Juni 2001                                      www.hermann-mensing.de           

mensing literatur

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Fr 1.06.01

16:08 

Vor morgen, übermorgen oder überübermorgen höre ich  nicht damit auf. Es macht einfach zu viel Spaß.  

20:27

Selbstportraits:

1.

Gefragt, was er sei, sagt er, Zeitmillionär, sozusagen der Gegenentwurf zu den gesellschaftlichen Verhältnissen (lacht). – Und Schriftsteller? Kinder- und Jugendbuchautor? –  Er zögert. Ja, sagt er schließlich, Schriftsteller mit fundierter Ausbildung sei er auch. Auf die Frage, was zu so einer Ausbildung gehöre, nennt er seine Kindheit an der holländischen Grenze, die Schulen während des Wirtschaftswunders, seine kaufmännischen Ausbildung, seine  Reisen um die Welt, seinen Aufenthalt im Kibbuz, den Zivildienst auf einer chirurgischen Station, das Studium (wenn auch eher begrenzt) und, ganz wichtig,  seine mittlerweile fast erwachsenen Söhne. - Ob er eine Definition für Kinderliteratur habe? Schließlich arbeite er sowohl für Kinder im Vorschulalter als auch für jugendliche Leser. - Nein, sagt er, er kenne nur zwei Arten von Literatur: gute und schlechte. - Wozu er seine Arbeiten zähle? – Das müsse jeder selbst herausfinden, sagt er, wenngleich er natürlich wisse, auf welcher Seite er stehe. - Gibt es etwas, was er intensivieren würde? – Ja, sagt er, noch besser werden. Geschichten schreiben, die das Leben in den Schatten stellen. Aber das wäre eine Aufgabe für das nächste Leben.

 

2.

Ich wäre jetzt wohl der Reichste der Welt/  und hätte fünf Pfund Diamanten/ ich hätte Bonbons und goldenes Geld/ und allerhand hübsche Tanten./ - Ist das Literatur für Kinder? – Ja! sagt Mensing. Mit einem Vierzeiler in hohem Maße zu Assoziationen anregen, nicht verniedlichen, eine breite Schneise für eigene Fantasien freischaufeln. So verstehe er Literatur. Das versuche er in seinen Gedichten, Hörspielen, Theaterstücken und Büchern. Bei ihm hätten Helden, die sich durch billigen Zauber von Problemen befreiten, keinen Platz. Er bevorzuge Helden, die selbst mit anpacken und Lösungen suchen. Dass diese Geschichten sich an Kinder wendeten, sei mehr oder weniger Zufall. Er glaube, gute Literatur brauche keine Schubladen. Gute Literatur für Kinder mache auch Erwachsenen Spaß.  Aber da alle Welt in Schubladen sortiere: ja, er sei ein Kinder- und Jugendbuchautor, und wenn er erst einmal der Reichste der Welt wäre, gäbe es nur noch gute Bücher. Für Kinder nur das Beste.

 

3.

Hermann Mensing fürchtet keinen Reim, seine Geschichten  spiegeln die Welt, sie überraschen mit Lösungen, die Mut zu Entscheidungen machen, sie sind banal, absurd, sie sind voller Humor und es gibt nichts, was es nicht geben könnte, bis auf billigen Zauber und kindlichen Verniedlichungen. Es gibt keine heile Welt, Blumen verblühen nach drei vier Tagen und Freude und Leid haben feste Plätze. All das gehört zu der Literatur, für die Hermann Mensing steht. Es stimmt, Kinder hören und lesen sie gern, aber Erwachsene sind ebenso eingeladen, sich mit ihr zu unterhalten. Spannend zu unterhalten, denn nichts ist schlimmer als ein langweiliges Buch. Hat Mensing Pläne? Ja. Noch besser zu werden. Und vielleicht doch noch mal mit dem Fahrrad nach Gibraltar. 

Soweit ich.

Nun eine freie Mitarbeiterin der MZ,  die gestern ein Interview mit mir führte und mir darauf  folgenden Text schickte: (der morgen erscheint)

Mit zwanzig war er schon durch ganz Europa gereist, von Finnland bis nach Italien runter, mit vierundzwanzig lag seine erste von zwei große Weltreisen hinter ihm- Hermann Mensing ist einer der letzten „echten Tramper“, Abenteurer und Weltenbummler. Jahrelang ist er als Percussionist mit verschiedenen Bands unhergezogen, er ist noch heute passionierter Schlagzeuger, und wusste schon mit Anfang zwanzig, dass er Schreiber wird. Mittlerweile ist der zum Kaufmann und Lehrer ausgebildete Schriftsteller heimisch geworden: Seit nunmehr 18 Jahren lebt er gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (16, 20) in Roxel.

Seit seinem ersten Roman „Der radikale Träumer“ 1984 schreibt er hauptsächlich Literatur für Kinder. Seine Hörspiele waren und sind im BR, NDR, MDR, SFB, Deutschlandradio und WDR zu hören. Sein Stück „König Hühnerschulte“ wurde im April 1997 am Hessischen Staatstheater uraufgeführt. Seit gut einem halben Jahr hat er ein neues Forum für seine Literatur entdeckt: Täglich schreibt er an seinem Netztagebuch und genießt die neue Freiheit ohne dazwischen geschalteten Redakteur oder Lektor. „Die Digitalliteratur lässt mich in alle Richtungen ausschweifen und kommt meiner Vorstellung von Literatur am nächsten“, schwärmt Hermann Mensing von seiner virtuellen Schreibwerkstatt. So will er auch, zusammen mit Axel Schultz (Ü-Galerie) am 5.06.01 im bunten Vogel eine Art virtuelle Improvisationslesung veranstalten. Man darf gespannt sein. Hermann Mensing hat Erfolg und er gibt ganz ohne falsche Bescheidenheit zu: „Erfolg ist nicht der Motor meines Schaffens, aber er ist mir wichtig und ich will mehr davon.“

Neben seinem Beruf als Schriftsteller war er in den letzten zwei Jahrzehnten vor allen Dingen eines: Hausmann. Er verbrachte unzählige Nachmittage inmitten schwatzender Mütter auf Kinderspielplätzen und musste sich als seltenes Exemplar bestaunen lassen. „Literatur kommt ja nicht aus einem luftleeren Raum. Ich habe die Geschichten gewissermaßen frei Haus geliefert bekommen, musste Zuhause nur noch die Fäden weiterspinnen“, erzählte der Schriftsteller über seine literarischen Inspirationsquellen.

Die Hauptfiguren in seinen Büchern sind meist ein bisschen zu klein, zu dick oder zu krumm. Sie müssen oft hart kämpfen und sich mutig gegen die Umwelt behaupten, bevor sie der Schriftsteller auf des Lebens Siegertreppchen steigen lässt. „Geschichten anzufangen ist wie wegzureisen“, sinniert Hermann Mensing. Beides ist Abenteuer und beides verlangt Mut. Und wenn er eins von seinen Reisen gelernt hat, so ist es dieses: „So schnell kommt man nicht vor die Hunde.“

Sein nächster Roman „Große Liebe Nr.1“ erscheint im Herbst 2001, Ueberreuter Verlag Wien.

 

Sa 2.06.01   13:52

Satt senkrechter Regen segnet sieben Sünder. 

 

16:23

Lieber Herr Mensing,
ich weiß, sie haben wirklich lange gewartet. Jetzt war ich auch noch zu allem Überfluss auf einem Lehrgang. Ein Grund, warum das alles so lange dauert, ist aber auch, dass ich immer gehofft habe, ich könnte "Die Zuversicht" doch durchbringen. Ich habe das, als ich heute zurückgekommen bin, nochmals besprochen. Leider wird nichts aus unserem Projekt; die Entscheidung ist auch der Verlagsleitung nicht leichtgefallen, deswegen hat es alles so lange gedauert. Es tut mir persönlich sehr leid, dass nichts draus wird. Vielleicht kommen wir mal mit einem anderen Projekt zusammen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg.

Mit bestem Gruß aus ...
Susanne E.

 

So 3.06.01   9:28

hierher/dorthin

 

10:41

Pfingsten, grch. Pentekoste (der fünfzigste Tag nach Ostern), das Fest der Ausgießung des Hl. Geistes und der Gründung der Kirche, seinem Inhalt nach der Höhepunkt der Osterfeier. (seltsamster Humbug, den zu glauben mir schwerer fällt, als die Sichtung eines Ufos.)

 

Mo 4.06.01 10:40

yes I'm lonely wanna die// if I ain't dead already// hoo// man you know the reason why// in the morning// wanna die// in the evening// wanna die// if I ain't dead already// girl you know the reason why//... feel so suicidal....(1)

13:01

Die Stadt ist nicht für Träumer gemacht. Auf dem Schulhof herrschen Läufer, Rempler und Schreihälse. Im Wohnzimmer herrscht der Vater. Wohnzimmer sind für Kopfeinzieher und langsames Verrücktwerden. Geld ist dazu da, dass es knapp ist. Eine Fabrik, es zu verdienen. Man kann nie genug davon haben. (2)

17:29

Sie glauben, man wäre längst tot. Sie können sich nicht vorstellen, dass ein Leben so lang ist. Sie denken, man müsse der letzte Spießer sein, und sie müssen das glauben, denn sonst machte es keinen Spaß, fünfzehn zu sein und vor Hochmut kaum scheißen zu können. Ist ein kompliziertes Alter, aber eh sie merken, wie kompliziert es ist, sind sie selbst so alt wie die, die sie jetzt Spießer nennen und fragen sich, wie das eigentlich alles so schnell hat kommen können, denn sie erinnern sich noch  genau, es kommt ihnen vor, als wäre es gestern gewesen, und gestern hätten sie den Einwand, bei der Abschlussfeier besser kein RAF  T-Shirt zu tragen, niemals gelten lassen, während sie heute zu bedenken geben, dass Tote Tote bleiben, egal, wer sie vom Leben in den Tod befördert hat und warum. Sie ahnen nicht, dass jeder ein Spießer ist und ein Revolutionär, und dass die größten Revolutionäre häufig die schlimmsten Spießer abgeben. Soll man sie aufklären??? Soll man sie warnen??? Nein, man würde sich doch nur verbrennen. Man muss sie laufen lassen. Sie müssen sich selbst erkennen. Wie weh das tut. 

20:34

Wenn der Sohn nach Gott fragte, antwortete der Vater, Gott sei ein Symbol für das, was den Menschen zum Menschen gemacht hatte, nämlich die Entdeckung von Zeichen und Symbolen, was einfach hieße, dass etwas die Stelle von etwas anderem einnehmen könne, und dass die Menschen deshalb miteinander über Dinge sprechen könnten, die gar nicht da waren, kurz, dass die Menschen Phantasie entwickelten. Denn was war Phantasie anderes, als etwas denken und darüber reden zu können, was wir weder sehen, hören, riechen noch fühlen können, etwas, das nicht da ist, aber vielleicht dort, außer Reichweite für unsere Sinne. Ein Affe, erklärte der Vater für gewöhnlich, kann einem anderen Affen nicht erzählen, dass hinter dem Baum eine Banane liegt. Der eine Affe muss den anderen bei der Hand nehmen und ihn zu der Banane hinführen, so dass er sie mit eigenen Augen sehen kann. Das braucht der Mensch nicht, denn er kennt Zeichen und Bilder, die an Stelle der echten Banane und des echten Baums stehen. Denk daran, was in der Bibel steht: Am Anfang war das Wort. (...) Gott, sagte der Vater des Jungen, war das eigentliche Urbild für die allergrößte Entdeckung des Menschen, etwas an die Stelle von etwas anderem zu setzen. (3)

Di 5.06.01       9:41

Tausendmal habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, ob ich es mir nicht doch einbilde, aber es ist geschehen. Ich weiß, dass es geschehen ist und dass es mich nicht eher in Ruhe lässt, bis ich davon spreche. - Gut, sagte ich. Bitte. Ich höre. - Tausendmal habe ich mich mit der einen Frage herumgeschlagen, die die klügste und dümmste Frage zugleich ist: warum??? Warum hat er das getan? Oder besser: warum hat er angekündigt, es zu tun, und dann doch den Schwanz eingekniffen? Hätte er sich nicht  vor den Zug werfen können? Er wäre tot gewesen, wir hätten getrauert, sicher, aber dann wäre das Leben weiter gegangen. So ist das Leben mit ihm weiter gegangen und nie hat uns sein stiller Vorwurf verlassen, wir seien Schuld an seiner Misere, wegen uns hätte er sich am liebsten umgebracht, und möglicherweise waren wir auch noch Schuld daran, dass er es dann nicht getan hat. - Wie alt waren Sie damals? fragte ich. - Vier, fünf, schätze ich, sagte er. Ich weiß noch, dass ich an der Hand meiner Mutter die Straße hinablief zur Bahn. Meinen Vater zu retten. - Haben Sie je mit ihm darüber gesprochen? - Nein. Niemand hat gesprochen in dieser Familie. -  Und mit ihrer Mutter? - Einmal, sagte er, einmal habe ich es versucht, aber sie hat gesagt, man solle schlafende Hunde nicht wecken. Und so habe ich sie schlafen lassen. Aber nachts höre ich sie bellen. 

12:12

Mal angenommen, ich wäre ein Zauberer. Mal angenommen, ich könnte ihren Vater zurück bringen, hierher, an diesen Tisch. - Lassen Sie mich mit so einem Quatsch in Frieden, sagte er. Tot ist tot, es gibt weder ein Vorher,  Nachher noch ein irgendwie geartetes Dazwischen, also lassen Sie das. Mit meinem Vater bin ich im Reinen. Ich weiß, was ihn getrieben hat. Er war genauso machtlos wie ich es heute bin. Es ist nur....  - Ja?  - Nun, es wäre schön, wenn alle wüssten, was so etwas mit einem macht. Was es hinterlässt. Dass man sich des Lebens nie sicher ist. Dass man ständig fliehen will und doch bleibt. Dass man kein Vertrauen hat in die Welt. Das würde es denen erleichtern, mit denen ich täglich zu tun habe.  - Sagen Sie es ihnen. - Ich will es versuchen, sagte er. Aber ich glaube nicht, dass sie es begreifen können. Sie tragen ihre eigene Last. Jeder trägt seine, der eine schwerer, der andere leichter. Er lachte. Ich lachte auch. Er nahm eine Flasche Laphroigh aus dem Schrank, stellte Gläser auf den Tisch und wir begannen, uns in Frieden zu betrinken.   

16:07

Ich muss beichten.  

Seit ich denken kann, habe ich in meinen Texten von Schafgarbe gesprochen, wenn ich entweder a: die Wilde Möhre oder b: den Wiesen Kerbel meinte. - 

Was nun? -

Grauenhafte Verwechslungen seit über zwanzig Jahren.       Ich will nicht mehr leben. Ich ster- her-  herbä....

Die Wilde Möhre

Was für grandioser Titel für ein noch zu schreibendes Kinderbuch. Melde hiermit Titelschutz in allen Schreibweisen und allen Sprachen an. 

 

Mi 6.06.01    15:08

Es ist Mittwoch. Die Uhr zeigt 15 Stunden, 08 Minuten und 37 Sekunden. Wir ruhen. Wir ruhen. Wir ruhen unsanft aber wir ruhen.

19:48

Daag Jakob, sage ich. - Eentje met, eentje zonder? fragt er. - Ich nickte. Kijk, je dochter is da ja ook weer, sage ich.  Op vakantie geweest? - Nein, sagt sie, ik heb een kind gekregen? - Ach, sage ich, een kind. Was isses denn? - Een jongetje. - Haartelijk gefeliciteert, sage ich. - Jakob hat mir zwei Matjes fertig gemacht, einen ohne Zwiebeln für Mutti, einen mit, gleich zum Essen für mich. Neue Matjes, zart wie Butter, die Königin selbst hat sie vorletzte Woche probiert. Jedes Jahr um diese Jahreszeit tut sie das öffentlich. Man bringt ihr ein Fass mit frisch gefangenen Heringen, es wird geöffnet, sie probiert einen und erklärt die Saison für eröffnet. Hollandse nieuwe!!! rufen die Verkäufer. Hollandse nieuwe. - Eentje met! mehr muss man nicht sagen, wenn man am Fischstand steht. Das ist Heimat. Halb Deutsch halb Holländisch. Da sind meine Wurzeln. Alles andere ist mir fremd. Heimat ist meine Straße und noch eine Straße und noch eine, viel mehr nicht. 

19:59

und das noch:

Lieber Herr Mensing,

die Geschichte lässt sich gut an und ich hätte nichts dagegen, bald die Fortsetzung zu lesen. Allerdings werde ich mich erst nach Lektüre der ganzen Wahrheit entscheiden, ob wir das Hörspiel machen oder nicht.

Herzliche Grüße - U. ...

Ich antwortete:

das dachte ich fast, Frau I., dennoch müssen wir über so etwas wie
ein Exposéhonorar sprechen.
Gleich morgen??

Schönen Tag H.  Mensing

 

Do 7.06.01  1:05

Spielte öden Zinkedink vorhin, hatte nur Kontakt zum Trompeter. Dachte, in Ordnung, trommle ich eben so gut ich kann nur für ihn. Zu Billys Bounce spielte ich ein zurückhaltendes Solo. Vergaß jedoch, dass ich mir vorgenommen hatte, mit zu summen. Tja nun, geht nicht alles auf einmal. Es folgte Song for my father. Der Pianist, der so auf Latin steht, gerade mal zwanzig und angezogen wie ich vor dreißig Jahren, saß am Klavier, und tatsächlich groovten wir nun. Als ich irgendwann aufschaute, sah ich unseren großen Sohn. Stand vor der Theke und lachte mir zu. Konnte einen Augenblick kaum noch trommeln vor Freude und Stolz. Aber dann ging es und ich ließ mich begutachten von ihm und seinen Freunden. 

1:45

Kleines Alphabet: S

17:12

flashback: es ist früh,  ich bin hellwach. am brunnen im hof  fülle ich einen eimer  mit eiskaltem wasser und wasche mich. dann mache ich mich auf den weg. das viertel ist längst lebendig. gleich um die ecke halten zwei männer einen schwarzen stier an stricken, ein dritter nimmt maß und zerschlägt ihm mit einem scharfen beil das genick. der stier reißt die augen auf, blut schäumt aus seinen nüstern, röchelnd knickt er vorn weg. jemand schneidet ihm die kehle auf. eine rote flut pumpt in einen eimer. die männer bedecken das tier mit stroh und flämmen es. - am ufer des heiligen flusses bagmati wälzen sich schwarzbraune säue. ich überquere eine brücke. nebel franst überm fluss. aus den hütten steigt rauch. männer tragen gemüsekörbe stadteinwärts, die an einer schulterstange aus bambus links und rechts hängen. weiße kraniche stehen in grünen feldern. ich gehe stadtauswärts, zum affenhügel. (katmandu 1978)

21:19

Die Pokerrunde läuft. Ich habe eröffnet. Noch hat niemand erwidert. 

21:44

las, bis mir die grillen aus den ohren krochen und fragten, ob es nicht leiser ginge. legte das buch zu seite, bat die entzückende kellnerin um schwarzen afghanen und wartete gespannt. ja. ich liebe das leben. es ist überall. komisch nur, dass es nicht leicht ist. 

22:19

Malte Bremer, Rezensent des online-Magazins www.literaturcafe.de schreibt:

Internet-Tagebuch? Internet-Tagebuch!

Internet-Tagebücher gibt es die Fülle ebenda. Dank eines Links im Gästebuch habe ich ein außergewöhnliches entdeckt, nämlich das vom Autor Hermann Mensing, eines, das Tagebuch, Skizzenbuch, Sudelbuch, Fotoalbum in sich vereinigt, kleine eigene Serien produziert, die sich entwickeln und wieder abbrechen, akribisch mit Datum und Uhrzeit umgeht und z.T. Hinweise auf ein möglicherweise ebenfalls spannendes Leben vor der Tagebuch-Zeit geben; da wird ernst genommen und veralbert, da gibt es Textausschnitte eigener und fremder Produktionen, Verlinkungen innerhalb der eigenen Homepage, die als Spielwiese gedacht ist für Neugierige und Entdecker, sofern sie Humor mitbringen. So - und nur so! – stelle ich mir ein Internet-Tagebuch vor: das könnte auch veröffentlicht werden. Die Adresse: http://www.hermann-mensing.de/, und das Tagebuch findet sich unter dem Buchstaben E – alles andere verrate ich nicht! Nur eines: nicht abschrecken lassen durch den Hinweiskasten nach Anklicken des E, der da heißt: Parental Advisory Explicit Lyrics, sondern drauf mit der Maus!

Malte Bremer

Hoffentlich täuscht er sich nicht. Eines nämlich hat er nicht bedacht: Schriftsteller lügen. Niemand kann das besser als sie. Mal angenommen, Sie klickten auf E -  das hieße noch lange nicht, dass sie auch dahin kommen, wohin Sie möchten. Sie könnten woanders landen. Aber seien Sie beruhigt. Da niemand die Wahrheit mehr liebt, als Schriftsteller, werden Sie sich schon nicht verlaufen. Und angenommen, Sie würden gern hören, wie M. aus seiner Homepage liest, kommen Sie am 4. Juli 01 um 19:30 zu Klick Mich, eine von den Besuchern zu bestimmende Reise durch das Internet in der Galerie Ü im Bunten Vogel

Fr 8.06.01    9:51

Kleines Alphabet: F 

Freude, Feind, Ficken, Friede, Fesselballon, Finderlohn, Fortsetzung, Falscher Fuffziger, Filou, Frosch, Fotze, Fliegenklatsche, Fettes Brot.... 

13:25

Den Morgen damit verbracht, für meine Lesung einen Text zur Sackgasse zu schreiben, der Grundlage ist für freies Erzählen, aber verhindern soll, dass das, woran ich gearbeitet habe, die sprachliche Ebene, nicht im Alltagston untergeht. Bin auf sechs Seiten gekommen und kann bei jedem Wort aussteigen, um im Roman weiter zu lesen. Bin gespannt, wie das funktioniert. Lese in drei Sets a 20 Minuten. Will "Die Nachtwanderung", "Pitti Pörtner und der kleine König" und eben die "Sackgasse 13" lesen. 14:30 Uhr. Kreuzschule. Gleich.  

18:38

Ich liebe es, vorzulesen. Ich könnte tagelang lesen. Wenn sie mir an den Lippen kleben, vergesse ich alles. (fast alles) Hat wohl mit der Faszination der Stimme zu tun, die schließlich (neben Herzgeräuschen) das erste Geräusch ist, das sich direkt an einen wendet. Tröstet. Mut macht. Liebt. Alles. Daher: bucht mich. Ich bin nicht billig, aber ich lese gern.

20:21

flashback: unser zelt steht auf einem hügel vorm kiefernwald. zum südosten fällt das land ab, alle paar meter drückt schon graugrüner fels durch den boden nach oben, noch ein paar schritt und da ist die schäre und draussen sind inseln und inselchen,  ochsenblutrote häuser auf manchen und boote dazwischen. wir sitzen am wasser, ein feuer lodert, ringsum menschen, die feiern, denn mittsommer ist. ich habe ein mädchen. eine norwegerin,  die genau das mit mir tun will, was ich noch nie getan habe. es gibt nur noch ein problem: ich muss k. überreden, dass er mir unser zelt für die nacht überlässt. (stockholm 1968)  

 

Sa 9.06.01   9:59

Ländliches, glückliches Westfalen, wo Bauer Lütke-Haarmann dem Neger noch selbst eine Party ausrichtet. Und tatsächlich, sie kamen von überall. Neger in bunten Baströckchen, Neger mit nickenden Köpfen, wie sie der Bauer noch aus der Kirche kannte, Neger mit Myrrhe und Marihuana im Gepäck, singende und tanzende Neger/innen, die, wie Bauer Lütke-Haarmann schon vorher wusste, mit mächtigen Ärschen unübersehbare Signale aussenden. Und es wurde ein schönes Fest. Der Music Express spielte Negermusik, die Dorfjugend tanzte Negertänze, die Polizei schützte die Neger so gut es ging, und zum Schluss waren alle glücklich. (Eig. Bericht: Feste und Feiern im westfälischen Raum HM 6/00) - 

Ach - das war letztes Jahr???

22:23

Die Rennbahn liegt weit außerhalb, groß wie ein Fußballplatz, ringsum Pappeln und Eichen. Schon von weitem hören wir  Hunde bellen. Rings um den Platz Zelte und Wohnwagen. Niederländer mit aufgesteckten Flaggen, Franzosen, Deutsche, Schweizer, Russen.... Alle sind hier, um ihre Hunde (400 Hunde, 8 verschiedene Rassen: Windspiele, Whippets, Afghanen, Sloughis, Asawahks, Baseus, Salukis, Galsgos, Greyhounds) ins Rennen um die Weltmeisterschaftskrone zu schicken. Hypersensible Tiere sind das, noch nie habe ich so viele eingekniffene Hundeschwänze und melancholische Blicke gesehen. Die Gesellschaft ihrer Besitzer ist bunt. Männer mit Pferdschwänzen fachsimpeln mit tätowierten Bierbäuchen, dicke Frauen in Ballonseide trinken Kaffee mit feinen Damen. Bratwurst und Wein, Pommes und Bier, Kaffee und Kuchen, dazu alles, was den Hund oder seinen Besitzer schmücken könnte. Wenn die Hunde zu den Startboxen geführt werden, sind sie kaum noch zu halten. Sie heulen, sie gehen vorn hoch, Herrchen und Frauchen halten sie mit beiden Armen umklammert, bis sie in die Box entlassen werden. Schon kommt der Hase vorbei, die Boxenklappen öffnen sich und die Hunde jagen hinter ihm her. Am Zieleinlauf balgen sie sich um die Stofffetzen, denen sie gefolgt sind. Ihre Besitzer haben Mühe, sie auseinander zu bringen. 

So 10.06.01   10:48

Man fuhr eine dreiviertel Stunde aus der Stadt über die Dörfer ins gewellte Land, bis man von weitem die Gärtnerei sah. Da zog er Kakteen, aber wir waren nicht derentwegen hier. In den tiefsten Tiefen des Gewächshauses gab es eine Klappe, die in einen Keller führte. Dort lagerte, was wir kaufen wollten. Ein paar Jahre machte er gute Geschäfte, ein paar Jahre versorgte er uns und andere, dann wurde die Konkurrenz aufmerksam. An einem Tag wie heute, sonnig, ein wenig frisch, hielten zwei Autos vor seinem Haus. Männer stiegen aus und stürmten das Haus. Was hätte er tun können? Die Polizei rufen? - Wohl kaum. Die Männer räumten sein Lager, nahmen Bargeld und was sonst noch von Wert war, und er konnte von Glück reden, dass ihm nichts geschah. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Jemand hat erzählt, dass er jetzt Busfahrer ist. 

12:44

Kleines Alphabet: 

flashback:  mit dem rad vom kreuzberg übern potsdamer platz  durchs brandenburger tor in die sich auflösende ddr. das rad klappert. die vopos lächeln. das haben sie früher nie getan. mauerspechte und fliegende händler verhökern militaria aus dem warschauer pakt. ich will zum aufbau verlag. er ist in einem verrußten gebäude in einer parallelstrasse zu den linden. kurve an der russischen botschaft vorbei, biege rechts ab und bin da. französische straße? glaube wohl, ja. stelle mein rad ab, gehe zum portier, werde gemeldet, steige durch ein muffiges treppenhaus in den zweiten stock und platze in eine kleine feier, die in einer etagenküche stattfindet. jemand hat ein kind gekriegt und zeigt es vor. die lektorin, mit der ich schon ein paar mal telefoniert habe, führt mich in ihr büro. noch glauben wir, dass sich die ddr neu formiert. ein paar monate später wissen wir mehr. (berlin 1990)

 

Mo 11.06.01  7:48

Tauben gurren, ein Hubschrauberrotor prügelt die Luft, zwei Stühle im Garten stehen ein stilles Duett, Karl schreit sein Dasein hinaus zu fremden Kollegen. Habe die Jalousie mit zwei Trommelstöcken auf dreiviertel Höhe gestoppt, dass ich zum offenen Fenster arbeiten kann, ohne durch Streulicht gestört zu werden.  

8:27

Klangart-Festival Osnabrück: gestern abend: Nils Petter Molvaer. Seit langem keinen derart genialen Lärm mehr gehört.  Molvaer kommt aus Norwegen. Ob sie dort Radau machen, um die Stille der langen Winter zu überstehen? - Nichts war, was es schien. Nie wusste man genau, wer welchen Klang erzeugt. Jedes Instrument triggerte elektronische Klangdatenbänke, der Schlagzeuger lag auf einem drum&bass-Fundament, die zisseligen 16tel und 32tel Betonungen auf dem Hi-Hat waren computer-generiert, dazu lieferte ein DJ Scratches, ein zweiter schickte Samples ins Rennen, der Bassist pumpte sich tot. Wo und ob da noch Raum für Improvisation bleibt, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, dass nach einer Stunde alles gehört war und Sehnsucht nach Stille aufkam. Klar wurde mir, dass ein normaler Vier-Viertel-Takt mit den Betonungen auf Zwei und Vier seine Betonungen in double-time auf Drei und Sieben erhält, obwohl man doch annehmen sollte, dass sie bei Vier und Acht lägen. 

9:52

Wurde im Foyer auf ihn aufmerksam. Er war mittelgroß, beige Freizeitjacke, ebensolche Hose, dunkelhaarig, ein Bein zu kurz,  am kleinen Stock gehend. Stand da und rief etwas, was ich nicht verstand, aber wohl witzig sein sollte. Niemand reagierte. Eine halbe Stunde später sprach ich mich mit F., wischte mir zwischen zwei Sätzen den Mund, als er vorbei humpelte, stehen blieb, mich imitierte und angrinste. Schaute weg. Gleich darauf sah ich, wie er eine Treppe runter laufen wollten. Sie war durch ein Geländer in der Mitte geteilt. Auf der oberen Stufe der rechten Seiten saßen Menschen, die linke war frei. Er wollte rechts gehen, alle mussten aufstehen. Dachte mir nichts weiter, aber fünf Minuten darauf beobachtete ich ihn an einer anderen Treppe. Wieder war eine Seite frei und die andere besetzt. Wieder wählte er die Seite, die besetzt war. Eine echtes Arschloch also, wobei man nicht weiß, hat seine Behinderung ihn zum Arschloch werden lassen oder war er schon immer eines. Ich schätze, er war schon immer eins. War drauf und dran, ihn darauf hinzuweisen. Ich wette, er hätte mich dann für einen Nazi, mindestens aber für einen Behindertenhasser gehalten.  Krüppelarschloch!!!

12:04

Heiße Phase: Die Reise ins Glück dauert ca. 17 Minuten, die Ballade von einer Kanaken Stadt lese ich in 4, bleiben 20-30 Minuten für jede meiner Lesungen morgen und übermorgen. Werde die Cash-Money Brother szenisch lesen: drei Stühle, darauf je ein Schild mit den von Max in Sprayer-Logos gezeichneten Namen der Personen, ich jeweils hinterm gerade Agierenden. Bin gespannt.

12:23

Na, da haben sie wohl von uns gelernt, die freundlichen Amerikaner. Heute Nachmittag schnallen sie einen Attentäter auf diesen Stuhl und spritzen ihn zu Tode. Sind eben führend in allem, unsere transatlantischen Partner.

14:31

flashback:  nicht schlecht, dass ich dran gedacht hatte, kleine gräben ums zelt zu ziehen. während die anderen in patschnassen schlafsäcken lagen, hatten wir es fein trocken.  aber so schnell das gewitter überm see aufgezogen war, war es auch wieder fort. die sonne kehrte zurück. wir tranken lambrusco in den aufziehenden abend. einer trank viel zu viel. übermütig stürzte er sich in den see und blieb mit dem gesicht nach unten zwischen seerosen liegen. wir retteten ihn. (ueberlingen 1969)

16:48

Wunderbares Westfalen: 

Stunden voller Harmonie: ehemalige Soldaten feierten. 

Unter der Begleitung des Spielmannzuges "Gut Schlag" marschierten die Aktiven der Kameradschaft ehemaliger Soldaten ... auf den Hof der Familie ... 110 Mitglieder vereint die Kameradschaft ...  Neben dem gemütlichen Beisammensein war das gegenseitige Totschießen einer der Höhepunkte des abwechslungsreichen Nachmittages. Im Herbst wird das Jahresprogramm der Kameradschaft mit dem Besuch eines Soldatenfriedhofs fortgesetzt .

22:20

Habe mich mit meinem Weihnachtsgeschenk rasiert und  unwesentliche Hauterhebungen nivelliert. Klar, dass das ein wenig blutet. Macht aber nichts, wir lassen es in ein Tässchen tropfen und nehmen es nachher intravenös. Ein schöner Abend also.

 

Mi 13.06.01    18:07

Lesungen in Wiehl u. Gummersbach (unbearbeitete Notizen)

12.06.01  9:20  Wiehl: 

Ruhige Fahrt ins bergische Land. Die erste Lesung beginnt in fünfundzwanzig Minuten. Auf der Terasse eines Cafés. Sonnig. Ich frühstücke. Nebenan sitzt Frau Peschel. Sie isst so gern Plätzchen, und die, die sie zum Kaffee bekommt, "sind so lecker, nä.... Sie sind doch sicher Geschäftsmann?" "Nein, Schriftsteller", sage ich. "Ach", sagt Frau Peschel, "ich lese ja auch so gern den Konsalik. Wo der das immer alles hernimmt?" - 

Gummersbach 11:20 Stadtbücherei

Werde auf der Empore lesen. Nicht einfach, da war der Raum in der Stadtbücherei Wiehl besser. Muss aufpassen, dass ich nicht zu heulen anfange. Bei der Ballade von einer Kanaken Stadt hat es mir den Hals zugeschnürt. 

12:55 Victors Residenz Hotel **** 

Vier Sterne für Hermann. Beide Lesungen haben funktioniert. In Wiehl hat ein Junge gefragt, wieso das denn Weiße wären in der "Reise ins Glück". Hier hat jemand gefragt, wie man denn darauf käme, eine Ballade zu schreiben. Die Mädchen pubertieren schon heftig in der Siebten. Die Jungs noch nicht so. Herr F., der Lehrer aus Wiehl, will mich wieder einladen. Herr R., der aus Gummersbach, hat sich die Titel der Anthologien aufgeschrieben. Und mir von Manuel erzählt, dem Spanier, mit dem er in den frühen 60igern als Schlosser zusammen gearbeitet hat. Na, Manuel, hätten sie da gesagt, isst du wieder deine Eselswurst, und Manuel hätte geantwortet, ihr Deutschen seid vielleicht komisch.  - 

Schwieriges Alter - 7er Klassen. Schüchtern. Die Wiehler waren Gymnasiasten, die in Gummersbach Realschüler.  - Wie steht es mit der Disziplin? fragt Herr R., ich meine, die Disziplin, die man braucht, um zu schreiben. Antworte, das Schreiben sei nicht das Problem. Drauf zu kommen, was man schreiben wolle, das sei schon schwieriger.  

13:05 Nickerchen jetzt.

15.40 in der bergischen Variante einer verkehrsberuhigten Einkaufsstraße. Neben dem Burgtheater (Die Mumie kehrt zurück// Pearl Harbor// Heartbreakers// Wedding Planners// Chocolat// Emil und die Detektive) der Deichmann, das TUI Reisecenter (holt uns hier raus), Tschibo, Döner, Dorfjongleure. Ein kleiner dicker Punk mit viel zu kurzen Jeans, Doc Martens Stiefeln und Anti-Nazi-Aufnäher. -

15.55 Man sieht hier noch den Buffalo, eine Weiterentwicklung des Bügeleisens, am Fuß getragen. Man sieht auch den pensionierten, am Stock gehenden ausländischen Mitbürger, der seine Knochen hingehalten hat, damit wir sie ihm zerschlagen. -

16:05 Drei Eisdielen in G., bin in der Diele Martini. Eine Dame in Pink. Unten fast bis zu den Knöcheln, dafür hoch geschlitzt, in der Mitten mit prallem Arsch und an den Schultern herzförmig durchscheinend Haut. -

Ein hustender Raucher links, seine Zigarette genießend, Blumenduft, die aus Beton gegossenen Balkonbrüstungen der 70iger 5Stöcker und ich unterm pyramidenförmigen Glasdach der darunter liegenden Einkaufspassage. - 

Der Capuccino kommt hier mit Sahne und Weihnachtsplätzchen, der Schlemmertreff Schiwek wird gewischt, rechts hinter mir palavert der Italiener von zu Hause, was jeder verstehen kann, der Heimweh kennt.  - 

Die architektonische Gegenwart ist 30 Jahre alt und wird vielleicht noch einmal so alt, eh man sie mit nostalgischem Gefühl betrachten kann. - 

Zumindest trägt die Dame in Pink vernünftig große Unterhosen. Ein String-Tanga wäre bei diesem Angebot kaum auszuhalten und würde wahrscheinlich als sittenwidriges Verhalten verfolgt. -

16:15 bei dem Versuch, den Blick zu schärfen, was bei der Fülle der angebotenen Informationen nicht leicht ist. Meine Auswahl mag willkürlich scheinen, aber hinter jedem Wort steckt 52jähriges Sehen.  - 

Auf die Frage, wieso man, wenn man Kaufmann lernt, Schreiber wird, antworte ich, das habe mit Träumen zu tun. Es sei aber wichtig zu wissen, dass die Bezeichnung Schriftsteller nicht etwas Endgültiges beschreibe, sondern etwas im Wandel und erst mit dem Tode zu beendendes. -

Kleidung, Wortwahl, Umgangsformen: Indikatoren für Herkunft (Vergangenheit) und Zukunft. - 

Die fetten Menschen am Nebentisch verstehen ihr Kind als Wesen, die außer Trinken, Essen, Scheißen keine Bedürfnisse hat, Arbeit verursacht und keine Ansprache braucht. So wächst die Einsamkeit ins Unaussprechliche. Fettes Weib um die 30. Türkisfarbenes Sweatshirt mit aufgedruckten Bären. Pro Hängebrust einer. -

16:15 Szenenwechsel bitte gleich. Häuser der 30er, 60er, 70er und der Gegenwart (Sparkasse/Deutsche Bank). -

17:00 Die Sparkasse. Glasfassade. Der äußere Bogen eines Kreises, dreistöckig. Kunst am Bau. Ein ca. 1 Meter breiter, in die Front eingelassener Streifen: Glas mit blauen und schwarzen Bögen, Pinselstriche, weder schön noch ausdrucksstark, die sich vom Gebäude fort quer über die Einkaufsstraße als in den Boden eingelegte Keramikbögen ziehen und als Motiv auch die kleine, den wasserfallartigen Brunnen begleitende Mauer zieren. -  Trinke einen Milchshake Erdbeer, der an die Wand geworfen gehört. - Wir lieben den gehörigen Karton. - Wo kaufen einbeinige Menschen ihre Schuhe? - Müssen Sie immer 1 Paar kaufen? - Was geschieht mit dem unbenutzten Schuh? -  17:10 Fragen, die den aufgeschlossenen Europäer interessieren könnten. - Jo, so jeeht dat dann.....

18:50 Gegenwart: ab ins Netz. 

 

Do 14.06.01    9:15

Fortsetzung (unbearbeitete Notizen)

17:50 Ein Hahn, ein Hund, Vögel, die Stadt und ihre Bewegung im Tal. Am höchsten Punkt offenbar, das Kriegerdenkmal und nebenan die Mobilfunkstation. Vom Denkmal bergab eine Schneise, wilde Wiese, ab und an Stufen, mein Weg hier herauf vorbei an einem Gästehaus, Villa mit weitem Garten, hohe Buchen, Eichen, hier oben, 450 Meter über NN. -

Zwei Tafeln am Kriegerdenkmal: 

1: Wir gedenken in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft. Wir gedenken insbesondere der 6 Millionen Juden, die in den KZ ermordet wurden. Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben. Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind. Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen und politischen Überzeugung willen sterben mussten.

2: Wir gedenken der erschossenen Geiseln. Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten. Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten. Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen als sich zu beugen. - Richard von Weizsäcker.

18:03 Glocken aus dem Tal. - 18:10 auf einer duftenden Wiese mit weitem Blick über Land.  - 18:20 Wer alle Zeit hat, dem vergeht sie langsam. - 19:00 Im "Alten Markt". Trinke eine Viertel Dornfelder und esse Reibekuchen mit gebratener Rotwurst und Rote Beete. - Der Trick mit den drei Karten ist genial einfach. - Las in Wiehl in dieser Reihenfolge: 1. Cash-Money Brothers 2. Ballade von einer Kanaken Stadt 3. Reise ins Glück. - In Gummersbach wurden die Karten so gezogen: 1. Cash-Money Brothers 2. Reise ins Glück 3. Ballade von einer Kanaken Stadt. - Kam auf den Trick, weil Frances mir schrieb, ein ihr bekannter Schreiber habe ein "silly wheel", eine Art Glücksrad, auf dem all seine Arbeiten verzeichnet sind. Eh er zu lesen beginnt, bittet er einen Zuhörer, das Rad zu drehen. Da, wo es stehen bleibt, beginnt er seine Lesung. - Ich hatte zwar nur drei Karten zur Auswahl, aber das war auch nicht schlecht. Werde das jetzt immer so machen. - Erzquell heißt das Pils, das man hier trinkt und Zunft Kölsch. -  

3 Sätze zu Gummersbach von der Kellnerin: 1. Ich bin nicht so gern in G. 2. Es ist zuwenig los. 3. Trotzdem schöne Gegend. - Sind Sie von der Zeitung. Nein, sagte ich. Ich bin Schriftsteller. In der Stadtbücherei läuft eine Aktion gegen rechte Gewalt. Da habe ich heute gelesen und da werde ich morgen lesen. "Weiß ich nix von", sagt sie. "Ich bin Türkin, ich mein, ich seh' nicht so aus, aber ich habe da noch nix von gemerkt." -   

Freundliche Leute hier. Schon der zweite Passant, der mir Guten Appetit mit Betonung auf Tittt wünschte. - Spazieren gehen und glücklich aufs Handy starren. - Mauersegler zirpeln und ich werde langsam betrunken. - 19:40  Schon zum dritten Mal fährt ein schlecht gepflegter Fiat Panda mit folgender Aufschrift über den Platz: Auto und Reifen Pflege Zettler. - Da würde ich mein Auto nie hinbringen. - Heimat ist manchmal nicht größer als 93 Quadratmeter plus Balkon. Kann aber auch kleiner sein. - Zwei junge Frauen am Nebentisch. "Immer hin- und her und zwischendurch mal 'ne andere. Es ist einfach zu viel passiert, weißte...." -  "Ich glaube, es ist aus und vorbei. Das Alte wird nie wieder kommen." 

16:19

Waren gestern Abend im Rathaussaal der Stadt M., um Johannes Brahms Romanzen aus der Erzählung "Die Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence" von Ludwig Tieck zu hören. Tenöre liegen mir nicht, die Texte von Tieck fand ich zum Heulen schlecht. Aber, so C., das sei neuromantisch, so hätten die Menschen damals empfunden. ??? !!! Kann ich also von Glück reden, dass ich damals nicht auf der Welt war.   

 

Fr 15.06.01   8:29

Splattermovie 8: 

Wie hätte ich wissen können, dass so viel von ihm bleibt. Dass der Schredder  überfordert war. Dass ich die Flecken einfach nicht aus den Tüchern kriegte, in die ich ihn gewickelt hatte. Dass die Gläser, in die ich ihn einmachte, sich von selbst wieder öffneten und schlecht rochen? Und dass ich dann auch noch den Polizisten erschlagen musste. - Ich fürchte, es geht alles wieder von vorn los. Ob ich etwas falsch gemacht habe?

 

12:01

Neues über Söhne, die heute so/morgen so/ und übermorgen so aussehen, während ihre Väter  

so/ so und übermorgen immer noch so aussehen. Höchstens drei Tage älter. Nein. Kein Neid.  

 

 

13:17

flashback: das habt ihr gut gemacht mit den juden damals, sagt ein großer, dunkelhaariger, sehr freundlicher mann, rechtsanwalt aus der hauptstadt, der mich zum tee eingeladen hat und mich seiner familie vorstellt. sie sind hergekommen, um das meer zu genießen. ich sitze da und werde immer kleiner. sitze da und wünsche mir, ich könnte unsichtbar werden, während der mann mir auf die schulter klopft, süßes gebäck anbietet und die frauen seiner familie mich auffordernd anlächeln, eh sie in langen badekleidern ins meer steigen. aber ich werde nicht unsichtbar. (alexandria 1974)

15:07

Heute Abend um 20 Uhr findet in der Halle Lujah ein Kennenlernabend der Ekstatischen Nasenpopler statt. Alle sind herzlich eingeladen. 

21:15

even the good times are bad... (funktioniert nur bei leuten, die die tremeloes noch kennen)

 

Sa 16.06.01  9:58

Deutsche können so dumm sein. 

11:19

Toleranz durch Eisprung.... (Halle Lujah, morgen 23.40)

12:19

menschen: tiere: sensationen:

menschen: badewannen-jupp. der umbau seines hauses läuft jetzt seit märz. augenblicklich werden die schornsteine ummantelt. ich schätze, man wird sie in kupfer hüllen. (nein, schiefer 19.06.01  10:37) bis spät abends heulen elektro-schrauber zu volkstümlicher musik, die wie sirup in den gehörgängen klebt. jupps sohn ist ebenso begabt wie der vater, kaum älter als dreißig und wir glauben, dass der umbau nur vorspiel zu seiner sofort danach zu vollziehenden eheschließung ist. wie wenig wir von dem begreifen, wie sehr uns das alles am arsch vorbei geht, erstaunlich. sitzen manchmal auf unserem balkon und hoffen, dass sich endlich einmal jemand verletzt. könnte sich denn nicht mal jemand in die hand bohren oder vom dach stürzen? nun.... tiere: besuchen auf unseren abendspaziergängen seit kurzem ein pferd. bringen ihm äpfel und möhren. es ist caramelfarben, sicher 800 kg schwer, wenn nicht schwerer, es hat eine blonde mähne und hält ganz still, wenn man es hinterm rechten ohr krault. ich glaube, ich habe mich in es verliebt.  sensationen: lerne noten lesen, spiele viertel und achtel-pausen vom blatt, werde täglich besser. 

18:07

Und soll niemand glauben, dass Jupp und die Seinen all die Heimarbeit nutzen, dass sie auf Balkonen säßen und den lieben Gott einen guten Mann sein ließen, nein, nein. Bei Fertigstellung werden Freunde geladen, dann sitzt man noch mal beim Grillen zusammen, aber jeden Tag, nach der Arbeit, um den Abend zu verplaudern, Sonntagmorgens, um an frischer Luft zu frühstücken, zwischendurch, nein, das hieße ja, dass man nichts zu tun hat, und da jeder weiß, dass der, der nichts zu tun hat, sich langweilt, langweilt man sich lieber drinnen. Oder man sagt, man langweilt sich nie, das ist noch besser, wenngleich kaum vorstellbar, da Langeweile doch fester Bestandteil menschlicher Existenz ist, wann sonst sollte man sich erholen, wenn nicht in den Perioden der Langeweile. Ja, und so schafft der fleißige Mensch tagein tagaus, und das Haus wird  immer perfekter, während wir uns darauf spezialisiert haben, nichts zu tun, wenn nichts zu tun ist. 

19:15

Ich vergaß zu sagen, dass wir natürlich die besseren Menschen sind, wir, die wir die Kultur über alles schätzen, gehaltvolle Musik hören und Oliven essen. 

 

So 17.06.01     12:26

Es war einmal eine Landkommune.    Sie lebte in einer umgebauten Garage hinter einer Sandsteinvilla im Dorf N.  Trat man hinaus in den kleinen Garten, lag rechterhand das Haus des Pastors. Die Kirche war gegenüber. Die Bewohner der Kommune waren begeisterungsfähige junge Männer und Frauen. Bei dem Versuch, der Scholle durch harte Arbeit nichts abzugewinnen, wurde man älter, bis man plötzlich feststellen musste, dass man der bürgerlichen Existenz zwar zeitweilig den Rücken kehren konnte, aber dennoch immer wieder zu ihr zurückkehrte. Dieses seltsame Phänomen führte manche in tiefe Depression. Der Autor, auf dem Bild rechts (man schreibt das Jahr 1974), rettete sich durch ausschweifende Fantasie.

14:24

Ich bin der Poet, der Sprache mächtig, kann dennoch keinen Sinn entdecken. (4)

17:19

Am Anfang war das Wort. Die Welt wurde aus Worten gemacht, und dahinter ist nur der leere Raum und der Morgenwind. Das Schicksal ist in Worte verstrickt. Deshalb verstecke ich mich hinter Worten und verschwinde so spurlos. (5)

17:34

Kleines Alphabet: E u. G.

Ein Engel echzt entnervt.  Gott gurgelt Goga Gola.

 

Mo 18.06.01   9:26

Natürlich kann ich es nicht ertragen, zu verlieren. Natürlich muss ich der Erste sein. Natürlich habe ich als dominantes Männchen das Recht auf alle anwesenden Weibchen. Natürlich bin ich unfehlbar. Natürlich kann ich mich nicht festlegen. Natürlich. 

10:55

Den Poker verloren. Jetzt heißt es: nachdenken.

11:14

Ich habe nachgedacht.  Die Musik dazu: dicke Regentropfen auf Asphalt, niedrig schleifende Wolken, griesgrämige Passanten in Eile.

12:24

Erzähler:

Also lautet der fünfte Satz:

Was hat das alles zu bedeuten??? (Echo)  

12:45

Gottes Wort 11:

Der Herr sprach, Hermann, die, die dich heute noch zappeln lassen, werden dir morgen die Füße küssen. Ich: Meinst du? Der Herr: Ja. Aber verlass dich nicht drauf.  

19:11

Ich bin der Engel der Verzweiflung. Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber. Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken. Meine Hoffnung ist der letzte Atem. Meine Hoffnung ist die erste Schlacht. Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen. (6)

19:19

Das Literatur-Cafe gehoert zu den weltbesten Websites!
Es gehoert normalerweise nicht zu unseren Gepflogenheiten, dass wir
jede noch so kleine Presseerwaehnung des Cafes lautstark auf der
Website und im Newsletter verkuenden, doch heute machen wir mal eine
Ausnahme und bruellen Sie gnadenlos an. Also: Ohren auf!
Mit Stolz und Freunde duerfen wir naemlich verkuenden, dass das
Literatur-Cafe zu den weltbesten Websites gehoert! Diese Bewertung,
die das Nachrichtenmagazin FOCUS bereits 1997 traf, wurde nun von
einer hochkaraetig besetzen Experten-Jury erneut bestaetigt. Das
zwoelfkoepfige Gremium (warum eigentlich nur Maenner?), dem u.a. der
Verleger Florian Langenscheidt, Leo Bonengl (Deutschland-Chef Sony),
Kurt Sibold (Deutschland-Chef Microsoft) und Jean-Remy von Matt
(Werbeagentur Jung von Matt) angehoeren, bewertet Websites
hinsichtlich Benutzerfreundlichkeit, Originalitaet, Links,
Interaktion, Design, Nutzwert und Seriositaet. Nachzulesen in TOMORROW
11/2001. Das Literatur-Cafe Team sagt danke!
Uebrigens gilt auch unser Kritiker Malte Bremer mittlerweile als
Fachmann fuer die (nicht immer vorhandene) literarische Qualitaet im
Web. Die Sueddeutsche Zeitung bezeichnet ihn bereits als
"Internet-Literatur-Matador" (12.05.01). 

Di 19.06.0     9:45

flashback:  hoher buchenwald  am steilen hang überm stausee, metallisch glänzende stämme mit leuchtendem grün zum westen und dunklerer färbung zur gegenseite. wir rutschten, halt gab es kaum, der boden war lehmig.  als wir das ufer erreichten, sahen wir aus wie erdmänner. wir lachten. wir bewarfen uns mit schlamm. dann bliesen wir unsere luftmatratzen auf, ließen sie zu wasser und schwammen los.  wir waren zu siebt. das wasser war kühl. sonnenlicht verlor sich unendlich unter unseren milchweißen körpern. wir schwammen zügig und erreichten die insel in der mitte des sees. unser hang schien weit fort, aber wir ahnten die lichtung hoch auf dem berg, wo unsere zelte standen. wir stießen auf eine waldarbeiterhütte. alte zeitungen lagen darin. zigarrenstummel in blechbüchsen, die wir geraucht hätten, aber es ging ja nicht, k. war ja bei uns. wir spielten, wir wären eroberer. auf dem rückweg, fünfzig meter vorm ufer, griff mich etwas an. eine knochige hand aus der tiefe. sie befingerte meinen leib. sie griff nach hals und füßen. ich schrie und verlor jede kontrolle. k. schob mich auf eine der luftmatratzen. ich war wie von sinnen. ist doch nichts, sagte er lachend. nur bäume. ja. bäume. stehengelassene bäume in einem stausee. (heimbach 1963)

11:32

Also hört, ihr öffentlich-rechtlichen Verwerter: ich habe zwei Söhne groß gezogen, sieben Romane geschrieben, einen Gedichtband veröffentlicht, fürs Radio 20 Mal den Kopf hingehalten, Kurzgeschichten und Gedichte in  Anthologien veröffentlicht, ich habe fürs Theater gearbeitet und veröffentliche Romane für Kinder und Jugendliche, ich lebe seit 28 Jahren mit ein und derselben Frau und ihr sagt, ihr könnt kein Exposéhonorar zahlen???!!! Leckt mich am Arsch. 

12:54

Grüßt Euch, Neugierige aller Länder. Vereinigt Euch. Leistet Widerstand. Nichts verloren. 

13:20

Die sicherste Verkleidung für einen Engel sind Flügel. (7)

14:34

Letztens nach Einnahme halluzinogener Fritten.  Meine Wahrnehmung war normal. Nur die anderen rannten schreiend davon. Trug große Sonnenbrillen und ging vierzehn Tag kaum raus.  

 

Mi 20.06.01     13:42

Häufig wird der Überbringer der Botschaft geköpft. Dabei ist es die Botschaft, die so beunruhigt.  

16:20

In Gummersbach sprachen wir über Stolz. Darf man nun stolz sein, ein Deutscher zu sein oder nicht? Dürfen darf man, müssen müsse man aber nicht, ich schon gar nicht, antwortete ich, ich sei eher stolz, wenn mir ein gutes Schlagzeugsolo gelänge. Wer aber unbedingt auf etwas stolz sein wolle, solle auf Gummersbach Berg mit dem Kriegerdenkmal steigen, und sich folgende Inschrift anschauen....  

20:48

flashback: aßen im burger king, max und ich. saßen draußen und schauten auf die neue kunstakademie. dachte an die heiße apfeltasche, die ich bei mc donalds aß. mit großem genuß aß und mit der gewissheit, der zivilisation wieder näher zu sein nach drei wochen stäbchen für in algen gewickelten reis und rohes ei. der knusprige blätterteig. die rosinen. das glühendheiße innere. tokio war eine tagesreise entfernt, vielleicht zwei, ich wusste es nicht so genau, aber ich hatte ja ken, den gi. aus nesbraska. ken fuhr ein honda-coupe. für mich und meinen rucksack war darin gerade noch platz. wenn man fuhr, war man der straße ganz nah. ken würde mich nach tokio bringen. wie froh ich war, dass ich ihn getroffen hatte. das schild, auf dem tokio stand und mit einem pfeil versehen war, damit ich es richtig herum hielt, brauchte ich nicht mehr. (kyoto 1972)

21:24

Der Himmel ist hoch gezupft, die Sonne liegt schräg, Mauersegler schneiden elegant Bahnen, Vögel singen  für mich und in Ecken ist Sehnsucht gestapelt. Auf einem sitzt der, der ich wäre. 

23:30

Solche Sätze wären mit Gold aufzuwiegen, wäre ich König. Solche Sätze stünden an jeder Wand: Draußen auf der Fahrbahn waren die einzelnen Geräusche nicht voneinander zu unterscheiden. Die Fahrbahn wurde selbst zum Lärm. (8)

 

Do 21.06.01     7:40

Frisch ans Werk. Ein Hörspiel wartet. Und Ihnen dort auf der Insel sei gesagt, dass man sie liebt. Und dass man sich Mühe gibt. Und dass man versucht, der Welt ein Schnippchen zu schlagen. Wussten Sie das nicht? 

9:22

Sind Sie das da???

17:18

Die Bebauung der Insel N., so ist zu hören, spotte jeder Beschreibung. Jede zweite Straße heiße Kaiserstraße, jede zweite Pension schmücke sich mit kaiserlichen Insignien, es gäbe ein Haus Wessel und ein Haus Reichsadler, was heutzutage wieder gut ankomme. Ja, offenbar zöge die Bebauung der Insel N. auch eine besondere Spezies Mensch an, der bei Verrichtungen, die der österreichische, in Deutschland sehr erfolgreiche Sänger Udo J. in einem populären Lied, das hier nicht genannt werden muss, schildert, still dicker werde und diese Körperfülle gern in Freizeitkleidung spazieren führe. Ja, sagt sie, so sei das auf der Insel N., kein Vergleich mit der Insel A., die sie und er jeden Herbst besuchen, nein, nicht begraben möchte sie sein auf der Insel N., die doch eigentlich wunderschön sei, wären da nicht diese Deutschen, die bei Verrichtungen, die der österreichische, in Deutschland sehr erfolgreiche Sänger Udo J. in einem populären Lied schildert, still dicker würden und diese Körperfülle gern in Freizeitkleidung bei ArschiArschiBusiBusi Tänzen in festlich geschmückten Kaiser-Wilhelm-Sälen vorführten, nein, nicht begraben möchte sie sein auf der Insel N., die doch eigentlich wunderschön sei, wären da nicht diese Kegelbrüder und Schwestern, die sich unterm Seemond betränken und lallend übereinander herfielen, sich fickten in billig möblierten Zimmern und noch mal fickten, egal wie alt und warum und wieso, wenngleich die Insel N. eigentlich wunderschön sei und zum Glück kaum mit Bäumen bestanden, dennoch, begraben möchte sie hier nicht sein, und ob sie so lang bleibe, wie geplant, stehe wohl in den Sternen. Ihre Freundin A., die vorhin anrief, und der er all dies schilderte, sagte, nun, dann wisse sie ja jetzt, warum sie auf die Insel N., gefahren sei, die doch eigentlich wunderschön sei.

17:53

flashback: das zelt war grün und man konnte knapp darin sitzen. wäre fränzchen nicht mit einem koffer gereist, hätte man sogar noch platz für luxus gefunden, aber er hatte auf einem koffer bestanden. so lebten wir zwei wochen auf dem zeltplatz der insel n. neben einem flugplatz, auf dem sonntags einmal ein kleines flugzeug landete, aus dem bill ramsey und vico torriani stiegen. manchmal gingen wir durch die dünen zum strand. dort standen oft splitternackte uralte männer mit pudelmützen.  (norderney 1965)

 

Fr 22.06.01     6:51

Der für Samstag um 19:30 vorgesehene Sakraltanz in der Halle Lujah muss ausfallen. Wie die Gemeinde mitteilte, hat sich Schwester E. den Fuß verstaucht. 

9:20

Regen. Noch kein rechtes Motiv. Aber: es ist Sommer. 

11:05

C. und ich saßen gestern Abend vorm Hot Club im Hafen. Max checkte das Dockland, wir den Himmel. C. meint, wir hätten tatsächlich den roten Planeten gesehen. Blieben bis Mitternacht. Musste heute früh raus, fühle mich dementsprechend, denn: schläft der Mensch über 50 mal zwei Nächte lang wenig, hat er gleich Ringe unter den Augen und ist lustlos. 

Mehr Sterne im Netz?  http://www.astronomy.com 

17:00

Der Tag vergeht mit matter langer Weile, mit hin und wieder Regenschauern zwischen Sonnenbänken und viel Wind. Und längst ist noch nicht ausgemacht, wer dieses Spiel gewinnt. 

 

Sa 23.06.01      10:03

Wir wir gerade erfahren, hat sich Herr M. bereit erklärt, den gestern abgesagten Sakraltanz in Vertretung für Schwester E. aufzuführen. Er sucht allerdings noch einen Schmied, der Nägel mit einem Schlag eintreiben kann. 

12:12

Alle Systeme waren abgeschaltet. Wollte man sich unterhalten, blieb einem die Stille. Darin schlug ein Herz. Darin pumpte Blut. Ansonsten war da nichts. Nach einer Weile schien es, als sei hinter dieser Stille (ein Raum???) noch ein anderer und dahinter ein weiterer und so fort. Und in jedem dieser Räume standen Frager. Frager, die eigenen Gedanken verwandt waren, aber keinen Zweifel daran ließen, diese Räume jederzeit verlassen zu können. Was würde dann sein? Wer würde dann diese Räume bevölkern? War man das selbst?  Verließ man sich, um andere Räume zu beziehen? - Ich stand auf und machte Musik. Die Räume bevölkerten sich mit Fremden. Immerhin - sie sorgten für Zeitvertreib.

14:41

Einmal als ich erwachte am hellen Tag, stand da eine Frau. Guten Tag schöne Frau, sagte ich, aber sie antwortete nicht. Ich nahm eine Nadel und piekste in ihren Bauch. Die schöne Frau zischte und fiel in sich zusammen. Da nahm ich sie, faltete sie und legte sie in eine Schublade. Dort hat sie lange gelegen. Bis vorhin. Da öffnete ich die Schublade auf der Suche nach einem Gedicht, das ich dort vor Jahren versteckt hatte. Und siehe da, die schöne Frau hatte es auswendig gelernt und versprach, sie würde es für mich sprechen, wenn ich sie nur aufbliese. Das tat ich.

 

So 24.06.01    10:35

Hier wo ich wohne findet man nichts dabei, dass sechzehnjährige Partys mit Freibier feiern und in Ecken kotzen, das sei normal, findet man, das müsse so sein, das gehöre dazu, aber wehe, einer würde sich einen Joint anzünden, sofort wäre Polizei unterwegs, man spräche von "Drogenmissbrauch" und würde düstere Szenarien zeichnen, wehe, wehe, würden alle mit belegten Stimmen jammern, ja, hier wo ich wohne, ist nichts so, wie ich es mir denke. Stattdessen werden Eigenheime gebaut, Kinder in  Terminpläne gezwängt, therapiert und mit Sondermaßnahmen behandelt, damit bloß keines auffällig werde, ja, hier wo ich wohne, ist es zum Schießen schön. 

12:53

Vor fünfzehn Jahren stieß ich neben der Rolltreppe eines Kaufhauses auf einen Ramschtisch mit Büchern. Jedes Buch nur 5 Mark. Darunter der Titel eines mir unbekannten Schriftstellers. Er hieß Ernesto Sabato, sein Buch "Über Helden und Gräber". Ich begann zu lesen. Er setzte sich auf eine Bank, nahe der Statue der Ceres, und blieb dort sitzen, teilnahmslos und ganz seinen Gedanken hingegeben. Wie ein Boot in der Abtrift auf einem großen scheinbar ruhigen See, der aber von tiefen Strömungen bewegt ist - so dachte Bruno, als ihm nach Alexandras Tode Martin in etwas konfuser und fragmentarischer Art einige der Episoden erzählte, die sich in seinen Beziehungen zu Alexandra begeben  hatten. (9) Seitdem gehört Sabato zu meinen Lieblingsschriftstellern. Seine Bücher sind voll dunkler Ahnungen, warm und wahr. Nun wird er neunzig und bin froh, dass ich ihn für mich entdeckt habe. Herzlichen Glückwunsch, Meister. 

16:23

Immer wenn Fahnen gehisst werden, versage ich jeden Applaus. Wenn lustige Wimpel flattern, verkrieche ich mich, schaue von fern, wie welche fröhlich sie sind, wie sie Blasmusik spielen lassen, um in Schwung zu kommen. Wenn dann einer Linkszwodrei sagt, werde ich stumm. Ihren Trinkgelagen bleibe ich fern, obwohl es einfach wäre, ihnen näher zu kommen, ich müsste nur Bier in mich schütten. Aber ich will nicht. Ich hasse ihren kopfroten Frohsinn, ihren schreienden Witz, ihre aufgeplatzten Hosenbünde und ihr schamloses Urinieren in jede Ecke. Ich schäme mich für ihr Erbrochenes und wünsche mich an einen Ort, an dem ich Teil von ihnen sein könnte. 

22:15

Der Junimond hielt sich knapp über den Wipfeln des Buchenwaldes im Westen. Honigfarben, eine frisch geschliffene Sichel, vernarbt, wenn man näher hinschaut. Dann sangen noch Vögel und wieder war da der Frieden, der überall ist, wo der Mensch sich zurückhält.  

 

Mo 25.06.01    11:01

flashback: hubert fährt ein gogo-mobil, auf das er sehr stolz ist, ein coupé. hintendrin ist kaum platz, trotzdem zwängen werner und ich uns hinein. hubert fährt zum wald. schmale wege den berg hinauf. der zweitakter heult, er hat alle mühe. hubert umklammert das lenkrad, spricht nicht, blickt geradeaus, wie ein lotse, der hohe verantwortung trägt. auf der hinteren ablage ist ein hebel. ich lege ihn um. der gogo stottert und bleibt stehen. werner kichert. (hilchenbach 1962)

11:30

Meine Kunst ist das Erkennen des Augenblicks. Darüber hinaus ist nichts. Kein Plan. Keine Sicherheit. Nichts. Alles ist fort und alles ist da. Wehe, wenn es fort bliebe. 

14:09

Überm Garagendach flirren Fata Morganen. Hübsch auf den Kopf gestellt etwa der Kölner Dom. Nebenan der Eiffelturm in bestechender Klarheit. Ebenfalls auf dem Kopf - einige Frauen aus meinem Leben. Die aus den 60igern. Die aus den siebzigern. Aus den 80igern? - 90igern? Keine. Aber Vorsicht. Man weiß nie, welche eine Fata Morgana ist und welche nicht.  

17:59

Die abrupten Umschwünge machen mich fertig. Vorgestern fror ich noch, als ich abends auf dem Balkon saß, gestern waren es 25 Grad. Ich treibe mein Hörspiel voran. Wer mir bis hierher gefolgt ist, weiß, was das heißt. Aber ich mach's. Ich mache es des Geldes wegen, ich mache es, um in der Übung zu bleiben, ich mache es, weil es mir Spaß macht und mir das Gefühl gibt, Sinnvolles zu tun. Meiner Ratlosigkeit komme ich dennoch nicht bei. 

Mensing: 52 JAHRE midlife-crisis. Das ist der Beweis.    

20:01

Liebes Finanzamt, wenn du glaubst, du könntest aus diesen Aufzeichnungen ein Bewegungsprofil des Autors H. Mensing entwickeln, das seine Abrechnungen zum Steuerjahresausgleich in Bezug auf gefahrene Kilometer widerlegt, liegst du falsch. Dies ist Literatur. Nicht ein Satz wäre vor Gericht zu verwenden. 

 

Di 26. 06.01    8:54

Ich  erschrak, dass ich den Geburtstag meines Vaters, der vor vier Jahren gestorben ist, vergessen hatte. Kurz vorher hatte ich noch daran gedacht.  Mein Versäumnis tat mir weh, aber C. tröstete mich. Sie sagte, die Lebenden müssten ihre Toten vergessen.  

10:13

Nichts würde wie vorher sein. Vorbei die Routine, in der man sich niederließe. Es gäbe kein Zimmer, keinen Hausflur, keinen Bürgersteig, keine Straße, alles hätte seine Bedeutung verloren. Jeder Fleck müsste neu bestimmt werden. Jedes Wort entdeckt. Baum? Welcher Baum? Seit wann steht er hier? Straße? Welche Straße? Wohne ich hier?  Frau? Welche Frau? Keine Frau. Kind? Fremdes Kind. Kein Kind. Ich träumte oft, dass es grandios wäre, allein zu leben. Das träume ich nicht mehr. Träume? Welche Träume? Jeder Traum muss einen Namen haben. Wie heißt du? Heißt du: da hinten, schau doch, da gehst du am Stock? Oder: schau doch, da hinten, sie tragen dich fort und dazu spielt ein Lied. Du kennst das Lied.  Oder ist alles viel einfacher: heißt du Spinner. Faulenzer. Heißt du Drückeberger. Heißt du, ein Glück dass niemand weiß. Heißt du: ich weiß nicht. Wie immer du heißt: du willst nie mehr allein sein. Du hast gerochen, wie traurig das ist. Möglich in einem Zimmer zum Hof. Mit einem fast leeren Kühlschrank. Möglich in einem schönen Haus. Wo immer, es hat allen Zauber verloren. Nichts wird wie vorher sein. Alles wird wieder beginnen.

12:29

flashback: two french fries, sage ich zu dem jungen mann hinter der theke, one with and the other without ketchup. er nickt, dreht sich um, zieht tüten aus einem tütenhalter, legt in jede eine pommes, reicht sie mir lachend und sagt: two french fries. auf der stelle ist meine große liebe zu den briten wieder entfacht. die fähre läuft ruhig, eine stunde später sind wir in dover, zwei stunden darauf mitten in london. (calais-dover 1993)

Mi 27.06.01  10:27

menschen:tiere:sensationen:

menschen: den reichtum der nachbarschaft, die goldgrube der geschichten hier habe ich aus gründen der rücksichtnahme noch kaum angekratzt. etwas mehr also heute. äffchen eins und zwei, die eineiigen zwillinge: ich habe sie aufwachsen sehen. sie wurden schon immer äffchen genannt, weil sie zartgliedrig sind, gesichtchen haben und abstehende ohren. nie war auszumachen, wer A und wer B ist. noch heute kann ich sie nicht auseinander halten, obwohl entweder A oder B seit zwei jahren mutter ist. vorhin nun sah ich A oder B in froher erwartung. heißt das nun: A bekommt ihr zweites kind (ein vater war nie zu sehen, immer nur A und B), oder B ihr erstes? oder umgekehrt? oder ist es gar so, dass eineiige zwillinge sich ohne zutun von männern verfielfältigen? einfache zellteilung??? - man weiß es nicht, sicher aber ist, dass A oder B schon so seine probleme hat beim umhertragen des bauches. sechster monat? - bestimmt. tiere: versuchen seit wochen verstärkt, die vogelpopulation ums haus mit hilfe eines kleinen buches zu bestimmen. die rotkehlchen und dompfaffen, die grünfinken, die sperlinge, amseln und drosseln schaffen wir aus dem ff., aber was sind die anderen: mönchsgrasmücken? heckenbraunellen? baumpieper? oder sind alles spatzen??? sensationen: werden für ein paar tage nach schottland reisen, c. und ich. außenkabine mit drei-gänge menü und frühstücksbuffet. rundreise mit rail-pass. sind sehr gespannt. 

15:21

Schweres Wetter. Überall Herztote. Kaum Wasser. Die Ozonwerte  sind lebensbedrohend. Kein öffentlicher Nahverkehr. Die Autobahnen sind gesperrt. Achtung. Wir brauchen Hilfe. Wer hilft? Achtung. Wir brauchen Hilfe. Wer hilft? 

21:89

menschen: die meisten namen, die wir nachbarn gegeben haben, sind lautmalerisch. frau ullabulla zum beispiel. sie lebt schräg gegenüber und ist friseurin. sehr kräftig, hübsch, ohne freund. frau ullabulla liebt herbert grönemeier so sehr, dass sie eine herbert grönemeier stoffpupe im auto hat. ein- zweimal im halben jahr sitzt sie vor ihrem verstimmten klavier und webt wehmütige töne, rührend falsch. wir winken uns zu. wir wechseln sätze. kaum mehr als zwei oder drei, aber immer freundlich. manchmal, wenn ich sie vom balkon in ihrer küche sehe, stelle ich mir vor, sie wäre nackt. 

25:74

Das Unwetter hat Roxel vom Süwesten kommend zangenförmig genommen. Wir im Zentrum haben viel Regen geschluckt. Wasser stieg aus der Kanalisation im Keller. Der Höchststand lag bei 15 cm. Im Handumdrehen liefen alle Nachbarn zusammen, und eine Stunde darauf war das Gröbste erledigt. Rührend, wie Katastrophen Menschen zusammen bringen. Sogar Herr und Frau Müller, Lesben, die seit kurzem im Nachbarhaus wohnen. Kampflesben, wie alle vermuten, eine mit Schäferhund, eher kräftig, die andere, rostrotes Haar, gern in Leder und Motor Guzzi Fahrerin, die sich mit der Bemerkung "Unser Schäferhund kommt nicht an den Kinderwagen vorbei, die im Flur stehen" äußerst ungünstig eingeführt hatten, selbst die also wurden vorhin integriert und sind nun bereit, an dem von mir initiierten jährlichen Grillabend teilzunehmen. Ist das Leben schön??? 

 

Do 28.06.01   8:54

Das Krokodil im Rhein ist kein Krokodil. Sir Peter Ustinov would call this more than a crocodile. 

14:27

Fahre im Assoziationskarussell. Während allen schlecht wird vor Tempo, fühle ich mich gut. Das Hörspiel wird noch vorm Urlaub fertig, "Der Elefant", eine Kurzgeschichte für Ueberreuter,  ist korrigiert, die Tickets sind da, die Schottlandkarte verspricht entspanntes Reisen im Zug. Vielleicht trinken wir die Isle of Islay leer oder ersaufen in Oban im Whisky. Also warte nur, Nessi, bald kommt der Dichter, um dich zu besingen.  

14:40
wir fahren von amsterdam.
hätten auch fliegen können, wäre sogar viel billiger gewesen, aber wir wollen das in style machen, mit außenkabine und 3 gang menü am abend und buffet am morgen und dann kommt langsam newcastle längsseits, wir sind ein bisschen übermüdet, weil wir noch lang in der bar gesessen haben, aber da ist die stadt und hier kommen wir.
so soll das sein für uns.

16:28
Wüssten wir, wo der Wahnsinn wohnt, würden wir weite Bögen machen, aber das wissen wir nicht und so rennen wir immer wieder hinein. 

17:36



Etwa so stellt er sich das vor, der Westfale. Hinterm dritten Fels links hockt der Kelte im Schottenrock. Musste mal scheißen. Aber das sieht ja keiner. Wir sind auf den äußeren HEBRIDEN.

 

Fr 29.06.01   10.58

Hier bin  ich, hier: den Kopf in den Wolken, ein Bein im Grab,  das andere fluchtbereit. Man kann doch, hat Jack Lemmon gesagt, einen Hummer nicht lebend in heißes Wasser werfen, da sei es doch kein Wunder, dass er zäh werde, vielmehr müsse man ihn in lauwarmen Wein legen und langsam erhitzen. Wenn er dann koche, sei der Hummer schon so betrunken, dass er den Tod nicht mehr spüre.  Glück JA. Glück NEIN.  

13:01

Men-Sing Pickelharte Therapie bietet:
 
Altglas für Anfänger. Gemeinsam betrachten wir leer getrunkene Flaschen, riechen und ordnen zu, singen Trinklieder und erfinden neue, und entsorgen schließlich an die dreihundert Flaschen in einem alle verbindenden Spaziergang zum Altglascontainer.
Bügeln für Männer. Unter Anleitung erprobter heterosexueller Bügler findet dieser Kurs auf Wunsch vieler Männer, die sich schon immer gefragt haben, warum das Leben so selten Sinn macht, zum dreizehnten Mal statt. Und wieder werden wir versuchen, das Gegenteil zu beweisen. 
Spülen für Fortgeschrittene. Der Reiz dieses Kurses liegt in den von Issey Miyake gestalteten Schürzen, die jedem Spüler nach erfolgreicher Prüfung ausgehändigt werden. Vorher aber erfahren wir, dass es nicht schlimm ist, haushohe Berge verschmutzten Geschirrs abzuwaschen. Im Gegenteil. In den Schürzen von Issey Miyake werden uns die Herzen der zuschauenden Frauen nur so zufliegen. 

15:00

Meine Antipathie gegen Fahnen, Marschmusik und Nationalstolz hätte ich als Engländer wahrscheinlich nicht. Auch als Niederländer nicht oder als Franzose. Ich erinnere mich gut, wie ich die Schweden beneidete, als ich mit siebzehn zum ersten Mal dort war und vor vielen Häusern Fahnenmasten mit wehenden Fahnen sah. Ich hoffe, dass sich noch in dieser, spätestens in der nächsten Generation, ein normales Verhältnis zu diesen Dingen einstellt. Nicht, dass ich dann Fahnen hissen würde und Marschmusik liebte, nein, aber dann wäre mir nicht komisch, wie mir komisch war, als unser jetzt zwanzigjähriger Sohn vor gut zehn Jahren ein schwarzrotgoldenes Deutschlandtrikot haben wollte. Nach über fünfzig Jahren gibt es zum Glück Anzeichen genug für wachsende Normalität. Seltsam und schrecklich ist, dass Fremdenfeindlichkeit dazu gehört. Diese Idiotie wird man weder verbieten noch sonst wie verhindern können. Dennoch bin ich zuversichtlich. In den Fußballstadien spielen Menschen aus aller Welt und werden geliebt und gehasst. In der Pop-Kultur ist das Zusammenleben der Kulturen längst Alltag und kein Sonntagsgerede. Ja.  Es geht aufwärts, auch, wenn es abwärts geht. 

21:10

Es herrscht auf den Inseln ein anderes Zeitgefühl, da ist noch das Leben im Rhyhtmus mit der Natur, ein mañana Gefühl. Als ein Spanier einen Bewohner der Insel Uist fragte, ob es ein gälisches Wort dafür gäbe, mañana heiße morgen, nächste Woche, irgendwann, sagte der Mann "Aye, ich glaube nicht, dass wir im Gälischen einen Ausdruck für etwas derart Dringendes haben."
Seit heute NACHMITTAG fragen wir uns: Was trägt man auf den äußeren Hebriden? Tweed und Südwester? Ist eine rote Goretexjacke albern? Würde C.'s schwarzer Mantel, der sich so herrlich blähen kann, nicht beim ersten Regen durchnässen und bei Sturm in Stücke reißen? Soll ich Cordanzug tragen, und ihn bei schlechter Witterung unter einer Jacke in Sicherheit bringen? Nein, ich werde kombinieren. Damit bin ich schon weiter als C. Viel weiter, denn während sie noch über der Kleiderfrage brütet, bereite ich mich schon darauf vor, auf den Hebriden zu trampen. Ich glaube, sie weiß das noch gar nicht. Als wir letztes Jahr nach unserer Wanderung durch den Teutoburger Wald den letzten Bus nach Hause verpassten, schlug ich das auch vor. C. glaubte nicht, dass das noch ginge. Zehn Minuten später saßen wir in dem Mercedes eines syrischen Apothekers, hatten ein äußerst anregendes Gespräch und wurde zum nächsten Bahnhof gebracht. 


Sa 30.06.01    10:37


flashback:
Es war heiß wie im Backofen. Gegen Neun saßen alle Verwandten im Wohnzimmer. Dass kein Brautstrauß da war, konnte Mutti nicht verstehen. Sie ging los, um einen zu kaufen. Auf dem Weg in die Stadt bemerkte das Paar, dass es die Ringe vergessen hatte. Es würde doch ohne gehen, oder? Man könnte sich die Ringe doch auch nachher anstecken. Ja. Im Standesamt musste man warten. Der älteste Sohn wurde ungeduldig. Er zickte und schrie, er wolle nicht Mensing heißen, sondern Pumuckel.  Der Bräutigam fuhr Paternoster mit ihm. Das beruhigte den Sohn ein wenig. Dann wurde geheiratet. (30.06.1987)

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1. Yer Blues, Beatles// 2. H. Mensing:  "Die Verheißung der Sonnenuntergänge in Arizona" Roman 1992  // 3. Björn Larsson: "Träume am Ufer des Meeres" Roman  Berlin Verlag 1998 // 4. u. 5. "Mutter Dao...." Dokumentarfilm, Niederland 1995 // 6. Heiner Müller "Gedichte" Alexander Verlag, Berlin 1992 // 7. Wolfdietrich Schnurre "Der Schattenfotograf" List Verlag München 1978// 8. Herta Müller "Reisende auf einem Bein" Rotbuch Verlag Berlin 1989 // 9. "Über Helden und Gräber" Roman 1961 Buenos Aires - Limes Verlag 1967 Wiesbaden u. München 1986//  

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