Juli 2017                      www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

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Sa. 1.07.17 14:12 bewölkt 16 Grad

Gestern war ich Gast einer Abschiedsparty in einem kleinen Holzhaus des Motorradclubs D. in R. Das Haus liegt an einem Hang. Ein regenfeuchtes, metallisch grün wirkendes Weizenfeld zieht sich hinunter bis zum Buchenwald. Wenn man will (und ich wollte) ist man hier weit fort. Ich hatte gedacht, es sei das Fest einer Salsa-Tänzerin für Salsa-Tänzer, aber es war das Fest einer Salsa-Tänzerin für all ihre Freunde, denn sie geht nach Cuba, um dort in einem Reisenbüro zu arbeiten. Sie ist jung und mutig. Ich lernte ihre Eltern kennen, ihre früheren Kollegen, die alle in einem Institut arbeiten, das Pferde-Osteopathen ausbildet und Pferde behandelt. Was es alles gibt, dachte ich. Ich aß vom Buffet, hatte aber beschlossen, keinen Alkohol zu trinken, dann könnte ich das Auto steuern, mit dem man mich und andere hergebracht hatte. Ich tanzte ein- zweimal, aber das Reden am Feuer machte mehr Spaß. Es hätte ein bisschen wärmer sein können, aber es ging schon, ich fühlte mich wohl dort. Nur die Schlager gefielen mir nicht.


So. 2.07.17 22:28 klar

Gestern war ich Gast eines Gartenfestes. Ich aß von einem geräucherte Lachsforelle, trankt Caipirinhas und tat nichts als sitzen und zuschauen, wie die einen versuchten, viereckige, wahrscheinlich mit Sand gefüllte Stoffkissen auf eine ca. 20 Zentimeter hohe, schräg ansteigende Holzplattform zu werfen, in deren Mitte ein Loch ist, andere knobelten oder saßen und standen in Grüppchen beisammen. Die Jungen sausten kreuz und quer übers Gelände. Zwei von ihnen brachten es bis ins Finale der Stoffkissenwerfer. Es sind vornehmlich junge Gärtner, die das Bild prägen, Familien mit Kindern, die Alten sterben aus, es ist angenehm da, entspannt, nach Nieselregen hatte es zu Festbeginn aufgeklart. Da ich nur assoziierte Hilfskraft meiner Freundin der Gärtnerin bin, ist mir kaum jemand nah und entsprechend sparsam ist mein Repertoire für Gespräche. Dennoch gab es eines über den Baum auf dem Rasen, den ich für eine Birke oder eine Pappel hielt, während jemand anders auf Linde tippte, was sichals richtig erwies, allerdings sei sie in schlechtem Zustand. Ich bin in gutem Zustand. So lange es geht will ich in diesem Zustand bleiben.


Mo 3.07.17 14:01 sonnig 21 Grad

Gestern fing der Tag um kurz nach vier an. Ich weiß nicht mehr, ob ich geträumt hatte. Ich ging in die Küche, trank einen Schluck, legte mich wieder hin, und döste mit zwei Unterbrechungen bis kurz nach neun. Vielleicht war ich wegen des Hungers erwacht. Ich hatte jedenfalls Hunger. Augenblicklich esse ich wenig, und staune, wie Hunger sich anfühlt, ich hatte nie welchen und habe dennoch immer gern gegessen. Das soll sich durch das Kalorienzählen auch nicht ändern, ich will nur lernen, mit Verstand zu essen, und nur, wenn ich Hunger habe, nicht nebenher. Nach dem Frühstück fuhr ich zum Supermarkt und kaufte Obst und Gemüse. Dann fing die Arbeit an. Die Arbeit am Alltag, die Arbeit an den Skulptur Projekten und die Arbeit an dem Emsreisebericht. Zwischendurch Kaffee. Und Musik. Wind und Sonne draußen. Und die Arbeit. Ambitionen habe ich, Aussichten auf finanziellen Erfolg keine, die Arbeit macht Freude, das reicht.


Di 4.07.17 12:04 wechselnd bewölkt 18 Grad

Gestern sagte der Chef: Wir brauchen Bettler, die etwas hermachen. Menschen mit kurzen krummen Beinen, die an Krücken gehen und aussehen wie Schimpansen, Menschen mit möglichst freundlich verhärteten Gesichtern, aber keine mit offenen Wunden. Blinde sind auch nicht schlecht, und wichtig ist, dass sie wir Alte und Junge im Portfolio haben, die wir jederzeit auf die Straße bringen können, denn die Kundschaft in westdeutschen Städten ist weit gefächert. Ja, ich weiß, Rumänen und Zigeuner mag niemand, ihre Umsätze stagnieren oder sind sogar rückläufig, da müssen wir uns eben etwas einfallen lassen, jeder muss sich was einfallen lassen. Diese kratzigen jungen Weiber, die in weiten Röcken durch die Städte stromern und die Leute ansprechen, nerven am meisten, die machen aggressiv, die müssen sofort zurück nach Hause, oder lass sie als Nutten arbeiten. Was wir brauchen sind seriöse Elendsdarsteller. Also, schicken Sie ihre Späher in die Zigeunerdörfer, bringen Sie Menschen, die Ehrgeiz haben, so wie die Musiker, diese Fiedler und Tröter, die machen Umsatz, also strengen Sie sich gefälligst an.


Mi 5.07.17 20:44 leicht bewölkt 24 Grad

Heute war es also so weit. Heute war meine erste Kutschentour, die ich allein fahren musste. Der Tag war warm, so dass ich hoffen konnte, das Regenverdeck nicht aufklappen zu müssen, denn eine Kutsche ist kein Audi TT mit Knopf für Verdeck. Das Verdeck ist tricky und kann einem leicht die Finger quetschen. Ich war pünktlich vor Ort, ich tat wie geheißen und hielt mich daran, dass das Ordnungsamt die Kutsche nicht gern im Halteverbot sieht, aber als dann ein dicker alter Mann in Ordnungsamtuniform auf einem Rad vorbeikam, grüßten wir einander freundlich, und ich hatte nicht den Eindruck, dass von ihm Gefahr ausginge. Die ersten waren zwei Passagiere für die Halbstundentour, ein älteres Ehepaar, Mitte-Ende Siebzig, er zwar mit Smartphone, aber dessen nicht Herr, sie eigener Auskunft nach Nachfahrin Johann Conrad von Schlauns. Danach fünf Passagiere für die gleiche halbe Stunde, aber in Englisch, zwei für die 40 Minuten-Tour, noch einmal zwei für die 40 und zum Schluß zwei für 20 Minuten. Ich war also mehr oder minder pausenlos unterwegs, und habe mir den Mund fusselig geredet. Ich tu das ganz gern, aber jeden Tag wird das in dem Umfang nicht gehen. Immerhin aber hat es mir 18 Euro Trinkgeld eingebracht, was ich als meinen größten literarischen Erfolg seit meiner Nominierung für alle Literaturpreise der Welt betrachte. Ich kann sagen, ich bin sehr glücklich heute.


Mo 10.07.17 leicht bewölkt, schwül, 24 Grad

Selbst, wenn ich wochenlang nicht im Club war, begrüßt sie mich mit Namen, und das macht sie mit allen. Fast jedes Mal lobe ich sie. Sie tut so, als kümmere sie das wenig. Samstag, es war noch früh, saß ich am Thresen. Sie, stehend, mir halbschräg gegenüber, machte ihr Haar. Frauen mit langem Haar haben uralte Rituale. Sie streichen, sie kämmen, sie machen alles wieder durcheinander, kämmen, bürsten, schauen und zum Schluß einmal werfen. Jetzt ist langsam gut, oder? sage ich. Glaubst du, ich will aussehen wie ein Bär an den Eiern? antwortet sie. Da ist man dann still und freut sich.


Di 11.07.17 bewölkt, 17 Grad

Wenn die Kutsche beladen ist, schicke ich eine SMS an meinen Chef. Fünf mal zehn! Zehn Euro koste die 40 Minuten Tour. Vier sitzen hinten, einer sitzt neben mir auf dem Kutschbock. Er ist so alt wie ich, hat einen Bart, kommt aus Thüringen und kennt die Namen der Widertäufer ebenso wie den Namen des damaligen Fürstbischofs. Wobei wir schon beim Thema sind. Fürstbischof spricht sich noch relativ geschmeidig, fürstbischöfliches Schloss oder fürstbischöfliche Residenz kann schon mal stolpern, vor allem, wenn man zudem mit Navigieren der recht großen Kutsche beschäftigt ist. Fürstbischöfliches Schloss also wollte ich sagen, als wir an der Kreuzkirche vorbeifuhren, und ich, schon voraus blickend, über Johann Conrad Schlaun sprach und die Architektur, und da blieb ich eben beim Fürstbischöflichen Schloß hängen, Heuwägelchen, sagte ich, worauf mein Nachbar mir soufflierte. Ab da trafen wir die folgende Vereinbarung. Immer, wenn der Fürstbischof in meiner Rede auftauchte, musste er soufflieren. Ich unterbrach dann meine Rede und zeigte auf ihn, worauf er "Fürstbischof - fürstbischofliche Residenz - fürstbischöfliche Minister etc. pp. sagte, wenn er - was zweimal vorkam, nicht aufpasste, stieß ich ihn an - "Fürstbischof" sagte er dann schnell, was jeweils zu großer, allgemeiner Freude in der Kutsche führte und mir letztendlich 10 Euro Trinkgeld einbrachte. Eine andere Tour war extra gebucht. Menschen sollte vom Hotel abgeholt und in etwas mehr als einer Stunde durch die Stadt gefahren werden. Besondere Wünsche hatten diese Menschen nicht. Sie waren auch nicht sehr erpicht darauf, informiert zu werden, alle waren zwischen siebzig und achztig, und eines ihrer Hauptthemen während der Fahrt war Else, die seit neun Tagen nicht mehr auf der Toilette gewesen war dund ie Folgen einer solchen, ihnen allen bekannten Verstopfung. Trinkgeld war da nicht zu erwarten.


Mi 12.07.17 bewölkt, Regen, 15 Grad

Ich staune, was ich essen kann, ohne zuzunehmen. Im Gegenteil, wenn stimmt, was ich mit einem Kalorienrechner auf Basis meines BMI (BodyMassIndex) errechnet habe, bleibe ich mit einem Vollkornwrap mit Salat, Tomaten etc. belegt gegen 9:30, einem Apfel gegen 11:00, einem Knäckebrot mit Käse gegen Mittag, einem Stück Torte am Nachmittag, Reis, Salat und Matjes um 18:30 und zwei Keksen am Abend unterhab der 1976 Kalorien, die ich pro Tag essen kann, um ca. 1 Pfund pro Woche abzunehmen.

Meist esse ich 1200 bis 1500 Kalorien pro Tag, ohne zu darben. Ich bin stabil gebaut, dick war ich nie, und seit ich alle Wege mit dem Rad erledige, hat mein Körper sich sowieso verändert, aber jetzt hat mich der Ehrgeiz gepackt. Ich will meinen Körper verstehen, und nicht einfach etwas hineinstecken, weil es da ist und gegessen werden kann. Ein Paket Schokokekse kann ich, habe es ich es erst einmal geöffnet, in kurzer Zeit vertilgen und das wären 1000 Kalorien. Das will ich nicht mehr. Sie glauben gar nicht, wie köstlich ein Keks wird, wenn man ihn zelebriert. Ich fahre pro Tag ca. 20 Kilometer mit dem Rad, ich tanze oft zweimal die Woche, und mein Ziel sind ca. 85 Kilo. Wenn das erreicht ist, weiß ich, was geht und was nicht, und das ist genau das, was ich will: gesund und lecker essen, was immer mir schmeckt, genießen. Klappt ganz gut, finde ich. Man braucht nur ein wenig Disziplin.


Sa 15.07.17
wechselnd bewölkt 18 Grad

Gestern waren wir im Schlossgarten. In der südwestlichsten Ecke spielten Theaterleute zwischen mannshohen Brennesseln "Die Ausgrabung - Operation Thoreau." Texte eines pathetischen Schwärmers wie Thoreau bieten kaum Ansatzpunkte für eine Dramatisierung, zu allem kann man nur nicken, und daraus wird mangels Spannung selten Theater. Es gab ein paar poetische Momente, das Setting ist wunderbar, aber die Idee, die Archäologen, die Thoreaus Hütte ausgraben, wechselweise in Thoreau schlüpfen und dessen Texte sprechen lassen, hat mich nicht überzeugt. Solche Texte könnte man in einer szenischen Lesung vielleicht auf Normalmaß herunterbrechen, aber das, was ich gesehen habe, war weder eine szenische Lesung noch war es Theater. Dennoch lohnt sich der Ausflug in in die Tiefen des Schlossgartens, heute abend um 20:00 und morgen um 16 Uhr. Man trifft sich hinterm Schloss.


So 16.07.17 22:45 bewölkt, Regen, 21 Grad

Ich kam zum letzten Stück vor der Pause, die Philharmonia Westfalica spielte eine James Bond Melodie. Ich suchte mir einen Platz und hörte zu. Schön, hier am Aasee. Nach der Pause gab es Gershwin, Ein Amerikaner in Paris, komplex, varianten- und abwechslungsreich, danach ein Witz aus einem Jerry Lewis Film, in dem er zu großem Orchester Schreibmaschine spielt und Enrico Morricones "Cinema Paradiso", das die Musikgeschichte plündert. Danach flachte es ab. Elton John bringt es bestenfalls zu gefühlsseligen Operetten, die nicht rocken, sondern rumpeln und voller Kitsch sind. Danach gab es Musik aus Rocky, und da bin ich heim. Es nieselte ein wenig, das Grün wirkte schwarz und kraftvoll und als ich am Zoo vorbei fuhr, konnte ich neben allen anderen Tieren die Klapperschlangen deutlich riechen.


Mo 17.07. 17 19:15 sonnig, 24 Grad

man erwacht
man hofft
sie sei nur kurz fort
man weiß
sie ist tot
und heute ist wieder so ein tag


Di 18.07.17 11:23 sonnig 20 Grad

Sie stand an die Hauswand gelehnt, den kleinen Bauch vorgereckt, noch ein Kinderbauch, ausgestellt, weil das T-Shirt geknotet war, und die schwarze Leggins kaum übern Hügel reichte. Das linke Bein zurückgeknickt, der Fuß drückte gegen die Wand. Dunkelblond, Kajal um die Augen, die dadurch noch größer wirkten, das war, was ich sehen konnte, als ich um die Ecke bog und erschrak, denn sie war keine Frau, sie war 12, 13 vielleicht, aber sie ahnte, dass da etwas auf sie zukam. Glücklich schien sie darüber nicht.


Mi 19.07.17 18:37 bewölkt, Gewitter, 30 Grad

als hätte der mensch nicht längst genug
muss auch noch ein mittwoch kommen
der mit gewitter übern horizont rollt
als wäre er ein wochenanfang
und als wäre das noch nicht genug
hat der mensch nichts
war er dem entgegensetze könnte
keine liebe keinen schnaps keinen freund
es ist zum herzerweichen
und könnte einem leid tun
wäre da nicht letztlich der trotz
der sagt scheiß drauf mann scheiß doch drauf


Do 20.07.17 21:52 bewölkt, 24 Grad

Der Mann ist Anfang bis Mitte Fünfzig, sitzt in Badehose auf den Stufen des Bootssteges vorm Bennohaus am Kanal und liest Zeitung. Er ist nicht dick und nicht dünn, ansehnlich ist er auch nicht, er hat eine Glatze und sein Mund ist grell rot und nachlässig geschminkt. Als ich das zweite Mal vorbeischwimme, sehe ich, dass seine Fingernägel lila und seine Fußnägel rot lackiert sind. Beim Anziehen hält er mit einer Hand das verschwaschene gelbe Handtuch um die Hüfte, mit der anderen versucht er das rechte Hosenbein seiner lindgrünen Unterhose in Position zu bringen und hindurchzusteigen. Das ist nicht einfach, aber es gelingt, und so macht er es auch mit dem anderen. Dann zieht er seine Jeans an, bindet sich ein rotes Chiffontuch um den Hals, eines der Sorte, die Zauberer aus Ärmeln ziehen, zieht ein graues T-Shirt und ein dunkelblaues Jacket an, setzt sich einen stahlblauen Strohhut auf, der von allem, was an ihm ist, noch in bester Verfassung ist, nimmt einen Rucksack, setzt ihn auf, nimmt eine rehbraune Damenhandtasche mit vergoldetem Klickverschluss, hängt sie sich übern rechten Arm und geht.


Fr 21.07.17 22:41 klar, 21 Grad

Jede Geschichte hat tausend Anfänge und Enden. Da man aber eine Geschichte so nie aufschreiben könnte, muss man sich entscheiden. Diese Geschichte beginnt (obwohl sie mit meinem Gebiss zu tun hat, ein Gebiss, das ich seit fünfzehn Jahren trage und das im Gegensatz zu meinen ursprünglichen Zähnen nie Ärger bereitet hat) mit meinen ersten Gästen auf der Kutsche heute: Münster, kurz nach elf. Es ist geschäftig, es ist sonnig, es wird nicht zu heiß, ich erwarte kein Gewitter.

Drei Menschen kommen und fragen nach den Konditionen einer kleine Tour. Ich erkläre sie ihnen und sie steigen zu. Er, ein mittelgroßer Mann Ende Dreißig mit kurzem, dunkelblonden Haar, Dreitagebart, freundlich, sie, eine Frau etwa gleichen Alters, die sich auf Nachfrage als Mexikanerin outet, worauf ich ihr die Geschichte vom Hai in den Wellen vor Puerto Escondido erzähle und sie mich fragt, ob ich auch in Oaxahaca gewesen sei. Ja, natürlich, sage ich. Ein Teenager begleitet sie, ich nehme an, ihr Sohn. Sie dolmetscht ihm. Der Mann ist Belgier. Die gewünschte Sprache wäre Spanisch, aber da muss ich passen, Niederländisch wäre möglich gewesen, aber er ist Wallone, also lief es auf Englisch hinaus.

Mittlerweile weiß ich, wie die Wiedertäufer auf Englisch heißen, ich kann die relevanten Geschichten der Tour auch auf Englisch erzählen, es ist nur, dass mein Gebiss auf das th nicht eingerichtet scheint, jedenfalls nicht ad hoc, es benötig eine Weile, eh es die ungewohnten Laute im Einklang mit den übrigen lauterzeugenden Instrumenten meines Rachens beherrscht.

Vorher aber, mindest bis zur Hälfte der Tour, musste ich verdammt acht geben, dass mir die obere Prothese nicht herausfiel. Ich konnte das, hoffe ich, immer kaschieren, aber ob das wirklich gelungen ist, weiß ich nicht, zumal ich ja immer halbschräg nach hinten spreche, während ich nach vorn schaue und den Verkehr beobachte.


23:06

daily poetry

die letzte stunde fällt vom tag
und mit ihr alle laster
die wellen schlagen und ich mag
statt lob viel lieber zaster

die ehre sollen andere beschreiben
mir sollen sie vom leibe bleiben
statt worte in die welt zu schicken
sollten sie ihre frauen knicken.

ich will mir keinen orden an die hose hängen
und bachmannspielpokale
durch hintertüren zwängen
ich bin mehr für's orale

sie werden klein und immer kleiner
und alles was sie fressen kann, greift an
sie werden jeden tag gemeiner
und sind am ende kleiner als mein mann


Mo 24.07.17
14:46 bewölkt frische 15 Grad

Herrn M. möchte wissen, wie es kam, dass er gleich nach dem Frühstück begonnen hat, Holz, Leder, Teppich, Herd, Bad und Klo zu pflegen. Stundenlang. Teils auf den Knien. Lag es daran, dass er gehört oder gelesen hatte, nur Arbeit mache frei, nur sie wäre in der Lage, umfassend vom Leben abzulenken, das zu ertragen nicht immer leicht ist. Man weiß nicht, wussten die Japaner es eher als wir? Beide Völker zeichnen sich durch einen Hang zur Präzision aus, die sich immer auch ausleben wollte. So viel Grausamkeit muss man aushalten. Normalerweise schafft man das auch, aber Herr M. hätte es heute früh nicht geschafft. Also tauchte er in die Kiste unter der Spüle, um nachzusehen, ob Holzpolitur da wäre. Nein. Herr M. kaufte Pflegemittel zu 15 Euro. Das Laminatpflegemittel war das Teuerste für fast 5. Nun ist es früher Nachmittag, die Arbeit (bis auf die Laminatpflege) ist getan, und die Oberstube hat wieder zu ticken begonnen. Die Time-Line rennt. Sie sagt (letzter Eintrag): schöner Tag heute, Herr M. Wunderbar allein, wenn Sie das über längere Zeit aushielten, wären Sie autark.


Di 25.07.17
13:11 bewölkt, regnerisch 16 Grad

Letzte Woche war eine Tour mit zwei Kutschen gebucht. Jemand hatte Geburtstag und wollte mit der Familie zum Essen gebracht werden. Auf meiner Kutsche saßen die Kinder. Eines, keine 10 Jahre alt, hatte ein I-Phone 7. Auf meine Frage, ob das nicht ein bisschen teuer wäre, so ein I-Phone, sagte das Kind: Wir sind ja reich.


Fr 28.07.17 11:42 bewölkt 17 Grad

Gestern hatte die Kutsche noch kaum geparkt, als die ersten Gäste zu stiegen. Niederländer. Eine Runde auf Holländisch, Uund zum Ende tatsächlich Trinkgeld, was dem Niederländer nicht leicht zu entlocken ist. Dann die vorgebuchte Gruppe aus Bochum, zwei Männer, zwei Frauen, alle zwischen 70 und 80. Ich verstehe mich hervorragend mit ihnen. Eine Frau will unbedingt auf den Kutschbock. Um da hochzukommen, muss man ein wenig klettern, aber das schreckt sie nicht. Wir witzeln. Wir erzählen Geschichten. Ein Mann sagt ein Gedicht auf. Es ist so lang, dass ich mich gerade noch zurückhalten kann zu sagen, es habe 99 Strophen. Als die Tour beendet ist, drückt der andere Mann mir bedeutungsvoll blickend einen Euro Trinkgeld in die Hand. Ich bedanke mich. Für ihn sind das nach wie vor 2 Mark. Das Geben und Nehmen von Trinkgeld ist eine komplizierte Sache. Ich weiß, dass ich Trinkgeld nur dann generiere, wenn ich meine Gäste bestmöglichst unterhalte. Was ich da oben auf meinem Kutschbock treibe, ist Infotainment, man kann es auch die Fortführung meiner literarischen Tätigkeit nennen, und da ist man bei einem Euro dann doch enttäuscht. Aber danach geht es Schlag auf Schlag, ich mache eine Tour auf Englisch, die nächste wieder auf Niederländisch, ich fahre von zwölf bis kurz nach vier eine Tour nach der anderen und habe am Ende 30 Euro Trinkgeld. Das rechte Vorderrad der Kutsche eiert. Ich melde das meinem Chef.