Juni 2005                                     www.hermann-mensing.de                        

mensing literatur


zum letzten Eintrag

Mi 1.06.05   9:00

Sehr verehrter Herr Ä - ää ääää...

die Niederlage der Nationalelf gegen die Bayern hat es deutlich gemacht: Westfalen, Friesen, Hessen, Lipperländer etc. pp., all diese merkwürdigen Stämme, haben versagt. Daher bitten wir Sie als Häuptling der Bayern, eines Stammes, der schon seit Jahrzehnten Titel um Titel einfährt, und dem der Hass aller übrigen nicht nur nichts auszumachen, sondern den er eher zu beflügeln scheint, ab sofort unser aller König zu werden.
Das brächte Vorteile.
Sie könnten Angela Merkel (die sie, wie man weiß, hassen wie die Pest) auf der Zielgeraden ausbremsen, und wir wären endlich unser quälendes großdeutsches Erbe los, das - wie man gestern hören konnte - selbst Stars wie Sarah Connor aus Delmenhorst bedrängte, als sie die Hymne umdeutete und "...brüh im Glanze dieses Glückes...." sang.

12:55

Einer meiner 4785 Leser des letzten Monats kam aus Takelau. Wo ist das?

16:25

Stille ist anders.
Trotzdem ist Stille da.
Stille mit Rasenmäher.
Stille mit Amselgesang.
Still.
Hermann schläft.

 

Do 2.06.05  13:29

Zweimal gelesen. 80 Kinder in Gespräche verwickelt.
Ich behaupte immer, ich täte das gern. Stimmt.
Aber ich hasse sie auch, diese Quirlköpfe, diese ewig-gleichen-Fragen-Steller, diese unsozialisierten Bastarde.
Habe ihnen dennoch das ein oder andere aus der Nase gezogen.
Fanden Sie meine Geschichten gut? - Sie sagten: ja.
Habe ich es von Herzen gespürt? - Ich sage: eher nein.
Hatte ich ein Glas Wasser, um meine trockenen Lippen zu feuchten? - Nein.
Ward mir (ich bin zu geil für diese Welt) - ward mir also besondere Aufmerksamkeit zuteil?
Ja. Im Lehrerzimmer fragte eine Kollegin, ob ich der sei, der den Hund vorstelle. -
Ich bin müde.
Ich mag den Kampf gegen schlechte Literatur an Tagen wie diesen nicht kämpfen.
Überall ist schlechte Literatur.
Dummes, verblödendes Hasengehoppel! Wo man hinschaut, albernes Monster-Getue.
Es ist nicht zum Aushalten. Und das Allerschlimmste ist: viele finden das gut.

 

Fr 3.06.05   10:08

Die Damen (vornehmlich Damen), die anstanden, um Karten zur Eröffnungsveranstaltung des Lyrikertreffens zu kaufen, waren 50 und aufwärts. Die angekündigten Lyriker (bis auf Sarah Kirsch) waren zwischen dreißig und fünfzig.

Als ich so dastand, wartend, klang meine Lesung vom Morgen nach und ich dachte, wie seltsam das ist mit Produzent, Rezipient und allem, was in diesem Geschäft der Eitelkeiten vorher, zwischendurch und nachher geschieht.

Zum Glück war ausverkauft, ist musste also nicht rein, den Kopf sinnend schräg legen, als goutierte ich gerade die letzten Zeilen eines vorgetragenen Gedichtes, ich durfte wieder gehen, denn eigentlich gibt es nichts Schlimmeres als Lyrik-Lesungen (wenngleich ich großartige gesehen und gehört habe), vor allem, wenn das Publikum vornehmlich aus Damen besteht.

Nun wird man einwenden können, ich sei ein Herr über 50. Das ist richtig. Aber ich bin kein Herr. Ich werde in diesem Leben auch keiner mehr. Ich bin bestenfalls ein Eigenbrötler, habe nur wenige Freunde, spotte gern, ich habe mir alles selbst eingebrockt und beschwere mich nicht.

Heute nun lese ich, dass Sarah Kirsch gar nicht erschien. Sie sei krank, habe sie in einem Fax angekündigt und telefonisch sei sie nicht zu erreichen gewesen. Das ist auch so eine Marotte des Künstlers. Im letzten Augenblick absagen. So etwas hasse ich.

Was wollte ich sagen?
Ach ja, statt die Lyriker zu genießen, gingen wir ins Kino und sahen einen Film, von dem ich dringend abraten kann. I heart Huckabees hieß er, große Namen, nicht erzählbare Geschichte, nicht lustig, viel zu viel Text.

 

Sa 4.06.05   10:55

Nachdem ich mir drei Wochen den Kopf zerbrochen habe, wie ich mein Märchen über den Vogel und den Zauberer zu einem guten Ende bringen könnte, drei Wochen, in denen ich fünf Versionen eines möglichen Endes geschrieben und verworfen habe, fiel mir heute früh, als ich beim Morgenurin auf den Spülkasten der Toilette starrte, das Ende ein, das mir eigentlich schon viel früher hätte einfallen können.

...

Bukenworm lächelte.
Die beiden würden schon früh genug merken, dass das, was sie angerichtet hatten, in die Irre führte.
Aber da täuschte er sich. Weder der, der als Krähe geboren war und jetzt wie Siebenlist aussah, noch Siebenlist, der jetzt eine Krähe war, tauchten wieder auf.
Hin und wieder, wenn Bukenworm auf der Terrasse saß und in den Himmel schaute, glaubte er, ihn bei den hoch überm Fluss kreisenden Vögeln zu erkennen, aber nicht ein einziges Mal kam er näher, so dass Bukenworm sich nie sicher war.
Einmal las er, dass in der Stadt Krähen gesehen worden waren, die in eigenartigen Formationen über einen Platz spazierten, dann hörte er, dass es in Straßencafés zu merkwürdigen Begegnungen mit Krähen gekommen sei, die Simsalabim krächzten.
Und als er eines Tages im Radio hörte, auf einem Luxusliner, der zwischen Southampton und New York unterwegs sei, trete ein Clown auf, der mit einer Krähen-Parodie die Menschen zu wahren Lachsalven hinreiße, glaubte er zu wissen, wer das war. Aber auch diese Spur verlor sich, denn der gefeierte Clown ging in New York von Bord.
Und so lebte der eine da, wo er immer gelebt hatte, die anderen, die nicht mehr waren, was sie früher einmal gewesen waren, lebten an unbekannten Orten, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

...

Erleichterung macht sich breit. NEUES DARF KOMMEN.

13:55

Nachdem der Sozialismus bis auf drei noch real existierende Staaten dem freien Spiel der Kräfte des Weltmarktes weichen musste, und nun endlich auch die Sozialdemokraten vor dem Ruin stehen, nachdem Franzakken und Kaasköppe uns den Weg zurück in die Region gewiesen haben, will auch Herr M. (immer schon Monarchist) den Kleinstaat zurück.

Jeder Fürst (Graf, Herzog etc.), die meisten durch Jahrhunderte lange Inzucht verblödet, möge wieder in seine ehemals verbrieften Rechte eingesetzt werden. Steuerprivilegien, Wegerecht, Zollhoheit, etc. p.p. werden uns dann wieder vor Billigimporten schützen, Arbeitsplätze werden entstehen, der Cappuccino wird günstige 2,50 Taler kosten, denkbar wären auch Gulden, Deutsche Mark oder Golddukaten, keinesfalls aber Euro.

Hauptsache, man wird wieder alle fünfzig Kilometer Geld wechseln müssen, das kurbelt die Geschäfte an, Restvaluta wird gern verschleudert, Wechselstuben stellen Mitarbeiter ein, und schon bald (spätestens mit einer von CDU-CSU und FDP geführten Regierung) sind wir dann auch bereit, an der Seite unserer amerikanischen Partner einen neuen Kreuzzug zu wagen, um den islamischen Heiden endlich zu zeigen, wem ihr Öl gehört.

 

So 5.06.05   12:35

Fadenlanger Regensonntag.
Sitze und lese von der Verheißung des Segens und der Fluchandrohung (5.Buch Mose Kap. 28) und wundere mich über gar nichts mehr. Wer so etwas für bare Münze nimmt, wird paranoid.

 

Mo 6.06.05   9:15

Spätestens, seit Herr M. den großen deutschen Schriftsteller Wilhelm Genazino fragte, wo diese niederländische Insel zu finden sei, zu der man mit einer Fähre drei Stunden unterwegs wäre, ist er als Konrinthenkacker berüchtigt. Gestern machte er seinem Namen wieder einmal alle Ehre: im Kino wollte er tatsächlich wissen, wie Nicole Kidman hinter den Vorhang des hochgesicherten Sicherheitsraumes der UNO in New York gelangt wäre, obwohl doch vorher überall Sicherheitsleute mit Hunden etc. pp. unterwegs gewesen seien. Das sei aber eine Buchhalterfrage, sagte Herr Genazino. Sollten Sie also Gutes über den Film "Die Dolmetscherin" gelesen haben, vergessen Sie es, der Film ist langweilig.

16:18

NEUES IST DA.
Es heißt: Die Mopsi-Rolle.
Es wird: ein Ohrenbär.
Ich beginne: morgen vielleicht oder übermorgen.
Im Kopf kreist schon einiges, aber da man beim Sender gern Exposés für alle Folgen hätte (die ich bisher immer tapfer verweigert habe, um eben so tapfer zu scheitern), werde ich warten, bis ich Folge Eins bis Sieben prognostizieren kann.
Ändern kann ich dann immer noch.

Und sonst?
Viel Langeweile.
Zwei neue Lesungen gebucht.
Müdigkeit in allen Gliedern.
Einen heroischen Kampf mit dem Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn bestanden.

Was kommt da noch?
Vielleicht nach Dortmund heute. Session im Jatz. Mal sehen.

 

Di 7.06.05   11:25

Ein mit dem Alkohol kämpfender Bildhauer und ein Steuerungen für Sonnenkollektoren bauender Geophysiker (der Professor in Der verfluchte Fluss) blockierten heute früh meine Küche. Saßen da, rauchten Zigaretten, tranken einen Kaffee nach dem anderen und ließen mich nicht arbeiten. Bin aber deswegen nicht traurig. Alle anderen arbeiten ja, das reicht.

12:18

Men-Sing Pickelharte Therapie bietet:

Nichts ist anregender, als eine gepflegte Absage. Absagen beinflussen unser Leben in vielfältiger Hinsicht. Da gibt es die Absage auf eine Bewerbung, die Absage auf ein Angebot, die Absage von einer Angebeteten bzw. einem Angebeteten, es gibt die Absage einer Verabredung oder die Absage des Lebens, den Tod. All diese vom Empfänger oft als störend empfundenen Beeinträchtigungen tun weh. Das aber muss nicht sein. Treffen Sie jemanden, der seit über zwanzig Jahren harte und härteste Zurückweisungen wegsteckt und dabei dennoch den Mut nicht verliert. Verbringen Sie ein Wochenende mit ihm, lassen Sie sich inspirieren, schöpfen Sie neuen Mut. Die einfache Version für je drei Stunden am Samstag und Sonntag (ohne Verpflegung) kostet 500 Euro pro Tag. Die Version mit Verpflegung 750. Die Plätze sind rar und werden gern nachgefragt, also zögern Sie nicht.... Andere Angebote findet Sie hier und hier.

14:50

So etwa finge der Ohrenbär an....

Bruno saß auf dem Balkon und zählte Geld. Blättergeld, frisch vom Busch vorm Balkon. Fünftausend hatte er, aber er brauchte zehntausend. Mama fand das nicht witzig. Mama fand, wenn jeder sein Geld von diesem Busch rupfte, wäre bald keines mehr da. Bruno fand, dass das außer ja ihm niemand täte. Als er bei sechstausend war...

 

Mi 8.06.05   9:32

menschen:tiere:sensationen

Plötzlich ist da ein Kellner, wo sonst immer osteuropäische Kellnerinnen bedienten, deren Akzent ich umwerfend finde. Er sieht aus wie die schlechte Imitation eines Mambo-Tänzers aus Latino-Clips und passt nicht in die Runde der Westfalen, die sich in der Guten Quelle versammelt haben. Am Stammtisch sitzen sechs Männer, junge und alte. Alle tragen schwarze Anzüge, weiße Hemden, schwarze Krawatten. Sie sind bester Stimmung. Sie werden jemanden beerdigt haben.

Charly ist auch dabei. Er ist klein und dick und hat die Haare mit Pomade nach hinten gekämmt. Ein widerlicher Mann. Er neigt bei Alkoholkonsum zu schneidend scharfer, alle anderen übertönender Stimme. Ein Hitlerjunge. Fünfzehn, als der Spuk in sich zusammen brach. Die Sorte, die den Schock nie weggesteckt hat. Charly ruft gerade "der ist noch krimineller als mein Nachbar."
Alles brüllt vor Lachen.
"Wer denn?" fragt einer nach.
"Na, der vor kurzem gestorben ist!" sagt Charly.
Ein grauhaariger Mittsiebziger steht auf. Josef. Sein Gesicht ist gerötet vom Alkohol. Er lacht uns zu. Dann geht er auf den Inhaber der Lotto-Annahmestelle zu, der jeden Abend zwischen sieben und acht hier mit dem ehemaligen Direktor der Sparkasse sitzt, um den Tag ausklingen zu lassen.
Gerade will er sich auf den Heimweg machen, er hat es nicht weit, er wohnt gegenüber.
"Hermann", ruft Josef ihm zu, "jetzt trinken wir einen."
"Jetz noch?" versucht Hermann sich heraus zu reden. "Es ist doch schon Schlafenszeit."
Josef lässt sich nicht abwimmeln.
"Aber nur Schnaps!" schränkt Hermann ein, lacht, kommt zu uns herüber und sagt, "hier kommt man einfach nicht weg...."

Fazit:

Nach zwanzig Jahren beharrlichen Lebens in Münster Roxel ist es uns gelungen, an einem der authentischten Orte des Dorfes akzeptiert zu werden. Das will etwas heißen. Wir sind ihnen zwar nach wie vor unheimlich, wir kegeln nicht mit ihnen, wir sind auch nicht im Schützenverein, aber Sie lassen uns, wie wir sind.

Danke, liebe Westfalen.

12:20

Da Herr M. einen Roman beendet hat, scheint es angebracht, wieder das fruchtlose Nichtstuns zu wagen, eine der gefährlichsten Übungen des Universums, treibt sie die meisten doch innerhalb kurzer Zeit in die Arme des Alkohols oder des Wahns.

Nichts so Herrn M.
Der ist gestählt durch zwanzig Jahre härtester Testreihen.

Um aber die Zeit zwischen abgeschlossenem Alten und noch nicht begonnenen Neuem interessanter zu gestalten, gestatten Sie ihm, dass er von ein paar zu erwartenden Beeinträchtigungen seines näher rückenden Alters spricht.

Etwa von den seit gut einem halben Jahr häufiger auftretenden Gelenkschmerzen (der gemeine Aschlochschmerz sei ausgespart), die ihn früher oder später zwingen werden, sich einem Rollator anzuvertrauen. Vielleicht wird er gar in einem wendigen Elektro-Rollstuhl herumsausen dürfen, worauf er sich freut, darf er dann doch rücksichtslos junge Menschen anfahren.

Zugenommen haben auch Wort- und Gedächtnislücken. Einfachste Begriffe wollen ihm manchmal nicht über die Lippen, von Namen ganz zu schweigen. Treibt M. also in eine Altersdemenz? Muss man davon ausgehen, dass er in fünfzig Jahren seine Kinder nicht mehr erkennt? - Nun, Herr M. sieht auch dieser möglichen Entwicklung mit größter Gelassenheit entgegen. Wird er doch, wenn es erst einmal so weit sein sollte, sich nicht mehr daran erinnern können, wie es vorher war.

Alles ist prächtig.

Herr M. ist bester Laune, weder Alkohol noch Wahn gefährden ihn.
Er hat Pläne und Zeit, die, wie man weiß, niemandem weglaufen kann, weil jeder mit ihr unterwegs ist.

Gestern saß Herr M. mit dem Mann seiner Steuerberaterin auf einem Balkon, genoß den frühen Abend der Westfalenmetropole, man rauchte einen Joint und Herr M. sah sich wider Erwarten gezwungen, sein Fahrrad auf dem Heimweg eine Weile zu schieben.

Morgen wird er in Essen lesen, abends ist er von Walter, einem Kioskbesitzer und ehemaligen Rockstar zum alljährlichen Geburtstags-Besinnungsloskiffen geladen, und erst danach, irgendwann nächster Woche, könnte der geplante Ohrenbär beginnen.

Eine geradlinige Geschichte fordert seine Lieblingsmuse von ihm.

17:50

Nehmen Sie dies noch, und gehen in Frieden.

 

Fr 10.05.05  11:26

Bei einem meiner letzten Gespräche mit meinem Verlag sagte man mir, eines Tage werde man stolz sein, sagen zu können: Der hat bei uns angefangen. Die das sagte, hat mein Vertrauen. Wo ich aber weitermachen könne, konnte sie nicht sagen und ich weiß es auch noch nicht. Diese Unsicherheit drückt, aber ich werde sie überstehen.

menschen:tiere:sensationen:

Die gekaufte Braut steht und wartet, während er eine Currywurst isst. Gleichaltrig mögen sie ein, aber aus verschiedenen Welten. Er aus Essen, sie aus Südostasien. Er hat ein Grützkorn unterm linken Augen und dunkle Tränensäcke. Seine Haut ist die eines Rauchers. Sie hat ein ungeduldiges, von Langeweile und Missmut gezeichnetes Gesicht. Um das auszugleichen, trägt sie Gold, wo immer Gold hängen kann. Ohrringe, Ketten, Armketten, Fingerringe, Broschen. Dazu lange, blutrote Fingernägel. Roter, scharf gezeichneter Mund. Randlose Goldbrille. Ihr Mann isst immer noch. Weit vornübergebeugt an einem von Krümeln übersäten Stehtisch in einem Durchgang des Essener Hauptbahnhofes. Sie hat irgendwann das Schicksal herausgefordert. Hat gedacht, dieser Mann wird mich ernähren, lieben muss ich ihn nicht unbedingt, aber ich lasse mich nehmen. Ob das besser oder schlechter ist als das Konzept der Liebesheirat, kann ich nicht beurteilen. Aber Liebesheirat ist noch ein sehr junges Konzept, insofern ist jeder Hochmut gegenüber anderen Arrangements unangebracht.

Muckels Eissalon in Altenessen: Muckel ist breitschultrig, hat ebenso dunkle Tränensäcke wie der geschilderte Currywurstesser, ist aber nicht nikotin-grau, eher glänzt er geschrubbt wie ein frisch aus der Wanne gehobenes Kleinkind. Ich bestelle zwei Kugeln Eis: Malaga, Nuss. Mein erster Impuls nach Betreten von Muckels Salon, umzudrehen und wieder zu gehen, weil ich kein gutes Eis erwartete, war überzogen. Das Eis war essbar.

Mehr später.
Herr M. hat einen Kater, den er sich gestern beim Rockstar W. und seinen illustren Freunden anlachte.

 

Sa 11.06.05   10:32

Entspannt über jungfräulichem Stuhl sinnierend hebt Lichtgestalt M. an und brummt: leckt mich am Arsch!!!

 

So 12.06.05   12:45

Noch immer sinnierend hat er nun ausgebrummt.

Wie nichtig bist du, o Mensch. Wie übel steht es um deinen Leib. Schau auf die Pflanzen und Bäume. Sie bringen Blüten hervor, Blätter, Früchte; du aber, weh dir, du bringst hervor Läuse, Ungeziefer, Gewürm. Jene scheiden aus Öl, Wein, Balsam; du scheidest aus Harn, Speichel, Kot. Jene hauchen aus liebliche Düfte; du gibst Gestank von dir. (1)

14:31

Dringend empfohlen also: Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo.
Aber auch: Jud Süß und: Die hässliche Herzogin.

 

Mo 13.06.05   9:04

Alles ist Bauhaus. 5000 Kumpel schufteten sich unter Tage den Rücken krumm, aber oben ist alles Bauhaus. Horizontale und vertikale Flächen gerahmt von rostroten Stahlträgern, aber je länger der Mensch (ich) zwischen den Gebäuden der als Weltkulturerbe geschützten Zeche Zollverein in Essen herumgeht, desto gruseliger könnte ihm werden.

Zum Glück steht in einer Halle Kunst.
Große Messingköpfe. Habe leider vergessen, mir den Name der Künstlerin zu merken.

Ich stelle mir vor, wie das Bauhaus Raum greift, wie es Städte baut, wie es Viertel um Viertel organisiert und dann wünsche ich mich lieber woanders hin. In die Stadt Tel Aviv beispielsweise. Die ist voll wunderschöner Häuser, deren Architekten ebenfalls dem Bauhaus zugeordnet werden, aber hier sind sie pastellfarben und haben abgerundete Ecken. Und dann arbeitet da auch niemand unter Tage und die Sonne scheint gern.

Ich habe gerade eine Lesung hinter mir. Angekündigt waren Hauptschüler, verleumdet eher, im Vorfeld diskriminiert, wie man das gern tut mit Hauptschülern. Unruhe wäre zu erwarten, Sie wissen ja, auch das intellektuelle Niveau ist nicht sehr hoch.

Und wer kam? - Vierzig freundliche, aufgeschlossene Kinder der Klassen 5, durchaus bereit, zuzuhören, schüchtern eher, ja, aber natürlich habe ich sie lieber schüchtern als wild. Ich las aus Der verfluchte Fluss. Das Buch ist bildmächtig. Viel des Grusels findet im Subtext statt, den die Kinder der Grundschule Kinderhaus letzte Woche allerdings besser begriffen als diese. - Also doch: Hauptschule?

Ich spaziere durch die Werksstraßen der Bauhaus-Zeche, ich vergleiche die Industriearchitektur mit der Architektur der untergegangenen Textilindustrie meiner Heimat, ich frage mich, ob es wirtschaftlich Sinn macht, derart große Brachflächen in Orte für kreative Aufbrüche zu verwandeln, oder ob das nicht nur ein subventionierter Traum ist, der bald verfliegt. Tatsächlich sehe ich überall Männer in kulturschwarz und attraktive Frauen in kühlen Kostümen. Weder die maskuline noch die feminine Seite dieser zur Schau getragenen Zugehörigkeit zu den Kreativen gefällt mir. Als wären sie etwas Besonderes. Dabei schöpfen sie in der Regel nur den Rahm von der Qual der tatsächlich schöpferisch arbeitenden Menschen.

Eine Stunde später lese ich in der Bücherei Essen Altenessen. Frau L., die Seele der Zweigstelle, hatte Kaffee gekocht. Haferkekse und Ochsenaugen standen auf dem Tisch der kleinen Büroküche, und während sie erzählte, wie die Zeit vergeht und dass es diese Zweigstelle auch schon seit 20 Jahren gäbe, frage ich mich, was das für ein Akzent ist, der ihr beispricht, fern nur noch, aber hörbar. Skandinavien? - Tchecheslowakei? -

Die Kinder kommen. Grundschüler, die den Nachmittag in einem Hort verbringen. Sie sind zwischen acht und zehn Jahren alt und freuen sich, dass etwas geschieht. Ich lese die Sackgasse 13. Es ist unruhig, denn der Ausleihverkehr findet gleich hinter der nächsten Regalwand statt, man spricht, telefoniert, Türen schlagen.

Wie war's? fragte Frau M. Schwer! antwortete Herr M.
Es lag weniger an den Kindern, als an Herrn M. selbst, der - von Natur schon mit genügend Zweifeln gesegnet - augenblicklich mit nichts recht zufrieden zu sein scheint.
Seltsam.
Dabei heißt es doch: Froh zu sein bedarf es wenig, denn wer froh ist, ist ein König....
Nicht wahr, Herr M.
Stimmen wir also ein in diesen Montagmorgenkanon, der mir gerade eine Lesung bei den Rotariern meiner Heimatstadt Gronau eingebracht hat, für den guten Zweck, versteht sich, aber, so der Chef der Rotarier, da steckt mehr drin, Vervielfältigungseffekt quasi Hilfsausdruck.

Das Montagswetter? -
Nun ja. Sprechen wir über etwas anderes.
Darüber zum Beispiel, dass man mir gestern Abend anbot, Mitglied des Schützenvereins zu werden. Es wird immer besser. Die Integrationsangebote reißen nicht ab. Ich werde noch Schützenkönig. Das hieße praktisch, der Kreis schlösse sich, denn ich erinnere mich an meine Initiation als Trommler. Die fand während eines Schützenfestes statt. Der Feuerwehrmann Juppi ließ mich auf seine große Pauke hauen und danach war es um mich geschehen.

Ja Freunde, das Leben an einem Montag ist schön und gerecht. Jedenfalls für mich. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich heute die erste Folge eines Ohrenbären.

15:15

Letztes Jahr wurde der Supermarkt Hugo geschlossen. Er lag schräg gegenüber von unserer Wohnung. Gestern hatte Hugo seinen zum Abriss leer stehenden Laden feiernden Nachbarn zur Verfügung gestellt, die für das Schützenfest Fähnchengirlanden quer über die Straße gespannt hatten.
Sie (und später auch wir) saßen da, wo früher die Kassen und Theken für Süßigkeiten, Alkohol und Zeitschriften waren.
Der hintere Teil wurde von den Nachbarskindern als Rollschuhbahn genutzt.
Es gab Salate, Käse, Brot, gegrillte Würstchen, Bier und Schnaps.
Hugo neigt zu schlüpfrigen Witzen.
Meine Frau fragte er, wie sie mich, der ich doch so energisch sei, ruhig stellen könne?
Er findet seine Anzüglichkeiten grandios. Er schrie vor Lachen, als er den Witz von einer Frau ohne Höschen erzählte, wobei ihm Sabber links und rechts aus den Mundwinkeln tropfte, merkt aber nicht, dass andere das anders sehen.
Er war Schneider, bis er in der damaligen Siedlung sein erstes kleines Lebensmittelgeschäft eröffnete.

 

Di 14.06.05   9:00

Der aufmerksame Leser wird sich erinnern.
Im März war Bergen aan Zee eingeschneit.
So sieht das Bild aus, das Klaus Geigle für uns gemalt hat.

 




Mi 15.06.05
  13:30

Das Bild hat sich sofort einen Platz gesucht. Das ist erstaunlich, denn diejenigen unter ihnen, die Bilder in ihre Zimmer hängen, werden wissen, dass so etwas oft das Umhängen aller anderen nach sich zieht, ja, es kann sogar so weit gehen, dass man neu streichen muss, wovor ich mich bisher aber immer gedrückt habe.
Das Bild von Bergen aan Zee, dass die Wucht eines Wintertages spürbar macht, vertrug sich sofort mit den Bildern der anderen anwesenden Künstler, was sowohl für uns als auch für das Bild spricht.

Gut. Das wäre das.

Herr M., den Sie in verschiedensten Rollen kennengelernt haben, hat heute früh vor Dritt- und Viertklässlern gelesen. Die Souveränität, über die er normalerweise verfügt und die ihm den Zugang zu Kindern erleichtert, scheint augenblicklich angeknackst. Die Freude, die sich ihm sonst beim Lesen einstellt, ist hinterhältigen Angriffen ausgesetzt. Überdruss ruft. Wenn ihr nicht hören wollt, bleibt doch doof! ruft es aus dunklen Ecken, wenngleich aus den hellen stante pede protestiert wird, wie kannst du so etwas sagen....

Herr M. ist müde. Er hat das schon vor einiger Zeit angedeutet. Er führt das auf seinen gegenwärtigen Status zurück, der ihm nach über 20 Jahren noch immer kaum Sicherheit bietet. Paradox in diesem Zusammenhang ist, dass Herr M. sich diesen Status aus eben jenen Gründen, aus Verheißung von Abenteuern und der Möglichkeit, zu jeder Zeit und Stunde existentiell überrascht werden zu können, ausgewählt hat.

Vielleicht trifft es sich da, dass er, einem plötzlichen Einfall folgend, gestern mit dem Vorschlag herausrückte, man könne doch einen vierzehntägigen Urlaub in einem Land verbringen, in dem häufig die Sonne scheine. Er habe da ein wenig im Internet geforscht, wie wäre es mit Korfu? -

Man ging zu einem Reisebüro, und siehe, es gab da ein einfaches Hotel, ohne Pool, ohne Animation, ohne Klimaanlage, geführt von einer einheimischen Familie, 20 Zimmer, eine Taverne am Strand, keine Straße zwischen Hotel und Wasser. Diese Hotel liegt im Nordwesten der Insel Korfu, in dem die Straßen teils noch unbefestigt sind. Im Katalog eines großen deutschen Reiseveranstalters wird der Ort wird als "sehr ruhig" beschrieben. Das ist Hochdeutsch für "am Arsch der Welt."

Herr M. war zuletzt 1996 in Griechenland. Das war eine schöne Zeit. Schön und aufregend, denn damals war er mit Frau und Söhnen unterwegs und es gab einiges, worüber andere die Nerven verloren hätten. M. und seine Leute nicht. Sie fanden Wege.
Diesmal will Herr M. sich nicht zu sehr aufregen. Diesmal will er sich im Schatten zurücklehnen, will Honigmelonen essen, schwimmen, will vielleicht im Nachbarort paragliden, will auf der Strandliege liegen und die Bibel lesen, was er schon immer tun wollte und hin und wieder auch schon tut. Und wenn er dann zurückkehrt, könnte es sein, dass seine Souveränität, die an den Rändern faded, wieder stabil ist. Jedenfalls hofft er das.

16:10

Manchmal liest man, dass Amseln ihr Liedrepertoire mit Gehörtem aus deutschen Haushalten aufpeppen. Mit der Imitation von Telefonklingeln etwa. Herr M. hatte das auch schon gelesen. Gestern nun saß er auf dem Balkon, als plötzlich das Telefon schellte. Mehr muss wohl nicht gesagt werden.

Herr Zappa, dessen Texte Herr M. seit heute in Buchform und zweisprachig vorliegen hat (er hatte das Buch auf der Party des ehemaligen Rockstars Walter gesehen und gleich bestellt), hatte Recht: Jazz is not dead, it just smells funny. Was einmal als Revolte begann, ist mittlerweile zu einem Herunternudeln ewig gleicher Lieder verkommen. Kaum einer, der aufbegehrt. Revolte findet nicht statt. Höchstens, dass einer einmal Perfektion anstrebt. Ansonsten niederträchtige Langeweile, auch auf der Session im Hot Jazz Club gestern Abend.

 

Do 16.06.05   7:47

Ich muss darauf hinweisen, dass alle von Herrn M. gestern beschriebenen Symptome auf den uralten well Tekel hinweisen. Nichts also, worüber man sich aufregen müsste. Soll er sich doch einfach ins Auto setzen, losfahren und in der St. Josephs Gemeinde vor fünfzig Kindern lesen, als wäre das ein Klacks. Well Tekel hin oder her. Lächerlich!

13:00

Herr M. hat aus Voll die Meise gelesen. Und hat, wie er es sich gestern, als er zu Abend durchs grüne, herrliche Westfalen radelte, vornahm, vorab eine Art mündlichen Klappentext vorgetragen. Er dachte, dass das die Ohren seiner Zuhörer für die Feinheiten der hernach vorzulesenden Geschichte schärfen könnte.

Und? - Hat das funktioniert?

Diese und ähnliche Fragen beantwortet: your's faithfully Herr M. .... der im Gegensatz zum Personal der Holstein Brasserie in den Münster Arkaden, das hochnäsig auftritt, gern für Sie da ist.

Aber nicht jetzt.

Jetzt isst er eine mediterrane Brotzeit mit feinem andalusischen Schinken, mildem Berg-Schafskäse von den Pyrenäen, köstlichen Oliven und kandierten Tomaten (die, wie er bei Niederschrift feststellt, gefehlt haben), dazu knuspriges Brot mit Bärlauchbutter, Cappuccino und später ein Glas Silvaner.

Da Herr M. nicht dumm ist, kann er Essen und Schauen zur gleichen Zeit.

Ihm fällt auf, dass viele junge Frauen sich nicht mehr damit begnügen, der Welt ihre mehr oder weniger wohlgestalteten Titten zu präsentieren, nein, jetzt zeigen sie auch noch ihre Venushügel her, die, nimmt er an, sauber rasiert sein müssen, sonst wäre es wohl kaum möglich, Hosenbünde so tief anzusetzen. Er begreift diese Zurschaustellung eher als Nötigung, die strafrechtliche Folgen haben müsste. Wahrscheinlich gab es Mullahs unter den Vorfahren väter- oder mütterlicherseits.

Weiter traten auf: eine alte kleine Stehauffrau im schwarzen Rock mit türkisfarbenem Pullover. Ihr ebenso kleiner, jedoch sehr dünner Mann, nahm sie bei der Hand und führte sie fort. Nehme an, damit sie nicht das tat, was Stehaufmännchen- und frauen gern tun.

Die Leptosome (ca.45) mit Mutter: isst nur Äpfelchen, Möhrchen und Salat. Ihre Brüstchen wiesen mit den Nippeln gen Himmel. Wieso, wissen die Götter. Wahrscheinlich wegen der Vollwerternährung.

Die dralle Chinesin in lachrotem Boleroblüslein (nicht viel mehr jedenfalls), die lauthals beklagt, sie habe in der Klassenarbeit, die man gerade geschrieben hat, Plädoyer nicht richtig zu schreiben gewusst. Ihre Begleiter? Strähnchenbubis mit hochgegeltem Haar und am Ohr festgetackerten Handys. Pissärsche der Jetztzeit.

Umflammt von grauen Locken, aus dem Haarkranz des im Übrigen blanken Hauptes aufsteigend und sich dekroativ darauf verteilend, als könnten sie so eine Glatze kaschieren - ein Feigling. So eitel noch immer, mit 65 du Opa!

Die Brotzeit war lecker.

Und wie war die Lesung, jetzt, wo wir gestärkt davon sprechen könnten?
Sprechen wir von etwas anderem. Zumindest war Herr M. besser als gestern.

16:45

Die hier Portraitierten tauchten via Rolltreppe aus dem Untergeschoss der Arkaden in meinen Gesichtsfeld aus. Alle Übrigen habe ich ohne Notiz gehen lassen.

 

Fr 17.06.05  10:35

Eh Herr M. sich ins Wochenende verabschiedet (das - wie man hört - heiß werden soll, und das er halbnackt und Schweinebauch grillend unter Büschen im Garten verbringen wird, wobei er 5 Liter-Fässer Warsteiner aus dem PLUS Angebot für 5,99 € leer trinken und gewaltige Emissionen aus verschiedenen Körperöffnungen entlassen wird), möchte er noch auf ein paar Grausamkeiten hinweisen, die ihm in den letzten Tagen aufgefallen sind.

In allen drei Fällen geht es um den Kampf des Daseins, der brutal und alltäglich ist, wenngleich für die Menschen in unseren Breiten nach wie vor durch vielerlei soziale Freundlichkeiten abgepuffert, eine Situation, von der die Entrechteten in Ländern, die wir gern die 3. Welt nennen, nur träumen können.

Ohne jedes Sicherungssystem, ganz gleich wo, ist die Fauna.
Sie ist Härten ausgesetzt, die der hiesige Mensch höchstens aus Kriegszeiten kennt.

Fall 1:

Es geht um eine Maus. Sie lebte in einem Mauseloch in der Nähe des Hotels Schloss Hohenfeld. Sie hatte Junge und wollte mit einem einen Fahrradweg überqueren. Als ich dort vorbeikam, hatten beide das Zeitliche längst gesegnet. Muttermaus etwa zwanzig Zentimeter vom Rand des Radweges quer übern Rücken- , Kind-Maus keine Hand breit hinter Muttermaus zur Gänze vom Reifen eines Fahrrades zerquetscht. Profile waren zu erkennen.

Fall 2:

Fast noch gemeiner, das Ende dieser jungen Amsel. Sie fiel aus dem Nest auf den Ast einer Heckenrose an der südlichen Frontseite unseres Wohnblockes, blieb darauf hängen (aufgespießt auch noch) und verschied. Die noch nicht ausgebildeten Flügel hingen schlaff seitwärts herab, der Kopf ebenfalls.

Fall 3:

Wie immer sich das feinmaschige Plastiknetz, in das normalerweise Orangen verpackt sind, sich in den Büschen einer Grünalage verfangen haben mag, es hatte sich verfangen und darin verfing sich ein Star. Verhakte sich so, dass, als ich die Leiche sah, sofort deutlich wurde, wie lang er gekämpft haben muss, um seinem furchtbaren Schicksal zu entgehen.

12:55

Schade, dass die Statistik meiner Webseite neben den aufgelisteten Suchausdrücken, die im Netz surfende Menschen eingaben und die sie schließlich auf meine Seite führten, nicht auch die entsprechenden Adressen der Suchenden auflistet, dann könnte man nachfragen, was jemand sich denkt, der: "eine italienische Familie masturbiert" eingibt.
Der Suchbegriff taucht heute auf Platz 20 der aufgeführten Begriffe meiner Statistik auf.
Ich habe nachgeforscht.
In allen von mir seit fast fünf Jahren veröffentlichen Texten taucht der Begriff "masturbiert" dreimal, "italienische" 28mal und "Familie" 161mal auf.
Welche Enttäuschung für einen Spanner, sich bei mir wiederzufinden.
Diese Suchbegriffsstatistik ist erschütternd.
Letztens suchte jemand: "von Hunden gefickt". Auch da wird er bei mir nicht fündig geworden sein.

 

Sa 18.06.05   12:40

Sonne. Stilles Dahinscheiden im Schatten.

20:42

Nachdem die EU-Verhandlungen in Brüssel, von deren komplexen Inhalten ich nur wenig verstehe, an der Borniertheit der Briten und dem Geiz der Niederländer gescheitert sind (offiziell: konzeptionelle Unschärfe, nationaler Egoismus, absurdes Timing, unzureichendes Bewusstsein, schwere Verstöße gegen den Solidaritätsgedanken) schlage ich vor, die Niederlande zu besetzen, England zu bombardieren, Chirac zum europäischen Kaiser zu ernennen und Schröder zum Hofmarschall.

 

So 19.06.05   9:32

Nein. Ich möchte kein Viagra zu Sonderpreisen. Nein. Auch keine "süßen Teens", die "ältere Männer" kennenlernen wollen. Nein. Ich investiere nicht in Hedge Fonds. Nein. Ich will auch kein "Cialis". Nein. Ich will nicht wie ein Karnickel ficken können. Das einzige, was ich will, ist in Ruhe gelassen zu werden, verstanden!

 

Mo 20.06.05   11:11

Das Kultursekretariat NRW lädt Künstler (u.a. mich!!!) ein, sich an einem Förderschwerpunkt für die Mitgliedsstädte zu beteiligen. Sie sollen Projekte offerieren, in denen Kinder und Jugendliche innerhalb ihres schulischen Alltags künstlerische Techniken, Kenntnisse und Fähigkeiten erlernen.

Hier mein Vorschlag:

1. Projektbeschreibung: Wir schreiben und produzieren ein Hörspiel.

2. Zeitplan: mindestens vier Treffen plus Studiotag.

3. technische und räumliche Voraussetzungen:

wir benötigen einen Klassenraum, der groß genug ist, um auch in Kleingruppen ungestört voneinander zu arbeiten. Wenn der im Verlauf zu erstellende Hörspieltext fertig ist, werden wir in ein Studio gehen/und/oder/ die Möglichkeiten der Schule nutzen.

4. Kosten und Finanzierungsplan:

pro Projekttag berechne ich € ... Euro, hinzu kämen evtl. Kosten für ein semiprofessionelles Studio (Tageskosten ca. 200 Euro)

Zu 1:

Beim Schreiben eines Hörspieltextes werde ich vornehmlich als Moderator tätig sein, Impulse geben, mit Ratschlägen zur Seite stehen, die eigentliche Arbeit aber, das Finden des Themas, soll in der Verantwortung der Schüler bleiben. Sie sollen die zu erstellenden Texte so nah wie möglich an ihre Erfahrungswelt ansiedeln.

Ich werde in meiner Rolle als Moderator versuchen, die Form des Hörspiels so offen wie möglich zu halten. Hörstück wäre vielleicht die passendere Bezeichnung dessen, was realistisch zu erwarten und zu bewältigen ist.

Die projektierten vier Tagesetappen sind knapp bemessen, aber ich denke, dass genügend Material zusammenkommen wird, um ein Hörspiel/Hörstück aufnahmebereit zu machen.

Die Arbeit in Gruppen erfasst sowohl die Themen- und Textfindung (Personenfindung - Charakterisierung der handelnden Personen - Fortlauf der Geschichte) als auch Texterstellung. Wünschenswert wäre eine Schule, in der es Zugang zu Computern mit angeschlossenen Druckern gibt.

Das Projekt fordert seine Teilnehmer nicht nur auf kreativer Ebene. Es fordert auch ihre soziale Kompetenz. Ohne ein organisiertes, verantwortungsvolles Miteinander würde so ein Projekt leicht in Turbulenzen geraten.

Eine besondere Herausforderung wäre schließlich die Arbeit im Studio. Hier steht und fällt alles mit der Disziplin der Teilnehmer. Erfahrungsgemäß ist es jedoch so, dass die Atmosphäre eines Studio der Disziplin durchaus förderlich sein kann.

Di 21.06.05   8:12

Keine Gegenwart heute. Nur Vergangenheit. Heute vor 37 Jahren.

 

Mi 22.06.05 10:50

Was könnte das sein?

...

Im vorletzten Jahr war es ihnen zu heiß. Im letzen hatten sie kurzfristig die holländische Nordsee gebucht. Für dieses Jahr war ihnen noch nichts eingefallen. Gab es ein Gesetz, das Menschen befahl, immer zur gleichen Zeit, meist im Sommer, ihre bequemen Wohnungen zu verlassen, um mit Wildfremden in Hotels vor Frühstückbuffets zu stehen? Menschen in teils lächerlicher Bekleidung, die nach zuviel Parfüm oder übersäuerten Deos rochen? - Nein, gab es nicht. Schon gar nicht für sie. Sie reisten nicht pauschal. Nie. Da blieben sie lieber zuhause.
Dann aber rückte Herr X. von einem Tag auf den anderen mit dem Vorschlag heraus, man könne diesen Sommer doch nach Griechenland fliegen. Nichts tun. Wäre das nichts? Doch! sagte Frau Y. glücklich.

Stunden später saßen sie in einem Reisebüro. Herr X. sagte: Wir sind nicht reich, aber wir brauchen etwas Ruhiges, keinen Pool, keine Animation, nichts. Vielleicht Korfu.
Da hätte ich das! sagte die Reisekauffrau und rückte mit einer Pension direkt am Wasser heraus. Vierzehn Tage Übernachtung mit Frühstück. Soundsoviel. Sehr ruhig!
Also am Arsch der Welt! sagte Herr X..
Die Reisekauffrau nickte und zeigte Fotos.
Schön! sagte Frau Y. und schaute Herrn X. an.
Herr X. verstand. Er sagte, wir denken einen Tag drüber nach, okay, bis morgen also.
Die Reisekauffrau lächelte.
Man verabschiedete sich.
So kam es, dass sich ihr Sommer plötzlich unter ganz anderen Vorzeichen präsentierte. Ein möglicher Urlaub mit Flugreise stieg am Horizont auf. Ihm trat Schweiß auf die Stirn.

... richtig. Der Beginn eines Romans, der Flugangst heißt. Vielleicht aber auch nur eine Laune.

 

Do 23.06.05 9:55

Flugangst, nicht etwa Die Angst vorm Fliegen, ein grauenhafter Roman aus den Siebzigern. Flugangst, eine skurile Farce, die , wenn sie gelingt, schreiend komisch sein soll. Komisch und gleichzeitig tiefe Wahrheiten äußernd. Sie sehen also, wir haben uns etwas vorgenommen.

10:20

Der vanillefarbene Baumwollanzug, ein Anzug (von dem ich zum ersten Mal bei Ray Bradbury las), den ich vor etwa einem Jahr für wenig Geld kaufte, erwies sich, als ich ihn bei Tageslicht betrachtete, mit einer glänzenden Appretur versehen, die mir ganz und gar nicht gefiel. Sie verlieh ihm etwas Steifes, wo ich ihn mir leicht und lässig erträumt hatte. Ich trug ihn ein einziges Mal, dann hängte ich ihn weg. Letzte Woche kam mir die Idee, ihn zu waschen. Die eingenähten Pflegeinformationen verbaten das, aber ich setzte mich darüber hinweg. Ich wählte ein Schonprogramm mit 40 Grad und überließ den Anzug seinem Schicksal. Und siehe: die Appretur war fort, der Anzug unversehrt. Heute beschloss ich, ihn einem zweiten Waschgang zu unterziehen. Ich wette, nun wird er exakt so, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte.

 

Fr 24.06.05   9:15

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran...

12:33

Das wäre die Bucht.

Wir wohnen am oberen Ende. Noch eine Woche. Ich hechle am Boden.

 

Sa 25.06.05   12:50

Gestern Nachmittag stellte mein Sohn Max fest, dass mein Fahrrad aus dem Kellerflur verschwunden war. Man hatte mir schon einmal ein Fahrrad aus dem Keller gestohlen. Vor vier oder fünf Jahren. Ich setzte mich auf das Rad meiner Frau, fuhr herum und suchte den Ort ab. Auf diese Weise hatte ich vor mehr als einem Jahrzehnt einmal ein vor unserer Haustür geparktes gestohlenes Rad wiedergefunden. Diesmal fand ich nichts. Ich ging on-line und schrieb eine Anzeige. Ich hob hervor, dass ich es seltsam fand, dass der Dieb fünf oder sechs Räder, die im ersten Raum hinter der vom Hof in den Keller führenden Tür standen, unbeachtet ließ (darunter zwei hochwertigere als meines), stattdessen in den Kellerflur ging und dort meines stahl.

Gestern Abend saßen wir mit Freunden beim Grillen. Gegen 22 Uhr ging das Telefon. Mein Sohn meldete sich. Aufgeregt. Er hatte mit Freunden am Aa-See gesessen. Plötzlich sei da ein Endzwanziger auf meinem Rad vorbeigefahren. Zu dritt hätten sie ihn gestellt. Es sei zu einer Rangelei gekommen. Der Mann habe das Rad aufgegeben und sei geflohen.

So hat der Dieb eine schnelle Lehre erteilt bekommen und ich habe mein Rad zurück. Hin und wieder geht es doch mit rechten Dingen zu auf dieser Welt.

15:28

 

Verlangte jemand eine Erklärung, als mein Sohn und zwei seiner Freunde sich gestern Abend am Aa-See daran machten, mein gestohlenes Fahrrad zurück zu erobern? Die Grillenden wussten ja nicht, dass da ein Dieb seine gerechte Strafe bekam. In ihren Augen mussten Max und seine Freunde als Angreifer erscheinen. Schließlich stoppten sie einen Radfahrer, rissen ihn vom Rad und schlugen ihn in die Flucht. Sie hätten Diebe sein können. Aber nicht einer, so Max, nicht einer habe auch nur ein Wort gesagt oder eine Erklärung gefordert.

 

So 26.06.05   17:35

Nach den drückend heißen Tagen war es heute wie es an einem Frühsommertag sein soll. Temperaturen um 25 Grad, hin und wieder eine leichte Brise, klarer, strahlender Himmel. Gegen 10:45, Frau M. und ich saßen auf dem Balkon, frühstückten und überlegten, wie wir den Tag vertrödeln könnten, fiel mir ein, dass Albert Early Bird und die Working Worms um 11:30 einen Gig beim Pfarrfest St. Theresia hatten. Verdammt! Beinahe vergessen. Also ab in den Keller, das Schlagzeug abgebaut, verstaut, in den Wagen geschleppt, losgefahren, den ersten Schock verdaut (das wird hart), ausgeladen, aufgebaut, angefangen.

Die Besucher des Pfarrfestes wurden von Stück zu Stück aufmerksamer und forderten schließlich sogar etwas Wildes. Worauf wir eine Lärm-Improvisation, die in eine mir nicht bekannte Rocknummer überging, spielten, was zu großer Freude führte.

Man lächelte uns zu, man war zufrieden, das haben Sie aber schön gespielt, sagten unterschiedlichste Menschen, von denen wir es niemals erwartet hätten. Der Gig war auf Empfehlung zustande gekommen, wie alle unsere bisherigen fünf Autritte. Und wieder einmal hat sich gezeigt, dass wir, wenn wir nicht proben, am besten sind.

Am allerbesten war unsere letzte Nummer. Herr L. kündigte sie als Werk des großen deutschen Unterhaltungskünstlers Schneider an und sagte, der Text, der nun gleich zu Gehör gebracht würde, wäre recht einfach, man müsse nur "Der frühe Vogel fängt den Wurm" viermal singen, um ihn dann mit einem dem Ort angemessenen "Halleluja" zu beschließen. Was tatsächlich klappte.

So hat Herr M. gelernt, dass katholische Gemeindemitglieder durchaus Menschen sein können, die den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, erstaunlich, hielt er sie doch bisher mit all den Vorurteilen, die ihn belasten, für Katholiken.

Der Tag klingt aus. Herr M. hat ein kleines Rückenproblem, was vom Tragen schwerer Schlagzeug-Hardware kommt, ansonsten ist er guter Laune, denn für einen Gig, der so viel Freude gemacht hat, auch noch Geld zu bekommen, ist schön.

Hier noch drei Albert Early Bird Links.

 

Mo 27.06.05   11:35

Ja ja sprach der alte Oberförster...

 

Di 28.06.05   8:15

Menschen über 50 (ich) gelten als unflexibel, gesundheitlich anfällig, weniger belastbar, fachlich veraltet und werden nur eingestellt, wenn der Staat die Stelle subventioniert. Altern hat Zukunft.

9:51

Sämig sei der Stuhl, hilfreich zum Abführn.

17:45

Kein' Satz. Nicht ein'.

 

Mi 29.06.05   9:43

Die Lektüre:

Lion Feuchtwanger: Erfolg -
Max Frisch: Blaubart; Bin oder Die Reise nach Peking -
Felicitas Hoppe: Paradiese, Übersee -
Verschiedene Autoren: Die Bibel.

Diese Bücher werden am Samstag an einen schattigen Ort transferiert. Azurblaues, kristallklares Wasser ist nur ein paar Schritt entfernt. Dort sitzt/liegt Herr M. und liest. Ob vierzehn Tage für so viele Bücher reichen? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht kommt Herr M. vor lauter Staunen gar nicht zum Lesen. Vielleicht knattert er mit einer Honda über die Insel. Vielleicht fliegt er am Gleitschirm hängend von früh bis spät über die Bucht. Vielleicht döst er aber auch nur, versucht, seine Katze zu imitieren, eine genießende Nichtstuerin. Das wäre natürlich allem vorzuziehen. Da könnte es schon passieren, dass die Lektüre unangetastet bliebe.

Die Sonne bricht durch. Herr M. ist aufgeregt. Kein Wunder. Gestern Abend hat er getrommelt.

 

Do 30.06.05   16:00

Herr M. hat in Hamm gelesen. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er wieder das Gefühl, dass es gut ist, was er tut. So gut, dass die Zweifel, die immer da sind, nicht auf den Roman zurück fielen, aus dem er gelesen hatte, sondern normale Alltagszweifel blieben.

Herr M. atmet durch, freut sich auf dem Urlaub und verabschiedet sich mit einem dreifach kräftigen... na Sie wissen schon...

16:32

Ein wissenschaftlicher Verlag schaltet eine Anzeige. Er bietet eine Lehrstelle als Verlagskaufmann. Die Anzeige klingt vernünftig. Es ist nicht von Abitur oder ähnlichem als Voraussetzung für die Einstellung die Rede, aber von Pratika oder Nebenjobs. Auch davon, dass Kommunikationsfähigkeit gut wäre.

Ein junger Mann bewirbt sich. Er hat die Fachhochschulreife, er hat einen Eignungstest absolviert, der ihm überdurchschnittlich gute Fähigkeiten im kaufmännischen und kommunikativen Bereich bescheinigt, er hat ein Zeugnis von seinem Praktikums-Arbeitgeber, das sehr für ihn spricht, er fügt also all diese und die üblichen anderen Unterlagen seinem x.ten Bewerbungsschreiben bei und versendet es voller Hoffnung.

Drei Tage später kommen die Unterlagen zurück.
Ohne jeden Kommentar, das Anschreiben ist nicht mehr als ein Formblatt ohne Anrede.

Natürlich ist es jedem Arbeitgeber unbenommen, Bewerber zu akzeptieren oder abzulehnen, aber in derart unhöflicher Form hat der junge Mann das bisher noch nicht erlebt. Er ist wie vor den Kopf geschlagen. Er hat den Eindruck, man wolle dort vielleicht gar keine Lehrlinge ausbilden.

Er ruft den Verlag an. Er will Auskunft. Der für die Bewerbungen Zuständige lässt sich verleugnen. Der junge Mann fragt, was man sich eigentlich dabei denke. Er sei ernsthaft auf der Suche nach einer Lehrstelle, und dann werde er abgekanzelt wie ein lästiger Hausierer.

Sein Gesprächspartner rät ihm, das Ganze einfach zu vergessen.
Der Verlag, um den es geht, ist der LIT-Verlag in Münster. Man staunt und ballt die Faust.

 

 

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1. Lion Feuchtwanger Die Jüdin von Toledo, Aufbau Verlag, Berlin

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