

15:40

Romananfang 10

Es beginnt wie ein Märchen, aber es ist keines. Es ist passiert, und alle, die dabei waren, können das beschwören. Trotzdem fängt es an, wie ein Märchen. Es war einmal ein kleines Mädchen. Das Mädchen wurde Kli genannt, obwohl es eigentlich Geeske hieß, Geeske Schrader, aber das erfuhr es erst, als es in die Schule kam, denn bis dahin hatten es alle nur Kli genannt.

Kli stand für Klitzeklein, und das war sie auch, klitzeklein, aber da diese Geschichte kein Märchen ist, heißt sie zwar heute auch noch so, aber klitzeklein ist sie nicht mehr, sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kli war ein pfiffiges Kind. Kli hatte so große Augen, dass man, wenn man sie anschaute, glaubte, man könne die ganze Welt darin sehen, und irgendwie stimmte das auch, denn Kli sah die Welt ja auch, und für alles, was sie sah, wollte sie Namen.

Keine erfundenen Namen, wie Kinder so gern Namen erfinden, kein Tuteu für Flugzeug, Tüta für Feuerwehrauto, Töff für Roller oder Nini für Kaninchen, nein, Kli sah die Welt und wollte wissen, was das und was jenes ist.

Wenn jemand Baum sagte, war das Kli nicht genug, denn es gab so viele Bäume und jeder sah anders aus. Einer hatte herzförmige Blätter, ein anderer gezackte, ein dritter hatte Blätter wie kleine japanische Fächer, und wieder ein anderer Blätter so groß wie Frühstücksbrettchen.

Baum hieß bei Kli also nicht Baum, wenngleich ich zugeben muss, dass Kli zuallererst Baum sagte, wenn ihr ein Baum auffiel, und als sie bemerkte, wie viele verschiedene Bäume es gibt, sagte sie Baum, Baubaum, Baumbaumbaum und so fort, bis die Bäume schließlich Linde, Eiche, Buche, Kastanie, Platane oder Buche hießen. Als sie fünf war, kannte sie schon so viele Bäume, wie zwei Kinder Finger haben. Ihr Lieblingsbaum war der mit Blättern wie kleine japanische Fächer, ein Ginko.

Vielleicht lag das in ihrer Familie, wer weiß, denn eine Familie, die ihr Kind Kli nennt, hat vielleicht eine Schraube locker. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls waren Kli's Augen so groß und so braun, und schauten so neugierig auf alles, dass ihre Verwandten, die Onkel und Tanten, die Cousins und Cousinen und wen es sonst noch so gab, Kli mit immer neuen Namen fütterten, statt ihnen, wie andere Onkle, Tanten, Cousins und Cousinen Süßigkeiten mitzubringen, Stofftiere, Bilderbücher, Schnuffeltücher oder was weiß ich.

Nun könnte einer kommen und sagen, ha, ha, haaa, was ist denn so Besonderes daran, jeder kleine Mensch muss doch die Namen dieser Welt lernen und wie er das macht, ist doch seine Sache, wozu also die Aufregung.

Nun, das kann ich erklären. Es war nämlich so, dass jeder, der Kli einen neuen Namen mitbrachte, auch eine Geschichte erzählte dazu...

16:55

Wohnzimmer, vier Monate danach ...


21:58

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

68

reise mit mir zum tode
leben
ich bitte sehr
vergiss mich nicht
zu geben hätt ich
ihretwegen
viel mehr als das
und dies
gedicht

doch was nicht
wiederkehrt
kann keine
mir
ersetzen
ich weiß nun wie das leben
lehrt
den rest allein gehn ohne mich zu
hetzen
heißt schließlich auch
zurückgekehrt


Do 15.10.09   19:19

Schneidendes Licht. Mit meiner neuen Fernsichtbrille tut es fast weh.

20:51

Höre: Jamie T. Kings & Queens
Hört sich gut an. Sehr gut.

21:50

Jetzt, wo ich von der Insel zurück bin, bist du weg.
Komm doch wieder.

22:28



Fr 16.10.09 10:13

Romananfang 11

Nachdem der Philosoph P. den Parforceritt der Diagnostik hinter sich hatte und sich am Horizont abzeichnete, dass zwar dies und jenes an und in ihm nicht mehr so funktionierte, wie es sollte, aber dem Überleben nicht im Weg stand, rief er den Schriftsteller M. an, um mit ihm die im Restaurant Zur Herberge begonnene Diskussion über das Leben fortzuführen.

Der Schriftsteller M. reagierte überrascht.

Woher er seine Telefonnummer habe und wovon er überhaupt rede, er kenne keinen Philosphen P., noch weniger wolle er eine Diskussion fortführen, die er nie begonnen habe. Er rate ihm daher dringend, einen Psychiater aufzusuchen, offenbar leide er an Wahnvorstellungen, in denen er, M., vorkomme, und müsse darauf bestehen, dass P. ihn nie mehr belästige. Wenden Sie sich sich doch an den jungen Doktoranden N., sagte M., der hat meines Wissens vor einiger Zeit begonnen, Liebesromane zu schreiben, tritt in großen Arenen auf und genießt alle Vorzüge und Nachteile des Ruhms, die, wie P. ja wohl selbst zur Genüge wisse, schnell zu Wahnvorstellungen führten, ganz ähnlich denen, die P. ihm gerade geschildert habe.

N.?, sagte P., ich kenne keinen N.

Doch, doch, antwortete M., denn N. arbeite seit kurzem an einem Großprojekt, das alle gängigen Strukturen des Erzählens ignoriere und darauf beharre, dass das Leben, hier nachzulesen, nur darstellbar sei, wenn man sich vor nichts, aber auch gar nichts fürchte, keiner Peinlichkeit ausweiche, keinem Schmerz, keiner Freude, kurz, N. sei derjenige, der eine Diskussion über das Leben führen könne, ob er das allerdings wolle, wisse M. nicht, denn N. sei ja eine autonome Figur in einem sich aus Romananfängen zusammensetzenden Fließtext, den jedermann jederzeit an jedem Ort der Welt downloaden könne, herunterladen, Zack, und das alles ohne Gebühr und Gewähr.

P. legte auf. Er war verwirrt. Er, der nach seiner Rückkehr aus Tamil Nadu kastenweise Bier in sich hineinschüttete, wusste plötzlich nicht mehr, wo oben und unten ist. Hinzu kam, dass seine Ärtzin ihn zu Ende der Untersuchungen gefragt hatte, ob er nicht einen seiner drei Hoden für die Welthungerhilfe spenden wolle, das wäre hilfreich und edel. Seine Hoden wogen insgesamt etwa 180 Gramm, sodass P. keinen weiterrreichenden Nutzen in einer Spende sah und ihre Bitte abschlägig beschied.

12:32

Der Himmel war oktoberblau, wir saßen im Windschatten vorm Studio, die Sonne wärmte, der Mais ringsum war am Vortag geschnitten. C. erzählte vom Bauern, der nicht mehr könne, wie er wolle, zeigte auf den Zaun, der repariert werden müsse, so etwas, sagte C., hätte der Bauer noch vor einem Jahr keinen Tag aufgeschoben, nun aber könne man überall Vorboten unaufhaltsamen Verfalls beobachten, der Schutthaufen auf dem Hof, auch der läge da schon seit Monaten.

Dann hörten wir Bewunderung einforderndes Maunzen. C.'s Katze, halbwild und schwarz, sie strich durch die kleine Tannenschonung, hüfthohe Bäume, rechts halbschräg vor uns. C. tippte auf Beute. Dann sahen wir sie. Sie trug etwas im Maul, aber wir konnten nicht erkennen, was es war. Mäuse, sagte C., trage sie gern ins Studio, und wenn sie noch lebten, verletzt aber lebend, käme es vor, dass die Mäuse im Studio entwischten und irgendwann irgendwo zu stinken begännen.

Ich stand auf, um zu sehen, was die Katze gefangen hatte. Es war ein Fink. Sie trug ihn herum und sang das Loblied ihrer Jagdkunst. Dann verschwand sie hinter den Tannen. Ich folgte ihr. Sie hatte den Vogel abgelegt und saß wie unbeteiligt daneben. Ich konnte nicht erkennen, ob der Vogel lebt, er lag im Gras und bewegte sich nicht. Als ich mich herabbeugte und ihn antippte, flog er beherzt auf und davon. Die Katze sah ihm verdutzt nach.

Romananfang 11

Professor Dr. O. betrat den Hörsaal. Er war wie immer überfüllt, daran hatte sie sich gewöhnt, schlimmer aber als die schweißtreibende Fülle waren die Senioren in den ersten Reihen, die das Studium im Alter hertrieb. Die hatten mehr Antworten als Fragen, beriefen sich auf ihre Lebenserfahrung, und beharrten penetrant darauf, dass ihre Beiträge gewürdigt würden.

Professor Dr. O. wollte über die Darstellung der Liebe im Roman des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Geschlechtsverkehrs sprechen, war sich aber plötzlich nicht mehr sicher, ob diese darin überhaupt vorkäme, mehr noch, nicht Opfer der weit überschätzten und vor allem in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts propagierten Promiskuität
geworden war. Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Als sie ihre Papiere ordnete, fiel ihr auf, dass sie nicht mehr fühlte, ob sie je geliebt hatte, oder ob das, was sie in ihrer Ehe erlebt hatte, die seit ihrer Scheidung zehn Jahre zurück lag, Liebe gewesen war.

Damals nämlich, die letzte Verhandlung vorm Scheidungsrichter war zu ihren Gunsten entschieden, hatte sie festgestellt, wie sich ihre Perspektive innerhalb weniger Wochen so grundlegend veränderte, dass sie in jedem Paar, das sie kannte, in jedem Paar, dass sie beobachtete, feine und feinste Verästelungen der Lüge, des Verschweigens, des Nichtantastens, kurzum, der Verdrängung der Wirklichkeit zugunsten der Illusion des ehelichen Alltages wahr nahm, so fein und so geschickt mit allen Wassern der Verdrängung getarnt, dass sie nicht umhin gekonnt hatte, alles auf dem Altar der Desillusionierung zu opfern.

Zum Glück waren ihrer Ehe keine Kinder beschieden, etwas, was sie lange bedauert hatte, jetzt aber, ohne Vorwarnung, als Segen empfand, denn so war sie nie gezwungen worden, ihren Kindern Dinge vorzugaukeln, die nicht existent waren.

Sie wollte gerade den ersten Satz ihrer Vorlesung beginnen, als sich die mittlere Tür der hinter den atriumähnlich aufsteigenden Sitzreihen des Hörsaales öffnete. N. trat ein. Er machte einen gefassten Eindruck, was Professor Dr. O. sofort an ihr letztes Gespräch denken ließ. Sie ahnte hinter dieser demonstrativ zur Schau getragenen Fassung irgendeine sie beunruhigende Wendung, die N. in seinen Liebesromanen wöchentlich erfand, sie wollte wegducken, sie dachte noch, wie lebensfern das alles sei, ihre Arbeit mit gerade der Pubertät entflohenen und jetzt in der großen Stadt desorientiert studierenden jungen Menschen, die kaum Aussicht auf irgendeinen Job hatten, der ihrer noch zu erlangenden Qualifikation entspräche, als es knallte. Es knallte, als würde ein schwerer Hammer auf ein uraltes Stück Holz geschlagen, sie dachte noch, seltsam, spürte, als sie zusammenbrach, keinen Schmerz, eher eine nie gekannte Ruhe, danach spürte sie nichts mehr.

15:51

Mit dem Sterben ist es nicht getan. Wenn das Vergessen beginnt, ist das Erschrecken ebenso groß, wenn nicht größer. Mach, dass ich nicht vergesse, bleib, lass mich nicht noch einmal erschrecken, dein Tod war mehr als genug. Draußen stürmt es. Das könntest du sein.


Sa 17.10.09 16:32

Allein.

17:06

Kein Problem.
Es gibt ja die Kontaktanzeige.

Sportlicher Witwer, 60, 188 Pfund, 182 cm, Schriftsteller, angenehme Erscheinung, jung geblieben quasi Hilfsausdruck, kifft gern, trommelt, hasst Weihnachtsmärkte und niveauvolle Unterhaltung, sucht Nacktmodell ab 25, bitte mit aussagekräftigen Fotos. Zuschriften nur mit finanzieller Vorkasse, dreihundert Euro pro Treffen/45 Minuten selbstredend.

21:53

Ich bin mit 16 allein durch Europa, mit 23 durch die Welt, mit 28 nochmal, ich hab zwei Kinder groß gezogen, da werd ich mich doch jetzt nicht verrückt machen, nur weil ich allein bin, oder? Doch.


So 18.10.09   19:51

Überland durch den sich bunt färbenden Wald, frische Luft, mit dem Herz in den Himmel steigen, anschließend Kaffee und Kuchen mit Nachbarn am großen Tisch in der Küche. Drei Kinder, zwei Kleinkinder, eine Freundin, vier Erwachsene und ich, Apfel- und Preisselbeerkuchen, Haferkekse, zum Abend Kartoffeln, Möhren, Birne und Hähnchenunterschenkel im Backofen, zum ersten Mal gekocht und sehr lecker, TV-Dinner beim Autorennen in Sao Paulo. Mehr nicht. Nicht weniger.

20:58




Mo 19.10.09   9:37

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

69

das zimmer
nur mit mir
der tisch
nur eine tasse

das telefon
das bett
die stunden
tage wochen monate

nur ich

11:23

Interessant. Habe einen furiosen Reiseroman geschrieben.
Mehr hier...

18:05

Betr: Kontaktanzeige vom 17.10.09

Also, damit das klappt, solltest Du etwas weniger ehrlich sein.

Der Anfang "sportlich" war ja schon ganz gut. Die Gewichtsangaben spar dir für die Käsetheke auf. Oder, schreib wie ein junger Gouda (nee, nicht junger Gott, das wäre übertrieben). Das ist originell und aussagekräftig! Dann kannst Du Dir auch "angenehme Erscheinung und jung geblieben" sparen. Ist ja alles beim Gouda mit drin. Statt "kifft gern" würd ich "sehr lustig" empfehlen und statt "trommelt" eher "liebt die Musik".

Statt "hasst Weihnachtsmärkte" eher "mag romantische, ruhige Kuschelabende mit Kerzenschein in seinem gemütlichen Heim, besonders in der Weihnachtszeit". Da brauchst du dich dann auch nicht unterhalten. Wenn du ordentlich viele Kerzen anmachst, wirds so warm, dass die entsprechende Dame auch nix anhaben muss, und du musst es nicht so direkt schreiben.

Das Alter ist o.k., aber da solltest du einflechten, ob du noch Kinder willst (kann bei einer 25 jährigen ja leicht passieren). Denk an die Wirtschaftskrise, den Betrag solltest Du nochmal überdenken und eher Preis VS. draus machen.

Daher also:

Sehr lustiger, sportlicher Witwer, Typ: junger Gouda, der die Musik liebt und besonders in der Weihnachtszeit ruhige, romantische Kuschelabende bei Kerzenschein in seinem gemütlichen Heim mag, sucht liebevolle, gutaussehende Sie ab 25 (gerne ohne Kinderwunsch) für einen Weg zu zweit. Vermögen kein Hindernis.


Na, wie klingt das??

21:55

Gut, Gaby, danke.


22:18

Ich weiß nicht, ob Viermonatige ihren Opa wiedererkennen, wenn sie ihn eine Weile nicht gesehen haben, hatte aber den Eindruck, dass Julius ein paar Minuten brauchte, mich einzunorden. Wir waren eine Woche gemeinsam auf Ameland, wo wir uns sehr gut verstanden, hatten uns aber seit unserer Rückkehr nicht mehr gesehen.

Bis heute Nachmittag.

Spätestens, als ich seiner Hand half, in meinen Bart zu greifen, schien er sich zu erinnern, denn das hatte ihm auf der Insel viel Freude bereitet. Jedenfalls lachte er wieder dieses Kleinkinderlachen, das manchmal gelingt, manchmal vergurgelt. Dabei fuchtelt er mit den Armen. Zielgerichtetes Greifen, dieser höchst komplexe Vorgang, der das Zusammenspiel so vieler Komponenten erfordert, braucht noch, wenngleich es sich in diesem Fuchteln natürlich andeutet.

Mir scheint, dass er Linkshänder wird. Er klingt, als ob er nach den Vokalen jetzt Konsonanten probiert. Ich erinnere mich an ein Wort, dass mein ältester Sohn an einem Junimorgen um drei beim Wickeln ausstieß: Ögeldieöggeldieokkko. Wir waren besteistert. Julius konterte heute. Er sagte: richtig.

Wenn etwas geschieht, was er nicht einordnen kann, zeigen sich erste Fragen in seinem Gesicht. Ganz ernst wird es dann und die Augenbrauchen ziehen sich kaum merklich zusammen. Das aufzufangen ist leicht, man vergewissert ihn seiner Zuneigung, das reicht. Sofort wird das Gesicht wieder arglos. Wie schön das ist. Dieses Mitten-In-Sich-Selbst-Sein. Wie kommt es bloß, dass man das verliert, wenn man erwächst.
Man müsste eigentlich Eintritt zahlen, um so etwas sehen zu dürfen. Und dann auch noch mit ihm sprechen zu können. Mit ihm einzufallen in das Tonhöhengebrabbel. In den Singsang der Schöpfung.


Di 20.10.09  11:26

Kaum ins Schwärmen geraten, gerate ich in Wut. Auf dem Heimweg, irgendwo am Feldrand zwischen Aasee und Sentruper Straße, hat jemand die Motorhaube seines Renault Twingo und einen Spülstein entsorgt. Nun liegt dieser Ort abseits, in die Stadt braucht man etwa 15 Minuten, nach Roxel auch, in beiden Orten aber gibt es Recyclinghöfe, die mindestens zweimal die Woche geöffnet haben.

Was geht in den Köpfen dieser Leute vor? Sie sind zu faul, zum Recyclinghof zu fahren? Zu geizig? Man muss doch mit planen, wenn man eine Motorhaube und einen Spülstein im Freien entsorgt. Sagt man zu seiner Frau, so, ich entsorge jetzt mal den Rummel da in die Natur. Weg mit dem Scheiß. Oder wiegt man sie in Sicherheit?
Geht es um das Adrenalin, das unweigerlich hochkocht, wenn man seinen Müll am Feldrand ablädt? Schließlich könnte jemand vorbeikommen. Jederzeit könnte jemand kommen und sagen, he, was machen Sie denn da.

Ich weiß es nicht. Ich staune nur, wieviel Mühe sich Menschen geben, Müll an entlegene Orte zu karren. Waschmaschinen am Fuß von Lärmschutzwällen. Gelbe Säcke im Wald. Autoreifen in einer Tannenschonung. Wir sind als Spezies wohl einfach zu blöd.

11:42

Lese gerade, Physiker halten die Welt für eine kollektive Halluzination.
Das ist interessant. Die Frage, die sich mir aufdrängt: wer halluziniert wen? Wir das Universum, oder das Universum uns?

15:49

Sie ist norddeutsch, Cuxhaven, hat sie gesagt, hat immer schmutzige Hände, seit einiger Zeit trägt sie einen Pferdeschwanz, dunkelblond, sie ist klein, hat einen blauen Arbeitskittel an, KFZ-Meisterin, Chefin von drei Männern, und wickelt mich und alle anderen Kunden mit ihrem Charme um den Finger. Wenn sie sagt, Herr Mensing, Sie müssen bald aber mal zur Inspektion, glaube ich ihr.

Ich hatte Winterreifen montiert hatte, und wollte, dass sie mit dem Drehmomentschlüssel rundum die Schrauben nachzieht, sie tat es und als ich ihr, zögernd, weil sie ja Chef ist, und ob man dem Trinkgeld gibt, so wie ich das sonst immer tue, wenn es ein Lehrling macht, wusste ich nicht, zwei Euro gab, für die Kaffeekasse, sagte ich, freute sie sich sehr.


Do 21.10.09   14:37

Düster. Daher dies....


Fr 22.10.09   10:37

Man kennt das Zimmer. Mal hat man ein neues Sofa gekauft, mal neue Stühle, man hat den Tisch gestrichen, jemand hat Regale gebaut, man hat Bilder auf- und abgehängt, das Zimmer ist voller Spuren, Gesichter, Stimmen, Gerüche, man kann sich wohlfühlen, man sitzt auf dem Sofa, man hört Musik, liest, man schaut fern, doch von einem Augenblick auf den nächsten ist das Zimmer beängstigend leer.


Man hat gedacht, man sei auf dem aufsteigenden Ast, hat geglaubt, die Zeit heile Wunden, doch die Stühle sind leer. Niemand sitzt auf dem Sofa. Draußen ist es dunkel. Die Zeit sagt, so bleibt das bis an dein Ende.

Man schüttelt sich wie ein Hund. Keine Wunde ist verheilt. Alles wird klarer und klarer. Man versucht es mit Musik. Belanglos. Man versucht es mit Büchern. Belanglos. Man steht auf, man hofft, kaltes Wasser brächte die Fassung zurück, aber die Hoffnung trügt.

Die Einsicht schüttelt den Körper, es schmerzt überall.
Was, denkt man, wenn man sie nun verliert, was ist dann?

Man denkt, gut, so ist das, man kann es nicht ändern, man wünschte, dass eine Schulter da wäre, man überlegt, ob man telefonieren soll, aber mit wem und wer könnte verstehen, man will nicht zur Last fallen, man hat Freunde, so ist das nicht, aber was könnten die denn verstehen?

Nichts, sagt das Zimmer. Niemand versteht, man kann nichts verstehen, man kann nur sein, und denken macht traurig, also sollte man tun,nicht denken.

Man sollte, denkt man, während man Tempos durchheult, dass das Zwerchfell schmerzt, als habe jemand hineingestochen, nicht mehr sein, und dann sieht man sie. Sie sitzt im Tigersessel und sagt: ich glaube, hier sterbe ich, sie weint bitter und man versucht es mit Trost, aber man kann nicht trösten, sie tröstet sich selbst, sie sagt: Alles Selbstmitleid.

Arschloch! sagt man.



Herr M., du bist ein so großes, abgrundtiefes Arschloch, dass man es kaum glauben kann.
File under: Selbstmitleid. Man starrt auf sein Schicksal. Hätte man je mit so etwas gerechnet? Nie hätte man mit so etwas gerechnet. Nie, nie, nie, nicht in düstersten Träumen hätte man je so etwas gedacht, aber so ist das, es ist geschehen und nun geht es dem Ende zu.

Es wird gleich vorbei sein.
Gleich muss es vorbei sein, gleich, gleich, und das ist tröstlich.

Nimm das ein, sagt man sich, das ist homöopathisch, es sediert, also nimmt man es ein, obwohl man weiß, dass es das Einschlafen nicht leichter macht, auch wenn es auf dem Waschzettel steht, denn man lässt nicht gern los, man hat nicht die Größe wie sie, die loslassen konnte, als sie es für richtig erachtete, die Größe hat man nicht, wird man nie haben, man wird kämpfen und kämpfen, und dann schläft man doch ein und erwacht und nichts hat sich geändert, noch immer sind die Stühle leer, die Geschichten hängen im Raum, der Tag will etwas und man weiß nicht was.


Sa 24.10.09   14:33

Wir waren nicht immer eins im Haus der Pastorin. Herr M. etwa vertrat die These, dass Gott jedem verzeiht, selbst großen und fürchterlichen Despoten. Das, fand die Pastorin, könne nicht sein, das passe nicht in ihr Konzept von Gerechtigkeit.

Wir erzählten, diskutierten, wir lachten viel, tranken Rotwein und Grappa, und falls Sie Herrn M. kennen, ja, es stimmt, auch das konnte er sich nicht verkneifen, später spielte er noch Klavier, nudelte seine einfältigen Melodien, und der lange Karl zupfte den Bass: aufgeregt blubbernde Töne, und viele. Karl, ein Fels in der Brandung, das hatte M. nicht erwartet. Gegen gegen drei kroch er ins Bett, hörte noch von irgendwo das Schnarchen der Pastorin, schlief aber dennoch schnell ein.

Erstes Erwachen heute früh mit pochendem Kopfschmerz, zweites Erwachen gegen zehn, Schmerz nur noch bei bestimmten Kopfneigungen, noch niemand auf den Beinen, brüllendes Verlangen nach Kaffee und Frühstück, aber keine Lust, in einem fremden Haus alles suchen zu müssen, ins Auto, in die Stadt, Frühstück in den Arkaden.

Den Rest des Tages vertrödeln.


So 25.10.09   12:50

Er ist gelernter Dipl. Handelslehrer, aber weil er in diese Zeit geriet, geriet er in diese Wohngemeinschaft auf dem Land (hinter den sieben Bergen, ein Resthof mit viel Platz für alles mögliche), begann, Silberschmuck herzustellen und importierte, womit Menschen seines Alters sich damals gern schmückten. Im Nachbardorf hausten Diplompädagogen und Psychologen auf einem ähnlichen Hof, die auch keine Lust hatten, und so begannen sie, auf Jahrmärkten selbstgemachtes Pop Corn zu verkaufen und er seinen Schmuck.

Die Zeit begann zu rennen, sie nahm Fahrt auf, so schnell kam niemand mit, und eh man sich versah, war man sechzig und darüber und stand vor der Entscheidung, verkauft man immer noch Schmuck oder schaut man sich nach etwas anderem um, während die, die damals begonnen hatten, Pop Corn zu verkaufen, noch immer Pop Corn verkauften.

So kam für ihn, der zwei Kinder von zwei Frauen hat und seit langem irgendwo in der Einöde Niedersachsens einen Hof bewohnt, der Verkauf von Suppen hinzu. Seine Frau machte das, eine gelernte Psychologin. Meist war der Stand schräg gegenüber vom Schmuckstand. Die Suppe, die Herr M. noch in keinem Supermarkt gesehen hatte, wird wohl nur auf Jahrmärkten, Weihnachtsmärkten und Stadtfesten verkauft.

Zweimal im Jahr trifft Herr M. den Silberdreher und Suppenverkäufer. Man mag sich. Man kennt sich von damals.

Herr M. geht dann über die Kirmes und hält Ausschau nach ihm, aber diesmal war sein Schmuckstand nicht mehr da, der Suppenstand schon und so erfuhr M., dass es mit dem Silberschmuck vorbei sei, endgültig aus und vorbei.

Dass man mittlerweile 66 sei und keine erwähnenswerte Rente zu erwarten habe, stimme manchmal nachdenklich, aber immerhin - man habe ja den Hof, wenngleich - der koste auch nur, ständig sei irgendetwas kaputt.

Man stand vorm Suppenstand und die Menschen flanierten und dann tauchte ein - schätzte man - afghanisches Ehepaar auf. Exotischer hätte man nicht auftreten können, er in bodenlangem Kaftan, dunklem Turban und wildem Bart, sie ganz in schwarz, wenngleich das Gesicht nicht verhüllt, also, dachten sie, vielleicht fortschrittlich.

Und dann versuchten sie sich vorzustellen, wie man sich fühlt, wenn die blanke Not einen von zu Hause fortgetrieben hat, wie fühlt man sich, wenn man schon wegen seiner Kleidung vor jedes Vorurteil rennt wie vor Mauern, wie soll das überhaupt gehen?

Antworten hatte man nicht, optimistisch im Hinblick auf die Integration solcher Menschen war man auch nicht. Was man vermisst in dieser Republik, da war man sich einig, sind klare Regeln für die Einwanderung. Regeln, wie klassische Einwandererländer sie schon lange haben.

Nur hat sich dieses Land nie als Einwandererland verstanden.

Und jetzt steht es da, und hat statt engagierter Einwanderer, die Pläne mitbringen, täglich Flüchtlinge aus aller Herren Länder, und was macht man mit denen? Heimlich abschieben? Erst gar nicht hineinlassen? - Alles längst Alltag. Alles geschieht längst jeden Tag? Und - fühlt man sich besser dabei? - Nein, natürlich nicht, denn das ist doch kein Zustand.

Der Mensch ist erbärmlich, wenn es um ihn und seine ihm angestammten Rechte geht. Da duldet er keine Fremden. Weder hier noch sonstwo werden Fremde gern gesehen, und da es sich bei uns um keine "Einwanderer" handelt, sondern zumeist um Flüchtlinge, macht das die Sache doppelt kompliziert, und wie die Dinge stehen, wahrscheinlich auf lange Sicht auch zu einem großen sozialen Problem.

Der Mann mit Turban und Bart verschwand im Gewühl. Und wir standen da und wünschten uns das alles wäre nicht wahr, der Mensch wäre nicht, was er ist, ein um sich beißenden, missgünstiges Tier, obwohl er es besser wissen könnte. Aber Wissen schützt nicht vor Dummheit.


Mo 26.10.09 13:52


trotz herbst




Di 27.09.09   11:41

Immer schön, die japanische Kirsche vorm Haus...

17:24

In einem Seitental nicht weit von Mao, eine Hafenstadt auf Menorca, von der Fähren aufs Festland fahren, hatte A. in den frühen 80igern zehn Hektar Land gekauft. Darauf eine halb verfallene Finca, drei Zisternen und ein Bach, der auch im Spätsommer noch Wasser führte, wenngleich wenig.

A. lebte dort mit seiner Frau.
Sie hatten eine Tochter und führten ein kleines Restaurant in Mao. Er ist Koch.

Die Finca lag abseits, wenngleich ein Dorf in der Nähe war.
H., ein Freund, lebte in einem Wohnwagen auf seinem Grundstück und betrieb eine Cannabisplantage versteckt in einem Feigenhain, so dass selbst die Guardia Civil, die oft mit Hubschraubern über Land flog, sie nicht fand.
H. wässerte die Pflanzen jeden Abend, die Ernte wurde nach Barcelona verkauft.

Einmal fragte A.'s Nachbar, Pedro, ein Bauer, der Kühe hielt und Käse machte, Mahon, einen sehr guten Käse, ob er seine Kühe in der Nähe des Baches weiden lassen könne, sein Land gäbe kaum noch etwas her.

Kein Problem, sagte A.
Pedro trieb seine Kühe auf A.'s Land. Es war von Steinmauern durchzogen.

Eines Abends hörte A., dass H. den Himmel und alle Heiligen verfluchte.
Er ging hinaus, fand H. auf einer dieser Mauern sitzend, verzweifelt. Die Kühe hatten sie durchbrochen und die Cannabispflanzen bis auf die Strünke leer gefressen. Das Ergebnis war umwerfend: sie lagen mehr oder weniger bewegungsunfähig auf der Seite, muhten oder muhten nicht.

A. ging zu Pedro und erzählte ihm, was passiert war.
Pedro sagte, die könnten ruhig liegen bleiben, morgen wären sie wieder auf den Beinen.

Mi 28.10.09   9:11


Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

70

die welt drehte
ich drehte mit
die hoffnung groß
doch du warst in gefahr
wir lebten und es machte sinn
das wunder aber wurd' nicht wahr

wem trau ich jetzt
und wer ist mir vertraut
dir/du du meine süße braut
wir träumten bis zuletzt

jetzt fürcht' ich mich
ich fürcht' mich nicht
ich trete vor dich, du, mein licht

16:49

Auf dem Weg nach Münster ....



17:40

Der Mann im Café neben mir (unwesentlich älter als ich, grauer Vollbart) sagte zu seinem Bekannten (etwa siebzig, ebenfalls Bart, Kettenraucher), dass Hartz IV Empfänger oft Ohrstecker trügen und Ringe, und sowas koste ja, das wisse man, außerdem, tätowiert wären sie auch, und das wäre noch teurer, und er fände, einem Hartz IV Empfänger könne man ruhig zumuten, sich nach der Decke zu strecken.

Überlegte, ob ich ihm eins aufs Maul hauen sollte, dachte dann, dass man für Dummheit nicht bestraft werden kann. Außerdem ist das nicht mein Stil, aber es hätte mir Spaß gemacht.

Ich kenne einen Hartz IV Empfänger, dem das Amt die Wohnung bezahlt. Wenn ich das hochrechne, habe ich kaum mehr als er, oder anders herum, er hat kaum weniger als ich, aber ich arbeite und er klagt gern. Aber Ohrstecker trägt er nicht und tätowiert ist er auch nicht.

22:05


Habe zum ersten Mal in meinem Leben als Witwer ein Essen total vergeigt.
Mettbrötchen hätten es werden sollen. Wurden es auch, aber verkohlt, weil ich den Grill falsch eingeschätzt hatte.



Do 29.10.09   10:03

Und dann, die Reste waren gerade im Müll, entdeckte Max, dass in dem Kochbuch, das meine Frau uns hinterlassen hat, genaue Anweisungen zur Herstellung stehen.

16:20

Morgen liest Herr M benefiz. Läse lieber kapital. Trotzdem liest er gern.
Vorher braucht ihn der Enkel zwei Stunden. Das freut den alten Mann sehr.
Heute hat er den Tag lang aus Black Satin/What if/Agharta Prelude Dub/, ein sechszehnminütiger Miles Davis Remix, einen Loop von ca. 35 Sekunden geschnitten und dazu gesingsangt. Samstagmorgen heißt das jetzt, muss aber noch einen Tag liegen. Noch vor Wochen hätte er's sofort online gestellt, aber die Ansprüche wachsen.


Fr 30.10.09   18:15

Hausputz mit Max, Julius gesittet, der jetzt kreischen lernt, meinen Bart immer noch großartig findet und auch sonst sehr freundlich war, nach einer Stunde einschlief, jedoch in dem Augenblick erwachte, als ich ihn ins Bett legen wollte. Das erinnerte mich an unsere frühe Phase. Was für eine Mühe manchmal, eh die Kinder tatsächlich schliefen und die Eltern danach so erschöpft, dass sie selbst schlafen mussten.

Später in der Stadt Parfum gekauft, dann für das Kinderhospiz gelesen. Zwei Kinder kamen, aber sie waren nicht mit Vorsatz gekommen, sondern zufällig, schließlich war das ein Laden für Gummibärchen, obwohl der Verein seine Mitglieder mobilisiert hatte, die Zeitungen waren informiert, aber ich habe keine Vorankündigung gesehen. Mühsam ist es, die Menschen auf Trab zu bringen.

18:55

So etwas isst der Menschen, wenn er keine Lust hat, zu kochen. Oder keine Zeit. Oder beides. Er tut das freiwillig. Niemand zwingt ihn. Der Mensch ist eben komisch.


Sa 31.10.09 9:34

Samstagmorgen, und ich denke ... Was, erfahren Sie hier. Max meint, ich sollte das unter keinen Umstanden bei meiner Lesung in Roxel aufführen. Ich wäre dann unten durch, sagt er, in Berlin könne ich so etwas machen, aber hier, nein. Möglich, dass er Recht hat. Dennoch: Ihnen mute ich es schon zu, Sie wohnen ja nicht in Roxel. Sie wohnen vielleicht in Hohenholte oder Bautzen, wer weiß das, aber bitte beachten Sie: bitte nur mit Kopfhörer.

14:12

Auf dem Markt sprach ich mit einer Bekannten, die vor dreißig Jahren die Freundin des Bassisten war, mit dem ich in einer Band spielte. Seitdem hatte ich sie nicht mehr gesehen. Zwangsläufig kam die Sprache auf dich und mich und schließlich auf die sogenannte Seele. Als ich meiner Gesprächspartnerin sagte, bei allem, was ich nicht wüsste, glaubte ich weder an das höhere Wesen noch an die Seele. Wie ich das denn dann nennen würde, das, was sie Seele nennt, fragte sie, und ich antwortete: An guten Tagen: Hermann.



 

 

 

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