November 2001                         www.hermann-mensing.de     

mensing literatur

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Do 1.11.01   16:00

Schatten tanzen über die Wand, die Rosen unter der Chefinsel lassen die Köpfe hängen,  der Wellensittich spricht Monologe. So geht der Tag und ich freue mich still. 

18:12

Längst hat die Dunkelheit übernommen, es liegen Bücher hier und da und da, es stehen Flaschen voll und halb voll an ihrem Platz, es ist Musik im Raum und der Wellensittich improvisiert übers Gitarrensolo, es gibt Stimmen von fern, und in Raum und Zeit wäre ich nun als Kind unterwegs, leuchtenden Auges, um die Lichter auf den Gräbern der Toten zu sehen, all die flackernden Lichter auf den zugeschaufelten Löchern, in denen Vorfahren faulen, Onkel und Tanten und wie sie alle heißen, das soll ich mir vorstellen, da graust es mich und ich bleibe dicht bei der Mutter, die noch ein Licht anzündet, und feiner Regen fällt dazu, denn feiner Regen an diesem Tag ist ein Muss, feiner Regen und Nebel und das Rascheln der Blätter, wenn ich gehe und die Füße nicht vom Boden hebe, sondern links und rechts schiebe. So ein Tag wäre das in Raum und Zeit, aber wie man weiß, ist alles jetzt anders, ein gedämpftes Trompetensolo klingt und ich suche mir eine Flasche aus oder auch nicht, ich halte einen Monolog, sitze mit unserem Wellensittich auf einer schaukelnden Stange und spreche den Spiegel an. Ja. Das ist die Welt. Hier bin ich. Dort bist du. Wir sind alle Tage und lange schon. 

20:30

Und als hätte all das nichts genutzt, greift plötzlich die Welt ein.  Obwohl ich diesen Tag doch nur mir und dem Sofa widmen wollte, holt sie mich ein, als ich vorm Müllcontainer stehe, um unseren Müll zu entsorgen. Gleich obenauf liegt eine Tüte voller Videos. In der Dunkelheit kann ich keine Einzelheiten erkennen, und so denke ich nur, dass da jemand sein Archiv aufgeräumt hat. Später aber, als ich davon erzähle, wird Interesse wach. Und so hole ich die Tüte ins Haus. Auf der ersten Kassette, die ich heraus nehme, steht der Name vom Nachbar. Ich lege sie ein. Bingo. Wide Open Beavers. Das also ist es, was er in der Nacht immer tut, wenn die Welt schläft. Interessant.

 

Fr 2.11.01   8:35 

Der Mond  hatte vier Ringe. Der innere leuchtete in schwachem Blau, dem folgte ein rostfarbener, dem ein blauer und wieder ein rostfarbener. Eingebettet in einen weichen Wolkenteppich, der zum Südosten ausfasernd ein paar Fußballfelder groß auf einem sonst fast blanken Himmel lag, über den in flacher Bahn eine Sternschnuppe jagte. Der Teppich hatte die Farbe des Bauchfells einer Spitzmaus. 

17:44

Alle Welt drängt von A. nach B., als könne man Zeit gewinnen, dabei kann man höchsten sein Leben lassen. Stiller, strahlender Tag  zu Beginn, Eintrübung zum Nachmittag, aber kein Regen. Bummelten durch die Stadt Enschede, die sich gerade für die Zukunft erfindet. "Ze denken, dat E. een groote Stadt wordt", antwortet mir ein Passant auf die Frage, ob denn das alles nötig sei. Tranken Kaffee am Alten Markt, aßen Fritten und Hollandse Nieuwe, so verging Zeit ohne Hast.  

 

Sa 3.11.01    11:35

Furios dirigierten US-Bodentruppen nördlich der afghanischen Hauptstadt ein Konzert für B-52 Bomber.  Im ersten Satz, dem "Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande" (Allegro ma non troppo), der etwa 8 Minuten 50 Sekunden dauerte, gelang es, den Boden zu bereiten für das Andante molto mosso, die "Szene am Bach": flüchtendes Landvolk allenthalben. Im 3. Satz kam es zu einem "Lustigen Zusammensein der Landsleute (Allegro), von den Taliban nicht sehr genossen. Dem folgte das Gewitter, der Sturm (Allegro), ein nie vorher erlebter Einschlagswirbel dieser bezaubernd im Rhythmus der Musik zur Erde taumelnden gelben Streubomben. Der Hirtengesang mit "frohen und dankbaren Gefühlen nach dem Sturm" (Allegretto) beendete das Konzert. 

17:43

Geht der Ab, kommt bald die Nacht, und wir leg uns schlaf im Bett, träum viel Zeugs und wach auch auf, schlaf wied ein und scheiß was drauf. 

21:22

Und siehst du, das ist es, was ich mit dem Brüten gemeint habe. Alles ein bisschen durcheinander, und das wird noch gefördert, wenn ein Mensch zuviel in einen Bach hineinstarrt. Oder ist es auch immer noch ein bisschen der Schnaps gewesen, den der Brenner vorher getrunken hat, dass er aus dem Brüten gar nicht mehr herausgekommen ist. Aber so gut hat er sich schon gekannt, dass das ein gutes Zeichen ist, wenn er endlich mit dem Denken aufhört. Weil Denken ist gar nicht immer so seine Stärke gewesen. Aber Brüten, Weltniveau! (1)

 

So 4.11.01   12:36

(...) Ein von Amerika abhängiges Regime in Afghanistan hätte auf der Hand liegende geopolitische Vorteile: Es könnte als Basis für die Einkreisung Iraks dienen, würde Pakistan (und Indien) fügsamer machen und den Zugang zu den mineralischen Reichtümern Zentralasiens erheblich erleichtern. (...)  Ein nicht immer eingestandenes Hauptziel der Amerikaner in dieser unsicheren Welt ist die Sicherung des Zugangs zu Erdölvorkommen. (2)

17:47

So muss er sein, der November. Da weiß man, dass sich das Sterben lohnt, da wird klar, dass kein Schrecken größer sein kann als das Leben. Herrlich. 

 

Mo 5.11.01 10:32

Lesen Sie den großen Gesang des Herrn Unruh.

Klicken Sie hier

 

Di 6.11.01    8:18

Übern Himmel treiben Dohlen in zweier-, fünfer- und siebener Gruppen, fliegen vom Wind bestimmt und gegen ihn anschreiend, landen auf Schornsteinen. Schwarz vorm grauen Morgen. Am Boden geht es bunter zu. Blätter in Wirbeln. Die großen Platanen. Die Kastanien. Ich schiebe das linksrechts vor mir her und beiseite. 

20:21

Ob er gern Zug fahre, fragte man. - O ja, sagte er. - Was er denn tue, die ganze Zeit? - Schauen. - Und heute? Habe er heute etwas gesehen, was für ihn von Interesse gewesen sei? Natürlich. Den Übergang von Agrarland zu Industrieland etwa. Überm Land fächerte sich die Sonne über frischer Wintersaat auf, schwarz- und rotbunte Kühe standen auf Wiesen und nur einen Augenblick später sei ein Förderturm aus der Erde gewachsen, leere, fußballfeldgroße Hallen mit zerschlagenen Fenstern kurz drauf, Gleisgewirr, Birken und Halden im Hintergrund. Er habe Menschen beim Gespräch beobachtet, habe ihre Gesichter gesehen, ihre Zustimmung ohne Worte, ihre Ablehnung, ihre flinken Augen, die nicht immer ertrugen, den anderen anzusehen. All das könne man sehen, wenn man mit dem Zug unterwegs sei, während das Reisen im Auto einem für so etwas keine Zeit lasse. - Und am Ziel? - Sei er zu Fuß zum Kinderspielhaus gelaufen. Ein buntes Haus für Kinder des Viertels. Meist schwarzhaarig, Kinder türkischer, iranischer und indischer Herkunft, Kinder aus Familien ohne Zeit für Kinder, und denen habe er ein Hörspiel vorgespielt. - Erfolgreich? - Ach, das sei schwer zu sagen. Sie wussten ja nicht einmal, was ein Hörspiel ist. Wenngleich sie annahmen, es müsse wohl etwas ohne Bilder sein. Verwundert waren sie, dass er so viele verschiedene Stimmen nachmachen könne. - 

 

Mi 7.11.01    13:07

Natürlich könnte man dies und das sagen. Aber wozu? 

14:28

Eine Weile stand er vorm Spiegel und dachte, Sie kenne ich.  Dann wuchsen Zweifel.  Tut mir Leid, sagte er. Ich  habe mich wohl getäuscht. Könnten Sie bitte gehen. Nein, sagte der Mann. 

Und so sah der Mann aus.

 

Do 8.11.01    11:04

Links vor der Bühne saßen Erstsemester, die im Augenblick in Gruppen die Stadt durchstreifen und glauben, sie wären angekommen. Erwachsen. Dabei sieht man ihnen den Kindergarten noch an. Eine rotblonde mit schulterlangem, naturkrausen Haar, eine mit gesunder Gesichtsfarbe und kindlichem Trotz um den Mund, eine, die deshalb Bier trinkt und raucht, dass der Nebel sie einhüllt, so eine saß gleich da vorn und schaute auf den, der da sein Schlagzeug einrichtete. Ihre Blicke sagten: sieh mal, der alte Mann da. Das kann ja lustig werden. Ich fühlte mich getroffen. Ich verlor die natürliche Sicherheit, die mich sonst trägt, wenn ich hinterm Schlagzeug sitze. Das ging das ganze erste Stück so. Ich schwitze wie nie sonst. Ich spürte diese Blicke und dachte, ich hätte nicht herkommen sollen. Beim zweiten Stück aber fiel diese Unsicherheit von mir ab und die Gewissheit, nun könne ich nichts, aber gar nichts mehr falsch machen, griff um sich wie ein Brand. Lodernd. Trotzig. So wütend und stolz, dass ich beim dritten Stück in ein Solo geriet, dass ich mir sonst nur allein und für mich im Keller zutrauen würde. Über und um die Zeit spielte ich, wahr wurde, was wahr ist, ja, hier war keine Lüge mehr, hier war nur noch die Zeit und in dieser Zeit war kein Platz für Ausflüchte. Es stimmt: ich schwitzte noch immer. Es stimmt: die Blicke waren auch noch da. Aber sie hatten sich gewandelt.  Und während die Zuhörer applaudierten, fielen Bomben und starben Menschen, und während ich mir den Schweiß vom Gesicht wischte und das Strahlen in den Gesichtern meiner Mitmusiker genoss, sagten Gewählte Ja und Amen, wo sie Nein und Niemals hätten sagen müssen. Nein und Niemals. Nicht mit uns. 

Ihr Verbrecher. 

13:34 

Vor ein paar Tagen rief D. an. Ich freute mich, schließlich hatte ich ihr die "Große Liebe Nr.1" schon vor Monaten geschickt, um zu erfahren, ob sie sich gut dargestellt fühlt in meinem Roman. Ja, sagte sie, obwohl es komisch ist, als Lesbe in einem Roman aufzutauchen. Wir sprachen über ihr Studium in Rotterdam, Bands und Sessions an Hochschulen, und da sagte sie "Diese Musikstudenten spielen oft, als hätten sie keine Eier!" Ich war ganz ihrer Meinung. 

14:21

Rien n'a changé, mais pourtant tout est different. (3)

17:34

Nein, liebe Afghanen, das ist nicht die neue A-Klasse, die  neuerdings von eurem Himmel fällt. Es ist die gute alte Benzinbombe, die im Umkreis von 500 Metern alles verbrennt. Tja,  und sollte das nicht genügen,  grillen wir euch mit Napalm, wie die Schlitzaugen damals. Seid so gut und schreit jetzt nicht "das ist gemein", denn das ist es nicht. Ihr seid Terroristen, nicht wahr? Und Napalm macht fotogene Wunden. Es brennt sich ein. Und wenn ihr dann so weit seid und aufgebt, kommen wir und bauen euch Krankenhäuser und machen Hauttransplantationen und adoptieren den ein oder anderen Krüppel, damit er Amerika kennen lernt. Aber vorher müssen wir diesen Krieg noch zu Ende führen, und so etwas dauert. Ich schätze, ihr versteht das. God bless.  

 

Fr 9.11.01     11:10

Fanpost:  

Lieber Herr Mensing, 

ich mich mich gefreud als sie hier aufgetaucht sind. Ich war begeistert von der tollen geschichte die sie uns vorgelesen haben und als wir ihnen fragen stellen durften. und als sie ein Buch was sie noch geschrieben haben. Es his Sackasse 13.  Michael

Hallo Herr Mensing! 

Ich fand deine Geschichten ser schön. Ich hofe, das du so schöne Geschichte weiter schreibs. Ruth

Lieber Herr Mensing,

ich wollte wissen wie viele Bücher du schon geschrieben hast. Wie lange bist du schon schriftsteller bist. Wo arbeiters du alls schriefsteller.  Jan 

Lieber Herr Mensing,

ihre geschichte war auch gans tol. Ich habe ganz viel biehalten das der Jung das A verlohren hat zum baischbiel. Ich hate auch eine frage wan kommt das buch eigenlich raus weil ich mir das bei schaten kaufen aber ich mus dan noch sparen weil ich wone auch ganz nah an Schaten.  Marius 

Hallo Herr Mensing!

Geht es ihnen gut? Wir haben wenig Hausaufgaben auf. Sie sitze bestimmt wieder am Schreibtisch und schreiben ein Buch. Wir habens da gemüdlicher Herr Mensing, besuchen sie uns bald wieder.  N.E.

Hallo Herr Mensing,

wan kommt das Buch raus? Wie viele Büchr haben sie geschriben? Wie als sind die Buch? Wie alt ihr ihr Papa? Wie ist er bei Schalke - gut oder schlecht? Wie viele Pokale hat er? Hat er auch bei Beiern gespielt? Johannes

Lieber Herr Mensing! 

Wie viele Bücher hast du geschrieben. Wie lange brauchst du für ein Buch. Mit wann hatst du angefangen Schrieftsteler zu werden. Wie lange willst du noch Schrieftsteler bleiben. T.

21:49

Stilles Verblöden. 

 

Sa 10.11.01    16:08

Ich beschloss, den Rest dieses Krieges zu verschlafen. Ich richtete mein Zimmer her,  meldete das Telefon ab, ich ließ verbreiten, ich sei verreist und verdunkelte die Wohnung. Als es auf Kabul ging, träumte ich von Honolulu. Wie ich ein Surfbrett mietete und nach mehr als zwei Stunden Kampf mit dem Brett plötzlich und unerwartet eine Welle perfekt erwischte und auf dem Brett kniend dem Strand entgegen schäumte, ohne allerdings in der Lage zu sein, die Fahrtrichtung wechseln zu können. Ich endete in einer Gruppe Badender. Als die Europäer sich verabredeten und Amerika nicht länger unterstützten, musste ich schon ein- zwei Monate geschlafen haben, ich erfuhr das später. Als schließlich Aufstände in USA ausbrachen, als sich eine Bewegung erhob, die stärker noch als die Anti-Kriegs-Bewegung zu Zeiten des Vietnam Krieges war, beschloss ich, zu erwachen. Ich erfuhr, dass die arabischen Länder sich solidarisiert hatten, nachdem die USA (noch mit ihren britischen Verbündeten) erst Irak, dann Iran angriffen. Daraufhin meldete ich mich freiwillig. Wir würden alles tun, um die amerikanische Regierung zu stürzen. Nie wieder sollte sie die Welt so für ihre Zwecke missbrauchen. Wir kamen von überall. Es waren auch Muslime unter ihnen. Wir waren uns einig. Kein Terror. Von keiner Seite. 

19:22

Jetzt also: ich höre, Osama verfüge über Atom- und Biowaffen und werde nicht zögern, sie einzusetzen. Sofort werde ich misstrauisch. Warum hat er noch nicht? denke ich. Und dann, klar: wer so eine Nachricht in die Welt setzt, stellt auch gleich die Frage nach dem WOHER. Woher sollte Osama das haben? Und natürlich: da gibt es nur eine Adresse: Saddam. Sollte der nicht schon lange vernichtet werden? - !!! Ergo: wer der Welt auftischt, Osama drohe mit so etwas, will, dass sie kuscht und sagt: gut,  wenn das so ist, okay, macht sie platt, diese Säcke. Und wer hätte Interesse daran? Richtig!

 

So 11.11.01     10:46

(...) Und vor dem Parlament standen eine Menge Menschen und schauten ein Bild an, das in einem Glaskasten ausgestellt war. Das Bild des Monats, las ich auf einem Schild. Vielleicht hatte Henny es ja gemalt. Ich bahnte mir einen Weg, aber das Bild war nicht von Henny, natürlich nicht. Ein merkwürdiger Name stand dort, den ich fast nicht buchstabieren konnte. Und es war ein sprödes Bild. So was hatte ich noch nie gesehen. Mitten auf dem Bild war eine Puppe zu sehen, die fast völlig kaputt war, als wäre sie über einem Feuer geschmolzen. Und dann gab es jede Menge rote Farbe, aber nicht wie den üblichen Malereien, hier ähnelte sie Blut, dickem Blut, das sich auf einer großen Wunde zusammenklumpt. Und diese rote Farbe floss auf eine Flagge, auf die amerikanische Flagge. Und hinter dem ganzen Bild, ja, denn irgendwie war es wie ein Raum, nicht nur so eine flache Natur, wie Vater und Mutter sie an der Wand hängen haben, hinter dem Bild stand geschrieben VIETNAM. Ich las den Titel, es war der längste Titel, den ich jemals gelesen hatte. Ein Bericht von Vietnam. Kinder werden mit brennendem Napalm übergossen. Ihre Haut verbrennt zu schwarzen Wunden, sie sterben. (4)

11:11

Und nun, ihr Narren, feiert.

14:23

Narrhalla Marsch

 

Mo 12.11.01  9:53

Neblig trüb. Cut. Aller Staub fort. Achtung: Anfang.

14:19

Nichts bewegt sich. Alles ist still. Ich lese mich dämlich. 

 


Di 13.11.01   10:23

menschen:tiere:sensationen:  wie ratlos sie sind in ihrer einsamkeit und angst. wie ausgeliefert den großen worten. wie schmerzhaft, dass das, was sie wollen und fühlen, sich selten mit dem deckt, was sie tun. und wenn sie es tun, ist es auch nicht richtig. tiere: wie sicher sie sind. sie fressen, lieben, fliehen, töten: nie wird etwas in frage gestellt. sie tun es. sensationen: wie nutzlos. inszeniert, um uns abzulenken. 

13:23

Frankfurter Rundschau 13.11.01 - 

Auszug aus "Ohnmacht - Afghanistan als Aporie" von Rolf Paasch:

(...) selbst nach der Ergreifung Osama bin Ladens oder einem Einmarsch in Kabul stünden sich das arrogant-hegemoniale Unverständnis des Westens und das kultivierte Gefühl der Demütigung in der islamischen Welt weiter unversöhnlich gegenüber. Und dieses Problem reicht weiter und tiefer, als jedes Netzwerk des Terrors. 

Afghanistan ist der Kulminationspunkt vergangener Konflikte, an dem gleich zwei Großmächte die Grenzen ihres hegemonialen Denkens aufgezeigt wurden. Afghanistan ist der Ort, an dem jetzt die mächtigste aber ängstlichste Weltmacht aller Zeiten auf Krieger trifft, die in der dritten Generation längst aufgehört haben, den Tod zu fürchten. Gegen den mordenden Selbstmord und die blinde Hingabe an den eigenen Kommandanten gibt es kein zivilisiertes Gegenmittel, so sehr auch zielgenaue Laser-Bomben eingesetzt und neuartige Allianzen bemüht werden. Was bleibt, ist die Anerkennung der eigenen Hilflosigkeit.

So leitet sich aus dem schrägen Showdown im desolatesten Land der Erde eine neue Herausforderung für die Politik ab. Nicht mehr die Reduktion der Komplexität, sondern das Aushalten widersprüchlicher Zusammenhänge ist gefragt. Die bisher so beruhigende Psychologisierung der Politik (Susan Sonntag) wäre durch ein mutiges Bekenntnis zur eigenen Unsicherheit zu ersetzen. An die Stelle westlicher Selbstgerechtigkeit müsste eine friedensbewegte wie militärische Demut treten, für deren Ausdruck es aber an geeigneten Worten und Gesten fehlt. (...) 

Es gibt eben Phänomene, die sich mit den Kategorien westlichen Denkens nicht erklären und mit den Waffen der USA nicht bekämpfen lassen. Diese Einsicht liefert noch keine konkreten Handlungsanleitungen für den Anti-Terrorkrieg gegen Al Qaeda. Aber sie ist Voraussetzung jeder Strategie, die jenseits der vordergründigen Jagd aus Osama bin Laden einen Krieg der Kulturen verhindern will.  

Ja. Meine Rede.

 

Mi 14.11.01    15:18

Frohes Gedicht. Betreff: Liebe

bleibend ist der schaden // den du in mich ritzt // juckt bis in die haden // wenn du mich erhitzt // juckt auch noch woanders// wo, das bleibt geheim // wie du mit dir wanderst //  glaubt ja doch kein schweim. 

 

Do 15.11.01    9:12

Gefundener Brief: 

Delitsch, den 13.10.01 

Hallo, meine kleine Schwester!

Nochmals vielen Dank für Deinen lieben, süßen Brief. Ich finde es gut das Du jetzt schon mehrere Leute kennst, dann hast Du jetzt immer mal ein bisschen Abwechslung am Wochenende oder? Jetzt es es Dienstag-Mittag, in einer dreiviertel Stunde kommt C. aus der Schule, dann wollten wir ein paar Winterschuhe für Ihn kaufen gehen. Schade das das Quellegeschäft nicht mehr ist, da hat man doch ab und an mal was gescheites an Sachen bekommen, was auch preiswert war. Naja mal sehen ob wir fündig werden, man bekommt ja nicht immer was man will und zu teuer soll es ja auch nicht sein, denn C. seine Füße wachsen ja ständig er hat auch schon Größe 38. Heute, will ich auch noch zu unseren Eltern, mal sehen, was Sie so machen! Donnerstag's will ja Mutti jetzt immer schwimmen gehen. Sie ist eine richtige Wasserratte geworden, seit dem sie schwimmen kann. Nächsten Mittwoch haben wir ja schon wieder einen Feiertag, ich freue mich auch schon auf die Weihnachtszeit und auf unser Wiedersehen. Ich möchte auch so gerne eine Arbeit haben. Immer muß man mit dem Geld rechnen, damit es auch reicht, die Miete ist auch schon wieder gestiegen jetzt bezahlen wir schon über 1000 DM,- das stinkt mich langsam an !!!

 

Fr 16.11.01   9:33

Der literarische Herbst der Stadt H. stieß auf großes Interesse der Bevölkerung. Als Hannelore Hoger Anna Seghers las, kamen 300 Menschen. 10 hatten vielleicht vom 7. Kreuz gehört, alle anderen kamen, um Bella Block zu sehen. Man war beeindruckt. Ah sagte man, ohhhh.  Frau Hoger sah gut aus. Und machte das hochprofessionell. Blitzlichter zuckten. Als ich einen Tag später vor 150 Kindern aus der "Sackgasse 13" las, war von der Presse niemand zu sehen. Dabei hielt ich Informationen für sie bereit. Sie hätten nichts fragen müssen. Alles war formuliert. Sie hätten mich nicht einmal fotografieren müssen. Ich hatte auch Fotos. Aber wie gesagt, bei mir ging es um Literatur für Kinder. Die taucht  zwei Mal im Jahr im Feuilleton auf, im übrigen nimmt man sie kaum wahr. Diese Ignoranz ärgert mich. Sie ärgert mich ebenso wie die Ignoranz der Politik, wenn es um Bildung geht. Und natürlich ärgert sie mich, weil ich eitel bin. Davon aber mal abgesehen haben mir die beiden Lesungen viel Spaß gemacht. Die Kinder waren aufmerksam und engagiert. Das Piepen der Armbanduhr um Mitternacht, das irre Lachen des Kaninchens, das Heulen des Windes im Kamin, das haarsträubende Kreischen der sich öffnenden Schranktür, all diese Geräusche haben sie für mich gemacht. Zu meiner und ihrer Freude. Jeden Monat vier solcher Lesungen, plus einen Roman pro Jahr, das würde mir reichen. Mehr Arbeit muss nicht sein. 

 

10:41  

Grüße von Marilyn und Brigitte. 

13:01

Ich gestehe, dass ich die ersten vier Sätze des elften Kapitels meines Kriminalromans geschrieben habe, danach aber Hals über Kopf geflüchtet bin. Immerhin. Ein Anfang ist gemacht. 

15:02

Das elfte Kapitel besteht nun schon aus eineinhalb Seiten. 

 

Sa 17.11.01    15:36

schöne erinnerungen an die kindheit folge 1: 

wenn eine frau dir splitternackt // von hinten an die nudel packt // ja - wenn dir so viel gutes wiederfährt // das ist schon einen asbach uralt wert. 

20:37

Schock am Abend. 

Stieß im Netz auf eine niederschmetternde Rezension zur "Sackgasse 13". Eh Sie die jedoch lesen, klicken Sie sich bitte erst hierher.

Danke. 

So. Und nun lesen sie Kay Hansens Besprechung.

 

Mensing, Hermann
Sackgasse 13
Hermann Mensing
Wien
Ueberreuter
2001
143 S.
ISBN 3-800-02776-3 fest geb. : ÖS 145,- / Eur 10,54
Annotation: Die anfangs durchaus wirkungsvoll aufgebaute Gruselgeschichte rund um eine Familie, die in ein geheimnisvolles altes Haus übersiedelt, verliert zusehends den Faden und entgleitet dem Autor schließlich vollkommen. 

Rezension: Tim zieht mit Eltern, Schwester und Kaninchen um. Das neue Haus - ein uraltes gespenstisches Gemäuer - liegt direkt am Waldrand und birgt einige Geheimnisse. Düstere Legenden, geheimnisvolle Geräusche, Schatten und Geheimtüren beherrschen bald das Leben der Familie. Und eine gefährliche schwarze Spinne. Ein seltsames Buch. Die ersten zwei Drittel sind durchaus genregemäß. Die gespenstische Stimmung wird gut eingefangen, die düsteren Geheimnisse des Hauses - des eigentlichen Hauptdarstellers - durchaus plastisch vorstellbar. Dann, je mehr die gefährliche (?) Spinne in den Vordergrund tritt, wirds zusehends wirr. Die Leserin gewinnt kein Bild von einem realen (?) Monster (?), das eine vierköpfige Familie -inklusive Eltern- zu terrorisieren in der Lage ist. Eine plausible Erklärung wird nicht geboten. Offenbar bekam der Autor die Kurve zur Lösung nicht. Und dass das Untier fünf Zeilen vor Buchende sang- und klanglos von einer Dachlawine zerquetscht wird, befriedigt auch in keinster Weise. Je länger und dünner die Story, desto mehr fällt auch die Oberflächlichkeit der Personencharakterisierung ins Gewicht. So bleibt am Ende nur die Frage : "Was soll"s ?" Kay Hansen
 http://www.rezensionen.at
Gruselgeschichte

So 18.11.01    11:03

Des einen Leid, des anderen Freud. Was tut man gegen einen Herrn Hansen? Sollte ich den Bündnisfall ausrufen und Österreich bombardieren? Wenngleich Kay Hansen eher norddeutsch klingt. Aber auch davon sollte ich mich nicht täuschen lassen. Schließlich war einer der größten Norddeutschen - Freddy Quinn - Wiener. Lasse ich ihn also unbehelligt? Halte mich an meine Leser, an die Zuhörer meiner Lesungen. An das, was ich gespürt und gehört habe? - Mir bleibt wohl nichts anderes. Mein Herz sagt: hack ihn in kleine Stücke, diesen Herrn Hansen. Wer immer er sein mag. Wo immer er sein mag: hack ihn in kleine Stücke und werfe ihn den Löwen zu Fraß vor. Also. Du weißt Bescheid, Herr Hansen. 

 

Mo 19.11.01     8:54

Ergriff Gegenmaßnahmen. 

guten tag,
um das bild der öffentlichen beurteilung meines bei ueberreuter erschienenen romans "sackgasse 13" abzurunden, übersende ich ihnen einige rezensionen, die mich über den verlag erreichten. ich würde mich freuen, wenn sie diese in einen kontext mit der von ihnen veröffentlichten rezension von kay hansen stellten.
mit herzlichem dank
hermann mensing
ps. die angehängte seite ist ohne probleme zu öffnen, sie enthält weder trojanische pferde noch sonst irgendetwas.
 
men-sing literatur
 
http://www.hermann-mensing.de

 

Sehr geehrter Herr Mensing,
 
danke für Ihre Ergänzungen zur Rezension Ihres Buches.
 
Natürlich haben wir Interesse daran, weitere bzw. anders urteilende Rezensionen dieses Titels in www.rezensionen.at aufzunehmen, das kann nach unserem Grundkonzept aber nur durch die beteiligten Zeitschriften erfolgen. Ich werde dem nachgehen und in den nächsten Tagen recherchieren, ob weitere Besprechungen des Titels (z.B. in den bn.bibliotheksnachrichten) erscheinen werden.
 
mit lieben Grüßen

 

9:43

Alles stöhnt unterm Nebel, unterm fallenden Laub.  Mein Einwand, nie sei es so bunt, ruhig und schön wie im Augenblick, lässt kaum jemand gelten. Ja, aber was ist mit der Dunkelheit??? heißt es dann. - Ich schlage Halogenstrahler vor. In jedem Baumarkt für knapp 30 DM erhältlich, 200 Watt stark, die machen die Nacht zum Tage. Nein, nein, stöhnt man, das allein bringe kaum Linderung. Was aber dann? Ein Winterschlaf? Ausgedehnt bis in die letzten Tage im März? Ja. Vorstellbar.  

 

10:53

und ohne wert sind alle die sich wert beimessen // und ohne jene treiben wir durch dieses wilde land // und haben ohnehin das meiste längst vergessen // und sind den wenigsten bekannt. // und überhaupt - hätten wir vieles nicht verdient // und täten gern noch dieses oder das // wären wir lieber jemand, der zum schluss gewinnt // oder macht uns die niederlage spaß //

 

14:10

Hier verbirgt Ihnen Meister M. seine geheimsten Gedanken.

 

17:00

Er: Sag mal, läuft irgntwatt im Kino heute? 
Sie: Nö, außer den Coen Brüdern wüsst ich nix. 

 

Di 20.11.01     9:46

Ein Kind fragt: könnte ich morgen einen Faultag haben? - Gibt es irgendetwas Besonderes morgen - eine Arbeit zum Beispiel? fragen die Eltern. - Nein, sagt das Kind. - Gut. Dann schlaf dich aus, sagen die Eltern. Hast auch lange nicht mehr geschwänzt. Und freuen sich. Freuen sich, dass ihr Kind fragt und nichts heimlich tut, freuen sich, weil das bedeuten könnte, dass sie etwas richtig gemacht haben, richtig, bei all den unumgänglichen Fehlern, die jedes Leben säumt. Ein gutes Gefühl ist das. 

13:11

Scheint ein guter Tag zum Romane schreiben. Fraglich ist allerdings noch, wie ich all die Knoten, die ich augenblicklich zuziehe, in einem grandiosen Finale wieder aufdrösele.  

17:01

Der Vertrag ist unterwegs. Abgabe des Manuskripts Ende Februar/Mitte März, nicht später. Veröffentlichung im Herbst. Also M., ran an die Bouletten.  

 

Mi 21.11.01    17:09

Sie sitzt im Rollstuhl. Ihr Kopf ist vornüber gesunken, sie schlummert. Dann hebt sie den Kopf, ihre faltigen Augenlider flattern, sie schaut auf.  Draußen ist ihre Stadt, aber manchmal zweifelt sie. Sie kann schauen und doch nicht erkennen, und dann wieder weiß sie genau, dass da damals der und der gewohnt hat. Die Blätter tanzen und sie hofft, dass es aufklart, aber der Neffe sagt Gegenteiliges, und da sieht sie es auch, dass ja die Wolken sich ballen zum Westen. Sie würde schon gern an die Luft, aber sie fürchtet Erkältung. Sie würde schon gern, aber sie fürchtet, dass dann wieder Worte fehlen. Worte, die sich nicht einstellen wollen. Vor der Kirche stehen und nicht Kirche sagen können. Den Fluss sehen und nicht sagen können, dass er Dinkel heißt. Worte, die dann doch wiederkehren, als wären sie nur kurz auf und davon gewesen. Und während der Neffe ihr Fotos zeigt, schärfen sich ihre Mundwinkel wie tief sitzende Schießscharten, und sie glaubt nicht wirklich, was sie da sieht. Das geht sie schon lange nichts mehr an. Stattdessen sagt ihr Gesicht, dass sie ihn sehen kann. Sie kann ihn hören. Sie riecht ihn sogar, aber er tut ihr den Gefallen nicht. Er lässt sie sitzen. Von morgens bis abends und durch die tiefe lange Nacht des November. Ob es ein Frühjahr gibt? Sie weiß es nicht. Sie weiß ja manchmal nicht einmal mehr, ob es gleich Essen gibt oder ob es schon Essen gegeben hat. Ihn kümmert das einen Dreck. Der Neffe geht. Er hat noch einen Besuch zu machen. Er muss sehen, wie es der Mutter geht, die noch älter ist. Aber seltsam: die will nicht einmal, dass er ihn erwähnt. Nein. Darüber will sie nicht sprechen. Dabei dauert die Nacht, die sie umgibt, vierundzwanzig Stunden und wieder und wieder so viele Stunden. Wahrscheinlich sitzt er an ihrem Bett, und sie machen Witze.   

18:09

Das Dings, der Bauch beachtlich, sogar Brüste sind da, Krampfadern rechts, ein Hoden dicker als der linke, Hämorrhoiden, das kann nur M. sein. - Oder eher unser Kanzler? - Osama bin Laden? - Man wüsste es gern. Aber nur Eingeweihte wissen es wirklich. Nicht wahr? 

 

Do 22.11.01    9:10

Glauben Sie M. kein Wort. Er lügt wie gedruckt. Er ist käuflich.  Und seine Hoden sind gleich groß. Ehrenwort. 

15:48

Tat entscheidende Schritte für den Plot der Geschichte. Die Dinge klären sich. Offenbar hilft das Wetter. Fast fünf Seiten heute, und noch kein Ende in Sicht. Und wer gab den entscheidenden Tipp? - Richtig. Meine Frau.  

17:21

aufbauendes aus der welt des sports: ein nordischer kombinierer stürzt beim (ich nehme an) kombinieren auf einer finnischen skischanze so schwer, dass er mit dem tod ringt und ihm in einer notoperation eine niere und die milz entfernt werden müssen. kaum ist sein zustand stabil, sagt der zuständige arzt des dsv (kombiniere kombiniere deutscher ski verband???) "grundsätzlich (sei) leistungssport auch mit einer niere möglich." - na also! das hätte ich nicht gedacht. georg hackl ohne leber, ja, aber ein kombinierer mit nur einer niere?  demnächst vielleicht dann mit der spd nach irak. schurken killen. und spendernieren stehlen.  

 

Fr 23.11.01  10:00

Um diese Zeit weiß man noch wenig. In vier fünf Stunden könnte sich jedoch schon wieder Grundlegendes verändert haben. Also, an die Arbeit.  

16:06

Wahrlich, ich aber sage euch, heute Abend kiffen wir wie die Doofen.  

vorher

nachher

 

Sa 24.11.01    16:10

GRAU GRAU GRAU.

 

So 25.10.01   17:11

An einem Fleck stand Ginster ganz dicht, seltsam hell dieses Grün, das doch sonst nachtdunkel ist, undurchschaubar dennoch, zum Versteck wie geschaffen. Der Weg nebenan ein einziger Matsch, ein Glitschen an tiefen Pfützen vorbei, nur Vorsicht. Reiter, die wie erst hörten, dann sahen. Glänzende Buchen am Fluss, vernarbt ihre Stämme über viele Jahrzehnte. Die Textur des Laubes am Boden in allen Brauntönen und Rot, tiefes, geliertes Braunschwarz in Lagen übereinander, ein Teppich,  kurz davor, wieder zu Erde zu werden. Und wir in dieser graufeuchten Welt. Jeder mit seinen Gedanken. Meine fliegen über den Fluss. Meine schicke ich einer schreienden Elster hinterher. Ich weiß nichts von deinen. Ich spüre einen fernen Schwindel an solchen Tagen mit tiefem Druck. Die Müdigkeit steckt mir noch in den Knochen von Gestern.  

 

Mo 26.11.01   17:33

Mühsames arbeiten heute. Wochenende sollten verboten werden. Sie hindern einen nur, das zu tun, was man eigentlich tun will, und wenn man es dann wieder tun kann, macht es doppelt Mühe, in Tritt zu kommen. Immerhin, tripple schon wieder. Werde morgen früh noch ein wenig marschieren, am Nachmittag habe ich eine Lesung. Die letzte vorerst. Schade.  

 

Di 27.11.01 12:47

Vor der Lesung ist nach der Lesung. Oder meinte Sepp Herberger das umgekehrt? Nach der Lesung ist vor der Lesung? - Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass es um 15:30 zur vorerst letzten Lesung dieser Serie geht. - Und was tut der Schreiber vorher? Er bügelt. Er staunt über die Berge T-Shirts, Sweats-Shirts und Hosen, die sein jüngster Sohn wöchentlich in Gebrauch nimmt, um sie nach einmaligem Tragen vierzehn Tage achtlos auf dem Boden seines Zimmer liegen zu lassen und sie dann der Wäsche zu überantworten. Er verfasst eine Info für 1500 Journalisten und lädt sie ein, die Entstehung seines on-line-krimis zu verfolgen. Er spült. Er putzt Schuhe. Er reiht Übersprungshandlung an Übersprungshandlung. Dann geht das Telefon und jemand aus der tiefen Vergangenheit sagt "hallo Hermann". Hallo sage ich. Ich sage: Hallo again!!! Man will mich besuchen. - Wozu bloß? - Ja und dann? Wird er die Garderobe für heute zusammenstellen, wird Unmengen T-Shirts und Hemden anziehen und wieder ausziehen und doch da landen, wo er immer landet. Und dann wird er losfahren und die Welt erobern. Darauf freut er sich sehr. 

 

Mi 28.11.01     10:25

Las in einer bumsvollen Turnhalle. Die Buchhändlerin verkaufte alle Exemplare der Sackgasse. Ärgerte sich, weil sie nur eine Partie mitgebracht hatte. Hätte auch zwei verkaufen können, sagte sie. Aber wie man's macht, ist es verkehrt. Meine Rede, sagte ich und machte mich auf den Heimweg. Ist das nun Erfolg? Ist der Text gut, weil ich ein guter Leser bin, oder ist er sowieso gut. Und - was ist gut? Ja. Ich weiß. Es hat großen Spaß gemacht gestern. Mehr davon hier.

 

Do 29.11.01    12:17

Arbeite still. Habe soeben Seite 52 erreicht. Werde von Wort zu Wort sicherer.  

16:42

Wenn ich nicht arbeite, lese ich. Wenn ich nicht lese, spiele ich Schlagzeug. Wenn ich nicht Schlagzeug spiele, schaue ich aus dem Fenster. Wenn ich aus dem Fenster schaue, graust es mich. Wenn es mich graust, arbeite ich. Wenn ich nicht arbeite, gehe ich spazieren. Wenn ich spazieren gehe, graust es mich nicht. Wenn ich heimkomme, sitze ich rum. Wenn ich rum sitze, trinke ich Kaffee. Wenn ich Kaffee trinke, muss ich pissen. Wenn ich pisse, graust es mich. Wenn es mich graust, lege ich mich aufs Sofa. Wenn ich auf dem Sofa liege, bleibt kaum noch etwas. Wenn kaum noch etwas bleibt, lese ich. Wenn ich zu viel lese, werde ich dumm. Wenn ich dumm bin, bin ich glücklich. Wenn ich glücklich bin, graust es mich. Wenn es mich graust, arbeite ich. Wenn ich arbeite, graust es mich auch. Wenn es mich auch graust, laufe ich fort. Wenn ich fort laufe, bin ich unterwegs. Wenn ich unterwegs bin, täuscht es mich. Wenn es mich täuscht, denke ich, dass ich glücklich bin. Wenn ich glücklich bin, graust es mich. Wenn es mich graust, spiele ich Schlagzeug. 

 

Fr 30.11.01   10:08

Vor etwa fünf Wochen, die Taschen für unsere Herbstferien auf Ameland waren gepackt, rief mein Lektorat an. Mein im Frühjahr erscheinender Roman sei zwanzig Seiten zu kurz. Ob ich ihn nicht verlängern könne? - Wie bitte? fragte ich. Zu kurz? Verlängern? Das Lektorat war doch längst abgeschlossen. Wieso zu kurz? - Man habe sich vertan, war die Antwort. - Aha, sagte ich. Aber das mit dem Verlängern ist nicht ihr Ernst, oder? - Es war ihr Ernst. Ich erklärte, dass ich einen beendeten Roman nicht verlängern könne wie eine Suppe. Ich wolle mir aber etwas einfallen lassen. - Nach einem Gespräch mit meiner Frau kamen wir drauf, dem Roman ein Glossar anzuhängen. Unterhaltsam, lehrreich, lustig, so in etwa. Ich schlug das vor. Der Verlag war zufrieden. Das sei sogar ein zusätzliches Verkaufsargument, freute man sich. Na bitte! Und da alles schnell gehen sollte, nahm ich mir Arbeit mit auf die Insel. Etwas, was ich noch nie getan hatte. Zumal es Arbeit war, die niemand bezahlte. Anfang der Woche bat ich das Lektorat, mir ein zweites Belegexemplar der "Weihnachtszeit - Zauberzeit" Anthologie zuzusenden. Mir war klar, dass mir vertragsgemäß nur eines zustand, das ich bereits bekommen hatte. Ich hatte aber angenommen, dass ein zweites Exemplar bei gegenseitigem Geben und Nehmen machbar sein müsse. Gestern erfuhr ich jedoch, dass das nicht machbar sei. - So lernt man. Es ist nicht dramatisch, ich bin nicht enttäuscht, aber der Wirklichkeit ein wenig näher. 

12:18

Dieses noch, dann ist der November vorbei. In der vorletzten Woche kam unser Sohn M. in Tränen aufgelöst nach Hause. Man hatte ihn und seinen Freund P. aus der Stunde heraus zum Direktor zitiert. Dort wurde den beiden gesagt, der Schülerin A. sei die Jacke zerschnitten worden, und sie sollten doch gefälligst zugeben, es getan zu haben. Während die beiden beim Direktor waren, hielt der Klassenlehrer vor versammelter Klasse ein Rede. Stellte die beiden an den Pranger und führte sie als Täter vor, die auch dafür verantwortlich seien, dass die Schülerin A. ständig gehänselt- ja sogar körperlich angegriffen werde. 

Ich rief beim Klassenlehrer an, um zu erfahren, was eigentlich los sei. Herr M., ein Lehrer, der sein Segel immer nach dem Wind richtet, sagte, das wolle er am Telefon nicht besprechen, er plane ein Elterngespräch, dort solle erörtert werden, worum es eigentlich gehe. 

Dieses Gespräch fand vor drei Tagen statt. 

Wir waren zu dritt: meine Frau, M. und ich. Die gehänselte Schülerin A. war mit ihrer Mutter erschienen. Außerdem waren dort: Der Schulsprecher S., der Klassensprecher J., die Klassenpflegschaftsvorsitzende V. und der Lehrer M. 

Die Mutter der Schülerin A. begann sofort, unseren Sohn und seinen Freund P. zu beschuldigen, ihre Tochter schon seit Jahren zu drangsalieren, "mobben" nannte sie das, und wer ihnen das Recht dazu gäbe. Ich fragte, ob es Zeuge gäbe? - Nein, aber das wisse doch jeder. Ich fragte ihre Tochter. A. druckste, und sagte, ja schon, aber die würden sicher nichts sagen. Ihre Mutter war mittlerweile in Tränen. 

Der Schulsprecher S., ein Klassenkamerad unseres Sohnes, sagte, dass er es nicht gerecht fände, dass M. und P. hier angeklagt wären. Das sei eine Sache, die die ganze Klasse beträfe. Dass die beiden hier angeklagt wären, habe wohl einzig und allein damit zu tun, dass sie zu den wenigen der Klasse gehörten, die dezidiert eine eigene Meinung verträten, wodurch sich die schweigende Mehrheit oft provoziert fühle. Außerdem müsse er zu bedenken geben, dass die Schülerin A. nicht das Opfer sei, als das sie sich hier präsentiere. Denn sie sei es, die oft genug andere nerve. Und dass er die Gewalt, die angeblich gegen sie ausgeübt werde, anders sähe. Er sähe zwar, dass manchmal Kopfnüsse verteilt würden, er sähe auch, dass man sich hier und da knuffe, aber dabei würde immer gelacht. Als Gewalt würde er das nicht bezeichnen. Außerdem wolle er darauf hinweisen, dass die Schülerin A. oft genug selbst Täter sei. Wenn also jemand anzuklagen sei, dann müsse das die Klasse sein, ja, sogar die ganze Stufe. 

Wir verlangten daraufhin, dass der Lehrer M., der ja bei einem Klassengespräch beide in der Abwesenheit beschuldigt hatte, sie bei einem erneuten Gespräch rehabilitieren müsse. Sowohl, was den Vorwurf angehe, die Jacke zerschnitten zu haben, als auch den, A. ständig zu hänseln. 

Zum Schluss gaben sich alle die Hand. Einen Tag später wurden M. und P. rehabilitiert. 

Aber es nagt an unserem Sohn. Und es nagt an meiner Frau und mir. Wir ärgern uns über einen Lehrer, der so wenig in der Lage ist, einzuschätzen, was tatsächlich in seiner Klasse vorgeht. Am allermeisten ärgert uns natürlich, dass man ihn so gedankenlos an den Pranger stellte. 

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1.Wolf Haas,  Der Knochenmann, Rowohlt 1997 //  2. Norman Birnbaum "Der Scheintod hat das politische Leben in den USA ereilt" in: Frankfurter Rundschau 3.11.01 // 3. Georges Moustaki // 4. Lars Saabye Christensen, "Yesterday" Popa Verlag 1989 // 

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