September 2009                                       www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

zum letzten Eintrag

Di 1.09.09   0:00

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

63

hock auf der gazelle
roll still über land
hinter auto-selle
leuchtet's rot frappant

ach frau ampel, gute weise
bitte, dass ihr rot verschwände
bin in eile, denn ich reise
jetzt zum lebensende

gerne,
sagt frau ampel: grün
weiterziehn

danach doch zu faul zu fahr'n
statt ins tal und wieder rauf
mühsam über autobahn
stallgeruch kommt auf

da ist meine straße
30 jahre wohn ich dort
bin seit juni über alle maße
traurig, sehr, in einem fort

rad in'n hof
ums eck zur tür
und jetzt hier.

10:14

Die letzten Tage waren schwarz.

14:15

Mensing: jetzt mit noch mehr Humor!!!

18:41

Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein. (Albert Einstein)

22:24

Wenn es trocken ist, dann rauch ich's
wenn es flüssig ist, dann sauf ich's
wenn es fettig ist, schieb ich's mir in den Hals

(Zeugen des Verfalls, HISS)


Mi 2.09.09   9:05

Vertrauenserweckend sieht sie nicht aus, die Bratwurst Arena, aber ich hatte Spiegel gekauft und da war er plötzlich, dieser Heißhunger auf Wurst. Gut, dachte ich. Eine Currywurst bitte, aber scharf. Die Ultimative? fragt ein hagerer Raucher mit fehlenden Schneidezähnen, Jeans mit Gucci-Gürtel und verschwaschen hellblauem T-Shirt, das silbergraue Lockenhaar von vorn, links und rechts kommend hinten überlappend gekämmt.

Ja, sage ich, warum nicht.

Die auf dem Grill liegenden Würste sind noch nicht fertig. Seine Frau wendet sie. Vor der Arena hupt ein BMW. Der BMW klappert und klingt ungut. Vorm Eingang des Möbelmarktes wirbt Guildo Horn von einem Plakat. Der Möbelmarkt feiert 40jähriges Jubiläum. Eine tamilische Familie lädt kartonweise Tapeten ein.

Als die Wurst fertig ist, reicht der Mann mir die Schale, sagt 2,80 und schaut mich interessiert an. Ich frage, wieso ich 2,80 für eine Currywurst zahle, die auf der Speisekarte für 2,40 angeboten wird. Seine Frau schaltet sich ein. Auch sie: Raucherin, größer und hagerer als er. Wissen Sie, sagt sie, die Chefs machen ja aus allem Geld. Die Ultimative ist ein Angebot. Sie weist auf ein Schild.

Aaah ja.
Teufelswurst für 2,60 und die Ultimative zu 2,80, die nur an Kunden über 16 abgegeben wird.

Ich zahle und beginne zu essen. Auf meiner Stirn macht sich kalter Schweiß breit.
Geht es? fragt die Frau. Ich nicke tapfer und frage, ob sie reanimieren können? Wir lachen.
Nehmen Sie doch noch Toastbrot, sagt sie, das neutralisiert.

Ich esse. Vor lauter Chilli schmecke ich die Wurst kaum, aber ich esse sie auf und neutralisiere mit Toastbrot.

15:57

Kein Input kein Output.
Alles putt.


Do 3.09.09   10:49

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

64

das feld
bleich unterm mond
ich lebe
ein rehbock blickt auf
scherenschnitt: wald
ferne stadt
linden in langer reihe
eine fledermaus zackt
silbergrau: flüchtige wolken

ich war im kino
ich trank campari
ich habe zeit
ich ordne mich neu
ich habe pläne
ich höre geschichten
es ist etwas geschehen
ich weiß, was es war
ich verstehe jetzt: schicksal
ich beuge mich
und entscheide jeden tag neu


So 6.09.09   20:49

Nun ist es passiert.
In seinem 61 Lebensjahr.
Und auch noch am hellen Tag. Im Zug.

Wo Herr M. doch extra die neue Jacke ausgezogen hatte, um nicht gleich ins Raster der Fahnder zu fallen. Aber das hat nichts genutzt. Man bat ihn um seinen Ausweis, man fragte nach Drogen, Herr M. verneinte. Man bat ihn, seine Taschen zu entleeren und Herr M., dumm und ehrlich wie er ist, packte auch sein Paket Tabak aus.

Darin ein Tütchen mit der verschwindend und im rechtlichen Sinne nicht relevanten Menge Habibi. Der Kontrolleur sah es sofort und sagte freundlich mitkommen. Das ist nicht ihr Ernst, oder? sagte Herr M. Der Kontrolleur, ein Mann Anfang 30 in Jeans und T-Shirt (Handschellen hinten an einer Gürtenschnalle der Hose baumelnd) antwortete, es täte ihm Leid, er mache die Gesetze nicht, wenn es nach ihm ginge, etc. pp.

Herr M.verließ den Zug.

Mit ihm zwei sehr junge Türken auf dem Weg zu einem Ramadan Essen bei Verwandten in Münster und zwei Mittzwanziger, die, das stellte sich später heraus, ein wenig zuviel des Guten in ihren Taschen hatten. Die Anzeige gegen sie wird wohl nicht niedergeschlagen.

Herr M. wurde gebeten, in einem tristen Gang Platz zu nehmen, während in einem noch tristeren Büro bereits die Vernehmung der übrigen Delinquenten begonnen hatte. Schließlich kam Herr M. an die Reihe. Der Beamte klärte Herrn M. über seine Rechte auf, Verweigerung der Aussage etc. pp. Herr M. antwortete, er habe nichts zu verbergen, und beantwortete wahrheitsgemäß jede Frage.

Er kenne doch die Gesetze, warum er sich nicht in Holland die Kopf volldröhne, fragte der Beamte. Herr M. antwortete, er dröhne sich den Kopf nicht voll, sondern rauche höchstens am Abend für die Gemütlichkeit. Aaaah, beim Schreiben! meinte der Beamte aufgeräumt. Nein, beim Schreiben schon gar nicht, sagte Herr M., und was denn nun sei, ob er sein Habibi zurück bekäme.

Der Beamte verneinte bedauernd und sagte, das ginge nicht, das sei das Beweisstück.
Aha,sagte, Herr M. Der Beamte erklärte, dass der ausgefüllte Fragebogen an die Staatsanwaltschaft Münster weitergeleitet werde, er könne jedoch mit einer Einstellung des Verfahrens wegen Geringfügigkeit rechnen.
Ja, ja, sagte Herr M.

So endeten also ein paar Tage in Amsterdam mit leichtem Misston und unnützen Kosten für den Steuerzahler. Trotzdem war es ein schöne Tage. Mehr davon an dieser Stelle, wenn es wieder heißt: verhaftet das Schwein, es soll nie mehr für unsere Kinder lesen.

Damit ihr Interesse geweckt bleibt, hier ein Foto von einer der größten europäischen Barbiesammlungen.



Herr M. wohnte beim Sammler, einem jungen Friseur, der in Amsterdam nur ausgesuchte und zahlungsfähige Kunden frisiert, aus einem den Zeugen Jehovas anhängenden Elternhaus stammt und homosexuell ist. Ein sehr zurückhaltender, liebenswerter Mann mit Jesushaar, feingliedrig und zu viel zu dünn.


Mo 7.09.09   10:41



Vielleicht fragen Sie sich, was diese Fische zu bedeuten haben.
Sie sind, wie fast alles im Leben, eine Metapher.
Oft versteht man erst später, was sie uns sagen wollten, manchmal begreift man sofort.

Ich begriff später.

Ich saß in der Wohnung meines besten Freundes, war ergriffen von ihrer Schönheit und begeistert von den Fähigkeiten meines nur 90 Euro teueren Fotoapparates, der Dinge fixiert, die ich mit bloßem Auge nicht sehe, weil sie flüchtig sind.

Wenig später setzte ich mich aufs Fahrrad und erkundete Enschede.
Ich kenne diese Stand seit Kindesbeinen, aber meine Wege dorthin waren immer die gleichen. Einfall- und Ausfallwege, bestimmte Standorte im Zentrum. Mit dem Rad hatte ich sie noch nie erkundet.

Wie immer ließ ich mich von Impulsen leiten. Das da interessiert mich, diese Siedlungen entlang des Singels, eine frühe Umgehungsstraße, die, schätze ich, in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut worden ist.

In meiner Heimatstadt gibt es eine ähnlich konzipierte Siedlung, die Hollandsiedlung.
Die Gebäude sind in Rechtecken angeordnet, einfache, einstöckige Häuser mit schmalen Gärten im Hinterhof und der Möglichkeit, Gemüse zu ziehen und Kleinvieh zu halten.

Diese Rechtecke gruppieren sich um Grünflächen, der Zugang von einem zum anderen Rechteck führt - ähnlich wie im Grünen Grund in Münster - häufig durch gemauerte Bögen, die die Straße überspannen.

Ich mäanderte, überquerte schließlich den Singel stadtauswärts, passierte eine große Moschee und kam zum Hafen.

Ich war zum letzten Mal vor 50 Jahren dort, um mit meinen Eltern mit einer, von einer kleinen Dampflock getriebenen Bahn zum Vergnügungspark Boekelo zu fahren, den es noch immer gibt. Ich erinnere den Hafen als verlorenen Ort mit Blick auf einen Kanal, der dem westlichen Horizont zustrebte.

Heute ist es ein geschäftiger Umschlagplatz, ein Industriestandort für mittelgroße Betriebe aller Art.

Ich folgte einer Bahnlinie und erreichte das Fußballstadion des FC Twente.
Das Gelände war abgesperrt, denn Japan sollte dort am Folgetag gegen Holland in einem Freundschaftsspiel antreten. Am Abend vorher hatte mir ein junger Marrokaner, den ich im Coffee-Shop traf, erzählt, dass niederländische Hooligans angekündigt hatten, sich im Rahmen dieses Spiels zu treffen, um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem Austauschen von gewalttätigen Freundlichkeiten, die, so ein alternder Hooligan im niederländischen Fernsehen, allerdings jeden Anstand verloren hätten und die Regeln der fairen Kampfkunst häufig außer acht ließen.

Ich durfte dennoch passieren, und fand mich wenig später auf der Straße nach Hengelo.
Früher, damals also, in meiner Jungend, war das eine Straße, die mich zum Fashion brachte, ein Club in Hengelo. Es war auch die Straße, die nach Amsterdam führte, wenn ich per Anhalter unterwegs war. Es war eine Straße, die links und rechts von kleinen Buchenwäldern, Wiesen, Kühen und Bauernhöfen gesäumt war.

Die Wiesen und Buchenwälder sind noch da, die Bauernhäuser auch, aber die Straße ist nicht mehr dunkel und wenig befahren, sondern eine hoch frequentierte Straße, die unter anderem zum Universitäts-Campus führt, eine weitläufige Anlage, die - als ich jung war - gerade konzipiert und gebaut wurde.

Damals sah ich Genesis in der fertiggestellten Mensa.

Hielt mich stadteinwärts, kreuzte modernere Wohnviertel, und war nach etwa zwei Stunden wieder zurück. Gegen Abend machten ich mich mit I. auf den Weg nach Amsterdam zu der schon beschriebenen Wohnung.

Ich war einer der Fische und unterwegs, um aufzutauchen.

13:18

Eine neues Lied zwischendurch....

16:04

Am Abend vorher hatte ich Ack van Royen im Berlijn Café gehört.
Seltsam, dachte ich, als ich vor Monaten zum ersten Mal dort war, früher hätten Holländer ein Café niemals Berlin Café genannt, dazu hassten sie uns zu sehr.

Als wir abends in Amsterdam ankamen, goss es wie aus Eimern. Und als wir schließlich in der Wohnung mit all den Barbie Puppen saßen, hatte ich das Gefühl, das wird nichts mit dem Auftauchen, ich muss schnellsten hier weg, wieder nach Hause. Die ganze Nacht über, ich schlief auf einem unbequemen Sofa, dachte ich das. Das ist nichts, dachte ich, vergiss es ...


Di 8.09.09   11:28

Um von der Fritz Conijnstraat zum Festivalgelände zu gelangen, hätte man nur dem Haarlemmer Weg folgen müssen, quer durch die Stadt und von dort irgendwie über die Ij, aber das TomTom denkt anders. Es schickt uns über die A10, lässt uns einen weiten Bogen um die Stadt fahren
, eh wir da sind.

Auf die Frage des Security Mannes, was sie hier wolle, sagt I., sie sei als Act gebucht.
Für was, fragt der Security Mann, und I. sagt: Häkeln.
Der Mann nickt klaglos und lässt uns auf das Gelände.
Es ist noch früh. Zu früh, aber immerhin, wir sind da.





Noch liegt nicht dieses verstörende, Herz und Eingeweide angreifende basslastige Hämmern überm Gelände, das setzt erst später ein, noch sind die Pfützen nicht weggetrocknet, die Wolken nicht aufgebrochen, aber das passiert, und dann kommen die Menschen in Massen.






Sie kommen zum Valtifest.
Das Gelände ist eine Industriebrache am Hafen.
Die Massen sind angehalten, sich zu verkleiden.
Wie zum Beispiel dieser junge Mann, der als Abwaschbrummbär auftreten wird.



Die Musik dazu?

Nun, ich sollte mich nicht äußern, aber mit meinem Musikverständnis hatte das wenig zu tun.
Es handelt sich bei dem von DJ's generierten Lärm eher um eine zeitgenössische Variante der Sufi Meditation, deren Teilnehmer bei weit über 200 beats per minute versuchen, ihre Sorgen zu vergessen und in der Gegenwart aufzugehen.

Stroboskoplampen helfen, wenn nichts mehr hilft, und später, das kann Herr M. schwören, waren die Beats im größten Zelt zeitweise ein vier- bis fünffaches schneller als die getragenen 200. Dazu heulten Sirenen und Lichtwerfer waren weißes Licht, das, wie Sie wissen, den ins Jensseits Eintretenden erwartet.

Während I. sich auf ihren Auftritt vorbereitete, schlenderte Herr M. übers Gelände und fotografierte. Industriebrachen werden gern fotografiert, alte Kräne haben so etwas Morbides, man stellt sich vor, wie angenehm frei man dort oben im Wind hängen könnte, um letzten Beifall zu ernten, die Schrägen der Docks, über die noch vor ein paar Jahren reparierte Schiffe zurück ins Wasser schlitterten sind jetzt Chill-Out Zonen, und bald sitzen überall hübsche und weniger hübsche junge Frauen.

Irgendwann am späten Nachmittag, Herr M. hat sich auf einen leicht erhöhten Beobachterposten zurückgezogen, kommt ein junger Mann, schaut verschwörerisch zu ihm auf und fragt: Scooter? Herr M. brauchte einen Augenblick, eh er begriff. Dumm wie er ist, antwortete er wahrheitsgemäß, nein, er sei nicht Scooter, was er sofort bereute und zu hoffen begann, jemand ander
s würde kommen und noch einmal fragen, aber danach fragte niemand mehr.

Danach hieß es, I. mit Essbarem zu versorgen, denn sie saß in einem der Zelte direkt neben dem DJ Pult in einem Lehnstuhl, wurde beschallt und häkelte einen rosa Tintenfisch. Ich beneidete sie nicht. Das war hart verdientes Geld, und wenn dann auch noch die Drag Queens, die sich allesamt für große Künstler halten, auftauchen, bin ich glücklich, dass ich kein Kunsthäkler bin, sondern auf der Stelle davon laufen darf, jederzeit und überall hin.




Du bist seit fast drei Monaten tot.
In den letzten Tagen gelang es mir, dich hin und wieder für einen Augenblick zu vergessen.
Ich erschrecke dann. Ich erschrecke, wie das Leben über jeden Schmerz hinwegrollt, ihn unterpflügt, ich erschrecke, bis ich wieder weiß, dass das normal ist.

Was für eine hundsgemeine Scheiße. (Lied dazu)

16:49

Am Morgen dann noch ein letzter Blick ins Barbiezimmer.

A. hatte die ersten heimlich von der Oma, später auch von der Mutter geschenkt bekommen, der Vater durfte davon nichts wissen. Zeugen Jehovas als Eltern zu haben und irgendwann feststellen, dass man schwul ist, mag ich mir gar nicht vorstellen.


Mi 9.09.09   13.25     

Saß auf dem Mäuerchen und wartete auf den Enkel, der noch in der Stadt unterwegs war, als ich den Chinesen wiedersah, der mir letzten Monat auf dem Prinzipalmarkt erschien. Jetzt weiß ich, was er tut: er verteilt Werbezeitschriften. Trotz spätsommerlich warmen Wetters trug er einen regenfesten, mit reflektierenden Streifen versehenen Anzug, diesen weißen Schutzhelm, und graue, gestrickte Handschuhe, die die Fingerspitzen frei lassen.

Do 10.09.09   12:28

Spiegelfliesen gekauft und geklebt. Zeigte die Wasserwage die Waagerechte, fand ich, dass es zum Fenster bergauf ging. Nun sind die Wände nicht mehr die jüngsten und die Maurer damals haben mehr Bier getrunken als heute, also verließ ich mich nicht auf die Waage, sondern auf mein gesundes Menschenauge, klebte und dann kam mein Sohn und sagte, die Flucht weise eindeutig bergab. So steht Meinung gegen Meinung, ich aber bin nur der Tradition meines Vaters gefolgt. Pfusch muss sein, sieht eh keiner, die Welt will betrogen werden, alles Scheiße.

15:35

Habe mir ein Quantum Trost angeschaut. Mein Trost war es nicht, wahrscheinlich, weil ich noch nie geschossen habe, aber erstaunlich war schon, wie die Geschichte in schnellen Schnitten ohne langwierige Dialoge erzählt wurde. Heute abend vielleicht Kino. Vielleicht Antichrist von Lars von Trier. Das wird bestimmt kein Trost.

18:31

Wohl doch kein Kino. Bin zu müde. Bin auch zu abgebrüht. Weine nicht mehr, wenn mich jemand auf dich anspricht. Vorhin zum Beispiel. Sie kam von hinten links auf dem Rad und ich dachte gleich, attraktive Frau, ich kenne sie seit wir hier wohnen, aber nur von Ansehen.

Ob das denn stimme? fragte sie, das sei ja schrecklich, etc. pp.
Erklärte kühl (staunend über mich) dass es stimme. Dass alles wahr sei. Ja.
Sie habe ja oft mit dir im Bus gesessen, sagte sie. Und du seist ja auch noch jünger als sie.

Ach, dachte ich, die schreckliche Frau. P. von der du immer erzähltest?

Fragte, ob sie Frau P. wäre.
Nein, sagte sie, aber sie kennen meinen Sohn.
Häggemän! Klar.
Der SPD-Dorfobmann, türlich türlich. Dessen Mutter sei sie. Aha.

Und dann sagt sie, wie Scheiße sie das fände und wie grausam das Leben wäre, und ich sage, allerdings, das ist es, da haben Sie Recht.

Und dann schwingt sie sich wieder auf's Rad und fährt davon und ich bleibe zurück und habe keinen Trost, keinen Plan, ich habe niemanden, mit dem ich mich teile, ich bin quasi am Arsch für die Welt und werde von denen, die mich auch von Ansehen kennen, aber sich nicht trauen, mich anzusprechen, auf so neugierig notgeile Art und Weise angeschaut, dass es mich schaudert, und wenn ich dann mal eine Frau umarme oder sie mich, weil sie mich trösten will, so wie vorgestern abend in der Blechtrommel, bin ich steif wie ein Stock und schäme mich und denke, das ist vorbei, das kommt nicht mehr, vergiss es, spring von der Brücke, du Feigling.

Das kommt schon, sagt sie, das kommt schon.

Sie muss es wissen, denn ihr Mann ist vor einem Jahr gestorben, aber sie war nur zwei Jahre mit ihm zusammen. Und du? Ich - 36, sage ich. Egal, Schmerz ist Schmerz sagt sie, und da hat sie auch wieder Recht. Und dass die Welt Scheiße ist, wer wollte da widersprechen.

Deshalb ein Frühabendhoch auf die Schönheit des Lebens, denn die gibt es ja auch, und die will ich zelebrieren, nicht die Scheiße, die ist sowieso da und stinkt, wenn man sie nicht bekämpft jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde, das muss sein.

So Schluss.


Fr 11.09.09   10:27

Wie geht? fragt die Nachbarin aus dem Kosovo.
So la la, sage ich.
Wieso kommst du nicht auf einen Kaffee? Du böse? Haben wir was falsch gemacht? Falsches gesagt?
Nein, sage ich, diesmal nicht abgebrüht, sondern gerührt von der Sorge, die sie sich um mich macht. Aber du bist eine muslimische Frau. Da wusste ich nicht ....
Die Nachbarin lacht und sagt, mein Mann und ich sind ganz anders.
Gut, sage ich. Also dann, bis bald.

Gucklöcher

10:42

Die Ölkonzerne Total und Chevron finanzieren die Militärjunta in Burma. 75% der Einnahmen aus dem Ölfeld Ydana gehen am Staatshaushalt vorbei direkt an das Regime. Hat James Bond also Recht.

17:01

Gleich kommt der Millionär.


20:44




Schon sitz ich neben ihm.





Neben uns alte Herren mit Damen.




Das Restaurant, eine ehemalige Jugendherberge.
Im Vordergrund der Schriftsteller M, der versucht, dem Millionär eine auf (sagen wir) ein Jahr mit Abnahmegarantie versehene künstlerische Leistung zu verkaufen.

Whatsoever.



Sa 12.09.09   10:47

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

65

Sehr geehrte Frau Mensing,

freuen Sie sich auf Ihren nächsten Maredo Besuch,
freuen Sie sich auf die Dinnerkarte.

Genießen Sie in Ihrem Maredo Steak Restaurant
das Beste aus der Küche Südamerikas:
saftige Steaks vom Grill, knackig frische Salate vom Buffet
und viele weitere Köstlichkeiten.

Erleben Sie diese kulinarische Vielfalt -
in der bekannten Maredo Qualität -
in einem freundlichen Ambiente mit zuvorkommmendem Service.

Als kleines Dankeschön für Ihre Treue erhalten Sie mit ihrer persönlichen Dinnerkarte
täglich ab 17:00 15% Rabatt auf die Gesamtrechnung für sich und Ihre Begleitung,
so oft Sie wollen und das bis Ende Oktober!

Hast du gehört, Süße.
Sie servieren jetzt auch für Tote.
Treffen wir uns heute ab 17:00 Uhr.
Ich freue mich.
Ich hab dich so lange nicht mehr gesehen.
Ich liebe dich.
Bitte komm.
Wir hauen dann alles kaputt.


So. 13.09.09   11:04



Der vermutliche Sieger des diesjährigen Münster Marathons nach knapp 30 Kilometern und einer Zeit von 1.31.

12:57

Als das Licht angeht, sehe ich drei silberfarbene Körper in der Bühnenmitte. Keinerlei Requisiten. Nur Körper und Licht. Die Körper stehen auf den Schultern, die Rücken dem Publikum zugewandt, sie stehen kerzengerade, ihre Arme seitwärts gespreizt. Ihre Köpfe sehe ich nicht. Sie stehen reglos. Dann laute Musik: Purple Haze. Die Körper bleiben reglos. Sind Muskeln. Rückgrat. Brustkorb. Ins Leere weisende Arme. Beine.

Nach einer Weile tastet sich das Leben in sie.
Das ist nicht einfach.
Da kämpfen Menschen ums Leben. Das ist schwer.

Manchmal scheint es, als wären das gar keine Körper mehr.
Ich sehe Menschenskulpturen. Sie machen Geräusche. Und noch immer kann ich nur ahnen, wo ihre Köpfe sind. Sie stecken jedenfalls nicht im Boden, sondern sind neben den Schultern ihre einzige Stütze. Ich habe noch nie so etwas Schönes gesehen, und ich habe auch keine Worte dafür, denn das ist ja Tanz und der braucht Worte nicht.

Ich sitze und weine. Die Tränen rollen.
Lisa reicht mir ein Taschentuch.
Schön, nicht? sage ich und sie nickt.
Lisa trägt deine Stiefel, weil du Tanztheater auch so geliebt hast.

Du siehst, du bist immer bei mir.

Die Skulpturen richten sich auf.
Jeder Fingerzeig will erkämpft sein. Jeder Muskel steht unter Spannung.
Nichts wird ihnen geschenkt. Nur die Musik, eine Sopranistin singt, hilft ihnen.
Aber schließlich stehen sie, drei kraftvolle japanische Tänzer in einer Choreografie von Ko Murobushi: Dead-1.



Leider gibt es keine Webseite des Ko Murobushi National Dance Theatre.
Deshalb hier ein Link zum Veranstaltungsort.

Dieses Fotos ist aus der ersten Choreografie des Abends: Circus.



Die folgenden Fotos sind aus Choregrafien, die gestern nicht getanzt wurden.





20:20

Der Abend schaut zu.




Mo 14.09.09   12:57

Dabei hat er zugeschaut...

17:18

Manchmal ruft er an, druckst rum und verliert sich in Pausen, wechselt das Thema, falls er überhaupt eines hat, dann hat er's wieder und trotzdem habe ich das Gefühl, dass er eigentlich etwas von mir will. Er ist lieb, auf seine weltfremde Art ist er sehr lieb, er bedenkt die Dinge gründlich, nicht umsonst ist er Mathematiker, doch nun ist er pensioniert, eine Frau hat er nicht und die, die er mal kurzzeitig hatte, war psychisch krank, hat sich umgebracht, und ich weiß, dass er schreibt.

Freunde hat er, aber die kenne ich nicht, ein paar Bekannte aus Zeiten, als er mit Oppositionellen in der DDR verkehrte, Pastoren und andere gute Menschen, da fährt er immer wieder hin, auch damals fuhr er, als es die proletarische Diktatur noch gab.

Er will, dass ich seine Prosa lese, er traut sich nur nicht, zu fragen. Und ich will sie auch nicht lesen. Ich habe genügend mit der eigenen Prosa zu tun, nichts läge mir ferner, als die anderer zu beurteilen.

Genau das strebt er an, er kriegt es nur nicht raus, denn immer wieder schweift seine fahrig stockende Rede zur Literatur und dann sagt er, zum Beispiel, man frage ihn oft, ob er nicht veröffentlichen wolle, aber das wolle er nicht, der Betrieb sei ihm zu eitel.

Ich bestätige das, aber sage ihm nie, dass es nicht darum geht, dass man veröffentlichen will (wer will das nicht), sondern darum, dass man jemanden überzeugen muss, das auf eigenem Mist Gewachsene zu kaufen.

Das nämlich ist die kapitalistische Natur der Kunst, die in der öffentlichen Wahrnehmung erst dann Kunst ist, wenn jemand sie gekauft hat. Das gleiche gilt für die Literatur. Insofern stecken alle unter einer Decke und Kapitalismuskritik wäre Kritik am eigenen Streben, an dem, was ich täglich versuche, nämlich mich so teuer wie nur möglich zu verkaufen.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher als Käufer = Leser.

Preise akzeptierte ich, sollte mir aber Thomas Bernhard zum Vorbild nehmen, der Preise immer angenommen und zugleich verspottet hat. Da ich mir aber niemanden zum Vorbild nehme, stehe ich mit meiner Arbeit im Nichts und beobachte den Horizont.

Huhuuuu, Käufer, rufe ich, hierher. Mensing. Pop Life etc. pp.

Eitles, zutiefst zu verachtendes, indifferentes Verhalten. Danke.

File under: Selbstkritik.


Di 15.09.09 10:24

Den Wassily Sessel habe ich unters Fenster meines Schlafzimmers gestellt, den Tigersessel wieder dahin, wo er lange Jahre stand, im Wohnzimmer. Mein Schlafzimmer ist eng, da hat er viel Platz weggenommen, zumal mein Klavier auch dort steht.

Jetzt habe ich unterm Fenster, durch das morgens zwischen 9 und 11 die Sonne herein scheint, einen Platz vor einem blutroten Ikea Tisch zu 7,98. Das sieht gut aus, schwarz, rot, da wird es sich sitzen und leben lassen.

Den Abend habe ich lesend im Tigersessel verbracht.

Ich lese Albert Vigoleis Thelen, Die Insel des zweiten Gesichts, ich bin immer noch begeistert von der Fülle des Lebens, das mich aus jeder Seite dieses Buches anspringt und bin eher geneigt, die Nase zu rümpfen über all die ausgedachten Geschichten, die Konstrukte der Wirklichkeit, die die Literatur bevölkern, und die Versuche der Avantgarde, mit der ich wenig anfangen kann, weil es nichts gibt, was es nicht schon gab, alles hat es schon immer gegeben, nur die Erscheinungsformen sind andere, denen will ich auf die Spur kommen, die Avantgarde darf mich mal.

Bis Mitternacht saß ich und las, und als ich im Bett lag, hatte ich eine Idee.
Sie ist noch lange nicht spruchreif, aber immerhin stieg sie als Möglichkeit überm nächtlichen Horizont auf, ich überlegte, sie mir zu notieren, ließ es aber.

Ideen, die etwas zu sagen haben, kehren zurück, das weiß ich.
Sie arbeiten im Stillen, hin und wieder melden sie sich, vervollständigen sich, verschwinden wieder und so geht das eine Weile, bis sie reif sind. Dann muss man ernten.

Die Wartezeit überbrücke ich mit Übersprungshandlungen.
Mein Leben scheint eine Kette von Übersprungshandlungen, und wenn es morgen vorbei wäre, wäre es gut gewesen.

Ich habe den Wandschrank aufgeräumt, ich habe Staub gesaugt, ich mache mir jetzt einen Kaffee und dann geht es weiter im Text. Nichts ist mehr, wie es war, aber ich breche nicht ein, ich werde nicht verzweifeln, wie die Witwe, die ich Samstag im Theater traf, Tochter unserer Vermieterin aus der Erphostraße 1978, die nicht mehr weiß, was sie soll und will, die ihren Töchtern vorwirft, sie nie zu besuchen und der Hinterlassenschaft ihres Mannes ratlos gegenüber steht, die auf dem Land wohnt und kaum Freunde hat, denn ihr Mann hatte das kleine Modell favorisiert, nur wir zählen, hatte er immer gesagt, die Welt bleibt außen vor.

Ich bin froh, dass bei uns die Welt immer Teil war, und jetzt, wo ich allein bin, ist sie es noch viel mehr, ich bin dringend auf sie angewiesen, sonst würde ich verblöden.

Also, Herr M., ihre wundervolle Frau ist gestorben, sie dürfen sie beweinen, aber sie müssen weiter leben, ihr zuliebe müssen sie das tun und ihnen zuliebe, der Welt zuliebe und der Liebe zuliebe, die, das wissen sie nur zu gut, ein so fragiles Konstrukt ist, dass man es fast Avantgarde nennen könnte.

60 Jahre liegen hinter ihnen, wieviele noch bleiben, weiß niemand, die Schrecken der letzten Monate haben ihre Furcht genährt und zu einer leichten Paranoia geführt, die sich zum Glück Schritt für Schritt relativiert und irgendwann nächstes Jahr werden sie vielleicht wieder mutig genug sein, bei einem Arzt ihrer Wahl zur jährlichen Vorsorgeuntersuchung anzutreten.

Falls sie dann noch leben, aber davon gehen sie aus, oder?
Ja, davon gehe ich aus, wenngleich ich weiß, dass alles jederzeit sein kann.

13:54

Er ist schokoladenbraun, sein Schulrucksack blau. Der ist ja fast so groß wie du, sage ich. Da passen vier Fahrräder rein, sagt er. Vier Fahrräder? sage ich. Ja. Die Räder, sagt er. Und ein Hubschrauber? frage ich. Er stutzt. Ja, sagt er schließlich. Ein Hubschrauber auch. Und vierhundert Tafeln Schokolade. Vierhundert? Er nickt. Kriege ich eine davon? Nee, sagt er. Aber dir bleiben doch 399, sage ich. 399? fragt er. Ja. Vierhundert weniger eins sind 399. Und eine sind vierhundert, sagt er. Ich nicke. Unsere Wege trennen sich.


Mi 15.09.09   15:04

Die Eiche steht vor einem Kotten. Sie ist über 200 Jahre alt. Er hat die letzten 35 Jahre auf diesem Kotten gelebt, im April ist er dort gestorben und liegt nun in einer Urne, die sich mit der Zeit auflöst, unter der Eiche begraben.

Im und um den Kotten gibt es keinen Stein, kein Brett, keinen Balken, den er nicht irgendwann in den letzten drei Jahrzehnten bearbeitet hätte. Keine Installation, die nicht er gemacht hat, keine Leitung, die nicht er gelegt hätte, und so ist es umso schwerer, herauszufinden, wie was funktioniert, wo Leitungen liegen und wohin sie führen, und dann auch noch die Nachlässe der Mutter und des Bruders, die im Speicher zwischengelagert wurden, weil angeblich dort soviel Platz sei.

Jetzt fragt sich die Witwe, wie das alles weitergehen soll.

Wenn man im Kotten sitzt und hinausschaut, steht die Zeit.
Ich würde dort innerhalb weniger Tage verrückt oder heilig.

PS.

Muss aufpassen, dass mir nicht ständig Verwitwete übern Weg laufen und mir ihre Geschichten erzählen. Mir reicht meine. Aber da man sie mir nun schon einmal erzählt hat, fällt mir auf, dass ich Glück gehabt habe. All die Fragen, die sie noch an ihn zu stellen hätte, habe ich an dich nicht. Vielleicht bin ich aber auch nur oberflächlicher und dumm.

16:03

Habe wieder Spiegel angebracht. Es ist gar nicht einfach, die gewünschten optischen Täuschungen hervorrufen, das scheint eine Wissenschaft für sich, und so lerne ich Neues über Einfalls- und Ausfallswinkel, wenngleich ich dabei 5 gern gerade sein lasse.



Dieses Bild ist ein Spiegelbild. Der Spiegel klebt an meinem Klavier.
Wenn ich spiele, schaue ich direkt hinein. Und nun sehen Sie mal, wie schön dieser Spiegel den Spiegel in der Ecke reflektiert, der wiederum das Vermeer Mädchen spiegelt, das mich so sehr an L., die Tochter meines Freundes H., erinnert.

Verstehen Sie, was ich meine?

Die Zimmer sind schmal, da muss Spiegelzauber her.
Inzwischen sind es zwölf Spiegel.
Und jeden Abend, eh ich ins Bett gehe, frage ich sie, ob ich der Schönste und Beste bin.
Und was antworten sie?
'türlich 'türlich!


Do 17.09.09   9:01

Die schlechte Nachricht:
Pop Life hat es nicht in die Long- bzw. Shortlist des Deutschen Buchhandels geschafft.
Die gute Nachricht: ich muss also nicht zur Frankfurter Buchmesse fahren.

14:09


Verspätetes Geburtstagsgeschenk für M., ein Liguster Bonsai, etwa 9 Jahre alt.

18:05

Hake diesen Tag als schwarzen Tag ab.


18:43

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

65

jemand sagt,
der raketenschirm werde nicht aufgespannt
ich gehe durch die wohnung
neben der tür stehen pumps
auf der fensterbank in der küche steht nagellack
im arbeitszimmer hängen fotos und spiegel
darin immer der, der hinein schaut
auf den fotos eine frau
die den canale grande hinab fährt
im schlafzimmer hängt eine damenstrickjacke
im badezimmerschrank sind schminksachen
auf dem schränkchen in der toilette liegen lippenstifte
an der garderobe hängen damenmäntel
ich stecke meinen kopf hinein
dann setze ich mich aufs sofa
gesprochen wird immer noch
aber es interessiert mich nicht
mich interessiert nur das geräusch der sprechenden
es hilft beim alleinsein
aber nicht viel


Fr 18.09.09  11:55

Als ich ihn das letzte Mal sah, war noch nichts geschehen. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Die Wolken verdichteten sich. Es wurde dunkler und dunkler und dunkler. Dann starbst du. Kurz darauf schrieb er mir. Er schrieb, wie unfassbar das sei und wie er mir Kraft wünsche. Keine drei Monate später kämpft er selbst mit dem Tod. Ich verstehe es nicht. Die Konsequenz ist, dass ich jederzeit und bei jedem mit allem rechnen muss. Scheiden Sie also nie im Streit von jemandem, den sie mögen. Es könnte sein, dass sie ihn nie wiedersehen. Life's a bitch, then you die.

14:41

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

66

im bett am fenster fühlt es sich an
als wäre ich sorgenfrei
und hätte meinen lebensabend angeknipst
dabei ist es die kippfunktion des kopfteils
die es so gemütlich macht


20:04

Freitagabend im geschmackvollen Heim



auf dem schönen Balkon



mit der freundlichen Katze



aber du bist weg.


Mo 21.09.09   9:53

Herr M. flieht. Auf der Flucht, hofft er, kann er vergessen, aber das stimmt nicht. Dennoch ist Flucht amüsant. Er hört junge Bands aus Berlin, die mit großer Überzeugung ein Lebensgefühl transportieren, das sich für Menschen seines Alters längst erledigt hat, er trifft einen Mann auf dem Markt, den er seit fast einem Jahrzehnt für schwul hält, er unterhält sich mit ihm und erfährt, dass das vielen so gehe, aber der Mann sei nicht schwul, er trifft seinen großen Sohn, er kreuzt die Stadt, man gewährt ihm 70% Rabatt auf ein Jackett, er fährt nach Holland, verbringt einen Abend mit der Freundin seines besten Freundes, man sitzt bis tief in die Nacht und redet und redet und redet.

Am Morgen darauf fährt man durch die Veluwe nach Ede, um die Mutter der Freundin des Freundes abzuholen. Ede ist ein Dorf, hatte Herr M. immer geglaubt, dabei leben dort fast einhunderttausend Menschen und so ganz nebenbei erfährt er, dass die Eingeborenen nicht gut auf Marrokaner, Türken und sonstige Autochtone (so nennen die Niederländer Einwanderer) zu sprechen sind, vor allem, seit die Marrokaner bei den Anschlägen auf das World Trade Center vor Freude auf der Autobahnbrücke tanzten.

Man fährt nach Utrecht, wo der Dichter W. mit seiner Freundin lebt, der ihn zu einer Umtauschparty eingeladen hat, sieht den Barbie Sammler wieder, bei dem er in Amsterdam wohnte, trifft dessen Freund B., der Mode macht und aussieht wie Elton John, nicht groß, dicklich, gepierct und tätowiert, lernt den pensionierten Chefredakteur einer niederländischen Zeitung kennen (ein Jude, hatten die Niederländer sich zugeflüstert, zwar nur halb, dennoch meterweise Holocaustliteratur im Schrank), er erzählt dessen Frau, Esoterikerin mit Cleopatra Frisur, von Koro Morobushi, er staunt über die Enge rings um die Stadt Utrecht, über die Modernität der Außenbezirke, die Glasfassaden der auf kurze Halbwertzeit errichteten Gebäude, die eine geographische Zuordnung nicht mehr erlauben, optische Weltverschmutzung, denkt er, abends geht er mit seinen Freunden in Enschede essen und fragt sich, wie er das alles aushält, diesen stechenden Schmerz, wenn er Paare sieht, egal welchen Alters, rätselt, wie das alles weitergehen soll, ob es nicht besser wäre, mal für ein paar Wochen in einer Versenkung zu verschwinden, die Frage bleibt nur, in welcher, und dann fährt er heim, er hat sich auf sein Bett gefreut, er schläft tief und fest und am nächsten Morgen bereitet er sich darauf vor, dass es ja in dieser Woche noch in die Hauptstadt geht, er wird dort lesen.

Und natürlich freut er sich, dass er lebt und erlebt und ist zuversichtlich, denn er weiß, dass es ausgeht, wie alles ausgeht auf dieser Welt, er wird sterben und dann ist es vorbei, und er denkt, dass es vernünftig wäre, ein Testament zu schreiben, warum nicht als Roman.

16:55

Seitdem hat er Männerschweiß ausdünstende Trikots, Stutzen und Hosen von 15 Fußballspielern gewaschen und ist nun ganz durcheinander, denn vielleicht, denkt er, war ich nie Dichter, vielleicht war ich immer Hausmann, schließlich hat er seit Monaten nicht mehr gedichtet, dafür aber täglich gespült, gewaschen, gebügelt, ach, egal, denkt er dann, Hausmann, Dichter, Pilot, letztlich alles ein und dieselbe Veranstaltung.

18:34

Ja, es stimmt, er wollte tatsächlich Pilot werden. Damals, als Starfighter über seine kleine Stadt donnerten, aber dann erfuhr er, dass Starfighterpiloten gute Zähne haben mussten, Zähne, die nicht plombiert sind, und das waren seine von Anfang an, irgendwie.


Di 22.09.09   9:09

Nachdem Wikus van der Mewe die Einsatztruppen der MNU aufgehalten und die Rückkehr des Alien in das über Johannisburg schwebende Raumschiff ermöglicht hatte, senkte sich plötzlich ein so schwarzes Gefühl der Verlassenheit über M., dass er glaubte, nun sei der Moment gekommen, von dem er schon so oft gehört hatte: der Beginn einer Depression.

Nicht Traurigkeit, nicht Verstimmung, sondern Abgleiten in Hilflosigkeit, Katatonie möglicherweise, er wusste es nicht genau, er wusste nur, dass es ihn "das arme Tier" seit dem Tod seiner Frau so noch nicht angesprungen hatte.

Er verließ das Kino, er hoffte, dass er die Treppe schafft, diese weite, hohe Treppe, er schaffte die Treppe, er setzte sich auf sein Rad und überlegte, was zu tun sei: sich freiwillig in die Obhut von Ärzten begeben und dann? Sich in die Obhut von Freunden flüchten? Aber wohin? Welche Freunde um diese Tageszeit? Zum ältesten Sohn gleich um die Ecke?

Auf dem Rad brach das Weinen los. Der Schmerz, den das Weinen verursacht, weil es den Körper schüttelt und an den Organen zerrt. Auf dem Rad aber konnte sich M. immerhin beweisen, dass das Gefühl völligen Allein- und Verlassenseins und die damit aufsteigende Panik mit Bewegung in Schach zu halten war.

Am Aa-See hatte er sich so weit unter Kontrolle, dass er die Option ärztlicher Obhut ausschloss. Das wäre, dachte er, eine Kapitulation, und kapitulieren würde er nie. Er wusste nun, dass es Gründe gab, die ihn in diese Verzweiflung getrieben hatten.

Schuld war die Flucht ins Vergnügen, die Gesellschaft seit Tagen, das "so tun als ob", der small-talk, das Zwanghafte seiner Normalität der letzten vierzehn Tage, das Herumreisen, Enschede, Amsterdam, Utrecht, Tanztheater, Kino, Session, und dann auch noch Berlin, diese Woche muss ich noch nach Berlin, um zu lesen, dachte er.

Eine Sternschnuppe verglühte überm Aa-Tal. Er begriff sie als Gruß von ihr, obwohl er an derart außerirdische Verlautbarungen sonst nicht glaubt, tröstete er sich mit dieser kleinen Lüge in ruhigeres Fahrwasser, während Herbstnebel durch den Lichtkegel seiner Fahrradbeleuchtung geisterten.

Zuhause hatte er sich gefasst. Sein jüngster Sohn saß noch über Hausaufgaben, die Katze hatte es sich auf seinem Bett bequem gemacht, M. machte sich heiße Milch mit Honig und erfuhr, dass U. angerufen habe, um zu fragen, ob er Lust habe, am Samstag in Berlin mit ihm zur Uraufführung eines Kabarettprogrammes zu kommen.

So weit hatte M. noch gar nicht gedacht.

Er hatte gedacht, er würde hinfahren, lesen, zurückfahren, um niemandem auf die Nerven zu gehen mit seiner Trauer, mit dieser fatalen Gewissheit finaler Einsamkeit, die durch nichts und niemand zu beschwichtigen war, aber als er im Bett lag, dachte er, mal sehn, vielleicht, wer weiß, machte das Licht aus und schlief ein.

Heute ist ein neuer Tag, aber der Schmerz ist noch da.

Manchmal denkt er, das ist ihre Rache, aber das ist Humbug.
Trotzdem denkt er es hin und wieder. Er denkt haarsträubende Dinge, er denkt Dinge, die er nicht denken will, er denkt Dinge, von denen er gedacht hatte, dass sie nicht denkbar sind, aber alles ist denkbar und so beginnt ein weiterer Tag in der 39. Woche des düstersten Jahres seines Lebens.

Seit der 25. Woche weiß er, dass es stimmt, was die Leute sagen: man begreift es nicht.
Man weiß es, man hat alles getan, was zu tun war, aber irgendwie begreift man es nicht, und so ist man sogar bereit, Sternschnuppen für den Trost heranzuziehen.

15:53

Neues Lied....


Mi 23.09.09   16:22

Ihr Bruder ist jetzt ihre Schwester, und sie, die Schwester, fühlte sich schon immer eher den männlichen Hormonen verpflichtet, sodass sie eine Lesbe ist, sagt sie so, hat sie kein Problem, und ihr Bruder ist jetzt umoperiert zur Frau. Mit glücklichem Sex und Orgasmus, sagt sie. Mann, sage ich, das sind Verhältnisse. Staunste wa, sagt sie, ja, staune ich, sage ich.

Sie pflegt alte Menschen, aber ihre Knochen knacken und sie will umschulen.

Berlin, sagt sie, in Berlin war ich mal, vor der Wende, war da in so einer Lesbenkneipe, Mann, sagt sie, komme da rein, gehe nach unten, und da ist so ein großes Bett, wo sie alle rumlümmeln, und dann geh ich noch tiefer nach unten, und da ist es ganz dunkel.

Dolles Ding!
Brüllendes Lachen.

Ich mag meine alte Nachbarin. Mit ihr würde ich Pferde stehlen.

Traf sie am Kreisverkehr. Und wie es so geht, sie wollte zu mir, ich aber war unterwegs, um mein Auto checken zu lassen für Berlin: Öl, Kühlwasser, etc. Meine Lieblingsmechanikerin wies mich darauf hin, dass es an der Zeit sei, einen Intensivcheck machen zu lassen. Ich weiß, ich weiß, aber das muss noch ein bisschen warten.

Halbe Stunde später sitzt die dicke Lesbe dann mit mir in der Küche, und erzählt und erzählt, und irgendwann frage ich sie, sag mal, hast du eigentlich ein Navi. Hat sie, ja, und sie leiht es mir, also fahre ich morgen mit Tomtom nach Berlin, wenngleich ich weiß, wie ich hinkomme, aber um in der Stadt rumzufahren, ist so ein Navi sehr praktisch, und ich muss ja mitten durchs Zentrum und dann am späten Abend noch wieder raus, raus nach Michendorf, wo mein Freund Uli wohnt, bei dem ich wohne.

Fast schon weg, deshalb hier noch ein neues Lied, wenngleich - ein Lied ist das nicht, eher ein vertonter Text. Geloopt. Diesmal mit einem Loop aus Shaw nuff, ein Stück von der 1993 erschienenen Paul Motian CD: Paul Motian and the electric bebop band

 

Sa 26.09.09 21:11

Poplife auf dem Kiez




demnächst mehr ...

21:47

Und dies für morgen ...




So 27.09.09   10:46

Meine Leute sagen, ich bräuchte kein Navigationsgerät, ich hätte von Tokio bis Rio de Janeiro, von Bombay bis Kairo noch immer alles gefunden, aber die Berliner Buchhandlung meines Vertrauens, in der ich lese, liegt auf der Falckensteinstraße im äußersten Kreuzberg, die Oberbaumbrücke ist in Sichtweite, das Ende der Welt, damals, vor fast genau 20 Jahren, ich muss also quer durch die Stadt, mein Stadtplan war nirgendwo aufzutreiben, dann traf ich die dicke Hannah, und die lieh mir ihr Navigationsgerät.

Ich weiß, wie es damals in dieser Gegend aussah. Die Depression war mit Händen zu greifen, das SO 36 gleich nebenan, Nick Cave einer der Helden und Wir sind das Volk auf der anderen Seite der Spree, von nur einem Wunsch beseelt: endlich dazu zu gehören.

Nun gehört es seit 20 Jahren dazu, obwohl ich der Lektorin des Aufbau Verlages, die ich ein halbes Jahr vorher besuchte, noch viel Erfolg für den Aufbau einer reformierten DDR wünschte. Mein Volk war das also nicht, und der Wunsch, mein Volk zu besuchen, wurde in mir nie so recht wach.

Diesmal aber, nach über dreistündiger Fahrt auf der Autobahn Richtung Berlin, juckte es mich. Bei Ziesa, ein Städtchen am Rande des Hohen Fläming, entschloss ich mich, die Autobahn zu verlassen und die letzten achtzig Kilometer bis an den Stadtrand Berlins, wo ich Freunde habe, über Land zu fahren.

Ich gab dem Navigationsgerät die Anweisung, die Route neu zu berechnen und machte mich auf den Weg. Die Welt wird sofort zutiefst menschlich, wenn man die Landstraße erreicht. Sie wird auch ein wenig gefährlicher, denn es gibt scharfe Kurven und Gegenverkehr, es gibt Alleebäume, und einer wie ich schaut natürlich nach links und nach rechts und freut sich, wie schön sie ist. An den Alleebäumen Wahlwerbung, und das Navigationsgerät stösst jedes Mal, wenn ich die vorgeschriebene Geschwindigkeit überschreite, eine Trompetenfanfare aus. Und wie fern auch, diese Welt, in Rottock, wo die Dorfstraße noch nicht asphaltiert ist, in Götzke, wo mich zum Ortseingang Katies Imbiss lockt, anzuhalten, auszusteigen und zu pausieren, der Kaffee zu achtzig Cent, Katie in schwarzem Gothic Outfit.

Vor Belzig beginnt der Aufbau Ost zu greifen. In Benken und Leibniz sind die Häuser zunehmend aufgehübscht, getüncht, wenngleich die Dörfer tiefe Vergangenheit atmen und ich mir die Frage stelle, warum wir das ganze, während der DDR heruntergewirtschafte und danach mit der Aufbauhilfe Ost renovierte Land nicht unter Denkmalschutz stellen, jedem Einwohner eine Tätigkeit zuweisen, in ein Kostüm kleiden, ihm ein monatliches Einkommen zahlen und Eintritt verlangen, authentischer als Disney World wäre das allemal und das dumme Gerede von Heimreise statt Einreise auf den Wahlplakaten der NPD hätte sich damit erledigt, hoffe ich zumindest.

Aber die anderen Parteien sind auch nicht besser.
Gregor Gysi verspricht Reichtum für alle, Angela Merkel summt das Mantra Wir haben die Kraft, Steinmeier glaubt Unser Land könne mehr.

Je näher ich Berlin auf den Pelz rücke,
desto aufgeräumter und renovierter werden die Dörfer und dann bin ich angekommen. Ich wohne bei einem Freund, mit dem ich vor dreißig Jahren in einer Band spielte, die Groove Missiles hieß. Die große Stadt ist greifbar, der Autobahnanschluss gleich um die Ecke, wenn auch von nicht enden wollenden Kiefernwäldern verdeckt. Zugezogene Westler und Stasi Spitzel, denke ich, ein Glück, dass es Vorurteile gibt.

Einen Tag noch bis Showtime auf dem Kiez. Einen Tag durchatmen. Ich schaue mich um. Ich fahre mit dem Rad nach Potsdam und bin erschlagen, wie aufgepeppt diese Stadt ist, herzig ist untertrieben, einzig der Wochenmarkt beim Holländischen Viertel ist Alltag, alles andere buhlt um den betuchten Konsumenten und der niedergeschlagene Ossi (file under: Vorurteil) sieht längst aus wie jeder andere. Bis auf den Looser, der sieht überall gleich aus.

Die Spannung steigt. Ich finde meine Lesung in der Buchhandlung Ebert und Weber in der Berliner Zeitung angekündigt, die Konkurrenz an diesem Abend ist überschaubar, keine große Namen, aber ob mehr als zwei Zuhörer kommen?

Ich erreiche den Kiez eine Stunde vor Beginn, melde mich, esse beim Sadhu nebenan Garam Shorba, eine köstliche Suppe mit Lammfleisch, cremig, bordeauxfarben, wohl vom Safran, sitze und schaue. Man flaniert, man zeigt vor, die Straße summt, der Tag gleitet in einen kühlen Abend, aber es ist noch warm genug, um draußen zu sitzen.

Mein Auto steht in der Nähe der Oberbaumbrücke. Ich habe die Klappe zum Handschuhfach geöffnet, damit jeder gleich sieht, hier gibt's nix zu holen, das Auto ist gebraucht, das Navi ausgebaut und in der Tasche verstaut, sollten sich die Autonomen Kreuzbergs heute Abend entschließen, ihren in die Utopie gerichteten Protest anzufachen, sollen sie doch bitte die 7er BMW der toughen, durchs Viertel cruisenden Türken anzünden.

Gleich geht es los. Der Buchladen, von zwei engagierten Frauen geführt, hat sich auf die Produktionen unabhängiger Verlage konzentriert und das funktioniere, sagen sie. Und es sind auch mehr als zwei Zuhörer da. Genau genommen sind es fünfzehn, für die ich die Reise angetreten habe.

Ich hocke auf einem Schemel, das Licht ist spärlich, sodass es schwer wird, zwischen den Sätzen aufzuschauen und meine Zuhörer anzuschauen, was ich sonst gern tue, weil es zusammen schweißt, aber die Konzentration auf dem Kiez scheint hoch und so lese ich eine Stunde, frage, ob noch mehr gewollt sei, man bejaht und ich schlage eine Verschnaufpause vor.

Man ist einverstanden, niemand stiehlt sich heimlich davon, ich lese eine weitere Stunde und bade dann im Applaus. Leider generiert er in meinem Fall keine Umsätze, keine großen Gagen, aber man lobt mich und davon, so zumindest die landläufige Meinung, scheint der Künstler zu leben.

Was soll ich sagen, ich glaube noch immer, das Pop Life seine Leser findet, ich bin ein gefährlicher Schläfer, ich explodiere zu Zeiten, an denen niemand mehr mit mir rechnet, also rechnen Sie mit mir. Ich gebe nicht auf. Sollten Sie wissen wollen, was der Künstler sonst noch an brotloser Kunst produziert, klicken Sie hier- oder dorthin, es ist egal, ich bin reich an dererlei Kunst, also nur Mut.

Und dann gehen Sie in die nächste Buchhandlung, kaufen sich das Buch, dass ich aus Gründen der Bescheidenheit hier nicht namentlich nennen will, und sorgen dafür, dass Herr M. weiter produzieren kann (was er sowieso tun wird, Sie werden ihn nicht daran hindern).

Und er Kiez? -

Nun, Berlin ist letztlich nur eine Ansammlung märkischer Dörfer, und so versteht sich der Kreuzberger als Kreuzberger, der Treptower als Treptower, und der hat mit Charlottenburg so viel zu tun, wie der Charlottenburger mit dem Pankower undsoweiter undsoweiter, jeder hat seinen eigenen Kiez, und über allen kreisen die Pleitegeier der Hoffnung, nirgendwo wird so gern abgestürtzt wie hier, denn in Berlin leben kaum noch Berliner, und der schwäbische Webdesigner am Prenzlauer Berg wird von allen, die es der Stadt zeigen wollen, am meisten gehasst.


Mo. 28.09.09   8:22

Die ersten Nebel.
Der Monat geht, daher hier noch einmal die vertonten Texte, die in diesem Monat entstanden sind:

Die Gazelle

Die Mondscheinsonate
und zuletzt Dafür.

9:28

Und hier ein Lied, das mein ältester Sohne geschrieben hat.
Es beschreibt, in welchem Zustand wir sind.

17:17

Früher hat sie immer mit dir telefoniert. Stundenlang konntet ihr das, und ich habe immer gestaunt, wie man so lange telefonieren kann. Jetzt telefoniert sie mit mir oder ich mit ihr, und jetzt staune ich, wie lange ich telefonieren kann. Kann das aber nicht mit jedem. Und gestern sagte sie irgendwann, sie wüsste eine für mich, die würde zu mir passen, du würdest die sicher auch gut finden, und ich sagte, aber ich will ja gar keine. Schon klar, sagte sie, aber sie passte trotzdem zu dir.

Und dann sprachen wir über alte Männer, die junge Frauen nehmen und ich sagte, wenn ich jetzt ein berühmter Schriftsteller wäre, wären junge Frauen überhaupt kein Problem. Bist du auch so einer? fragte sie. Ich antwortete, dass ich verstehen könne, dass ein alter Mann eine junge Frau nähme, klar, faszinierende Idee, allerdings spräche das gegen die jungen Frauen. Und was denn mit den Männern wäre? fragte sie. Natürlich auch gegen die. Und dann kam ich auf Müntefering zu sprechen, der ja, kaum war seine Frau ein halbes Jahr tot, schon mit dieser 28jährigen auflief, was meiner Sympathie zu ihm großen Abbruch tat, und sie sagte, siehste. Was siehste? sagte ich, denk doch mal an die 28jährige, was stellt die sich denn vor, die hängt sich doch nur an Macht und Ruhm. Schon, sagte sie, das stimmt. Siehste, sagte ich.

Und dann fragte ich, wer das denn sei, die zu mir passe und sie sagte, aber du willst doch gar keine. Richtig, sagte ich, aber sag es mir trotzdem, und sie erzählte es mir. Sie wohnt hinterm Elbdeich, wir beide waren mal dort, erinnerst du dich? Sie war lange mit einem Puppenspieler zusammen. Ja, so telefonierten wir und telefonierten und telefonierten, was sehr schön und sehr trostreich war. Ich kann's jetzt also auch.

Und dann fällt mir noch ein, dass ich dich grüßen soll von Doris. Ich traf sie in der Stadt. Sie saß vor Stuhlmacher und aß Schweinemedaillons mit Kartoffelgratin. Sah lecker aus. Doris sagte, sie sei sicher, ich sähe dich wieder. Du weißt, dass ich an so etwas leider nicht glaube, aber es wäre schön, wenn ich's könnte. Wahrscheinlich müsste ich dann aber auch an die Hölle glauben und an all die anderen furchterregenden Dinge, die man den Christen einhämmert, und da ist es mir dann schon lieber, Heide zu sein, Heide und ungläubig und ohne Trost, bis auf den, den unser gemeinsames Leben mir spendet, und auf den, den unsere Liebe mir spendet und auf den, den du mir spendest, jeden Tag, irgendwie, wie, weiß ich nicht.

Und dann gehe ich in mein Schlaf- und Musikzimmer, stippe meinen Finger in den chinesischen Ingwertopf und asche mein Haupt mit dir, was auch tröstet. So geht der Tag, im Literaturcafe ist mein Reisebericht aus Berlin erschienen, jetzt heißt es Kartoffeln schälen, kochen, Kasseler Koteletts braten, Broccoli säubern und kochen, und dann essen Max und ich gemeinsam.

Ich liebe dich, und mein Schmerz ist nicht zu beschreiben.


Di 29.09.09   17:01

Das große Ding in der Medizin scheint augenblicklich künstliche Koma. Kaum hat sich einer hier oder da verletzt, legt man ihn erst einmal ins künstliche Koma. Wahrscheinlich lässt sich das gut mit der Krankenkasse verrechnen, man hat den Patienten fein ruhig gestellt und muss ihm nichts zu essen bringen, Abfuhr und all diese Dinge funktionieren über Katheter und Weißnichtwas, mit einem Wort, das künstliche Koma wäre wie geschaffen für Guido Schwesterwelle, dann wären wir in Sicherheit und Guido könnte von seinem Mann träumen, der ihm das alles erst ermöglicht hat, und angenommen, wir holten ihn zurück, was ja in Wirklichkeit niemand will, angenommen also, wir holten ihn tatsächlich nach fünf bis sechs Jahren zurück, hätten sich die Dinge vielleicht schon so weit verändert, dass Guido, der ja perfekt kein Englisch spricht, als Außenminister nun überhaupt nicht mehr zu gebrauchen wäre, während er ja vor der Ins-Koma-Legung auch schon nicht zu gebrauchen war.

Irgendetwas Faszinierendes aber muss das haben für Mediziner, wenngleich ich nicht bestreite, dass ein ins Koma gelegter schon sehr entspannt liegt und diese Entspannung für den Heilungsprozess förderlich sein kann. Daher meine Forderung: legt ab sofort alle ins künstliche Koma, vor allem Investmentbanker, Derivathändler, Spekulanten, alle von der NPD/DVU, einfach ab damit ins Koma und schlafen lassen.

Hier eine ins Koma gelegte Krähe.

21:34

Die Real Fullmooners rufen an und fragen, wie es denn wäre, machen wir weiter Musik?
Natürlich machen wir weiter Musik, wenn möglich zum Vollmond, aber eben nicht am 5.10., da bin ich auf der Insel, aber das hat der Gitarrist, der mich immer nachts anruft, weil er Nachtarbeiter ist, und nicht begreift, dass andere nachts schlafen, während er gerade frühstückt, in den falschen Hals gekriegt. Macht nichts, sagt der Bassist, du bist ja Westfale, das sollte der doch wissen, dass man da mal ein klares Wort sagt, ja, sag ich, bieg ihm das bei, dass nichts weiter ist, nur eben - absolutes Telefonierverbot nachts, mehr hab ich gar nicht verlangt. Klar, sagt der Bassist, jau sage ich, also bis bald und dann sprechen wir noch über den, der mit Leukämie kämpft und wir sind uns einig, die Einschläge kommen näher. Kein Wunder bei unserem Alter, aber daran muss man sich erst gewöhnen.

30.09.09   8:36

Darf ich Sie zu einem kleinen Ausflug einladen ....

15:04

Kurze Rezension von Pop Life im Rheinischen Merkur.

16:02

Kleinzellig hätten sie sein sollen, die Killer, aber das waren sie nicht. Wären sie kleinzellig gewesen, hätte das Bestrahlen vielleicht geholfen, aber sie hatten Zeit, groß zu werden, so groß, dass man sie mit Händen greifen konnte, dreieinhalb Zentimeter lang, eineinhalb Zentimeter breit, die Fahrkarte ins Jenseits. Es ist wie es ist, ich stehe im Nichts und höre die Geschichten anderer, höre von den Einschlägen ringsum und versuche, die Ruhe zu bewahren.

16:41

Neuer Text mit Musik ....


 

 

 

 

 

 

 

 

 




________________________________________________________________________________

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de