September 2002                          www.hermann-mensing.de                        

mensing literatur

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So 1. 09.02  11:53

Parteien melden sich zur Wahl.

15:30

Da fliegen schon Blätter. Da ist schon die frische Luft. Auch ist da ein feines Weben, das sich aufs Gesicht legt. Und auch eine Wehmut am Abend. Das ist alles schon da und wird stündlich mehr. Wie ich mich darauf freue.  

 

Mo 2.09.02   10:33

Vorwärts. Gerettet wird nicht. Beeilung! 

11:34

Drinnen findet ein Fest statt. Herausgeputzte Menschen huschen vom Festsaal zu den Toiletten und zurück. Draußen stehen weiße Tische. Aber niemand sitzt daran. Ja, man serviere dort, antwortet man, als ich frage. Wir setzen uns und warten auf die hereinfallende Nacht. Buchen grenzen an die Terrasse. Dahinter fällt das Land zur Werse, ein Flüsschen, das in die Ems mündet. Man deckt einen Tisch für uns. Man bringt ein Windlicht. Wir bestellen Wein und Bier. Kinder haben sich von der Festtafel fort geschlichen. Sie genießen das schwindende Licht, sie kreischen im Dunkel und sind dennoch froh, die Eltern in der Nähe zu wissen. Einer poltert mit einem Bobbycar einen Weg hinab ins Düstere. Wir sind Verbündete. Wir haben nur vergessen, wogegen. Selbst, wenn wir uns erinnerten, es gäbe nichts, was wir tun könnten. 

15:56

Papa fand ihn gut. Aber nur als Maschine, nicht mir mir drauf. - Mama fand ihn grauenhaft. Mama sagte, er sähe aus, wie ein verunglückter Space-Cruiser aus einem billigen Science Fiction Film.
Na und? sagte ich. Ich fand ihn supergut.  Und das Beste war: ich hatte ihn selbst bezahlt. Eine Mark und noch eine und noch eine und dann noch Euros die Menge.
So viel Geld für so ein Ding? hatte Mama gesagt. 
Ja. Mein Geld.
Rausgeschmissenes Geld! hatte Mama gesagt.
Was weißt du denn! hatte ich geantwortet.
Ein Jahr hatte ich Sonntags Reklame ausgetragen. Flyer für Supermärkte, die niemand haben wollte, Tonnen Papier, manchmal gelb, manchmal rot, immer mit den billigsten und besten Angeboten. Wenn das Wetter beschissen war, ließ ich schon mal in einen Packen in einem Papiercontainer verschwinden.  Ich stelle
mir also vor, wie sie hinter mir sitzt.  Beide Arme um meine Hüften. Und wie der Wind weht. Und wie wir durch die Straßen fahren. Das Wetter wird gut sein und vielleicht lade ich sie zu irgendwas ein. Ein Burger, könnte sein, oder was sie will. Ich weiß das ja nicht. Ich habe sie noch nicht gefragt. Ich war noch nicht einmal in ihrer Nähe. Ich weiß nur, wie sie heißt und wo sie wohnt.  
Zeit jetzt, mich vorzustellen? – Nein. Lieber nicht. Wann immer ich mich irgendwo vorstelle, kommen mir Leute mit dummen Sprüchen.  Wie heißt du??? – Jamal. - Bist du ...? – 
Bin ich, ja, aber was spielt das für eine Rolle? Ich frag sie ja auch nicht, ob sie katholisch sind oder evangelisch oder sonst irgendetwas. –
Und dann auch das noch: aber du bist doch blond!
 Es stimmt. Ich bin das.  Mit einem Perso und einem Reisepass der Europäischen Gemeinschaft, Abteilung: Bundesrepublik Deutschland. Papa ist Afrikaner. Genauer gesagt kommt er aus Eritrea. Aber da herrscht seit fünfzig Jahren nichts als Krieg und so ist er hierher gekommen. Erst, um zu studieren. Dann, um zu bleiben.
Mama ist hier geboren. Mama hat Afrika nie von der Nähe gesehen. Mama ist so Deutsch wie nur was. Und also sind wir das dann ja wohl auch, oder? Meine Schwester Kathy und ich. Seltsam ist nur – Kathy ist schwarz und ich bin - na ja, sagen wir, fast weiß? – Nein, richtig weiß. Wie das kann, weiß ich auch nicht. Gene-Cocktail, sagt Papa. Sähe gut aus. Nur an meinen Augen kann man sehen, dass Afrika nicht so ganz weit von mir ist. Meine Nase verrät auch was davon, aber nur ein kleines bisschen.
Sie heißt Vera. Ich glaube nicht, dass sie schon mal auf einem Scooter gesessen hat. Ich weiß nicht einmal, ob sie das gut fände. Ich weiß überhaupt nicht, was sie gut und nicht gut findet. Aber eines weiß ich: ich finde sie gut. Ich träume von ihr. Ich träume so sehr von ihr, dass ich sie anfassen kann. Aber jedes Mal zerplatzt sie wie eine Seifenblase. 

Frage: Wird das der neue Roman?   -  (Nein 27.09.20:02)

 

Di 3.09.02     8:59

Sie treiben Kinder vorbei. Mädchen in allerliebsten Kleidern. Jungen weniger herausgeputzt. Omas und Opas im Schlepp, die große Schultüten tragen. Mütter und Väter. Jeder erinnert sich an seinen eigenen ersten Schultag. Die Erinnerung liegt wie ein Ring um den Hals. Erniedrigung hat endlich einen Ort.  

10:45

Lese, dass sich schon lange in der Republik lebende Ausländer in einer Video-Ausstellung "Unser Ausland" von Dorothee Wenner zu uns und unseren Macken äußern. Würde vor allem gern den Beitrag der taiwanesischen Mutter Angela Maug-Yin über die Unterwürfigkeit deutscher Eltern gegenüber ihren Kindern sehen. 

13:59

Die Parteien zur Wahl sind jetzt auch hörbar

 

Mi 4.09.02     7:50

Guten Morgen. 

15:04

Er trug schwarze Bellbottom Jeans, ein ebensolches Muscle-Shirt, er hatte eine Frisur, die im letzten Jahrtausend als Pilzkopf zu Ruhm und Ehren gelangt war und auf seinen Hüften hing mit leichter Neigung zur rechten Seite ein schwarzer, mit pyramidenförmigen Nieten vierreihig beschlagener Gürtel. Sagte mehr zu mir als zu ihm: "Da fehlt mir der Revolver!" Statt mir ein rotziges "Und Ihnen der Rollstuhl!" zuzuraunen, erntete ich nur humorloses Kopfschütteln. Natürlich bin ich ein alter Irrer, ich kann die Dinge nicht mehr richtig einschätzen, ich kann nicht begreifen, wie sich die Zeit in Zyklen dreht und Uraltes hochspült, als wäre es der Weisheit letzter Schluss, aber ich wäre begeistert gewesen, hätte er mit sarkastischem Humor pariert. Wenn schon nicht "der Rollstuhl" als Replik, dann doch wenigsten ein "blödes Arschloch!" So bleibt nur der fade Geschmack des Nichtverstandenseins. Schade. Dabei kann der Dialog mit der Jugend so erfrischend sein. 

19:32

Natürlich nicht, wenn es um den Dialog mit den eigenen Kindern geht. Dann ist er weder erfrischend noch sonst irgendetwas, sondern von Sorge durchsetzt. Sorge in diese und jene Richtung, denn eines ist klar, man kann es als Kind den Eltern nicht recht machen. Was immer man tut, Eltern haben es längst getan und warnen, geben Hinweise, Ratschläge. Wie erstrebenswert scheint da das uralte Modell, Kinder frühzeitig aus dem Hause zu schicken, damit sie sich umschauen in der Welt, sich Gefahren aussetzen, Gefahren meistern, ohne Einspruch der Eltern. So aber bewegen sie sich bis ins Twen-Alter im Dunstkreis der Familie und jede ihrer Regungen wird registriert. Sie können nicht nicht kommunizieren. Die Eltern können nicht nicht kommunizieren. Und so wächst ein Berg. Sollen Eltern sich also überhaupt nicht mehr äußern? Sollen sie sehen und trotzdem den Mund halten? Fast scheint das so. 

 

Do 5.09.02   0:44

Vor ein paar Tagen erhielt ich einen Brief, in dem man mich aufforderte, einen Wahlaufruf für das Rot-Grüne Bündnis zu unterstützen. Man wolle ihn in der, der und der Zeitung publizieren und benötige daher ca. 4000 Euro, jeder solle mindesten 15-20 Euro spenden. 

Ich antwortete wie folgt:

Natürlich unterstütze ich den Rot-Grünen Wahlaufruf, finde jedoch, dass 4000 Euro besser zu verwenden wären, denn ich -  und ich nehme an, auch diejenigen, die diesen Wahlaufruf gutheißen - wir also  wissen sowieso, was wir wählen müssen, genau wie die, die diesen Aufruf nicht  gutheißen, sich nicht davon umstimmen lassen. Also. Venceremos, immer gern, aber kein Geld, zumal  ich einen Rainer B. überhaupt nicht kenne, der ja auch (was ich allerdings  nicht glaube) ein Geschäft zur schnellen Geldvermehrung betreiben könnte. 

Gute  Idee, oder?

Darauf Herr B.:

(...) 

Da wusste ich nicht, ob ich mich ärgern soll bei solch einem Witz (?). Sind denn die anderen Namen auch nicht bekannt? Wenn man sich einige Stunden damit beschäftigt und dann solche "Witze" hört, fragt man sich schon, was das soll. "Gute Idee". Dann soll man sich erkundigen. Aber nun denn. Gruß

Und wieder ich:

nun mal nicht gleich einschnappen. Überlegen Sie: die Idee wäre wirklich gut. Sie könnte funktionieren. In diesem Sinne.

PS.:
Was mich und das Geld angeht: Ich gebe nicht jedem einfach 20 Euro, nur damit mein Name unter einem Aufruf steht. Da ist mein Geiz größer als meine Eitelkeit. 

9:02

Sie wissen schon, er kommt näher. Und was läge da auf der Hand? Richtig. Ein wunderbarer Militärschlag, denn nur "der Stärkste an Mut und Fleiß erhält (...) das Herrenrecht des Daseins zugesprochen."(1) Wer das ist, müsste hinlänglich bekannt sein. - Also seien Sie nicht zu verschreckt, wenn unsere atlantischen Freunde (im Bündnis mit einem arschkriechenden Herrn Blair),  die besagtes Land sowieso seit zehn Jahren fast täglich bombardieren,  jenen Tag  auf ihre Art zum Gedenken nutzen.  

10:48

Na, hast du deine erbärmliche Schweineorgel schon angestellt? sagte ich zum dem Keyboarder der gestrigen Session und erntete einen verletzten Blick. Schließlich ist sein Roland in der Lage, Hunderte Sounds digital nachzuahmen. Ich aber sehne mich nach all den Jahren dieses digitalen Beschisses zunehmend nach den Klängen eines meinetwegen auch verstimmten, echten Klaviers. Fürchte, meine Scherze werden täglich gefährdender für mich und meine soziale Integration. Siehe auch: Scherze mit einem Humor resistenten SPD Agitationshelfer. Spielte dennoch einen guten Set mit Keyboard, Double-Bass und Vibraphon und fuhr dann durch tiefe Nacht mit dem Fahrrad nach Hause. Könnte nun mit dem erwünschten Roman beginnen. Will aber lieber noch Trübsal blasen, den Leidensdruck sozusagen auf Explosionsniveau bringen, dann kommt der Beginn wie von selbst. Ich kenne das ja. Ich bin ein durch und durch lebensbejahender Mensch, da kann ich so etwas schon durchstehen. Tue ja seit 54 Jahren nichts anderes. Ha!!!

 

Fr 6.09.02      9:01

geht gott gut

11:44

flashback berlin: ruhige fahrt durch diesigen hochsommer. kaum irritationen, außer einer currywurst in der raststätte magdeburger börde, die eine gebratene brühwurst war. vielleicht auch der klo-mann, stämmig, blond, beidarmig tätowiert, der den 10er, den ich ihm auf seinen bis auf ein 50cent stück leeren teller lege, sofort wegräumt, wohl in der hoffnung, dass der gemeine rasthauspisser sich eher am 50er orientiert. 2. irritation ist die gesperrte A100 am funkturm und die äußerst merkwürdig geführte umleitung über zwei parkplätze. erreichen den vereinbarten treff mit unserem vermieter dennoch ohne größere verfahrer. freundlicher Mann, der herr S., dessen wohnung wir nun mit beschlag belegt haben. als 3. irritation ließe ich das cover des aktuellen stadtmagazins tipp gelten, der wie folgt aufmacht: sex in the city. bondage schule. transen puff, sklaventraining. da staunt der unbedarfte münsterländer und denkt sofort darüber nach, sich das geschlecht nach hinten zu binden & es einmal im transenpuff zu versuchen. im übrigen aber keine einwände. die wohnung ist ruhig, im südwesten liegt tempelhof. die vorerst letzte irritation sind die 107 stufen herauf.  // die schmetterlinge (admirale) sind ein wenig verwirrt wegen der tief über unseren balkon ausgefahrenen markise, die den direkten weg zum sommerflieder versperrt. schwalben sicheln übern bleichen sommerhimmel, ringsum arbeitet die stadt in und um sich selbst, ruhig sitzt die landpomeranze und weiß sehr genau, warum sie nie mehr eine stadtpflanze werden wird. // schon kleine bewegung treibt schweiß & so ist denn dieser nachmittag dem möglichst bewegungslosen nichtstun gewidmet. die stunden zwischen 11 und 15 Uhr verbrachten wir auf unterschiedliche art und weise. der große Sohn und ich umkreisten berlin per ringbahn 1einviertel mal, um dann am treptower park auszusteigen und der spree zu folgen, deren ufer für bessere kundschaft saniert wurden. auch kunst findet sich, die allianz, die ja viele gegen jede art unheil versichert, hat geld locker gemacht und den künstler borovsky drei haushohe, auf schweizer art gelöcherte und gebürstete stahlmänner ins ufernahe spreewasser bauen lassen. mir sagen sie nichts. ich finde den hamering man in frankfurt gelungener. wanderten weiter zum schlesischen tor. ein wachturm im park erinnert noch an die grenze. um den u-bahnhof ist ein kiez. hier isst man aller herren länder leckereien, das sah gut aus. nun aber (bis auf weiteres): stilles transpirieren. // natürlich haben wir auch den potsdamer platz besucht, diese ein wenig gruselige, ohne anbindung an lebende menschen aus dem boden des ehemaligen todesstreifen gestampfte neue mitte, deren architektur mir gefiel, die aber noch darauf wartet, geliebt zu werden. aber noch ist längst nicht alles fertig gestellt, und in noch einmal zehn jahren wird es dort wieder ganz anders aussehen. augenblicklich steigt dort ein mit helium gefüllter, an einem stahlseil befestigter ballonauf, um den zahlenden gästen einen überblick zu gewähren. // die  oberbaumbrücke. roter (?) backstein mit türmchen. ein liebespaar picknickt am fluss. ob die spree fließt? schwer zu sagen. wir durchqueren eine grünanlage auf dem weg zur oranienstraße. ein altes auto. ein kaputtes motorrad. verdurstete linden. im spitzen eck, das die oranienstraße mit der skalitzer straße bildet, ein asien-imbiss. in der hocke davor eine chinesin schwer schätzbaren alters. sie sitzt mit gekreuzten beinen vor zwei schüsseln am boden. eine ist mit wasser gefüllt. in der anderen sind möhren, die sie schälen will. in den bürgersteig eingelassen fand ich fünf faustgroße, in messing gefasste pflastersteine mit eingravierten namen von juden. darunter: hier lebten... deportiert am ...  //

23:22

Lieber Gott, bitte bewahre mich vor George Bush, den Fundamentalisten jeder Coleur und George Bush. Amen. 

 

Sa 7.09.02   11:48

Erinnerungshysterie macht sich breit. Hände werden aufs Herz gelegt, markige Worte gesprochen. Nächtens werden zielgenaue Raketen gestartet, es jährt sich, da wollen sich unsere atlantischen Freunde nichts nachsagen lassen. Und unsereins? - Steht mit Brechreiz auf, geht mit Brechreiz ins Bett. Heil Bush! 

 

So 8.09.02   17:06

Er verfügt über Massenvernichtungswaffen. Er strebt nach der Weltherrschaft. Er schreckt vor nichts zurück. Im Verbund mit Herrn B., der nicht verwunden hat, dass Britannien nicht mehr groß ist und die Wellen beherrscht, ist ihm alles zuzutrauen. Also seien Sie vorsichtig. Er gibt sich jovial, aber sein Ziel ist, zu töten.  

 

Mo 9.09.02   10:02

Das Scheitern kennt viele Nuancen. Eine heißt Sieg.

10:37

Ganz und gar hänge ich an dieser Maschine. Sobald Worte erscheinen und sich zu Sätzen formen,  Sätzen wie: Heute scheint die Sonne. Oder: Herr Bush ist ein Verbrecher. Oder: Ich liebe nur mich, und nicht einmal das, scheint Sinn zutage zu treten. Augenblicklich tritt Linderung ein. Versiegen die Worte, bleibt von mir nichts. 

14:20

Gestatten Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit für einen Augenblick auf dieses Gedicht zu lenken. Es ist sehr ergreifend. 

 

Di 10.09.02   9:46

Was dem einen der Reichstagsbrand, ist dem andern das WTC. Sagen zunehmend viele. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Aber ich kann es mir vorstellen. Und nachdem das getan ist, darf der Tag beginnen. Voller Hoffnung, denn der Liebesroman Nr. 2 ist in Angriff genommen. Aloha! 

12:09

Gern fragt sich der Mensch, was er wählen soll. Wo seine politische Heimat ist? Bin ich etwa ein ... oh Gott. - Ich hatte es geahnt. Aber ich wollte mehr wissen. Ich wollte Sicherheit. Unter  http://www.wahlomat.de  fand ich sie. Nun bin ich beruhigt.

16:46

Überschallflüge über der Bundesrepublik sind zwar verboten, dennoch knallte es gerade zweimal. Falls das nicht der französische Extremsportler war, der in 40 Kilometer Höhe aus einem Flugkörper springen will, um im freien Fall Mach 1.5 zu erreichen, müssen es Jets gewesen sein. Vielleicht Übungen zur Druckkulisse, die man gegen den Irak aufbauen möchte. Los komm, Druckkulisse aufbauen! heißt der Befehl, der neuerdings auf den Flugplätzen dieser Welt ausgegeben wird. Beeindruckendes Düsengeheul und Schallmauergeknalle. Schön wäre jetzt ein erster Mai auf dem roten Platz, vorausgesetzt, Russland wäre amerikanisch. Dann könnte man zeigen, was man so hat zum Schießen. Buhhh, böser Saddam!!!

 

Mi 11.09.02    9:23

Sie gestatten, dass ich mich zu diesem Tage nicht äußere. Sollten Sie dennoch wissen wollen, was heute geschah, klicken sie hierhin.

10:58

Stellte mir vor, mich zu gegebener Zeit als zwei Flugzeuge verkleidet in den Ludgeri Brunnen zu stürzen. Mein großer Sohn glaubt jedoch, dass mir das einen längeren Aufenthalt in der Polizeidienststelle gleich um die Ecke einbrächte. Werde daher den Tag der Angst im trauten Heim verbringen und beten. Das Böse ist überall. Es lauert. Es will dich verschlingen.  

 

Do 12.09.02    00:12

Der mich nicht bewohnt. Der mich beschimpft. Der mich vernachlässigt. Der mich voll stopft. Der mich aushungert. Der mich wiederholt. Der bin ich. Der mich aufreibt. Der mich wofür fragt. Der nie still ist. Der bin ich auch.

12:19

Der mich spazieren führt. Der mich lacht. Der mich weint. Der mich sieht und mich sehen lässt. Der schon weiß, wenn ich noch unwissend bin. Der bin ich. Der am Morgen sagt Aufstehen! Der mich schlecht schläft. Der mich zermürbt. Der träumt, obwohl er es besser weiß. Der bin ich auch. 

14:16

...es ist schon okay, es tut gleichmäßig weh...(2)

19:01

Der mir misstraut. Der betrügt. Der mir das Blaue vom Himmel verspricht. Der bin ich. Der Mörder. Der mich verliert. Der Gewinner. Der das Gewaltmonopol der UNO nicht anerkennt. Der auch. 

20:44

...bestellen Sie M. von einem alten Sachverständigen aus Hannover, er solle Romane schreiben, in denen die Leute sich ineinander verlieben, und wenn sich ihrer Liebe zunächst auch Hindernisse in den Weg stellen, so werden sie doch beseitigt. Am Anfang des Romans sollte es auch wirtschaftliche Schwierigkeiten geben, aber die werden mit Fleiß und Sparsamkeit bezwungen.... (3) 

 

Fr 13.09.02    8:23

Die schwarze Katze, die bin ich.

10:56

Der geschmacklose Witz, der bin ich. Ich bin Literatur. Ich bin Gott. Ich bin Hölle. Ich bin. Keine Angst, das bin ich auch. 

12:47

Heute bin ich müde und faul. Ich versuche, es zu genießen. Aber das ist nicht einfach. Schließlich bin ich Deutscher. 

22:22

Politbarometer: Die Stimmungslage kann sich natürlich in den nächsten Tagen noch ändern. Ein so großer Unterschied hat natürlich auch Auswirkungen auf die Frage, wen hätten Sie lieber als Bundeskanzler. Die Stimmungsveränderung hat auch Einfluss auf Verdauung und Lust auf Ficken. Aber wie gesagt: das alles kann sich in den nächsten Tagen noch ändern. 

 

Sa 14.09.02   11:55

Ich kann es hören. Ich kann es sehen. Ich kann es fühlen. Es hört sich nicht gut an. Es sieht schlecht aus. Es fühlt sich beschissen an. 

 

So 15.09.02    15:06

Erst waren es einzelne. Leuchtend weiß zogen sie über den Horizont heran. Ohne Eile. Als wären sie ohne Ziel und kämen aus Nirgendwo. Dann wurden es mehr. Manche erschienen von einem Augenblick auf den andern. Sie leuchteten auch, aber in manchen wuchs schon bleigrauer Groll.  So zogen sie nebeneinander dahin, jede für sich, noch keine Front. Eine Stunde darauf begannen sie sich zu vereinen. Breite Flanken zu bilden. Eine, noch eine, noch eine. Jede in verschiedener Höhe, aber alle mit gleichem Ziel, zunehmend dichter werdend. Von der Sonne in vielen Nuancen der Lichtes bestrahlt. Hoch über uns, während wir tief unten staunend genossen, aufgehoben, Teil dieses wunderbaren Schauspiels, das den Himmel so weit wir sehen konnten zur Bühne nahm. 

 

MO 16.09.02    9:25

(...) Nie zuvor in der Geschichte ist der Kapitalismus so sehr von kulturellen Barrieren befreit gewesen, sein eigenes Bild vom Menschen, das an Konkurrenz, Überlebenstraining, auch räuberischen Besitzindividualismus orientiert ist, zu einer die Ethik einer ganzen Gesellschaft bestimmenden Weltsicht zu machen. (4)

13:50

Ein neuer Mensing für's nächste Jahr:

 

Di 17.09.02    8:13

Good morning Frances, 
Chris and I went to Cologne last night to see Elvis Costello. We had seen him before, maybe two years ago, when he was touring with his piano player, just the two of them. That was one of the most impressing concerts we had ever heard. Last night he was with his band and what he performed was completely different to what I had expected. It was straightforward, very noisy, somewhat distracting for people of my age, though he is not very much younger. Obvisously the crowd thought in the same way. Elvis left after one hour without having spoken more than "hello", not even having introduced the band. There was some yelling, shouting, but it was not the enthusiastic crowd, we were part of two years ago. Nevertheless Costello came back on stage, and from that moment on everything changed. He is a very stubborn performer, he sings his songs, he is funny in a peculiar way, he seems angry with his guitars and his songs, but he is able to sing songs about the brutal life in a very very touching manner. So there he was back on stage, played for another 60 minutes and convinced me and the rest, that he is the one we came for to see.
If you get the chance, Frances, go see him, he is one of my favourites, I think, he is Englands best, he does, what we do, he tells people about life and he doesn't make it extra sweet, so everybody forgets and nodds. He is just good. Very very good.
Have a nice day, Frances.
I have started a new novel, it will be about a boy and a girl, which is, what most of the stories are about, but this boy has a black father, a white mother, a black sister, but he himself is white. I am very eager to find out, what will happen in this novel, I have a vague idea, but the story is already developing.
bye bye hermann


Mi 18.09.02    9:18

Mich deucht, mir scheint, mir dämmerts dunkel / mich geht ein Zweifel an im Schritt // ich fühl, ich seh zu viel Gefunkel / ich weiß, ich will, ich mach nicht mit // ich schließe ab, hör nicht mehr zu / ich türme Barrikaden // ich bitte, lasst mich jetzt in Ruh / beißt mir nicht in die Waden //  ich heiße Hermann,  zweifle gern / ich greife gern zum Morgenstern // ich hasse Euch, ich liebe dich / ich übe, doch ich fliege nich (t) // ich raste nie, ich ruhe schlecht / ich habe immer niemals Recht // ich bin die Hüpfburg auf dem Berg / erscheine nachts als irrer Zwerg // ich rate, wer der nächste ist / ich habe mich so lang vermisst // ich hätte alles gern von vorn / ich wäre gestern erst gebor'n // begänne wie es damals war / und wünschte es wär' wunderbar //   

12:38

Cut.


So 22.09.02   15:30

Noch ist Zeit, Schlimmeres zu verhüten. Also bewegen Sie Ihren Arsch in die nächste Wahlkabine. 


Mo 23.09.02     8:41

Knapp. Glückwunsch.


15:52

Fuhr auf der Suche nach der verlorenen Zeit zur Stadtbücherei. Fragte den Computer, ob er Näheres wisse. Er verneinte. Beschloss, vor Ort zu recherchieren,  streifte Regale, strich über Buchrücken und las hier und da einen Titel. Freute mich, dass dieses schöne Gebäude für mich und meinesgleichen gebaut worden ist. War für Augenblicke sehr stolz, dass es auf der ganzen Welt Bibliotheken gibt, die uns Asyl zu bieten. Schutz vor Nachstellungen. Einen Ort, die Zeit zu überdauern. Mehr als nur Augenblick zu sein. Dann fiel mir wieder ein, dass ich nicht gefunden-  wonach ich gesucht hatte und die Trauer kehrte zurück. 


Di 24.09.02   15:33

Wind im Kopf. Der Herbst treibt mich vor sich her. Werde warten. 

16:07

dpa. George Bush hat startbereite Atomraketen in Barcelona entdeckt. Und unterm Schiebdach einer riesigen Halle gleich nebenan vermutet er ein Arsenal schlimmer und noch schlimmerer Dinge, über die er nicht öffentlich reden will. Nur soviel: der Friede ist bedroht. Wir müssen Spanien angreifen. Wenn wir es nicht tun, tut er es. Was für ein Kerl!!!
20:39

Plötzlich und ohne Vorwarnung gelangten wir auf unserem Abendspaziergang  (der dem blonden westfälischen Kaltblut auf Lütke Uphues Weide galt, das wir hin und wieder mit Möhren und Zwieback bestechen, damit es schnaubt, wenn es uns sieht und in Erwartung der Köstlichkeiten heran trabt) an eine zum Sperrmüll herausgestellte Garten-Sitzgarnitur  aus Knüppelholz. So eine wollte ich schon immer, rief meine Frau. Da ich noch nie über Knüppelholz-Garten-Sitzgarnituren nachgedacht hatte, war ich nicht in der Lage, Argumente vorzubringen, die sie vom Gegenteil  überzeugt hätten. Also vereinbarten wir, dass ich zurück nach Hause liefe, sie derweil die Beute sichere und gegen Zugriff anderer verteidige. Eilte dann heim, alarmierte unseren Nachbarn, der im Besitz eines Ford Transit ist, fuhr ihm mit unserem Wagen voran und ließ besagte Gegenstände in unseren Besitz übergehen. Meine Frau hatte schon Kontakt zum Vorbesitzer hergestellt, der ihr versichert hatte, er habe seiner Frau Vorhaltungen gemacht, die Garnitur sei doch noch gut etc. pp., aber zum Sperrmüll herausgestellt ist zum Sperrmüll herausgestellt, basta. Fuhren Bank, Tisch und zwei Stühle ab, postierten sie in unserem Garten, probten den Sitzkomfort, fanden, dass er hervorragend ist, fanden auch, dass die Garnitur sich 1a in besagte Ecke einpasst, holten roten Wein, zogen dicke Jacken an, setzten uns, tranken und stellten uns vor, dass nun nur noch ein Dackel fehle und Geweihe an der Backsteinwand und der verblichene Schafbockschädel, den ich auf der Isle of Lewis fand, aber nicht mit nach Hause nahm. So verging eine Stunde wie im Fluge. 


Mi 25.09.02   9:04

Fortgeräumt wird die Liege. Ins Haus werden Sitzkissen geholt. Gefegt wird der Balkon und mit sehnsüchtigen Blicken schon jetzt überhäuft. Die Sommerwohnung. Die Kleinbürgerfreiheit. Begrüßt wird feiner Regen. Nicht fortgewünscht werden bunter werdende Blätter. Verschlafen werden von nun an  frühe Morgenstunden mit brüllenden Motoren anfliegender Urlauberflugzeuge. Bereit macht sich M., der verloren hat alles was Überblick heißt, still sitzend versucht er sich zu erinnern. Satz für Satz. 


Do 26.09.02   10:17

Du sagst, du hast heute noch nichts erlebt. Du hättest auch gestern nichts erlebt. Es sei fraglich, ob du überhaupt schon etwas erlebt hättest. Du wüsstest nicht einmal, was erleben heißt. Du fragst: Ist das so ähnlich wie: erarbeiten. Oder wie: erfahren. Oder wie: erbrechen. Oder wie: erinnern. Oder wie: erahnen. Oder wie: erlauben. - Sich etwas erlauben? - Ich glaube ja. Wer sich etwas erlaubt, erlebt auch. 

17:54

Schmalhans ist Küchenmeister in Mensings Kopf. 


Fr 27.09.02    11:05

dämliches aus dem haus men-sing
wird dem wirt die wirtin nass / stopft er sie ins güllefass / rollt sie einen berg hinab / und versenkt sie in ein grab / stampft die erde drüber fest / dass sie sich nie mehr sehen lässt //

18:27



Sa 28.09.02    13:33

I'm so tired, my mind is so upset, I'm so tired, I'll have another cigarette.... (5)

29.09.02   10:12

Da! 
Daaaaa!!! 

11:14
Auch möglich, dass es ganz woanders ist. Aber niemand soll uns nachsagen, wir hätten es nicht versucht.  

15:45

Sehr geehrter Herr Mensing, 
wie telefonisch besprochen übersenden wir Ihnen hiermit 1/4 Pfund waffenfähiges Uran, das Handbuch "Der Staatsstreich leicht gemacht", einen Gutschein für einen Staatsstreich in einem Land ihrer Wahl, den "kleinen Bastelkasten für Revolutionäre" und die CD "Weltwirtschaft adé". Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit unseren Produkten und verbleiben mit freundlichem Gruß.  


So 30.09.02   8:48

Er war wieder da.
Er kam gegen fünf und verließ mich um sechs. Das war schon das zweite Mal in  diesem Jahr. Seltsame Erscheinung zu merkwürdigen Zeiten. Werde den Doktor fragen.

14:33

Bis Amerika den Schaden begreift, den es anrichtet, indem es darauf besteht, dass der amerikanische, auf Profit ausgerichtete "way of life" nicht notwendigerweise zu allen Ländern passt, werden wir in Schwierigkeiten sein. Wir werden die meistgehasste Nation auf der Erde sein. (6)

16:08

Unsere Portion sinnfreien Sprechens gib uns heute...
üplött grann osch, löpp röötll oijjj.

21:17

Er war am Ende seiner Kraft. Er kenterte, versank in den Federn der Matratze, in Weichem, im leeren Raum und hatte dabei das Gefühl, dass er mit rasender Geschwindigkeit von einem Aufzug mitgerissen wurde. (7)

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1. Adolf Hitler "Mein Kampf" // 2. Herbert Grönemeyer "Mensch" // 3. Antti Tuuri "Fünfzehn Meter nach links" Roman,  BLT Taschenbuch,  2002 // 4. Oskar Negt  "Der gute Bürger ist derjenige, der Mut und Eigensinn bewahrt" FR Dokumentation 16.09.02 // 5. The Beatles "Weißes Album" 1968 //  6. Norman Mailer "Interview in The Times, September 2001 // 7. Georges Simenon "Der Verdächtige" Diogenes 1980 //

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