März 2002                                      www.hermann-mensing.de                 

mensing literatur

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Fr 1.03.02   9:51  (1.03.02 Thekaddy Wild Life Reservat)

Ich bin da. Ich atme. Ringsum ist Leben. Der Himmel ist oben. Die Hölle unten. Dazwischen ist nasskalte Luft. Ich grüße die Engel, die Teufel und den Erfinder des Alltags. Wer ist das Schwein? 

12:02

Das Schwein fühlt sich gut. Es riecht gut. Es hat genug zu fressen. Es beherrscht das Zehn-Finger-Blindschreib-System, die einzige Fertigkeit, die es je erlernt hat. Es rechnet mit allem. Nur Wurst wird man aus ihm nicht machen.  

12:53

der holzwurm nagt mit bitt'rer mine // seit tagen am ikea-schrank // wenn ihm das leben schön erschiene // fühlt' er sich ganz bestimmt nicht krank // doch dieser press-span lässt die zähne faulen // und diese klebemittel schmecken fies // könnt er doch bloß ein holzwurmweibchen kraulen // dann ließ er dies //

14:33

 

Wie ich so sitze, Absinth einpfeife, dass die Synapsen zappeln, ruft er, na du Schwein. Tach blöde Sau! antworte ich  und schon kommt da was an und trifft mich und dann weiß ich nichts mehr.  

18:23

Flamingofarbener Abendhimmel, türkis grundiert, höllisch leuchtend im Untergangszentrum. 

22:44

Lieder, um die letzten Wintertage zu überstehen: 

Dignity: Bob Dylan - For no one:  Rickie Lee Jones -More than this: Soul Wax - Trustworthy little Sweetheart: Vince Jones - Black hole sun: Soundgarden - 4th time around: Chris Whitley - In the mood for love: Brian Ferry - When the world was young: Jimy Page und Robert Plant - Woke up this morning: Nickelback -  4 out of 5: Soul Coughing

 

Sa 2.03.02   7:21  (2.03.1978 Thekaddy)

Frostig bleicher Morgenhimmel. Amseln. Zugefrorene Autoscheiben. Karli Karli sagt, bleibt doch, aber wir bleiben nicht. Wir wollen nach Groningen. 

21:41

Wetten, dass ich jedes Arschloch auf Anhieb erkenne!!!

23:37

Das haben wir gesehen.

             

Selbstportrait Ilja Repin (1844-1930)            Maxim Gorki 

 

So 3.03.02   13:27  (3.03.1978 Thekaddy)

Wir sahen noch mehr. Uns wurde klar, dass Friesland lange Zeit nur zwei Dimensionen gekannt haben muss. Glücklicherweise kam irgendwann jemand und erfand die Windmühle, die Strom mahlt. Seither weiß man auch dort, dass es in die Höhe geht. Von Daumensprung zu Daumensprung stehen diese geflügelten Riesen, und wenn man Glück hat, drehen sich zwei im gleichen Rhythmus, schwingen ihre rotbestrumpften Flügel synchron, aber schon nach zwei, drei Umdrehungen bricht eine aus, wird schneller, lässt nach, je nachdem. Überall stehen sie: Windparks geheißen, von Schönheit kann nicht die Rede sein. Dass man in dieser Ebene eine Grenze überquert, fällt kaum auf. Nur dass da hinten irgendwo Westerbroek liegt, das, wenn ich mich recht erinnere,  ein KZ war, das schmerzt. 

Groningen taucht auf. Herr und Frau M. haben noch nie an so einer kulturbeflissenen Exkursion teilgenommen, und im Anblick der Massen vorm Eingang des Museums sind sie sicher, dass sie es nicht noch einmal tun werden. Sie stehen in langer Reihe, die sich glücklicherweise schnell fortbewegt, stehen da, und hören, wie gutbetuchte Frauen um 60 hinter ihnen von anderen Exkursionen sprechen. Wie sie Kunst, Künstler, Preise, Hotels, das Wetter und die Reise in diese oder jene Metropole in einen Topf rühren und offenbar große Kenner sind. Ja, ja, sagen sie, dass war doch der, der da und da und so weiter....  -  Tief durchatmen. Nicht umdrehen. Nicht zuschlagen. Nichts sagen. Sich einfach lösen und eigene Wege gehen. Aber wie? All die Menschen in lollipop-farben gestrichenen Räumen in diesem vom italienischen Designer Mendini entworfenen Museumsgebäude, das ein verquaster Mist ist und nur einen feiert: seinen Schöpfer, und den darin ausgestellten Künstlern sowie den Betrachtern von Kunst immer wieder eine neue Wandfarbe aufdrängt. 

Die Bilder von Repin hingegen sind klar, ohne Zweifel und zeigen meist Zeitgenossen in ihrer Umgebung. Seltsam kam mir vor, dass in keinem dieser Bilder der Maler sein Recht fordert, das Recht, sich von der naturgetreuen Wiedergabe zu lösen, wie das zur Zeit Repins (1844 - 1930) überall in Europa geschah. Nur in Vorstudien zu großen Gemälden, zum Beispiel zu den Wolgaschiffern, tritt die oft fotorealistische Darstellung zugunsten der Farbkomposition in den Hintergrund und gefällt mir auf Anhieb besser, als das ausgearbeitete große Werk. 

Bei Turner, dessen Bilder ich vor einiger Zeit in Essen sah, war schon in frühen Aquarellen zu sehen, dass er Landschaften auflöste in Licht und Eindruck, was ihm in seiner Zeit einige Feindschaft eingetragen hat. Bei Repin nichts davon. Wundervolle Portraits von einem disziplinierten Meister, aber dass die zeitgenössische Kunst des ihn umgebenden Europas sich emanzipierte, lässt sich an Repins Arbeiten nicht nachvollziehen. Im übrigen ist aber Sonntag und nichts weiter geschieht. 

 

Mo 4.03.02  10:05 (4.03.1978 Thekaddy)

Er war wieder da, weckte mich gegen 4:30, blieb eine halbe Stunde und verschwand ohne Spur. Ich hasse ihn

14:20

Zur Depressionsbeseitigung bieten wir: Fensterputzen, Spülen, Staubsaugen. 

17:40

Horch - Stimmungsaufschwung! 

18:57

dämliches aus dem hause men-sing:

ein liebevoll gepflegtes glied // vereitelt oft den suizid // bleibt solche pflege aber aus // killt  man sich besser außer haus // 

mehr davon

22:09

Zur Erinnerung:

"Was seid ihr doch für Menschen! (...)  Alle sind eure Genossen - Armenier, Juden und Österreicher, mit allen fühlt ihr Kummer und Freude." - "Ja, mit allen, Mütterchen!" rief der Kleinrusse. "Für uns gibt es keine Nationen, keine Stämme, es gibt nur Genossen oder Feinde. Alle Arbeiter sind unseren Genossen, alle Reichen, alle Regierungen unsere Feinde. Wenn man die Welt offenen Auges betrachtet, wenn man sieht, wie zahlreich wir Arbeiter sind und welche Kraft wir verkörpern, ergreift eine solche Freude das Herz, und ein festliches Gefühl erfüllt die Brust. Und ebenso, Mütterchen, fühlt der Franzose, fühlt der Deutsche, wenn er das Leben ansieht, und ebenso freut sich der Italiener. Wir alle sind Kinder einer Mutter, der unbesiegbaren Gedankens von der Brüderlichkeit der arbeitenden Menschen aller Länder der Welt. (1)

 

Di 5.03.02    10:15  (5.03.1978 Thekaddy-Quillon)

flashback: reisetag. nicht in bussen, denen man keinen meter mehr zutraut, nein, diesmal in bussen und booten. habe also heute zwei todesarten zur auswahl. zertrümmert am straßenrand oder ertrunken in den kanälen zwischen kottayam, allepey und quillon. morgen will ich in trivandrum sein. morgen ist mein geburtstag. morgen will ich post von c. aber bis dahin ist noch ein weiter weg. ich reise nicht allein. ein engländer hat sich mir angeschlossen. er ist koch.   

11:35

So oder so ist das Leben. 

    Covervorschläge für meinen Krimi      

14:00

Geboren. Vorm Vater. Geflohen. Vor Mutter. Geflohen. Vor Frauen. Geflohen. Vorm Ich. Geflohen. Vorm Fliehen. Geflohen. Angeblich. Angekommen. Schöner Tag, dieser Tag. Schaue auf die Covervorschläge und wünsche mich fort. Vorm Fortwünschen. Geflohen. 

16:06

Saßen am Samstag im News Café, ein Life-Style Bums in Groningen. Ganz nett, rappelvoll. Hatten gegen alle Erwartungen auf der U-förmigen Galerie im ersten Stock einen Tisch ergattert. Die Schenkel des U sind knapp zwei Meter voneinander entfernt, wenn man über die Brüstung nach unten schaut, sieht man die Theke und die dort sitzenden Menschen. Unserem Tisch gegenüber saß eine junge Familie, Mutter, Vater, Kind: ein Sohn, knapp sechs, nicht gerade glücklich, hier sein zu müssen. Vor ihm stand eine Schoko-Milch. Wie ich saß auch er an der Brüstung. Plötzlich ein lautes Platsch. Ich hätte nicht sagen können, woher es gekommen war, schaute nach unten und sah an der Theke einen Mann, dessen vor ihm liegende Zeitung braun war vor Schokomilch. Er starrte böse nach oben. Nein, ich war's nicht! signalisierte ich, ohne noch zu wissen, was tatsächlich geschehen - und wer der Täter war. Der Mann begann sich zu säubern. Die Mutter des Jungen begriff langsam. Ihre Gesichtsfarbe wechselte von bleich zu violett. Der Junge weinte. Chris und ich genossen in stiller Freude. 

17:08

Begreife langsam, woran mich die Cover erinnern: an Eiskonfekt. Schöller Eiskonfekt. Werden wohl nie verstehen, was diese Verkaufs-Designer sich ausdenken.  

 

Mi 6.03.02    9:14  (6.03.1978 Trivandrum)

Mein Kopf schwirrt vor Vergangenem. Hier bin ich, hier! rufe ich, aber er hört nicht. 

11:42

KarliKarli und ich haben beschlossen, nach Australien zu fliegen. KarliKarli vermutet dort seine Verwandten. Ich vermute dort gar nichts. Wir wollen den Weg in kleinen Etappen fliegen. Heute zum Beispiel vom Käfig bis auf die Sessellehne. Morgen von dort bis in die Küche und so weiter. Ich freue mich schon. 

12:57

Plötzlich sagt KarliKarli, jeder trage sein Australien in sich, insofern erübrige sich unser Plan. Gut, dann reise ich eben allein, sage ich, stelle mich auf den Tisch und fliege zum Sessel. Dabei reiße ich das Bücherregal um, aber wer hat denn gesagt, dass es leicht ist.  

13:15

Und noch ein Cover:

  

14:48

Das Feuerwerk der guten Laune: heute Abend: bei Hermann.

19:42

Und so sieht Hermann aus, nachdem er für 200 Gäste, darunter Marcel Reich ETC., den Papst und Prinz Charles, gekocht hat. 

PS.: auch Dolly Buster wird kommen. 

 

Do 7.03.02    12:19  (7.03.1978 Trivandrum) 

Möglich, dass er sich noch eine Weile hält, wenn man ihn in Salz einlegt, aber besser wäre wohl, ihn auf die ein oder andere Art und Weise zu entsorgen. Mit Musik für ältere Menschen, mit einer Zeremonie für ebensolche, ohne Getränke für junge Besucher. Wie gesagt, wenn...

13:36

Tatsächlich: Dolly Buster zeigte zu vorgerückter Stunde, wie eine Silicontitte fachgerecht an- bzw. abschraubt wird. Großes Interesse bei allen Anwesenden. Vor allem Karel Woijtila hatte sich das ganz anders vorgestellt.

14:20

Ja, ich akzeptiere den Marsch durch die Täler der Dummheit. 

16:51

Dohlen treiben schreiend auf böigem Wind, Forsythien blühen, Krokusse, Luft drückt um Ecken und ruft komm Frühling, komm, ich halte mich auf den Beinen nach dieser Nacht, noch nicht wieder beisammen. 

 

Fr 8.03.02    10:47 (8.03.19 78 Kovalam)

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Wollen mal sehn, ob ich mein Hörspiel heute zu Ende bringe.  

14:47

Zwei Kapitel noch. Ich mache eine Szene draus, da muss es krachen und alle Gefahr muss besiegt werden und dann geht der Alltag weiter. 

16:13

Heute ist alles prima: 

Quecksilbern der Himmel, ein Hermann in Not und im Speck, ein Tisch voller Arbeit, ein Wunsch nach Nähe und Ferne, heute ist alles noch primaer, als es schon sonst ist, heute ist es so prima, dass der Mensch frohe Rufe ausstößt, Rufe, die man weit hört und die mit ausgelassenem Tatütataaa beantwortet werden. So prima ist dieser Himmel mit dem rotierenden Licht, dass ein einziger Kopf das nicht begreifen kann. They say it's all right, but I don't know what all right even means, sagt mein augenblicklicher Lieblingssänger Bob Dylan. Prima, Herr Bob. Ganz prima. Ich bin ihrer Meinung. 

18:01

Ich behaupte das Gegenteil, nicht!

 

Sa 9.03.02    12:30  (9.03.1978 Kovalam)

flashback: die bucht hat man in zehn Minuten erkundet, rennend am spülsaum in vier. im südwesten wird sie von einer halbinsel begrenzt, darauf ein klassischer leuchtturm, rot und weiß wie eine zuckerstange. palmen recken sich schräg gegen den horizont. unsere hütte steht unter palmen. dahinter hebt sich das land. von unserer schwelle bis zum wasser geht man keine minute. jeden morgen finden wir schlangenspuren im sand, aber die schlangen sehen wir nicht, bis auf eine, die sahen wir und die verursachte großes geschrei: sie lag vor der hütte, gold-grün wie das licht durch die palmblätter scheint, dick wie ein arm und sicher zwei meter lang. morgens kommen junge frauen und rufen "fresh papaya, fresh pineapple..." im paradies bin ich. nicht. in einer hütte nur. lebe da ein paar tage und bin längst schon wieder fort, auf dem weg nach sri lanka. abends sitze ich auf den felsen der halbinsel, die von den wellen überspült werden und beobachte seltsame lebewesen, halb fisch, halb molch, klein und schwarz, springend.

14:05

Im übrigen gilt: nichts wird verstanden.

19:23

Bronzefarbenes Licht vorhin, als ich die Runde drehte. Am Himmel die Dohlen auf dem Weg zu ihren Schlafbäumen, aber immer wieder abweichend, kreisend, auseinander treibend, ein, zwei, drei Gruppen, plötzlich in entgegengesetzte Richtungen, sich ebenso plötzlich mit lautem Geschrei wieder vereinend. Was blühen kann, blüht schon. Wind weht noch sacht, aber ich spüre den Sturm schon, der vom Meer erzählt und den Ländern dahinter. Blitze zucken jetzt, und der Abend treibt mit mir fort. Müde nach den beiden Geburtstagen, müde nach all den Zweifeln, erheitert von Alanis Morisette, die in Dogma den weiblichen Gott derart überzeugend spielt, dass es mich zu Tränen rührt. Im übrigen gilt: nichts wird verstanden.

 

So 10.03.02   10:50  (10.03.1978 Kovalam)

Sterben Vögel im Flug und fallen vom Himmel? Sitzen sie singend im Baum und kippen vornüber? Oder legen sie sich hin, um zu sterben? Ich frage, weil ich gestern einen Star im Rinnstein fand. Bei Schweinen ist klar: wir töten sie. Bei uns ist es komplizierter. Wir haben eine große Bandbreite selbst- und nicht selbstverschuldeter Todesarten. Manche sind sogar lustig. Aber wie trifft es unsere gefiederten Freunde? Kann mir das jemand sagen?

17:39

Keine Auskunft bisher. Stattdessen ein stechender, fest sitzender Husten knapp überm Solar Plexus, Schmerzen in allen Gelenken, Benommenheit. - Aha! Sie wollen wohl vom Himmel fallen, Sie Angeber, wie? - Nun, ich weiß nicht. - Was wollen Sie denn? - In Ruhe gelassen werden. Nichts mehr glauben. Alles verstehen. - Also doch vom Himmel fallen! - Wenn man es so sieht, ja.  

 

Mo 11.03.02    8:54  (11.03.1978 Kovalam)

Bulletin: Majestät haben nach unruhiger Nacht hervorragend verdaut, fühlen sich zwar zerschlagen, geben aber der Hoffnung Ausdruck, das gestrige gesundheitliche Tief überwunden und voller Zuversicht in den kühlen, sonnigen Tag starten zu können. Majestät wollen allen Widrigkeiten zum Trotz heute endlich das Werk vollenden und am Nachmittag für die "Münster literatur-line" die "Reise ins Glück" online lesen. Nach wie vor schleierhaft ist Majestät das Ableben der Vögel.  

10:25

Womit nicht gesagt ist, dass Majestät vieles andere nicht schleierhaft wäre, nein, nein, Majestät zeichnet sich durch ein riesiges Arsenal unbeantworteter Fragen aus. Die wohl witzigste aller dieser Fragen ist: Warum fragen sie eigentlich soviel? Wissen Sie nicht, dass es keine Antworten gibt? 

13:16

Dummes Zeug. Antworten zuhauf, man muss sich nur umschauen. Eine Antwort zum Beispiel lautet: Ja, es ist mir gelungen, den Roman "Sackgasse 13" in ein vierteiliges Hörspiel umzuschreiben. Eine andere Antwort lautet: Nein, verkauft ist es noch nicht. Eine weitere: Ja, bitte gern, bitte gleich. Euro, Dollar, Hauptsache keine Rupien.     

18:10

Kirmes in Münster, Send heißt das hier. Da sieht man den Türken (das weibliche Pendant bitte immer mitdenken), den Afrikaner, den Afghanen, den Perser, den Inder, den Roma, den Sinti, den versammelten Ostblock etc. pp.  Und sie alle führen Lebensfreude vor. Tun das in einem Maße, dass der Westfale oft nur noch staunt und seine Handtasche fester hält. Messerscharf die kleinen Roma, durchgreifend die Sinti-Mutter, die nicht zögert, ihrem Balg eins reinzuwuchten, wenn es nicht spurt, wie aus der Bronx der kleine Schwarze, dass er nicht laut rapt, ist alles, der Goldschmuck, der am Asiaten so viel goldener leuchtet, als am bleichen Nordländer, der Minirock, der an der Polin mindestens einen halben Meter kürzer ist, als am übrigen weiblichen Mensch, sie alle sind plötzlich unterwegs in einer Stadt, die sonst eher behäbig und Studenten-dominiert ist. 

20:05

Ein Bekannter aus tiefer Vergangenheit erzählte mir heute diese rührende Geschichte. Seit zwanzig Jahre lebe er nun auf dem flache Land zwischen Bremen und Verden,  halte Hühner und Hasen und was man so halte als veralteter Landhippie, aber wenn er für ein paar Tage fort müsse, was häufiger vorkomme, fehle anschließend immer ein Huhn, ein Hase, oder was er so halte, fast immer. Ihm scheine es mittlerweile schon so, als wisse der Fuchs ganz genau, wann er gefahrlos Beute machen könne und wann nicht. 

 

Di 12.03.02    1:20   (12.03.1978 Kovalam)

Ja. Ich gebe es zu. Ich fürchte mich vorm Tlötschengreifer. Auch das Riftgrimm setzt mir zu. Schlimmer jedoch ist die selektive Wahrnehmung.  Wissen Sie zum Beispiel was ein Brau Tatelier ist? Sah die Leuchtschrift an der B 1 Richtung Unna. -  Aber es kann noch schlimmer kommen. Ich zum Beispiel bin Linkshänder. Domestizierter Linkshänder, denn in den Fünfzigern, in denen ich meine frühkindliche Sozialisation unter Mithilfe entnazifizierter Schläger erleben durfte, hieß es noch: Linkshänder Achtung: wir schreiben rechts. So schreibe ich also rechts, aber alles andere erledige ich nach wie vor mit links. Sie wissen schon. Und natürlich: Schlagzeug spielen.  Das furznormale Rechtshänderschlagzeug ist immer wie folgt aufgebaut: die Bassdrum steht mehr oder weniger in der Mitte. Die Snare links von der Mitte, das Hi-Hat links außen. Dann links von der Mitte beginnend nach rechts durchgehend das kleine Hängetom, das mittlere- und das Standtom. Entsprechend die Becken. Ride rechts, Crash links. Wenn ich, wie heute Abend geschehen, auf Sessions spielen will, muss ich das Set umbauen. Denken Sie sich also alles seitenverkehrt. Nun zum springenden Punkt. Vor einer Weile begann ich auf einer Session ein Schlagzeug umzubauen. Ich hatte das Hi-Hat schon zur Seite gestellt und machte mir am Stand-Tom zu schaffen, weil ich diese beiden Instrumente immer zuerst gegeneinander austausche, als mir auffiel, dass das Stand-Tom schon an der richtigen Stelle stand, dass es sich bei diesem Schlagzeug also offenbar um ein Linkshänder-Schlagzeug handelte. Mir war während des ganzen vorhergehenden Sets der Band nicht aufgefallen, das der Schlagzeuger Linkshänder ist. Komisch, oder? Selektive Wahrnehmung. Deshalb zum Schluss noch einmal die Leuchtschrift von vorhin: Brau Tatelier. - Ja, stimmt, es gibt Schlimmeres. Es gibt zum Beispiel in Münster ein Anstreicherfachgeschäft mit Namen Jungenblut. Fragen Sie mich nun nicht, was ich da jedes Mal lese, ohne es zu wollen.   Also: selektive Wahrnehmung. Eine wunderbare, höchst irritierende Fehlfunktion unseres kleinen denkenden Klumpatsch. Guten Acht. 

9:43

heut bescheiße ich die steuer
mach's dem fiskus extra schwer
mogle möglichst ungeheuer
fast nur kosten, bitte sehr 
kaum erträge  - rezession  
meine rente - illusion
noch ein bisschen hier und davon insgesamt
dann mit höchst ergebnem gruß zum amt
seht, so soll beschiss nun werden
auf papier wie jedes jahr
will beim antrag formlos sterben
danke, ihr wart wunderbar

16:57

ich lese - sie hören per real-player zu.
ab 14.03 - bis 27.03. bin ich mit "Die Reise ins Glück"
http://www.stadt-muenster.de/literaturline
zu hören.
viel vergnügen
hermann mensing


Mi 13.03.02   9:45  (13.03.1978 Cape Comorin)

Erschütternd:
Mensing nippelt fast ab. (dpa) Als der bescheidene Groß-Meister der Kinderliteratur sich nach einem Grog gestern gegen 21 Uhr zu Bett legte, überfiel ihn ein Schüttelfrost, der erst nach fünf Minuten abebbte. Mensing war danach derart durchgeschüttelt, dass sein schon von Natur nicht sehr leistungsfähiges Hirn vollends versagte. Nun hoffen alle auf Besserung.  

13:45

Keine Besserung im Fall M. Seine Ärzte machen ernste Gesichter. Mensing hingegen isst heiße Suppe, fühlt sich aber innen eiskalt.

18:35

O. O Gott. Überall Blut. Schwester Silvia, schnell. (Hurtige Schritte) Schwester Silvia: Hallo!!! (streicht M. links und rechts über die Wange.) Hallo Herr Mensing, aufwachen, Sie wollen doch nicht, dass wir reanimieren? - Herr Mensing (kleinlaut): Äh - nö..... Schwester Silvia: Sehen Sie, wir auch nicht. Außerdem würde das ihre Kasse nie zahlen. Also schauen Sie auf meine sinnlichen Lippen, dann wird alles gut. Herr Mensing: Ja, Schwester, ja. O Gott. O Gottogott. 

20:30

O Gott, oft auch Gottogott oder mein lieber Gott genannt, hörte den Ruf, kam, begutachtete M. und sprach wie folgt: Bei dir, hub er an, bei dir, M., frage ich mich jedes Mal, was ich falsch gemacht habe. 

21:50

Natürlich sind Sie als emanzipierter Leser keine Sekunde auf diese kleine Krankenhaus-Soap hereingefallen, aber unser Sponsor mailt, dass er mehr davon will.  


Do 14.03.02   9:27  (14.03.1978 Rameshwaran)

Auch heute bleibt unser Geschäft wegen Grippe geschlossen. 

17:34

Frohe Nachricht: die drei weiter oben gezeigten Covervorschläge für meinen im Herbst erscheinenden Roman "Der heilige Bimbam" sind abgeschmettert. Das heißt, jemand muss sich etwas Neues ausdenken. Das freut mich sehr. 


Fr 15.03.02    6:23 (15.03.02 Rameshwaran-Jaffna)

Guten Morgen.

15:21

menschen:tiere:sensationen: keine menschen. tiere? ja. aber nur karlikarli, der jetzt sitz und platz macht, wenn ich sitz und platz sage. sensationen?  auch keine. allgemeiner tenor: unlust. grund: grippe. feucht-kalte witterung. schleppende zeit. 

20:31

flashback: ich habe jim, jojo und doris wieder getroffen. auch sie haben andreas kleines vagabundierendes boot verlassen und sind wie ich auf dem weg nach sri lanka. jim der australier hat für die zeit dort und sein wohlbefinden vorgesorgt, hat ca. 50 gramm manali in penisform geknetet, in ein präservativ gestopft und sich dieses in den anus eingeführt. so will er die zollkontrollen in jaffna unbeschadet überstehen und auf sri lanka das gute schwere schwarze manali rauchen. das schiff dockt in jaffna an einem gut 200 meter ins meer hinausgebauten steg an. wir steigen aus. schon von weitem sehen wir einen schäferhund. der rauschgifthund der sri-lankanischen (ja, sagt man so??) behörden. er läuft frei und kommt fröhlich wedelnd auf uns zu. jim kneift die arschbacken zusammen. alle sind gespannt, was jetzt geschieht. - gar nichts geschieht. der schäferhund wedelt, findet jim aber nicht weiter interessant. wir steigen sofort in einen zug nach colombo. erst am mittag des nächsten tages sind wir dort und buchen ein hotel. und erst da packt jim aus. wir feiern sofort ein großes fest und sind anschließend so stoned, dass wir bis zum abend nichts mehr tun können. dann aber gehen wir in die lounge eines internationalen hotels und essen torte. 


Sa 16.03. 02.   5:42  (16.03.1979 Colombo)

Als ich noch auf der Strasse spielte, war ich gehalten, nicht mit katholischen Kindern zu spielen, und die von den Vätern, die in  der anderen Fabrik arbeiteten, zu meiden. Ich tat weder das eine noch das andere. Einige meiner Lehrer waren Faschisten. Ich wusste nicht einmal, was ein Faschist ist. Meine Kinder spielen mit Afro-Deutschen, gehen mit Deutsch-Türken und Arabern zur Schule, meine Kinder feiern Feste mit ihnen, und die paar Faschisten, die es wieder gibt, kennen sie. Sie wissen, was Faschisten sind und müssen sie verkraften, wie jede Gesellschaft ihre Idioten verkraften muss. Meinen ersten Joint rauchte ich allein vorm geöffneten Fenster meines Zimmers, unsere Kinder rauchen ihre Joints mit uns, feiern ihre Feste mit unseren Festen. Ich behaupte nicht, dass unser Leben ein ideales wäre, aber ich sage, dass sich die Dinge bewegen, ist das nichts? 

16:34

Immer auf der Suche nach dem Einfachen, das sich dem Leben einverleiben lässt, stieß ich bei Wittgenstein auf die wundervolle Erkenntnis, dass man durch alle Täler der Dummheit schreiten müsse, um zur Weisheit zu gelangen. Bei Gadamer, dem in dieser Woche verstorbenen Philosophen, erfuhr ich nun, dass das Vorurteil integraler Bestandteil seiner philosophischen Betrachtungen sei, was mich fast noch mehr freut, denn ich bin geneigt, mich meiner Vorurteile zu schämen. Das lasse ich nun also sein und bin gespannt, wie sich das auswirkt. 
 
21:22

Kleiner H. pupt gern. Kleiner H. liebt fäkalen Witz. Kleiner H. hat auch andere Dinge lieb.  


So 17.03.02   15:24  (17.03.1978 Colombo)

Die Zierpflaume blüht: weiße, hoch aufgetürmte Wolke, darin das Summen unzähliger Bienen. Ein Pfauenauge taumelt heran und landet. Kinder spielen im Garten. Kleiner H. ist noch längst nicht wieder gesund, wie gedacht. Schon ein kleiner Spaziergang fährt ihm in die Knochen. Gleich will er sich hinlegen und schlummern. 

17:37

Und während der Nachmittag bleicher wird und die Kinder wieder in den Häuser verschwunden sind, hockt er und sinnt und wundert sich über die Mühe der anderen, die ihm sinnvoll scheint, während ihm die eigene mit jedem Atemzug ferner und ferner in Fragen verweht. Damit daraus nicht Mitleid wird, singt er das Lied vom hohen Himmel, vom grünen Gras, das Lied von den Kolibris des Nordens und freut sich. Und morgen wird es wie immer ganz anders. 



Mo 18.03.02   9:06  (18.03.1978 Kandy)

Endlich, Amerika ist aufgewacht! Amerika entsinnt sich seiner humanistischen Traditionen und erwägt, die umweltfreundliche Neutronenwaffe, seit den Siebzigern im Gespräch und leider ein wenig in Vergessenheit geraten, wieder in Anwendung zu bringen. Wir wussten es ja. Amerika ist gut. 

17:20

Während sie dem Schalterbeamten der Post erklärt, warum die Frührente ihres Mannes auf ihr Konto umgeleitet werden solle - worauf der Beamte ihren Ausweis verlangt, der in sechs Wochen ablaufen wird, worüber sich eine weitere Diskussion entspannt - steht ihr Mann rechts hinter ihr. Beide sind Mittvierziger. Er trägt eine Cordjeans, die nirgendwo richtig sitzt und einen mausgrauen Nicki mit breitem, schwarzen Bruststreifen. Sie eine Jeans und eine rosafarbene Baumwollbluse, deren Kragen hochgestellt ist. Während sie nun ein Formular ausfüllt, steht ihr Mann, von  einem Fuß auf den anderen tretend, sich den Bart rupfend, sich wie Rat suchend mit flacher Hand auf die Oberschenkel klopfend,  ohne ein Wort zu sagen neben ihr. Als sie mit allem fertig ist, sagt sie "komm Schatz". Er folgt wortlos. 


Di 19.03.02   1:43  (19.03.1978 Ampetiya)

Kaum wirklich sehen. Sich durch Gischtwolken treibend an Parallelen orientieren, die vielleicht in der Unendlichkeit aufeinander treffen. Rückleuchten folgen. Wind ausbalancieren und hoffen, dass in diesem feuchten Dunkel nicht plötzlich Wände sind. Nein, Glück gehabt: keine Wand. Keine Wände. Kein Wahnsinniger, der sich entschlossen hat, mir entgegen zu fahren, mich zu begrüßen. Ich schwebe ein, und wie immer zwischen Kamen und Unna tut das auch ein Flugzeug, das um diese Zeit nach den Lichtfingern am Boden greift und sich hinabziehen lässt. In Dortmund schließlich. Mathias erzählt mir von seiner kleinen Tournee durch China. Was er gegessen hat, will ich wissen. Pudel mit Reis. Schlange mit Haut. Qualle. Frosch. Süßwasseraal. Frittierte Päderastenarschlöcher. Leckeres aus der Garküche. Und dann? Höre ich zu, wie diese Band musiziert. Wie der Schlagzeuger auf der Tom explodiert und dann fast wieder unhörbar wird, aber ganz Herr der Zeit. Schön ist das. Und ich freue mich, denn gleich trommle ich selbst und ich werde mir Mühe geben. Ja. Nach diesem feuchten Rutsch über siebzig Kilometer habe ich mir ein paar Lieder verdient, und der Trommler, der noch vorgelegt hat, sagt, nachdem ich zu Ende bin: Ich habe dir gern zugehört. Niemand hat ihn gezwungen, so etwas zu sagen. 

13:28

Das Telefon klingelt. Jemand fragt, ob ich dann und dann da und da lesen könne. Er organisiere gerade eine Gruselnacht. Ja, sage ich. Es scheint, dass Gruselgeschichten gern gehört werden. Sollte ich also nur noch Gruselgeschichten schreiben? Zum Beispiel die Geschichte von Pelle Pannen, der eines Tages erwacht und feststellen muss, dass der Morgen nicht kommt? - Nein, erst einmal faulenze ich. Neues Lesefutter ist gerade gekommen. Ich bin noch immer bei Genazino. Danach folgt ein dicker Happen Haruki Murakami. Und dann ist Frühling.  

17:38

Ich habe mir Flügel gekauft. Allerdings kann ich sie noch nicht problemlos gebrauchen. Das synchronisierte Schlagen links/rechts etwa fällt nicht leicht. Gelingt es dennoch, kommt es vor, dass die Flügel gegeneinander schlagen und die gespreizten Startfedern sich ineinander schieben wie die Finger einer sich faltenden Hand. KarliKarli beruhigt mich. Auch er habe nicht vom ersten Tag an fliegen können, sagt er. Werde also üben und üben und üben. Und dann auf nach Australien. KarliKarli bleibt definitiv hier. Er scheint Freunde in Friesland gewonnen zu haben, die ihm e-mails schicken. Weiß auch nicht, wie er zu dieser Ehre kommt.


Mi 20.03.02    8:44 (20.03.1978 Ampetiya) 

Die Cineasten werden es registriert haben. Die Royal Tenenbaums wurden gefeiert. Ein schriller, tief schwarzer Film über die amerikanische Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre. Ein Vergnügen! Jedenfalls war es das, was ich in den Feuilletons gelesen hatte. Gestern nun der Film im randvollen Saal 1 des örtlichen Cineplex. Zunächst einmal: ja, es ist wahr, niemand soll sich wundern, dass junge Menschen an Dickleibigkeit und Bewegungsarmut leiden, denn wer nebenher 1,5-Liter-Cola Becher und 2-Kilo-Popcorn-Eimer verdrückt, hat keine Zeit, sich zu bewegen und wird dick. Auch, dass man als älterer Mensch schon mal das Gefühl bekommt, die allgemeine Vergnügungswut habe einen Grad erreicht, der mit Party-Party-Party kaum noch aufzufangen ist, sei vermerkt, wobei gleichzeitig gesagt werden muss, dass man als ... (siehe oben) kein Recht hat, darüber zu urteilen. Der Film also. Holzschnittartig und ohne einem je Gelegenheit zu geben, eine Figur zu begreifen, stellt der Regisseur sein Panoptikum schräger Typen auf die Leinwand. Ich mochte weder lachen noch weinen, denn ich lache und weine nur, wenn ich auch bereit bin, zu glauben, was mir vorgeführt wird. Und an diesem Film glaubte ich nichts. Ich habe mich furchtbar gelangweilt; hinzu kam mein schlechtes Gewissen, denn ich fürchtete, meiner Frau den Abend vermiest zu haben. Schrecksekunde also, als wir das Kino verließen, uns anschauten und zu folgendem, fast synchron gesprochenen Satz anhuben: So einen Scheißfilm habe ich lange nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich habe ich ihn nicht verstanden. So oder so ähnlich wird es wohl sein, denn in den Zeitungen stand doch das genaue Gegenteil. Womit bewiesen ist, dass (siehe oben) weder über kritische Kompetenz  noch  gesellschaftliches Verständnis verfügen und am besten zu Hause blieben, um dort vielleicht unbemerkt vom Rest der Welt abzuleben.

14:34

Er ist einssiebzig, trägt eine graue Flanellhose, einen nachtblauen Blazer mit Goldknöpfen, ein weißes Hemd mit geblümtem Schlips, er ist dicklich und  riecht, als habe man ihn in Penatencreme gewälzt, er steht hinter mir in der Schlange zur Kasse und sein Einkaufswagen ist randvoll mit Plätzchen, Bonbons und Ostersüßigkeiten. Dazwischen Lachs und eingeschweißter Schinken, Tütensuppen und dicke blaue Pflaumen. Ich wette, sein Auto ist doppelt so groß wie meines, ich wette auch, dass es neu und auf Raten gekauft ist, ich wette, dass er seine Frau mit Techniken fickt, von denen er gehört und gelesen hat. Ja. Ich zögere nicht, ihn in meine Pfanne zu hauen, ich bemitleide ihn keine Sekunde, er hat sich das alles selbst eingebrockt, samt Siegelring, Penatencreme und einem Herzinfarkt mit fünfundvierzig, er ist mein Held für heute, und heute ist mein Helden - in - die - Pfanne - hau - Tag.  Mit Typen wie ihm möchte ich keine Sekunde in einem Raum eingeschlossen sein. Typen wie ihn habe ich schon gehasst, als sie noch klein war und Typen wie er versuchten, mir die Schüppe wegzunehmen und mir dann auch noch die Schuld zu geben. Ich hoffe, er explodiert.  

20:24

grauenhafte verwicklungen:
vor vier, fünf wochen erhielten wir die nebenkostenabrechnungen für die jahre 1999/2000. da unsere erfahrungen mit der neuen hausverwaltung gut waren, beschlossen wir, die rechnung zu begleichen. eine woche später kam ein nachbar, um mit mir über die seiner meinung nach überhöhten nachforderungen der nebenkosten- abrechnungen zu sprechen. ich suchte meine unterlagen, prüfte, verglich mit dem vorjahr und stellte erstaunt fest, dass einige positionen sich um 400 prozent erhöht hatten. folglich schrieb ich unserer hausverwaltung am nächsten tag einen brief in bester prosa, in dem ich um aufklärung bat. heute abend nun rief mich eine dame der hausverwaltung an. welche zahlen meinem schreiben zugrunde lägen, wollte sie wissen. ich sicherte ihr zu, die betreffende abrechnung zu kopieren und zuzusenden. vor fünf minuten dann dieser schock. die von mir zugrunde gelegte abrechnung ist die meines nachbarn sch., der sie wohl vor jahren bei mir vergessen hat. kein wunder also, dass ich auf 400 prozentige steigerungen mancher positionen stieß, denn er ist allein, wir sind zu viert. werde morgen also beichten müssen. aber wie konnte das passieren? - an die abrechnung meines nachbarn war unsere überweisungskopie geheftet, und diese verdeckte den briefkopf - die adresse unseres nachbarn. 

21:14

Wollte man Genazinos Prosa den Boden unter den Füßen wegziehen, müsste man nur sagen, Herr Genazino, Sie deuten zu viel. Aber ich will das gar nicht. Ich liebe diese Prosa.  


Do 21.03.02   10:16  (21.03.1978 Ampetiya)

Schreibanlässe? Kein Problem. Zum UNESCO Welttag der Poesie ruft die Redaktion der Lyrikzeitung Das Gedicht jeden dazu auf, selbst ein Gedicht zu verfassen. Als ambitionierter Laie will ich dem gern folgen. Also Achtung:
milz gerissen // darm nicht mehr im griff // zugeschissen // ruhig im totenschiff // blind gehörlos // mutter die mich barg // halt mich trostlos // ich trag deinen sarg //

10:41

Nicht ohne Stolz verkünde ich, dass die "Sackgasse 13" im Mai 2003 beim Carlsen Verlag in Hamburg als Taschenbuch erscheint. Allerdings: Reichtum bleibt nach wie vor aus. Jedes Arschloch verdient besser als ich. 
flashback: ampetiya, eine halbe stunde fußweg von kandy entfernt, liegt eingebettet in grünes mittelgebirgsland: palmen, bananenstauden, saftiger wald und reisterassen, hähne, die am morgen krähen, schweine, leuchtkäfer, schwarze skorpione. ich wohne in einer pension, luxuriös im vergleich zu den absteigen in indien. betreut von einem ehepaar. er ceylonese, sie tochter eines engländers und eines einheimischen. ich esse vegetarisch. gestern geschah seltsames: nach ein paar bissen konnte ich nichts mehr essen, entschuldigte mich und setzte mich vors haus auf den rasen. und als hätte ich die übrigen gäste angesteckt, kam plötzlich einer nach dem anderen heraus und setzte sich zu mir. ein tropengewitter zog zusammen. silvia, unsere wirtin, war verzweifelt. was denn falsch gewesen wäre mit ihrem essen, fragte sie, aber keiner fand, dass irgendetwas falsch war. nichts war falsch. man habe nur eben nicht mehr essen können, mehr nicht. überzeugt war sie nicht.  

17:45

Es muss Frühling sein. Die Heimwerker werken. Die matschigen Gärten werden vertikuliert. Frauen werden bestiegen, man hört ihre Rufe. Ja. Kein Zweifel. Es ist Frühling. Jemand bohrt sich in die Hand. Jemand ruft die Polizei. Die Polizei soll es richten. Ja. Es ist Frühling. Dumpf trommelt der Trommler von gegenüber seine kärglichen Melodien. Ihm ist die Frau auf und davon. Ich schätze, ich weiß, warum. Aber ich sage es nicht. Ja. Es ist Frühling. Sie hängen an selbstgeknoteten Knoten und schwanken im Frühlingswind.  

20:18

Und alle fragen sich: was frage ich mich?


Fr 22.03.02   8:23  (22.03.1978 Ampetiya)

I'm drea-heaming of a white christmas....

14:38

Habe heute zum ersten Mal aus "Flanken, Fouls und fiese Tricks" gelesen. Anschließend schweißnass wie immer. Jetzt muss der Textmarker her. Nicht schlecht wäre es, kleine Fähnchen an die Zuhörer zu verteilen und sie in Fangruppen aufzuteilen. Da wäre szenisch einiges zu holen. Aber wie gesagt: straffen straffen straffen, genau wie bei der Sackgasse. Der Kunde will unterhalten sein, sonst zappelt er und erinnert sich an die kindliche Leere, die ebenso grausam, wenn nicht grausamer ist, als die allgemeine. 

14:53

Sie hat nicht bemerkt, dass ich den Raum betreten habe. Sie spricht. Noch verstehe ich nicht, aber ich beschließe, mich still neben ihr Bett zu setzen und zuzuhören. Das, was ich sprechen genannt habe, ist Singen für sie. Sie liegt da und singt: Marmor Stein und Eisen bricht. - Ich hab' das Fräulein Helene, baden sehn, das war schön.Pack die Badehose ein.  - Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren. - Im Prater blüh'n wieder die Bäume. - Sie singt die Lieder nur an. Zwischendurch spricht sie. Sie sagt: Bei Laurenz, die Frauen beim Tanzen, die drücken sich gegen die Männer. Die Männer haben das gerne. Ich mag da gar nicht hinsehen.  Sie sagt auch: Ich sage Morgen. Ich sage Abend. Er geht mit ihr zur Kirche. Arm in Arm kommen sie wieder raus. Sie trinken eine Flasche Wein. Sie liegen nebeneinander im Bett. Sie sagt: Else kocht Schokoladenpudding. Ich stricke drei Söckchen für die Kinder. Ich stricke ja gern. Sie sagt: Ihr Mann ist ja tot. Herzschlag. Sie wohnt jetzt in einem Altenheim in Glanerbrücke.  Sie sagt: Bernd Schrader, Tierarzt in Uelsen. Sie sagt:  Ich kann das Kleine ja großziehen. Ich habe ja Zeit. Sie sagt: Alles schreibt er ihr vor. So ein Mann wäre nichts für mich. Er holt sie sogar ab, obwohl sie doch nur auf der anderen Straßenseite war. - Ich melde mich. Ich tue so, als sei ich gerade erst gekommen. Ich sage, Guten Tag Mutti. Ich verschweige, dass ich die ganze Zeit zugehört habe. Ich frage mich, ob ihre kreisenden Erinnerungen den Tatsachen entsprechen, sich den Tatsachen annähern, oder freie Erfindungen sind, die sie aus verschiedenen Quellen ihres langen Lebens speist. Es ist durchaus möglich, dass das Leben an sich eine Erfindung ist. So, wie sie da liegt, erinnert sie mich nicht an meine Mutter. Sie ist eine uralte Frau. Und alle sagen, sie sei meine Mutter. Hoffen wir, dass es stimmt. Ich weiß allerdings mit Sicherheit, dass sie im gleichen Haus wohnte, in dem ich auch gewohnt habe. Jedenfalls sagt das meine Erinnerung. Hier schließt sich der Kreis. Sie singt: Das machen nur die Beine der Dolores, dass die Seniores...

20:41

O Herr, gib, dass wir still verblöden und es nicht bemerken. 
24.03.02   10:26  (24.03.1978 Ampetiya)
Ich denke. Besser wäre, ich dächte nicht. 


Mo 25.03.02   13:54  (25.03.1978 Ampetiya)

Lektoratstag. Wir überarbeiten den "heiligen Bimbam". Auf meinen Einwand, eigentlich müsse man mich für so eine Arbeit nach Wien einfliegen, in einem 1a Hotel unterbringen und mit einer Limousine chauffieren, antwortete man mir, dass geschähe erst ab 20000 verkaufter Exemplare, was für ein Kinderbuch allerdings schwer zu erreichen sei. Und eine Garantie dafür könne man mir auch nicht geben. Was nur bedeuten kann, dass ich eine Bombe abliefern muss. 

14:57

Große Söhne machen Freude. Auch Spaß haben? Dies checken:
http://www.lubux.de/homebank-king


Di 26.03.02  9:41(26.03.1978 Ampetiya)

Wäre plötzlich reich. Könnte tun, was ich wollte. Hätte ein Auto für Samstage, eines für Sonntage, eines für jeden Wochentag. Würde dann sagen: dies ist ein Traum. Träumte dann gar nichts mehr. Wäre auf der Stelle todunglücklich.  Bin stattdessen immer noch arm. Kann immer noch tun, was ich will. Habe ein altes Auto. Sage: dies ist ein Traum. Träume unentwegt. Wüsste nicht, was ich bin und was ich nicht bin. Wäre alles zur gleichen Zeit. Fände auch, dass das gut ist. 


Mi 27.03.02   16:16 (27.03.1978 Ampetiya) 

Also gut, liebe Süchtige: ich fahre auf der B 54. Ich nähere mich einer Brücke. Eine Frau mittleren Alters überquert sie. Sie führt einen Golden Retriever.  Sie kreuzt von links nach rechts. Ich beschließe, mich in ihr Leben zu mischen und hupe. Sie wendet den Kopf, sieht meinen Wagen, versucht ihn mit Wagen von Bekannten und Freunden deckungsgleich zu bringen, aber da bin ich schon unter der Brücke verschwunden. Nun fragt sie sich, wer das gewesen sein könnte. Mit dieser Frage wird sie sich nicht lange beschäftigen. Vielleicht nur einen Augenblick lang,  aber mir genügt das. Ich bin in ihrem Leben. Ich bin von nun an Teil ihrer Zukunft, den ich habe ihre Zeit beeinflusst. Und da selbst der Schmetterlingsflügelschlag in Japan vorbreitender Teil einer Springflut an der amerikanischen Pazifikküste sein kann, bin ich nun Teil ihres Lebens und ihres Todes. Froh gestimmt fahre ich weiter. Streife mit Blicken den blassblauen Himmel, das sprießende Grün überall, fließe mit dem Verkehr in die große Stadt, trinke einen Kaffee und schreibe dies. Wer weiß, was ich morgen schreibe. Und während ich schließe, bin ich mir bewusst, dass ich auch in Ihre Lebenszeit eingegriffen habe. Sie sind jetzt mein Opfer. Ich mache mit Ihnen, was ich will. Auf ein Wort von mir brechen Ihre Horizonte zusammen. Auf ein anderes sind Sie der König der Welt. Aber Sie haben Glück. Sie dürfen wählen. Ich bin ein guter König.  

16:51

Zum Zeichen meiner Güte schenke ich Ihnen ein wenig Frühling.
http://www.nabu.de/vdj/audio/zaunkoenig12.wav    http://www.nabu.de/vdj/audio/buchfink12.wav       http://www.nabu.de/vdj/audio/pirol12.wav

23:18

Gleich morgen früh gehen Sie in eine Buchhandlung und kaufen ihren Kindern, Enkelkindern oder einem Kind aus der Nachbarschaft eines der folgenden Bücher: "Sackgasse 13" - "Große Liebe Nr.1" oder "Flanken, Fouls und fiese
Tricks." Mehr Informationen? Hier.


Do 28.03.02   9:13  (28.03.1978 Ampetiya)

Nun, worauf warten Sie? 

13:16

Auf den Autobahnen stauen sie sich schon. In den Flugzeugen hocken sie kotzgrün vor Angst. Gleich werden sie über mediterrane Strände herfallen und sich benehmen, als hätten sie nie eine Schule besucht. Sie nennen das Urlaub. Man kann ihnen nur gratulieren. Sie sind eine Zier. Um so schöner ist es, hier zu bleiben, denn man weiß ja, dass ein Großteil der Idioten verreist ist. Was jedoch keinesfalls vor eigener Idiotie bewahrt. Nein. Denn Urbi et orbi heisst doch: Gesegnet sei die Idiotie weltweit. Ich nehme an, der Segen bezieht sich auf die haarsträubende Geschichte, die uns in den nächsten Tagen um die Ohren gehauen wird: Auferstehung! Wer's glaubt, wird selig. Ich begnüge mich mit dem Prinzip Hoffnung, was ebenso haarsträubend, aber moderner ist. Also dann. Frohe Ostern. Und Vorsicht: man weiß nie, ob Papa die Prozedur dieses Mal übersteht. 

15:18

Herr M., alles, was Sie hier sagen, kann gegen Sie verwendet werden.  

17:09

Wel tekel Welte kel We l tekel  Weltek el  


Fr 29.03.02   00:52 (29.03.1978 Ampetiya)

König und Königin speisten wie folgt: Gebratener Ziegenkäse und Rukola; Avocado auf Radicio, Lollo Rosso, Speck und Vinaigrette; Milchkalbrücken mit Morcheln, Spargel und Kartoffelgratin; Filetsteak mit Steinpilzen, Bärlauch-Kartoffelbrei und Salat; Moussé Schokolade/Haselnuss; Mango; Kaffee. 
Danach kaum noch Wel Tekel. 

18:04

Mücken tanzen. Das Licht silbern und golden. Schon seit Monaten kein Regen mehr. Heuschreckenschwärme überm ganzen Land. An den Ecken heulen die Wölfe. Ringsum wird gestorben. Was soll bloß werden? 

18:21

In Memoriam Billy Wilder: "Mit den Preisen ist es wie mit den Hämorrhoiden - zum Schluss kriegt sie jedes Arschloch."


Sa 30.03.02  10:35 (30.03.1978 Hikkaduwa)

Liebe Israelis: wie man hört, habt ihr nun vollständig den Verstand verloren. Schade. Nun werden sie euch früher oder später doch ins Meer treiben. Und ihr habt einen weiteren Beweis dafür, dass niemand euch liebt. Dabei gab es doch ein Angebot, wie es besser nicht hätte sein können!  

16:29

Zu glauben, dass einem die Dinge mit zunehmendem Alter vertrauter würden, ist eine Sache. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Auch mit den unbeantworteten (unbeantwortbaren) Fragen wird es nicht besser. Täglich kommen neue. So gestimmt saßen wir vorhin in einem Straßencafé im Samstagnachmittagtrubel und hielten uns für das Zentrum der Schöpfung, an dem alle anderen sich messen mussten. Kaum einer bestand. 


So 31.03.02   16:06   (31.03.1978 Hikkaduwa)

Urbi et Obi. Es gibt immer was zu tun. Yippiajjjyeeaah. 

16:55

Wer bin ich heute?

17:05

Die Antwort ist einfach: ich bin 345 Besucher, die mich diesen Monat angeklickt haben. Das ist persönliche Bestleistung, daher bin ich 345 mal stolz, 345 Herzen schlagen höher in mir, und wenn ich gleich  345 mal Wasser abschlage, werde ich diesen Tag so schnell nicht vergessen. 

19:44

dämliches zum schluss:

stilles hängen in den sofaecken // sähen vielleicht etwas fern // würde jemand uns'ren herrn erwecken // hätten wir das gern //

insges. Besucher bisher: 3585

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1. Die Mutter Maxim Gorki Verlag Neues Leben Berlin 1968  //

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