Dezember 2006                                        www.hermann-mensing.de      

mensing literatur
 

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Fr 1.12.06   7:45

Fampenlieber, Fampenlieber
wühlt in meim Gedärm,
wäre lieber jetzt ein Biber
läg im Bau und sähe ferm....

18:45

Hat der Autor gewonnen oder verloren?

Er weiß nicht recht. Er hat im Raucherzimmer dieses weitläufigen Schulzentrums gehockt, hat auf einen an die Wand gepinnten, fotokopierten Aufruf des Wissenschaftlers Hurrelmann gestarrt, worauf dieser Ruhe in der Schule fordert, eine der überflüssigsten Forderungen, die man hinausposaunen kann, er hat vor und zwischen den Lesungen dort Kaffee getrunken und sich gewundert, wie still ostwestfälische Kinder sind, beängstigend still während der ersten Lesung, mittelstill während der zweiten, er hat einen Jungen hinausgeworfen, weil dem überhaupt nicht nach Zuhören war, ein netter Junge eigentlich, dem aber auch der Hinweis auf gegenseitigen Respekt nicht imponierte. Zuhören, nicht wegzappen können, war ihm unbekanntes Terrain, da machte er lieber Scheiß.

Aber wie gesagt, Herr M. kann ruppig werden, und das wird er dann auch.

Nachmittags hat er noch einmal gelesen. Handverlesene Kinder, die freiwillig in die Bücherei gekommen waren. Da hat er zwar auch die ostwestfälische Sturheit gespürt, aber das Eis schnell gebrochen.

Dann ist er heim gefahren, und jetzt ist er froh, dass der Tag vorbei ist.

Die Dunkelheit der Jahreszeit verengt alle Räume. Selbst künstliches Licht deprimiert, weil es die Dunkelheit nur partiell übertüncht. Kaum aus dem Lichtkegel tritt man wieder ins nächste Dunkel, nie vergisst man, dass eigentlich längst Nacht ist.

Brrrrrr, schrecklich, Dunkelheit kann ihm gestohlen bleiben, er ist doch kein Maulwurf.

Montag geht es weiter.
Früh mit dem Zug nach Krefeld Uerdingen. Wir werden sehn, wie das wird.

 

Sa 2.12.06  13:25

Nachdem der Versuch, die vorgestern von J. erstellte PDF-Datei im Copy Shop auszudrucken an falsch programmierter Größe gescheitert war (das Komma war eine Stelle zu weit nach rechts gerückt) , habe ich mir die Testversion von Corel Draw auf den Rechner geladen und die Datei erneut in ein PDF umgearbeitet, und siehe, ich bin nicht so blöd wie gedacht. Leider hat der Copy Shop jetzt geschlossen. Montag werde ich es erneut versuchen.

 

So 3.12.06   12:07

Quälte mich durch drei Faustkämpfe, deren erster mit einem zweifelhaften, deren zweiter mit einem furiosen und deren dritter mit einem schönen Niederschlag endete. Eine als bei den US Marines ausgebildet angepriesene junge Frau, ergo mit Attributen wie "angriffslustig" "nie aufgebend" etc. pp. versehen, kämpfte chancenlos gegen eine junge Frau aus Mönchengladbach, die ihr in der sechsten Runde eine veritable Rechte gegen den hübschen Kopf zimmerte, die, so der Moderator schwärmerisch, auf der Stelle die Blutzufuhr zum Hirn unterbricht.

Bei Acht stand die junge Amerikanerin zwar wieder auf schwankenden Beinen und hob zum Beweis ihrer Kampftüchtigkeit beide Fäuste wie eine Gottesanbeterin, aber der Ringrichter ließ sich nicht beirren.

Der Fernsehzuschauer (ich) weiß nun nicht mehr, was er tun soll. Soll er weiter sitzen und übers Leben sinnieren, wäre es besser, das Rad aus dem Keller zu holen und endlich nach Gibraltar aufzubrechen, soll er sich ins Bett trollen und dem kleinen Tod anvertrauen, soll er noch zappen oder vielleicht sogar eines seiner Gedichte schreiben, die er so liebt und die ihn meist hinterrücks anspringen, als wären sie Diebe, die hinter der nächsten Ecke auf ihn gewartet hatten?

Er trollt sich.

Seine dicke Katze hat es sich längst an seinem Fußende bequem gemacht und gibt einen eher mürrischen Ton von sich, als er sein Recht auf volle Länge und Breite des Bettes durchsetzt. Dann zieht er sich die Decke übern Kopf, die rechte Schulter schmerzt schon seit Wochen, er beschließt, diesen Schmerz zu ignorieren, wohl wissend, dass weitere Schmerzen hinzukommen werden, morgen, übermorgen, irgendwann.

Heute nachmittag erwartet ihn ein fröhlicher Adventsumtrunk mit nicht sehr geliebten Nachbarn. Bis dahin bleibt Zeit, sich das Maul darüber zu zerreißen, jetzt werden noch schnell die Koordinaten für die Reise nach Krefeld Uerdingen festgeschrieben, der Autor packt seine Tasche, eh es dann wieder heißt: ihr Auftritt, Herr Mensing.

Es stimmt, im nächsten Jahr wird es einen Gedichtband geben, im nächsten Jahr wird er weiter versuchen, seine Literatur an den Verlag zu bringen, er wird erfolgreich oder nicht erfolgreich sein, wie immer es ausgehen wird, man wird es ihm nicht recht machen können.

Zum Frühstück hat er seine Frau mit einer Tanzdarbietung zur Musik von Frank Sinatra erheitert, und das ist wohl das Erfolgreichste, was er heute zustande bringen wird.

PS. Die Umwandlung einer Corel Draw Datei in ein PDF war zwar erfolgreich, aber die in Corel Draw programmierte Schrift war nicht Bestandteil seiner Font-Dateien, ergo war die graphische Darstellung eine andere als die im Entwurf angedachte.

14:08

Da ich nun in der Lage bin, PDF-Dateien herzustellen, hier gleich die erste:

Fundsachen
Prosa aus 5 Jahren Arbeit im Netz, unbezahlt, unbezahlbar.

 

Mo 4.12.06   15:37

Der Morgen hielt an Trostligkeit alles bereit, was der Mensch braucht, um sich am nächsten Baum aufzuknüpfen. Verhangenes Dunkel, Regen, keine Aussicht am Horizont, ein Wartehäuschen am Bahnsteig Bösensell, dessen Glasumrandung längst von wütenden, sich langweilenden Adoleszenten säuberlichst herausgehackt worden war, ein pfeifender Wind, ein vorüberdonnernder ICE und schließlich die Rhein-Haardt Bahn, die mich nach Krefeld Uerdingen brachte.

Ich saß mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, was ich nicht gern habe, aber andere Plätze waren belegt. Ich schloß die Augen und hing meiner Eintrübung nach, ich erreichte Krefeld Uerdingen, verließ den Zug, ging durch den Bahnhofstunnel (ein Urinal), ich trat hinaus auf den Bahnhofsvorplatz, ich fragte eine Radfahrerin, wo die Körnerstraße sei und ob sie zu Fuß zu erreichen wäre, erhielt aber die Ankunft, man wisse weder das eine noch das andere, aber ich könne ja dort drüben fragen, in der Mietwagenzentrale die Freundlichen Elche. Zum Glück erwies sich das kleine, muffige Büro auch als Taxizentrale, und so saß ich wenig später im Taxi und fuhr zur Schule.

Noch immer Regen, noch immer Wind, rechterhand die Weite der Bayer Werke Uerdingen, eine Stadt in der Stadt. Die Schule, dunkles Backsteinrot, aber kein gekreuzigter Jesus, wie letzten Juni in Mönchengladbach. Freundlicher Empfang, Kaffee, Plätzchen. Man erwartet eine Sicherheitsbegehung an diesem Morgen, daher, so die Schulleiterin, sei noch keine Weihnachtsdekoration angebracht. Weihnachtsdekoration, brennende Kerzen, Lichterketten, das alles sei verboten, sie aber werde dennoch dekorieren, gleich nach der Sicherheitsbegehung, falls dann aber etwas schiefgehe, sei sie dran.

Jetzt bin ich dran.

Fünfzig Zweitklässler, jeden einzelnen muss ich abklatschen, was die Stimmung hebt.
Fünfzig Zweitklässler, unruhig wie ein Sack Hummeln.

Ich lese den 10. Mond, ich frage nach, auch hier hat niemand eine Ahnung, was der 10 Mond bedeuten könnte. Schönste Vermutung: die Nagelmonde, derer jeder Mensch zehn hat. Ich kämpfe mit Geschnatter, Gezappel, ich erzähle frei, ich skizziere die Geschichte, man versteht schließlich worum es geht, wenngleich ein Junge meine Frage, wie denn das weibliche Pferd heiße, mit Pony beantwortet.
Ich singe ein paar Lieder, und diesmal singe ich frei. Vierzeiler kann ich gerade noch auswendig lernen, dazu reicht es, mein Vortrag wird mit dröhnenden Zugabe Rufen belohnt.

Pause.
Zweite Gruppe.
Drittklässler. Aufmerksam. Nicht zappelig.
Ich lese Voll die Meise, die Geschichte kommt über.

Den Rückweg erledige ich zu Fuß.

An der Ecke Körnerstraße/Kastanienstraße betrete ich ein Tabakwarengeschäft, gerate in ein angeregtes Gespräch über den Gewinn einer Lotterie, ein Auto, möglicherweise ein Mercedes, man stelle sich vor, man gewänne den, wohin dann damit? Mein Vorschlag: man solle ein weiteres Los erwerben, ein Haus mit entsprechend vielen Garagen gewinnen, dann sei man aus dem Schneider.

Zum Bahnhof jetzt. Ich überquere wieder die weit gezogene Brücke, jetzt ist der Himmel blauweiß, Wolkengeschiebe, der Niederrheinhimmel, weit wie das Auge reicht und noch weiter. Ich sitze auf dem Bahnsteig, Sommerflieder und Müll, Cargo Züge donnern durch, ich esse ein Butterbrot, der Zug kommt, ich fahre zurück.

Morgen dann ein Gymnasium in Warendorf. Elaborierter Code.

 

Di 5.12.06   14:23

Hundert Sechstklässler, hundertzehn Fünftklässler, normalerweise ein Wahnsinn, aber - wie schon angedeutet - heute morgen fand sich Herr M. nach nervenaufreibender Durchfahrt durch Münsters Berufsverkehr knapp zehn Minuten vorm vereinbarten Termin im besagten Gymnasium wieder.

Ging hinein, traf den Direktor, dachte zunächst, hochnäsige Säcke, weil: M. selbst nie ein Gymnasium besucht hat und daher (wie so viele andere Vorurteile) auch dieses Vorurteil hegt: Gymnasiasten sind die vom Schicksal gesegneten, Gymnasiasten sind die, die sich selten in multikulturell geprägten Klassenverbänden wiederfinden, Gymnasiasten sind die, die höchsten einmal den Sohn eines vietnamesischen Arztes oder die Tochter eines iranischen Hochschuldozenten zu Gesicht bekommen, niemals aber die Kinder der aus Not emigrierten, verfolgten Arbeiterklasse, der anatolischen Bauern etc. pp.

Kriegen die einfach nicht zu sehen, will sagen, bedeutende Schichten der Gegenwartsgesellschaft bleiben dem Gymnasiasten verschlossen, ergo bleibt er sein Leben lang ein wenig weltfremd, was das angeht.

Elaborierter Code. Einerseits.

Andererseits bietet das Gymnasium dem Dichter M. eben deshalb die Möglichkeit, seine Geschichten einmal nicht als spuckender, hüpfender, inter-agierender Zampano vorzutragen, sondern zurückgelehnt und mit der Möglichkeit für die literarischen Feinheiten, die seine Romane außer der reinen Unterhaltung ja auch auszeichnen.

Also. Zweimal gelesen, zweimal laut und leise gesprochen, akzentuiert, jede sprachliche Feinheit herausgehackt und deutlich gewonnen.

Bravo, Herr Mensing, sie dürfen sich loben. Jetzt bringen sie gefälligst das erarbeitete Geld zur Bank, ruhen sich aus, um am Donnerstag und am Freitag in einer Grundschule vor ebenso vielen Kindern zu lesen. Wahrscheinlich wieder als Zampano, aber das macht ja auch Spaß, nicht wahr....

 

Mi 6.12.06   12:55

Vorurteile? - Die Menge.

Was würden Sie zum Beispiel denken, wenn in ein Haus nebenan neue Nachbarn einzögen, die Maik und Peggy hießen? - Richtig! Genau das habe ich auch gedacht, und genau da kommen sie her. Und als hätten sie es nicht schwer genug, verhalten sie sich genau so, wie man denkt, dass sie sich verhalten. Blöde Säcke halt, keine Ahnung, voller Vorurteile wie ich, stieselig, kleingeistig, auf nichts als ihren Status pochend, bäää bäää bäää.

Hinzu kommt, dass sie ihr Kind zu jeder Tages- und Nachtzeit mit dem Bobby-Car durch die Wohnung donnern lassen, während sie beim kleinsten Geräusch ihrer unter ihnen lebenden Nachbarn (mein Neffe und seine Familie) sofort mit dem Besenstil auf den Boden klopfen.

Nach 16 Jahren Einheit, nach Milliarden Subventionen für eine marode Wirtschafts- und Infrastruktur mittlerweile mit schicken Einfamilienhäusern, Neuwagen, architektonisch aufgepoppten Bahnhöfen und aufgemotzten Innenstädten halbwegs ansehnlich gemacht, hat diese Einheit uns eine schwere Wirtschaftskrise eingebracht, deren Höhepunkt gerade überstanden scheint, falls man glaubt, was man liest und hört.

Und dann kommen diese Maiks und Peggies und wie sie alle heißen und nölen rum.

Also: hoch lebe das Vorurteil. Ich habe die Einheit nie gewollt. Mir war sie egal. Ich hätte nichts gegen einen sozialistischen deutschen Staat mit offenen Grenzen gehabt, damals, 1989. Aber es ist ja, wie man weiß, anders gekommen. Und seitdem haben wir den Salat.

 

Do 7.12.06   12:00

Die Küche, heute früh gegen acht. In einer halben Stunde stünde Herr M. vor 80 bis 100 Erstklässlern, zwei Stunden später vor etwa der gleichen Anzahl Viertklässlern. Kaffee stand auf dem Tisch, die Nacht verabschiedete sich, der Morgenhimmel leuchtete pastellfarben, alles wies auf einen schönen Tag, nur Herr M. war nicht da.

Herrn M. schien, sein Lesemarathon quetsche ihn aus. Mache ihn leer und stumm.
Schön wäre jetzt ein Motiv, eines, das übers Geldverdienen hinaus reichte, aber es war keines in Sicht. Herr M. wusste, das käme schon noch, und selbst, wenn es nicht käme, die Kinder kämen auf jeden Fall, aber in dieser letzten halben Stunde vorm Auftritt machte ihm das Angst.

Er trank noch einen Schluck, er nahm seine Taschen und verließ das Haus.
Zum Glück musste er nicht weit fahren, die Schule war gleich um die Ecke.

Was jetzt folgt, geschieht wie im Traum, Schlag auf Schlag:
das Sekretariat, die Schulleiterin, der Gang in die Aula, noch leer, aber gleich schon voller Stimmen.

Die letzten fünf Minuten: Herr M. spielt ein wenig Klavier und dann kommen sie.
Wegrennen geht nicht mehr.
Also, los, M., du schaffst das.

Der Himmel ist grau. Die Dächer glänzen vor Nässe. Herr M. hat es geschafft. Sein Lohn, das, was als Motiv durchgehen könnte, sind die Kinder, die nach einer Lesung vor ihm stehen und Dinge sagen wie: Das hast du gut gemacht.

Danke, sagt Herr M. und erinnert sich, dass er schon immer wollte, dass jemand sagt, das hast du gut gemacht.

Morgen die gleiche Schule zur gleichen Zeit.

Jetzt wird er sich ins Bett werfen, die Decke über den Kopf ziehen und den Rest des Tages vertrödeln. Er hat schon die Jacke ausgezogen, er zieht die Schuhe aus, die Hose bleibt an, das Hemd nicht, Freunde, wer sich mit der Welt versöhnen muss, sollte ins Bett gehen, das bietet Schutz.

Wenn Herr M. eines braucht, wenn er je eines schon immer gebraucht hat, seit damals, seit sie ihn Weißkohl nannten und Muttersöhnchen, dann ist es Schutz. Diese Welt nämlich, diese grausame, furchtbare, wundervolle Welt, ängstigt ihn. Bis auf die Knochen ängstigt sie ihn und es vergeht kein Tag, an dem er nicht das Gefühl hätte, er sei richtig, aber die Welt sei falsch.

14:45

Hier ein Beweis:

Liebe Mitschüler/innen der Klassen 5-7!

Wie ihr wisst, ist heute (am 1. Dezember 2006) der Autor Hermann Mensing in unsere Schule gekommen.
Er hat in zwei Lesungen jeweils eine Geschichte gelesen/vorgetragen.
Die Bücher hießen " Vampirprogramm" und "Der unheimliche Fluss".
Dieses Buch ("Der unheimliche Fluss") gibt es erst als Manuskript, es ist noch nicht als Buch erschienen.
Herr Mensing hat zwischendurch auch Spiele mit den Kindern gemacht. Die Geschichten selbst hat er so vorgetragen, dass die Kinder fast zitterten.
Zum Schluss hat er Autogramme gegeben.
Und die Kinder waren so begeistert, dass sie sich wünschen, dass Herr Mensing einmal wiederkommt.
Kimberly Fischer und Nadine Mundes, Klasse 5c Städt. Hauptschule Harsewinkel

 

19:56

Da wir schon einmal dabei sind, M. ist nicht faul, im Gegenteil, M. ist fleißig, und wenn er mal tot ist, werden die Nachfahren Jahrhunderte brauchen, alles zu sichten, was er geschrieben hat.

Hier eine seiner Arbeiten: Lesereisen durch die Republik. Marathon....

 

Fr 8.12.06   12:12

Liebe Kinder,
glaubt nicht, dass das Leben so tot ist, wie manche Lehrer es machen.
Das Gegenteil ist der Fall. Deshalb: weckt sie, wann immer sie schlafen.
Viele schlafen im Stehen. Schubst sie, ihr werdet sehen, das hilft.

17:22

Noch 5 Lesungen, dann ist dieses Jahr für mich vorbei. 45 Lesungen liegen hinter mir, und glauben Sie nicht, dass auch nur ein Lehrer nachgearbeitet hätte. Ich habe vor und nach jeder Lesung meine Bereitschaft zu intensiver Nacharbeitung angeboten. Ich habe auf meine Webseite verwiesen. Ich habe gesagt, man könne mich jederzeit per E-Mail um Hilfe angehen.

Bei Interesse hieß es jedoch höchstens: gibt es denn Lehrerhefte zu ihren Büchern?
Nein, gibt es nicht, aber es gibt Antolin. - Antolin? - Kannten die wenigsten.

Sie können sich also vorstellen, dass ich manchmal ein wenig aus dem Ruder laufe.
Dieses Desinteresse, die Lehrer würden es unter Umständen mit Überlastung entschuldigen wollen, erschlägt mich. Ich finde es in Gesichtern, in Körperhaltung. Manche sagen nicht einmal Danke nach einer Lesung.

Ich weiß, es ist schwer, Lehrer zu sein. Trotzdem.

 

Sa 9.12.06   10:32

Ich habe ... Seiten geschrieben. Es gehört mir. Es gehört niemandem sonst. Das konnte nur ich machen. So habe ich noch nie gedacht. Was ich auf diesen ... Seiten geschrieben habe, gibt es sonst nirgends auf der Welt, im ganzen Universum nicht, nur hier, und es entstammt meinem Kopf, meinem eigenen Kopf, meine Hand hat es geschrieben, und jetzt steht es da... (1)

12:04

und da.......Einer bleibt gleicher, ein unveröffentlichter Roman.

 

So 10.12.06 16:15

Gerade einen Tag on-line, schon haben 50 Leser Einer bleibt gleicher auf ihre Platte geladen. Man stelle sich vor, jeder zweite hätte genügend Mumm, einen Zehn-Euro-Schein in einen Briefumschlag zu legen und ihn an mich auf den Weg zu bringen.

Aber selbst Stephen King musste die Erfahrung machen, dass on-line Literatur gegen Bares nicht funktioniert. On-line sind Spanner, Zapper, Barzahler nicht. Aber noch ist nicht Montag, vielleicht kommt ja was. Falls, werde ich es lauthals verkünden.

Lernte auf S. Party Nikolas kennen, einen über sechzigjährigen Griechen mit seiner 35jährigen deutschen Freundin. Nikolas ist in Kairo geboren, war Ingenieur und Hotelbesitzer, hat in Dänemark, England, Ägypten und Griechenland geliebt, hat Geld verdient und wieder verloren und ist jetzt in der Lage, sein Leben so zu leben, wie er es mag. Den Winter verbringt er in Münster, weil er Münster und die Deutschen liebt.

Die Gastgeberin tanzte eine selbst choreographierte Bollywood-Szene für ihre Gäste, Sie wissen schon, die Braut wirbelt mit Schleiern und schaut schamhaft weg, der Galan wirft glutheiße Blicke, sie zuckt mit verschiedenen Körperteilen und signalisiert dennoch prüde Jungfernschaft für den steil gehenden, sabbernden männlichen Inder.

Heute nachmittag schaute ich mir eine Durchlaufprobe für die am Dienstag uraufzuführende 4. Folge unserer Soap an. Sie glauben nicht, wieviel Arbeit in diesem Projekt steckt. 13 junge Schauspieler, Schüler, Auszubildende, Studenten, schlagen sich die Wochenenden um die Ohren, um die nächste Folge erfolgreich auf die Bühne zu bringen. 13 Schauspieler, die sich merken müssen, was sie in 18 Szenen sagen, wie sie auf- und abgehen, wann sie welche Requisiten wohin stellen müssen und wieder abräumen, wer von ihnen die Bühnen dreht, tausend Dinge müssen geprobt werden, und der Autor, ich, sitzt da, staunt und wundert sich, dass aus einer Idee tatsächlich ein Theaterstück geworden ist, eine Soap, eine sehr erfolgreiche Soap.

 

Mo 11.12.06   8:03

Jalousien rasseln, Wind wiegt Büsche im Garten und singt leise in Fensterritzen, am Himmel kaum Aussicht. Gestern rief ein Redakteur der Dorfzeitung an. Er habe von meinem PDF erfahren, das sei höchst interessant, darüber wolle er schreiben. Gern, sagte ich. Wir sprachen eine Weile, und ich dachte, der Mann sei interessiert, aber er war es nicht wirklich. Unser Gespräch verdichtete sich heute früh auf der Münster-Seite in der Überschrift: Da pfuscht mir keiner rein....

Bin also wieder einmal meiner Eitelkeit zum Opfer gefallen.

17:02

Nicht, dass ich nicht schon immer geahnt hätte, dass viele religiöse Führer der Welt verschrumpelte Eier haben, aber jetzt ist aus einer Ahnung Gewissheit geworden. Die Welt streitet um Einheit, wo man hinschaut, wird gemeuchelt, gemordet, gehungert, aber die Tattergreise im Talar sorgen sich um die Reinheit ihrer Lehre, die, im Falle des Katholizismus, ein Konglomerat vorderasiatischer, griechischer und heidnischer Rituale ist.

Nein, rufen sie, der Katholik darf nicht mit dem Muslim beten.
Das sei aus Respekt vor der anderen Religion nicht sinnvoll.

Respekt, Respekt.

Herr M., der dieser feingeistigen Exegese große Bewunderung entgegenbringt, betet daher schon heute Abend dafür, dass diesen Herren die Eier aus dem Sack fallen, die Schwänze verfaulen und ihre seidenen Roben der Mottenfraß´anfällt. Er wünscht sich noch mehr, aber aus Respekt sagt er nicht, was. Das WAS dürfen Sie sich wünschen.

Weiteres lesen Sie bitte hier.

 

Di 12.12.06   9:35

This is you local scrutinizer....

Ich machte einen Fehler gestern Abend. Die Generalprobe war über die Bühne gegangen, sehr technisch noch, aber wen wundert's, das Ensemble hatte nach den Proben im Hoppengarten nur einen Tag Zeit, sich an die Bühne und die damit verbundenen Abläufe im Pumpenhaus zu gewöhnen.

Es trat an die Rampe, und ich, begeistert, gerührt vor allem von Judiths Arbeit, klatschte und alle Übrigen klatschten mit. Bis Marlena plötzlich entsetzt rief, das dürfe man nicht, nach einer Generalprobe dürfe man nicht klatschen. Alle hörten sofort auf. Sollte also heute Abend etwas schiefgehen, liegt es an mir.

Der Aberglaube im 21. Jahrhundert. Eine Abhandlung von Hermann Mensing.

Sonne. Der Dienstag ist schon vergeben. Gleich werden der Reihe nach Dinge erledigt, heute Abend sehen wir die Premiere, morgen fahre ich zu zwei Lesungen nach Ostwestfalen, übermorgen nach Berg Fidel, Freitagabend werden wir zum ersten Mal feiern, das Ensemble und ich. Ich habe sie eingeladen, schließlich haben wir die Hälfte der Produktion hinter uns, und gehen dem Ende mit großen Schritten entgegen.

Ich freue mich sehr auf das Fest. Jetzt aber: Dinge erledigen, los, los, los.....

 

Mi 13.12.06   14:45

tach liebe seifen,

wenn ihr wüsstet, wie schlecht ich geschlafen habe.
ich dachte erst, jemand hätte mir etwas in die bionade gekippt, aber so gegen sechs heute früh dämmerte mir, woran es gelegen hat. aber da musste ich auch schon los, quer durchs münsterland bis nach ostwestfalen, lesen, eine ganze grundschule "belesen".

jetzt bin ich zurück, freue mich auf nachher, will euch aber die gründe meiner unruhigen nacht nicht verheimlichen.

sie haben mit euch zu tun.
eindeutig. also, damit ihr's wisst, ihr seid schuld.

ich glaube, ihr habt mir gerührt.

ich ahnte schon so etwas, als ich die generalprobe sah, ich bin eigentlich kein sesselheuler (absolute ausnahme: notting hill), aber gestern war ich nah dran. gut war das, was ihr da über die bühne geschoben habt. all die emotionalen kräche und brüche. sehr gut.

es gibt aber auch dinge, die mir quer liegen, die aber haben zunächst nichts mit euch zu tun, sondern mit den vorgaben des pumpenhauses. ihr werdet gemerkt haben, wie die technischen abläufe gestern knirschten, wie das licht nicht so war, wie gewohnt, wie die auf- und abgänge auch nicht das tempo hatten, das sie sonst hatten.

das war kacke, aber wer kann das schon proben, wenn das haus nur einen tag dafür zur verfügung stellt.

kopfschmerzen hat mir bereitet, dass der ein oder andere zu leise gesprochen hat, gern zu leise, gern auch zu flott, am leisesten aber war der, der das schönste kostüm trägt, ein kostüm, das ihm schon beim auftritt lacher einbringt, und dann hat er vier sätze und die vernuschelt er gegen die hinterbühne, aber richtig.

naja, und dass ich animation nicht mag und fast laut geschrieen hätte, afra mach voran, als sie da vorne zappelte und euch schauspieler auf der bühne warten ließ wie bestellt und nicht abgeholt, darüber will ich lieber gar nicht erst reden.

also, heute abend habe ich mehr zeit, da muss ich nach der vorstellung nicht gleich weg, ich freue mich auf euch und eure abenteuer.

toi toi toi

hermann

Do 14.12.06  12:35

Journalisten sind wortgewaltige Alltagsdichter.
Was sie von mir unterscheidet ist die Tatsache, dass sie täglich veröffentlichen. Aber lesen Sie selbst.

Überschrift: Hermann Mensing fesselt seine Zuhörer.
(Das mache ich immer, dann ruckeln und zuckeln sie nicht so, ich kann ihnen drohen, sie nicht wieder loszubinden, dann fressen sie mir quasi aus der Hand.)

"Gespannt und voller Aufmerksamkeit haben am Freitagabend (1.12.06) zwölf Kinder (Freiwillige, seltene Spezies) auf Einladung der Katholischen Öffentlichen Bücherei (KöB) St. Lucia im Dachgeschoss des Lucia Pfarrheims in Harsewinkel den Vorlesungen des bekannten Kinderbuchautors Hermann Mensing gelauscht (horch). Der Schriftsteller hatte aber nicht nur seine Bücher dabei (türlich nicht, wäre ja auch blöd), sondern sang mit den Kindern auch verschiedene lustige Lieder...." (Ja. Tat er, z.B.: Psst, ich weiß was, sagt es nicht weiter, Julius von drüben kackt gern von der Leiter... usw.)

Großes Tennis also. Ähnliches gestern.

Setzte mich in Selbstmord förderernder Dunkelheit kurz vor sieben ins Auto, kreuzte das östliche Westfalen Richtung Lipperland, erreichte O., dachte flüchtig an eine Verköstigung in der rechterhand an mir vorbei gleitenden Potts Bauerei, fuhr mutig auf die A 2, fädelte in undurchsichtige Gischt, floß ein Stück Richtung Hannover, fuhr bei G. ab und folgte der Landstraße nach V.

Eine Landschule in Wiesen. Der Hausmeister, ein Portugiese. Das Kollegium: fünf Lehrerinnen.

Woher, fragte ich mich sofort, hat so eine Schule so viel Geld für eine Lesung plus 40 Bücher? Wenn über die Jahre all die Schulen, in denen ich gelesen habe, derart großzügig bestellt hätten, wäre ich heute nicht ohne Verlag.

Das Rätsel löste sich bald. Ein Vater, dessen Kind zu dieser Schule geht, ist Direktor der Deutschen Bank in G., und die hat ein Förderprogramm. Die rückt leicht 500 Euro heraus, man muss es nur wissen. Ich weiß es jetzt und werde mal sehn, wie ich das in meine zukünftigen Planungen einbringe.

Wieder lagen alle gefesselt herum und ich malträtierte meine Opfer mit Liedern, die ich selbst komponiert und getextet hatte (siehe oben). Manche schrieen. Ich ließ mich nicht beirren und las, bis auch der Letzte nicht mehr konnte.

Dann tauchte ein Pfarrer auf.

Er sah aus, wie Pfarrer aussehen müssen: jung, teigig, sein Körper glich einer Birne, sein Händedruck war schlaff und feucht. Er wollte die Kinder über den heiligen Geist aufklären und sie mit all den Geschichten füttern, die die Bibel zu einem jugendgefährdenden Buch machen.

Ich aber wollte den Kindern noch etwas über meine übrigen Bücher erzählen, also musste er zwangsläufig noch zehn Minuten warten. Er tat das mit zuckersüßem HACHWIEINTERESSANT - Lächeln, während ihm kleine Schweißperlen von der Stirn tropften.

Heute nun zwei Lesungen in intimem Sitzkreis, sehr stimmungsvoll, obwohl ich, als ich hinfuhr, eher Lust hatte, alles andere zu tun als gerade das, aber wie es so ist, wenn man erst einmal vor Ort ist und angefangen hat, kommt der Rest ganz von selbst.

Die Soap gestern Abend war, was die technischen Abläufe angeht, perfekt.

Ich bin nun so gut wie fertig, nächste Woche lese ich noch einmal, dann ist Feierabend.

Das Schlusswort hat der Journalist:

"Hermann Mensing schreibt Hörspiele, Theaterstücke, Gedichte, Geschichte und Romane, auch für Kinder. Dabei macht er eine möglichst realistische Wiederspiegelung des Alltags in seinen Werken zur Priorität, denn so können sich seine jungen Zuhörer sehr gut in die Erzählungen hinein versetzen."

Jawoll ja.....

14:32

Lieber Finanzminister, lieber Steuerbeamte, liebe Steuerbeamtin....

ich habe in diesem Jahr eine Menge Bücher verkauft.
Leider musste ich für manche Rechnungen ausstellen.
Soll ich diese Verkäufe nun versteuern, ja oder nein? - Um Antwort bittet ihr Autor M.

 

Fr 15.12.06   8:55

Ich hatte einen vergnüglichen Abend, wenngleich ich Dinge erfuhr, die mich sehr an meine Vergangenheit als junger Mann erinnerten. Sie hatten mit Liebe und Eifersucht zu tun, mit nächtlichen Rangeleien, erbitterten Streits und Sprints quer durch Münsters Innenstadt.

Nun ja, holde Jugend, man sagt besser nichts.

Man verheimlicht und denkt, da kommt einem niemand drauf, aber the word spreads und so gräbt man Gräben. Nicht wahr, hoher Apostel der Moral!!! Danke. Denken Sie mal drüber nach.

Ich hörte zwei Bands. Wenn es um Melodie, Text und technische Umsetzung geht, war die erste besser als die zweite, wenn man aber existenzielle Notwendigkeit hinter Rockmusik sucht, war die zweite besser. Welche nun wirklich besser war, wissen die Götter.

So, und nun greife ich einen Karton voller Bücher und liefere sie einer Schule meines Vertrauens. Und heute abend feiern wir, das Ensemble der Soap und ich. Darauf freue ich mich sehr.

12:20

Herr Mensing hat Bier gekauft, Herr Mensing hat Wein gekauft, Herr Mensing wird jetzt putzen und staubsaugen, und dann dürfen sie seinetwegen kommen, all die, die heute wieder eine Bombenkritik eingeheimst haben.

 

Sa 16.12.06 12:04

Die Diskussion, was autobiografisches Schreiben sei und was nicht, ist uralt. Die Klugen wissen, dass alles Autobiografie ist. Auch bei Schauspielern fragt man gern, was ihre Kunst ausmacht. Seit gestern die Schauspieler der Soap bei uns waren, ist mir klar, dass sie und ihre Rollen sich decken. Nicht, dass ich das nicht von Anfang an geahnt hätte, aber sie in unserer Wohnung zu sehen, mit ihnen zu trinken und zu sprechen, hat das Bild gefestigt.

Sie werden das natürlich empört von sich weisen.

Zweite Erkenntnis des Abends: ich bin froh, nicht mehr jung zu sein.
Für kein Geld in der Welt würde ich tauschen mögen mit ihnen, die sich zu groß, zu dick, zu dünn, zu dies oder das finden, die einen Freund haben oder nicht, bzw. eine Freundin, die auf der Suche nach einem Platz in der Welt sind.

Auf dem roten Tisch im Wohnzimmer standen Schalen mit Süßigkeiten. Es sah aus, als hätten wir einen Kindergeburstag vorbereitet. Meine Zweifel, ob das richtig wäre, haben sich schnell zerstreut.

Alle waren scharf darauf, die Pressemappe zu den ersten vier Folgen, die ich kurz vor ihrem Eintreffen angelegt hatte, zu lesen. Aber dann waren sie enttäuscht, dass kaum Einzelne genannt, hervorgehoben und gelobt wurden. Sie sind also mindestens so eitel wie ich.

Sie würden der Zeitung glauben, so wie ich dazu neige, zu glauben, wenn ich über mich lese, ich sei ein Allroundtalent. Ich bin nämlich auch eine Gruselbegabung. Und ein renommierter Autor, der recht erfolgreich ist.

Zitate, mit denen ich mir den Arsch abwischen kann.

Das Einzige, was mich neben meiner Arbeit, die ich tue, weil es meine Arbeit ist, die ich liebe, interessiert, ist, ob ich Geld dafür bekomme. Am Besten wäre viel Geld, aber danach sieht es im Augenblick nicht aus. Dennoch bin ich glücklich, dass ich sie überhaupt tun kann und sie mir nicht als nie verwirklichter Traum im Nacken hängt.

Als das Ensemlbe gegen eins aufbrach, sang es mir noch ein Lied.
Das Lied ging so: Dem Hermann noch ein Trullala....

Als alle fort waren, tat ich das, was ich immer tue, wenn alle fort sind: ich spülte, ich räumte auf, ich setzte mich aufs Sofa, rauchte noch eine, hörte Rickie Lee Jones, träumte ein wenig und ging zu Bett.


So 17.12.06   
11:15

Schulball des Schreckens....(hier)

 

Mo 18.12.06   9:00

Der heilige Bimbam

 

 

Di 19.12.06   13:25

Eh Herr M., auch als "Kinderversteher", "Gruselgebung" oder schlicht "Allroundtalent" bekannt und beliebt, mit seinem Jahresrückblick auf das Jahr 2006 fortfährt, lassen Sie ihn kurz in Begeisterungstaumel ausbrechen, denn er hat gerade seine letzte Lesung absolviert.

Eine Lesung an einem sozialen Brennpunkt.
Es scheint, dass Herrn M. soziale Brennpunkte liegen. Es scheint, dass er sich gerade an sozialen Brennpunkten wohler fühlt als in "geordneten Verhältnissen". Möglich, dass die Lebenslügen hier nicht so verbreitet sind, weil niemand Zeit hat, sich hinter Lügen zu verbergen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass er aus einer Stadt kommt, in der Lügen ebenfalls kurze Beine hatten. Nicht wie bei den Buddenbrocks, die er gestern Abend in einer Verfilmung aus dem Jahr 1959 sah, wo jeder von Lebenslügen schließlich erdrückt und zu spät für die Wirklichkeit erschüttert und am Boden zerstört zurückblieb.

Eine Lesung in der Stadtteilbücherei Coerde.

Fünfzig Kinder, dritte Grundschulklassen, denen er aus dem Heiligen Bimbam vorlesen sollte.

Als er die Kinder kommen sah, ahnte er, dass er nicht leicht werden würde. Der Heilige Bimbam ist eine komplexe Geschichte. Es geht um Liebe, es geht um einen Sprayer, es geht um falschen Verdacht, es geht um Schurken und den Diebstahl eines Hundes, es gilt, Spuren zu legen und diese bis zum Schluss zu verfolgen.

Das Buch ist umfangreicher als andere seiner Romane.
Schon nach ein paar Seiten war klar, dass hier mit einer Lesung nichts zu machen war.
Also beschloss M., die Geschichte in weiten Teilen frei zu erzählen.
Gute Entscheidung. Die Kinder waren messerscharf schließende Detektive.
Bei steigendem Zappeln sang M. Lieder mit ihnen.

 
    

Hätten die Veranstalter nicht auf dem Bimbam bestanden, Herr M. hätte eine leichtere Lösung parat gehabt, aber so fabulierte er sich quer durch seinen Weihnachtskrimi und gewann. Herzen von Kinder zu gewinnen ist das Schönste, was er sich vorstellen kann. Finger hochschnellen zu sehen, zu hören, wie atemlos Lösungen angeboten werden, wie spekuliert und die Fährte verfolgt wird, wie groß das Aufatmen ist, wenn sich zeigt, dass man verstanden hat, dass man der Lösung näher kommt, das alles ist unbeschreiblich.

Für Herrn M. ist das Lesejahr 2006 abgeschlossen.

Für Sie, meine treuen Leser, geht es weiter. Später.
Und denken Sie nur, 102 Leser haben meinen Roman schon aus dem Netz gesaugt, aber noch nicht einer hat gezahlt. Geizgeile Wichser. Shame.

 

Mi 20.12.06   10:35

Herr M. fährt ins Studio.

 

Do 21.12.06   15:10

Wollen Sie noch etwas sagen, Herr M.? Wollen Sie vielleicht eine Geschichte erzählen?
Die von dem holländischen Lehrer etwa, der einen Muslim, der während des Religionsunterrichts in der Klasse bleibt und seine Hausaufgaben erledigt, zwingen will, aus der Bibel vorzulesen?

Der junge Muslim erklärt, das verbiete sein Glaube. Der Lehrer beharrt darauf, dass der vorliest. Der junge Muslim weigert sich erneut. Der Lehrer treibt das Spiel so weit, dass der junge Muslim schließlich von der Schule verwiesen wird.

Oder die Geschichte von den drei Kamerunschafen auf A.'s Wiese, halbwilde Tiere?

Ein Bock ist dabei, der getötet werden soll. A. bestellt einen Jäger. Der Jäger kommt. Er hat ein Kleinkalibergewehr. Man lockt den Bock an den Zaun. Der Jäger schießt. Der Bock jagt wie von tausend Teufeln getrieben davon. Es dauert weitere zehn Minuten, eh der Bock schließlich tot ist.

Auch keine schöne Geschichte. Eine schöne Geschichte?

Nun, Herr M. war gestern in Enschede, um das Aufstellen von drei Skulpturen im öffentlichen Raum, Arbeiten der Freundin seines Freundes, zu feiern. Die Skulpturen stehen an einer Ringstraße. Links und rechts sind neu erschlossene Wohngebiete, holländisches Legoland.

Die Skulpturen sind aus Stahl, ca. drei Meter hoch. Der Schmied ist da, der sie nach Modellen gemacht hat. Die Nachbarschaftsvertreter sind da. Eine paar Freunde und ich. Es werden keine geschwollenen Reden gehalten. Die Gemeinde Enschede hat einen verwachsenen, türkischstämmigen Polizisten mit Hakennase geschickt, der alles beaufsichtigt, außerdem ist ein kleiner Pick-Up gekommen, darauf brummt ein Generator, der Strom für die feierliche Beleuchtung der Skulpuren liefert.

Wir stehen eine Weile im Halbdämmer, gehen eine Skulptur nach der anderen ab, überqueren danach die Straße und feiern noch ein wenig in Räumen einer Psychiatrie. Es gibt Kaffee, Wein, Saft, Bier.

Anschließend fahren C., I. und ich in deren gemeinsame Wohnung. Wir versorgen uns mit chinesischem Essen und C. präsentiert eine Flasche Birnenbrand, den er am Nachmittag bei Aldi gekauft hat. Französischer Birnenbrand, eine bauchige Flasche, darin eine Birne von beachtlicher Größe.

Wir essen und beginnen langsam zu trinken. Gegen drei heute früh ist die Flasche leer, wir überlegen noch, ob wir die Flasche zertrümmern und die Birne essen sollen, tun das jedoch nicht. Heute bin ein wenig müde, hatte aber keinen schweren Kopf, will sagen: der Brand ist so gut und so sauber, dass ich auf dem Heimweg den ersten Aldi-Markt ansteuerte, um zwei Flaschen eben jenes Brandes fürs Fest zu kaufen.

Sonst noch? Nein.

 

Fr 22.12.06   10:45

Kaum habe ich den Rechner gestartet, erscheint auf dem Nachbardach ein Schornsteinfeger. Er steht, das rechte Bein auf dem First, das linke angewinkelt auf der Schornsteinkante und fegt. Er schaut hin und wieder über die Dächer, er sieht mich, und so könnte das Jahr enden.
Was noch folgt, sind Feiern und faule Tage, die, wie Sie wissen, die schwersten sind. Alle Geschenke sind verpackt. Falls Wünsche übrig sind, projeziere ich sie auf das nächste Jahr.

17:45

Ich könnte eine Schlinge knüpfen
das Seil am Dachstuhl applizieren
ich könnte Kerzen für den Weihnachtsbaum
manipulieren,
ich könnte einen Lieblingstraum
noch auf die Schnelle träumen, und aus dem Fenster hüpfen.

Ich könnte eine Apotheke überfallen
mir Mutters kleine Helfer in die Venen knallen
ich könnte Flüge buchen und zum Absturz bringen
ich könnte aber auch so tun und Lieder singen
ich hätte alles eingepackt und wartete
dass dieses Fest nun startete.

Ich wäre eins mit mir und hätte
endlich ne Weihnachtsgans. Das fette
Fest würd' plötzlich höchst vergnüglich
die Gäste kämen und es würd' gemütlich
und wer ein Blutbad wollte, wartet bis Karfreitag
da darf ans Kreuz genagelt werden und als Nachtrag

gibt es von mir nen Tipp für Überleben:
mit Freude eben.

 

Sa 23.12.06   14:23

Der Bauer kennt uns. Einmal im Jahr tauchen wir auf, fragen, ob wir den Baum selbst sägen dürfen, erhalten eine Bogensäge und stapfen hinaus in den Forst. Man muss vorsichtig sein. Letztes Jahr hat ein Bär angegriffen. Dieses Jahr soll das nicht passieren. Wir machen Radau. Wir hören ein Brummen. Wir sehen, dass etwas durchs Unterholz bricht. Dann wird es ruhig. Wenn jetzt nur kein Elch kommt, dann müssen wir entweder rennen oder schießen.

Es kommt kein Elch. Glück gehabt.

Die Tannen sind seit dem letzten Jahre kräftig empor geschossen, wir gehen herum, wir schätzen ab, wir diskutieren den Wuchs, die Schönheit des Baumes, wir markieren einen, der in die engere Wahl kommt, wir streifen weiter herum und entscheiden uns für eine Fuji Tanne. Sie ist etwa fünf Meter hoch. Gerade richtig für unser repräsentatives Wohnzimmer. Max setzt die Säge an. Wir verneigen uns vor dem Baum, wir sagen, dass wir ihn nun seiner Bestimmung zuführen, dann töten wir ihn. Er bricht langsam zur Seite. Wir rufen unser Hilfspersonal, Jonathan und Erich, Kasachen deutscher Abstammung, wir sagen "dawai dawai", und die Kasachen rennen.

So tun wir Gutes vorm Fest.

Wir gehen zurück auf den Hof und zahlen. Die Fuji Tanne ist günstig. Wir zahlen 500 Euro. Daran kann man sehen, dass es aufwärts geht. Die Kasachen schleppen den Baum jetzt zu uns nach Hause. Nachher, wenn er angekommen ist, müssen beiden den Baum aufstellen. Dann kriegen sie einen Schnaps, einen Teller Suppe und freuen sich, wenn wir ihnen noch zehn Euro in die Hand drücken.

15:00

Nicht nur ich gebe mir Mühe, andere auch. Ich glaube, die Welt ist gut....

 

 

Mo 25.12.06 17:32


Frohest Fest endete um fünf
(Wegen Ermattung hier der ohne Einwilligung meines Sohnes Jan kopierte Text zum HA.)

Münster:

In der Dorffeldstraße ging auch der diesjährige Heiligabend mal wieder bis in die Puppen.

Am frühen Abend hatte man sich noch reichlich beschenkt: So freuten sich die Mensings über Reisen, Bücher, Tonträger, Schallplattenspieler und viele andere gute Dinge. Besonderes Geschick bewies der Weihnachtsmann auch dieses Jahr wieder bei der Auswahl seiner Gaben. So überraschte er Jan mit einem VOX VR15 Verstärker für dessen schöne Gitarre, ein Wunsch, den er, obwohl nie geäußert, schon lang mit sich herumgetragen hatte.

Nach dem Verzehr einer leckeren Quiche auf der Basis von Blätterteig kehrten nach und nach die Gäste ein, die dieses Ereignis Jahr für Jahr so besonders machen. Schon bald sah man die Gesellschaft lachend und scherzend um den Couchtisch sitzend und Bier und Wein und Birnenschnaps leerend.

Das Licht aus machten schließlich Carsten und Jan um fünf Uhr in der früh, schließlich musste einer von beiden nur zweieinhalb Stunden später schon wieder aufstehen. Der andere zelebrierte etwa zu dieser Aufstehenszeit das Sodbrennen seines Lebens, "eine Erinnerung fürs Leben", wie er beim Genuss zweier Toast vor dem Fernseher (Zurück in die Zukunft II) bestätigte.

 

Mi 27.12.06   12:12

Das Motto war eindeutig: Keine Hochzeit. Keine Babies.

Unmissverständlicher hätte man es nicht auf den Punkt bringen können. Es bedeutete, das wir die Eltern der Freudin unserer Sohnes kennenlernen würden. So etwas geschieht, falls die Liebe hält, nur einmal im Leben.

Zweiter Weihnachtstag also.

Ermattung klingt nach, kein Wunder, denn seit Donnerstag letzter Woche hatten sich die Anlässe über die Stränge zu schlagen gehäuft. Bacchantische Feste der Jahresendzeit. Wenngleich seit zwei Jahrtausenden mit christlicher Botschaft verbrämt, freut sich der Westfale dennoch am meisten darauf, dass es wieder aufwärts geht, dass ihm jeden Tag ein paar Minuten mehr Licht gegönnt werden, dass der Frühling kommt, und dass, in meinem Falle, im März eine Reise mit meiner Frau nach Barcelona ansteht.

Unser Zug fährt um 12:37, die Karte hatte ich am Tag vorher besorgt, wir gehen zur Bushaltestelle und dort steht dieser etwa 35jährige Mann, groß, blauer Annorak, Jeans, Sportschuhe, dunkles volles Haar. Seit etwa einem Jahr treffe ich ihn hier und dort, hielt ihn für einen einsamen Russen/Polen und tat, was ich oft tue, wenn ich glaube, jemand brauche Aufmunterung, ich grüßte. Immer ein freundliches Nicken. Und nun stand er mit uns an der Bushaltestelle und sprach belangloses Zeug in reinem Hochdeutsch, sodass das slawische Geheimnis, das ich hinter ihm vermutete, die tragische Geschichte von Entwurzlung und Fremdheit, eine unerwartete Wendung nahm.

Der Bus fuhr vor, wir stiegen ein und fragten uns, wie das wohl gehen würde, gleich, in zwei Stunden, in Düsseldorf. Nicht, dass wir aufgeregt gewesen wären, aber Spannung lag dennoch in der Luft. Im Bahnhof erwarteten uns die Verlierer des globalen Verteilungskampfes gleich links hinter den Schwingtüren. Sie hockten, eine junge Frau offensichtlich verprügelt, gegen Automaten gelehnt und tranken.

Wir flossen an ihnen vorbei, schlenderten durch den Bahnhof, der türkische Klomann half einer jungen Frau, die schwere Tasche übers Drehkreuz am Eingang der öffentlichen Toiletten zu hieven, die pakistanischen Textilienhändler hatten geöffnet, und ich bewunderte sie still für ihren Mut, das Leben in der Fremde in die eigenen Hände zu nehmen.

In der Bahnhofsbuchhandlung staunten wir über die Vielfalt der käuflichen Zeitschriften. Mindesten zehn Magazine für Modelleisenbahnfanatiker, entsprechend viele für den Wahnsinn anderer Zielgruppen, als da wären: Fußballfanatiker, Homoerotiker, Heterosexuelle, Taubenzüchter, etc. pp.

Im Zug, wir sitzen längst und schauen hinaus auf die grauen Bahnsteige, kommt ein Mann den Gang hinunter. Seit Atem klingt wie von einer Kehlkopfsonde verstärkt. Wir sehen sie nicht, aber wir hören den Atem rumoren, schwer und metallisch. Der Mann setzt sich und es dauert noch ein paar Minuten, eh er sich beruhigt hat und hörloser atmet.

Düsseldorf. Hauptbahnhof. Die letzte halbe Stunde haben wir in einer penetrant nach Urin stinkenden S-Bahn verbracht, die Vorbeifahrt am Flughafen Düsseldorf war enttäuschend, denn ich, der ich den Hals nach jedem Flugzeug recke, konnte nicht ein einziges entdecken.

Wir essen eine Curry-Wurst und zerreißen uns das Maul über einen storchbeinigen Stricher mit gefärbtem Blondhaar, der in sein Handy spricht. Vorn links vorm Ausgang parkt ein hochglanzpolierter Audi-Sportwagen. Man wird aufgefordert, eine Gewinnkarte auszufüllen und durch die geöffnete Seitenscheibe zu stecken. Ich habe das vor fünf Jahren einmal bei einem Porsche getan. Seither erhalte ich regelmäßig Gewinnbenachrichtigungen, Angebote für kostenlose Fahrten an idyllische Orte mit modernen Reisebussen. Ich kann also vor solchen Automobilen nur warnen.

Zu Sandras Wohnung ist es nicht weit. Auf halbem Weg kommt uns Jan entgegen. Ich sehe ihn schon, eh er uns gesehen hatte und freute mich. Da fuhr mein Sohn in der fremden Stadt, fuhr, als kenne er schon alle Wege, ein Einheimischer, der seinen Eltern entgegenfährt. Gemeinsam gehen wir den Rest des Weges.

Wir sind eher da als Sandras Eltern. Meine Frage nach dem allgemeinen Grad der Erreung wird heruntergespielt. Nach einer Viertelstunde kommen die Eltern. Dann sitzen wir und reden dies und das, und je länger es geht, desto mehr breitet sich Zuversicht aus. Das hätte schlimm kommen können, stattdessen ist es entspannt. Wir sitzen Stunden so und plaudern, essen dies und das, darunter leckere kleine Pizzen, die allerdings heiß besser geschmeckt hätten als eiskalt.

Sagt man DU oder SIE in solchen Fällen? Wir hatten uns das DU vorgenommen. Nach anfänglichem Wechsel zwischen Sie und DU setzte sich Letzteres durch und man kann sagen: es passte.

Gegen 20 Uhr gingen wir zum Bahnhof zurück.

Auf dem Bahnsteig führt eine vierzigjährige blonde Frau ein lautstarkes Gespräch mit einem etwa zehn Jahre jüngeren Mann. Sie sprechen über Sternzeichen und Champagner, der Subtext aber bereitet eindeutig einen möglichst bald auszuführenden Geschlechtsverkehr vor. Die beiden sitzen im Zug mehrere Reihen hinter uns, führen ihr Gespräch aber fort, sodass alle Reisenden ein wenig Unterhaltung haben. Zwischendurch telefonieren Menschen und sagen, wo sie jetzt sind und in nächster Zukunft sein werden. Oder wie sie es fanden.

Wir sitzen ermüdet und denken, gut gelaufen. Ich versende eine SMS. Der Zug fährt an. Die Welt versinkt im Dunkel, hier und da Lichtflecken, damit der Mensch nicht glaubt, alles sei vorbei. In Dortmund müssen wir umsteigen. Fünfzehn Minuten Aufenhalt. Bordsteinschwalben sicheln herum, der Heimwehkranke dreht seine Runden. Wir fahren weiter. Die folgenden Stationen sind in der Dunkelheit kaum auszumachen, Kleinderne, Werne, Lünen, Ascheberg und wie sie alle hießen.

Der Nachtbus wartet. Der Busfahrer steht in der geöffneten Eingangstür und raucht in die Nacht hinaus. Wann er fahre, frage ich und er sagt: Um 35, wie immer. Das passt. Wir steigen ein und fahren heim.

Heute nacht gegen zwei erwachte ich. Der heimtückische Arschlochschmerz war zurück.

Eine Weile beherrsche ich ihn, will sagen, kann ihn ertragen, indem ich ihn Schmerz sein lasse und ihm seinen Platz einräume. In dem Augenblick aber, in dem meine Konzentration nachlässt, wird er so stechend, dass ich aufstehen muss. Ich weiß, dass er nie länger als eine halbe Stunde bleibt. Und dass er immer nachts kommt. Ich schätze, er ist ein Muskelschmerz, schließlich ist der Schließmuskel ein ohne meinen dezidierten Willen ständig arbeitender Apparat, der u.a. dafür sorgt, dass ich nicht stinke, wie ganz alte Menschen manchmal stinken, wenn der Muskel erschlafft.

Dann Schlaf. Endlich. Heute früh Reinigung des PKW, Überprüfen von Ölständen, Kühlwasser etc. Rücklieferung der geleerten Bierkästen. Entsorgen von leeren Flaschen. Einkauf.

Jetzt gleich wird gebügelt.

Ich wünsche was.


Do 28.12.06   10:20

Quantensprünge kann niemand vorhersagen. Sie erwischen einen. Erst danach weiß man mehr. Düsseldorf war ein Quantensprung. Ich bin plötzlich älter geworden. Viel älter. Ich kann jetzt an einer Hand abzählen, was noch vor mir liegt: eine Hochzeit, die Geburt eines ersten Enkelkindes, verschiedene Krankheiten, Tod. Feierabend. Das passt zwischen die Jahre wie die Faust aufs Auge. Schreiben wir dazu ein Gedicht? Nein. Stattdessen machen wir uns an die Arbeit....

 

Fr 29.12.06   11:05

Las man noch vor Monaten ständig, die Arbeitslosenzahlen lägen bei 4,5 Millionen, werden augenblicklich kaum noch Zahlen genannt. Wo man hinschaut wird von Aufschwung geredet. Wir sind (und waren) zwar schon seit langem Exportweltmeister, jetzt aber scheint auch die Binnennachfrage Flügel zu bekommen und nichts scheint unmöglich.

Na wunderbar, denkt da der politisch unerfahrene Dichter, man muss also nichts weiter tun, als bestimmte Zahlen nicht mehr zu nennen, schon breitet sich Zuversicht aus. Ich habe mich im Netz umgeschaut, um an aktuelle Zahlen zu kommen. Die Bundesanstalt für Arbeit spricht von knapp unter 4 Millionen Arbeitslosen, die Quote liegt bei 9,6 %.

Bitte, Freunde, das ist Aufschwung. Das macht Mut.

Dieser Mut hat den Dichter gestern dazu getrieben, das Ende einer Geschichte zu schreiben, die schon seit Monaten in seinem Rechner wartete. Die Geschichte der dicksten Katze der Welt. Anfang des Jahres wird er sie einem Verlag anbieten. Vorgespräche sind bereits geführt, ein Brief ist formuliert, ab sofort wird wieder ohne Agentin gearbeitet.

Die Sonne scheint. Vögel rufen, als wäre Frühling.

Gestern Abend waren wir im Pumpenhaus, um Der Messias von Patrick Barlow zu sehen.
Zum Kult avanciert, und das schon für die zweite Generation. Genialer britischer Humor mit der Power des unschlagbaren Trios Gabriele von Groote, Pitt Hartmann und Benedikt Roling. Der Ursprung der christlichen Kultur wird dabei ebenso geistreich wie liebevoll betrachtet.
Dabei werden 17 Jahre Krippenspiel auch zu einer Zeitreise in die Bundesrepublik.

So weit die Ankündigung.

Wer mich aufmerksam liest, wird wissen, dass so gut wie nichts vor meinem Geist Gnade findet. Ich finde alles Scheiße. So auch diesmal. Nicht, dass das Stück unlustig wäre, nein, nein, es ist schon lustig, kein Gag wird ausgelassen, das Publikum wird animiert, es wiehert vor Freude, es vergisst seine Sorgen, aber warum es seit 17 Jahren wieder und wieder gespielt wird, das verstehe ich nicht.

Sollten Sie auch alles Scheiße finden, ganz gleich wie alt Sie sind, lassen Sie sich (wie ich) Tatoos stechen, piercen Sie ihren Protest in Augenbrauen, Lippen, Zungen, Brustwarzen, Schamlippen, Vorhäute und Eicheln, frisieren Sie ihre Köpfe um, färben Sie ihre Haare grün oder äußern sie ihren Protest in wütenden Ausfällen.

Sprengen Sie zur Abwechslung zum Jahreswechsel doch einfach einmal etwas in die Luft, pöbeln Sie ihre dummdreisten Nachbarn an, verwickeln Sie sie in eine Schlägerei, und wenn dann katharsisches Blut fließt, freuen Sie sich und denken, denen habe ich's jetzt aber gegeben.

Und dann mit Schwung in das nächste Jahr der globalen Entrechtung, Ausbeutung, etc. pp.

Die Sonne scheint. Wie gesagt. Es ist ein schöner Tag.

 

Sa 30.12.06   14:10

Eh das Jahr geht, eine Vorschau. Hoffentlich keine Vision.

Ich gehe zum Metzger. Mein Haar ist silbergrau. Ich benötige eine Viertelstunde, meine Beine sind schwer und meine Schritte gleichen einem Trippeln. Dennoch habe ich mir vorgenommen, den Weg auf mich zu nehmen. Die frische Luft wird mir gut tun. Während ich tripple, rauscht Wind in meinen Hörgeräten. Es hat auf dem rechten Ohr angefangen, schon vor langer Zeit, seit zwei, drei Jahren ist auch das linke betroffen.

Zum Glück habe ich mir, als noch Geld da war, Hörgeräte zugelegt, die, der Ohrmuschel angepasst, einigermaßen funktionieren. Aber das Rauschen, das hat mir der Arzt schon damals gesagt, das Herausfiltern bestimmter Frequenzen und der ständig wechselnde Pegel der Hörereignisse ließen sich technisch noch immer nicht naturgemäß abbilden. Es gibt Übersteuerungen.

Als ich den Metzger erreiche und eintrete, warten fünf oder sechs Frauen. Ich setze mich auf einen Stuhl. Ein Glück, dass es Stühle gibt, der Gang hat mich ermüdet. Hinter der Theke bedienen drei Frauen und der Metzger, ein Mann mit schmutzigem Dreitagebart, der mich, als ich begann, hier einzukaufen, misstrauisch gemacht hatte. Mittlerweile aber mag ich den Mann und glaube nicht mehr, dass ich von seiner äußeren Erscheinung auf die Qualität seiner Ware schließen muss.

Man bedient flott, aber ich habe ich den Überblick verloren, wann ich an der Reihe bin. Eine junge Frau sagt plötzlich, jetzt sind Sie dran. Wie bitte? frage ich, denn ich war ich Gedanken beim Jahreswechsel, ich hatte versucht, mich daran zu erinnern, der wievielste Jahreswechsel es denn nun eigentlich sei und wieviele ich, unter Abwägung aller Vorbehalte, noch zu erwarten hätte.

Sie sind dran, wiederholte die Frau. Ich erhob mich, was nicht ganz einfach war, denn wenn ich erst einmal sitze, neigen meine Muskeln zur Trägheit und die Gelenke schmerzen. Ich näherte mich mit kleinen Schritten der Wursttheke und dachte, dass jetzt alle Mitleid mit mir hätten. Ich hasse das.

Ich sagte, ich wolle vier Scheiben Dauerwurst, die Verkäuferin griff sofort eine Wurst heraus und ging damit zur Schneidemaschine. Es war aber nicht die Sorte, die ich verlangt hatte. Ich versuchte, sie auf mich aufmerksam zu machen, aber sie war schon mit den Vorbereitungen zum Schneiden beschäftigt.

Die junge Frau, die mir gesagt hatte, jetzt sei ich dran, half mir. Der Mann möchte diese Wurst, sagte sie laut, die Verkäuferin sagte, ach ja, legte die Wurst, die sie genommen hatte, zurück in die Theke und nahm die gewünschte. Ich verlangte noch vier Scheiben Knochenschinken, ich zahlte und machte mich auf den Weg zurück. Wieso ich mich verlief, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, dass ich plötzlich an einer Straßenecke stand, die mir überhaupt nicht bekannt vorkam.

14:30

Alle rechnen mit 2006 ab. Ich auch. Hier die Höhepunkte des Jahres:

Januar:

Herr M. erklärt sich und wird ...

Februar:

Herr M. hätte , wurde .aber...

März:

Herr M. sieht ... und ist begeistert ...

April:

Herr M. hat sich ein ... und hatte eine...

Mai:

Herr M. sieht ..., und war...

Juni:

Herr M sitzt ,träumt ...und fragt sich, ob Schriftsteller....

Juli:

Herr M. spielte..., radelte... schrieb ein Gedicht und reinkarnierte.

August:

Da, ein Dreiviertelmond, dachte Herr M., übte ein Wort...,sang ein Lied und stellte ein Video online.


September:

Herr M. wird von der Poesie angefallen, fährt zur Generalprobe, schreibt noch ein Gedicht und erlebt eine Premiere.

Oktober:

Herr M. schwamm im Meer, sah Sterne, ihm flog etwas zu, er fand einen Mörder, entdeckte eine Band und wurde Botschafter.

November:

Herr M. spürt das Alter, Anzeichen häufen sich, dennoch, es gibt auch schöne Tage, Deutschland ist nämlich gar nicht so schlimm. Trotz allem hat Herr M. Einwände, er erfährt, wer er ist und kennt schon das Lied für seine Beerdigung.

 

So 31.12.06   11:30

Hermann Mensing

Fazit....

Gereihert? -
viermal, höchstens acht.
Kontrollverluste? -
Heimbach, Juli 62: vor der Nacht.

Besuchte Länder? - Viele. Um die Uhr.

Vertane Chancen? - Ungezählt.
Berufe? - Dieser, selbst gewählt.

Worüber man nicht spricht: sehr gern.
Das Ende? - Hoffentlich noch fern.

Die Aussicht: mal getrübt, mal glänzend.
Die Einsicht: stets sich selbst ergänzend.

Die Fragen? Höchstens eine.
Die Antwort? - Meistens keine.

11:45

Ich staune über 166 Downloads meines Gronau-Romans.
1660 Euro hätte ich eingenommen, wären die Menschen fair.
Ferner staune ich über 445 Menschen, die sich mein Weihnachtsgedicht abgegriffen haben.
Auch ihnen gilt ein frohes.....

Im Übrigen verbleibe ich der, der ich immer war.

 

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1. Laars Sabye Christensen, Der Halbbruder, Roman, btb. 2003

 

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